Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte Son Ernst von Niebelschütz.
Der Dekan von Canterbury, Dr. Hewlett Johnson, ist kürzlich in Spanien gewesen. Studien- I)alber, wie er sagt. Warum auch nicht? Er hätte dort als Geistlicher, sollte man meinen, reichlich Gelegenheit gehabt, die Methoden des Bolschewismus in dessen Vernichtungskampf gegen die christliche Religion in allen ihren schauerlichen Einzelheiten kennenzulernen. Verbrennung von Kirchen, summarische Niedermetzlung von Priestern 'und Nonnen, Verhöhnung von Kruzifixen, Leichenschändung, öffentliche Verspottung der Sakramente und Folterung von Bischöfen — gibt es ein geeigneteres Studienfeld für einen englischen Geistlichen, der sich angeblich um nichts mehr als die geschichtliche Wahrheit bemüht? Aber merkwürdig — unser Dekan scheint entweder eine höchst persönliche, von der allgemein üblichen radikal abweichenden Auffassung vom Christentum zu haben, oder er muß an einer chronischen Bewußtseinsstörung leiden. Jedenfalls sieht er die aller Welt bekannten spanischen Greuel in einem so rosigen und gottwohlgefälligen Lichte, daß er jetzt selber ein Lebens- Mittelschiff ausrüsten will, das dazu dienen soll, den bolschewistischen Massenmördern und Kirchenschändern die ungestörte Fortsetzung ihrer christentumsfreundlichen Tätigkeit zu ermöglichen. Die Psychologie kennt solche Fälle, deren Krankheitscharakter darin besteht, daß kein noch so handgreiflicher Gegenbeweis eine vorgefaßte Meinung zu schüttern vermag und selbst der Wille zu objektiver Beobachtung nichts gegen das bereits vorhandene Zerrbild fixer Ideen ausrichtet. Oder sollte Dr. Johnson gar zu der Gattung derer gehören, von denen das Sprichwort sagt: „Nur die allergrößten Kälber füttern ihre Schlächter selber"?
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Die neue deutsche Kunst wird demnächst in München ein neues Heim erhalten. Schon i geraume Zeit vor der Machtübernahme, als der Glaspalast ein Raub der Flammen geworden war, hatte im Geiste Adolf Hitlers der Gedanke, der Kunst des Dritten Reiches ein neues und würdiges Haus zu errichten, feste Gestalt gewonnen. Daß dieser neue Glaspalast nur in München, der Hauptstadt der Bewegung und dem geschichtlichen Sammelplatz aller schöpferischen Formkräfte in Deutschland, sich erheben dürfe, war von vornherein klar. So konnte denn nach den Entwürfen des Architekten Paul Ludwig T r o o st schon im Oktober 1933 der Grundstein zu dem „Haus der deutschen Kun st" am Englischen Garten gelegt werden, und bei dieser Gelegenheit war es auch, wo der Führer der Heberzeugung Ausdruck verlieh, daß von diesem Bau und von dieser Stadt eine neue deutsche Kultur ihren Ausgang nehmen werde. Heute steht der edle Säulenbau unter Dach und ist bereit, die „Große deutsche Kunstausstellung 1937" in sich aufzunehmen. Die Schau wird eine groß- deutsche werden, sie wird also vor den politischen Grenzen nicht Haltmachen, sie wird alle deutsch- stämmigen künstlerischen Talente in sich vereinigen, die sich dem deutschen Geiste innerlich verbunden fühlen und zu seiner Sichtbarmachung etwas beizutragen wissen. Sie wird zu zeigen haben, ob und inwieweit die gesamtdeutsche Künstlerschaft heute schon über die schöpferische Kraft verfügt, deren es bedarf, um eine gemeinsame Idee in gültiger Form aus sich herauszustellen und so ein geistiges Spiegelbild des deutschen Menschen im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu schaffen. Aus diesem Grunde kommt der „Großen deutschen Kunstausstellung 1937" doch auch eine übernationale Bedeutung zu. Denn noch immer ist es so gewesen, daß in schicksaltragender Zeit die Augen der ganzen Welt in gespannter Erwartung auf das Herz Europas gerichtet waren und es von dem Verhalten des Volkes mit der universalsten Begabung (die nicht einmal die absolut größte zu sein braucht) abhing, wie sich das Schicksal der abendländischen Menschheit auf Generationen hinaus gestalten werde.
Heber die Ausgrabungen der Pharaonen Aegyptens im „Tal der Könige" bei Luxor und in der Gegend der Pyramiden gehen die Ansichten der Kulturwelt bekanntlich weit auseinander. Die Altertumswissenschaft macht sich keine allzu zarten Gewissensbedenken daraus; sie stellt sich einfach auf den Standpunkt, daß eine Tat, die unsere Kenntnis der ägyptischen Geschichte und Kunst so ungeheuer bereichert, auch moralisch zulässig sein müsse. Der in dieser Hinsicht weniger robuste Sinn des Volkes denkt anders, er betrachtet die Ausräumung eines Grabes, auch wenn sie zum höheren Ruhme der Wissenschaft geschieht, als Grabschändung und notiert nicht ohne innere Genugtuung die Legende vom „Fluche der Pharaonen", wenn, wie im Falle Tut-ench-Amons, eine Reihe merkwürdiger Umstände zusammentreffen, die den raschen Tod aller an der Ausgrabung beteiligt gewesenen Persönlichkeiten verursachen und somit den Fluch rechtskräftig zu machen scheinen. Solche Stimmen in den Wind zu schlagen, ist ebenso unmöglich, wie es unmöglich ist, keine sittliche Empörung zu empfinden, wenn man hört, daß im Museum zu Kairo, hinter Glas geborgen, die Mumien der großen Herrscher Aegyptens der Neugier von Hinz und Kunz preisgegeben sind, jede mit einer Nummer versehen, mit deren Hilfe man dann im Katalog feststellen kann, wie Tuthrnosis III. oder Ramses II. ausgesehen haben. Die ägyptische Regierung will jetzt dieser wohlbegründeten Stimmung Rechnung tragen und hat angeordnet, daß die entweihten Pharaonenleichen wieder in ihre alten Begräbnisstätten zurückgebracht werden sollen. Es ist anzunehmen, daß sie dort endlich Ruhe finden, zumal jedermann weiß, daß die fabelhaften Goldschätze, mit denen sie einst umgeben waren, nicht mit ihnen zurückkehren werden.
43 on Karl Friedrich
XVII.
Frühlingstage in Irland.
Während der steise Südwest eine mächtige Dünung hinter unserem stetig dahinschiebenden, braven Schiff hertreibt, teilt uns der Funk mit, daß unser Schwesterschiff „S ch l e s i e n", das am Tage unserer Ankunft in Horta nach stürmischer Heber» fahrt von den Staaten für zwei kurze Stunden zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch bei uns gelegen hatte, aus Ponta-Delgada ausgelaufen und einem in Seenot geratenem Schiff z u Hilfe geeilt sei, das in der Nähe der Azoren mit schwerer Havarie im Orkan beigedreht liege. Schwer hebt und senkt sich indessen der massige Schiffskörper der „Schleswig-Holstein" in der mächtigen See, aber die Bewegungen find ausgeglichen und gar nicht unangenehm, fo daß selbst den geplagten Kadetten, denen die schriftliche Prüfung im nächsten und letzten Auslandshafen schon schwer im Magen liegt, das Essen auf dem ganzen Seetörn fo gut schmeckt wie immer. Mit dem Wetter- gott haben wir wirklich ein ausgezeichnetes Abkommen auf der ganzen Reife getroffen. So schiebt uns Wind und See sogar fast eine Seemeile stündlich mehr über den Grund. Kaum daß die Sonne ihr verschwommenes Gesicht durch die ewig grauen Wolkenmcrssen steckt, die über der aufgewühlten See dahinziehen. Ständig liegt das Steuermannspersonal auf der Lauer, und wirklich gelingt es ab und zu, ein Mittagsbesteck zu nehmen. Kein Fahrzeug weit und breit, auch auf den Dampferroegyi treffen wir nur selten einen Kameraden von der Handelsschiffahrt.
Eifrig wird der letzte Schliff an die Gefechtsausbildung gelegt, nachdem in Horta die D i - vifionsbesichtigung zur vollen Zufriedenheit des Kommandanten die praktischen und theoretischen Kenntnisse der Besatzung unter Beweis gestellt hat. Die kriegsmäßigen Gefechtsbilder, die nun als Abschluß der Gefechtsausbildung geübt werden, bringen das Zusammenwirken
Seit langem schon gibt es in Japan eine starke nationaliftische Bewegung, deren Ziel es ist, das Kulturleben vor den negativen Folgen der europäischen Beeinflussung zu schützen und die alten Heberlieferungen wieder zu Ehren zu bringen. Die Frage ist nur, ob und inwieweit solchen Bestrebungen heute noch Erfolg beschieden fein kann, heute, wo alles, was die äußere Zivilisation des JnselreicheZ bestimmt, so durchaus westlichen, unasiatischen Charakter trägt, daß — mindestens in den Städten — ein Hnterschied gegenüber Europa kaum mehr zu beobachten ist. Seit 1867, diesem Jahre des Schicksals, in dem das alte heilige Japan zu bestehen aufhörte und die europäische Zivilisation durch alle Schleusen einbrach, hat sich natürlicherweise auch in der japanischen Seele vieles geändert, auch wenn es dem Japaner im einzelnen auch noch immer gelingen mag, in feinem privaten Leben japanisch, im öffentlichen europäisch zu sein. Aber wird sich diese Trennung auf die Dauer durchführen lassen? Ist es denkbar, daß ein Volk, das sich aller Errungenschaften der modernen Technik bedient, „zu Hause" wieder hinter die Linie zurückgeht, wo es die schon halb vergessenen Heberlieferungen der Tokugawa-Zeit, als sei äußerlich nichts geschehen, abermals aufnehvnen kann? Wir würden die Frage unbedingt verneinen, der Japaner scheint sie ebenso unbedingt zu bejahen und — handelt danach. Die Losung heißt heute auf allen Gebieten der Kultur: Zurück! Zurück zur nationalen Lite- ratur — die Zahl der Hebersetzungen europäischer und amerikanischer Autoren hat merklich nachgelassen —, zurück zur altjapanischen Philosophie, zurück zur Shinto-Religion, zurück zu dem überlieferten Flächenstil in der Malerei! Der Nationalismus scheint wirklich auf der ganzen Linie siegreich zu sein und eine gewaltige innere Hmwälzuna bewirken zu wollen, deren Ergebnisse nicht auf sich warten lassen werden.
Birnbaum, Kapiiänleuinani.
aller der zahlreichen Waffen des Schiffes im Verein mit dem verantwortungsvollen Dienst des Ma- fchinenpersonals möglichst der Wirklichkeit im Kriege entsprechend zur Darstellung. Bei der Schlußkritik muß ein jeder über das an seiner Stelle Veranlaßte Rechenschaft ablegen. Immer weniger Fehler werden gemacht, die sich hier klar Herausstellen und aus denen die Gesamtheit lernen soll. So laufen wir voller Zuversicht auf den Erfolg der Gefechtsbesichtigung am Ende der Reise nach einer angestrengten Woche Seefahrt in den Seehafen der irischen Hauptstadt Dublin, Dun Laoghaire ein.
Bei schönem Wetter steuert „Schleswig-Holstein" durch die Irische See unter der freundlichen Küste der grünen Insel nordwärts Dun Laoghaire an. Mit Booten kommt uns der Begrüßungsausschuß der deutschen Kolonie entgegen, der Landes- salut hallt, zum letztenmal in einem Aus- landhafen, über die Bucht, vom alten Fort am Molenkopf erwidert. Umfangreid) ist das Pro- gramm, das unsere Landsleute für die Hafentage in Irland aufgestellt haben. Die Kadetten mit ihrem vielgeplagten Ausbildungsoffizier sollen erst in den letzten drei Tagen, nachdem sie die schriftliche Fähnrichsprüfung glücklich überstanden haben, ihre Ausflüge machen.
Ein festliches Bankett am Abend des 9. April eröffnet das Programm. Im Royal-Marine-Hotel sitzen wir zu 15 Offizieren an festlich geschmückter Tafel zwischen den Herren und Damen der deutschen Kolonie, in der Mitte der deutsche Geschäftsträger mit seiner Gattin und der Kommandant, der die Begrüßungsansprache mit herzlichen Worten erwidert. Ist doch zum erstenmal ein deutsches Kriegsschiff im irischen Freistaat zu Gast, dem seine in jahrhundertelangem Freiheitskampf errungene Selbständigkeit im englisch-irischen Staatsvertrag 1921 manifestiert worden ist. Nur die Nord-Ostecke der Insel, die alte Provinz Hkster, mit der Hauptstadt Belfast, gehört noch zu dem „Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland". Dort ist die Mehrzahl der Bevölkerung protestantisch, während die Bewohner des
Mitder/.SchIeswig-Solflein"ausSchuWffsreise
Freistaates zu 92 v. H. katholisch und eifrige An- Hänger der römischen Kirche sind, wenn auch mit nationalbedingten Eigenarten. So sind die Kirchen meist sehr schlicht und ohne Prunk, und im Lande sieht man nicht, wie z. B. in Süddeutschland, Heiligenbilder und Kruzifixe.
Die in vorchristlicher Zeit eingewanderten Kelten wurden bereits im 5. Jahrhundert christianisiert. Von Irland aus wurde Schottland durch die Scoten besiedelt, die Eroberer des nördlichen Wa- les waren Iren. Im Altertum hatte Irland größere Bedeutung als Britannien und betrieb lebhaften Handel, mit dem Festland. Es entwickelte sich aus den vier Königreichen Hlster, Connaught, Leinster und Munster. Ihre Uneinigfeit verlockte die Dänen seit dem 8. Jahrhundert zu zahlreichen Einfällen, erst 1014 wurden sie endgültig verttieben. Erneute innere Zwistigkeiten führten zu dem Einfall der Anglo-Normannen, die sich 1169 im Osten der Insel festsetzten, und zwar in der Gegend von Dublin, dem sogenannten „english pale“. Von hier aus besetzten die Engländer in den folgenden Jahrhunder- ten allmählich rücksichtslos Stück um Stück Irlands, bis Cromwell um die Mitte des 17. Jahrhunderts' das Eroberungswerk vollendete. Unter dem skrupellosen Vorgehen der Engländer im Verein mit der wirtschaftlichen Knebelung der Einwohner ent- wickelte sich mehr und mehr der ungeheure Freiheitsdrang der Iren und ein tiefer Haß gegen das englische Herrenvolk.
Irland ist ein reiner 21 g r a r ft a a t. Hauptnahrungsmittel ist die Kartoffel. Auf den üppigen, gut bewässerten Weideflächen des hügeligen Tieflandes wird in erster Linie Viehzucht betrieben. Nennenswerte zusammenhängende Gebirge weist die Insel nicht auf. Der größte Fluß ist der Shannon an der Westküste, der durch zwei Kanäle, die bei Dublin münden, mit der Irischen See verbunden ist. Große Binnenseen und Moore bedecken fast ein Sechstel der Gesamtoberfläche. Infolge des jahrhundertelangen Raubbaues ist der Waldbestand auf 1,5 v. H. der Gesamtfläche zurückgegangen. In dem ßanbesforftmeifter R., den die Regierung sich aus Deutschland vor einigen Jahren verpflichtet hat, um diesem Hebel abzuhelfen, lernen wir einen prächtigen Landsmann kennen, in dessen gastlichem Hause wir unvergeßliche Stunden verlebten, und der mir auf verschiedenen Autofahrten und einem Ausritt in liebenswürdigster Weife die Schönheit der irischen Landschaft erschloß. Gemeinsame Erinnerungen an unsere schöne hessische Heimat brachten uns bereits am Begrüßungsabend in nähere persönliche Fühlung. Zahlreiche weitere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind Mitglieder der deutschen Kolonie, so der Direktor des großen Shannon-Kraftwerkes, das ganz Irland mit Strom versorgt und das von deutschen Ingenieuren (Siemens-Schuckert) erbaut worden ist.
Nachdem schon am Freitag eine kleine Autotour uns die Reize der irischen Landschaft nähergebracht hatte, die mit ihren Rinder- und Schafherden auf saftig grünen Weiden, durch Knicks und sanfte Hügelketten anmutig unterbrochen, lebhaft an die Holsteinische Schweiz und teilweise an unsere schönen mitteldeutschen Gebirge erinnert, führt ein von der gesamten deutschen Kolonie veranstalteter Tages- a u s f l u g in zahlreichen Autobussen und Privatwagen die eine Hälfte der Besatzung mitten hinein in den Frühlingszauber der grünen Insel. An der malerischen Küste der Killiney-Bucht entlang, dem beliebten Badestrand der Dubliner, geht es zunächst durch das hübsche Städtchen Bray, dessen schöne Strandpromenade von dem hohen Felsen „Bray- Haed" wirkungsvoll abgeschlossen wird. In santter Neigung führt der Weg über den 550 Meter tjoh-n Zuckexhut am Calary-Moor vorbei zu dem großen Stausee, der die Stadt Dublin mit Wasser versorgt. Tiefer führt der Weg in die Wicklow-Berge hinein,
Urquell«
Drei Läger wetten.
Von Hans Friedrich Blnnck.
Beim Kulenkröger — ja so, ihr wißt nicht, wo der Kulenkröger wohnt? Irgendwo in Stormarn liegt eine alte ausgegrabene Kieskule, unten voll Wasser, die Wände voll rissigem Sand und mancherlei wildem Gestrüpp. An ihrem Ausgang, ruht ein riesengroßer Stein, halb im Wasser, halb im Lehm vergraben. Wenn man den dreimal geheimnisvoll beklopft — wie, will ich euch nicht sagen —, öffnet er sich wie eine Tür, und man kommt zum Kulen- wirt hinab.
Also bei diesem Kulenkröger, bei dem sich oft mancherlei verlaufenes Volk anfindet, saßen einmal der Jäger, der Fuchs und der Hhu zusammen und redeten übers Weidwerk. Hnd sie lobten zu dritt die Jagd, jeder in seiner Art: der Fuchs prahlte mit seiner List, der Uhu mit dem nächtlichen Flug und der Jäger mit feinem Feuerrohr. Weil der Kulenkerl ihnen aber allerhand schwere Getränke vorsetzte, sprachen sie auch über andere Dinge, weltliche und geistliche, und schließlich schwur jeder auf feinen Schutzvatron, ihm zu Ehren ein gottgefälliges Leben zu führen, falls es einmal not täte.
Der Kulenkröger, der bei ihnen faß und von ihren hohen Reden nicht viel verstand, widersprach mitunter, um nicht überhört zu werden. Und er widersprach gerade wieder, als diese Gäste sich eines gottgefälligen Lebens vermaßen.
„Das ist ja wohl nicht möglich", knurrte er. Er hatte sich nichts dabei gedacht und es nur so obenhin gesagt. Man hätte aber einmal den Aufruhr sehen sollen! Das hätte ihnen noch niemand geboten, riefen die drei Gäste durcheinander, und solche Anzweifelung würden sie sich auch nicht gefallen lassen. Gut, daß noch mehr Wirtshäuser de- stünden, schrie der Jäger und schlug auf den Tisch.
Der Kulenwirt mußte rasch klein beigeben, er hätte es sonst mit seinen besten Gästen verdorben. Um aber sein Wort zu verteidigen, setzte er eine wirkliche Flasche Branntwein auf den Tisch. Die sollten die Herren haben, sagte er, wenn sie sich mit einem jagdbaren Tier drei Meilen auf Wanderung begeben könnten, ohne ihm etwas anzutun.
Nun, die Gäste machten große Augen bei dem Versprechen! Sie vermaßen sich auch, sogleich aufzubrechen, und als gerade der Hase vorsichtig beim Kulenwirt einschaute, um die Post vorzubringen — das ist ja sein Amt —, riefen sie ihn an, redeten höflich auf ihn ein und erzählten ihm, was sie oor- hätten.
Der kleine Hase war mißtrauisch gegen die neue Freundschaft, das ist begreiflich. Als aber der Kröger sich verschwur, er werde Mütze und Jacke der Herren als Pfand dafür behalten, und als alle Leute ihm gut zuredeten und insbesondere der Fuchs sagte, wahrscheinlich begänne die Welt von nun an überall freundlicher gegen seinesgleichen zu werden, nahm Meister Lampe die Begleitung an.
So machten sich die Gesellen also brüderlich auf, um dem kleinen Postboten auf seiner Wanderung drei Meilen weit Gesellschaft zu leisten. Es war ein wunderschöner Tag, recht voll tiefen Friedens. Man war froh und guter Dinge, fragte einander nach Frau und Kindeskind, und der Fuchs erinnerte den Hasen schalkhaft an gefährliche Stunden. Der antwortete, und wie es oft ist, wenn hohe Herren mit einem einfachen Mann zusammenkommen, sie waren überrascht von seiner einfältigen Weisheit und seinem klaren Verstand. Hätten sie ihn früher gekannt, versicherten die drei ein über das andere Mal, sie hätten ihm und seinesgleichen niemals ein Leid angetan.
Als sie nun schon ein Stück gegangen waren, kam dem Fuchs der Gedanke, ob man dem Kulenkröger wohl auch trauen könne. Er hatte ja seinen Mantelsack zurücklassen müssen und hatte einen guten Zehr- pfennig darin, um den er sich Sorgen machte. Er hatte sich's kaum überlegt, da befiel die andern Herren schon das gleiche Mißtrauen. Jeder von ihnen hatte seine Heimlichkeiten in Joppe und Tasche, die nichts für den Kulenkröger taugten. Weil die drei sich aber voreinander schämten, tarnen sie auf diese und jene Ausflucht; der Hhu behauptete auf einmal, er habe sein Weib rufen hören, der Fuchs wollte einer Wildente den Weg zeigen, und der Jäger mußte schnupfen. Jeder versicherte dem Hasen, er werde gleich wieder da sein, und rannte fuf Seitenwegen spornstreichs zum Kulenkröger, um seinen Rock zu erleichtern.
Als nun der kleine Hase voll neuen Vertrauens zu dieser schönen Welt von den Kräutern am Wegrand äste, kam ihm ein hungriger Fuhrmann entgegen, der sollte mit feinem alten Klepper Sand holen und wußte nichts von der Wette noch von der neuen schönen Welt. Er sah aber den Hasen, der, statt das Weite zu suchen, höflich ein Männchen vor ihm machte.
Nanu, dachte der auf dem Bock, hier wartet wohl einer auf die Pfanne? Er hielt den Wagen an, stieg ab, als hätte er eine Bestellung aufzugeben, packte plötzlich die beiden Hasenlöffel und versteckte den zappelnden Fang eiligst unter Mantel und Leibriemen. Denn im gleichen Augenblick tarnen von drei verschiedenen Seiten ein Jäger, ein Fuchs und ein Hhu des Weges.
Dem Fuhrmann wurde heiß und kalt wegen des Jagdfrevels. Er wollte sich beeilen, wurde aber ungehalten und gefragt, ob er keinen Hasen gesehen hätte. „I, wo sollt ich", sagte er so freundlich wie möglich, um bald weiterzukommen. Da begannen die drei Jäger sich untereinander scheel anzuschauen, Mantelsack und Schnauzwerk zu prüfen, und jeder des andern Leumund und ehrliches Wort cmzu- zweifeln. Hnd sie ließen den Fuhrmann nicht vorbei, verhörten vielmehr ihn und fein Tier noch einmal, ob sie gewiß nicht einen Jäger oder einen Fuchs oder einen Hhu beim Hasenfang gesehen hätten.
Dem Fuhrmann kratzte währenddessen der arme Gefangene das Brustfell so arg, daß er es kaum aushalten konnte. Aber vor den Herren schüttelte er dreist sein schiefes Gesicht und sagte, er sei ein einfacher Sandfahrer, und die Jagd ginge ihn den Kuckuck an. Dann wollte er schleunigst weiter. Die drei schwangen sich aber hinten auf feinen Wagen und verlangten, er solle sie nun wenigstens zum Kulenkröger bringen. Hnd obwohl die Sache dem Fuhrmann unheimlich war und er vor Schmerzen kaum an sich halten konnte, mußte er mit seinem schlechten Gewissen dem Wunsch folgen. Er hörte auch den ganzen Weg, wie die Herren sich noch über den Hasen zankten, der ihm die Joppe zerkratzte, und wie sie sich gegenfeitig anbliefen und einer des andern Wort in Staub und Schmutz zog.
Als sie schon dicht vor der Kiesgrube waren, konnte der Fuhrmann das Scharren und Zerren auf seinem Leib nicht mehr ertragen, er mußte sich erklären und herauslügen, fo elend war ihm zumut. Er blähte sich also auf,- winkte die Herren heran und wies auf den alten Gaul, den er treiben muhte. „Dann will ich's euch nur verraten", schrie er, „das Pferd hat den Hasen geftessen, es wollt wieder laufen lernen."
Der Fuhrmann meinte ja nichts anders, als daß die drei Herren nun das arme Tier anfallen würden. Aber es kam anders. Kaum hatten sie feine falschen Worte gehört, kümmerten sie sich nicht mehr um den Hasen, nicht um den Fuhrmann, noch um das Pferd, das den Hasen gefressen hatte, sondern sprangen lärmend vom Wagen, der Jäger allen voran: „Wenn's keiner von uns war", frohlockte er, „bann hat der Kulenkerl doch den Branntwein verloren!" Hnd der Fuchs setzte mit hoher Rute hinter ihm drein, und der Uhu, der bei dem klaren Wetter den Weg schlecht sichtete, fuhr quer durch alle Büsche auf den dicken Stein zu. „Gewiß", schrie er, „der Kulenkerl muß bezahlen."
Dann waren die Gesellen auf einmal im Sand Hinterm großen Stein verschwunden. Hnd es war alles fo schnell geschehen, der Fuhrmann mußte vor Erstaunen den Ätcm auSblcrsen.
Er hätte besser achtgeben sollen. Während er sich nämlich voll Verwunderung vornüber beugte, bekam der kleine Hase unterm Leibriemen Lust und Platz. Mit einem Satz war er vom Wagen herab und in die Hecken. Hnd ehe der schlimme Mann sich noch recht besann, setzte sich auch sein Pferd in Trab, es wollte ja zeigen, daß es, ohne Hasen zu fressen, laufen konnte, und es hat sich solche Mühe gegeben, der Mann ist mit Holterdipolter und böser Not ans Haus gekommen. Als die drei Jäger noch einmal vor das Kulentor traten, um ihn zum Mittrinken einzuladen, war er längst über Stock und Stein.
Eine Kormoraninsel in Ostpreußen.
Zu einer ornithologischen Sehenswürdigkeit ersten Ranges hat sich die reizvolle kleine Insel „Lindenwerder" im Mahrungsee in Ostpreußen entwickelt. Hier hat der Kormoran, der seltsame Schwimm- und Tauchkünstler, der vor einem Jahrhundert im norddeutschen Flachlande noch recht häufig anzutreffen war, dann aber hier fast ausgerottet wurde, als Brutvogel eine Freistatt gefunden. Es ist die einzige Kormoransiedlung in Ostpreußen, die sich dank dem verständnisvollen Schutz durch den Besitzer der Insel seit dem Jahre 1920 entwickelt hat. Im März treffen in jedem Jahr auf der etwa 40 Morgen großen Insel außer den Kormoranen Hunderte von Fischreihern und weit über 1000 Saatkrähen zum Brutgeschäft dort ein. Schwarzmilan und Wanderfalk, Haubentaucher, Stockenten, Gänsejäger und Schellenten vervollständigen das einzigartige Bild dieser Dogelkolonie, die Karl Biehl im Maiheft der Monatsschrift „Der Naturforscher" schil* dert. Die Insel erhebt sich etwa sechs Meter über dem Meeresspiegel und ist mit Schilf und Röhricht umsäumt; ihre Vegetation ist von urwaldartiger Fülle und ihr Bodenwuchs fast undurchdringlich. In den alten Linden, Eichen, Kiefern und Erlen sind die Reiserbauten der Reiher und Kormorane angelegt. Die Horste mit den pelzig-schwarzen Kor- moranjungen, meist zwei bis vier in einem Horst, liegen auf den äußersten trockenen Aesten, daneben die Horste der Fischreiher und auf den niedrigeren Linden dicht übereinander getürmt, die Nester der Saatkrähen. Ständig fliegen die Fischreiher und Kormorane vorüber, die die Jungvögel füttern, manchmal streicht auch ein Wanderfalk mit einer jungen Saatkrähe in den Fängen vorbei. Im September verlassen die Kormorane die Insel, während die Reiher und Saatkrähen sich schon vorher über die Lande verstreut haben.


