ttr. 271 Drittes Statt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 20. November 1937
Aus Der Stadl Gießen.
Gedanken zur Pfundsammlung.
„Ein Pfund Milchreis, bitte," sagt das kleine Mädchen neben mir im Laden. Es ist morgen „Reistag", wie der Berliner Volksmund die Pfund-- sammlung so schön nennt. Dom Hausfrauenstandpunkt ist Reis eine gute Sache. In alle Mahlzeiten fügt er sich ein, ist praktisch, billig, hält sich, macht wenig Arbeit und schmeckt gut. Auch die 30 oder 40 Pfennige spüren der, der's gibt und der, der's erhält. Darum liefern ganze Häuser Reis. Zur Abwechslung sind es auch einmal Erbsen oder Graupen. Mit dem Quittungszettel in der Tischschublade ist die Sache dann erledigt.
Fertig? Wirklich? Stellt Euch einmal vor, ihr seid dlcjenigen, die oll die Reisspenden essen sollen! Wer über 30 Jahre in dieser Arbeit gestanden hat, wie ich, hat manches dabei erlebt. Sehr viele von denen, die noch im vorigen Jahre an der Pfundspende teilnahmen, essen heute ihr sicheres Brot. Also kommt aus den Einzelnen mehr Reis, als damals, denn jeder liefert getreulich weiter. Es gibt aber doch auch anderes, als gerade Reis.
Wenn wir aus dem Reis, den die andern geben, 'eine volle Mahlzeit machen würden? Da haben z. SK Die Leute im Erdgeschoß einen Garten. Sie liefern «einen großen, festen, selbstgeernteten Kohlkopf, oder «auch zwei, der erste Stock stiftet einen Gutschein auf «ein Pfund Ochsenfleisch und alles wird mit dem Reis an eine Tüte getan. Für die Verteilungsstelle ist es einfach, wenn wir außen auf diese zusammen- geseßten Päckchen den Inhalt aufschreiben und bemerken, daß das Päckchen ungeteilt in eine Hand lommen soll. Austeilen ist oft schwerer, als Ein- iammeln
Oder wir stecken heimlich in die Tüte der Nachbarin ein Papierchen mit 26 Pfennigen für die Milch und binden ein halbes Pfund Zucker drauf — und der Milchreis ist fertig. Eine Tüte mit Backobst, mit frischem Obst, eine Flasche Süßmost oder -in Fläschchen Himbeersaft dazu erfreuen sicher «und and gute Zutaten, ebenso sind Konservenbüchsen mit Gemüse am Platz.
Eine Frau brachte einmal eine Tüte selbstgesammelte, getrocknete Pilze, die mit Jubel begrüßt wurden. Wenn dpzu noch eine Büchse Milch kommt, -sst die Pilztunke bald fertig. In die Mehltüte stecken t)ir neben ein Stückchen Butter, das sich vielleicht 2 uch im Haushalt einsparen läßt, das Backpulver, Sewürze, Rosinen und etwas Zucker und 25 Pfen- ■ ige für zwei Eier. Auf die Tüte wird geschrieben: Ein Sonntagskuchen". Einer allein bräuchts nicht m geben, wenn es ihm zu schwer wird, dann hilft !'ie Flurnachbarin mit. Auch ein Päckchen Kakao ist iiin seltenes Blümchen auf dem Lebensweg für ianches Kind. Wer's besser kann, liefert eine Tüte Laffee. Denk nur einmal, wie gern du selber wel- wn trinkst! Außerdem gibts auch Fisch- und Fleisch- Qnserven. Es soll doch einmal was andres fein.
Wir wollen mit der Pfundspende neben wirt- thaftlicher Erleichterung auch Freude ins Haus Gingen und jeder soll merken: wir geben es gern! .^arum putzen wir auch alles nett aus in ein auf- !2hobenes buntes Papier mit einem hübschen Bünd- cien um die graue Tüte, einem grünen Zweiglein n die Saftflasche, wie es unsere Phantasie eingibt, las läßt auch bei der bescheidensten Gabe den (impfängqr fühlen:
Wir stehen einer für den andern und wollen f-lfen, nicht nur nach Kräften mit unferm Geldbeutel, sondern auch mit dem Herzen.
Frida Aisch.
Vornoiizen
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater: 20 bis 22.15 Uhr „Moral". — Glo- nu-Palast, Seltersweg: „Patrioten". — Lichtspiel- lius: „Die unentschuldigte Stunde". — Evangelische (itadtmission, Löberstraße 14: 15 und 20.30 Uhr horträge. — Reichsbund der Kinderreichen, Kreis- wschnitt Gießen: 20.30 Uhr Cafe Leib Großkund- ( bung; Redner: Dr. Paulmann, Kassel. — Ober-
IorischMe im Straßenbau in Oberhessen.
„Das Baujahr 193J der Straßenbauverwaltung für die ehemalige Provinz Oberhessen hat wiederum sehr erfreuliche Fortschritte im Ausbau und bei der Unterhaltung der Straßenzüge gebracht Bei diesen Arbeiten ist auch dem Wirtschaftsleben in unserer engeren Heimat ein bedeutsamer Ansporn gegeben worden, der sich in dem Arbeitseinsatz in zahlreichen Betrieben der Steinindustrie und an den Arbeitsstätten bei d§n verschiedenen Baustellen gut auswirkte. Insgesamt konnte die Straßenbauver- waltung der einstigen Provinz Oberhessen die ansehnliche Summe von drei Millionen Mark durch ihren Haushalt für 1937 für die verschiedensten Bauarbeiten dem Wirtschaftsleben zuführen. Don dieser Summe entfallen auf die Reichsstraßen rund 1330 000 Mark, auf die Landstraßen erster Ordnung rund 1 Million Mark und auf die Landstraßen zweiter Ordnung rund 700 000 Mark.
An Ausbau-, Umbau- und Erneuerungsarbeiten wurden im einzelnen folgende Leistungen vollbracht:
Reichsstraßen:
Zwischen Laubach und Schotten 1,4 Kilometer Kleinpflaster: zwischen Schotten und Gedern 1,8 Kilometer Kleinpflaster; zwischen Laubach und Freienseen 3,9 Kilometer Asphaltbeton, zwischen Schotten und Gedern 9,8 Kilometer Asphaltbeton^ zwischen Laubach und Freienseen 2 Kilometer Kur- oenumbau; zwischen Schotten und Gedern 800 Meter Kurvenumbau. In der Ortsdurchfahrt Rieder- Florstadt wurde ein Brückenneubau durchgeführt. In der Nähe von Alsfeld wurden 600 Meter Stra- ßenverlegung mit Kleinpflasterherstellung geleistet.
Landstraßen erster Ordnung:
Zwischen Gießen und Steinbach 6,3 Kilometer Verbreiterung in Kleinpflaster; in der Nähe von
Echzell 2,5 Kilometer Kleinpflaster; zwischen Büdingen und Rinderbügen 3 Kilometer Kleinpflaster; zwischen Grünberg und Röthges 1,8 Kilometer Oberflächen-Ueberzug.
Landstraßen zweiter Ordnung:
Kreis Alsfeld: Straßenverlegung in Gemarkung Windhausen; Straßenregulierung zwischen Eudorf—Berfa; Böschungsregulierungen, Durchlaßherstellung zwischen Gontershausen und Haarhausen.
Kreis Büdingen: Kurvenregulierung bei Pferdsbach. Fahrbahnverbefferung in Ortsdurchfahrt Heuchelheim
Kreis Friedberg: Kurvenumbau zwischen Schwalheim—Dorheim. Kurvenumbau in Ortsdurchfahrt Harheim.
Kreis Gießen: Herstellung einer Oberflächen- fchutzfchicht in Großen-Linden = 200 Meter. Herstellung einer Oberflächenschutzschicht zwischen Lich— Garbenteich-500 Meter. Herstellung einer Oberflächenschutzschicht zwischen Langsdorf—Bettenhausen - 2500 Meter. Verbreiterung von zwei Brücken zwischen Lich und Albach. Verbreiterung von einer Brücke in Arnsburg.
Kreis Lauterbach: Herstellung eines Oberflächenüberzuges in Lauterbach. Kurvenumbau zwischen Fleschenbach—Freiensteinau. Kurvenumbau und Verbreiterung in Ortsdurchfahrt Crainfeld. Herstellung von Pflaster in Herbstein.
Kreis Schotten: Herstellung einer Asphalt- betondecke zwischen Schotten—Rudingshain - 2,727 Kilometer (Rennstrecke). Straßenverbreiterung Unter-Seibertenrod—Stumpertenrod.
hessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brandplatz.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 12 bis 12.45 Uhr, 5. Morgenveranstaltung, Gedenkfeier der Wehrmacht am Totensonntag; 19 bis 21.15 Uhr: „Uta von Naumburg". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Patrioten". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die unentschuldigte Stunde". — Evang. Stadtmission (Loeberstraße 14): 15 und 20.30 Uhr Vorträge. — Verein ehemal. 116er Gießen: 13.10 Uhr 21 ntreten Kameradschaftsheim zur Weihe des Gedenksteines. — Arbeitsgemeinschaft Gießener Soldatenkameradschaften: 13.30 Uhr Antreten am Liedigdenkmal zur Weihe des Krieger- Ehrenmals auf dem Neuen Friedhof — Offiziers- verein Gießen 1914: 14.30 Uhr Teilnahme an der Weihe des Ehrenmals. — Artilleristen-Kamerad- schaft 1895 Gießen: 13.10 Uhr Antreten „Hessischer Hof" zur Teilnahme an der Denkmalsweihe. — Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brandplatz.
Skadlthealer Gießen
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend zum letztenmal die Aufführung der Komödie „Moral" von Ludwig Thoma. Spielleitung Hans Geißler. Bühnenbild Karl Löffler, Diese Vorstellung findet gleichzeitig für die KdF.-Miete Gruppe I (4. Vorstellung) statt. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen, auch Samstag nachmittag, von 17 bis 18 Uhr. Beginn 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr.
Am Sonntag, 21. November, findet die 5. Morgenveranstaltung der Spielzeit „Gedenkfeier der Wehrmacht am Totensonntag" unter der Leitung des Standortältesten Gießens statt. Die Gedenkfeier bringt die „Egmont"-Ouvertüre, Chöre, Märsche, Vorlesung aus Kriegsbüchern. Es wirken mit: das Musikkorps des JR. 116 unter Leitung von Musikmeister Wohlfahrt, Offiziere und Mannschaften der Garnison Gießen. Platzmieter auf allen Plätzen 25 Pfennig. Hitler-Jugend und BDM. erhalten aus den Ausweis des Theaterrings Karten zu 25 Pf Wir machen darauf aufmerksam daß die Morgenveranstaltung um 12 Uhr beginnt, Ende
12.45 Uhr. — Am Abend Wiederholung „Uta von Naumburg", Schauspiel von Felix Dhünen. Spielleitung Dr. Erich Schumacher. Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr, Ende 21.15 Uhr und findet außer Miete statt.
Montag, 22. November, Anfang 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr, Theaterring der Hitler-Jugend, 3. Vorstellung, „Der Wildschütz", Komische Oper von Lortzing. Kein freier Kartenverkauf.
3X5(5. „Kraft durch Freude".
, Theatervorstellung.
Samstag, den 20.11.1937, im Stadttheater Gießen „TNoral", 'Lustspiel von Ludwig Thoma. Karten zu 90 Pf. und 1,— Mark sind auf der Kreisdienststelle erhältlich. 7613D
Volksbildungsstätte.
handharmonikakurs. Es können sich noch Teilnehmer für chromatische und diatonische Instrumente anmelden. Beginn für diatonische Handharmonika Mittwoch, den 24.11. 1937, 20 Uhr, Goetheschule.
Zeichenkucs. Der erste Kurs beginnt in zirka 10 Tagen. Es können sich noch einige Teilnehmer für diesen Kurs anmelden. Kosten: 10 Doppelstunden 5— Mark.
Sportamt 3X5(5. „Kraft durch Freude".
Am Sonnabend, dem 27. November, 20.30 bis 21.30 Uhr, beginnt im Universitäts-Reitinstitut, Brandplatz, unser Ski-Trockenkursus für Männer und Frauen. DAF.-Gebühr für 5 Unterrichtsstunden 3— Mark, Normalgebühr 4,— Mark. In der Kur- susgebühr ist die Benutzung der Schneeschuhe einbegriffen. Anmeldungen werden auf dem Sportamt der NSG. „Kraft durch Freude", Schanzenstraße 18, entgegengenommen. 7617D
Großvater Schwalb-Mainzlar 90 Jahre alt.
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* Mainzlar, 20. Nov. Am morgigen Sonntag kann der älteste Einwohner unseres Ortes, Landwirt Ludwig Schwalb (genannt „Herms Dpa") in seltener geistiger und körperlicher Frische seinen 9 0. Geburtstag feiern. Der hochbetagte Mann, der sich im Hause noch sehr nützlich zu machen versteht und unermüdlich bei kleinen Arbeiten in Haus und Garten hilft, erfreut sich im ganzen Dorfe großen Ansehens. Zur Feier seines Geburtstages werden ein Sohn, vier Töchter, sieben Enkelkinder und sieben Urenkelkinder seiner gedenken.
Der Jubilar weiß noch sehr anschaulich und interessant zu erzählen, insbesondere aus jener Zeit, da er als Fuhrmann mit eigenem Gespann in Oberhessen, im hessischen Hinterland, an den Rhein und an den Main fuhr und bis in die 80er Jahre hinein damit sein Brot verdiente. Er erzählt gerne
davon, wie er die heuwagenhoch beladenen Holzkohlenfuhren (die andere ''Fuhrleute nur ungern übernahmen) aus den Wäldern von den Köhlern in die Hüttenwerke von Sieg und Dill brachte, wie er 1866 einmal mit einer Getreidefuhre nach Siegen unterwegs war, weil dort das Brot wegen Sperrung des Güterverkehrs knapp geworden war und wie er auf dieser Fahrt von den Preußen mit dem Bajonett hart angegangen worden war, bis er sich mit einem Schein des Kreisamtes ausweisen konnte. Er erlebte die Nacht mit, in der im Kriege 1866 die Bayern Frankfurt, räumten und am andern Morgen die Preußen Einzug hielten. Noch manches, andere hat er in feiner Erinnerung gut bewahrt und erzählt gerne davon.
NG -Lehrerbund Kreis Gießen.
Mittwoch, 24. November, 17.30 Uhr, im Sing- faal des Realgymnasiums Kreisversammlung der Fachschaft II (Höhere Schule). Vortrag des Herrn Rektors Siegfried: „Der Wehrgedanke in der Schule". Gäste willkommen!
„Patrioten."
Gloria-Palast.
Frühjahr 1918. Der deutsche Fliegerleutnant Peter Romann wird bei einem nächtlichen Angriff mit V nem Bombenflugzeug von französischen Flakdat- Icien abgeschossen, wird verwundet, kommt aber rrit dem Leben davon, rafft sich auf, flieht, wirft b'S Uniform weg, als er eine Vogelscheuche findet, irit deren Fetzen er sich bekleidet, entgeht einer Greife von Feldgendarmen und bleibt endlich, nach D»Ien Stunden, völlig erschöpft auf der Landstraße iiyen. Da kommt eine französische Fronttheatertruppe m t zwei Autos dahergefahren; unter den Schnupf elern befindet sich ein junges Fräulein namens tn&refe, die sieht den jungen Menschen und glaubt oum ersten Augenblick an, den habe — so sind ihre dienen Worte hernach — der liebe Gott für sie 1 Bitten auf die Straße gelegt. Therese besiegt alle Aiiderstände sie setzt durch, «daß Peter mitgenom- mi-n wird, sie pflegt ihn, sie sorgt für ihn, fie'bringt hi dahin, daß er (auf ein Weilchen) seine Flucht- libanfen vergißt, sie verschafft ihm einen falschen Z ß, sie rettet ihn vor der Gendarmerie und dem mißtrauischen Ortskommandanten, sie bringt ihn so- lot in das kleine Ensemble, das da in einem toppenneft hinter der französischen Front vor den ilus Theater spielt. Aber während der Vorstellig, gerade in Peters lächerlich armseligen Zwi- t°natt=2Iuftritt mit der Mundharmonika, dröh- Kfi plötzlich schwere Einschläge, bellen die französi- jäsen Flaks: Fliegeralarm! Die Deutschen sind wie-
da und greifen an: Peters Kameraden. Der flickt mit den andern im Keller, und während Eierefe in Angst und Sorge und Liebe sich an ) schmiegt, denkt er in dem Heulen und Krachen e schweren Bomben immer nur das eine: Flucht r jeden Preis, heim — an die Front, zum Ge- twader zurück. Es gelingt ihm an ein paar s itsche Gefangene heranzukommen, die in dem Ort reifen, und mit ihnen die Flucht zu verabreden, über der Tenor der Truppe, dem der Fremde längst rldächtig war, findet ein deutsches Geldstück von 3dter und wittert sofort Spionage Therese, jäh er- h'eckt 'unb verstört, greift noch einmal ein und llLhrt von Petör die ganze Wahrheit: daß er fein Spion ist. aber ein deutscher Offizier auf der Flucht iiiöie Front zurück. Nun sind atie Masken gefallen, lai’i nun tut sich der Konflikt auf zwischen der Liebe zu (rem Menschen und der Liebe zum Vaterlande — p: en wie drüben —, der Konflikt, vor dem es kein tisroeidjen gibt und keine Kompromißlösung im ßi ne eines konventionellen happy end Therese ti3 „ihren" Gefangenen melden, dessen verzwei
felte Flucht abermals mißlingt. In einer großen, hochdrämatischen Szene vor dem französischen Kriegsgericht geht es auf Tod und Leben, da die Anklage gegen Peter auf Spionage lautet. Aber Therese setzt sich mit aller Kraft und Leidenschaft ihres großen und reinen Gefühls für Peter ein, und das Kriegsgericht ist menschenkennerisch und ritterlich genug, zu spüren, was hier Wahrheit und was Verleumdung ist: man glaubt dem Angeklagten auf sein Wort als Offizier und spricht ihn von'der Anklage der Spionage frei; er wird in ein Gefangenlager gebracht. Und einmal wird der Krieg zu Ende sein. — Es kann sich hier kaum um die Ueberlegung handeln, ob das alles im Frühjahr 1918 wirklich so geschehen ist; im Frühjahr 18 hat es sich um andere, größere Entscheidungen gehandelt, nicht um das Schicksal zweier Menschen allein. Aehnliche Fälle hat es gewiß im Kriege gegeben, und wesentlich scheint uns, daß in diesem Film, den PH. L. M a y r i n g und Felix Lützkendorf nach einer Idee von Karl Ritter geschrieben haben, zwei lebendige und starke Gefühlsströme sichtbar gemacht, gegeneinandergestellt und in ihrer entscheidenden Ueberschneidung auf eine saubere und anständige Weise von einander geschieden werden. Das hat der Spielleiter Karl Ritter ausgezeichnet herausgearbeitet; er hat der Fabel eine mitnehmende innere wie äußere Spannung gegeben und ein feines Gefühl bewiesen für Stimmungen und Schauplätze Der Fliegerangriff, Absturz und Flucht, die eigentümliche Schmieren-Atmosphäre des Fronttheaters, das Etappenmilieu, das Kriegsgericht — das ist alles van einer umittelbar zu empfindenden Richtigkeit und Wirklichkeit. — Dem Stil und Niveau der Inszenierung entspricht, die Darstellung in diesem Film genau. Mathias Wieman gibt den Leutnant Thomann in einer Form, die bestechend an seinen Generalstäbler im „Unternehmen Michael" erinnert: knapp, männlich, anständig in jeder Regung; sehr überzeugend dabei das immer Sprungbereite und Gehetzte im Wesen dieses Mannes, auch die große Willensanspannung, die all seine Gedanken und fein Handeln bestimmt. Wunderbar einfach und überzeugend gibt die B a a r o v a das Mädchen Therese; sie ist mit jeder Rolle die der deutsche Film ihr gab, natürlicher, gelöster und menschlicher geworden; die zärtlich-mütterliche Haltung dieser jungen Liebenden, ihre Hingabe und Tapferkeit beherrschen die stärksten Szenen dieses Films. In der Theatertruppe heben sich zwei glänzend gesehene Figuren heraus: die Körber als die freche, kokette, mit instinkthafter Witterung begabte Suzanne, und Dahlke, der Tenor Charles ein feiller Drückeberger, komödiantisch, intrigant und bösartig. — (Ufa.)
Das Beiprogramm bringt neben der neuen Wochenschau einen guten Kulturfilm, einen Vorspann zu „Fanny Elßler" (Lilian Harvey) und, auf der Bühne, die zwei Elans mit einer schmissigen equi- libristischen Nummer. Hans Thyriot
Gießener Giadttheaier.
Noman Niewiarowicz: ,Lch liebe dich."
Dies ist das Stück eines polnischen Autors, der zugleich, wie wir Horen, Schauspieler und Regisseur am Lemberger Stadttheater ist. Die Uebertragung von I. Horst ist bereits an zahlreichen deutschen Theatern gegeben worden. Die drei Akte ereignen sich in einer modernen europäischen Großstadt. Das Besondere an den drei Akten ist, daß nicht mehr als zwei Personen mitspielen. Ein solches Minimum an darstellerischem Aufwand hat es zwar schon früher gegeben, sogar auch in ernsthafteren Zusammenhängen, aber es gibt dem Stück immerhin seine eigene Note und seinen Reiz. Was außerdem noch mitspielt, ist unwichtig, nur telephonisch erreichbar oder glatt erlogen.
*
Gin junger Amerikaner verliebt sich in eine junge Dame. Da er feine normale Gelegenheit findet, ihr seine Liebe zu erklären, wendet er eine für unsere Verhältnisse ungewöhnliche Methode an: er tut ihr auf einem Wohltätigkeitsfest ein Schlafpulver ins Glas und entführt fie, die feinen Widerstand leisten tann, in ein einsames, aber komfortables Weekend- Haus, wo sie wieder zu sich kommt und erfährt, daß sie hier gefangen bleiben werde, bis sie sich entschließen könne, seine Liebe zu erwidern.
Eine weniger romantische als gewalttätige Liebeserklärung. Natürlich ist es klar, daß noch vor dem dritten Vorhang das entscheidende Wort gefallen sein muß, sonst wäre es kein Lustspiel. Der Zuschauer ist also, aus Erfahrung, weniger auf das Ergebnis dieses „Matchs" an sich gespannt als darauf, wie der Autor über die drei Akte hinüberkommt. Er kommt und er macht es mit leidlichem Anstand. Er denkt sich allerlei aus, z. B. läßt er das arme Wesen hungrig dem Frühstück des jungen Herrn zuschauen, von dem sie natürlich nichts nehmen will. Er ist ein Schuft, das steht fest, aber innerhalb von drei Akten muß sie den Schuft lieben, das steht auch fest. Also müssen sie behutsam, Schritt für Schritt, einander genähert werden Der wichtigste Schritt ist ein Trick des jungen Herrn Percy, auf den die kleine Eva glatt hereinfällt: er
wird „krank", muß von ihr gepflegt werden und diktiert ihr sogar sein Testament. Die Amerikaner sind zu allem fähig.
*
Als sie aber den Betrug entdeckt hat, geht sie zum Gegenangriff über, häut ihn ihrerseits übers Ohr und zahlt mit gleicher Münze: mir ein Schlafpulver — dir ein Schlafpulver. Ein drolliges Liebespaar. Als Percy am Morgen unter den Radioklängen der amerikanischen Nationalhymne erwacht, ist bereits der dritte Akt angebrochen und Eva verschwunden. Keine Angst, gleich ist sie wieder da, und jetzt hat sie Oberwasser, macht mit ihm ungefähr das gleiche wie er mit ihr: erster Akt mit vertauschten Rollen, großer Krach, große lieber« raschung, große Liebe, Verlobung, diesmal endgültig, ohne Schlafpulver, dafür mit Dvppelkabine nach USA. —
Herr Löffler hatte für alle drei Akte einen eleganten, geschmackvoll und zweckmäßig eingerichteten Weekendraum geschaffen. Herr K ü'h n e führte Regie; er wandelte das Leitmotiv „I love you" durch alle möglichen Spielarten einer schwerelosen Unterhaltung ab und konnte sogar für ein paar Augenblicke einen leisen Äammerspielton anklingen lassen.
*
Als Eva stellte sich die neuverpflichtete Sentimentale Helga Retschy vor, sehr frisch, sehr jugendlich, sehr beweglich Angegeben an das Abenteuer. Rein theatralisch konnte sie sich kaum eine ergiebigere Rolle wünschen: sie umfaßt von damenhafter Entrüstung und mädchenhafter Sprödigkeit bis zur unverstellten Liebeserklärung ein großes Register. Ein hübscher Anfang. — Für'Herrn Lindt war der Percy wie gemacht: Liebhaber in allen Gestalten, wenn auch mit dem unerschütterlichen Yankee-Englisch, das auf allen Bühnen und in allen Filmateliers zur Umgangssprache gehört. Er machte es reizend und wußte viele Tonarten für die eine Grundmelodie der drei Akte- ich Hebe dich.
Für sehr freundlichen Beifall konnte sich mit bei- ben Darstellern auch der Spielleiter bedanken.
Hans Thyriot.
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Professor Dr. Gustav Neckel, Ordinarius für germanische, insbesondere nordische Philologie an der Universität Göttingen, ist in gleicher Di«>nst- eig"nschaft an die Universität Berlin berufen worden.


