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19.6.1937
 
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Nr.NV Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

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Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte Von Ernst von Riebelschüh.

Im Grunde zeugen die Methoden, deren sich das atheistische Rußland in seinem fanatischen Vernichtungskampf gegen das Christentum bedient, nur für die Unzerstörbarkeit einer Reli­gionsform, die den Beweis ihrerRichtigkeit" offen­bar in sich selbst trägt. Darum streitet der Bolsche­wismus auch gar nicht mehr mit logischen Waffen, was er im Anfang seinesKreuzzuges", wenn frei­lich auch in denkbar primitivster Weise, zu tun ver­suchte, sondern er läßt seinen Gefühlen freien Lauf und haßt, was er nicht widerlegen kann. Run macht der Haß den Menschen bekanntlich blind was die Liebe, wenigstens die echte Liebe, nie tut, nicht bloß gegen die Vorzüge des Gegners, sondern vor allem gegen die eigenen Schwächen. Rur weil der Bolschewismus so besinnungslos hassen kann, darum kann er sich auch, ohne es zu merken, vor den Augen der gesamten übrigen Welt so heillos lächer­lich machen. Oder entspricht es etwa einem vernünf­tigen Verhalten, wenn Stalin seine Apostel in frem­den Ländern mit dem Titel vonE h r e n g ott- losen" auszeichnet, oder wenn der mit allem Raf­finement der Neuzeit ausgestattete Blitzzug, der neuerdings zwischen Rußland und Sibirien verkehrt, in den Dienst der atheistischen Propaganda gestellt wird und den Namender fliegende Gott­lose" trägt? Kann man es anders als idiotisch nennen, wenn man hört, ein fünfzehnjähriger Schü­ler der kommunistischen Jugendorganisation sei auf Grund eines Aufsatzes, der jetzt in den Schulen Leningrads von den Lehrern vorgelesen werden muß, von Stalin selber zumbesten Gottlosen" feier­lich ernannt worden? Man hat so viel über Gottes Langmut gegenüber dem Bösen gepredigt; man fühlt sich heute versucht, ihm eine Eigenschaft bei­zulegen, die wir Menschen Humor zu nennen pfle­gen. Oder ist es gar noch etwas anderes, ist es Mitleid? Mitleid mit den Auswirkungen einer all­gemeinen Geisteskrankheit, für die es in Rußland noch keine Irrenanstalten gibt, weil die Gewalt­haber sich selbst wie Tollhäusler benehmen.

*

Aus Prag wird ein höchst merkwürdiger, aber auch sehr nachdenklich stimmender medizinischer Fall berichtet. Ein dreiundvierzigjähriger Mann, Kauf­mann von Beruf, leidet an zunehmender V e r? steinerung der Muskel organisation. Die Aerzte haben festgestellt, daß sich in den Mus­keln Knochenlamellen gebildet haben, die den Patien­ten völlig bewegungsunfähig machen, so daß er jetzt wie eine Mumie regungslos im Bette liegt nicht tot, aber von einer unheimlichen Macht gleich­sam so eingepanzert, daß er selbst das Gefühl einer unaufhaltsamen Versteinerung hat. Es wäre inter­essant zu erfahren, wie der Mann gelebt hat: wel­ches waren seine besonderen Neigungen und Be­schäftigungen? Welcher Art waren die Gedanken, die seinem bisherigen Leben die Richtung gaben? Von welchen Empfindungen war sein soziales Ver­halten diktiert? War er eine freie und unabhängige oder mehr eine von äußeren Vorschriften und Ge­setzen beherrschte Natur? Und was dergleichen Fra­gen mehr sind. Denn so viel scheint sicher: eine be- friedioende Erklärung des Falles kann nur psycho­logisch, sie kann nicht,, wenigstens nicht allein phy­siologisch gewonnen werden. Offenbar handelt es sich um ein nicht genügend labiles, um ein durch zu starre Grundsätze langsam verfestigtes Seelenleben, das, zur Gewohnheit geworden, auf die phasischen Organe übergreift und so den geschilderten Derhär- tungsprozeß zur Folge hat. Wer weiß vielleicht stehen wir hier wirklich vor dem medizinisch nur noch nicht gebuchten Fall, daß Mangel an innerer Freiheit einen Menschen dahin bringen kann, auch körperlich zu mineralisieren?

In Paris hat sich eine Vereinigung von her­vorragenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens

gebildet, die es sich zur Aufgabe macht, die sonst so schöne Hauptstadt der Franzosen von. dem in letzter Zeit epidemisch gewordenen Denkmalskitsch zu säubern. Sie bereitet sogar eine Ausstellung vor, in der diejenigen Denkmäler, deren Beseitigung ver­langt wird, in kleinen Modellen gezeigt werden. Leider erfährt man nicht, ob auch dieFrance" auf der Place du Caroussel dabei ist, jenes thea­tralische Heldenweib in Marmor, das die undank­bare Mission hat, den Scheinsieg von 1918 für ewige Zeiten festhalten, diese Aufgabe trotz weitgehen­der Entblößung aber um so weniger gewachsen ist, als die Nähe von Napoleons immerhin noch recht noblen Triumphbogen von 1806 zu Dergleichen her­ausfordert, die keineswegs zum Vorteil der neuen französischen Plastik ausfallen. Allein wir werden diese schöne Hoffnung wohl aufgeben müssen, weil keine Kunstkommission der Welt die Pariser dazu bewegen wird, sich von einem Monument zu tren­nen, in dem sie nun einmal es mag künstle­risch noch so wenig befriedigen ihren heutigen Begriff vongloire verkörpert sehen. Uebrigens gibt es zu denken, daß die im Weltkrieg unterlege­nen Nationen fast durchweg weit bessere Erinne­rungsdenkmäler errichtet haben als die Sieger. Warum? Weil sie, aus äußeren, mehr aber noch aus inneren Gründen, weniger in Gefahr waren, schwülstig zu werden und einem Pathos zu hul­digen, das dem tiefen Sinn gerade dieses Krieges nicht gerecht wird.

Erfrischend unphilologisch und doch mit vol­lem Verantwortungsgefühl gegenüber dem genius

loci hat Baldur von Schirach in Weimar zum Führerkorps der Hitler-Jugend gesprochen. Daß es gerade in der geistigen Atmosphäre Goethes ge­schah, war so wenig ein Zufall, daß man nicht fehl­gehen wird in der Annahme, die einzige deutsche Jugendorganisation der Gegenwart sei mit ernstem Vorbedacht an dieser Stätte versammelt worden, die ja wie wenige andere geeignet ist, die Ideale des jungen Deutschlands von heute mit denen einer noch immer lebendigen Vergangenheit fruchtbringend zu vermählen. Freilich, was man da zu hören be­kam, und wie es der Jugend vorgetraaen wurde, unterschied sich grundsätzlich von dem Forschungs­und Redeergebnis sonstiger Weimarer Tagungen. Geforscht wurde überhaupt nicht, sondern es wur­den im Geiste Goethes und im Sinne des deutschen Idealismus Weimarer Prägung Forderungen ge­stellt, die in summa ein neues und lebendi­geres Verhältnis zu Goethe und sei­nem Werk herbeiführen sollen. Goethe als ein Weg zu eigener kraftvoller Lebensgestaltung, Goethe als ein zur Ehrfurcht mahnendes Symbol! In sein eigenes Werk solle man sich wieder ver­tiefen, um ihn unmittelbar und darum besser ken­nenzulernen.Was fruchtbar ist, allein ist wahr." Wenn man denen nicht ganz unrecht geben kann, die meinen, die Goethe-Philologie habe es fertig­gebracht, Goethe im deutschen Volke vollends totzu­schlagen, so kann man es nur begrüßen, wenn sich jetzt neue Kräfte regen, die den Mut aufbringen, ihn auf unphilologische Weise wieder zu erwecken.

Grenzlanv im Wiederaufbau.

Beuthen, die zerschnittene Stadt.

Von unserem W.-Sonderberichterstaiter.

I.

Beuthen, im Juni.

Hier heulen nicht die Wölfe," sagt uns ein Mann aus dem oberschlesischen Revier. Sein Beruf bringt es mit sich, daß er fast täglich Anfragen aus dem Reiche über Oberschlesien beantworten muß. Da fragt einer aus dem Süden des Reiches an, ob Beuthen nicht überhaupt polnisch sei; der andere will wissen, ob er zur Erleichterung seines Aufent­haltes im oberschlestschen Revier nicht besser ein polnisches Wörterbuch mitbringe, und der dritte will gehört haben, daß hier unten die Wölfe heu­len. Nein, weder hier in Beuthen noch sonst in Oberschlesien heulen die Wölfe. Beuthen, die süd - östlichste Stadt des Reiches liegt gottlob innerhalb der deutschen Reichsgrenzen, und man spricht durchweg deutsch.

Wer in das oberschlesische Revier im allgemeinen und nach Beuthen im besonderen kommt, muß seine Vorstellung berichtigen und Meinungen korrigieren. Er stellt sich osteuropäisches Steppenland vor, ver­schandelt durch die Fördertürme. Diese Vorstellung ist grundfalsch, Oberschlesiens Landschaftsbild mit feinen Hügeln, den weiten Felbern, Wiesen und riesigen Wäldern ist anheimelnd und warm, und die Türme der Zechen und Eisenwerke fügen sich in dieses Bild ein, so daß sie niemals, aufdringlich erscheinen. Und die Stadt Beuthen gar, in der man eine Mischung osteuropäischer Provinz und west­deutscher Jndustrieballung zu finden glaubt, über­rascht als alte, kulturreiche Stadt, gepflegt in ihrem Aeuheren und kraftvoll gesund in jedem ihrer Züge. Eine der vier Großstädte Schlesiens, mit ihren zahlreichen Kohlen- und Erzgruben, neben Hin­denburg Mittelpunkt des oberschlesischen Indu­striegebietes, ist sie eine glückliche Vereinigung von Beharrlichkeit und Vorwärtsstürmen, von tradi­tionsgebundener Schwere und neuzeitlichem Ent­wicklungsdrang. Sie strahlt die Bedächtigkeit einer Mittelstadt aus und ist doch in jeder Lebensäuße­rung Großstadt. Die Stadt ist zwar Mittelpunkt einer hochentwickelten Industrie so liegt auf

ihrem Gebiet u. a. Europas größte Erz­grube, die neue Blei-Scharley-Grube aber sie präsentiert sich mit den blitzsauberen Straßen und Plätzen, den alten und neuen Profanbauten und vor allem den ausgedehnten Grünanlagen und Parks auch als eine anheimelnde Wohnstadt. Allen Groß­städten des Reiches hat Beuthen aber voraus, daß sie auch Grenzstadt ist, und von allen Grenzstädten und Dörfern darf Beuthen den traurigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, Opfer einer sinnlosen Grenzziehung geworden zu sein.

Die Grenzen in der Beuthener Ecke sind eine europäische Sehenswürdigkei t", meinte einmal ein deutscher Professor, und eine französi­sche Journalistin rie auf:Ein riesenhafter Unsinn!" Sie stand nämlich wie wir auf dem Turm der astronomischen Beobachtungsstation der Beuthener Hochschule für Lehrerbildung und warf einen Blick über die Stadt und das Land. Von hier oben offenbart sich erst die herbe Schönheit des oberschlesrschen Landes, von hier wird der Blick ge­fangen von den rauchenden Schornsteinen der Gru­ben, Hütten und Elektrizitätswerke, die immer mit dem Grün der Felder und Wälder vermählt sind. Von hier aus übersieht man diese alte Stadt mit der typisch germanischen Anlage des Kerns. Man ist gefangen von diesem Bild, und erschüttert, wenn man härt: die Schornsteine im Süden, fünf Kilo­meter entfernt, gehören zu Königshütte es ist polnisch geworden; in gerader Linie dahinter vier Schornsteine sie stehen in Kattowitz, heute dem Mittelpunkt des ostoberschlesischen Industriegebiets. 1000 Meter in östlicher Richtung qualmen mächtige Schornsteine die Bleischarleygrube. Ihre reichen Erzvorräte waren der Anlaß, daß sie Polen zuge­sprochen wurde. Im Süden, direkt an der Stadt- grenze, sieht man die Grube Karnevalsfreude. Sie wurde ebenfalls Polen zugesprochen samt den Koh­lenvorkommen. Hier offenbart sich der Unsinn der ostoberschlesischen Grenzziehung in brutalster Form, denn die Grube samt den Kohlenfeldern lag einst im inneren Stadtgebiet, und mit der Abtretung an Polen riß man einen Keil aus diesem Gebiet.

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So ist es hier, so ist es an der südlichen Stadt­grenze.

Das Beuthener Land bildet einen 2x/2 Kilometer breiten Finger, der von Norden, Süden und Osten von ostoberschlesischem Land umgeben ist, Finger­kuppe ist die Stadt Beuthen. Nur 600 Meter nach Norden, gleich hinter den letzten Häusern und der Schupokaserne ragt auf einem Hügel eine Stein­pyramide gogen den Himmel der Gedenkstein für die polnischen Aufständischen er steht jetzt auf dem Boden Ostoberi'chlesiens. Im Süden, man schätzt wohl richtig mit zwei Kilometer, sieht man eine unterbrochene Landstraße, deren Bogen von einer Querverbindung abgeschnürt wird. Die Landstraße verbindt Beuthen mit Hindenburg, und da die Grenzziehung den Bogen abriß und an Po­len gab, mußten die Beuthener, nur wenige Meter von der Grenze entfernt, eine Verbindung bauen. Hindenburg, nur zehn Kilometer entfernt, kann heute noch mit der Eisenbahn nur auf Umwegen über 26 Kilometer Über Gleiwitz erreicht werden.

Man sieht in das Land und weiß: das gehörte ein ft zu Beuthen, jene Straßenbahn fährt jetzt auf ostoberschlesischem Gebiet. Mit Erschütterung ver­nimmt man, daß die Stadt ein Viertel ihres Bestandteiles durch die Grenzziehung verloren hat, und zwar des wertvollsten. Dort, wo Gruben und Hütten arbeiteten und wo man Erz vermutete, fuhr das Messer durch das Land. Das wertvollste Stück fiel an Ostoberschlesien, das anscheinend wertlose an Deutschland. So ging es mit der mächtigen Frie­denshütte, mit der Bleischarleygrube, mit Schwarz­wald- und Eintrachthütte und einigen Kohlengru­ben, so ging es mit dem Wasserwerk von Beuthen, dem Knappschaftskrankenhaus Rudahammer und der großen elektrischen Zentrale in Königshütte, das sich heute Chorzow nennt. Von neun Straßen, die die Stadt ehemals mit dem Hinterland verbanden, ist eine geblieben, von den sieben Vollbahnschienen­strängen wurden fünf durch die neue Grenze zer­schnitten, von fünf Kleinbahnlinien vier, und die einzige verbliebene ging bis zum Bau einer Um­gehungsbahn durch einen polnischen Korridor. Ist

Das Gkmeinschastserlebms im Drama.

Eine zeitgernätze Doktorarbeit.

Immer wieder wird mit Recht darüber geklagt, daß sich die den deutschen Universitäten vorgelegten Doktorarbeiten viel zu wenig mit den lebendi - gen Fragen der Gegenwart befassen. Der Einwand, daß die Vorgänge und Erscheinungen der Gegenwart noch zu sehrim Fluß" feien, als daß sich über sie ein wissenschaftliches Urteil fällen ließe, ist nicht stichhaltig, da es gar nicht so sehr darauf ankommt, abschließende, für alle Ewigkeit gültige Urteile zu fällen, als vielmehr daraus, daß unsere deutschen Studenten dem Leben mit offenen Augen entgegentreten und sich fähig erweisen, in ihren Doktorarbeiten gegenwartsnahe, lebenswichtige Fra­gen wissenschaftlich anzupacken.

Daß dies sehr wohl möglich ist, beweist eine der Universität Rostock vorgelegte Doktorarbeit, die es deshalb verdient, daß man sich mit ihr beschäftigt. Sie wurde von Dr. Ulrich L ü b b e r t geschrieben und betitelt sich:Das Gemeinschaftserlebnis im deutschen Drama seit der Klassik."

Wie sehr uns alle heute das Gemeinschaftserleb­nis an sich bewegt, braucht nicht umständlich auf5 gezeigt zu werden. An die Stelle des Ich, das im liberalistischen Zeitalter triumphierte, ist das Wir des deutschen Sozialismus getreten. So ist nur zu verständlich, daß es den Verfasser reizen mußte, zu untersuchen, wie es mit dem Wir-Erlebnis im deut­schen Drama bestellt ist.

Zur Ueberraschung vieler erfahren wir nun aus der Lübbertschen Arbeit, daß das Gememschafts- erlebnis, wie es uns in vielen modernen Stücken entgegentritt (man denke nur an die Frontstücke!), bereits in der Klassik Gegenstand dramatischer Ver- dichtung" war. So imWilhelm Teil", imEg- mont", in derHermannsschlacht" von Kleist sowohl wie von Grabbe, die Lübbert als aufklärende Bei­spiele heranzieht. Das Gemeinschaftserlebnis auf der Bühne ist demnach keineswegs etwas neues oder etwas, das durch die revolutionäre Gärung unterer Zeit ins Rampenlicht gezerrt wurde, obwohl es eigentlich" gar nicht dorthiü gehört.

Schon diese Erkenntnis macht die Doktorarbeit außerordentlich wertvoll und hebt sie über das Ni­veau der allgemein üblichen Doktorarbeiten heraus. Wie vielfältig und vielgestaltig aber das Gemein­schaftsleben im deutschen Drama ist, erfahren wir gleichfalls und zwar schon durch die Zahl der sie­ben Gruppen, iy die der Verfasser die von ihm

untersuchten 46 Gemeinschaftsdramen von der Klas­sik bis zur jüngsten Gegenwart gliederte, von der die letzten drei Gruppen hier namentlich aufgeführt sein mögen: dasMässenstück", dasKollektivstück" und dasKameradschaftsstück".

Da sich Lübbert weiterhin mit großem Wissen und sicherer Einfühlung mit der Struktur, dem Inhalt, der Ethik, der Kulturleistung des Gemeinschafts­erlebnisses im deutschen Drama beschäftigt, sich aber auch mit der Form dieser Art Dramen (Bau, Sprachstil, Funktion und Artung der Sprache) ein­gehend und schöpferisch auseinandersetzt, so entstand eine Arbeit, die es verdient, von allen, denen das deutsche Theater am Herzen liegt, gelesen zu wer­den, zumal wir einer Zeit entgegengehen, in der das Gemeinschaftserlebnis im deutschen Drama noch viel stärker in die Erscheinung treten wird. Deshalb sei mit dem Wunsche geschlossen, daß die Arbeit die­ses jungen Wissenschaftlers, der mutig eine Bresche in die Herkömmlichkeit deutscher Doktorarbeiten schlug, über den Rahmen der Universitätsbibliotheken hinaus der gesamten Öffentlichkeit durch den Buch­handel zugänglich gemacht werden möge.

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ei nes sommerlichen Bilderbuches.

Von Anton Schnack.

Jrn blauen Bilderbuch des Sommers funkeln glühend die Rose und der Mohn. Sie sind sein schönster, innigster Duft und seine brennendste Farbe. Die Sommerseele leuchtet aus Blumen­kelchen.

Dampferausflüge gehören zu den großen Ge­schenken des Sommers. Langsam gleiten die Ufer vorbei, Welt der Idyllen und des Friedens, Baum­gruppen, Gebüschverborgenheiten, ruhende Gänse­herden, rötliche Storchenbeine, Badende, ein Bauern­dorf, der Riß einer mittelalterlichen Kleinstadt, das leuchtende Band einer Straße, die sich im Gewoge des Korns verliert, aufgespannte Fisckernetze, eine Nonne auf der Waschbleiche, eine Kinderschar beim Blumenpflücken: ein beschauliches, fast frommes Gefühl bemächtigt sich des Herzens, der Balsam der Wunschlosigkeit: wunschlos in den blauen, lockenden Duft des Sommerhimmels einzufahren, der gläsern und leuchtend auf dem grünen Gürtel der Erde steht-

Glück eines feuerträchtigen Sommers ist das Wasser. O holde Beruhigung: an einem leise fließen­

den Wasser zu liegen, träge und sorgenlos ausge­streckt und die Augen geschlossen. Das Gras ist ge­würzt vorn Duft der balsamischen Minze, ein Wind­hauch durchläuft das Schilf und bringt den ab­sonderlichen Schrei eines 'Moorhuhnes, das mär­chenhafte Unken und Plumpsen eines Frosches, den Duft erwärmten Wassers und vor allem die Gnade der Kühle.

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Sommer schenkt den großen Durst. Ich liebe es, durstig zu sein und den fetten Schaum eines dunklen bayrischen Bieres unter dem Zinndeckel hervor­quellen zu sehen. Selig ist mein Gesicht, wenn ich nach dem ersten Zuge den Bierkrug auf den Holz- tisch stelle, und selig ist das Gesicht des Landbrief­trägers, der das gleiche tut.

Flüsse verschenken Gnade und Frische, Wälder Kühle und Schattenbläue, Berge weite Schau, Wind und runde Wolken, die Ebenen Gewitter­ränder, Kornmeere und das Flimmern der Hitze über den Wegen. Sommer schenkt Seeufer mit grüner Pflanzenstille und Robinsonfreuden, den Schaum des Wellenschlages, die Woge anlegender Dampfer, den weißen Vogel des Segelbootes, das sehnsüchtige Schauen über die Wasserfläche. Som­mer schenkt die halbdunklen Räume und Kammern, die Dämmerungen hinter Vorhängen und Holz- läden. Während draußen der Feueratem der Mit­tagsglut umgeht, steht der Raum voll Kühle und Abgeschiedenheit. Ich denke, einem sanften Halb­schlaf hingegeben, an den Abend, der die Gassen erfrischt, ich höre den trägen Schlag der Dorfuhr, die die Zimmerstille noch tiefer werden läßt, wenn sie ausgewogen hat, ich höre eine Vogelstimme aus dem Walde, fern, leise, verschwebend. Die schönsten Träume gehen um.

Alle Schatten sind schön, begehrt und ausgesucht. Begehrt ist der einsame Baumschatten, den der Hirte liebt, schön vorüberziehender Wolkenschatten, der von einem Windstoß begleitet ist, aufgesucht wird der Schatten der gebündelten Getreidegarben, wo der Vesperkorb der Schnitter steht, herrlich der kühle Torschatten geöffneter Scheunen und der Schatten hoher Häuserwände, wo der Eisverkäufer sein Labsal hingestellt hat. Begnadend der Schatten lichldurchzitterter Sträucher, Segen der Schatten eines Brunnenrandes, den das Schaf von weitem wittert, und dessen Schwärze es sich demütig hin gibt.

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Der volle Sommer macht reifebegierig. Verführe­risch blitzt die unendliche Linie der metallischen

Eisenbahngeleise, auf denen Herz und Wunsch fort« reisen bis an ein Meer, bis in ein Waldtal, bis an einen Bergsee. Gleich wohin. Nur fahren! Das offene Zugfenster ist ein Fenster in das Land der Fröhlichkeit und der Sehnsucht. Auf der Straße der Schienen wachsen Träume und Abenteuer. Die Luft, die durch das Zugfenster in dein Gesicht springt, ist Lust aus tausend seltsamen, schwer­mütigen und berauschenden Gerüchen: Gerüche aus Blumenkelchen, Gerüche aus bitterharzigen Wäldern, Gerüche reifenden Korns, Gerüche von heißen Steinen und geteertem Holz. Fast kannst du das Zittern der heißen Luft sehen. Die Erde kocht den Erntesegen.

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Zum Sommer gehört das bestaubte Auto. Viele Straßen ist es gefahren, Straßen, über die der Regenstreifen eines kurzen Gewitters fiel, Straßen mit den blauen Rändern der Glockenblume und den Blutstreifen der Feuernelke, Straßen, die sich durch Märchenwälder zogen, Straßen, die durch ver­schlafene Bauerndörfer holperten und Straßen, die unter schattigen, mittelalterlichen Toren Haltmachten. Am Schluß der Reise spült der zischende, weiße Wasserstrahl den Staub der langen Fahrt hinweg, und es bleiben nur die Bilder: da hat man ge­badet. Dort hat man am Waldrand gelagert. Hier hat man den Mund an einen Brunnenstrahl gelegt. Da zog ein Schäfer in die Herde. Da stand ein ge­schecktes Vieh an der Tränke und sog tief und gierig Wasser. Kurz ist ein Sommer. Glücklich, wer Erinnerungen mit nach Hause bringt!

Zeitschriften.

Viele hundert Stück Vieh ziehen zum Almauf­trieb über den tiefverschneiten Krimmler Tauern­paß. Don den Freuden und Leiden einer solchen Alpenfahrt erzählt Bruno Kerschner im neuen Heft desBergsteiger s". (Verlag Fr. Bruckmann, München.). Zahlreiche Kunstdruckbilder vermitteln auch dem Laien einen Begriff von den Mühsalen einer solchen Expedition. Das Heft bringt auch manch praktischen Hinweis für die Sommerurlaubs­fahrt. Neben Novellen und Erzählungen bekannter Dichter enthält das Heft fesselnd getriebene Schil­derungen von Bergfahrten im Berner Oberland, in den Berchtesgadener Alpen und in den Dolomiten. Den Freund einsamer Berggebiete wird die Ab­handlung von Dr. Gebhard Noßmanith über den Naturschutzpark in den Hohen Tauern interessieren, die ebenfalls mit zahlreichen Bildern ausgestattet ist.