Was ist ein „Weißbuch"?
Schon seit dem vergangenen Jahrhundert hat sich die Gepflogenheit herausgebildet, größere Denkschriften einer Regierung, die für das Parlament oder als Stellungnahme zu einer teils innenpolitischen, teils außenpolitischen Frage bestimmt sind, als Farbbücher zu bezeichnen. England begann seinerzeit mit den sog. Blaubüchern, die nach dem blauen Umschlagdeckel so bezeichnet wurden. In Deutsch! a n d erschien zum erstenmal 1884 ein Graubuch, später folgten Weißbücher. Im allgemeinen behielten die größeren Länder Jahrzehntelang dieselbe Farbe bei. So Frankreich den gelben, Italien den grünen, Oesterreich den roten Umschlag. Doch brachten Kriegs- und Nachkriegszeit in diese Gepflogenheit manchen Wechsel hinein. So sind besonders bekannt geworden das deutsche Weißbuch über die Schuld am Kriege, das russische Schwarzbuch über die Entwicklung der russisch-französischen Beziehungen vor dem Weltkrieg, die französischen Gelbbücher über Kriegsursachen und aus letzter Zeit das ominöse englische Weißbuch über die britische Aufrüstung vom März 1935.
Oie Balkan-Entente.
Athen, 18. Februar. (DNB.) Nach der letzten Sitzung der Konferenz des Ständigen Rates der Balkanentente wurde eine Mitteilung veröffentlicht, in der es u. a. heißt: Nach einer Prüfung der allgemeinen europäischen Lage und der Fragen, die die Balkanstaaten besonders berühren, drückte der Rat übereinstimmend seinen Willen aus, die Kräfte der Balkanentente in jeder Weise für die Aufrechterhaltung des Friedens einzusetzen. Alle Bemühungen werden die volle Unterstützung der Balkanentente finden. Treu dem Völkerbunde hat die Balkanentente beschlossen, sich weiterhin aktiv an den Arbeiten in Genf zu beteiligen, damit der Völkerbund in den jetzigen schwierigen Zeiten seine hohe Aufgabe erfüllen kann. Der Rat der Balkanentente hat besonders die Einigung zwischen Großbritannien und Italien begrüßt, die einen sehr bedeutenden Beitrag für die Aufrechterhaltung des Friedens und des Status quo im Mittelmeer darstellt. Der Rat hat mit Befriedigung von dem Freundschafts- iakt zwischen Bulgarien und Jugo- l a w i e n Kenntnis genommen. Er hat festgestellt, »aß dieser Pakt den Zielen der Balkanentente ent- pricht, d. h. der Aufrechterhaltung des Friedens auf dem Balkan dient. Die nächste Sitzung findet im September 1937 in Genf statt.
Der „Tag des Deutschen Handwerks".
Frankfurt a. M., 18. Febr. (LPD.) Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda hat den „Tag des Deutschen Handwerks" für die Zeit vom 27. bis 30. Mai 1937 genehmigt. Die Veranstaltung findet in Frankfurt unter dem Leitspruch „Arbeit und Ehre" statt. Nach Kranzniederlegungen am Ehrenmal Unter den Linden, am Grabe Horst Wessels und am Tannenberg-Denkmal nimmt der Handwerkertag mit der Eröffnung der Meisterschau im „Haus der Moden" auf dem Frankfurter Festhallengelände seinen Anfang. Dabei werden die besten Meisterstücke aus dem Wettkampf der deutschen Meister ausgestellt. Reichsorganisationsleiter Dr. Ley und der Leiter des Deutschen Handwerks Paul Walter werden Ansprachen halten. Am Abend findet im Rathaus der Empfang der Presse statt. Der 28. Mai wird durch eine große Arbeitstagung des Deutschen Handwerks in der Deutschen Arbeitsfront eingeleitet. Der Nachmittag ist einer Arbeitstagung der Reichsgruppe Handwerk in der gewerblichen Wirtschaft vorbehalten. Am Abend ist eine Festvorstellung im Opernhaus. Am Samstag findet vormittags eine Tagung in der Festhalle statt, bei der Reichsoraanisationsleiter Dr. Ley und andere Männer der Partei und des Staates sprechen werden. Nachmittags werden die Wandergesellen auf dem Römerberg und die Sternfahrer auf dem Opernplatz begrüßt. Ein Festabend in der Festhalle beschließt den Tag. Am Sonntag wird vor 20 000 Zuschauern eine Freisprechung von Lehrlingen zu Gesellen und die Anerkennung von Gesellen zu Meistern in der neuen Form stattfinden. Am Nachmittag folgt ein Fest- z u g unter dem Motto „Handwerk im Dritten Reich". Den Abschluß bildet eine Kundgebung au dem Festhallengelände.
Kleine volitische Nachrichten.
Ministerpräsident Generaloberst Göring hatte bei der Staatsjagd reiches Jagdglück. Er brachte drei Wölfe und zwei Keiler zur Strecke. Bei der gleichen Jagd wurden noch zehn Keiler und^drei Luchse geschossen. Generaloberst Göring wird noch einer Jagdeinladung des Grafen P o t o ck i in Polesien Folge leisten.
In den Automobilwerken von Peugnot in So- chaux bei Montbeliard haben rund 14 000 Mann die Arbeit niedergelegt. Die Streikenden fordern eine neue Lohnerhöhung von 15 v. H. Die Arbeiter haben die Werke besetzt und die rote Fahne mit den Buchstaben GGT (Marxistischer Gewerkschaftsbund) gehißt. In der Umgegend sind starke Abteilungen Gendarmerie zusammengezogen. Alle bisherigen Schlichtungsverhandlungen sind gescheitert.
Der sowjetrussische Volkskommissar für die Schwerindustrie Ordschonikidse ist in Moskau plötzlich g e st o r b e n. Er var 51 Jahre alt und wie Stalin Georgier, der sich schon 1903 den Kommunisten angeschlossen hatte.
Aegypten hat auf Grund von § 1 der Völkerbundssatzung Antrag aufAufnahme inden Völkerbund gestellt. Die ägyptische Regierung kann nach § 3 des englisch-ägyptischen Bündnisvertrages hierbei die britische Regierung um ihre Unterstützung ersuchen. Dementsprechend hat die britische Regierung eine Sondersitzung des Völkerbundes beantragt, die voraussichtlich Ende Mai stattfindet. Gleichzeitig ist die britische Regierung an eine Reihe von Mächten herangetreten mit der Bitte, den Antrag zu unterstützen. *
Erneut sind britische Truppen in Wazi- r ist an (Nordindien) von eingeborenen Stämmen überfallen worden. Ein britischer und ein indischer Soldat wurden getötet. Die britische Kolonne war von einem Flugzeug begleitet, das den Stämmen schwere Verluste zufügte. *
Die bulgarische Polizei verhaftete acht Anhänger der sogen. S w e n o - G r u p p e, die gemeinsam mit einem Teil des Heeres den Staatsstreich vom
19. Mai 1934 durchgeführt hatte, aber später wieder aus dem politischen Leben ausgeschaltet worden war. Unter den Verhafteten befinden sich sechs ehem. Offiziere. Alle Verhafteten werden in der Provinz interniert.
Kunst und Wissenschaft
Erste Arbeitstagung des Kulturkreises der $21
Am 22. und 23. Februar findet in Berlin eine Arbeitstagung des Kulturkreises der SA. statt. Der Kulturkreis wird durch Reichsmini- ter Dr. Goebbels empfangen werden. Der Stabschef der SA. wird über das Thema „SA. und Kultur" sprechen. Weiter sind Ausführungen von Obergruppenführer Herzog über die praktischen Ausgaben des Kulturkreises, des Chefs des Hauptamtes, Obergruppenführer Kasche, über die kultische Ausgestaltung der NSK.-Kampfspiele, des Reichskulturwalters Brigadeführer M o r a l l e r , des Vizepräsidenten der Reichsfilmkammer Weidmann über die filmische Arbeit in der SA. und des Oberführers S ch a u d i n n über das Rundfunkwesen innerhalb der SA. vorgesehen. Den Abschluß bildet die Teilnahme des Kulturkreises an der Reichssendung „Das deutsche Gebet" am Dienstag zum Todestage Horst Wessels. Der Stabschef wird eine Ansprache halten. „Das deutsche Gebet" ist eine Dichtung der beiden Mitglieder des SA.- Kulturkreifes Böhme und Lauer.
Der deutsche Filmvolkstag 1937.
Im Rahmen der Jahrestagung der Reichsfilmkammer wird im gesamten Reichsgebiet am Sonntag, 7. März, ein Filmvolkstag durchgeführt werden. Es werden an diesem Tage nahezu sämt
liche täglich spielenden Lichtspieltheater Deutschlands — insgesamt rund 2000 — unentgeltliche Filmvorführungen für alle Volksgenossen veranstalten. Die Durchführung wird in der Weist erfolgen, daß in den Lichtspieltheatern eine ge» schmackvoll ausgestattete Schrift „Film und Volk" in einer Auflage von nicht weniger als einer Million Exemplaren an die Lichtspieltheaterbesucher zum Preise von 20 Pf. abgegeben wird. Der Besitz dieser Schrift berechtigt zum Eintritt in das Filmtheater, das am 7. März Filme neuester Produktion und guter Qualität zeigen wird. Der Sinn dieser Aktion ist es, die Verbundenheit von Film und Volk darzutun.
Bücherfpende der Reichsregierung für die Dorpater Universität.
In diesen Tagen stattete der deutsche Gesandte in Reval, Dr. F r o h w e i n, der Universitätsstadt Dorpat einen Besuch ab. Er wurde von dem Stadtoberhaupt General Tönnisson, dem Rektor der Universität Prof. Köpp und dem Divisionskommandeur General Kruus empfangen. Der Rektor der Universität und der Leiter der Universitätsbibliothek sprachen dem Gesandten ihren Dank für eine Bücherspende aus, die der Universität Dorpat von der Reichsregierung aus Anlaß des estnischen Buchjahres kürzlich überreicht worden ist. Zu Ehren des Gesandten veranstaltete die Stadt ein Festessen auf dem in freundschaftlichem Geiste gehaltene Ansprachen ausgetauscht wurden. In Erwiderung dieser Einladung gab der Gesandte am nächsten Tag ein Frühstück. Während seines Besuches legte der Gesandte am deutschen Soldatenehrenmal auf dem Johannisfriedhof einen Kranz nieder.
Bruttoregistertonnen großem Schiffsraum sein 80jähriges Jubiläum feiern kann.
Neben der Hakenkreuzflagae führt der Norddeut- che Lloyd den Bremer Schlüssel mit dem Schiffs- anker als Flagge. Mögen sie immer starker Deutschlands Seegeltung zum Ausdruck bringen.
Aus aller Wett.
Reiche Heringsfänge
an der Schleswig - holsteinischen Westküste.
Vor der Mittelhever an der schleswig-holsteinischen Westküste sind große H e r i n g s s ch w a r m e aufgetreten. An den Fangplätzen sind die Flscherei- ahrzeuge aus Husum, Toenning, Buesum, Winkenwerder und Cuxhaven versammelt. Der Hering steht hier stellenweise so dicht, daß die gefüllten Netze durchrissen, vereinzelt auch ganz verloren gegangen sind. Die Husumer Fischereifahrzeuge brachten Fänge von 7000 bis 10 000 Kilogramm heim. Es ist mit weiteren großen Fangergebnissen zu rechnen.
Vom Sondergerichl zum Tode verurteilt
Das Berliner Sondergericht verurteilte den Fritz Weyher, der am 26. Dezember v. I. einen 'Ausbruchsversuch aus dem Zuchthaus Sonnenburg verübt hatte, bei dem er zwei Strafanstaltsbeamte schwer verletzte, wegen Verbrechens gegen das Gesetz zur Gewährleistung des Rechtssriedens, in Tateinheit mit versuchtem Tot- chlag zum Tode und dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Der Vorsitzende betonte, daß der Angeklagte trotz der Entdeckung der Vorbereitungen seiner Flucht nicht davor zurückschreckte, unter Mißachtung des Lebens pflichtgetreuer Beamter seine Freiheit zu erlangen.
Schwere Stauborkane über Amerika.
Innerhalb von vier Tagen sind vier Staub- a r k a n e über weite Teile der Staaten Oklahoma, Texas, Kansas und Colorado hinweggebraust. Gleich einem dicken Nebel hing die aufgewirbelte Ackererde über dem Land. Die Sicht war im Staate Texas gleich Null, so daß jeder Verkehr stillgelegt war. In Bureto (Kansas) haben Influenza, Lungenentzündung, Nasen- und Ohrenbeschwerden einen olchen Umfang angenommen, daß die dortige Kirche in ein Krankenhaus umgewundelt wurde. Die Farmer fordern dringend Regierungshilfe, da sie die Vernichtung der Ernte befürchten.
Schweres Explosionsunglück
an Bord eines amerikanischen Schlachtschiffes.
An Bord des amerikanischen Schlachtschiffes „Wyoming", das jetzt als Schulschiff dient, ereignete sich in einem Geschützturm eine Explosion, bei der Kapitän Trumble sowie fünf Mann der Besatzung getötet wurden. Das Unglück ist darauf zurückzuführen, daß eine Granate beim Laden explodierte. Das Schlachtschiff ist in San Pedro eingelaufen. Sechs Schwerverwundete wurden an Bord des Lazarettschiffes „Relief" gebracht und dort operiert. Zwei von ihnen find bereits aufgegeben worden. — Das Unglück ereignete sich am letzten Tage der Manöver, die ein großer Teil der Pazifikflotte gemeinsam mit der Luftwaffe vor der Insel San Clemente durchführte, und die bis jetzt geheimgehalten worden waren.
Ein wildgewordener Stier.
In Trier kam es zu einem aufregenden Vorfall. Ein junger Stier, der zum Schlachthof gebracht werden sollte, wurde plötzlich wild und riß sich los. Das Tier rannte durch die Kulturen mehrere Gärtnereien und richtete einen Schaden von rund 1500 Mark an. Es blieb schließlich nichts anderes übrig, als den Stier durch Polizeibeamte erschießen zu lassen.
Vulkanausbruch in ANtlelchile.
Der Vulkan Llaima bei Temuco in Mittelchile befindet sich in starker Tätigkeit. In der näheren Umgebung wurden durch Lavaströme und Aus- bräche von heißen Quellen Zerstörungen auf den Feldern angerichtet. Das Anschwellen der Flüsse brachte zwei Brücken zum E i n st u r z. Bisher sind zwei Todesopfer zu verzeichnen.
Wetterbericht
des Reichswetterdienstes. Ausgabeort Frankfurt.
Die vom Atlantik ausgehende Wirbeltätigkeit und mit ihr die Lebhaftigkeit der Witterungsoorgänge bei uns hat sich weiter verstärkt. Da jetzt überwiegend milde Meeresluft zuströmt, werden die Niederschläge ergiebiger und auch im Gebirge weitaus als Regen fallen.
Aussichten für Samstag: Bei kräftigen südwestlichen Winden mild.
Aussichten für Sonntag: Bei Luftzufuhr aus Süd bis Südwest unbeständig und zu Niederschlägen geneigt, für die Jahreszeit zu mild.
Lufttemperaturen am 18. Februar: mittags 4,7 Grad Celsius, abends 3,3 Grad; am 19. Februar: morgens 4 Grad. Maximum 5,6 Grad, Minimum heute nacht 1,9 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 18. Februar: abends 3,1 Grad; am 19. Februar: morgens 2,4 Grad. — Niederschläge 1 mm. — Sonnenscheindauer 1,3 Stunden.
Wintersport-Wetterbericht.
Vogelsberg. Herchenhainer Höhe: Bedeckt, — 2 Grad, 15 cm Gesamtschneehöhe, 5 cm Neuschnee, Pulverschnee, Sport gut. Hoherodskopf: Nebel, —3 Grad, 35 cm Gesamtschneehöhe, 4 cm Neuschnee, Pulverschnee, Sport sehr gut.
Sauerland. Winterberg: Sprühregen, 0 Grad, 30 cm Gesamtschneehöhe, 2 cm Neuschnee, Pappschnee, Sportmöglichkeiten mäßig.
Rhön. Wasjerkuppe: Bewölkt, —4 Grad, 15 cm Gesamtschneehöhe, Sportmöglichkeiten mäßig.
Taunus. Kl. Feldberg: Nebel, —2 Grad, 9 Zentimeter Gesamtschneehöhe, 2 Zentimeter Neu- schnee, Pappschnee, Sport gut.
Schwarzwald. Feldberg: Leichter Schneefall, — 6 Grad, 110 Zentimeter Gesamtschneehöhe, 8 Zentimeter Neuschnee, Pulverschnee, Sport sehr gut.
Alpen. Schneefernerhaus: Heiter, —9 Grad, 610 Zentimeter Gesamtschneehöhe, 2 Zentimeter Neuschnee, Skimöglichkeiten gut, Rodeln mäßig.
Hauptschriftleiter Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: Dr. Fr. W. Lange; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigen- (eiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. D. A. I. 37: 11 250. Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts- Buch- und Steindruckerei R. Lange, K.°G., sämtlich in Gießen. Monatsbezugspreis RM. 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Pf. mehr. Einzelverkaufspreis 10 Pf. und Samstags
15 Pf., mit der Illustrierten 5 Pf. mehr.
Zur Zeit ist Preisliste Nr. 3 vom 1. Juni 1935 gültig.
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Unter Schlüssel und Anker.
80 Zähre Norddeutscher Lloyd.
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Das obere Bild zeigt den ersten deutschen Lloyd-Dampfer „Bremen", der teilweise noch mit Segeln ausgerüstet war und für seine erste Fahrt nach Neuyork vierzehn Tage brauchte. Unten: Der neue Schnelldampfer „Bremen", der jahrelang mit etwa fünf Tagen Fahrzeit als schnellstes Schiff der Welt den Verkehr zwischen Europa und Amerika vermittelte und auch heute noch zu den beliebtesten Schiffen auf dieser Strecke zählt. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Am 20. Februar 1857 würbe in Bremen der Norddeutsche Lloyd gegründet, der von zunehmender Bedeutung für den deutschen Uebersee- dienst wurde, Bremens Flagge mit dem Schlüssel in alle Ozeane trug und heute schlechthin Bremen verkörpert. Der Gründer des Norddeutschen Lloyd ist der alteingesessene Bremer Konsul Hermann Henrich Meier, der schon seit Jahren an der wirtschaftlichen Entwicklung seiner Vaterstadt arbeitete, auf dessen Veranlassung die vollkommen versandete Weser ausgebaggert, der erste Telegraph auf dem europäischen Festlande von Bremen nach Bremerhaven gelegt und die erste Eisenbahnverbindung zwischen den beiden Städten hergestellt wurde. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte Bremen so gut wie gar keinen Seeverkehr, erst etwa nach 1848 begann er sich langsam zu entwickeln, vor allem, da die Auswanderer nach den Vereinigten Staaten die Ueberfahrt von Bremerhaven aus vorzogen. Konsul Meier war Direktor zweier Dampfschiffahrtsgesellschaften, die die Unterweser und die Oberweser mit den neuen Dampfschiffen befuhren. Aus vier einzelnen Gesellschaften wurde nach manchen Schwierigkeiten endlich der Norddeutsche Lloyd gegründet, dessen erster Direktor Eduard Crüsemann war und den ersten Ueber- seedampfer, die 2500 Bruttoregister-Tonnen große „Bremen", im Juli 1858 nach Nordamerika schickte. Es war ein stolzer Tag, denn damit war die Weser einer in deutschen Händen befindlichen Dampfschifffahrtsgesellschaft erschlossen, während bis dahin hauptsächlich amerikanische Gesellschaften den Dienst versahen.
Im Gründungsjahr 1857 wurde bereits mit drei kleineren Schiffen von zusammen 2892 Bruttoregistertonnen der England-Verkehr eröffnet, dann wurde vor allem der Amerikadienst gepflegt, aber das Unternehmen stieß zunächst auf große Schwierigkeiten. Gerade im Gründungsjahr wurde die Welt von einer Wirtschaftskrise erschüttert, die auch den Norddeutschen Lloyd — der Name ist nach dem für die Schiffsgeschichte so bedeutungsvollen Lloyds Cafehaus in London von Meier gewählt worden — schwer gefährdete. Der Amerikadienst litt unter Unfällen, so daß im Jahre 1858 bis 1859 drei von vier Auswandererdampfern wegen Seeuntüchtigkeit infolge Havarien abgewrackt werden mußten. Weiter kam hinzu, daß Bremen zunächst Stadtstaat war und des Hintergrundes eines großen und einigen Deutschen Reiches entbehrte. Von vornherein standen die Gründer des Norddeutschen Lloyd auf dem Standpunkt, daß die nationale Einheit auch schon deshalb geschaffen werden müsse, damit die deutsche Seegeltung die nötigen Kräfte in einem reichen Hinterlande findet. Als daher im Jahre 1871 in Versailles das Zweite Reich gegründet wurde, verschrieb sich der Norddeutsche Lloyd völlig und nur zu gern dem Dienst im nationalen Fahrwasser und unterstützte nicht nur weit
gehend die Außenhandels- und Kolonialpolitik des eisernen Kanzlers, sondern baute über die Subventionen hinaus den Postdampferdienst nach Australien und Ostasien aus.
Der Privatinitiative, dem Hanseatengeist, war es in einem günstigen Augenblick gelungen, das Werk zu wagen, eine unabhängige deutsche Schiffahrt zu schaffen, während die Kleinstaaterei in Deutschland einem solchen Projekt weltenfern war und auch nachher nur durch den Wagemut der Kaufleute und durch kaufmännische Ehrbarkeit sich das Unternehmen immer weiter entwickelte, bis es bei Ausbruch des Weltkrieges 982 951 Bruttoregistertonnen Schiffsraum umfaßte, darunter die größten Passagierdampfer der Welt. Es war daher ein schwerer Schlag nicht nur für die deutsche Schiffahrt, sondern besonders für den Lloyd, daß wir auch unsere Handelsflotte dem Feindbund ausliefern mußten.
Die stolzen Schiffe des Norddeutschen Lloyd kamen in fremde Hände Was übrig blieb, war fo gut wie nichts, denn unter den rund 56 000 Brutto- regiftertonnen Schiffsraum war das größte Schiff nicht einmal 800 Bruttoregistertonnen groß, also etwa ein Viertel des Verdrängungsraumes des Dampfers „Bremen", mit dem im Jahre 1858 der Ueberseedienft nach den Vereinigten Staaten ausgenommen worden war! Aber hanseatischer Wagemut verzagte nicht. Die Flotte wurde trotz aller Schwierigkeiten wieder aufgebaut, die verödeten Häfen belebten sich allmählich, die Auslandsbeziehungen der deutschen Kaufleute und Reeder wurden wieder angeknüpft, und der Norddeutsche Lloyd konnte mit Stolz schon im Jahre 1929/30 die großen und auf das modernste ausgestatteten lieber« seedampfer „Breme n" und „Europa" von je 50 000 Bruttoregistertonnen in Dienst stellen.
Wieder kam eine schwere Krise, die zunächst einzelne Teile der Weltwirtschaft, dann den ganzen Weltwirtschaftskörper erfaßte. Die Scheinblüten der Konjunktur waren verwelkt. Da kam mit dem Nationalsozialismus die Wende. Er erkannte, daß für Deutschlands Seeschiffahrt und Seegeltung das ganze Reich einzustehen habe, und neben dem Norddeutschen Lloyd wurde die größte Hamburger Dampfschiffahrtsgesellschaft, die Hapag, vom neuen Geiste erfaßt. Der Konzern der beiden Großreedereien wurde aufgelöst, die Sonderausgaben wurden einzelnen Privatreedereien überlassen und die Großreedereien selbst wurden ihrer eigentlichen Aufgabe, den großen Ueberseeverkehr zu pflegen, zurückge- geben. Vom 1. Januar 1933 bis 31. Dezember 1936 hat der Norddeutsche Lloyd elf Schiffe, darunter die großen Ostasienfahrer „Scharnhorst" und „Gneise- nau" in Dienst gestellt, und zu diesen rund 100 000 Bruttoregistertonnen neuen Schiffsraum hat der Norddeutsche Lloyd bereits wieder 25 000 Bruttoregistertonnen deutschen Werften in Auftrag gegeben, so daß er mit verjüngtem, rund 625 000


