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Kr.41 Drittes Blatt

Donnerstag, 18.$ebruar 1937

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Aus der Provinzialhauptstadt.

Wildernde Hunde und Katzen.

Don der deutschen Jägerfchaft sind in Zusammen­hang mit der statistischen Erfassung der jährlichen Jagdstrecke im ganzen deutschen Reichsgebiet nach Umfang und Wert auch erstmalig Zahlen veröffent­licht worden über den Abschuß von wildernden Hunden und Katzen durch Jäger und Jagdschutzbe­amte. Danach sind im Jagdjahr 1935/36 52 835 wildernde Hunde und 235 182 wildernde Katzen dem wohlverdienten Blei zum Opfer gefallen. Aus dieser erstaunlich hohen Ziffer läßt sich leicht ersehen, daß der durch diese Schädlinge unserer Jagdbezirke verursachte Schaden in die Hunderttausende von Mark gehen muß, unterstellt man nur, daß jeder wildernde Hund nur ein einziges Reh gerissen und jede Katze nur ein einziges Fasanen- oder Hühner­gelege vernichtet hat. Leider muß man sich auch darüber klar fein, daß infolge der Gerissenheit die­ser verwilderten Haustiere nicht jeden Schädling das gerechte Schicksal ereilt oder wenigstens nicht sogleich, so daß mancher Hund und manche Katze jahrelang ihr Unwesen treiben kann.

Hunden liegt der Trieb zum Jagen von Urzeiten her im Blute. Die innere Veranlagung, deren sich der Mensch beim Jagdhund durch Erziehung und Abrichtung sowie durch straffe Führung bei Aus­übung der Jagd bedient, schlägt bei den unbeaufsich­tigten, freiumherstreifenden Hunden ins Gegenteil um. Wie instinktsicher und schlau diese Tiere oft vorgehen, erkennt man daraus, daß sie sich nicht selten zu gemeinsamen Jagen zusammengesellen und entweder abwechselnd bis zur Erschöpfung das schwächere Stück Rotwild oder das flüchtende Reh hetzen oder auch zu zweit jagen, während der Dritte den Wechsel abstellt und das bedauernswerte Opfer zu Boden reißt. Richt minder schädlich sind die den größeren Raubtieren ja nahe verwandten Katzen, die sehr rusch verwildern und unseren Riederwild­beständen sehr gefährlich werden. Es ist bekannt, daß ihnen nicht nur Fasanen, Hühner, Junghasen und alle nützlichen Vögel in Feld und Flur zum Opfer fallen, sondern auch ausgewachsene Hasen, ja selbst Angriffe auf schwache Rehkitzen sind nicht selten beobachtet worden.

Zur Bekämpfung der Hunde- und Katzenplage, die in manchen Revieren in den letzten Jahren über­hand genommen hat, gibt das Reichsjagdgesetz dem Jäger ein weitgehendes Abschußrecht in die Hand. Danach kann jeder Hund, der sich außerhalb der Einwirkung seines Herrn im Jagdbezirk herumtreibt, und ebenso jede Katze 200 Meter vom nächsten bewohnten Haus entfernt getötet werden gewisse Ausnahmen gelten für Polizei-, Wehrmacht-/Sani- täts- und Blindenhunde, anderseits ist bei Strafe verboten, Hunde oder Katzen unbeaufsichtigt in einem Jagdbezirk laufen zu lassen. Aber auch von der anderen Seite muß unbedingt dieser Plage ab- geholfen werden Achte jeder Besitzer auf seinen Hund und vergewissere er sich, daß dieser sich nicht nachts oder zeitweise unerlaubt entfernt, denn schon oft ist ein Hund beim Wildern geschossen worden, von dessen völliger Harmlosigkeit sein Besitzer fest überzeugt war. Und auch bei den Katzen kann durch Aufsicht und Verhinderung her hemmungslosen Ver­mehrung besonders in ländlichen Bezirken viel zur Verminderung dieses Hebels beigetragen werden.

Verminderung der Hunde- und Katzenplage in Feld und Wald bedingt größeren und bodenstän- bigeren Wildstand, größerer Wildstand aber höhere Iagderträgnisse und somit auch bessere Versorgung des deutschen Wild- und Geflügelmarktes.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

RS.-Frauenschaft, Gießen-Rord, 20 Uhr, Orts­gruppenabend im Cafe Edel. Gloria-Palast- Sel-

Die Herstellung der neuen WHW.-Mzeichen.

Am Sreifog und Samstag Gausammlung für das WHW.

Am Freitag, 19., und Samstag, 20. Febr., werden die Politischen Leiter und die Wal­ter der NSV. im Gau Hessen-Nassau eine Sammlung zugunsten des WHW. veranstal­ten. Zum Verkauf gelangen diesmal Pla­ketten, die von Offenbacher Lederarbeitern hergestellt wurden und die Wappen der fünf größten Städte des Gaues: Frankfurt, Offen­bach, Wiesbaden, Mainz und Darmstadt tra­gen. Die Walter des Amtes für Beamte werden die Lederplaketten in ihren Aemtern vertreiben.

NSG. Schon einmal hat das WHW. bei feinen Sammlungen Lederabzeichen verkauft, die zum großen Teil in Offenbach, dessen Lederindustrie ja Weltruf besitzt, angefertigt wurden. Was lag also näher, als auch für die diesjährige Gaustraßen- sammlung wieder Lederabzeichen zu verwen­den, konnte doch damit doppelt Gutes getan wer­den. Einmal gab der Auftrag für die 650 000 Ab­zeichen der Lederindustrie Offenbachs, die noch unter mannigfachen Schwierigkeiten zu leiden hat, Arbeit, zum andern wird der Verkauf der geschmack­vollen Abzeichen mit dem Wappen der Städte Frankfurt, Darmstadt, Mainz, Wiesbaden und Offenbach dem WHW. neue Mittel zuführen.

Es war eine große Freude für die vielen kleinen Betriebe, als ihnen ein Poften der Abzeichen, die vollkommen in Handarbeit hergestellt werden, über­tragen wurde. Zur Herstellung der Abzeichen wur­den Lederabfälle, die sonst nicht mehr verwertbar sind, verwendet. An einem Stück gemessen würden sie wohl 11 OOO Fuß ausmachen. Die Abfälle dieser Abzeichenherstellung werden wieder noch weiteren Fabriken zur Verfügung gestellt, so daß hier die

ParoleKampf dem Verderb" bis zum letzten er­füllt wird.

Ein Gang durch die vielen kleinen Betriebe, die mit der Anfertigung der Abzeichen beschäftigt find, zeigt, welche Arbeit, wieviel einzelne Handgriffe geleistet werden müssen, bis ein freundlicher Samm­ler die Abzeichen verkaufen kann. Zunächst werden aus den verschiedensten Lederstücken, die irgendwo abgefallen sind, mit einem Stanzeisen die Formen der Abzeichen ausgestanzt. Nachdem die Abzeichen so ihre äußere Form erhalten haben, werden sie aussortiert, um von vornherein unbrauchbare Stücke auszuscheiden. Im nächsten Arbeitsgang, der wieder in einem anderen Betrieb erledigt wird, werden die Abzeichen, die dieses Mal die Form eines Wappenschildes haben, mit Schablonen be­druckt, um jedem Abzeichen den richtigen Unter­grund zu geben. Schon hier also sieht man den blauen Grund zu dem Wiesbadner und den roten Grund zu dem Frankfurter Wappen. Wenn die Wappen dann noch geprägt sind, haben die Ab­zeichen ihr endgültiges Gesicht erhalten. Nun fehlen aber noch die Anstecknadeln, die von nimmermüden Mädchenhänden angeklebt werden. Drei Mädchen können in einer Stunde etwa 1OOO Stück mit den Anstecknadeln versehen. Eine Hand greift in die andere und läßt in wochenlanger Arbeit 650 000 Abzeichen entstehen.

Weit über 1OO Menschen fanden wochenlang ihren Broterwerb, um der Gaustraßensammlung ein künstlerisch gut durchgearbeitetes und handwerk­lich sauber durchgeführtes Abzeichen zu schaffen.

Aufgabe der Bevölkerung ist es nun, durch den Kauf dieser Abzeichen der Gaustraßensammlung auch den gewünschten Erfolg zu geben.

tersweg:Das schöne Fräulein Schragg". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Ball im Metropol". Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr AusstellungForscher als Künstler".

Spielplanänberung im Stadttheater Gießen.

Infolge anhaltender Erkrankungen im Personal findet die für Sonntag, 21. Februar, auf 11 Uhr angesetzte Aufführung vonGyges und fein Ring", Trauerspiel von Friedrich Hebbel, nicht statt.

Ortsgruppe Gießen-Güd.

Die Zellen 3 und 5 der Ortsgruppe Gießen- Süd veranstalten am Samstag, 20. Februar, 20.30 Uhr, im Studentenheim einen Gemeinschaftsabend mit Vorführung von Lichtbildern. Es spricht der alte Kolonialkämpfer Pg. H e ß überKolonien und' Dierjahresplan". Das Erscheinen der Parteigenossen ist Pflicht. Alle Volksgenossen sind herzlich ein­geladen.

Deutsche Arbeitsfront.

Ortsgruppe Giehen-Ost.

Am Samstag, 20. Februar, 20.30 Uhr, findet im Saale des Schützenhauses eine Mitglieder­versammlung statt, zu der wir hiermit alle Mitglieder der Ortsgruppe auffordern. Die Betriebs- roalter find für das restlose Erscheinen ihrer Be­triebsgemeinschaften verantwortlich.

BDM.-Untergau 116, Gießen.

sichtigung durch den Gauleiter und unsere Obergau­führerin freigegeben:

1/116 Gießen-Süd

11/116 Inheiden

12/116 Lich

17/116 Klein-Linden.

kutturstelle.

Am 22., 23., 24. Februar könnt ihr den Film Berge in Flammen" besuchen. Eintrittskarten zu 30 Pfennig sind bei den Gruppenführerinnen zu haben.

Turnhallen und Sportplätze für den Reichsberufswettkampf.

Der Reichsstatthalter in Hessen Landesregie­rung, Abteilung VII teilt in einer Verfügung an die Kreis- und Stadtfchulämter mit, daß gegen die Hergabe von Turnhallen und Sportplätzen, so­wie die leihweise Ueberlaffung der Turngeräte zur Durchführung des beim 4. Reichsberufswettkampf eingeschalteten Sportwettkampfes keine Bedenken bestehen.

Auffinden von Balions mit wissenschaftlichen Apparaten.

Registrierinstrumenten oder Anhängekarten (also auch Kinderluftballone mit Anhängekarten), die im Reichsgebiet gefunden werden, sind umgehend an die Ortspolizeibehörden abzuliefern. Die Ballons und Drachen find somit nicht mehr, wie früher, den auf den Registrierinftrumenten oder Anhängekar» ten angeführten Instituten unmittelbar einzusen- den. Diese Anordnung ist getroffen worden, um eine einheitliche Behandlung und Rücksendung aller Ballone und Drachen sicherzustellen. Beim Aufftn- den von Ballonen und Drachen mit Registrierin- ftrumenten ober Anhängekarten wird dem Finder die Erstattung der Unkosten und die Belohnung für die richtige Behandlung etwa vorhandener Instru­mente auch weiterhin gewährt. Die Ballone, Drachen sowie die mitgeführten Apparate und dergleichen find Staatseigentum. Böswillige Beschädigung oder Entwendung 'wird strafrechtlich verfolgt.

Auszeichnung mit dem Ehrenzeichen des Deutschen Roten Kreuzes.

Anläßlich des Jahrestages der nationalsozialisti­schen Erhebung ist dem Regierungsrat Grein als stellv. Vorsitzenden des Kreismännervereins Gießen vom Deutschen Roten Kreuz und dem stellv. Führer der Sanitätskolonne Gießen, Wilhelm Luch, von feiten des Präsidenten des Deutschen Roten Kreu­zes, dem Herzog von Sachfen-Coburg und Gotha, mit Zustimmung des Führers und Reichskanzlers in Anerkennung ihrer verdienst­vollen Mitarbeit im Deutschen Roten Kreuz das Ehrenzeichen 2. Klaffe des Deutschen Roten Kreuzes verliehen worben.

Unüberwindlich?

Der Wandel in den Ernährungsgewohnheiten.

Der Nationalsozialistische Gaüdienst (NSG.) Hes­sen-Nassau schreibt:

NSG. Fordert heute die Ernährungslage eine Umstellung in den Ernährungsgewohnheiten, so melden sich natürlich auch hier und da Zweifler, die vonunüberwindlichen" Gewohnheiten ihres täglichen Lebens reden. Ihnen allen fei einmal der Verbrauchswandel entgegengehalten, der sich über Jahrhunderte hin in der deutschen Bevölke­rung vollzogen hat.

Es ist festgestellt, daß der Deutsche noch im 14. Jahrhundert etwa 125 kg Fleisch pro Jahr ver­zehrte, das war zweieinhalb mal soviel wie heute. Ein plötzlicher Umschwung trat im 15. und 16. Jahr­hundert ein, in dem Schwarzbrot, Haferbrei und Hülsenfrüchte die normale Nahrung bildeten. Noch um 1800 herum war in norddeutschen Städten der Fleischverbrauch pro Kopf nur noch etwa 8 v. H. des Verbrauchs um 1300. Seitdem ist der Fleisch­verbrauch wieder gestiegen. Aehnliche Wandlungen machte auch der Fettverbrauch durch, der sich haupt­sächlich in den letzten drei Jahrzehnten außerordent­lich stark verschoben hat.

Dies zeigt, daß Ernährungsgewohnheiten noch nie unüberwindbar waren; die Ernährungsweise ist außerordentlich stark einem Wandel unterworfen. Nicht immer wissen wir heute die Ursachen, die die Schnellkur bei Mallung, Grippe!

Man rühre je einen Eßlöffel Klosterfrau-Melis­sengeist und Zucker in einer Tasse gut um, gieße kochendes Wasser hinzu und trinke möglichst heiß zwei Portionen dieses wohlschmeckenden Gesund­heits-Grogs (Kinder die Halste) vor dem Schlafen­gehen. Darauf schläft man gut und fühlt sich am anderen Morgen meist merklich gebessert.

Wer dieses ausgezeichnete Mittel erprobte, fürchtet Erkältungskrankheiten nicht mehr. Lassen Sie sich deshalb nicht von einem Anfall überraschen, sondern verlangen Sie heute noch eine Flasche Klosterfrau- Melissengeist bei Ihrem Apotheker oder Drogisten zu RM. 2.95, 1.75 oder 0.95. Nur echt in der blauen Packung mit den drei Nonnen! i9?v

(auch Kinderballone) und Drachen mit Anhänge-

Wir weisen nochmals darauf hin, daß die BDM.- Mädels, die den Reichsberufswettkampf mitmachen, während der Wettkampftage selbstverständlich Kluft

LPD. Zur Sicherung der Luftfahrt und zu wis­senschaftlichen Zwecken werden von verschiedenen meteorologischen Instituten im Deutschen Reiche und im Ausland mittels Ballonen und Drachen Instru­mente aufgelassen, die die Temperaturen und an­dere Wetterelemente selbständig aufzeichnen. Auch werden zu gleichen und ähnlichen Zwecken Ballone

tragen. (auch Kinderballone) und Drachen mit Anhänge-

Folgende BDM.- und JM.-Heime sind zur Be-' karten aufgelassen. Alle Ballone und Drachen mit

Das Mädchen mit dem Gitberhaar.

Roman von Anny von panhnys.

7. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Sie grübelte gequält nach. Nun war Fränze brot­los geworden und besaß gar nichts als die Woh­nungseinrichtung, und wer weiß, wie lange es dauerte, bis sie eine neue Stellung fand. Ganz anders sah jetzt bei nüchternem Tageslicht alles aus als gestern abend. Kathrin Hofer schämte sich, und sie redete Franziska zu, sich ein Weilchen in ihrem Schlafzimmer hinzulegen und auszuruhen. Fran­ziska gehorchte, sie fühlte sich seelisch und körperlich völlig gebrochen.

In ihrem Schlafzimmer lag noch das Kleid von gestern. Wie hell das Silber in dem leuchtendblauen Brokat blitzte. Flüchtig dachte Franziska an das Diadem. Sie wollte nächstens imEinhorn" nach­fragen, aber es war ja nicht so wichtig.

Sie fiel ermattet auf das Bett nieder, und Näh- kathrin kam, zog die Vorhänge zu. Nun herrschte Dämmerlicht. Franziska dachte noch einmal ver­worren an den Fremden, sah zugleich das starre stille Gesicht der Großmutter und die verärgerten Züge von Berthold Radix, dann schlief sie ein.

Als Eva Zoll kam, verwehrte ihr Kathrin Hofer den Eintritt.Fränze muß ausruhen, sie ist ganz kaputt."

Am dritten Tage wurde Sofie Karsten zur letzten Ruhe gebracht. Der Weg zum Friedhof war nicht allzuweit, Trauerkutschen waren nicht bestellt wor­den, um das Begräbnis zu verbilligen. Franziska ging hinter dem Sarg, leicht wehten ihre schwarzen Schleier um das bleiche Gesicht.

Ein silbergraues kleines Auto kam dem Leichen­zug entgegen. Ein Windstoß riß Franziskas Ge­sichtsschleier hoch, ihre verweinten Augen trafen sich mit denen des jungen Chefs der Radixwerke. Aber sie sah nicht, wie er plötzlich sein Auto um= lenkte und langsam dem Zuge nachfuhr. Sie meinte zu träumen, als sie ihn plötzlich mitten unter denen sah, die am Grabe standen, und sie begriff nicht, daß feine Hand wie die Hände der anderen, sich ihr entgegenschob. Sie fühlte, wie seine Finger die ihren eng umspannten, und seine Augen hatten einen gütigen Ausdruck, als er sie dabei ansah.

Nähkattin drängte sich heran und Eva Zoll; Zwischen beiden ging sie dem Friedhofstor zu.

Draußen wartete das silbergraue Auto, und am Schlag stand Berthold Radix, sagte sehr höflich: Darf ich die Damen nach Hause bringen? Und zugleich möchte ich Sie, Fräulein Karsten, bitten, wieder bei der Radio-Radix einzutreten. Es wäre mir lieb; ich glaube, ich brauche Leute wie Sie."

Mechanisch und verwirrt stieg Franziska in das Auto, sie war noch zu sehr durcheinander von dem Begräbnis. Eva Zoll und Nähkathrin folgten.

Unterwegs sprach niemand. Die drei im Wagen waren befangen, standen auch noch völlig unter dem Druck der Trauerzeremvnie. Aber der am Steuer saß, dachte zufrieden: Wie gut, daß er einer schnel­len impulsiven Eingebung gefolgt und getan hatte, wozu ihn sein Gewissen getrieben.

Die zufällige Begegnung vorhin hatte seinen Ent­schluß schneller reifen lassen.

5.

Günther Grevenstein hatte in Berlin in einer Privatpension, die er schon von früher her kannte, Wohnung genommen. Er überlegte nun: Wohin sollte er von hier aus reifen? Für alle Fälle schrieb er noch einen verliebten Brief an Titti Bergschlag, versprach baldige Rückkehr nach Frankfurt und ließ durchblicken, daß sich seine Pläne bezüglich der nam­haften Lehrer für die zukünftige Musikschule gut zu verwirklichen schienen.

Verderben durste er es noch nicht mit dem Mäd­chen, kein Mißtrauen ihres Vaters durfte er er­wecken, ehe er sich in Sicherheit gebracht. Es hieß Zeit gewinnen.

Der alte derbe Bergschlag wäre fähig, ihn ver­haften zu lassen, wenn er erführe, er hatte die ihm gegebenen zwanzigtausend Mark nicht in eine zu­künftige Musikschule gesteckt. Was hatte er ihm auch schon alles vorgeschwindelt von Instrumenten und Noten, die er gekauft!

Er befand sich am zweiten Tage in Berlin und stand vor dem Spiegel seines Zimmers, um sich zum Ausgang zurechtzumachen. Einen anderen Selbstbinder mußte er anlegen, das scharfe Blau in Grau gemischt gefiel ihm nicht, es erinnerte ihn an das blaue filberdurchwirkte Kleid der schmalen Komtesse Mönchsgut auf dem Maskenball. Komisch! Wenn er an das Abenteuer dachte, wurde ihm im­mer so seltsam ums Herz. Ein Gefühl empfand er dann, das er bisher noch niemals gekannt.

Er betrachtete sich nachdenklich im Spiegel, lachte spöttisch: Bist verliebt und warst noch nie verliebt.

Er pfiff ein paar Takte und riß den Binder ab, sann, wenn er noch der so schnell berühmt ge­wordene Geiger wäre, ließe sich schon eine Brücke bauen, die zu dem blonden Komteßlein hinüber­führte!

Er ging an seinen Koffer, zog einen braunen Binder heraus, und sein Blick blieb plötzlich an einem Stück des Diadems hängen, das sich unter Wäsche hervordrängte, wo er es aufgehoben. Ein Sonnenstrahl kam durch das Fenster und weckte zauberische Lichter aus den weißen und blauen Steinen.

Er zog das Diadem hervor, betrachtete es nach­denklich, grübelte, wenn er den Schmuckgegenstand hier in einem vornehmen Juwelengeschäft im Schau­fenster sähe, würde er ihn, wie wahrscheinlich die

meisten Leute, für echt halten. Bist Talmi wie ich! spöttelte er das funkelnde Diadem an.

Er strich leicht über die gleißende Pracht, und dabei entdeckte er, daß ein Stein fehlte und sich ein anderer auch schon beinahe aus seiner Fassung ge­löst hatte.

Er betrachtete den Schaden näher, und nach ein wenig Hin- und Herbiegen lag einer der kleineren weißen Steine in seiner Hand. Die Fassung ist jedenfalls echt, stellte er fest, und eigentlich hatte er dadurch, daß er sich den Fund angeeignet, nun die Verliererin geschädigt. Das Gold mochte eine ziemliche Summe wert fein. Aber die Verliererin hatte so obenhin getan, ihr schien der Verlust nicht wichtig, ein Beweis dafür, wie wenig ihr Geld und Geldeswert ausmachten.

Er nahm den Stein und legte ihn auf einen leeren Aschenbecher. Auf einen Stein mehr oder weniger kam es ja bei dem Geblitze nicht an. Er schob das Diadem wieder an feinen Platz zurück und verschloß den Koffer.

Es klopfte. Er rief herein und empfing mit leb­haftem Händeschütteln den Eintretenden, einen jungen, sehr eleganten Herrn.

Der lachte vergnügt:Bin vor einer halben Stunde geradenwegs aus Budapest angekommen, wo ich zwei Liederabende hatte. Bombenerfolg! Hörte hier gleich, Günther Grevenstein ist da, und da zog ich mich rasch um, Sie gleich zu begrüßen." Sein Gesicht wurde ernst.Ich las von Ihrem Pech, Grevenstein, und Sie tun mir bitter leid, aber ich will nicht weiter davon reden, sonst verderbe ich Ihnen die Stimmung." Er blickte fragend:Oder besteht Aussicht, die Steifheit der Finger wieder zu beseitigen? Heutzutage ist man ja in solchen Dingen ziemlich weit voran."

Günther Grevenstein schüttelte den Kopf.Leider gibt es für mich keine Hoffnung, lieber Scheffer, und ich muß mich, so gut es geht, damit abfinden, daß der Geiger Günther Grevenstein der Ver­gangenheit angehört und versuchen, irgendwo anders einen Platz auszufüllen. Aber wollen wir zusammen speisen? Ich machte mich eben zum Ausgang fertig."

Der Sänger, der sich eines guten künstlerischen Rufes erfreute, war sofort dazu bereit. Während Grevenstein ein Taschentuch in der linken äußeren Rocktasche drapierte, sah Scheffer den Stein im Aschenbecher. Er hob ihn mit spitzen Fingern.

Donnerwetter, was für ein schönes Stück. Der Brillant hat Feuer und allerhand Karat. Warum ist der ungefaßt?"

Weil er falsch ist", lächelte Günther Grevenstein, aber es war plötzlich eine prickelnde Spannung in ihm.

Falsch? Der Stein? Nee, mein lieber Freund, darauf falle ich nicht rein. Sie wollen wohl nur meine Gelüste dämpfen. Wundervolles Feuer hat der Stein, ich beneide Sie ehrlich darum."

Günther Grevenstein wußte, der Sänger galt als Juwelenkenner, und so lachte er denn:Ich wollte Sie irreführen, lieber Scheffer, unb mich über­zeugen, ob Ihre Kennerschaft auf dem Gebiet wirk­lich so groß ist, wie man behauptet. Der Stein stammt von einer alten Tante, er war das einzige, was sie mir hinterließ. Ich fjabe die Absicht, ihn als Ring fassen zu lassen und wollte ihn gerade jetzt mitnehmen zu einem Juwelier, deshalb habe ich ihn bereitgelegt."

Der andere ließ den Stein in der Sonne auf­blitzen.

Wollen Sie ihn mir nicht verkaufen, Greven­stein? Ich bin nämlich ganz begeistert davon, ich zahle Ihnen zweitausend Mark."

Günther Grevenstein gab es innerlich einen star­ken Ruck. Du lieber Himmel, wenn der eine Stein, der zu den kleineren gehörte, schon so viel wert war, wieviel war dann das ganze Diadem wert?

Er dachte, jetzt mußte er das Diadem zurück­geben, nachdem er wußte, es war echt, aber zugleich grübelte er, zweitausend Mark für den einen Stein war viel Geld, er selbst besaß nicht einmal mehr ganz so viel als Gesamtbarschaft, und das gehörte ihm von Rechts wegen ebensowenig wie der Stein.

Er begriff nur nicht, daß jemand ein solches Wertstück so nachlässig behandeln konnte, wie es die blonde Komtesse getan.

Er erwiderte:Ich möchte mir das mit dem Verkauf noch überlegen, wenigstens einen halben oder einen ganzen Tag, und dann will ich den Stein auch taxieren lassen, was ich bisher nicht tat. Meine alte Tante trug ihn früher in einer Brosche, die erbte ich und ließ den Stein heraus­nehmen, schenkte die Brosche mit einem Halbedel­stein versehen ihrer alten treuen Dienerin."

Er wunderte sich, während er sprach, wie glatt er barauflos log. Er war sich inzwischen auch schon so gut wie einig darüber, das Diadem nicht zurück­zugeben. Die Komtesse Mönchsgut war mit dem Wertstück umgegangen wie mit einem Kopfputz aus der Maskengarderobe, da brauchte er sich wirklich nicht allzusehr mit feiner Ehrlichkeit anzustrengen. Wenn dasGeld wie Heu" auch übertrieben fein mochte, stimmte es doch, daß die Komtesse gar keinen Wert darauf gelegt hatte, sich um das Suchen nach dem Verlorenen auch nur im geringsten zu bemühen.

Wenn er das Diadem liegengelaffen hätte, und es wäre später beim Ausfegen gefunden worden, wer wußte denn, ob der Finder ehrlich gewesen*

Und wer weiß, ob er der Komtesse Mönchsgut überhaupt einen Gefallen tat, wenn er bei ihr mit dem Diadem auf tauchte? Sie fand sich wahrscheitt» lich lieber mit dem Verlust ab, als daß ihr Besuch auf dem Maskenball und ihr Abenteuer mit ihm herauskamen.

(Fortsetzung folgt!)