Hr.116 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
5am8tag.22.Mai 1937
Kemdenverkehrswerbung und GeschäftsweU.
Am heutigen Samstag uni) am morgigen Sonntag erleben wir in Gießen eine große reitsportliche Veranstaltung. Der Gießener Fremdenverkehrsverein veranstaltet ein Reit- und Fahrturnier, das durch die Mitwirkung von Wehrmacht, SA., SS., HI. und Reit- und Fahrvereinen weithin in der Umgegend Interesse gefunden hat. Diele Besucher werden zu dieser Veranstaltung in unserer Sladt erscheinen und einem ansehnlichen Kreis von Geschäftsleuten Einnahmemöglichkeiten bieten. Diese Veranstaltung, so groß sie an sich auch ist, stellt aber nur einen kleinen Ausschnitt aus der umfangreichen Werbetätigkeit unseres Fremdenverkehrsvereins dar Diese Werbearbeit erfaßt alljährlich einen Personenkreis, der weit hinaus reicht in das Reich und in das benachbarte Ausland. Tausende von Werbeprospekten werden alljährlich versandt, in denen die Schönheiten unserer Stadt und ihrer Umgebung, sowie die Preiswürdigkeit eines Besuches in unserer engeren Heimat dargelegt werden. Die gleiche Aufklärung erfolgt vom Derkehrsverein durch Zeitungsanzeigen und gelegentliche Werbenotizen in der Presse. Die Reisebüros werden fortlaufend mit Werbe- und Aufklärungsmaterial über unsere Stadt versorgt, daneben erhalten sie ständig Informationen, die sie zur Weitergabe an die reiselustigen Interessenten benutzen. Die vielseitige und umfangreiche Werbung hat auch einen sehr großen Schriftverkehr zur Folge, der aus Anfragen von Besuchsinteressenten und direkter Werbung des Vereins als Antwort auf diese Zuschriften besteht. Das Ergebnis dieser Maßnahmen ist in dem guten Stand der Fremdenverkehrsziffer in unserer Stadt mit enthalten, natürlich auch in den Einnahmen der Geschäftskreise, mögen sie nun unmittelbar oder mittelbar an den Auswirkungen des Fremdenbesuchs beteiligt fein. Diese Werbearbeit gehört zu den unerläßlichen Aufgaben jeder Stadt und ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Belebung der heimischen Wirtschaft.
Der Fremdenverkehrsverein Gießen hat es schon seit Jahren als seine Hauptaufgabe angesehen, alle Kräfte für diese Werbearbeit einzusetzen. Leider muß er aber auch heute noch die Tatsache verzeichnen, daß in den Kreisen der Nutznießer dieser Verkehrswerbung wenig praktische Anerkennung dieses Wirkens vorhanden ist. Erst vor wenigen Tagen wieder hörte man in der Ausschußsitzunq des Frem- denoerkehrsvereins das alte Klagelied, daß die Zahl der Mitglieder aus dem Kreise der Geschäftswelt sich von Jahr zu Jahr verringert hat. Eine großzügige Werbemaßnahme der Dereinsleitung brachte zwar den Erfolg, daß eine ganze Reihe von Geschäftsinhabern Mitglied des Verkehrsvereins geworden ist. Wenn man aber die jetzige Mitglie- derzahl des Vereins in Vergleich stellt zu der Zahl unserer Gießener Geschäftsinhaber, so muß man die bedauerliche Tatsache erkennen, daß zwischen diesen beiden Zahlen ein außerordentlich starkes Mißverhältnis zu Ungunsten des Verkehrsvereins besteht. Diese Feststellung ist zwar auch nicht neu, denn schon seit 15 Jahren, seit der Wiederbelebung des Verkehrsvereins im Winter 1922, besteht die Klage, daß allzu wenig Geschäftsleute als nächste Nubnießer der Verkehrswerbunq dem Verein angehören, sich also der Verpflichtung entziehen, durch ihren Mitgliedsbeitrag zu den Kosten der Verkehrswerbung beizusteuern. Es hat zwar inzwischen eine kurze Zeit gegeben, in der die Zahl der Vereinsmit-
Vincent van Gogh.
Betrachtung eines Buches.
Am 30. Mai 1853 wurde Vincent van Gogh in Groot-Zundert in Holland als Sohn eines Pfarrers geboren. Am 29. Juli 1890 setzte er in Auvers- sur-Oije in Frankreich, erst 37 Jahre alt, seinem leidenschaftlichen und qualvollen Dasein selbst ein Ende. Damals ahnten nur wenige aus seinem vertrauten Kreise, welch ein Leben hier ausgelöscht war, und welch einen unerhörten Einfluß d-as Werk dieses Menschen auf ganze Generationen von Malern, auch in Deutschland, auszuüben bestimmt war. Heute wissen wir, daß der Name van Goghs in der modernen Malerei geradezu ein Programm bedeutet, daß er eine neue Weise künstlerischen Sehens, Empfindens und Ausdrucks umschreibt und eine neue Epoche zeitgenössischer Kunstgeschichte heraufzuführen oder doch einzuleiten bestimmt war. Wenn man das im Phaidon-Verlag in Wien erschienene Werk*), das seinen Namen trägt, nicht nur flüchtig betrachtend durchblättert, sondern eingehend studiert, wird man einen Begriff davon bekommen, was es mit van Goghs Malerei, ihrer Ausstrahlung und Weiterwirkung bis in die nächste Gegenwart hinein auf sich hat.
Das Werk gliedert sich in drei Teile; den mittleren und weitaus größten nehmen die Abbildungen ein, 122 — teilweise farbige — Reproduktionen nach Gemälden und Zeichnungen. Diese Folge der großen Tafeln wird eingeleitet durch einen auf knappem Raum das Wesentliche aussagenden Essay ,Leben und Werk des Vincent van Gogh" von Wilhelm Uhde; er enthält nicht nur eine Darstellung des äußeren Lebensganges und der wichtigsten Stationen der künstlerischen Entwicklung van Goghs, sondern bringt auch die Wurzeln und Wesenselemente seines Daseins auf eine überzeugende Formel. Uhde begreift seinen Geaenstand — das erscheint uns wichtig für jegliche Betrachtung und Würdigung dieses Malers — in erster Linie nicht als ein kunstgeschichtliches, sondern als „ein eminent menschliches" Thema. „Er war ein Maler mit sozialen Ideen. Seine Geschichte ist nicht die eines Auges, einer Palette, eines Pinsels, sondern die eines einsamen Herzens, das in den Mauern eines dunklen Gefängnisses schlug, sich sehnte und litt, und nicht wußte, warum. Bis es eines Tages die Sonne sah und in ihr den Sinn seines Lebens erkannte. Es flog ihr entgegen und verbrannte in ihren Gluten. ." Indem die Einführung die dunkle, schwere, innerlich und äußerlich vielfach belastete Herkunft, Jugend und Reifezeit van Goghs beschreibt, legt sie zugleich die sozialen und religiösen Grundlagen eines höchst ungewöhnlichen und gewissermaßen beispiellosen Künstler-
*) Vincent van Gogh: Gemälde und Zeichnungen. Zweite, veränderte und vermehrte Auflage. 122 Werke, wiedergegeben in Farben und Kupfertiefdruck. Seinen 6 Mark. Im Phaidon-Verlag, Wien. — (124) —
glieber aus der Geschäftswelt erheblich besser geworden war, aber gar bald wurde die rückläufige Bewegung wieder vorherrschend, und auch die Entwicklung der letzten vier Jahre mit ihrer starken wirtschaftlichen Wiederbelebung auf allen Gebieten hat viele Geschäftleute nicht veranlaßt, durch die Mitgliedschaft im Derkehrsverein zur gedeihlichen Lösung der für die Allgemeinheit wichtigen Der- kehrswerbeaufgaben beizutragen
Es ist eine grundsätzliche, für alle Volksgenossen beherzigenswerte Forderung, nach der Richtschnur zu handeln: Gemeinnutz vor Eigennutz: Die vorherrschende Anwendung dieses Grundsatzes seit der Machtübernahme Adolf Hitlers hat in sehr großem Maße zur Wiederaufrichtung unseres Volkes und seiner Wirtschaft, zur besseren Gestaltung der Lebenslage von Millionen von Volksgenossen beigetragen. Dieser Grundsatz stellt ein so hohes und vornehmes Sittengesetz dar, daß er für alle deutschen Menschen das Gesetz des täglichen Lebens schlechthin sein sollte. Mit diesem vortrefflichen Lebensgrundsatz ist es aber nicht zu vereinbaren, wenn man Vorteile für sich in Anspruch nimmt, die durch die Opfer anderer Volksgenossen errungen werden, während man sich selbst auch von einer bescheidenen Beisteuer zu diesen Opfern in Gestalt des Vereinsbeitrages von sechs Mark im Jahr, also nur 50 Pfennig im Monat, drückt. Dieser bedauerliche Tatbestand liegt bei allen Geschäftsleuten vor, die direkt und indirekt die Früchte der Verkehrswerbung mit genießen, aber den Derkehrsverein nicht kennen wollen. In manchen Fällen hat man ganz offen die Erwerbung der Mitgliedschaft beim Derkehrsverein abgelehnt. Dabei kann nicht bestritten werden, daß ein Jahresbeitrag von sechs Mark auch in dem Unkostensatz eines kleinen Geschäfts nicht ins Gewicht fällt.
Die großen Aufgaben' der Verkehrswerbung zur weiteren Aufwärtsentwicklung unserer Stadt machen es dringend erforderlich, die Gleichgültigkeit weiter Kreise der Geschäftswelt gegenüber dem Verkehrs- verein zum Wohle der Allgemeinheit zu überwinden. In der jüngsten Ausschußsitzung des Derkehrsver- eins hat man sich mit einer Reihe von Möglichkeiten nach dieser Richtung hin beschäftigt. In den Vordergrund stellte man dabei den dringenden Wunsch, alle Geschäftsleute möchten freiwillig Mitglied des Verkehrsvereins werden. In nächster Zeit soll eine Werbeversammlung allen Geschäftsleuten die Möglichkeit bieten, sich noch einmal gründlich über alle Zweige der Verkebrswerbung zu unterrichten und den freiwilligen Beitritt zum Verkehrsverein anzumelden. Es besteht aber in den Kreisen der Vereinsleitung auch der ernste Wille, weitere Schritte zur gerechten Verteilung der Lasten der Verkehrswerbung zu unternehmen, wenn auf dem Wege des freiwilligen Beitritts der am Verkehrswesen beteiligten Geschäftskreise nicht zum erstrebten Ziele zu kommen ist. Man denkt dabei u. a. an das Beispiel von Bad-Nauheim, wo mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde eine Ortssatzung erlassen wurde, durch die jeder ortsansässige, im weitesten Sinne an der Verkehrswerbunq beteiligte Geschäftsmann verpflichtet ist, eine Verkehrsabgabe zur Bestreitung der Verkehrswerbungskosten zu entrichten. Aehnliche ortsstatutarische Bestimmungen sind in einigen anderen Stödten eingeführt worden, weil eben auf diesem Wege die gerechte Forderung verwirklicht werden kann: Wer Erfolge einheimsen will, muß die Voraussetzung dazu schaffen helfen! Man verrät kein Geheimnis und stellt auch nicht eine Prophezeiung auf, wenn man voraussagt, daß eine ortsstatutarisch bestimmte Werbeabgabe sicherlich höher sein dürfte, als ein Dereinsbeitrag von jährlich 6 Mark. Dennoch hat man im Ausschuß
daseins frei. „Sein Leben", heißt es weiter, „ist die Geschichte dieses großen, leidenschaftlichen Herzens, das von zwei Dingen völlig ausgefüllt war: von Liebe und Trauer. Liebe, nicht als Gernhaben und Bevorzugen, als Sympathie oder ästhetische Zuneigung, sondern in ihrer schwersten Form, der Caritas, einer tiefen religiösen Beziehung zu Menschen und Dingen. Hier ist die Wurzel seines Lebens und seiner Kunst..." Don hier aus gewinnt die Einführung Uhdes und jeder Betrachter von Bildern oan Goghs erst recht eigentlich den Zugang zum zweiten, zum nachgeorüneteN Thema, dem kunstgeschichtlichen und vorwiegend malerischen, der Geschichte „eines Auges, einer Palette, eines Pinsels" ... Uhde zeichnet ihre Umrisse mit sehr sicherer, empfindlicher und gerecht abwägender Hand; er schätzt oan Gogh so hoch ein, wie er es verdient und fordern muß; daß er ihn nicht überwertet und seine Grenzen sieht, erweist sich an dem ausgezeichneten, mit Genuß zu lesenden Abschnitt über die Farbwerte und an der Gegenüberstellung von van Gogh und Delacroix: eine solche bei aller Liebe, ja Leidenschaft für den Künstler und das Werk stets auf ein rechtes Maß sich besinnende Würdigung scheint uns besonders sympathisch.
Diese Teile der Einführung und das Werk selbst, soweit es auf den folgenden Tafeln enthalten ist, erfahren eine unvergleichliche und unübertreffliche Ergänzung, Spiegelung und Aufhellung vom Persönlichen her durch die am Schluß zusammenye- faßten, brieflichen Aeußerungen van Goghs zu einzelnen Werken: diese Briefe, größtenteils an seinen jüngeren Bruder Theo (der ihm ein halbes Jahr später in den Tod folgte und neben ihm begraben liegt), an den Freund Emile Bernard und an den Maler Gauguin gerichtet, find der wahrhaft authen- tische, der ursprünglichste und lebendigste Kommentar zu oan Goghs Bildern, Begleittexte, die überwiegend fast gleichzeitig mit den beschriebenen Werken entstanden sind und infolgedessen Absichten, Stimmungen und persönliche Bewertung ganz unmittelbar bezeichnen. Es fallen von diesen Briefstellen her nicht nur bezeichnende Lichter auf oan Gogh als menschliche Persönlichkeit, sondern man erlebt hier immer wieder Zwei sehr wesentliche Elemente seiner Malerei: man begreift, wie außer- ordentliich problematisch van Gogh selbst alle seine Bilder betrachtete, was ihn reizte und beschäftigte, wie er die Natur und jedes seiner Modelle sah, worauf es ihm in der künstlerischen Wirkung ankam. Und man erlebt ferner, wie dieser Maler von der Farbe besessen war, wie er im Farbenrausch schwelgte, wie koloristische Motive und Probleme ihn immer wieder, alle übrigen Gesichtspunkte in den Hintergrund weisend, beschäftigten, bedrängten und erregten. Wenn in der Einführung die Geschichte der Palette nur angedeutet wurde: an den Briefauszügen wird uns klar, wie sehr, wie ausschließlich fast die Entwicklung der Farbe, zur Farbe hin die Malerei oan Goghs bestimmt und charakterisiert.
Von hier aus nun, von den die Folge der Reproduktionen umrahmenden Texten her, wird man die rechte Vorbereitung und Einstellung zur
des Derkehrsvereins den Gedanken ins Auge gefaßt, bei einer eventuell zu schaffenden Ortssatzung diejenigen Geschäftsinhaber von der Werbeabgabe zu befreien, die durch die Mitgliedschaft im Verkehrsverein bereits ihre Beisteuer zu den Kosten der Derkehrswerdung leisten und damit ihren Gemeinsinn praktisch unter Beweis stellen. Niemand wird gegen eine derartige Ortssatzung etwas einwenden können, denn sie würde nichts anderes bedeuten als die Durchsetzung des Grundsatzes der Gerechtigkeit. Eine derartige gerechte Maßnahme stünde auch im Einklang mit dem Geist und dem Willen unserer nationalsozialistischen Staatsund Volksführung, sie wird also stets volkstümlich im besten Sinne des Wortes sein.
Man gibt sich bei der Leitung des Verkehrsvereins der Hoffnung hin, daß die geplante große Werbeversammlung den Erfolg haben wird, den Erlaß einer Ortssatzung überflüssig zu machen. Die Grundrichtung und der einzige Zweck aller erwogenen Schritte bestehen nur darin, auch auf dem Gebiete der Verkehrswerbung im Dienste der Allgemeinheit dem Grundsatz der gerechten 2a- stenverteilung Geltung zu verschaffen und mit dem Unwesen einer Nutznießung der Früchte aus anderer Menschen Opfer Schluß zu machen, kurzum das vornehme Sittengesetz anzuwenden: Gemeinnutz vor Eigennutz! B.
Verbesserungen der Gießener Sonniagskarien.
Von der Sektion Gießen-Oberhessen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenoereins wird uns geschrieben:
Wir Gießener sind diesmal lieb Kind bei der Reichsbahn gewesen. Die hiesige Sektion des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins hatte nach Rücksprache mit den Gießener Wandervereinen eine Anzahl Anregungen an die Reichsbahndirektion Frankfurt gerichtet, die bei dem Vorstand des Gießener Reichsbahnoerkehrsamtes, Oberbahnrat Ni e r- mann, weitgehende Unterstützung fanden. So bringt uns der neue Sommerfahrplan nicht nur
Die neuen Verbindungen.
reichen Segen an neuen Zügen, sondern auch an neuen Sonntagskarten. Leitgedanke war, die Verwendbarkeit dieser neuen Karten so vielseitig wie möglich zu gestalten. Diese Karten gelten deshalb sämtlich nach mehreren Bahnhöfen, so daß die Möglichkeit besteht, zur Rückfahrt eine andere Strecke als zur Hinfahrt zu benutzen.
Am reichhaltigsten ist eine Sonntagskarte, die von Gießen nach Herborn, Ulm (Kreis Wetzlar), Weilburg, Brandoberndorf und Friedberg gilt. Sie bietet Möglichkeiten zu Wanderungen durch den Westerwald von Herborn über Driedorf, oder Hirsch- bera-Beilstein nach Ulm, oder von Ulm über den Rasenberg und den Knoten nach Weilburg. Von Weilburg aus kann man mit dieser Karte über Weilmünster nach Brandoberndorf, von dort aus noch über Bodenrod—Forsthaus Hubertus nach Bad- Nauheim wandern.
Den Gießen näher gelegenen Teil des nördlichen Taunus erschließt eine Karte nach Braunfels und Braunfels-Oberndorf, die jetzt auch nach Ostheim bei Butzbach gilt. Sie ermöglicht Wanderungen zwischen diesen Orten über Schwalbach — Oberwetz — Cleeberg.
Eine dritte Sonntagssammelkarte mit den Ziel- babnhöfen Kirchhain — Wetter — Caldern — Eisemroth erschließt das hessische Hinterland und den Kreis Marburg. Sehr zu empfehlen find hier die Wanderungen von Caldern über den Rimberg und Holzhaufen— Bottenhorn nach Eisemroth, oder von Caldern über die Felsgruppe Eckelskirche nach Wetter, sowie von Wetter über Mellnau — Schwarzenborn — Rauschenberg nach Kirchhain. In dieselbe Gegend führt auch die neue Sonntagskarte nach Wommelshausen und Cölbe, die übrigens auch nach Laubach gültig ist. Für die Wanderung von Cölbe über Dagobertshaufen—Weitershausen auf den Hünstein und herunter nach Wommelshausen ist sie wie geschaffen.
Den zahlreichen anderthalbtägigen Wanderungen durch den hohen Vogelsberg dienen die beiden Sonntagskarten nach Schotten, Gedern, Alsfeld, sowie nach Lauterbach-Nord, Hartmannshain.
Eine schöne Wanderung durch die nähere Heimat bietet die Sonntagskarte nach Lang-Göns, ©roßen- Buseck mit einem Fußmarsch über ©rürringen, Men- gelshäuser Teiche, Steinbach.
Die hohe Rhön wird durch die Sonntagskarte Gersfeld, Milseburg erschlossen (Lohnende Ziele: Wasserkuppe, Dammersfeld, Kreuzberg, Eierhauck, Milseburg, Schloß Bieberstein).
Auch die Wassersportler wurden nicht vergessen. Sie können jetzt eine Sonntagskarte zum Edersee nach Herzhausen lösen. Da die Karte aber auch nach Schlierbach (Kreis Fritzlar) gilt, ermöglicht sie eine wunderbare eineinhalb- bis zweitägige Wanderung quer durch den Kellerwald.
Wer den hohen Westerwald besuchen will, findet in der Sonntagskarte nach Siegen, Neunkirchen (Kreis Siegen), Fehl-Ritzhausen, Elz (Kreis Limburg) eine brauchbare Karte. Sie erschließt die Krop- pacher Schweiz mit Kloster Marienstatt und Hachenburg, sowie die durch ihre schönen Fernsichten ausgezeichneten Berge Stegskopf und Salzburger Kopf. Auch eine Wanderung in den südlichen Westerwald, etwa von Fehl-Ritzhausen über Westerburg und an den Eisschächten der Dornburg vorbei nach Hadamar und Elz ist mit dieser Sonntagskarte möglich.
Betrachtung und Erkenntnis der Gemälde und Zeichnungen gewinnen, zur Würdigung eines riesigen Werkes, dessen Entstehung sich im wesentlichen auf das letzte Jahrzehnt von van Goghs allzu früh geendetem Leben zusammendrängt, — eines Werkes, das sich keineswegs auf den ersten flüchtigen Blick erschließt, das vielmehr ein hohes Maß von Sammlung und Muße, von Verständnis und Einfühlung erfordert. Man muß sich klar machen, daß mit van Gogh eine ganz neue, überaus eigenwillige und manchmal kühne Art, Menschen und Dinge zu sehen und wiederzugeben, in die Malerei einzudringen und sich durchzusetzen beginnt; mit einer unbestechlichen und oft rücksichtslosen Härte und Hartnäckigkeit hat dieser Maler daran gearbeitet und in immer wiederholten Versuchen sich bemüht, das Bild der Welt, wie es sich in feinem Auge spiegelte, festzuhalten und ihm die einzig mögliche, allein gültige Form zu verleihen. Mit Staunen finden wir in den Briefen die fast wörtliche Wiederholung der berühmten Zolaschen Formel: „... man sieht die Natur durch sein eigenes Temperament hindurch ..."
Dies mag man bedenken, wenn man etwa das Selbstbildnis von 1887 betrachtet, das die Folge eröffnet, und das auf eine bisher ungewohnte Weife Fläche und Umriß des Kopfes und Gesichtes auflockert und das Ganze des Bildes in eine Unzahl winziger Farbflecken und Keile auflöst: das wirkt aus nächster Nähe bestürzend; aus angemessener Entfernung gesehen, schließen sich aber diese Bild-Atome zur überraschenden Einheit, Festigkeit und Lebendigkeit eines Ganzen zusammen. An kaum einem anderen Bilde lassen sich die Worte „durch sein eigenes Temperament hindurch" so un- mittelbar-beispielhaft vergegenwärtigen. In einem weiteren Brief beschreibt er das bekannte Bild seines Schlafzimmers in Arles: „... Die Wände sind von einem hellen Violett, der Boden hat rote Fliesen, die Holzbetten find gelb wie frische Butter, der Vorhang, die Decke und die Kopfkissen sind zitronengelb und grün und ganz hell. Die Bettüberzüge scharlachrot und das Fenster grün. Der Waschtisch ist orangefarben, die Waschkanne blau. Die Türen lila, und das ist alles ..." Dies mutet auf den ersten Blick barbarisch an, aber die Beschreibung gibt nicht nur dem Betrachter (der schwarzweißen Wiedergabe) erst den richtigen Begriff oder wenigstens eine Ahnung von dem Bilde — denn selbst die beste Wiedergabe, zumal wenn sie nicht farbig ist, kann ja nur Annäherungswerte vermitteln —, sondern auch einen Begriff von der Kühnheit und Rücksichtslosigkeit dieser Malerei des Farbenrausches und der Wirklichkeitsbesessenheit. Verhältnismäßig groß ist übrigens erfreulicherweise die Zahl der farbigen Wiedergaben, was gerade bei van Gogh doppelt ins Gewicht fällt; in den nicht farbigen wiederum wird die Technik der Pinsel- und Spachtelführung, der Farbgebung und des Auftrages stellenweise besonders anschaulich gemacht.
Die 122 Blätter des Werkes entfalten ein malerisches Panorama von großartigem figürlichen und landschaftlichen Reichtum. Man spürt bei der Betrachtung etwas von der Besessenheit und der Ar
beitswut, mit der oan Gogh in den letzten Jahren seines Lebens gemalt und sich in seinen Bildern die Welt erschlossen hat. Neben den charakteristisch zahlreichen und völlig schonungslosen Selbstbildnissen ... welch eine Fülle von Gestalten, von Köpfen und Gesichtern: der Sämann, der Schnitter, der Weber, holländische Bäuerin, Artisttn im Restaurant, die Arlesierin, der Schauspieler, der Pflüger, die Erd- äpfelesser und die Trinker (nach Daumier), der Holzhauer, der Mäher, der Mann mit der Nelke... und so fort. Man liest hier nur jeweils die Bezeichnung eines Typus, einer Menschengattung, eines Berufes, ohne Namen, ohne irgendein Kennzeichen oder Merkmal von Individualität, und bei den meisten empfindet man, daß dies der gültige Ausdruck fei, der unbekannte einzelne als Repräsentant für viele, wenn nicht alle seinesgleichen; in der Tat: der Holzhauer, der Schauspieler... gerade dieses Bild übrigens scheint uns das Wesen des Komödiantentums auf eine unübertrefflich- geniale Weife in einem einzigen Modell zu spiegeln. Daneben treten die persönlicheren Porträts, wie das des Farbenhändlers Tanguy, des Briefträgers Roulin, des Oberaufsehers des Irrenhauses von Saint-Remy, des Dr. Rey oder des Dr Gachet, eines der berühmtesten Bilder van Goghs, dessen Original in Frankfurt im Städel hängt.
Größere Fülle und Mannigfaltigkeit noch in den „unpersönlichen" Schilderungen der Natur, in den Landschaften und Freilichtszenerien. In den Briefen find dazu eine Reihe von Motiven notiert: „.. . Schiffe, vom Kni herunter gesehen. Die beiden Schiffe sind rosa und veilchenfarben. Das Wasser ist ganz grün. Kein Himmel. Eine Trikolore am Mastbaum ..„Stelle dir jetzt eine ungeheure blaugrüne Fichte vor, die ihre Aeste waagrecht über einen ganz grünen Rasen ausstreckt, und Sand, der von Licht und Schatten aefleckt ist. Diese ganz einfache Gartenecke leuchtet hinten, mit den Geranium- beeten, die auf dem Grund orange leuchten, unter den schwarzen Aesten. Die Gestalten zweier Verliebter befinden sich im Schatten des großen Baumes..." „Eine Reihe grüner Zypressen gegen einen rosa Himmel mit einem hellzitronenfarbenen Halbmond ..." Solche Stellen muß man in sich aufgenommen haben, ehe man darangeht, sich in die landschaftlichen Blätter zu vertiefen, wie etwa die Ebene La (trau, die berühmte Zugbrücke (aus dem Wallraf-Richartz-Museum in Köln)', die Gärten und Parks von Arles, das blühende Obstbäumchen, die Rhonebarken, die Raben über Kornfeldern, das auffteigende Gewitter, das Restaurant „Sirene" in Joinville (auch dies, eine Landschaft!) oder der berühmte Garten Daubignys im Berliner Kronprinzenpalais, aus der allerletzten Zeit, Juli 1890. Von diefem Bilde schrieb van Gogh an feinen Bruder: „Das ist eine meiner stärksten Arbeiten " —
Die hier besprochene Auswahl aus dem Gesamt- werk darf mustergültig genannt werden. Die Wieder» gäbe der Bilder ist ausgezeichnet, die übrige Ausstattung des großen Bandes von vornehmer Gediegenheit. In Anbetracht dessen ist der Dreis erstaunlich gering. Hans Tnyriot.


