Einkommensteuer zu niedrige steuerpflichtige Werte angegeben und auf diese Weise 2300 Murk hinter- zogen zu haben In der Hauptoerhandlung mußte er, der bis zum Jahre 1934 mit seinem Vater gemeinschaftlich ein Geschäft betrieben, sich dann aber selbständig gemacht hatte, zugeben, wenige oder gar keine Bücher und sonstige Aufnahmen geführt zu haben. Er gab an sich zu, leinen Umsatz im Bausch und Bogen geschätzt und diesen Betrag dem Finanzamt angegeben zu haben. Im übrigen behauptete er, daß ein großer Teil der in Frage stehenden Summe nicht in seinem, sondern in dem Geschäft seines inzwischen verstorbenen Vaters entstanden sei, da dieser den weitaus größeren Umsatz gehabt habe. Er habe sich von dem Gedanken leiten lassen, daß das Finanzamt ihn schon in der seinem Umsatz entsprechenden Höhe nachveranlagen werde.
Da jegliche Unterlagen fehlten, mußte das Gericht bei der Berechnung der hinterzogenen Summe tue eigenen Angaben des Angeklagten zugrunde legen und kam dabei — entgegen der Auffassung der Steuerbehörde — nur zu einem Betrag von rund 1500 Mark. Diese Summe bildete daher die alleinige Grundlage des Verfahrens. Das Gericht trug keine Bedenken, die Schuldfrage zu bejahen, und zwar auch für den Fall, daß der weitaus größere Teil der hinterzogenen Summe aus dem Geschäft des Vaters herrühre, da der Angeklagte als dessen Geschäftsführer sich dann der Mittäterschaft schuldig gemacht hätte. Bezüglich der Strafhöhe hielt das Gericht die anderthalbfache Summe des hinter- zogenen Betrages für angemessen und erkannte somit auf eine Geldstrafe von 2300 Mark.
Asien-Amerika—Europa
Weltpolttische Hintergründe und Ausblicke.
Der Goethe-Bund und Kaufmännische Verein in Gießen hat am gestrigen Montag mit einem stark besuchten Vortragsabend in der Neuen Aula seine Tätigkeit des Winters 1937/38 eröffnet. Als Vortragenden hatte er in dem bekannten deutschen Forschungsreisenden und Schriftsteller Dr. Colin Roß einen Mann gewonnen, der sich auf seinen Reisen während dreier Jahrzehnte in allen Teilen der Welt gründlich umgeschaut hat und dadurch in der Lage ist, manches Neue und Beachtenswerte über weltpolitische Entwicklungen und Perspektiven zu sagen.
In seinem gestrigen, etwa zweistündigen Vortrag behandelte Colin Roß ein Thema, das in unserer Zeit besonders aktuell ist: die Entwicklungen im Fernen Osten, deren Rückwirkungen auf andere Erdteile, einschließlich Europa, und die gewaltige Verlagerung in den Beziehungen des weißen Mannes zu den farbiaen Völkern. Um bei dem Letzteren zu beginnen, stellte Colin R o ß an die Spitze seiner aufschlußreichen Darlegungen die Tatsache, daß gegenüber der Zeit vor dem Weltkriege, in welcher der weiße Mann bei allen farbigen Völkern gewissermaßen als Halbgott galt und in keiner Weise den Gesetzen oder der Gerichtsbarkeit seines Aufenthaltslandes unterstand, heute das Ansehen und die Geltung der Weißen bei allen farbigen Völkern geschwunden sind, die farbige Welt immer mehr erwacht ist und sich immer stärker freimacht von der weißen Herrschaft.
Deutlich machte der Vortragende diese Entwicklung sichtbar bei der eingehenden Schilderung der tiefgreifenden Verlagerungen in Asien und auf dem amerikanischen Kontinent. Die Hörer bekamen bei dieser Schilderung einen starken Begriff von der Bedeutung dessen, was in Europa als „dos erwachende Asien" bezeichnet wird. Man wurde mit den Hintergründen der gegenwärtigen Auseinandersetzung zwischen Japan und China bekanntgemacht, lernte auf der einen Seite die große Raumnot des aufstrebenden japanischen Volkes kennen, konnte an Hand des anschaulichen Berichts des Vortragenden im Geiste die großen leeren Räume der Inseln zwischen Japan und Australien schauen, von denen aber die imperialistische Politik der Engländer und Amerikaner das japanische Volk abdrängte, das mmmehr die Brücke nach Westen, nämlich nach den weiten und leeren Räumen des asiatischen Festlandes, beschreiten mußte, hier jedoch mit China in Gegensatz geriet, der von den Sowjetrussen sofort für ihre Zwecke und Ziele ausgenutzt wurde. In einem großen Ueberblick, der die Entwicklung in den verschiedenen Räumen und Staatsgebieten Asiens umfaßte, gab der Vortragende dann interessante Aufschlüsse über die Ursachen und Entwicklungsgänge des Wiedereintritts Asiens als entscheidender Faktor in der Weltpolitik.
Im zweiten Teil lenkte der Redner die Aufmerksamkeit seiner Hörer auf die in mancherlei Grund- zügen gleichgerichteten Entwicklungen und rasse- mäßigen Verlagerungen auf dem amerikanischen Kontinent, insbesondere in den weiten Räumen in Südamerika und auf den Inseln jener Zonen. Auch hierbei erfuhren die Hörer von einem gewaltigen Rückgang der weißen Bevölkerung gegenüber Der roten, insbesondere der schwarzen Rasse, und von einer entsprechenden Minderung der Geltung und des Einflusses des weißen Mannes, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch unter dem Gesichtswinkel der weltpolitischen Gestaltung und aller daraus sich ergebenden Folgen. Besonders
fesselnd war in diesem Zusammenhänge die Schilderung des Redners über den „Balkan" Amerikas und über die weitreichenden Auswirkungen der Umwälzungen auf dem Gebiete der Raffen, die in vielerlei Fäden auch die pazifische und die fernöstliche Politik Amerikas berühren.
Der Schlußteil des Abends war einer umfassenden Betrachtung der Rückwirkungen dieses neuen Werdens in der Welt auf Europa gewidmet. Dabei beleuchtete der Redner die großen Linien der Politik der europäischen Mächte, insbesondere die Rollen, die England und Sowjetrußland bei der Umschichtung in Asien spielen, ferner die Erkenntnisse, die sich unter dem höheren Gesicht^iunkt des europäischen Gesamtinteresses an der Verlagerung der politisch-wirtschafllichen Kraftlinien und bei der
Jhttn ftieraben# opfern hunbecttaufenbe MW.-Walter und -Reifer dem Dienfl fürs Volk.
Und was tust Du!
Gestaltung des Weltbildes des 20. Jahrhunderts ergeben. Der Vortragende kam bei feinen weit ausgreifenden, auf vieljährige Beobachtungen und Eindrücke in aller Welt gestützten Schlußfolgerungen zu dem Ergebnis, daß der Gedanke, der im vorigen Jahrhundert herrschenden Demokratie und Welthumanität heute vollständig überlebt und für die Lösung der großen Aufgaben des neuen Werdens in der Weltpolitik unbrauchbar ist. Er betonte, daß das Geistesgut und die Grundsätze einer Staatsführung, die in den Begriffen des Faschismus und des Nationalsozialismus enthalten sind, bei der Neuordnung des Weltbildes und der weltpolitischen Entwicklungen führend und richtungebend sein werden. Er unterstrich dabei die Richtigkeit des Ausspruchs Mussolinis, daß Europa faschistisch werde, was gleichzeitig die Durchsetzung des Nationalsozialismus in den Beziehungen des Dölkerlebens in sich schließe. Dazu seien keinerlei Agenten oder Propagandisten des Faschismus oder des Nationalsozialismus in anderen Ländern nötig. Die natürliche Entwicklung im Leben der Völker und in dem neuen weltpolitischen Werden führe von selbst dahin, daß dem Neuen, wie wir es im Faschismus und im Nationalsozialismus ausgeprägt sehen, die entscheidende Rolle bei der weltpolitischen Neugestaltung der Zukunft gehört.
Die aufmerksam lauschende Zuhörerschaft dankte dem Vortragenden für feinen durch viels Lichtbilder bestens bereicherten Bericht mit herzlichem Beifall.
Rundfunkprogramm
Mittwoch, 20. Oktober.
6 Uhr: Morgenfpruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Froher Klang zur Morgenstund. 10: Schulfunk. 10.30: Hausfrau, hör zu! 11.40: Gaunachrichten. 11.45: Deutsche Scholle. 12: Mittagskonzert. 13: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Länder und Lieder. 15: Volk und Wirtschaft. 16: Kavalleriemusik im Wandel der Zeit. 17: Kammermusik. 18: Zeitgeschehen im Funk. 19: Nachrichten. 19.10: Unser singendes, klingendes Frankfurt. 21.15: Der Hahn im Korb.. Heitere Szene. 22: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). 22.20: Kamerad, wo bist du? 22.30: Unterhaltung und Tanz. 24 bis 1: Nachtkonzert.
Ausklang im Lager der Reichsstudenlenführung auf Vurg Gleiberg.
Am Freitagabend nahm das Reichslager Gleiberg der Reichsstudentenführung geschlossen an der Kundgebung der NSDAP, in der Volkshalle zu Gießen teil und erlebte die feierliche Einführung des neuen Kreisleiters. Den letzten Vortrag am Samstagvormittag hielt der Amtsleiter für politische Erziehung in der Reichsstudentenführung, Haupt- stellenleiter Pg. G. M ä h n e r. Seine Ausführungen standen unter dem Thema: „Angst und Ehre", und die gründliche Erläuterung dieser beiden Begriffe fanden das stärkste Interesse der Studenten- und Kameradschaftsführer. Richtlinien für die künftige Arbeit beschlossen seinen Vortrag.
Zum Samstagabend hatte nun die Lagerleitung Vertreter der Partei, Universität und Behörden zu einem gemeinsamen Kameradschaftsabend auf Burg Gleiberg eingeladen. Der Leiter des Schulungslagers Gleiberg, B a l o n, begrüßte die Gäste. Nach gemeinsam gesungenem Liede sprach der
Gießener Etudentenführer Frank.
Die Gießener Studentenführung habe sich gefreut, daß nach längerer Pause die Reichsstudentenführung wieder ein Reichslager nach dem alten Gleiberg gelegt hätte. Aus fünf verschiedenen Gauen hätten sich die Kameraden hier oben eingefunden, um sich für die kommende Semesterarbeit vorzubereiten. Es fei schön, daß sie auch die Gelegenheit wahrgenommen hätten, sich die studentische Arbeit an einer kleinen Universität mit all den Vorteilen anzusehen. Auch die Einstellung der Reichsstudentenführung gehe dahin, die unteren Semester an kleinere Universitäten zu bekommen, denn hier sei es am ehesten möglich, die Arbeit hineinzustellen mitten in das Leben des Volkes und in den Kampf des Alltags.
Rektor der Universität Pros. Or. Baader dankte für die Einladung zur Abschlußfeier. In einem Blick in die deutsche Studentengeschichte hob der Rektor hervor, daß der Student immer das Abbild seiner Zeit und feiner Umwelt gewesen sei. Die künftigen Kameradschaftsführer hätten die große Aufgabe, neue Wege und Lebensformen zu finden. Vor allem käme es darauf an, das Herz der jungen und alten Studenten und des ganzen Volkes zu gewinnen. Die kleine Universität habe an der richtigen Entwicklung der Kameradschaften das größte Interesse. Die Kameradschaften müßten zu Orden werden, die in engster Verbindung zum ganzen Volke ftänben. Zum Segen des deutschen« Volkes müßten sie ihre großen Aufgaben erfüllen!
lieber die Entwicklung einer Einzelstudentenschaft und über die Verbindung des Gleibergs mit der Gießener Studentenschaft sprach dann anschließend
JlGOStB.-Kamerad Schuster
Ausgehend von der allgemeinen hochschulpolitischen Lage an den deutschen Hoch- und Fachschulen vor der Machtübernahme schilderte der Redner an dem Beispiel Gießen die letzte Entwicklung einer Einzel- studentenschaft. In Gießen habe der RSDStB. im Sommer-Semester 1929 offiziell mit seiner Arbeit begonnen. Im Jahre 1930 habe sich der Gießener NSDStB. zum ersten Male an der Asta-Wahl beteiligt und über ein Drittel aller abgegebenen Stimmen bekommen. Bei der Astawahl im Februar 1931 sei dann die Mehrheit nationalsozialistisch gewesen. Der innere Ausbau der Studentenschaft sei bei der Machtübernahme schon fast vollendet gewesen. Viele Höhepunkte in der Zeit nach der Machtergreifung seien gefolgt; die Verkündung des Studentenrechts, die Einweihung des Kameradschaftshauses und die Eröffnung des Lehramtes für politische Erziehung durch Gauleiter Sprenger, die gemeinsame Kundgebung der NSBO. mit der Studentenschaft und schließlich noch die Einweihung des Schulungslaqers auf Burg Gleiberg. Diele Lager seien seit 1934 in Gleibergs Mauern ab geh alten worden. Ernste und heitere Stunden habe schon immer der Gleiberg seinen Besuchern vermittelt. So bilde auch der Abschluß dieses Schulungslagers ein fröhlicher Kameradschaftsabend.
Im Laufe des Kameradschaftsabends richtete auch der neue
Kreisleiter Backbaus
einige Worte an die Studenten. Ein Schulungskurs bedeute immer für die Teilnehmer ein eigenes Er- lebnis. Losgelöst von der Alltagsarbeit freue man sich schon an dem kameradschaftlichen Gemein- schaftsleben eines Lagers. Man lerne in einem La- ger den einzelnen Menschen viel besser kennen und deshalb lege die Partei großen Wert auf diese Schulungen. In einem solchen Kursus müsse man sich auch den Blick an der herrlichen deutschen Landschaft weiten und in Lagern an der Grenze bje Grenzlandsragen seines Volkes studieren. Wie früher marschiere die studierende Jugend wieder mit an der Spitze und helfe mit die großen Aufgaben des Führers zu lösen.
Die Grüße des Gleibergvereins überbrachte Direktor Menten. Er sprach von dem Ziel, das sich diese Heimatvereinigung gesetzt habe und bat, daß auch in Zukunft weitere Lager auf Gleiberg abge«
VIM
bringt den Beweis: denn gerade bei der vielen Arbeit, die der Herbstpvtz mit sieb bringt, erkennt man, eine wie große Putzkroft schon in einer einzigen Dose Vim steckt.
halten würden und eine tatkräftige Unterstützung auch fernerhin dem Gleiberg - Verein gewährt würde.
Lagerleiter Pg. Salon dankte den Rednern herzlich. Bei frohen Liedern, guter Unterhaltung und mancherlei luftigen Darbietungen blieben die Gäste mit den Studenten noch manche Stunde auf Burg Gleiberg zusammen.
Selbstmord durch Sturz vom Friedberger Adolfsturm.
LPD. Friedberg, 18. Okt. Am Samstag kurz nach 15 Uhr, stürzte ein aus Riga gebürtige, junger Mann von der Westseite des Adolf- t ur m 5 herab und blieb mit zerschmetterten Gliedern t o t auf der Straße liegen. Nach den bisherigen Feststellungen dürfte der junge Mann mit größter Wahrscheinlichkeit freiwillig aus dem Leben geschieden fein.
Scheunenbrand in Alsfeld.
3) Alsfeld, 19. Okt. Gestern kurz vor 20Uhr wurde die Freiwillige Feuerwehr durch die Feuer- firene alarmiert. Als der Feueralarm gegeben wurde, stand bereits die Scheune des landwirt- schafllichen Anwesens des Karl Arnold, das am äußeren Rande des Stadtteils in der Rambach liegt, i n h e l l en Flammen. Das Feuer fand in Den Heu- und Strohvorräten reiche Nahrung. Die mit den beiden städtischen Motorspritzen alsbald an dem Brandherd eintreffende Freiwillige Feuerwehr mußte sich darauf bechränken, das angrenzende Wohnhaus zu schützen, was auch nach angestrengter Tätigkeit gelang. Das Vieh, welches sich in den in der Scheune befindlichen Ställen befand, konnte noch rechtzeitig gerettet werden. Die Scheune brannte vollständig ab. Heber die Entstehungsursache fehlen zur Zeit noch jegliche Anhaltspunkte.
Bürgermeister Dr. Neumann zumBürgermeister von Meisenheim berufen
0 Groß-Rechtenbach, 18. Okt. Der frühere Leiter des aufgelösten Amtes Rechtenbach, Amtsbürgermeister Dr. N e u m a n n , ist zum Bürgermeister Der Stadt und desAmtesMeifenheim am Glan (Kreis Kreuznach) berufen worden; er wird fein neues Amt am 1. November antreten.
Vlandme seßl sich durch
Roman von
Hans-Joachim Zreihernr von Reihensteln
Copyright by Carl Ouncker
2 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Als sie wieder zu sich kam, zog sie verlegen ihr billiges Prüfungskleid zurecht. Es war ihr offenbar sehr unangenehm, daß man ihre ärmlichen Kleidungsstücke geöffnet hatte, um ihr Luft zu geben. Hedwig Georgi war, obwohl aus gutem Hause, die einzige der Mädchen, die nichts auf ihren Anzug gab. Es lohnte auch nicht, Denn sie war unscheinbar in Figur und Haltung. Ihr Gesicht war nicht nur häßlich, sondern auch picklig, ihre Haut fahl und grau.
Sie redete krampfhaft auf die hübsche, saubere Blondine ein.
„Was sind das für blöde Fragen: Wie berechnen Sie den Ditamingehalt der Mahlzeiten einer Woche? Eine Familienpension will ich aufmachen. Da muß ich die Mahlzeiten nach Schmackhaftigkeit berechnen. Sonst brauchen die Leute mich nicht. Und nach den Kosten muß ich vor allen Dingen berechnen!"
„Aber beruhige dich doch. Andere müssen eben nach Vitaminen rechnen. Wenn man zum Beispiel eine Klinik leitet —"
„Fräulein Hertel — wir bitten."
Blondine zitterte. Sie trat ein. Undeutlich sah sie einen grünen Tisch. So sah wohl ein Richtertisch aus. Und dahinter offizielle Gesichter.
Neben ihr waren Fräulein Naumann, die viel konnte, und Greta Schade. Man ließ sie Lose ziehen. Wenn man sie öffnete, hatte jede das Thema vor sich, das über ihren nächsten Lebensweg entscheiden sollte.
Blondine las: „Wie verhalten Sie sich den unter Ihrer Leitung arbeitenden Angestellten eines Großbetriebes gegenüber: m Krankheits- und Kündi- gungsföllen? Urlaubs- und Rechtsfragen ufro.?"
Fräulein Naumann hatte ein leichteres Thema gezogen. Sie meldete sich zuerst zum Wort.
Die hübsche Blandine beneidete sie um ihre Gelassenheit. Sie verstand kaum ein Wort von Dem,
was die andere sprach. Aber das Sachliche in ihrer Art gefiel ihr. Auf irgendeine Weise mußte Eva Naumann sich das zurechtgelegt haben. Es schien so geordnet, so gegliedert. Geordnet — woraus? dachte sie. Natürlich aus dem, was sie gelernt hatte. Ja, sie, Blandine, hatte das ja auch gelernt. Und man wurde doch nur nach dem gefragt, was man können konnte. Selbst dieser vertrackte Zettel mit Den Rechtsfragen — man hatte Das doch irgendwann einmal gelernt. Man mußte das doch wissen. Ruhe — ja, wenn man Die Ruhe hätte —.
Für Momente schloß sie Die Augen und ließ Eva Naumanns Sttmme an ihren Ohren vorbeigehen. Ihre Nerven hatte sie wieder in Der Gewalt. Hier ist ja doch kein Assessorexamen, dachte sie. Ich brauche ja nicht Das ganze Bürgerliche Gesetzbuch auswendig zu wißen.
Blandine brauchte überhaupt nicht mehr zu wissen, als sie wußte. Sie merkte das bald, als sie angefangen hatte zu reden. Die wenigen Notizen, die sie in der Konzentration Der höchsten Angst auf Den vor ihr liegenden Block geschrieben hatte, gaben ein Gerüst, an Dem sie immer mutiger emporkletterte. Oede Rechtskenntnisse, Die sie in einsamen Abendstunden erarbeitet hatte, Kenntnis von Menschen und Dingen, die die Mutter ihr mit gesundem Menschenverstand vermittelte, ein bißchen Phantasie und Liebe zum Beruf und Freude auf die Arbeit für und mit Den Menschen. Das alles ließ die strenge Prüfungskommission nicht unbeeindruckt.
Greta Schade wand sich mit geschickt aufgemachtem Können leidlich durch ihre Aufgabe durch. Und alle drei Durften Das Zimmer mit Dem Richtertisch verlassen.
Draußen sprachen sie ihre Chancen Durch.
„Dir können sie nichts mehr anhaben, Blandine", sagte Die elegante Greta. „Wo Du äußerem solch gutes Betriebsamt hattest!"
„Hatte ich Das Denn?" zweifelte sie Ihr hübsches Gesicht war ganz verkrampft vor Aufregung.
„Doch. Die Essenvorbereitung für die hundert Menschen hätte ich nicht so gut gekonnt. Auf eine Werkkantine wäre ich auch gar nicht gefaßt gewesen."
„Du hast es aber mit viel mehr Glück als ich gemacht. Deine Tische waren viel hübscher."
„Man kann doch nicht bei einem Werkkantinen- esftn für fünfundzwanzig Pfennig pro Nase auch noch Schick entwickeln", sagte Greta. „Das hat auch
keiner von Dir verlangt. Bei meinem Hochzeitsessen mit gutem Etat lag das schon in Der Natur Der Sache."
Sie wurden noch einmal hineingebeten. Diesmal prüfte man Blandine in Der Nahrungsmittellehre.
StrahlenD kam sie zu ihren Freundinnen zurück. „Das ist reine Glückssache, daß ich mit Dem Lieb- lingstbema meiner Mutter Drangefommen bin. Der Einfluß naturgemäßer Ernährung auf Körper und Geist Des Menschen."
„Das hast Du glanzvoll erledigt", sagte Greta Schade, Die mit ihr herauskam.
^Da wird sich deine Mutter freuen, daß Du gerade auf ihrem Steckenpferd durchs Examen geritten bist", lachte Ilse Gehrke gutmütig.
„Und verdient hat sie's!" rief Blondine Hertel. „Kinöer, ob wir bald nach Hause dürfen?"
„Also Kind, ich bin gar nicht für diese Stellung", sagte Frau Hertel, nachdem Blondine sich in der Klinik des Professors Lambertz vorgestellt hatte.
Blandine war erstaunt.
„Du hast doch keine Eile. Ich bin froh, wenn du dich erst ausruhen kannst. Die haben euch in den fünf Jahren ordentlich rangenommen."
„Schadet nichts, Mutter, ich brauche mich nicht auszuruhen. Aber arbeiten möcht ich! Und Das kann man Da." Sie reckte die Arme.
Es war schon ein Kreuz mit diesen weltfremden jungen Dingern, dachte Frau Hertel. Entweder hatten sie gar keine höheren Ideen. Oder sie hatten zu viel Ideale. Sie verstand schon, was ihre Tochter meinte. Sie gönnte ihr auch das Hochgefühl, das aufopfernde Arbeit gibt. Es ist ja doch Der sicherste seelische Kraftspender. Aber ihre Tochter sollte sich nicht aufopfern. Dazu war sie zu jung. Arbeiten, ja. Etwas leisten und nicht auf dumme Gedanken kommen. Aber ihr frisches, hübsches Mädel in eine Klinik, zwischen lauter Krankheit und Elend? Und noch dazu bei Professor Lambertz? Sie kannte Den Arzt, Denn sie arbeitete seit Jahren mit ihm zusammen.
„Laß das! Der hat ein mörderisches Tempo Der schont weder sich noch andere."
Mutters" bU mid) doch selbst hingeschickt, „Weil er mich drum gebeten hatte." Frau Hertel war etwas verlegen. „No, nu will ich mal mit Der
Sprache raus: Also ich hatte mir gedacht, Die Frau Professern, Das ist sone elegante Dame. Weißte, piek wie auf'm Modebild. Die pflegt sich, unD die kann es auch. Denn Der Mann schafft ja für Dreie. Also, zu Der hab ich dich bringen wollen. In die rote Villa, wo die Marrnorfigur auf’m Rasen steht. Kennst Du? Gleich bei Engemanns nebenan. Ich Dachte mir, Da kann ein junges Mädchen alles lernen, was sie ihr in Die Institute nich beibringen können. Feine Manieren, noble Unterhaltung in bester Gesellschaft. UnD do hob ich Den Herrn Professor gefragt. Aber Das Malor is ja eben, Daß Der Mann nie Zeit hat. Jetzt hat Der Das verwechselt und will dich in seine Klinik sperren."
Was Frau Hertel sonst noch dachte, sprach sie nicht aus. Das hatte sie ihrer Tochter gegenüber nie getan, um Der Die Unbefangenheit nicht zu nehmen. Und sie hatte gut daran getan. Durch alle Diese Jahre.
Jetzt wurDe BlanDine ein wenig verlegen. „Aber Mutti, Das wußte ich nicht. Ich dachte, du wärest sehr einverstanden damit — daß ich die Stellung in Der Klinik angenommen habe."
Frau Hertel blickte erschrocken auf.
„Tröste Dich. Ich bin glücklich. Und Du kannst es auch sein. Schließlich, mit einundzwanzig Jahren Wirtschaftsleiterin in einer solchen Klinik — jetzt weißt du doch, wozu Du mich fünf Jahre hast lernen lassen." Sie streichelte ihre Mutter.
Aber Die wußte natürlich noch besser, wozu sie sie hatte lernen lasten. In ihren Zukunftsträumen für Blandine war keine Klinik vorgekommen. Aber die großen Grünewald-Villen, in Denen sich Menschen bewegten, die morgens Laoendelbädern entstiegen und abends nur im Frack auftraten, und in die eben auch nur solche Männer eingeladen wurden.
Sicher, Frau Hertel kannte das Leben. Sie wußte, daß nicht alles in der Welt so schon ist, wie es von außen aussieht. Aber ein Ehemann ich sicher schöner, wenn er gepflegt ist. Und grobe Worte braucht man sich in einem häuslichen Streit, wie er überall vorkommt, nicht so wehtun zu lassen, wie Schläge.
Man muß seidene Strümpfe zweiter Wahl kaufen, wenn es nicht anders geht. Aber warum sollte Blandine sich vom Leben Die zweite Wahl oorlegen lassen, wenn es ihr Die erste zeigen konnte?
Fortsetzung folgt


