Schöffengericht Gießen.
Am 10. März 1937 gegen 19.30 Uhr ereignete sich im Bahnhof Echzell auf der Strecke Friedberg- Nidda ein Zusammenstoß zwischen einem Güterzug Miib einem Personenzug, wobei neben erheblichem Sachschaden 21 Personen Verletzungen daoontru- gen. Wegen dieses Unglücks hatten sich die an dem fraglichen Abend im Bahnhof Echzell diensttuenden Beamten wegen fahrlässiger Elsenbahntransport- gefährdung und fahrlässiger Körperverletzung zu verantworten. Es sind dies der 59 Jahre alte Eisenbahnschaffner K K. aus Bruchenbrücken, der 36 Jahre alte Fahrdienstleiter O D., Gettenau, und der 44 Jahre alte 5). K. (Zugführer) aus Nidda.
An dem fraglichen Abend sollten sich an der Station Echzell ein aus Friedberg kommender Personenzug und ein aus der entgegengesetzten Richtung kommender Güterzub kreuzen. Der Güterzug, der schon vorher in der Station eingelaufen war, mußte zunächst auseinandergezogen und umrangiert werden. Zur Durchfahrt des Personenzuges wurde dann das Rangieren eine Weile unterbrochen. Bei dem Rangieren wurden unter anderem fünf Wagen abgestoßen, die auf Gleis 1 zur Waage kamen, wo bereits drei andere Güterwagen standen. Die beiden Wagengruppen stießen aufeinander, wodurch wunschgemäß die drei Wagen ein Stück weitergestoßen wurden, während die anderen fünf ganz allmählich hielten.
Der Angeklagte K. hatte dabei zu sorgen, daß die Gleissperre, die das Gleis 2 sichert, auf dem der Personenzug erwartet wurde, freiblieb. Er hatte sich auch davon überzeugt, daß die Wagen vor der Gleissperre zum Halten gekommen waren. Dies bestätigte auch ein weiterer, als Zeuge vernommener Bahnbeamter, der nichts mit dem Rangieren zu tun hatte. Daraufhin gab der Angeklagte D>. das Gleis 2 zur Einfahrt des Personenzuges frei. In dieser Zeitspanne hatten sich nun die fünf Güterwagen aus irgendwelchem Grunde in Bewegung gesetzt und die Sperre überfahren, so daß ein Zusammenstoß unvermeidlich war.
Die Anklagebehörde, die im wesentlichen auf einem Gutachten der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. fußt, erblickt ein Verschulden des Angeklagten K. darin, daß er die fünf Güterwagen nicht gesichert habe und sich nicht genügend davon überzeugt habe, ob die Gleissperre frei war. Die Fahrlässigkeit des Zugführers K. wird darin gesehen, daß er seine Ueberwachungspflicht des Rangierdienstes vernachlässigt habe, da er im Zeitpunkt des Unglücks, allerdings ebenfalls in einer dienstlichen Angelegenheit abwesend war.
Dem Fahrdienstleiter D. wird zum Vorwurf gemacht, daß er die Einfahrt für den Personenzug freigegeben habe, ohne sich vorher zu überzeugen, ob das Gleis frei war
Die sehr umfangreiche Beweisaufnahme ergab mit Bestimmtheit, daß die Güterwagen einige Minuten vor der Einfahrt des Personenzuges vollkommen still standen, und zwar vor der Gleissperre. Trotz Hinzuziehung zweier Sachverständiger konnte nicht einwandfrei geklärt werden, durch welche Ursache sich die Wagen wieder in Bewegung gesetzt hatten. Wahrscheinlich sind die Güterwagen, die sämtlich mit Federpuffern versehen sind, durch die Entspannung der Federn wieder ins Rollen gekommen und über die Sperre hinaus- geraten. Es mag auch der Umstand mitgespielt haben, daß das Gleis an dieser Stelle 1 Zentimeter Gefälle hat. Aus den ebenfalls vorliegenden Dienstvorschriften der Reichsbahn ging hervor, daß der Angeklagte K. sich nicht nur vorrübergehend von dem Rangieren entfernen durste, sondern dies sogar mußte, um wie im vorliegenden Falle andere dienstliche Obliegenheiten zu erfüllen. Weiterhin war der Angeklagte L. nicht verpflichtet, die Wagen zu sichern, da das Rangieren noch nicht abgeschlossen war, denn der Güterzug sollte nach der Durchfahrt des Personenzuges wieder zusammengesetzt werden.
Der Angeklagte D. konnte bei feiner umfangreichen Tätigkeit nichts zur Vermeidung des Unglückes tun, insbesondere, wenn man berücksichtigt, daß es schon anfing zu dunkeln und ihm von dem Beamten die Strecke als „Frei" gemeldet wurde.
Auf Grund des Ergebnisses, zu dem auch der Sachverständige der Reichsbahndirektion Frankfurt kam, beantragte der Vertreter der Anklaaebehörde Freispruch. Das Gericht erkannte demgemäß.
Zwei (Sonntage Lnbilänmswettkämp e in Wieseck.
Nachdem am 8. August Turner, Leichtathleten und Schwimmer ihre Wettkämpfe ausgetragen hatten, führte der Turnverein Wieseck am letzten Sonntag Fußballpokalspiele durch. Dazu waren die Vereine der Umgegend eingeladen. Von 12 Mannschaften, die sich gemeldet hatten, traten 8 an. Zu Beginn der Spiele begrüßte Kreisfachwart Henkel die erschienenen Mannschaften und wünschte der Veranstaltung einen guten Verlauf.
Die Wettkämpfe, die von den beiden Schiedsrichtern Kreiling (Gießen) und Grote (Lollar) geleitet wurden, verliefen planmäßig. Mit Interesse folgten die Zuschauer, da die Mannschaften der einzelnen Klassen fast gleichwertig waren. Der Nachmittag brachte ein Werbespiel der besten Gästespieler gegen die Dereinsrnannschaft. Bei der Siegerehrung im Vereinslokal, die umrahmt war von Chören der Gesangsabteilung, Ballübungen, sowie Tänzen der Turnerinnen und Barrenturnen der Turner, begrüßte der Vereinsführer Dau- p e r t die Sportkameraden und Gäste, sprach über die Bedeutung des Tages für den Verein und über die Bedeutung der Leibesübungen und des Gemeinschaftsgeistes, der besonders in den Fußballmannschaften gepflegt werden muß.
Anschließend nahm Oberturnwart Heller die Siegerehrung für die beiden Wettkämpfe vor. An die ersten Sieger der A=, B= und Jugendklasse wurden wertvolle Ehrenpreise ausgegeben. Alle Sieger erhielten eine Ehrenurkunde.
In der A - Klasse wurde 1. Sieger die. Fußballelf des To. Wieseck; 2. Sieger die Spielabteilung des Tv. Klein-Linden; 3. Sieger Fußballabteilung des To. Rodheim a. d. B. In der B-Klasse stellte Spielvereinigung 1900 Gießen den 1. und Fußballabteilung des Tv. Launsbach den 2. Sieger.
1. Sieger in der Jugendk lasse wurde Spielvereinigung 1900 Gießen; 2. Sieger VfR. Krofdorf; 3. Sieger Fußballabteilung des Tv. Wieseck.
An alle Sieger der Wettkämpfe in Turnen, Leichtathletik und Schwimmen wurden ebenfalls Urkunden ausgegeben, im ganzen 103. Die drei ersten Sieger in den einzelnen Kämpfen sind:
Dreikampf, Turner, Oberstufe: 1. Willi Werner; 2. Rudolf Andermann; 3. Ernst Schöffmann. Dreikampf, Altersturner: 1. Gustav Weller; 2. Karl Bierau. — Siebenkampf, Turner: 1. Ewald Jmmel; 2. Kurt Lepper; 3. Karl Schäfer. — Geräte Dier- kampf, Turner: 1. Kurt Lepper und Willi Frey; 2. Karl Schäfer; 3. Ewald Jmmel. — Dreikampf, Turner: 1. Ewald Jmmel; 2. Kurt Lepper; 3. Karl Schäfer. — Siebenkampf, Turnerjugend: 1. Rudi Velten; 2. Ernst Kling; 3. Robert Sparr. — Geräte-Vier- kampf, Turnerjugend: 1. Rudi Velten; 2. Ernst Kling; 3. Willi Keil. — Dreikampf, Jugendturner: 1. Robert Sparr; 2. Rudi Velten; 3. Ernst Kling.
Turnerinnen, Achtkampf: 1. Irma Braun; 2. Milli Lungershausen und Irmgard Schäfer; 3. Anneliese Döbus. — Turnerinnen, Geräte-Vierkampf: 1. Anneliese Döbus; 2. Milli Lungershausen; 3. Lotte Kling. — Turnerinnen, oolfst. Vierkampf: 1. Irma Braun; 2. Irmgard Schäfer; 3. Anni Deck).
Brustschwimmen, Turner: 1. Kurt Lepper; 2. Willi Frey; 3. Erwin Schreiner. — Brust- schwimmen, Turnerinnen: 1 Milli Lungershausen; 2. Anneliese Heller; 3. Anni Dech. — Rückenschwimmen, Turner: 1 Kurt Lepper; 2. Karl Schäfer. — Rückenschwimmen, Turnerinnen: 1. Anneliese Heller; 2. Anni Dech; 3. Lotte Kling.
Heimische Leichtathleten bei den Oranienkampfspielen in Diez.
Spieloereinigung 1900.
Die X. Dranientampffpiele erfreuten sich wieder einer ausgezeichneten Besetzung. So waren mit star
ken Kampfmannschaften erschienen der Deutsche Sport-Club Düsseldorf, Bonner Fußballverein, Darmstadt 1898 u. a. m. Für die 1900er-Vertreter hingen daher die Erfolge sehr hoch. Arthur Kilo war im Diskuswerfen wie gewohnt, zuverlässig und sicherte sich mit einer Weite von 40,30 Metern den Sieg. Peters startete im 800-Meter-Lauf. Der 1900er war nicht in bester körperlicher Verfassung und konnte sich nicht placieren. Im Hochsprung der Frauen hielt sich Elly Richtberg verhältnismäßig gut und wurde nut 1,25 Metern Dritte. Auch im Weitsprung für Frauen gab es gute Ergebnisse. Margret Lösch (1900) konnte sich trotz 4,40 Meter nicht für die Entscheidung qualifizieren. Die 4X100= Meter-Frauenstaffel der Blauweißen mußte hinter Bonner Fußballverein und Sportverein Stollwerk Köln mit dem dritten Platz vorlieb nehmen.
DfV.-Reichsbahn.
Der VfB.-Reichsbahn, der nur mit einer kleinen Schar am Start mar, schlug sich auch tapfer. So mußte die 4X100-Meter-Staffel ohne Luh und Klenk laufend nur um Handbreite im Vorlauf ausscheiden. Auch Pfaff lief über 3000 Meter ein gutes Rennen, mußte sich aber in der letzten Runde mit dem 5. Platz zufrieden geben. Heinz Herrmann dagegen wartete mit erstklassigen Leistungen auf. Im Diskuswerfen belegte er hinter Kilo (1900) den zweiten Platz.
Weitsprung: 1. Herrmann, VfB.-R., 6,74 Meter; 2. Stahlhut, Tv Heuchelheim, 6,71 Meter. Der Weitsprung entwickelte sich zu einem Duell zwischen Stahlhut und Herrmann. Herrmann behielt zum Schluß das bessere Ende für sich.
Kugel st oßen: 1. Herrmann, VfB.-R., 13,56 Meter; 2. Rätters, DSC. Düsseldorf, 13,47 Meter; 3 Maus, Bonn, 12,84 Meter. Wieder eine feine Leistung von Herrmann
Diskuswerfen: 1. Kilo, 1900 Gießen, 40,30 Meter; 2. Herrmann, VfB.-R., 38,20 Meter; 3. Maus, Bonn. Für Herrmann eine überragende Weite.
Tv. Heuchelheim.
Die vom Tv. Heuchelheim nach Diez entsandte kleine Mannschaft kam zu schönen Erfolgen. Erwin Reidel konnte sich im 1500-Meter-Lauf der Klasse I gut behaupten, er wurde 2. mit 4:22,7 Min. hinter Blind (Darmstadt) 4:20,8 Min. Blind steht in der Bestenliste des Reiches an 9. Stelle. Ganz überlegen siegte K. Stahlhut im 110-Meter-Hürdenlauf. Mit 16,5 Sek. ließ er seine Mitbewerber fast zehn Meter zurück. Zu einem 2. Sieg kam er im Hochsprung. Mit 1,80 Meter kam er fast auf feine Bestleistung und bewies damit, daß er zu den besten deutschen Hochspringern gehört. Den schönsten
„ZC.Teutonia"Wahenborn-E>teinbera
Teutonia Watzenborn-Steinberg—Spo. Steindors I * 2:1 (0:1).
Durch diesen letzten Sieg in den Aufstiegspielen wurden die Teutonen Gruppenmeister. Sie haben sich nun an die Spitze der Tabelle gesetzt, und zwar mit einem Punkt Vorsprung vor ihrem sonntäglichen Gegner Steindorf. Das Resultat ist wohl etwas knapp, aber wer die Gäste spielen sah, bekam ein ganz anderes Bild, als es sich nach dem Ergebnis vermuten läßt. Vor allem war die körperliche Ueberlegenheit so groß, daß kaum ein Spieler der Teutonen mit den langen Gestalten der Gäste im Zweikampf Sieger bleiben konnte. Trotzdem wurde das Spiel äußerst fair durchgeführt.
Die Teutonen spielten mit: Happel; Fett, Jung; O. Burger, Schmandt, E. Burger; Haas, Fischer, Haas, Lang, K. Buß. Das Spiel selbst litt unter dem schweren Wind, der von Anfang bis zu Ende die Kombinationen beider Mannschaften störte. Es wurde meist hoch gespielt und dadurch hatten auch die Gäste den Vorteil ihrer Größe. Zuerst spielten sie mit dem Wind, waren auch zum größten Teil
Kampf gab es im Weitsprung, wo zwei Mann des To. Heuchelheim bei einem 20 Mann starken Feld in die Entscheidung kamen. Mit großer Spannung sah man dem Endkampf zwischen Hermann (VfB.-R. Gießen), K. Stahlhut und Erich Rinn (beide Tv. Heuchelheim) entgegen. Von Sprung zu Sprung wurden die Leistungen gesteigert, und als Sieger ging Hermann mit 6:74 Meter vor Stahlhut — 6,71 Meter (Vereinsbestleistung) und E. Rinn — 6,55 Meter hervor. Die Leistung des B-Jugend« lichen E. Rinn ist besonders zu beachten.
H. Krämer mußte leider in einem schweren Vdr- lauf über 100 Meter ausscheiden Die Staffel mußte durch die ungünstige Zeiteinteilung für die Heuchelheimer ausfallen. In der Gesamtwertung stand die kleine Mannschaft des Tv. Heuchelheim weit vor den größeren Städtevereinen.
Oer schnellste SA.-Mann erhält seinen preis.
Bei den SA.-Reichswettkämpfen im Olympiastadion siegte Gillmeister (Pommern) im 100-m-Lauf mit 10,8 Sekunden. Hier überreicht Obergruppenführer Herzog dem schnellsten Mann der SA. seinen wohlverdienten Preis. — (Scherl-M.)
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der ersten Halbzeit überlegen. Es gelang ihnen aber nur kurz vor Halbzeit, durch ihren Mittelstürmer mit 1:0 in Führung zu gehen. Nach der Halbzeit zeigte sich der Spielverlauf anders. Die Teutonen, nun mit dem Wind im Rücken, stürmten jetzt dauernd das Tor der Gäste, und die zahlreiche Verteidigung der Gäste konnte es nicht verhindern, daß H. Schmandt kurz entschlossen zum Ausgleichstor einsandte. Kurz darauf gelang es auch Fischer für feine Mannschaft den Führungstreffer zu erzielen, der dann auch ausschlaggebend für die Gruppenmeisterschaft war. Schiedsrichter K a l e t s ch (Wetz- lar) leitete gut.
Die 2. Mannschaft wollte ihre Saison auch beginnen, wartete aber auf die 1. Mannschaft von Staufenberg vergebens.
VsB.-Reichsbahn Gießen.
Sp.D. 1920 Obermörlen — VfV.-Reichsbahn 1:1 (1:1).
Die Grünweißen mußten anfangs das Spiel mit neun Mann bestreiten, da Kramer und Feufter ausgeblieben waren. Ein Spieler der dritten Mannschaft, der als Zuschauer mitgefahren war, sprang
Susannes Tochter.
Vornan von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin W 35
26 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Wenig später hat Sabine sich schon auf dem altmodischen Sofa im Wohnzimmer wie ein junger Hund zusammengerollt, und Wünsch sitzt am Klavier. Er präludiert leise die k-Moll von Brahms, dann unterbricht er sich wieder. „Wissen Sie, was darüber steht? Ein kleines Gedicht. Vielleicht bring' ich's zusammen." Und er liest: „Der Abend dämmert, der Mond — nein, das Mondlicht scheint, da sind zwei Herzen in Liebe vereint--und--
ja: da sind zwei Herzen in Liebe vereint und halten sich selig umschlungen. Hübsch, nicht?"
Sabines Stimme klingt ganz dünn und hoch: „3a, sehr hübsch. Also spielen Sie."
Und Conrad Wünsch spielt so schon wie nie zuvor.
Sabine hält die Augen geschlossen und lauscht in einer Art seelischer Erschöpfung, auf die die Musik wie wohltuender Balsam wirkt.
Aber schon schreckt sie wieder auf. Nein, nicht um sich beruhigen zu lassen, ist sie ohne Widerstreben Wünsch gefolgt, sondern um nachdenken zu können, um sich in größter Ruhe darüber klar zu werden, was nun geschehen soll, denn es muß etwas geschehen! Sie kann Michailow nicht wieder, als sei gar nichts gewesen, gegenübertreten! Und hat er nicht auch gesagt, daß er Antwort haben will?
Das schlimmste ist — sie ist selbst schuld daran, daß es heute so gekommen ist! Sie hat die ganze letzte Zeit hindurch seine versteckten Andeutungen, daß er sie liebe, stillschweigend hingenommen. Es hat ihr sogar gefallen, wenn er so etwas sagte, wenn er ihre Hand länger als nötig in der feinen behielt und wenn er sie so merkwürdig ansah, daß ihr das Herz bis in den Hals hinauf klopfte. Das muß er ja gemerkt haben, und was Wunder, wenn er da die erste beste Gelegenheit wahrnimmt, sie zu küssen? Und sie hat es geduldet, auf Minuten ist ihr gewesen, als habe sie keinen eigenen Willen und keinen klaren Perstand mehr. Als er dann anfing, so wild und heiß auf sie einzureden, von seiner Liebe und von seiner bloßen Sehnsucht nach ihr, da hat sie sogar ganz still in seinem Arm gestanden und feine Worte fast gierig in sich ausgenommen.
Ja, als er sie bann gefragt hat, ob sie ibn liebe, hat sie sogar mit dem Kopf genickt, obwohl sie im
gleichen Augenblick vor sich selbst tief erschrocken ist. Als sie sich wie benommen küssen ließ, ist zugleich eine wilde Angst in ihr gewesen, ein Gefühl, als müsse sie weglaufen und diesen Menschen nie, nie wiedersehen ...
„Wunderbar, nicht wahr?" fragt Wünsch vom Klavier her.
„Ja", sagt Sabine gehorsam und schüttelt für Sekunden ihre Gedanken ab.
„Noch mehr von Brahms, Fräulein Sabine?" „Ach ja, bitte ..."
Wünsch nickt zufrieden, und Sabine verfällt wieder in Nachdenken. Ach, wenn sie doch jemand fragen könnte, ob es das gibt in der Liebe, daß man sich zu einem Menschen hingezogen fühlt und trotzdem weit weg von ihm fein möchte?
Sie sieht sich wieder am Weiher unter dem Schutz der tief herunterhängenden Aeste stehen und fühlt mit jeder Fiber ihres Körpers noch einmal, wie Michailow sie an sich gepreßt und ihr mit feiner weichen Stimme Liebesworte ins Ohr geflüstert hat. Niemand würde begreifen, warum sie sich plötzlich von ihm losgeriffen hat, und daß sie ihn in die $cmt> gebissen hat, als er sie nicht loslassen wollte. Sie hat sich nicht anders zu helfen gewußt, es ist ein so merkwürdiges Flackern in seinen Augen gewesen, und sein Mund war so sonderbar verändert, aufgeworfen, fast böse ... Und dann hat er ihr 3ugeflüftert, _ bafj sie heut abenb bie Zimmertür auflassen möge, er habe doch feiner süßen Braut noch so unenblich viel zu sagen, unb keinen Tag unb keine Nacht könne er länger ohne sie fein ...
Da ist sie plötzlich zur Besinnung gekommen. Ist sie benn wahnsinnig gewesen, baß sie ihm ihre Liebe zugestanben hat, so baß er sich nun als verlobt betrachtet? Nein, sie liebt ihn boch gar nicht! Aber wenn er es nun Herrn Lyk erzählt, unb Herr Lyk, wie er ist, gleich eine großartige Feier arrangieren wirb — gibt es bann kein Zurück mehr?
„Paffen Sie auf, Fräulein Sabine, jetzt kommt etwas anberes, bie .Aufforberung zum Tanz', bie mögen Sie doch auch?"
„Ja, die mag ich auch .. ."
Sabine wirft einen verzweifelten Blick zu Wünsch bin, bann gräbt sie bie Zähne in bie Unterlippe: Was nun? Was nun? Ob sie Michailow einen Brief schreibt, unb ihm gesteht, baß sie Angst hat, sich zu verloben? Ober baß sie es nur tun mürbe, wenn es zunächst noch heimlich bliebe? Und bann?
Eine tiefe Mübigkeit befällt Sabine. Müßte man nicht glücklich fein, wenn man verlobt ist? Ach, unb sie ist so unglücklich! Müßte man sich nicht wünschen, nun jeoe Minute bes Tages mit dem Ver
lobten zusammen zu sein? Ach, und sie weiß schon jetzt, daß sie sich morgen den ganzen Tag nicht vor ihm sehen lassen wird, morgen nicht — vielleicht auch übermorgen nicht ...
Und wenn sie nun schreibt: gehen Sie, ich will Sie nie wiedersehen?
Aber wen hat sie bann noch, wenn Michailow weg ist? Lyk — ihren Chef unb väterlichen Freunb. Den Knecht Renz. Den Knecht Joseph. Die Haushälterin.
„Das As unb bas B in ber Hohe finb entsetzlich verstimmt", murmelt Wünsch.
Aber Sabine hört es nicht Sie hält bas Taschentuch vor bie Augen unb weint bitterlich, weil sie erkannt hat, baß sie allein ist, ganz auf sich selbst angewiesen.
Wünsch hört es wohl, aber er spielt noch leise weiter. Dämmerung liegt schon über bem Zimmer. Als er bann aufhört, merkt Sabine es kaum. Sie meint noch immer lautlos unb heftig in ihr Taschentuch hinein. Unb nach einer Weile nimmt er sich ein Herz unb rebet sie an.
„Fräulein Sabine" sagt er schüchtern, „ich bin zwar ein ganz frember Mensch für Sie unb es ist nur ein Zufall, baß ich Ihren Kummer miterlebe. Aber ba es schon einmal so ist, mochte ich Ihnen boch gern helfen."
Sabine schüttelt ben Kopf. „Spielen Sie boch weiter ..." schlucht sie
Aber Wünsch tut es nicht. „Wenn ich Trauriges spiele", sagt er treuherzig, „würben Sie nur noch mehr meinen. Wenn ich Lustiges spiele, würbe es Sie verletzen. Nein, ich schlage Ihnen ganz etwas anberes vor: baß wir jetzt einen tüchtigen Marsch machen."
Sabine nimmt bas Taschentuch von ben Augen: „Jetzt? Wo es schon bunkel ist?"
„Wir haben Vollmonb. Nie finb bie Berge schon- ner als in feiner Vergolbung."
Sabine zerknüllt ihr nasses Taschentuch zwischen den Fingern. „Es muß boch halb Abenbbrotszeit sein."
„Na, bann essen bie anberen eben einmal ohne uns. Herrn Lyk legen wir einfach einen Zettel hin, daß wir nicht kommen. Fertig! Also, wie wär' bas?"
Sabines Tränen fließen schon roieber: ,Zch weiß nicht, ich glaube — ich---"
„Weinen Sie sich nur ruhig aus", begütigt yßünfd). „Ich werbe ganz still neben Ihnen her- gepen unb Sie nicht stören. Unb wenn mir bann Heimkommen, roirb alles roieber gut fein. Ober boch: faft alles. Nicht wahr, Fräulein Sabine?"
, „Aber was haben Sie bavon, wenn Sie mit einem heulenben Mäbchen im Walb umherlaufen?"
„Oh, ich — auf mich kommt es boch heute gar nicht an." Ein verlorenes Lächeln liegt auf seinem Gesicht.
Dann sitzen sie eine Weile schweigend unb geborgen in ber Stille bes Zimmers. Bis Wünsch schließlich aufsteht, kamerabschaftlich eine Hanb auf Sabines Schulter legt unb erklärt, er werbe jetzt also ben Zettel schreiben unb für Lyk auf ben Schreibtisch legen, bamit er ihn bei seiner Rückkehr von Brunsbichel finbe. Dann werbe er noch etwas Eßbares aus ber Küche holen, unb in zehn Minuten erwarte er Sabine an ber Haustür.
„3a, ja. Und vielen Dank ..." schluchzt Sabine.
Eine Viertelstunde später gehen sie durch die lautlose Stille bes Abenbs. Zwischen ben Bergen hängt runb unb unheimlich groß ber Monb.
„Gerabe zur rechten Zeit", nickt Wünsch, nimmt Sabine bei ber Hanb unb führt sie wie ein Kind in ben Walb.
♦
Am nächsten Morgen streicht Renz um ben Garten ber Pilla Caselli herum. Da er aber 3rina nirgenbroo entbeden kann unb ba auch fein Freunb, ber Gärtner, unauffinbbar bleibt, nimmt er sich schließlich ein Herz unb klingelt.
Dem Stubenmäbchen, bas ihm öffnet, erklärt er, er habe bem gnäbigen Fräulein etwas von Herrn Michailow auszurichten. Er braucht nicht lange zu warten — 3rina Kontschakowna kommt voller Spannung auf ihn zu. „Nun?" fragt sie brängenb unb legt unwillkürlich bie Hanb vor bie Brust, als fürchte sie, baß bas was Renz ihr zu melben hat, ihr irgenbroie nahegehen müsse.
Renz sieht sich unbehaglich in ber stillen Halle mit ben vielen Türen um unb klopft nur vielsagend auf seine Rocktasche: er habe einen Brief, ben 3rina lesen müsse, sagt er leise, einen russischen Brief. Aber hier sei wohl nicht ber Ort bazu.
3rina roirb blaß: „Einen russischen Brief? Woher benn?"
„Können wir nicht braußen ungestörter mitein- anber reben?"
3rina überlegt einen Augenblick „Gehen Sie allein", sagt sie bann, „unb warten Sie am Lykschen Wasserreservoir. Ich komme nach."
Eine halbe Stunbe später steht 3rina Renz an ber vereinbarten Stelle gegenüber. „Also, was gibt's, was ist mit bem Brief?" fragt sie voller Ungebulb.
Fortsetzung folgt


