Ur. ?71 Erstes Blatt
187. Jahrgang
Samstag, 20. November 1037
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Oer ungarische Besuch in Berlin.
Von unserem Ac.-Berichterstatter.
Nachdruck verboten!
B u d a p e st, November 1937.
In diesen Tagen treffen der ungarische Ministerpräsident Daranyi und Ungarns Außenminister Kanya zu einem freundschaftlichen Besuche in der Reichshauptstadt ein. Gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt der großen weltpolitischen Entwicklung darf dieser Besuch besonders begrüßt werden. Zeigt er doch, daß Ungarn den Wunsch hat, seine überlieferte Außenpolitik, die seit jeher auf Berlin aus- gerichtet war und ausgerichtet fein mußte, auch weiterhin fortzusetzen. Für jeden ungarischen Ministerpräsidenten und ebenso für jeden ungarischen Außenminister ist es ja stets eine Selbstverständlichkeit gewesen, in erster Linie der befreundeten deutschen Regierung einen Besuch abzustatten. Die beiden ungarischen Minister dürfen daher" eines warmen Empfanges und einer herzlichen Aufnahme gewiß sein, sieht man doch in ihnen die Vertreter eines Volkes, das im Laufe der Geschichte immer wieder in derselben Front wie das deutsche Volk gestanden hat und das sich gegen dieselben Kräfte und Mächte zur Wehr zu setzen hatte, gegen die auch das deutsche Volk kämpfen mußte.
Gerade in diesen Wochen war es ein Jahr her, daß Ministerpräsident D a r a n y i sein schweres Amt übernahm. Er folgte dem zu früh verstorbenen, tatkräftigen Ministerpräsidenten Gömbös nm Amte nach. Er war ja der" ungarischen Oeffentlichkeit kein Unbekannter. Hatte er doch schon leit langem das Ackerbauministerium verwaltet, em Amt, das ihm besonders am Herzen lag und in des- ßen Verwaltung er seit jeher eine besondere Berufung erblickte. Ist doch dieses Amt in der Familie Daranyi sozusagen erblich. Denn schon der Water des heutigen Ministerpräsidenten Daranyi «nar Ackerbauminister gewesen. In seine Amtszeit fallen sogar viele bedeutsame Maßnahmen für die I Förderung der Landwirtschaft Ungarns. Man muß diese Dinge wissen, um die Mentalität des heutigen mgarischen Ministerpräsidenten Daranyi zu ver- 1 "tehen.
Aus dieser Entwicklung heraus ist Ministerpräsident Daranyi ein Staatsmann geworden, der stark. . it der Ueberlieferung einer großen Vergangenheit wurzelt und bestrebt ist, diese große Vergangen- ,eit soweit als möglich auf die Gegenwart zu übertragen. So kommt es, daß die gemäßigten Mittel- Gruppen, die ja ebenfalls ihre politische Aktivität riehr aus dem Bewußtsein einer großen Vergangen- Beit entwickeln, die Betrauung Daranyis mit dem Ilmte des Ministerpräsidenten mit besonderer Genugtuung begrüßten. So schrieb damals beim Amtsuntritt des Ministerpräsidenten Daranyi der offiziöse „Pester Lloyd", nun könne man erwarten, daß wieder mit liberaleren Methoden in Ungarn regiert nnb daß das Gerede von der Möglichkeit einer Diktatur verstummen werde.
Tatsache ist denn auch, daß sich im Laufe des irften Jahres der Regierung Daranyi die Gegen- lntze zwischen Regierung und Linksopposition ein oenig verringerten. Statt dessen haben sich nun ciber freilich neue Gegensätze zu der inzwischen her- «ngereiften Rechtsopposition herausgebildet. Von ler Entwicklung der nächsten Zeit wird es abhän- cen, in welchem Maße diese Spannungen die Po- ! 1 Hf der Regierung Daranyis werden beeinflussen Irinnen. Bemerkenswert ist immerhin, daß in aller- jüngster Zeit die Regierung Daranyi das Bestreben cm den Tag legte, beiden Oppositionsgruvpen so- Beeit als möglich den Anlaß zu schärferer Kritik an her Regierung und ihren Taten zu nehmen. So behüteten die letzten Maßnahmen gegen die ostjü- kische Einwanderung Ungarns zweifellos eine Entlüftung der Regierung nach rechts hin, während das tzqenroärtig zur Beratung stehende Staatsschutz- ossetz auch die Linksopposition befriedigen kann. So irroeift sich Ministerpräsident Daranyi immer wie- b»r als der Mann des Ausgleichs, als ein ruhig und kühl abwägender Staatsmann, dessen Zielsetzungen in dem Wunsche gipfeln, das Land Dor Erschütterungen jeglicher Art zu bewahren.
Auch der dem Ministerpräsidenten zur Seite sishende Außenminister Kanya ist auf das gleiche Ziel gerichtet. Und auch für ihn gilt, was die Ent- aicklungsgründe anlangt, aus denen feine Außen- pulitif erwächst, dasselbe wie für den Ministerpräsidenten. Auch Kanya ist der Exponent einer gro- B n Ueberlieferung. Schon feit mehr als vier Jahr- zlhnten steht Außenminister Kanya im diplomati- scyen Dienst. In der Schule des k. und k. Außenministeriums in Wien aufgewachsen, beherrscht er d»e Apparatur und die Technik des außenpolitischen Betriebes wie nur wenige. Und schon seit jeher galt diis Urteil des heutigen ungarischen Außenministers b: sonders viel bei den Männern, die einst noch die gwße Doppelmonarchie regierten.
War doch Kanya der Leiter des sogenannten L terarischen Büros am Ballhausplatz, d. h der freffeabteil.ung, die damals, wie es sich MS den außenpolitischen Verhältnissen ergab, einen trsit größeren Aufgabenkreis hatte, als etwa die Ereffeabteilung im heutigen Außenministerium in Budapest oder in Wien. Ein glänzender Diplomat di ch in den äußeren Formen darf Außenminister 'lunya vor allem als ein Meister in der Kunst des ^rmulierens angesehen werden, jener >Kunst, die ja qtarabe in diesem Amte von besonderer Bedeutung fi Aus dieser hier angedeuteten beruflichen Cnt- Drflung des heutigen ungarischen Außenministers ’rjibt sich ebenfalls eine starke Gebundenheit an ii e große und glanzvolle Ueberlieferung.
Der Besuch der beiden ungarischen Staatsmän-
Der japanische Vormarsch aus Nanking
Tokio, 20. Nov. (DNB. Funkspruch. Ostasien- dienst des DNB.) Extrablätter melden, daß die japanischen Truppen in Sutschau bereits Fuß gefaßt Haden und daß auf der Linie T f ch a n g - fhu — Sutfchau — Wukiang ebenfalls große Fortschritte erzielt worden sind. Teile der nördlichen von Schanghai gelandeten Einheiten haben das im Norden von Tfchangfhu gelegene F u f ch a n erreicht und rücken längs der Küste auf K i a n g y i n vor. Kiangyin beherrscht als gröhles Fort im Vorgelände der Festung Nanking nicht nur den Jangtse, sondern stellt gleichzeitig auch die Schlüsselstellung der befestigten Linie Kiangyin—Wusch dar.
Die Räumung Nankings in vollem Gange.
Die Geschäftsstraßen verödet und menschenleer.
Nanking, 19. Nov. (DNB.) Da zur Zeit in Nanking starke Regenfälle niedergehen und die Sicht verringern, konnte die Räumung der Stadt ohne Störungen durch japanische Luftangriffe vor sich -gehen. Nachdem in den letzten drei Tagen der Hauptteil der chinesischen Bevölkerung, der von amtlicher Seite auf annähernd 200 000 Personen geschätzt wird, die Stadt verlassen hat, flaute der Flüchtlingsstrom etwas ab. Die sonst dicht bevölkerte Südstaot Nankings macht jetzt einen verödeten Eindruck. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, die Schaufensterscheiben mit dicken Bretterverschlägen vernagelt. Sämtliche chinesischen Zeitungen Haden ihr Erscheinen- eingestellt ober ihren Betrieb stark eingeschränkt; die einzige englischsprachige Chinazeitung erscheint nicht mehr. Somit stellt der Rundfunk den Hauptübermittler von Nachrichten dar. De*. Postverkehr mit Schanghai wird durch Pangtse-Dampser aufrechterhalten, bauert aber fast eine Woche. Die Mehrzahl der chinesischen Bankfilialen hat geschlossen. Lediglich die Transportunternehmungen und die Rikscha-Kulis können bei den rapid ansteigenden Preisen ein blühendes Geschäft melden.
Alle M i n i ft e r i e n sowie Behörden haben ihre Dienstzimmer bis auf einen kleinen Stab von etwa zehn Beamten geräumt, das Gros der Beamtenschaft befindet sich bereits auf dem Wege nach den Häfen des mittleren Jangtse. Am Freitag wurde das Stadtbild hauptsächlich durch starke Truppenbewegungen beherrscht. Truppenkontingente, die anscheinend von der Nordfront herbeigeholt worden waren, passierten bei ihrem Marsch an die Sutsch au front die Stadt oder wurden zur weiteren Verstärkung der Garnison-in Nanking festgehalten. Die letzten Meldungen von der Sutschaufront berichten von erneuten Durchbruchsoersuchen der Japaner.
Von deutscher ©eite faitben weitere Einschiffungen auf einem zur Verfügung stehenden Dampfer statt. Auch die anderen ausländischen Kolonien sind in Richtung Han kau abgereift. Zwei Kanonenboote der USA.Marine befinden sich auf der Fahrt nach Nanking. *
„Kampf bis zum äußersten", lautet zwar die Parole, die T s ch i a n g k a i s ch e k, der von Negierungsgeschäften nunmehr entlastete chinesische Gene-
ner in Berlin fällt nun gerade in eine Zeit besonderer außenpolitischer Aktivität im Donauraum. Nachdem durch die Festigung und Untermauerung der Achse Berlin — Rom der zwischenstaatlichen Entwicklung in Europa neue Impulse gegeben wurden, ist allenthalben im Donauraum eine von Woche zu Woche wachsende diplomatische Aktivität zu beobachten. Versuchen doch allerlei Kräfte verschiedenster Herkunft, jeden weiteren Ausbau der Politik der Achse Berlin—Rom aufzuhalten, wenn nicht gar unmöglich zu machen. Das Probierfeld für diese Bestrebungen ist nun neben Oesterreich in letzter Zeit in besonderem Maße Ungarn geworden. Gerade angesichts dieser Tatsache darf der Besuch der beiden ungarischen Staatsmänner m Berlin allein schon als solcher als politische Willenskundgebung angesehen werden. Und gerade die Tatsache, daß als Vertreter Ungarn zwei Staatsmänner nach Berlin kommen, die ihre politischen Zielsetzungen aus den Gegebenheiten einer großen Veraangen- heit entwickeln, darf als eine Gewähr dafür betrachtet werden, daß dieser Besuch und seine Auswirkungen der überlieferten deutsch-ungarischen Freundschaft entsprechen.
Frankreichs außenpolitische Linie.
Vertrauensvotum
für das Kabinett (Lstautemps.
Paris, 19. Nov. (DNB.) In der Kammer erklärte Außenminister D e 1 b o s , daß die Außenpolitik der Regierung sich, in die Worte „Verteidigung des Friedens" zusammenfassen lasse. Der Friede lasse sich nicht durch Verzichtleistungen erkaufen. Die Regierung habe die Rüstung«- a n ft r e n-g u n g e n fortgesetzt, die so lange nötig fein würden, bis die Kontrolle und die Beschränkung der Rüstungen eingeführt sei. Die Regierung habe trotzdem keinerlei Möglichkeit der Versöhnung
ralismus soeben ausgegeben hat. Aber es ist zum mindesten eine Frage, ob den Chinesen nach den schweren Niederlagen der letzten 14 Tage überhaupt noch bie Mittel bleiben, um einen Verzweifi lungskampf zu führen. Denn es ist nicht nur der Verlust der fünf nordchinesischen Provinzen und der größten Handelsmetropole Ostasiens, Schanghais, zu verzeichnen, durch welch letzteren die Nanking-Regierung ja unter anderem auch von der Zentralbank abgeschnitten ist. Und es kommt auch nicht nur der aller Voraussicht nach unaufhaltsame Fall der Hauptstadt Nanking hinzu, deren Eroberung durch die Japaner einen mehr prestigemäßigen Erfolg darstellen wird. Vielmehr sind entscheidend die beiden Tatsachen, daß der größte Teil der chinesischen Luftwaffe nicht mehr aktionsfähig ist, sowie daß die Verluste der Chinesen an kampffähigen Mannschaften sehr groß sind und die Fortführung des Krieges für Nanking je länger je mehr ein finanziel - les Problem darftellt. Die finanziellen Reserven der chinesischen Regierung sind nach dem Verlust der Schanghaier Zentralbank so stark zusammengeschmolzen, daß man sich in Regierungskreisen ernste Sorge macht. Ferner zeigen sich immer stärkere Mängel in der Munitionsversorgung.
Das „Kaiser iche HauAtquartz er"
Japan hat seine militärischen, finanziellen, wirtschaftlichen und verwaltungsmäßigen Interessen jetzt in einer neuen Institution vereinigt, dem „Kaiserlichen Hauptquartier", um allen Anforderungen des Konfliktes mit China gewachsen zu sein. Das „Kaiserliche Hauptquartier" stellt also eine A r t Kriegskabinett dar, das sich bis zu einem gewissen Grade gegen das ständige Ministerium absetzt. Ursprünglich war nur daran gedacht worden, das Kriegs- und Marine-Ministerium zusammen mit dem Ministerpräsidenten in dem „Kaiserlichen Hauptquartier" vertreten zu lassen. Dem Ministerpräsidenten, Fürsten Ko n o y e, gelang aber eine gewisse Ausweitung. Es wurden in das „Kaiserliche Hauptquartier" auch drei hervorragende Parlamentarier, zwei Finanz und Wirtschafts-Kenner und schließlich der Präsident der Südmandschurischen Eisenbahnen M a t (u o f a berufen. Damit hat es seine doppelte Bedeutung: einmal ist Mat- fuofa aus dem gehobenen diplomatischen Dienst her- oorgegangen und als Leiter der Südmandschurischen Eisenbahnen mit Wirtschaftsfragen eng vertraut; und zum Zweiten ist die Südmandschurische Eisenbahn nicht nur Eisenbahn, sondern mit vielen a n - deren Industrie-, Verkehrs- und Handelsunternehmen in der Mandschurei aufs engste verknüpft.
Sind die erwähnten Staatsmänner und Wirtschaftskenner die Vertreter des „Zivils", so sind auf der anderen Seite das Kriegs- und Marine- Ministerium durch hervorragende Persönlichkeiten vertreten. Insbesondere der frühere Kriegsminister Araki ist nicht nur ein hervorragender Offizier, sondern eine ausgesprochen politische Persönlichkeit. Er trat besonders bei der Besetzung der Mandschurei durch die Japaner hervor und ist der Repräsentant des „Kodo", des Kaiserlichen Weges oder, wie wir sagen würden, der Kaiserlichen Autorität. Weltpolitisch ist bedeutsam, daß die Bildung des „Kaiserlichen Hauptquartiers" als eine Antwort auf die Brüsseler Ostasien-Konfe- renz aufzufassen ist, die zwar eine auf beiden Beinen hinkende, aber doch deutlich japanfeindliche Entschließung gefaßt hat. B. R.
und Verständigung vernachlässigt. Es treffe zu, daß bie kollektive Sicherheit zurückgegangen sei, aber bie Regierung beabsichtige, den Artikel 16 ber Dölkerbundssatzungen zu stärken. Wenn England unb Frankreich nicht immer völlig ibentisch vorgingen, so sei doch bas freie Einvernehmen zwischen Englanb und Frankreich tief. Frankreich müsse sich an bie vorhandenen Friedensgarantien halten. Das sei der Grund für bie Reise des Außenministers nach Warschau, Bukarest und Prag. Er sei glücklich, daß diese Reise ihm die Gelegenheit bieten werde, die Übereinstimmung ber Auffassungen Frankreichs unb ber kleinen Mächte hinsichtlich bes Friedens zu prüfen.
Der ehemalige Ministerpräsident Fl and in bemängelte, daß man die für das Land lebenswichtigen Fragen nicht angeschnitten habe. Schon im Dezember 1936 habe er den Außenminister aufgefordert, bie internationalen Verpflichtungen Frankreichs noch einmal zu überprü» f e n. Flanbin fragte ben Außenminister, ob er keine Verschiedenheit ber Bestrebungen zwischen Paris unb Lonbon insbesondere hinsichtlich ber Spanienkrise befürchte. Die französisch-englische Zusammenarbeit müsse bie Grunblage ber diplomatischen Verhandlungen Frankreichs bleiben. — Ministerpräsident Chautemps betonte seine Solidarität mit Leon Blum. Es sei zur Zeit völlig unmöglich, eine andere Regierungsmehrheit zu bilden. Eine Kampf-Politik, wie sie von einzelnen Rednern gefordert worden sei, lehne er ebenso entschieden ab wie die kostspielige Reformpolitik, bie die Kommunisten wünschten. Chautemps teilte mit, daß die Regelung ber Beziehungen zwischen Kapital unb Arbeit unb bie Unterrichtsreform in Vorbereitung seien. Im übrigen halte sich die Regierung ausschließlich an das Programm ber Volksfront. Die Regierung werbe mit Nachdruck gegen diejenigen vorgehen, die die Gastfreundschaft Frankreichs mißbrauchten. — Bei ber Abstimmung erzielte bie Regierung 399 gegen 16 0 Stimmen. Die Volksfrontparteien einschließlich ber Kommunisten haben für die Regierung gestimmt.
Schrittmacher des Friedens.
Es hat fast ben Anschein, als ob in Englanb das Gefühl dafür die Oberhand gewinne, daß das deutsch-englische Verhältnis einer Klärung bedürfe, bevor man an eine umfassende und tiefgreifende Neuordnung der europäischen Dinge Herangehen könne, ja daß eine deutsch-englische Verständigung das Kernstück eines jeden Versuchs sein müsse, zu solch einer neuen Organisierung des europäischen Friedens vorzustoßen, die nichts mehr gemein haben kann mit ber seit Versailles beliebt gewordenen Einteilung ber Nationen in „Gerechte" unb „Ungerechte" ober mit einem burch abgegriffene Phrasen der Genfer Völkerbundsideologie verbrämten „Sicherheitssystem", das unter völliger Mißachtung der natürlichen Interessen der Völker die Nationen in einer Gemeinschaft zusammenzukoppeln sucht, die den Keim gefährlicher Konflikte schon in sich trägt, weil sie mit Hilfe eines Netzes von Beistandspakten einen Zustand verewigen will, dessen Unfruchtbarkeit längst erwiesen ist, und jede gesunde Fortentwicklung unterbinden soll, bie allein Europa aus einer lähmenben Starre zu losen vermag. Frankreich hat sich nach dem Fehlschlagen seiner Hoffnungen auf eine Fortsetzung des Kriegsblind- nissts mit den beiden angelsächsischen Weltmächten alle Mühe gegeben, das niedergerungene Deutschland rings zu umstellen, es hat nach ber Episode von Locarno sich nicht gescheut, dem dort praktisch gewordenen Gedanken einer auf gemeinsamer Frie-
Ein Querschnitt durch alle Gebiete der Kultur ist die Saukulturausstellung in x der Frankfurter Festhalle.
bensbürgschaft begrünbeten Arbeits- unb Interessengemeinschaft ber vier europäischen Großmächte durch seinen Militärpakt mit der Sowjetunion ben löblichen Schlag zu versetzen, unb es hat nach Erlöschen bes Locarno-Abkommens alle Anstrengungen gemacht, die Beziehungen zu England zu einem regelrechten Bündnis auszubauen, das, als „Rest-Locarno" getarnt, durch gemeinsame Generalstabsabmachungen England Schritt für Schritt wieder dorthin führen sollte, von wo es einst in den verhängnisvollen Julitagen 1914 „mit seiner Ehre verpfändet" ben Absprung in den Weltkrieg vollzogen hat.
Frankreich hat auch nicht gezögert, die Abkühlung des einstmals traditionell freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Englanb und Italien während des von ihm selbst durch die im Dreikönigspakt von 1935 Italien gewährte freie Hand in Ostafrika aus- gelösten Abessinienkonflikts geschickt auszunützen, um ben Gebauten ber Erneuerung ber französisch-englischen Entente corbiale auch in Englanb populär zu machen, unb es hat schließlich während des spanischen Bürgerkriegs nichts unversucht gelassen, aus einer durch laute Propaganda ber Presse konstruierten „Front der drei großen Demokratien" noch jetzt das Bündnis mit den angelsächsischen Weltmächten zu gewinnen, um bas man in Versailles so heiß, aber freilich vergebens gerungen hatte. Unb wie wenig Frankreich auch heute geneigt ist, unter Verzicht auf ben „Kollektivismus", das Allheilmittel aller französischen Sicherheits- / fanatiker, fruchtbareren politischen Gedanken sein Ohr zu öffnen, zeigt einmal ein Blick in bie Pariser Presse, die alle Minen springen läßt, um durch plumpe Verdächtigungen schon ben Versuch einer deutsch-englischen Aussprache zu stören, zum andern bie Ankünbigung einer Osteuropareise bes französischen Außenministers Delbos, ber die recht locker gewordenen Beziehungen zu den alten Verbündeten Frankreichs wieder fester knüpfen soll unb damit erneut beweist, daß die französische Außenpolitik bie ausgefährenen Geleise nicht oerlaffen- will.
In Englanb hat man sich lange ber Erkenntnis verschlossen, baß man an einer Verständigung mit Deutschland nicht vorbeikommt, wenn ber europäische Friebe kein Zuchthausfriebe sein, sondern auf Fundamenten ruhen soll, die aus ben natur» gegebenen Interessen der Völker erwachsen sind. Länger als ein Jahrzehnt hindurch fand England es bequem, die Aufsicht ' über ben europäischen Frieben dem französischen Gendarm anzuvertrauen. Man fühlte sich auch nach der gewaltigen und für England immerhin ungewohnten Anstrengung des Weltkrieges, dessen Rüstung sich England ja schleunigst entledigt hatte, nicht kräftig genug, ein energisches Wort zu wagen oder gar Proteste gegen französische Anmaßungen, wie "ben Ruhreinbruch Poincares, burch entsprechendes Waffenklirren geziemenden Nachdruck zu verleihen. Das Britische Reich hatte nach, dem Weltkrieg Sorgen an allen Ecken und Enden der Welt: die wirtschaftliche Depression daheim, bas Verhältnis zu ben durch ihre Mitwirkung im Kriege selbstbewußt gewordenen Dominions, die Unabhängigkeitsbewegung in Irland, der Verfassungskonflikt" in Indien,' im Nahen Orient bie erwachende arabische Welt, in Oft« afien das politisch und wirtschaftlich sich mächtig vorarbeitende Japan, überall stiegen die Schwierigkeiten turmhoch an, ein nicht geringer Grund für Englands absolutes Ruhebedürsnis in Europa und eine Erklärung dafür, warum Englands Neigung, wichtigen Entscheidungen auszuweichen, oft den Eindruck einer Politik der Entfchlußlofiqkeit, des Hin- unb Herpenbelns und unerwarteter Kursänderungen verstärkte. Erst ber Abessinienkonflikt hat Englanb wieber sehr nachdrücklich an seine europäischen Interessen erinnert. Aber er hat nicht vermocht, daß England von seiner traditionellen politischen Linie der Aushilfen von Fall zu Fall abwich, solange es sich nicht stark genug fühlte, eine Politik bes harten


