Ausgabe 
20.4.1937
 
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Nr. 01 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Ober!)essen-Dienstag. 29.April (937

Symbole einer größeren Zukunft.

Der Führer unh Oberste Befehlshaber verleiht der Wehrmacht 90 neue Truppensahnen.

Berlin, 19. April. (DNB.) Am Vorabend seines Geburtstages verlieh der Führer als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht an Einheiten der ver­schiedensten Waffengattungen 90 Fahnen und Stan­darten. Kurz nach 18 Uhr marschierten von der Leipziger Straße her, wo die beteiligten Formatio­nen Aufstellung genommen hatten, die Abteilungen mit klingendem Spiel auf den Wilhelmplatz. Die verhüllten Fahnen und Standarten nehmen mit der Front zur Reichskanzlei Aufstellung. Nach­dem dem Kommandeur des III. Armeekorps Gene­ral der Artillerie von Witzleben Meldung er­stattet ist und dieser mit den Kommandeuren all der Truppenteile, denen die Fahnen und Standar­ten verliehen werden, vor den Musikzügen Auf­stellung genommen hat, werden die Fahnen enthüllt. Die Wache in der.Alten Reichskanzlei tritt unter Trommelwirbel ans Gewehr. Der Füh­rer kommt, begleitet vom Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generalfeldmarschall v. Blomberg, und den Oberbefehlshabern der drei Wehrmachts­teile und einer Reihe militärischer Ehrengäste.

Kommandorufe ertönen. Unter den Heilrufen der vielen Tausende, die den Platz umsäumt halten, schreitet der Führer die Front der aufgestellten Formationen ab, während Musikzüge die Präsen­tiermärsche aller Regimenter des III. Armeekorps spielen. Dann begibt sich der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht mit seiner Begleitung zu dem in der Platzmitte errichteten Aufbau und 'wendet sich an die hier aufmarschierten Waffenträger des neuen Deutschlands.

Der Führer an die Wehrmacht.

Soldaten! Ihr seid hier angetreten, um die neuen Fahnen entgegenzunehmen. Diese Fah­nen mögen euch dreierlei sagen:

Erstens mögen sie Euch erinnern an die große Vergangenheit. In diesen Fahnen befindet sich jenes eiserne Kreuz, das in so vielen Feldzügen Hunderttausende tapfere Offi­ziere und Mainschaften geschmückt hat. Diese Fahnen erinnern Euch durch dieses Eiserne Kreuz vor allem aber an den größten Feldzug aller Zeiten, an den Weltkrieg. Unsterbliches, unvergängliches Hel­dentum ist mit diesem Zeichen verbunden! Es kann für keinen deutschen Soldaten eine schönere und stolzere Rückerinnerung an dieses größte Erleben geben als dieses Eiserne Kreuz, das sich in Euren neuen Fahnen befindet.

Und zweitens erinnern Euch diese Fahnen a n den großen Kampf der Gegenwart. Es war ein Glück, daß nach dem Zusammenbruch des Jahres 1918 die alten Fahnen eingezogen wurden. So brauchten sie nicht die tratmnfte Zeit des deut­schen Zerfalls zu erleben, der deutschen Ohnmacht, der deutschen Schwäche und der deutschen Erniedrigung. In diesen Jahren der tiefsten Erniedrigung aber begann das Rinnen für ein neues Deut­sches Reich. Wi-'.rend die Umwelt von Krisen durchrüttelt wird, ist in Deutschland ein neues Volk, eine neue Nation geboren worden, Und dieses neue deutsche Volk hat seinen staatlichen Ausdruck gefunden in einem neuen Reich. Was Jahrhunderte vor uns ersehnt hatten, ist heute Wirklichkeit: Ein Volk, ein Reich, ein Gedanke, ein ÄZille und damit auch ein Symbol! Das Haken­kreuz, das Ihr auf Euren Fahnen findet, ist das Zeichen dieses großen inneren Genesungsprozesses, das Zeichen der Wiedergeburt und damit der Wiederauferstehung unseres Volkes. Es ist aber auch das Zeichen, unter dem d i e neue deutsche Wehrmacht entstanden ist. Es ist das Staatssymbol des nationalsozialistischen deut­schen Reiches, dessen Soldaten Ihr seid!

Das dritte, die Geschichte der Zukunft aber, die müßt Ihr nun selber schreiben. Ihr und die Generationen nach Euch, die nun Jahr um Jahr eintreten werden in die Wehrmacht des Deutschen Reiches. Und diese Geschichte der Zukunft, sie muß ebenso stolz sein, wie die der Vergan­genheit. Sie wird leichter sein, weil zum ersten Male nun ein deutsches Volk diese Geschichte formen wird. Die Repräsentanten der Verteidigung und des Kampfes für feine Freiheit und Ehre aber, das seid Ihr, Soldaten der deutschen Wehrmacht. Und damit tragt Ihr in Euren Händen nicht nur das Symbol einer glorreichen Vergangenheit, eines großen Kampfes der Gegenwart, sondern, so Gott will, auch das einer größeren Zukunft.

Die Ueberaabe der Fahnen.

Nachdem der Führer geendet hat, marschieren die Fahnenträger neben ihre Kommandeure. Der Füh­rer begibt sich dann mit dem Generalfeldmarschall von Blomberg und den drei Oberbefehlshabern der Wehrmachtstelle zu den Fahnenabordnungen. Auf dem rechten Flügel stehen die Fahnen der Infan­terie. Ihnen schließen sich die der Artillerie, der Ka­vallerie, der Nachrichtentruppen, der MG.- und Pionierbataillone, der Panzerabwehrabteilungen und Regimenter der Schiffsstammabteilungen, der Fliegergruppen, der Jagd- und Kampfgeschwader, der Flakregimenter, der Nachrichten- und Erpro­bungseinheiten der Luftwaffe aus allen Teilen des Reiches an. Insgesamt sind 63 Feldzeichen des Hee­res, zwei der Kriegsmarine und 25 der Luftwaffe angetreten. Während die Musikkorps Präfentier-

Berlin, 19. April. (DNB.) Aufsehenerregende Enthüllungen über die staatsfeindlichen Umtriebe desFriedensbundes deutscher Kathy- l i k e n" brachte die Zeugenvernehmung des Land­gerichtsdirektors Bork, der in den Jahren 1933 und 1934 als Staatskommissar im Auftrag des Reichsinnenministeriums die in Westdeutschland noch bestehenden, vom Zentrum abhängigen Organisatio­nen, aufzulösen hatte. R o s s a i n t hat sich beson­ders zu dieser Organisation hingezogen gefühlt und er hat auch den Generalsekretär Paulus Lenz, der später nach Paris geflüchtet ist, in den katho­lischen Jugendverbänden sprechen lassen. DerFrie- Vensbund" hatte seinen Sitz in Frankfurt a. M. In seinen Büros, die sich in der Carolus-Druckerei befanden, konnte eine ungeheure Fülle schwer be­lastenden Materials beschlagnahmt werden. Als Hausherren" des Druckereibetriebes traten der frühere Zentrumsabgeordnete Prof. Dessauer, ein Mann jüdischer Abstammung, und Mühlon in die Erscheinung. Mühlon ist, so erklärte Staats­kommissar Bork, wohl der größte und gemeinste Landesverräter, der jemals auf deutschem Boden geboren rouröe! Dor dem Kriege war er als Direk­tor bei Krupp tätig. Während des Krieges floh er nach der Schweiz, weil er für Deutschland nicht kämpfen wollte. In der Schweiz nahm er Verbindung mit der Entente auf und trat später auch in Prais als Deutschenfeind hervor. Er hat in unerhörter Weise alles in den Schmutz gezogen, was uns Deutschen heilig ist. Er hat darin die Lüge von der alleinigen Schuld Deutschlands am Kriege aufgestellt und den Vertrauensmann des Präsidenten Wilson aufgefordert, Deutschland den

märsche spielen, übergibt der Oberste Befehlshaber jedem Kommandeur mit Handschlag die Fahne oder Standarte, die der Fahnenträger ausgenommen hat, während die Fahnenoffiziere Den Degen senken.

Der Reichskriegsminister

Generalfeldmarschall von Blomberg wendet sich an die Soldaten. Er zitiert das alte Soldaten­wortWer auf die Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selbst gehört."Es ist das eine Auszeich­nung und eine Ehre, auf die wir stolz sind und für die wir Ihnen, mein Führer, danken. Mögen diese Fahnen und Standarten, so fährt Generalfeld­marschall von Blomberg fort, immer flattern über Eurer Truppe, die stolz ist auf ihre Vergangenheit, tapfer und bereit in Gegenwart und Zukunft und bis zum letzten Atemzuge treu dem Führer und Dem deütschen Volk e."

Als Treuegelöbnis braust das Sieg-Heil auf den Führer über den Platz, das vieltausendfaches Echo findet. Dann formieren sich die Truppen zum gro­ßen Zapfenstreich. Die Musikkorps marschieren vor das Podium, während vom Ziethen-Platz her in Sechserreihen 300 Fackelträger der Wach- truppe ein feuriges Band um den weiten Platz ziehen. Der Kommandeur der Wachtruppe erstattet dem Führer Meldung. Dann erklingen alte Märsche, die den Auftakt zum Großen Zapfenstreich bilden, der mit dem Gebet schließt. Unter präsen­tiertem Gewehr erklingen die Lieder der Nation. Strammen Schrittes ziehen die Formationen dann mit klingendem Spiel an ihrem Obersten Befehls­haber vorüber.

Krieg zu erklären. Der frühere Zentrums-Reichs­kanzler Dr. Brüning, der sich ebenfalls für Öen Friedensbund" einsetzte und ihm eine Staatssub- oention verschaffte, hat während seiner Reichskanz-t lerschaft den Herrn Mühlon als außenpoli­tischen Berater beschäftigt.

DerFriedensbund" wurde vor dem Kriege ge­gründet und später international aufgezogen. 1917 trat er wieder in Erscheinung, als im Reichstag von den Marxisten und dem Zentrum die sogenannte ErzbergerscheFriedensresolution" beschlossen wurde, jener verräterische Anschlag auf die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes. Im Rahmen desFriedensbundes" sammelte ein Kaplan Magnus Göpper alle Katholiken um sich, die denFrieden um jeden Preis" haben wollten. Nach Kriegsbeendi­gung wurde der Bund in München neu gegründet. Auch in Deutschland gehörten ihm nach den beschlag­nahmten Mitgliederlisten an: 6 Erzbischöfe, 14 Bi­schöfe, 9 Weihbischöfe, 2 Prälaten und etwa 250 weitere katholische Geistliche. DerFriedensbund" trat gegen alle Bestrebungen auf, durch die die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes gefördert werden konnte. 1932 erhob er öffentlichen Protest gegen die Jugendertüchtigung. Der Grundsatz der unbedingten Kriegsdien st Verweigerung stand zwar nicht offen im Programm, wurde aber von allen führenden Mitgliedern vertreten. Gemäß feinem auf völlige Ohnmacht Deutschlands abzielen­den Bestrebungen erkannte derFriedensbund" selbstverständlich auch keine Pflicht zur Verteidigung des Vaterlandes an, und zwaraus allgemeinen Menschheitserwägungen internationaler Natur". Der Pater Strathmann, der stellvertretende Vor-

Der Hochverratsprozeß Rossaint.

Oie Umtriebe desIriedensbundes deutscher Katholiken" vor dem Volksgerichtshof.

fitzende desFriedensbundes, war em unversöhn­licher Deutschenhasser. Er forderte:Man muß den Soldaten ächten, indem man ihm den Gruß ver­weigert; keine deutsche Frau kann einem deutschen Soldaten die Hand geben, ohne zu erschauern."

Oie politische Organisation des nationalen Gpaniens.

Salamanca, 20. April. (DNB. Funkspruch.) Mit der Gründung derFalange Espanol y Ira» dicionalista de las Jones" hat sich das nationale Spanien die Organisation geschaffen, die ver­mittelnd zwischen Staat und Volk steht. In ihr ist die Synthese geschaffen zwischen dem vor­wärtsdrängenden National - Syndikalis­mus, der von der Jugend verkörpert wird und der besten spanischen bodenständigen Tradition, die in erster Linie das Bauernvolk Navarras ver­körpert. Ein Dekret Francos bestimmt, daß die neue Organisation vom Staatschef geführt wird. Dem Sekretariat oblieat der Aufbau der Organisation, die Unterstützung des Staatschefs im organischen Ausbau des Staates und die Unter­stützung in der Regierungsarbeit. Die Hälfte der Mitgliedes des Sekretariats bestimmt der Staats­chef, den Rest wählt der N a t i o n a l r a t. Der Staatschef unterbreitet dem Nationalrat die großen nationalen Probleme. Die bisherigen Milizen der Falange und der Requetes werden zu einer Miliz Bereinigt werden, in die auch die übri­gen, soweit sie sich aktiv am Kriege beteiligt haben, ausgenommen werden können. Die nationale Miliz gilt' als Hilfskraft des Heeres, ihr Oberster Führer ist der Staatschef. Die Miliz wird von einem Ge­neral des Heeres geführt, dem zwei Unterführer aus den Reihen der Falange Tradicionalista zur Seite stehen.

Kleine politische Nachrichten.

Der Führer und Reichskanzler hat den Gauleiter Rudolf Jordan zum Reichs st atthalter in Braunschweig und Anhalt ernannt als Nachfolger des vor IV* Jahren verstorbenen Reichs- ftatthalters Löper. In der Zwischenzeit war der Reichsstatthalter in Thüringen, Gauleiter Sauckel, mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichs­statthalters in Braunschweig und Anhalt beauftragt worden.

Der Führer und Reichskanzler hat an den Sohn des verstorbenen Generals der Artillerie von G a l l w i tz folgendes Beileidstelegramm ge­richtet:- Zum Ableben Ihres Herrn Vaters, des Generals der Artillerie von Gallwitz, spreche ich Ihnen und den Ihrigen meine aufrichtige Anteil­nahme aus. Die hohen Verdienste, die sich der Ver­storbene als Heerführer in Krieg und Frieden um unser Vaterland erworben hat, werden in der Geschichte des deutschen Heeres un­vergessen bleiben.

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Anläßlich des Geburtstages des Führers und Reichskanzlers fand im Geburtshaus Adolf Hitlers in Braunau am Inn eine vom Bund der Reichsdeutschen in Braunau und Um­gebung veranstaltete Geburtstagsfeier statt, zu der auch viele auswärtige Gäste aus dem Deutschen Reich erschienen waren. *

Der Führer hat mit Wirkung vom 20. April 1937 den Führer des SS.-Oberabschnitts Main SS.- Gruppenführer S ch m a u f e r zum SS.-Ober­gruppenführer befördert. Zu SS.-Gruppenführern wurden befördert: SS.-Brigadeführer Kaul, Füh­rer des SS.-Oberabfchnittes Südwest; die Gau­leiter Wächtler, Eggelin g, Bohle und Oberst a. D. Reinhardt, Präsident des Reichs­kriege rbundes. *

Liebeserklärung an die deutschen Kleinstädte.

Von Anton Schnack

Wir finden die Seele der kleinen alten Städte immer mehr. Wir entschließen uns immer mehr, sie zu entdecken und sie zu lieben. Es gibt wunder­bare Stadtbilder kleiner Städte, wie aus Metall und Stein gestochen, ausgeprägt und kühn. Von Krönungen und Geschrei, von Turnieren und Ge­beten, von Thesen und Domglocken, von Schwarz­künstlern und Scharlatanen, von Hochzeiten und Hinrichtungen, von Jahrmärkten und Plünderun­gen, von 'Kriegshaufen, Niederlagen und Bränden hat sich etwas in die Seelen der kleinen Städte geprägt und die Medaille vieler ist solcher Art: schmerzensreich und freudenvoll.

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Da stehen noch Mauern, gegen die dunkler Eisen­sturm rasselte und brüllte; Tore öffnen sich und geigen das geisterhaft glühende Bild eines flüchten­den Ritters; Fenster tuen sich auf, von einer Haube und einem Gesicht ausgefüllt, das sich hinunter­beugt zu einem fahrenden und heimatlosen Sänger. Treppen wirst du finden, wo einstmals etwas Grau­sames ging, ein Schritt, der schwer ist wie Ver­dammnis; ein Schwert klirrt, das rot und feucht ist von Blut; aus der Finsternis eines Gewölbes wird dich etwas anschreien, das aus zugeschnürien Kehlen zu röcheln scheint*

Es gibt hochgebaute und turmreiche Kleinstädte, festliche Kleinstädte, reiche und unverwandelte Kleinstädte, oerschwärzte Kleinstädte, spukhafte und unverwandelte Kleinstädte; es gibt Kleinstädte, einem zugespvnnenen Märchen vergleichbar, kühne und trotzige, ländliche und bäuerische und noch viele andere im Süden und Norden, Osten und Westen sind sie nicht Träumen gleich, zu Stein gewor­den, hochgezackt und giebelgeschichtet, unter dem Mo'ndlicht glänzend und in der Sonne glühend, aus­gestellt gegen die Wipfel blühender Bäume und gespiegelt von den Wellen grüner und blauer Flüsse. .

2Bas tut man in den Kleinstädten? Man baut die Felder, verkauft Kaffee, Kattun, Seife, steht vor Len Türen im Sommer, löscht die Lichter im Wm- -ter früh aus, freut sich, wenn die ersten Stare auf Lern Kasten erscheinen und wird um einen Zug -trauriger, wenn sich die Schwalbenreihen zur Ab­reise nach dem Süden auf den Drähten sammeln. Ach, das Leben ist in fast allen Kleinstädten gleich.

Der November ist schwarz und regenreich, und hat drei Tarockabende in der Woche. Der Dezember macht das Wehr am Fluß stumm die Einsam­keit wird noch inniger. Der Januar hat Schnee geworfen: wie schön ist ein Konzert im Gasthaus­saal! Im April sitzen die Bäume voll Amseln und Staren, die Glut der Kirschen- und Birnbäume ist aufgebrochen und brennt aus allen Gärten und Wallgräben. Im Juni ißt man die ersten Kirschen von den Aesten und die Mädchen geben ihre Lippen zum Kusse hin. Oktober: die Birnen werden reif und man freut sich, wenn man ihren Fall ins Gras am frühen Morgen hört. Die Freuden sind tiefer, die Traurigkeiten größer, die Liebe herzklopfender, die Tage länger, die Nächte einsamer, die Regen­tage zerstörender, und fast wie eine Ewigkeit so groß.

O ihr schönen Kleinstadtdächer, .deren Ziegel wie die Schuppen von bunten Fischen übereinander­liegen! Ich weiß, daß auch unter diesen Dächern, wie unter jedem Dad) menschlicher Behausung, Not und Krankheit, Kummer und Sorgen sich breit­machen. Ich weiß aber auch, daß unter euch Be­haglichkeit und Glück, Zufriedenheit und Demut leben. Unendlich und unzählbar sind die Gedanken, die Sehnsüchte und Träume, die unter eueren Dä­chern in Dichtern, Musikern, Malern geboren wur­den und Gestalt annahmen. Die großen Städte leuchten von Energie und Geist, die kleinen aber sind Seele und Herz. *

Auch ich bin aus Kleinstädten gekommen, auch ich habe in Kleinstädten meine Jugend zugebracht und Kleinstädte bringen noch immer meine Ein­bildungskraft zur Erregung und Entfesselung.

Ich kenne deinen bleiernen Gassenschatten, Klein­stadt; ich weiß wie er schmeckt nach ein wenig Seife, nach den ausgeschwenkten Fässern der Wein- und Essigküfer und nach frischgebackenem Brot.

Ich kenne deine Geräusche das Gebimmel einer Ladenglocke, das Knarren eines Wagens voll Bau­holz, das Hämmern des Schmiedes, das Geschwätz der Kirchengängerinnen.

Ich bin den Tieren näher als sonstwo, den Hand­werkszeugen, den Fischnetzen und anderen Geräten menschlicher Tätigkeit. Ich bin den Ackerfrüchten näher, dem geschnittenen Holz, dem gebrauten Bier, dem Leben und dem Tod. Ich bin näher den Gerüchen: wie schön die offene Wirtstüre mit dem Dust frischgebratenen Fleisches dort ist ein Keller­fenster geöffnet: faule Obstsüße strömt heraus am Schusterfenster wittert die Nase die Herbheit von Leder und Lack den Schritt an der Schrei­nerwerkstätte vorbei begleiteten Harz- und Holzdüfte.

Erinnert ihr euch der Winkel?

Ihr erinnert euch und erinnert euch gleichzeitig aller Eigentümlichkeiten. Blumen und Gegenstände, die ein Winkelleben erfüllen. Wer jemals ein Lie­bender in kleinen Städten war, stand in dem und jenem Winkel und flüsterte und küßte. Ihr erinnert euch der von der Sonne getroffenen Winkel, wo die Katze im senkrechten Strahl saß und sich die Ohren wusch. Winkel der Wäsche gab es, Winkel der weggelegten Dinge, der schwarzen Fäulnis und dem roten Rost preisgegeben; Winkel der Blumen­bretter, Winkel voll blühender Hollunderbüsche, Winkel der spielenden Kinder ach, es gibt ihrer unzählige.

Meine Erinnerungen sind zugleich den sanften Dingen gewidmet, den fließenden Brunnen, den Heiligensäulen, den Blumenrondells, den vor den Türen stehenden Bänken und den Mauermedaillons, worauf verwitterte Schriften von verwitterten Schicksalen erzählen. Sie sind gewidmet den zer­bröckelten Gartenmauern, den Holzstößen an den Hauswänden, den Fässern vor den Wirtshaus­toren und dem Wind, der durch die Wasserspeier faucht.

In den Kleinstädten habe ich die Truhen mit den vergilbten Stoffen und Fächern gefunden; die eisen- beschlagenen Kisten mit den fleckig gewordenen Briefen und den blauen und braunen Marken der Thum- und Taxisschen Postreiterei; die schwarzen Bücher mit Zaubersprüchen und schmerzenden Sagen und die hölzernen Masken der Urgroßväter.

*

Zu euch, Kleinstädte, kommt am liebsten die blaue Schwalbe zurück, auch der wippende Rotschwanz und die zänkische Amsel; denn in euerem Geviert sind die Balken, geeignet für die Nester, ihr streckt die Giebel und Vorsprünge aus, die ein Nest gegen die Raubstöße des Sperbers und den bitteren Ge­witterregen schützen.

Ich kenne euere Treppen gut; denn ich bin sie, die regenbenäfjten, die sonnenbeschienenen, die schneebedeckten, während vieler Jahre hinauf- und hinuntergesprungen. Gebt mir wieder einmal von euerem Zauber! Einmal wieder auf eueren Treppen sitzen, der Betrachtung hingegeben, dem Pfeifenrauch und dem kleinen Klatsch, bis die Dunkelheit die Gestalten der Liebespaare auf die Straße lockt.

*

Damals hatte ich peinigende Vorstellungen von den großen Städten der Ferne mit ihren Abwechse­lungen aus Theater, Konzerten und Kinos. Ich bin von ben kleinen Städten hinweggegangen, viele

aber find geblieben und werden ihr ganzes Leben dort bleiben. Einmal nach Jahren fuhr ich mit dem Auto die holprige Straße der Kleinstadt meiner Jugend entlang. Nach jahrelangem Fortfein ein un­vergeßlicher Eindruck: Augen schauten wie ehedem sehnsüchtig aus den Fenstern und meine schauten sehnsüchtig hinein. Die von drinnen wollten gerne mit dem vorüberfahrenden Auto fortreisen und die von draußen wollten gerne hinter einer der Schei­ben bleiben.

Wie alt ist der Löffel?

Man sollte es nicht glauben, daß es kaum 200 Jahre her fein soll, feit Messer, Gabel und Löffel als Eßbesteck sich auf unseren Tischen einzubürgern begannen. Als einzelnes Gebrauchsgut hat aber jeder der drei Teile eine viel ältere Geschichte, die bis in die Anfänge der Kultur überhaupt zurück­reicht. Dabei ist der Löffel, wie F. Junghans in einem Aufsatz über das Eßgerät im Februar der MonatsschriftAtlantis" ausführt, der älteste. Die frühe Form des Löffels war ein reines Schöpf­gerät, dessen Vorbild wohl die hohle Hand gewesen ist. Schon in der europäischen Steinzeit sind Löffel aus Eberzahn, Hirschhorn, Holz und Ton gefunden worden. Aegypten stellte bereits 5000 Jahre vor Christi Geburt reichgeschmückte Löffel her, und von den Griechen ist bekannt, daß sie Löffel zum Schöp­fen der Brühe benutzten, während die Römer schon einen sehr verschiedenartigen Gebrauch davon mach­ten; sie hatten Eier-, Suppen- und Kochlöffel. Da­gegen blieb der Tischlöffel im Mittelalter lange ein Luxusgerät für die Vornehmen, und er wurde erst im 16. Jahrhundert zusammen mit dem Teller All­gemeingut. Seine Form war nun festgelegt, aber er wurde oft reich verziert. Die reichen Holländer trieben sogar einen besonderen Luxus mit den Löffeln; es wird berichtet, daß sie zu jedem Gedeck sechs bis acht silberne Löffel legten, damit ihnen die Tunke der aufeinanderfolgenden Speisen nicht verloren ging. Freilich wird auch aus jenen alten Zeiten berichtet, daß es üblich war, die Löffel nach­zuzählen, bevor die Gäste nach Hause gingen.

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Der Herr Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat die Dozenten Dr. med. habil. Hermann Albrecht (innere Medizin), Dr. phil. nat. habil. Georg Hahn (organische Chemie), Dr. med. habil. Hans Schreiber (Anatomie und Entwicklungsgeschichte) zu nichtbeamteten außerordentlichen Professoren an der Universität Frankfurt ernannt