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Kr.ttZ Drittes Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)

Mittwoch, (9. Mai 1937

Der Skagerrak-Platz fertiggestellt.

Aus der Stadt Gießen.

Trunkenheit am Steuer ist kriminelles Verbrechen.

DiePfädchen".

Wer kennt nicht die schmalen, engen Wege, die sich rings um unsere Dörfer ziehen? Hinter jedem Garten, oft zwischen den Wänden von Wirtschafts­gebäuden, den Bach entlang, führen diese heim­lichen, von Hecken und Gebüsch umgrenzten Pfädchen hinaus ins Feld oder in den Wald.

Freilich gab es Zeiten, in der einiae der schönsten Ecken und Winkel dieser lauschigen Pfädchen entfernt werden muhten. Das war damals, als die Feld­bereinigung für gerade Wege sorgte. Aber viele, viele Pfädchen sind geblieben, und es ist gut so. Wir können uns das Dorfbild ohne sie gar nicht denken.

Da rankt der Efeu an alten Bäumen/ da wuchern wilder Wein und Geißblatt, Weißdorn und wilde Rosen stehen im ersten Grün, und über allen Zwei­gen leuchten die großen Dolden des Flieders. Die Vögel aber finden hier überall Niftgeleaenheiten, und zum Danke schmettern sie uns ihre Lieber.

Wohin unser Blick fällt, überall sehen wir die weißen, roten, gelben und blauen Sterne der Blu­men, die Obstgärten grüßen uns und lassen auf eine gute Ernte hoffen. Alle Knospen haben sich geöffnet, und jeder Bodenfleck ist bunt bestickt, lieber den Gärten liegt der Duft des Frühlings und ver­bindet Himmel und Erde. Nirgends zeigt sich die Schönheit des Wonnemonats so sieghaft und wun­dervoll, wie auf diesen kleinen Pfädchen.

Und wie schön sind die Mainächte auf diesen schmalen, heimeligen Wegen! Da leuchten nicht die Hellen Straßenlampen. Im Schutz der Sommernacht sehen wir Gestalten vorbeihuschen.Heimlich, still und leise!"

Da und dort steht eine einfache Bank, ein Brett wurde über zwei Steine gelegt. Flüstert es nicht unter dem Fliederstrauch? Wir gehen leise vorüber. Unser Schritt stört die Pärchen nicht, die dort sitzen und geheimnisvoll plaudern, denn die Pfädchen sind mit Gras bewachsen, und wir gehen darauf wie auf einem Teppich.

Der ganze Zauber einer Mainacht umfängt uns, wenn wir hinter den Gärten auf den lauschigen Pfädchen schreiten, wenn wir uns ein stilles Plätz­chen ausgesucht haben. Auf den Straßen und in den Häusern wird es still. Die müden Bauersleute gehen zur Ruhe. Hier draußen aber unter Hecken und Büschen raschelt und raunt es noch. Die Ju­gend wird so schnell nicht müde in dieser Maienzeit.

Frühling und Liebe! Beneidenswerte Menschen­kinder! Ganz in der Ferne schlägt eine Nachtigall, hell und jauchzend. Es ist so, als müsse dieses Blühen und Sprossen ausklingen in einem Jubel­lied, das die nächtliche Stille erfüllt ...

. da singet und jauchzet das Herz zum Himmels­zelt. Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!"

H. (Geibel.)

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Stadttheater: 19.30 bis 21.45 UhrDer Etappen­hase". Gloria-Palast, Seltersweg:Krach und Glück um Künnemann". Lichtspielhaus, Bahnhof­hofstraße:Man spricht über Jacqueline". Verein ehemaliger 116er Gießen: 20.30 Uhr Kameradschafts­abend imAuerhahn", Sonnenstraße.

Sladtthealer Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet eine Wiederholung des großen ErfolgesDer Etappenhafe", Lustspiel aus Mr Kriegszeit von Karl Bunje, statt. Spielleitung Hein­rich Hub. Die Rolle des Hein Lammers spielt Karl-Ludwig Lindt. Diese Vorstellung findet als 32. Mittwoch-Miete, als letzte Vorstellung der Mitt­woch-Miete, statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.45 Uhr.

Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.

Infolge des Reichsführerlagers in Weimar wird die Feierstunde mit Ausgabe der Führerbeförde­rungen am Mittwoch, 19. Mai, in der Aula des Gymnasiums auf einen späteren Termin verlegt.

Der im Eichgärtengelände zwischen der Neuen Pestalozzischule und der Schlageterstraße im Mai vorigen Jahres begonnene Skagerrak-Platz, der ein Ehrenmal unserer Stadt zum Gedenken an die in der Skagerrak-Schlacht gefallenen Kameraden der deutschen Kriegsmarine därstellen soll, ist nun­mehr nachdem die Bauarbeiten längere Zeit, insbesondere während der Wintermonate, stilliegen mußten fertiggestellt worden. Die Einweihung des Platzes wird' am Sonntag, 6. Juni, vormittags stattfinden. Zu der Einweihungsfeier, bei der Ober­bürgermeister Ritter und der Führer des SA.- Marinesturmbannes 11/34 Dr. Mettenheimer Ansprachen halten werden, wird der Oberbefehls­haber der Kriegsmarine eine besondere Abordnung entsenden. Die Feier wird allen Volksgenossen zur Teilnahme offenstehen.

Der Skagerrak-Platz bedeutet für das Eichgärten- gelände eine wesentliche Verschönerung, die erst in den nächsten Wochen so recht in Erscheinung treten wird, wenn die mit Rasen eingesäten Endflächen in vollem Grünschmuck prangen und auch das Buschwerk noch mehr zur Entfaltung gekommen sein wird. Dieses Ehrenmal unserer Stadt für die gefallenen Kameraden der deutschen Kriegsmarine besteht aus einem 75 Meter langen und 25 Meter breiten Wasserbecken, zu dem von der Höhe der Straße vor der Pestalozzischule zwölf Stufen hinab­führen. An der Stirnseite des Beckens vor der Pestalozzischule befindet sich ein gemauerter Sockel, auf dessen oberen Abschluß in Gestalt eines Natur­steines das schlichte WortSkagerrak" einge­hauen ist. Dieser Naturstein wird bei der Einwei­hungsfeier am 6. Juni einen Kranz erhalten, den ein Stifter zu Ehren der Gefallenen der Gesamt­anlage . beifteuert. Die Wasserfläche des Beckens wird so bemessen sein, daß der Kranz auf dem Sockel gewissermaßen auf dem Wasser schwimmt.

Zu beiden Seiten der Treppe, von der Pestalozzi­

schule her, nach dem Wasserbecken sind auf gemauer­ten Sockeln hohe Fahnenstangen angebracht, die als oberen Abschluß je einen Dreizack Neptuns tra­gen. An diesen Sockeln, nach der Seite der Wasser­fläche zu, befinden sich rechts und links keramische Reliefs, von denen das am östlichen Sockel den älte­sten Kampfschifftyp der deutschen Marine (eine Kogge) darstellt, während das auf dem westlichen Sockel befindliche eine U-Bootflottille zeigt, beide Reliefe stellen gewissermaßen Endpunkte von be­deutsamen Entwicklungsabschnitten der deutschen Kriegsmarine dar.

An den beiden Längsseiten des Bassins befindet sich niederes, stacheliges Buschwerk aus Berberis, dessen Stacheln und Dornen zukünftig verhindern sollen, daß wenig rücksichtsvolle Menschen auf die Rasenflächen laufen. Ebenfalls zu beiden Längs­seiten des Beckens find Spazierwege vorgesehen, deren Unterbau aus Schlacken sich gegenwärtig schon an Ort und Stelle befindet. Am oberen Rande der gesamten Anlage wurde eine Baumallee geschaffen, die zu beiden Seiten je elf Lindenbäume, insgesamt also 22 Bäume, enthält, ferner noch eine Liguster- Hecke aufweist. Diese Lindenbaum-Allee stellt eine Stiftung de r A l t e r s k a m e r a d s ch a f t 1887/1937 dar, mit der die diesjährigen Fünf­ziger nicht nur die gefallenen Kameraden unserer Kriegsmarine und damit ihre Frontkameraden von allen Kriegsschauplätzen des Weltkrieges ehren wol­len, sondern die auch den Sinn hat, der Fünfziger­kameradschaft 1887/1937 selbst für alle Zeiten ein Denkmal zu schaffen, das zugleich eine Bereicherung des Besitzes der Gießener Allgemeinheit darstel­len soll.

Der Zugang zu dem Skagerrak-Platz mit feinem Ehrenmal ist auch von derSchlageterstraße herüber wenige Stufen möglich. Die Anlage fügt sich in die gartenbau- und städtebauliche Gestaltung dieses Straßen- und Anlagenstückes gut ein.

BOM., Untergau 116, Gießen.

Bett. Schwimmen.

Die Schwimmstunden sind, solange das Wetter noch ungünstig ist, im Volksbad: Dienstags von 19 bis 20 Uhr für BDM.; Mittwochs von 19 bis 20 Uhr für, die Freiwillige Sportdienstgruppe Schwimmen" der IM.

Eßt mehr Spargel!

NSG. Da der Spargel in diesen Tagen in gro­ßen Mengen auf den Markt kommt, ist infolge des x. Zt. verhältnismäßig niedrigen Preises jedem Volksgenossen die Möglichkeit gegeben, Spargel zu essen. Heber den gesundheitlichen Wert des Spar­gels ist man sich seitens der Aerzte als auch in den weitesten Volkskreisen schon lange im klaren. Der Spargel spielt in Hessen-Nassau eine außerordent­lich große Rolle. Im Durchschnitt rechnet man mit einer Gesamternte von etwa 160 000 Zentner, so daß das Rheinland, die Saarpfalz, Bayern und Kurhessen aus unserem Gebiet versorgt werden.

Bereits Ende April wurde mit dem Spargel­stechen begonnen. Der damalige Anfall war jedoch ziemlich gering; es ist daher nicht verwunderlich, wenn in dieser Zeit die Preise noch verhältnis­mäßig hoch lagen. Inzwischen hat sich der Spargel- anfall verstärkt. Da um Johanni (24. Ium) die Spargelsaison beendet ist, sollte jede Hausfrau den gegenwärtigen Marktanfall ausnutzen und dieses willkommene Gemüse auf den Tisch bringen. Die Verwendungsmöglichkeiten und Zubereitungsarten sind derart vielgestaltig, daß innerhalb einer Woche mehrmals Spargel zubereitet werden kann.

Es sei an dieser Stelle besonders darauf hinge­wiesen, daß die Preisbildung für Spargel nicht mehr wie in den frühren Jahren dem Zufall über­lassen bleibt, sondern daß täglich der Preis für das gesamte Gebiet Hessen-Nassau von einer besonde­ren Kommission, die sich aus entsprechenden Fach­leuten zusammensetzt, gebildet wirb.

Die Verpackung des Spargels erfolgt in besonde­ren Spargelkistchen. Zur Gewährleistung einer plan­vollen Absatzgestaltung wird der Spargel in vier Sorten zum 'Verkauf gestellt. Jede Hausfrau hat

die Möglichkeit, nach ihren wirtschaftlichen Verhält­nissen die billigere oder teuere Sorte zu erstehen. Besonders ist zu bemerken, daß sich der Spargel vorzüglich zum Konservieren eignet und dadurch eine willkommene Abwechslung in dem Speisezettel des Winterhalbjahres gebracht wird.

Der Spargel ist eine Pflanze des leichtesten Bo­dens. Er wächst noch auf Böden,'die für die übri­gen Kulturpflanzen schon zu unsicher sind. Gerade in Hessen wird er von einer großen Zahl kleinster Anbauer geerntet und gibt manchem kleinen land­wirtschaftlichem Betrieb auf schlechtem Boden über­haupt erst eine Existenzmöglichkeit. Da in diesen Tagen infolge des nunmehr warmen und schwülen Wetters weiterhin größere Erntemengen zu erwar­ten sind, heißt auch im Interesse einer ausgegliche­nen Verbrauchslenkung die Parole: Eßt Spar­gel!

Michsbahnomnibuslinie Frankfurt-Gießen.

LPD. Vom 22. Mai ab wird die Reichsbahnkraft­omnibuslinie Frankfurt Bad Homburg Bad- Nauheim Friedberg nur noch bis Bad-Nauheim (Dankeskirche) gefahren. Die Haltestellen in Fried­berg werden aufgehoben. An der Zufahrtsstraße zwischen Ober- und Nieder-Mörlen wird eine neue Bedarfshaltestelle an der Landstraße Bad-Nauheim Ufingen eingerichtet. Ein Ortsverkehr von dieser Be­darfshaltestelle nach Bad-Nauheim bleibt aber aus­geschlossen.

Am 22. Mai beginnt auch die neue Reichsbahn- kraftomnibuslinie Frankfurt Gießen ihre Fahrten mit einem Zwischenhalt an der Zufahrts­straße zwischen Ober- und Nieder-Mörlen. In Gie­ßen halten die Reichsbahnomnibusse an der Ecke der Frankfurter Straße und Liebigstraße sowie am Bahnhof. Vorläufig ist in jeder Richtung eine Fahrt vorgesehen: Frankfurt a. M.-Hbf. ab 18.45 Uhr, Gießen an 19.50 Uhr, Gießen ab 20.30 Uhr, Frank­furt a. M.-Hbf. an 21.35 Uhr. Auf der Fahrt Frank­furtGießen werden Bad Homburg und Bad-Nau- heim nicht berührt. ___________________________

DNB. Der Reichsführer SS. und Chef der deut­schen Polizei, Heinrich Himmler, erläßt im Hin­blick auf die mit dem verstärkten Ausflugsverkehr in der letzten Woche wieder angeftiegene Verkehrs- unfcillkurve folgende ernste Warnung an alle Verkehrsteilnehmer:

Der Pfingstverkehr hat wieder einer erhebliche Anzahl von' Toten und Verletzten durch Verkehrs­unfälle gebracht, die einwandfrei auf übermäßigen Alkoholgenuß von Kraftfahrern, Radfahrern und Fußgängern zurückzuführen find. In Zukunft wer­den alle Schuldigen an Verkehrsunfällen, bei denen übermäßiger Alkoholgenuß durch die polizeiliche Blutuntersuchung festgestellt wird, sofort verhaftet und bleiben bis zur gerichtlichen Untersuchung in Haft. Da es nicht zu verantworten ist, daß weiter­hin durch die Zügellosigkeit und den Leichtsinn Ein­zelner Leben und Gesundheit der Allgemeinheit ge­fährdet wird, wird Trunkenheit am Steuer und im Straßenverkehr fortan als kriminelles Verbrechen angesehen und behandelt.

Abschluß her Hauptköruugen im Kreise Gießen.

Am gestrigen Dienstagnachmittag wurden auf dem Viehmarktplatz an der Rhein-Main-Versteige- rungshalle zu Gießen die Hauptkörungen im Kreise Gießen abgeschlossen. Zum Auftrieb war eine Reihe von Gemeinden des Lumdatales und der näheren Umgebung von Gießen veranlaßt, die ihre Dater- tiere nicht zu den in verschiedenen Orten des Kreises festgesetzten Sammelkörungen gebracht hatten. Die Körstelle bestand aus Tierzuchtbirektor Oberland­wirtschaftsrat Dr. Wagner, Regierungsrat W e - b er vom Kreisamt Gießen und Oberveterinärrat Dr. Monieard. Don der Landesbauernschaft waren Tierzuchtinspektor Dr. Erwin Wagner (Frankfurt a. M.) und Bezirksbauernführer Metz­ger (Röthges) erschienen. Die Gemeinden waren durch ihre Bürgermeister und die Ortsbauernführer vertreten. Tierzuchtdirektvr Dr. Wagner machte eingangs der Körungen darauf aufmerksam, daß es schon einen Sinn hat, wenn durch das neue Reichstierschutzgesetz die üblichen Hauptkörungen jetzt als Sammelkörungen mehrerer Gemeinden zugleich durchgeführt und nicht mehr im Stall vorgenommen werden. Die einzelnen Gemeinden haben dadurch gute Gelegenheit, einen besseren Ueberblicf über die Zucht zu gewinnen, und durch die Gegenüberstellung anderer Datertiere mit ihren eigenen bekommen sie eine stärkere Anregung. Durch die bei den Sammel­körungen vorgenommene Kritik an den einzelnen Vatertieren bieten sich Vergleichsmöglichkeiten, die auf fruchtbaren Baden fallen und sowohl den Tier­haltern, als auch den Tierbesitzer anspornen, das Beste für die Tierzucht in der Gemeinde anzu­streben. Diese Sammelkörungen bieten aber auch allen Züchtern, die sich von dem Zustand der Vater­tiere ihrer Gemeinde überzeugen können, mancher­lei Anregungen für ihre eigene züchterische Arbeit.

In den Ring geführt wurden 12 Bullen, 4 Ziegen­böcke und 2 Eber. Die Kritik galt in erster Linie der Gesamterscheinung des Tieres, feiner Körper­form und Abstammung, schließlich der Haltung des Tieres hinsichtlich seiner Ernährung und dann der Pflege und Wartung, wobei besonders scharf auf gute Klauenpflege gesehen wurde. Die einzelnen Tiere wurden mit Noten bedacht, nach den sie in den Körungslisten rangieren.

Die Hauptkörungen im Kreise Gießen umfaßten etwa 247 Bullen verschiedener Rassen, 82 Ziegen­böcke, 12 Schafböcke und 41 Eber. Die auf den letzten Zuchtviehversteigerungen erworbenen Vater­tiere waren von der Körung befreit. Die Körungen bezwecken weiterhin eine genaue Ueberficht über den Stand der Tierzucht im Kreise und bieten die

SinD Sic gestern abend ausgegangen?

Wenn Sie dann mehr als sonst geraucht und getrunken haben, schnell die Zähne mit Nivea-Zahnpasta putzenl Die ganze Mundhöhle nimmt das frische und ange* nehm wirkende Aroma der Nivea-Zahn» pasta auf, und Ihr Atem wird wieddr rein

1O und natürlich. Das erfrischt ungemein,

Skandal

um Or.Vandergruen

Roman von Hans Hirthammer.

Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. S.

43 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

28.

Und es naht die Nacht, da sich alles entscheidet Mit Stefan Vandergruen ist es gegen Abend wieder schlimmer geworden, und es kommen schwere Stunden für Gisch. .

Im Auto nocy, während der Heimfahrt, hat er ihre Berührung geduldet, und Gisch glaubt voll Freude, daß nun alles gewonnen sei.

Sie hilft ihm beim Aussteigen, geht neben ihm ins Haus und fragt ihn, ob sie gleich den Kaffee zubereiten solle. . , .,,

Nein, lassen Sie nur, ich kann letzt noch nichts essen." Seine Stimme klingt müde, fast abweisend.

Später hört sie ihn die Treppe heraufkommen und Marias Zimmer betreten. Da es eine lange Zeit vollkommen still bleibt, wird sie unruhig, geht hinüber und schaut nach.

Stefan liegt quer über Marias Bett hingestreckt auf den Knien. Bei Gischs Eintritt springt er auf, fein Gesicht ist wie von Scham gerötet.

Warum verfolgen Sie mich Überallhin? Ich dulde das nicht, ich will es nicht!" Seine Stimme wird immer lauter und heftiger.Ja, Sie allem Haden Maria in den Tod getrieben. Wohin Sie kommen, gibt es Verwirrung und Unheil!

Mein Gott, denkt Gisch, ist er denn wahnsinnig?

Ich habe mit meiner Schwester in Gluck und Frieden gelebt, bis zu dem Tag, an dem mir Sie in unser Haus aufnahmen. Von diesem Tag an brach ein Schlag nach dem anderen herein. Gehen Sie, gehen Sie doch! Haben Sie noch nicht genug? Soll auch ich noch Ihr Opfer werden?

Gisch starrt mit schreckgeweiteten Augen auf ihn. Alles hat sie auf sich genommen, ohne nach der Größe des Opfers zu fragen, ihr Leben konnte sie wegwerfen, wenn er es fordert. Weil fie ihn hebt, weil sie weih, daß sie ihm gehört.

Sie wissen ja nicht, was Sie reden!" stöhnt sie auf.

Das weiß ich sehr gut. Ich weiß, daß ich Ihnen verfallen bin, daß ich Ihnen nicht mehr entrinnen kann. Ihr Nahefein, Ihr Anblick ist ein Stuck meines Lebens geworden. Ich habe bis vor kurzem noch geglaubt, für Sie leben, um Sie kämpfen zu müssen und hatte dabei Maria vergessen, die ihre Jugend für mich gab und ein Recht hatte, den ersten Platz in meinem Leben einzunehmen. Meine Liebe zu Ihnen war ein Verbrechen gegen Mana. Vor kurzem erst habe ich ihr erklärt, daß man für alles feinen Preis bezahlen muß. Jetzt habe ich den höchsten Preis bezahlt, den es für mich gibt Nun hat Maria den Tod gesucht, weil sie emsah

Herr Doktor Vandergruen tun Sie mit mir, was Sie wollen, schlagen Sie mich ober jagen Sie mich fort, aber beschimpfen Sie Maria nicht! Treiben Sie Ihre Erniedrigung nicht so weit, daß Sie Maria beschimpfen!"

Stefan wankt, seine Unterlippe hangt herab, an Gisch vorbei schiebt er sich durch die Tur und taumelt nach unten.

Gisch ist dem Zusammenbruch nahe. Soeben hat sie das Bekenntnis seiner Liebe gehört und im gleichen Atem, daß er diese Liebe für ein Ver­brechen hält das ist zuviel, das ist zuviel, wer kann das ertragen, Himmel und Holle im gleichen Augenblick? , ..

Gibt es denn keine Rettung? Ist alles umsonst gewesen? _ r .,, ,

Dann - dann mag fie dies Leben nicht mehr weiterleben. Vielleicht muß man wirklich den höch­sten Preis bezahlen?

Ihre Hände verrichten die gewohnte Arbeit, ihre Füße bewegen sich, aber in ihrem Innern ist dumpfe Verwirrung. Sie tastet m völligem Dunkel, denn sie weiß nicht mehr, ob es noch einen Weg gibt, zu helfen. . _,

Stefan hat sich wieder an seinen Schreibtisch zu­rückgezogen. Sein Herz blutet, verblutet sich. Trotz der schwülen Wärme des Sommertages wird sein Körper von einem ständigen Frösteln erschüttert

Er versucht, sich in seine Arbeit zu vertiefen, jedoch die vertrauten Geister scheinen sich von ihm abgewendet zu haben ober finb oerbrängt wor­ben von ber Gestalt biefes Möbels, dessen Dasein er haßt und liebt in einem.

Sie hat Marias Platz im Hause eingenommen,

mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn zuerst mit Zorn und später mit Bewunderung erfüllte.

Aber fie hat auch in Bezirke eingegriffen, die ihm wie ein Heiligtum sind, die sie nie hätte betre­ten dürfen.

Er hatte sich von allem Leben abgewendet, fein Herz, sein ganzes Wesen hatte sich von dieser Welt gelöst, um die Tote auf ihrem dunklen Wege zu begleiten. Er blieb bei ihr, an ihrer Seite, fie sollte nicht einsam sein.

Gisch Slmelung hätte dieses Abgewenbetsein ver­stehen müssen.

Und nun hat er Maria allein gelassen, er hat sie aus dem Blick verloren durch ihre Schuld.

Stefan horcht auf, lauscht angestrengt.

Ruft sie nicht nach ihm? Es ist, als ob er ihre Stimme höre.

Steff!"

Ja, Maria ruft ihn, sie braucht ihn, sie hat ihren Weg verloren, als er sich von ihr wandte.

Maria ruft ihn und er muß ihrem Rufe Folge leisten.

Als Gisch ihm das Vesperbrot ins Zimmer bringt, sieht er fie kaum, denn er ist nicht mehr auf dieser Welt, er rüstet sich schon für die große Reise.

Gisch versucht ihn anzureden, doch als sie den Ausdruck seines Gesichtes bemerkt, erstirbt ihr das Wort in der Kehle.

Sie hat ihm alles sagen wollen, daß sie ihm ge­hört, und daß er sich verirrt hat in einen Abgrund des Grauens, wo er Maria nie und nimmer fin­den wird.

Nun hat fie den Mut nicht mehr. Er sieht aus, als wolle er sie anfallen und zu Tode würgen, so­bald sie nur den Mund auftäte.

Sie eilt aus dem Zimmer, jagt wie gehetzt durch die Räume, erreicht ihr Zimmer, schließt es von innen ab und sinkt auf ihr Lager nieder.

Verzweiflung fällt sie an. Sie hat das Gefühl, in einem rasenden Wirbel zu treiben und von dunk­len Kräften immer tiefer in den Abgrund der Ver­nichtung gezogen zu werben.

Eine Zeitlang bebrängte sie ber Gedanke an Flucht. Draußen ist das Leben, draußen ist die Sonne, Wald, derBerghof", draußen ist die Heimat.

Sie braucht nur die Treppe hinabzugehen, nie­mand hindert fie, dieses Haus des Wahnsinns und des Todes zu verlassen.

Dann ist sie frei.

Doch sie bleibt.

Weil sie sich treu bleiben muß. Weil sie ihrem Schicksal preisgegeben ift. Und weil sie lieber mit Stefan Vandergruen untergehen als ohne ihn leben will.

Sie schließt die Tür wieder auf.

Die Zeit verrinnt, Minute um Minute. Die Nacht bricht herein.

Diese Nacht.

Gisch bringt das Abendbrot. Mutig, mit einem Lächeln geht fie zu ihm.

Aber Stefan hat die Speisen vom Nachmittag noch nicht einmal angerührt. Er sitzt noch genau so da, in der gleichen Verfallenheit, die sie vor Stun­den so erschreckte.

Jetzt kann sie nichts mehr erschrecken. Sie ist be­reit, bas Letzte zu erbulben.

Sie faßt nach feiner Hanb.Wollen Sie nicht essen?" Da steht er auf, greift nach ben Taffen und Tellern unb fchleubert Stück um Stück zu Boben.

Warum tun Sie bas?" Gisch kniet nieber und sammelt die Scherben in ihre Schürze. Dann holt sie Schaufel und Besen und beseitigt die letzten Spuren der verübten Missetat.

Es wäre besser, wenn Sie schlafen gingen. Sie brauchen Ruhe!"

Ja Ruhe!" sagt Stefan.Lassen Sie mich allein."

Ich möchte bei Ihnen bleiben!"

Lassen Sie mich allein!"

Da gehorcht sie und begibt sich schleppenden Schrittes nach oben.

Eine Weile steht sie ratlos am Fenster. Er ist krank, überlegt sie. Bert Imhoff hatte doch recht. Man müßte einen Nervenarzt zu Rate ziehen.

Es ist eben zu viel gewesen.

Gisch legt ihre Kleider ab, schlüpft in ben Nacht­anzug unb sucht ihr Lager auf.

Aber sie finbet keinen Schlaf.

Auf bem Nachttisch steht ihre Weckuhr mit dem Leuchtzifferblatt.

Gisch verfolgt bas langsame Vorrücken bes Zei­gers.

Minute um Minute.

Eine Stunbe.

Zwei Stunden.

(Schluß folgt.)