Nr.2)8 Zweites Blatt
Samstag, 18. September W37
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffenj
Wir vergeffen euch nicht!
Von Or. Hans Steinacher, Äundesleiter des VOÄ.
Der Heimatboden deutscher Jugend liegt heute in verschiedenen Staaten aller Erdteile — gemeinsam aber ist uns allen als Urheimat das deutsche Mutterland. Don ihm aus grüßen wir am „Tag des deutschen Volkstums 1937" die vielen Tausende deutscher Schulen, die Pflanzstätten sind unseres Volkstums und unseres deutschen Lebens unter den Völkern, grüßen wir ihre Lehrer, ihre Eltern, ihre Jugend!
Der diesjährige „Tag des deutschen Volkstums" — zu dem das „Fest der deutschen Schule" nun geworden ist — soll vor allem dem Bekennen zur regionalen Gemeinschaft unseres deutschen Volkes über alle trennenden Staatsgrenzen hinweg geweiht sein. Eins find wir Deutschen ohne Rücksicht auf die verschiedenen Staatszugehörigkeiten in unserer Sprache und Kultur. Eins sind wir in der Verantwortung für die Bewahrung aller Erlebnisgemeinschaft in der Vergangenheit und der Sicherung der gemeinsamen deutschen Lebensgrundlagen für die Zukunft. Eins find wir ohne Rücksicht auf Staatszugehörigkeit als gleichberechtigte und gleichverpflichete Träger der deutschen Kultur und des deutschen Lebensschicksals. Gemein- s a m tragen wir als Deutsche die Pflicht, die Einheit und Ganzheit des deutschen Volkstums zu bekennen und tätig zu pflegen und feine Würde zu vertreten.
Das deutsche Volk ist in Europa das Volk der staatlichen Zerstückelung. Deutscher Volksboden ist auf vielen Staaten verteilt, in mehr als einem Dutzend von ihnen leben beste Teile des deutschen Volkes das Schicksal sogenannter Minderheiten. Es handelt sich dabei um Millionen von Deutschen — weit über drei Millionen allein leben in der Tschechoslowakei! Da viele Staaten von dem unheilvollen Wahn besessen sind, fremdes Volkstum mit Lift und Gewalt ausrotten und damit ihre eigene Sicherheit erhöhen zu können, haben deutsche Menschen auf uraltem deutschen Siedlungsboden einen unablässigen und schweren Selbstbehauptungskampf um ihr Volkstum und um die natürlichen Grundlagen ihrer Existenz zu führen. Tägliche Opfer bringt dieser Kampf für jeden Auslanddeutschen. Adolf Hitler hat darüber in seinem Buch geschrieben: „Von dem ewigen, unerbittlichen Kampf um die deutsche Sprache, um die deutsche Seele und deutsches Wesen hatten nur ganz wenige Deutsche aus dem Reiche eine Ahnung. Erst heute, da diese traurige Not vielen Millionen unseres Volkes aus dem Reiche selber aufgezwungen ist, die unter fremder Herrschaft vom gemeinsamen Vaterlande träumen und sich — sehnend nach ihm — wenigstens das heiligste Anspruchsrecht der Muttersprache zu erhalten versuchen, versteht man im größeren Kreise, was es heißt, für sein Volkstum kämpfen zu müssen."
Diese Feststellung des Führers und Reichskanzlers soll der Vergangenheit angehören. Alle Ihr volksdeutschen Kämpfer jenseits der Reichsgrenzen sollt nun wissen, daß das deutsche Volk Euch nicht vergißt. Es weiß um Eure Opfer. Es dankt Euch für Eure Volkstreue, Eure Standhaftigkeit ist die Ehre aller Deutschen. Alles, worauf wir im Deutschen Reiche stolz sind, ist auch Euer Besitz und was in der Welt Leistung, Ansehen und Wertschätzung des deutschen Volkes bedeutet — das bezieht sich auch auf Euch, so wie Eure schöpferischen Kräfte Leistungen des deutschen Volkes ausmachen. Stolz sollt ihr daher den Namen Deutscher tragen! Volksgenossen sind wir alle, die wir deutschen Volkstums sind, gleiche Sprache reden, gleicher Art, gleichen Blutes und gleicher Pflichten zu unserer Deutschheit sind. Und die Bindung im Volkstum ist mehr als die Verschiedenheit der Staatsbürgerpässe!
Jedes gesunde Ganze wird seine Erhaltungskraft
seinen bedrohten Teilen zuwenden. Die Mutter wird immer jenes Kind am meisten mit liebender Sorge umgeben, das in Not und Bedrohung steht. So ist es natürlich, so will es das Gesetz der Gemeinschaft. Aus der Tatsache der staatlichen Zerstückelung des Deutschtums in Europa und der Zerstreuung in Uebersee erwächst daher allen Volksgenossen im arteigenen Staat die heilige Verpflichtung, mit nie erschlaffender Liebe und mit opferbereiter Verantwortung zum deutschen Volkstum jenseits der Staatsgrenzen zu stehen. Vor allem gilt dies für die 66 Millionen Volksgenossen, die das Glück haben, im mächtig aufstrebenden und stolzen Deutschen Reiche zu leben. Immer sei gerade ihnen lebendig, daß dieses Reich Adolf Hitlers bewußt auf dem tiefen Fundament des deutschen Volkstums aufgebaut wird, aus dem jenseits der Grenzen die Lebenskraft kämpfenden deutschen Volkstums entströmt. Nicht mehr in einer reichsdeutschen Ueberheblichkeit — wie in einer abgetanen Vergangenheit — wird der Deutsche im Reich dem Volksgenossen im fremden Staate gegenüberstehen, sondern im brüderlichen Verste
hen und dankenden Wissen für den auslanddeutschen Opfergang.
^Jn dieser Erkenntnis feiern wir den 19. September als Tag des deutschen Volkstums. Wir glauben an die ewige Schöpferkraft unseres Volkstums. Wir bejahen freudig die Verantwortung aller Teile der überstaatlichen deutschen Volksgemeinschaft zum Ganzen und die Pflicht des Ganzen zu seinen Teilen. Wir wissen abseits aller völkischen Zielstellung, daß die Einheit des Ganzen den bedrohten Außengebieten unseres Volkes Kraft gibt. So, wie wir in völkischer Bindung die gleiche völkische Haltung der anderen Völker bejahen, so erwarten auch wir, daß man in den fremden Staaten in Europa und in Uebersee die ethische Reinheit unseres Strebens würdigt. Die Welt muß und wird erkennen, daß wir durch zähes und kompromißloses Festhalten an den sittlichen Bindungen des Volkstums den besten Beitrag leisten gegen die zerstörenden Kräfte des Bolschewismus und für die Stärkung der ewigen Fundamente eines friedlichen und anständigen und dauernden Verhältnisses zwischen gleich angesehenen Völkern.
Das Hultschiner Ländchen.
13 on August Scholtis.
Am 4. Februar 1920 vormittags 10 Uhr überschritten tschechoslowakische Truppen, ausgehend von den drei Punkten Troppau — Freiheitsau — Diel- hau den alten preußischen Grenzfluß D p p as und besetzten 36 Ortschaften des südschlesischen preußischen Landkreises Ratibor, dem hier durch der landschaftlich schönste, industriell wichtigste und zugleich fruchtbarste Teil verloren ging. Wir kennen dieses Gebiet seither unter dem Namen: „Hult- s ch i n e r Ländchen". Fast genau drei Jahre später, am 14. März 1923 wiederholte sich dieses Besetzungsspiel im kleinen Maßstab für weitere zwei preußische Dörfer: Sandau und Haatsch, während ein drittes, diplomatisch umstrittenes Dörfchen, O s ch ü tz, als Trostpflaster für die hartnäckigen Proteste der Bevölkerung aller Ortschaften, bei Deutschland verbleiben durfte. Mit- diesen Geschehnissen erfüllte Deutschland seine „Vertragspflicht" gegenüber der Tschechoslowakei, wobei die Willenskundgebungen und einmütigen Proteste der Bevölkerung ohnmächtig verpufften.
Im Gegensatz zum übrigen Oberschlesien, das von Oppeln ausstrahlend gegen Südosten, eine wasserpolnische Bevölkerung aufweist, ist hier, südlich von Ratibor, parallel dem Niederlauf der beiden linken Odernebenflüsse Oppa und Zinna, ein recht munteres Mischpölkchen ansässig, schlesisch und gemütlich, ein sang- und klangfroher Stamm, der einen wassermährischen, stark deutsch und auch oberschlesischpolnisch durchsetzten Sprachmischmasch von vielleicht rund 500 Wörtern als primitivstes (selber grausam bewitzeltes) kaum über die Dorfgrenze (und in jedem Dorfe anders gehandhabtes) „Muttersprachbehelfsmittel" unter sich „kauderwelscht" — zumeist jedoch, und seit Jahrzehnten fast ausnahmslos, zur reinen, gültigen Verständigung das Deutsche in Wort und Schrift höchst intelligent benutzt und, ob jung oder alt, vollkommen beherrscht. Das Hultschiner Ländchen stellt den größten Prozentsatz Oberschlesiens an Lehrern und gehobenen Handwerkerberufen in Deutschland. Diese Menschen nun sind ohne Ausnahme Grenzlandmenschen mit drittgeteilt auseinander strebenden völkischen Elementen, ein Zustand, der als unabwendbar in jedem Grenzland längst erkannt worden ist.
Um dieses Völkchen nun, um seine Seele, geht ein erbitterter Kampf. Das Volk widersetzt sich dem Ansinnen, die deutsche Sprache entbehren zu sollen. Es handelt zwangsläufig, und wir sehen hier den eigentümlichen, für alle Grenzlande geltenden Fall, wo komplizierte Verhältnisse existieren und wo die Menschen sich mit einer Sprache nicht begnügen wollen, in Mitteleuropa insbesondere die deutsche Sprache dringend wünschen und darum kämpfen.
Aus diesem Grunde steht jeder einzelne Hultschiner auf dem Standpunkt, daß er sich in Deutschland wohlgefühlt hat und die tschechoslowakische Besetzung nicht wünschte.
Hier ist des romantischen Dichters Joseph von Eichendorffs engste Heimat. Schlösser erzählen hier im Oppatal vom Dichter selbst und seinem verklungenen Geschlecht. Hier klappern Mühlen, hier lockt das ehemals österreichisch-schlesische Hügelland in die südliche Ferne. Die Hauptstadt und zugleich einzige Stadt des Gebietes, ist Hultschin, in walüumrauschte Oppahügel gebettet mit etwa 5000 Einwohnern, zumeist Deutschen, heute Sitz der tschechoslowakischen Bezirksbehörden. Hier atmet und blüht Alt-Oesterreich ersichtlich aus diesem verkehrten Refrain:
Es gibt nur o Koiserstodt, Es gibt nur o Wien ... Es gibt nur o schöne Stobt, Nur o Hultschin ...
Hier winkt der Allvater aus der Ferne ... das Sudetenland ... mit Troppau und Jägerndorf und rückwärts gegen die Beskiden mit Bielitz ... Te- schen ... dem Kuhländchen ... Vollends aus dem Weltgetriebe abgebrochen, träumt dieses deutsche Städtele seinen Spitzweg.
Soweit es nicht dem fetten Oppaboden verhaftet ist und sein Bauerntum versieht, lernt es traditionellerweise ein und dasselbe Handwerk: Maurer. Mit diesem Handwerk findet es fast ausschließlich überall im Reiche sein Verdienst, und die Wohlhabenheit des Ländchens beruht auf dieser Tatsache. Deutschland hat dem Hultschiner Ländchen die Wohlhabenheit gegeben, die Männer werkeln den Sommer über in Deutschland, zum Winter kommen sie mit den Ersparnissen heim, zu Weib und Kind, um in der Regel ein Häuschen zu bauen und sich ansässig zu machen auf heimatlichem Boden.
In diesem Jahre arbeiten aus dem Hultschiner Ländchen etwa 3000 Menschen im Reich und tragen entscheidend bei zur wirtschaftlichen Existenz des Gebietes. Das ist die wesentliche Tatsache dafür, warum der Hultschiner hartnäckig darauf besteht, daß sein Kind die deutsche Sprache beherrscht. Die tschechischen Behörden machen ihm diesen Anspruch streitig, bieten ihm gleichzeitig aber nicht die Garantie der wirtschaftlichen Existenz. Es wäre falsch zu sagen, daß der Hultschiner ausschließlich an die wirtschaftliche Seite denkt, nein, darüber hinaus steckt in der kämpfenden Generation die alte preußische Zucht und untergeordnete Selbstlosigkeit. Der Hultschiner hat einen praktischen Sinn, eine Bewunderung für die deutsche Zivilisation und ein deut
sches Herz aus des Deutschen Reiches verklungener, ein Jahrtausend alter Herrlichkeit.
Nachdem man ihm sein Kind aus der deutschen Schule wegnahm, nachdem man die deutschen Schulen liquidiert, schritt er zur Selbsthilfe, berief deutsche Prioatlehrer ins Dorf und besoldrce diese Lehrer von seinem mühsam erworbenen Lohn. Aber auch diese Möglichkeit ist ihm genommen worden, die Tschechen haben den Privatunterricht restlos verboten, der Hultschiner verteidigt nun sein Deutsch- tum oollens quf eigene Faust, er selbst lehrt sein Kind die deutsche Sprache in den Grenzen seiner Hofes und am Herd, und das Deutschtum ist stärker als es je war.
Wims „UntorieWfeif".
Von Otto Eorbach
Japan wurde seit dem großen Kriege vor der Weltöffentlichkeit so nachhaltig als „Eroberer" angeprangert, daß man darüber meist nicht nur vergaß, wieviel ursprünglich chinesisches Gebiet sich andere Mächte aneigneten, sondern auch übersah, was diese, während sie immer lauter: „Haltet den Dieb!" schreien helfen, fortgesetzt unternehmen, ihre Hoheits- und Einflußgebiete im Rahmen des geschwundenen alten Reiches der Mitte auszudehnen oder abzurunden. Japan kann als Vormacht der gelben Rasse für sich geltend machen, daß es sich auf dem Festlande immer nur dort festsetzte, wo die jeweilige chinesische Regierung ihr Gebiet nicht gegen das unaufhaltsam, wie ein gewaltiger Gletscher, durch die Wüsten und Steppen Inner- und Nordasiens sich vorwärts schiebende wesensfremde Sowjetrußland zu verteidigen vermochte.
Dabei handelte es sich zunächst um „Neben» l ä n d e r", auf die ein „neues" China weniger Anspruch erheben konnte, als auf andere, die inzwischen unter britische und französische Herrschaft oder Kontrolle geraten waren. Korea war ein Vasallenstaat, um den sich Peking kaum noch kümmerte. Japan mußte es unter seinen Schutz nehmen, damit es nicht, wie damals die Mandschurei, russische Provinz wurde. Die Man - dschurei war das Stammland der Mandschu- Tungusen, das sie, solange sie dazu die Macht hatten, gegen den Zuzug von Chinesen sperrten. Auch dieses Gebiet mußte unter japanische Kontrolle kommen, damit es nicht für die Dauer an Rußland fiel. Wenn feit der Jahrhundertwende fast 30 Millionen Menschen aus den Hungergebieten des eigentlichen China, wo unaufhörliche Büraerkriege lange Zeit keine starke Staatsgewalt aufkommen ließen, nach der Mandschurei flüchten und dort hoffnungsvoll Wurzel fassen konnten, so verdankten sie das der Aufschließungsarbeit erst russischer, dann japanischer Kolonisation. Die Entstehung eines mit Japan verbundenen besonderen Staatswesens „M a n d s ch u k u o" ist daher das Ergebnis moderner geschichtlicher Entwicklung, die vom eigentlichen China aus gar nicht aktiv beeinflußt wurde.
Was nun die innere und äußere Mongolei anlangt, so nehmen die mongolischen „Fürsten" den Standpunkt ein, daß ihre Stammesverbände sich dem alten China nur als Verbündete der Mandschus anschlossen, so daß sie nach deren Sturze für ihre Wohn- und Wanderungsräume volle Unabhängigkeit gegenüber dem neuen China beanspruchen könnten. Sie suchen, um diesen Anspruch geltend zu machen, teils bei Japan, teils bei Rußland Anlehnung. Nachdem nun Rußland aus der äußeren Mongolei eine „unabhängige" Sowjetrepublik zu machen verstand, mußten die Japaner die innere Mongolei Mandschukuo mehr oder weniger anzugliedern suchen. Daß sie zugleich als Ostasiaten die völlige
A ist nicht gleich A.
Kriminalgeschichie von Edmund Finke.
Die Geschichte flog nur dadurch auf, daß der Steward Steffen Macquire, der die Kabinen 1. Klasse von 41 bis auf 50 auf dem Luxusdampfer „Halifax" der P. & O. Steam Navigation Co. besorgte, gern Kriminalromane las und die ihm anvertrauten Passagiere weniger auf ihre natürlichen Eigenheiten als auf die kriminologische Typenlehre hin beobachtete, die er sich mit Hilfe des Herrn Ellery Queen und der Frau Agathe Christie zurechtgelegt hatte.
Steffen Maxquire war, als der Steamer die Freiheitsstatue passierte, bereit zu schwören, daß Charles Lambs nicht Charles Lambs war. Denn er hatte den Mann beobachtet, als er in Hoboken die Kabinentür von Nr. 47 öffnete und für viereinhalb Tage von feinen teuer bezahlten vier Wänden Besitz ergriff. Nr. 47 war laut Passagierliste für einen gewissen Mr. Lambs aus Chikago, Farben en gros, reserviert. Personenbeschreibungen werden nur in seltenen Fällen der Passagierliste beigefügt, demnach lag es ganz allein am Steward, zu behaupten Lambs fei nicht Lambs, da niemand sich um diesen Mann kümmerte und gekümmert hatte von dem Augenblick an, als er dem Zahlmeister die Schiffkarte vorwies, einem Angestellten, der selbstverständlich auch nur das Papier und nicht den Menschen ansah.
Während des Dinners durchstöberte Macquire die Kabine; die Luke stand offen, und eine Möwe strich mit niederträchtigem Gekreisch über die Wogen, die sechs Meter tiefer dunkelgrün an der Außenhaut aufschäumten. Macquire schob sich durch die Luke, bis er mit halbem Oberkörper über Bord hing. Er suchte nach Spuren, fand aber nichts. Er meloete feine Beobachtungen dem Captain, wurde aber hinausgeworfen, da der Oberfteward Macqui- res Marotten kannte. Er ließ es sich, nicht verdrießen und setzte sich durch den Bordfunker, den er beschwatzte, mit New Scotland Pard in Verbindung, was ihm, bei ermäßigtem Tarif, zlvanzig blanke Dollar kostete. Macquire war 3mar Schotte, allein sein Jagdeifer und fein Gerechtigkeitssinn siegten über die angeborene Sparsamkeit. Lambs war nicht Lambs, das konnte er vor jedem Menschen, der guten Willens war — und darauf kam es an — beschwören.
Als die „Halifax" in Southampton anlief, standen H. L. Paine, der technische Dezernent New Scotland Pards, und Jespektor Borden am Pier und nahmen sich zum größten Aerger des Cap- tains, des Zahlmeisters und des Oberstewards so
wohl Macquire als auch Lambs liebevoll vor, untersuchten und beäugten Lambs und redeten dem Steward grimmig ins Gewissen.
Das vom Polizeipräsidium Chikago eingeholte Fernlichtbild und die Personbeschreibung stimmten ungefähr, ab(r auch nur ungefähr mit dem Original überein. Mr. Lambs war um zwei Zentimeter kürzer, als er fein sollte, die Nase war leicht gebogen anstatt gerade; kurz, nicht einmal Borden hätte ein Haar in der Suppe gefunden, wenn sich Macquire nicht so aufgeregt gebärdet hätte. „Er ist es nicht. Er hat einen anderen Gang. Und wenn er ihm auch ähnlich ist, so zeigen seine Züge doch einen ganz andern Charakter als jene des Mannes, der in Hoboken an Bord kam. Der andere sah behäbig und offen drein, dieser Mr. Lambs hingegen hat einen verschlossenen, vorsichtigen Ausdruck im Gesicht, der mich sofort an Irvine, den 100 000= Dollar-Defraudanten, erinnerte, der auch hier in Southampton geschnappt wurde."
Lambs grinste zynisch: „Der Mann ist ein Narr. Sie sollten ihn in ein Sanatorium für mißratene Sherlock Holmes bringen, zuerst ins Bad und dann auf ein paar Tage in eine gute Zwangsjacke stecken!"
H. L. Paine sah sich Herrn Lambs genauer an. Herr Lambs gefiel ihm nicht. Er nahm Herrn Lambs den goldenen Chronometer ab, der in feiner rechten unteren Westentasche steckte. „Ist das die Uhr, die Sie immer bei sich trugen? Bei der Arbeit und beim Vergnügen, im Geschäft und wahrend Ihrer Mußestunden, wo immer Sie sich gerade aufhalten?" ....
Herr Lambs machte ein dummes Gesicht, denn er konnte mit dieser sonderbaren Frage nichts anfangen. „Ja, Gewiß Ich trage diese Uhr fett 15 aber 16 Jahren am Leibe, und bei Nacht hangt sie neben meinem Bette, denn ...hm . fie hat ein Leuchtzifferblatt und man kann auch nachts die Stunden ablesen ... Aber ...?
,Zhre Dokumente, Mr. Lambs?"
Lambs legte seine Papiere vor. Sie waren in Ordnung. Weder in seiner Kabine, noch in den Kaffem oder in den Kleidern fand sich ein Beweis dafür vor, daß Lambs nicht Lambs gewesen wäre, oder daß außer ihm sich noch ein anderer in Nr. 47 aufgehalten hatte. Trotzdem fegte ^aine mit einer Aanöberoegung alle Bedenken beiseite. »Sie sind Besitzer einer Farbwarenfabrik Mr Lambs? Besuchen Sie die Fabrikräume täglich, oder halten Sie sich nur in den Büros auf?"
Na Horen Sie mal; es ist doch selbstverständlich daß ich hinter allem her bin, sowett's mich
angeht. Hinter den Arbeitern ebenso wie hinter den Clerks."
„Schon, Mr. Lambs. Ich finde keinen Anlaß, Sie in 5)oft zu nehmen, aber Sie werden so freundlich sein, uns nach London und zum Pard zu begleiten. Ich verspreche Ihnen, daß wir dort in einer halben Stunde fertig sein werden, und daß Sie die höflichsten Entschuldigungen mit auf den Weg bekommen, wenn alles klappt und meine kleine Untersuchung negativ ausfällt."
Lambs protestierte formell und soweit er es für angezeigt hielt, Entrüstung zu zeigen. Sein breites Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an, als ob er bemüht wäre, sich einiger Dinge zu entsinnen, die augenblicklich von Wichtigkeit waren. Er streckte die Hand nach seiner goldenen Uhr aus, aber Paine ließ sie kühl in die eigene linke obere Westentasche gleiten, Lambs schüttelte den Kopf, er konnte nicht begreifen, was denn nun eigentlich mit dieser vertrackten Uhr los sein sollte.
Als sie Waterloo Station erreichten, schlug die große Glocke von der Abbey Drei. Die Nachmittagssonne blinzelte über die Themse hin. Ein Taxi brachte die Herren über Westminster Bridge nach New Scotland Pard. Paine rief Herrn Weston von der Firma Weston & Sons, Farben en gros, an der versprach, sich in einer Viertelstunde in dem berühmten Zimmer Nr. 13, dem Amtssitz Inspektor Bordens, einzufinden. Sodann verschwand Paine mit Lambs Uhr, der vorwurfsvoll den Inspektor ansah.
Als Mr. Weston anrückte, nahm Paine auch diesem ehrenwerten Manne die Uhr ab und verschwand damit gleichfalls in den weitläufigen Gängen des CID., kehrte jedoch bald wieder ins Zimmer Nr. 13 zurück. Nach zwanzig peinlichen Minuten brachte ein junger, fröhlich dreinschauender Mann beide Uhren zurück. Sie lagen jetzt in Holzschachteln auf Watte. Zwischen Deckel und Schachtelrand war je ein Zettel eingeklemmt, auf dem einige Daten zu lesen standen, die das Ergebnis einer mikroskopischen und chemischen Untersuchung enthielten.
Paine reichte Herrn Weston von der Firma Weston & Sons die Uhr zurück und dankte ihm für den kurzen Besuch. Dann wandte er sich an Mr. Lambs. „Sie sind nicht Lambs. Ich verhafte Sie unter dem Verdacht, Mr. Charles Lambs aus Chikago an Bord der „Halifax" beseitigt zu haben. Alle Äußerungen Ihrerseits können von nun an gegen Sie verwendet werden."
Der Mann, der bis jetzt Lambs gewesen war, grinste tückisch: „Und darf ich fragen, was diese verteufelten Uhren d a m i t zu tun haben?"
„Das können Sie, Derehrtester. Die Uhr eines
Müllers enthält Mehl, die eines Tischlers Holz- ftaub, die des Besitzers einer Farbwarenfabrik mutz Farbenftaub enthalten. Es gibt keinen Uhrdeckel, der so dicht schlosse, als daß eine Uhr, die jahrelang getragen worden ist, nicht einen Beruf verriete, der mit besonders fein verteilten Staubpartikeln zu tun hat, wie der eines Farbwarenfabrikanten. In Ihrer Uhr hingegen ist nicht ein Atom Farbenstaub, sondern nur ganz gewöhnlicher Straßen- und Bürostaub enthalten."
„Interessant", grinste der Mann, der Lambs geheißen hatte, „aber Sie hätten das, wie ich befürchtet hatte, auch viel einfacher herausbringen können, wenn Sie meine Fingerabdrücke mit denen des echten Lambs verglichen hätten, die er unzweifelhaft auf feinen Dokumenten und Papieren, die ich bei mir trage, hinterlassen hat. Und Sie können ihn gleich mittels Radiodepesche verständigen, daß er in die Centrestreet zum Neuyorker Polizeipräsidium gehen soll, um dort zu bezeugen, daß er lebt. Er hat nämlich am letzten Abend vor der geplanten Abreise bei Delmonico ein kleines Mädchen aufge» gabelt ... hm, feine Frau in Chikago sieht derlei Seitensprünge nicht gern ... und nach Europa wollte er die Kleine auch nicht mitnehmen; was tut der Unglücksrabe? Er verständigt seinen alten Freund Murphy, der hier vor Ihnen steht, und ihm ein bißchen ähnlich sieht, übergibt ihm Paß, Schiffskarte und Geschäftspapiere und läßt Fünf grade sein. Aber ich sagte gleich, Junge, wenn das nicht schief geht, will ich 'n Besen fressen. Er brachte mich noch an Bord und verschwand alsogleich. Dieser Idiot von einem Steward hat eine Detektio- geschichte draus gemacht. Sherlock Holmes mit einem Tee-Ei im Schädel. Toll, nicht wahr, Inspektor?"
Hochschulnachrichten.
Am 19. September vollendet der ordentliche Professor der Allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie an der Universität Heidelberg, Dr. Alexander S ch m i n ck e, das 6 0. Lebensjahr. Professor Schmincke gilt als Autorität auf ollen Gebieten der pathologischen Anatomie. Sein besonderes Interesse gilt der pathologischen Anatomie des Nervensystems, der Geschwulstlehre und der Tuberkulose. Als Lehrer genießt er die ungeteilte Wertschätzung der studentischen Jugend, der er auch durch seine tatkräftige Forderung der studentischen Leibesübungen besonders nahesteht. Der SA. gehört Professor Schmincke als Obertruppführer und Sportreferent an. Er besitzt das silberne SA.-Sportab- zeichen.


