Nr. 64 Erstes Blatt
187. Jahrgang
Mittwoch, 17. März 1957
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Belgien im Kreuzfeuer.
Bei der Gedenkfeier am 16. März hat Generaloberst Göring keinen Zweifel darüber gelassen, daß die vor zwei Jahren aus der Zwangsjacke befreite deutsche Wehrmacht heute kraftvoll und kampffähig genug ist, um jeden Gegner niederzuschlagen, der es wagen sollte, seinen Fuß auf die geheiligte Erde unserer Heimat zu setzen. Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe hat aber auch mit der gleichen Bestimmtheit versichert, daß diese Wehrmacht der deutschen Staatsführung als ein Instrument des Friedens dient, weil sie eben nur für deutsche Interessen, für die Verteidigung des deutschen Lebensrechtes eingesetzt wird. Das Dritte Reich hat keinerlei Bündnis- oder Beistandsverpflichtungen, die es gegen den eigenen Willen zum Gebrauch seiner Waffen und damit zur Teilnahme an einem Kriege zwingen könnten, den andere angezettelt haben. Diese selbstoerantwortliche Stellung unserer Wehrmacht entspricht vollkommen dem Grundgedanken der nationalsozialistischen Außenpolitik, wonach der Friede nur möglich ist zwischen souveränen und gleichberechtigten Staaten, die sich die Freiheit der Entschließung bewahren, aber zugleich auch auf jede politische und militärische Einflußnahme gegenüber fremden Ländern verzichten.
Es ist wichtig, die wehrpolitische Kundgebung Görings noch einmal genau zu Überdenken in einem Augenblick, da es bei einigen europäischen Großmächten Mode geworden ist, den ständig fortschreitenden Willen zur absoluten Neutralität und Unabhängigkeit zu mißachten, der sich vor allem bei den kleineren Völkern mehr und mehr bemerkbar macht. Gegenwärtig steht Belgien im Kreuzfeuer des diplomatischen Gefechtes, das sich um den geplanten W e st p a k t entwickelt hat. Das kleine Königreich im Westen spielt bei diesen Auseinandersetzungen eine besonders wichtige Rolle, seitdem es durch den Mund seines Monarchen die feste Absicht kundtat, die Bindungen an Paris und London zu lösen und damit zur vollen Neutralität der Vorkriegszeit zurückzukehren. Diese militärischen Bindungen, die durch das seit 1921 bestehende französisch-belgische Bündnis noch verstärkt werden, sind ein Ueberbleibsel des ehemaligen Locarnovertrages, der durch den Abschluß des französischsowjetrussischen Beistandspaktes erledigt wurde. Deutschland zog aus dieser einseitigen Verletzung des Locarnovertrages die Folgerung, indem es am 7. März 1936 die Souveränität über die gesamten Rheinlande wiederherstellte, aber auch Belgien erkannte die durch Moskaus Dazwischentreten beschworene Gefahr und forderte demgemäß, in einem neuen Westpaktvertrag von allen Garantieverpflichtungen entbunden zu werden.
Die belgische Haltung, die allen ehemaligen Lo- carnvmächten auf diplomatischem Wege mitgeteilt wurde, ist klar und leicht begreiflich für jeden Europäer, dem der Friede auf unserem geplagten Erdteil eine Herzenssache ist. Denn der Grundgedanke des alten Locarnovertrages, nämlich die Verhinderung jeder kriegerischen Verwicklung zwischen Deutschland und Frankreich, kann verständlicherweise., in einem neuen Westpakt nur dann verwirklicht werden, wenn Belgien nach allen Seiten hin frei und unabhängig ist. Die belgische Neutralität, wenn sie überhaupt durch ein internationales Abkommen garantiert werden soll, kann unmöglich durch die einseitige Bürgschaft Frankreichs und Englands wiederhergestellt werden. Es verträgt sich mit Geist und Charakter eines westlichen Sicherheitsvertrages nicht, wenn Belgien auf Grund von Generalstabsbesprechungen der französischen Armee als Aufmarsch- und Durchmarschgebiet zur Verfügung steht, während Deutschland gezwungen ist, solchen Operationen des Gegners Gewehr bei Fuß zuzusehen. Das Echo, das die deutsche Westpaktnote in der Londoner und Pariser Presse gefunden hat, läßt leider erkennen, daß weder Frankreich noch England offenbar gesonnen sind, aus dieses Vorrecht zu verzichten. Ja, der diplomatische Hochbetrieb, der dieser Tage am Quai d'Orsay eingesetzt hat, läßt darauf schließen, daß man in Paris kein Druckmittel scheut, um die Belgier umzustimmen und in das einstige Hörigkeitsverhältnis zurückzuführen. Die imperialistischen Demokratien, die sonst nicht laut genug die Freiheit und Selbstbestimmung der Völker preisen können, enthüllen wieder einmal ihr wahres Gesicht. Freilich, auch die Diplomaten des Quai d'Orsay werden nicht verhindern können, daß das Wahnbild einer militärischen Vorherrschaft Frankreichs in Europa tm Erblassen ist. Ev.
Die pariser presse bleibt stur.
Paris, 16. März. (DNB.) Die Westpaktverhandlungen beschäftigen die französische Presse nach wie vor. Die Blätter stellen fest, daß sich eine große englisch-französische Aussprache vorbereite. Sie unterstreichen, daß zunächst einmal die Frage der belgischen Neutralität in den Vordergrund rücke. Die wiederholten Schritte der belgischen Re- gieruna zielten darauf ab, die Neutralität Belgiens allein durch die vier Mächte England, Frankreich, Deutschland und Italien garantieren zu lassen, ohne daß Belgien seinerseits irgendwelche Verpflichtungen übernehme. Das Volksfrontblatt „Le Soir" meint, Neutralität bedeute Aufgabe der kollektiven Sicherheit. Weder Frankreich, das dadurch an feiner Nordgrenze bedroht würde, noch England, dem dann die „unsichtbare Rheingrenze" fehle, würden geneigt sein, für Belgien all die Opfer zu bringen, die ein Angriff auf dieses Land erforderlich machen würde. (!) — Der „Paris Soir" hebt hervor, daß es Deutschlands Ziel sei, die enge Entente, die zwischen England, Frankreich und Belgien bestehe, zu brechen (!) Die belgische Neutralität
Blutige Gtraßeukämpfe in Paris.
Nächtliche Schlacht zwischen Polizei und Kommunisten im pariser Vorort Ciichy.
Paris, 17. März. (DNB. Funkspruch.) In Paris kam es in den späten Abendstunden des Dienstags zu blutigen Zusammenstößen zwischen Polizei und Mobilgarde einerseits und Kommuni st en und Marx: st en anderseits. Auf beiden Seiten wurde von der Schußwaffe Gebrauch gemacht. Als nach Mitternacht die Ruhe einigermaßen wieder hergestellt war, stellte man 4 Tote und etwa 300 Verletzte fest. Unter den Schwerverletzten befindet sich auch der Kabinettschef des französischen Ministerpräsidenten, der Schüsse in die Brust und ins Bein erhalten hat.
Die ehemaligenFeuerkreuzlerdesObersten de la Rocque hielten am Dienstag in den Abendstunden in einem großen Lichtspielhaus im Vorort Clichy eine Versammlung ab. Polizei und TNobilgarde halten das Theater in weitem Umkreise abgesperrt. Richt desto weniger wollten zwischen 21 und 22 Uhr mehrere hundert kommuni st en und 7Narxisten in unmittelbarer Rahe des Theater eine Gegenkundgebung veranstalten. Bald waren es mehrere taufend Anhänger der Linksparteien, die zu dem Theater vordrängten. Um dies zu verhindern, ging d i e Polizei zum Gegenangriff vor. Dies war das Signal für die Kommunisten und Marxisten sich zum regelrechten Straßen- k a m p f vorzubereiten. Das Straßenpflaster wurde aufgerissen und die eisernen Schutzgitter an den Bäumen als Wurfgeschosse gegen die Polizeibeamlen benutzt. Darauf fielen auch die ersten Schüsse der Kund- geber, so daß die Polizei ebenfalls von der Schußwaffe Gebrauch machte. Immer wieder versuchte Mobilgarde und Polizei die Kundgeber zu zerstreuen, von denen einige die Gelegenheit ausnuhten, um die umliegenden Geschäfte zu plündern. Erst nach Mitternacht gelang es der Polizei, das Straßenviertel zu räumen.
Die Straßenschlacht in Clichy erinnert in ihren Methoden lebhaft an die blutigen Unruhen vom 6. Februar 1934 am Concordien-Platz. Hier wie dort wurde das Straßenpflaster aufgerissen und Barrikaden errichtet. Mit Steinen, Flaschen und Eisenstangen gingen die linksgerichteten Elemente gegen die Polizei vor, die sich zunächst darauf beschränkte, die wütende Menge mit dem Gewehrkolben' in Schach zu halten. Als plötzlich aus den Reihen der Kundgeber der erste Schuß krachte, fand er einen hundertfachen Widerhall. Erst als die Gefahr, überrannt zu werden, aufs höchste gestiegen war, machte auch die Polizei von der Schußwaffe Gebrauch. Wenige Sekunden erlebte man eine wilde Schlacht, die alles in den Schatten stellt, was man bisher in Frankreich an revolutio-
fei eine höchst bedeutungsvolle Angelegenheit, denn die Lage in Osteuropa würde sich in der Tat völlig ändern, je nachdem ob Belgien die Generalstabsabmachungen beibehalten würde oder nicht (!!). — Das „Journal des Dedats" versteift sich zu der Behauptung, Deutschland versuche, mit Hilfe der Neutralitätsabkommen mit seinen Nachbarn freie Hand im Oft en, wahrscheinlich gegen d i e Tschechoslowakei, zu erlangen. (!)
Gir Aussen Chamberlain 1*.
London, 16. März. (DRV.) Der ehemalige Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, S i r Austen Chamberlain, ist am Dienstagabend im Alter von 73 Jahren in seiner Londoner Wohnung gestorben. Er war durch eine leichte Erkältung in den letzten Tagen gezwungen, das Haus zu hüten und wurde von einem Herzschlag ereilt, als er in seine Bibliothek gehen wollte. Er brach bewußtlos auf der Treppe zusammen und starb nach wenigen Minuten. Sein Tod hat in England außerordentliches Aufiehen erregt, da er weit über die konservative Partei hinaus großes Ansehen genoß. Schahkanzler R e v i l l e Chamberlain, der voraussichtliche Rachfolger Baldwins als Premierminister, ist ein Halbbruder Sir Austens. Staatssekretär Eden hat seine Karriere als Privatsekretär des Verstorbenen begonnen. Er wird am Mittwochabend dem Verstorbenen im Rundfunk einen Rachruf widmen.
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Sir Austen Chamberlain ist als politische Persönlichkeit nicht zu denken ohne seinen großen Vater, den Kolonialstaatssekretär Joseph Chamberlain, den Pionier des britischen Jmperalis- mus und des Schutzzolls in den letzten Jahren der viktorianischen Aera. Austen Chamberlain wurde 1863 in Birmingham, der Heimat der Familie Chamberlain, geboren. Sein Vater sorgte für eine ausgezeichnete Erziehung, die ihn auch für einige Zeit nach Deutschland und Frankreich führte. Als Sohn seines Vaters erhielt der junge Chamberlain ohne Schwierigkeit Zutritt zu den höchsten politischen und gesellschaftlichen Kreisen seines Landes.
nären Unruhen gesehen hat. Polizei und Mobilgarde, die inzwischen Verstärkungen erhalten hatten, blieben Herr der Lage. Der Pöbel wurde in die Seitenstraßen abgedrängt, wo einiges lichtscheues Gesindel die Schaufensterauslagen plünderte.
66 Polizeibeamte muhten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Das Stadtviertel am Rat- hausplah von Clichy ist abgeriegell, da die Untersuchung, die die ganze Rächt angedauert hat, noch nicht beendet ist. Es ist festgesielll worden, daß sich neben zahlreichen kommunistischen Abgeordneten auch der berüchtigte kommunistische Hetzer T h o r e z aus den Kamps- schauplah begeben hatten und dort mit dem Ruf: „hervor mit den Arbeitermilizen!" emp
fangen wurde. Die Verletzungen des kabitt e t t s ch e s s des Ministerpräsidenten sind ernst, aber nicht lebensgefährlich. Es Hal noch nicht fesigestellt werden können, ob die beiden kugeln, die ihn getroffen haben, aus dem Dienstrevolver eines Polizeibeamten stammen oder von den Kommunisten abgefeuert wurden.
Gegen 3 Uhr nachts erklärte der Innenminister den Pressevertretern, daß die gerichtliche Untersuchung schon begonnen habe. Die Regierung bedauere außerordentlich diese „Zwischenfälle" (!) und fordere alle auf, ihre Kaltblütigkeit zu bewahren. Die Polizei hat 1 3 D e rhaftun - gen vorgenommen. Bei allen Verhafteten wurden Schußwaffen vorgefunden.
Das eilte Echo der pariser preße.
Paris, 17. März. (DNB. Funkspruch.) Die Pariser Frühpresse äußert sich je nach der politischen Einstellung grundverschieden über die Verantwortung an dem Aufruhr. Auffallend ist lediglich, daß die französische Sozialpartei und deren Vorsitzender Oberst de la Rocque selbst von den Linksblättern nur mittelbar als Urheber der Unruhen beschuldigt werden. Die Rechtspresse berichtet einheitlich, daß die Kom - rnu nisten die Verantwortung tragen, weil sie einmal genau wüßten, daß es sich bei der Versammlung der Sozialpartei nicht um eine politische Kundgebung handelte, und weil sie zum anderen trotz des starken Ordnungsdienstes der Polizei versuchten, die Straße zu beherrschen und schließlich als erste zum Angriff gegen d i e Polizei vorgingen und von der Schußwaffe Gebrauch machten.
Das „Echo de Paris" schreibt u. a., der Ministerpräsident habe durch seine Schwäche und feine ständigen Kompromisse mit den Revolutionären diese Schreckensszenen erst möglich gemacht. Auch diejenigen Mitglieder der Regierung, die zwar gegen die Kommunisten eingestellt seien, sie aber geduldet hätten, müßten nun endgültig jede Zusammenarbeit mit den Kommunisten aufgeben, die „Action Fran 9 aise" schreibt, die Regierung der Volksfront trage ihre ersten blutigen Früchte. Es habe Blum nicht genügt, auf finanziellem Gebiet Schiffbruch zu erleiden, sondern jetzt gleite er auch auf politischem Gebiet in das Blut ab. Auf finanziellem Gebiet habe Blum zu vernünftigen Auffassungen zurückkehren müssen; es frage sich nunmehr, was er nach den gestrigen Ereignissen zu unternehmen gedenke, ob er der Ordnung recht geben werde oder nicht. — Die „Französische Sozialpartei" spricht der Polizei und der Mobilen Garde ihre Bewunderung und ihren Dank dafür aus, daß sie trotz des Feuers der Revolutionären Ruhe und Mut bewahrt hätten. Die
Angriffe feien bezeichnend für die Wühlarbeit revolutionärer Elemente in der „Volksfront" und müßten die republikanischen Männer endgültig von der Gefahr überzeugen, die auf dem Regime laste.
Ganz anderer Ansicht ist natürlich die kommunistische „H u m a n i t e", die in schreiender Überschrift von einer „Herausforderung der friedlichen Arbeitermassen" und einem „Anschlag gegen das Volk" spricht. Der „P 0 p u l a i r e", das Organ des Ministerpräsidenten, tritt wesentlich leiser auf. Es macht den Mangel an „Kaltblütigkeit" einiger Polizeichefs für die blutigen Zusammenstöße verantwortlich. Daß jedoch ausschließlich die Kommunisten die Verantwortung an der Straßenschlacht tragen, geht aus der Tatsache hervor, daß schon am vergangenen Sonntag der kommunistische Gewerkschaftssekretär von Clichy die Arbeitermassen aufgewiegelt und sie aufgefordert hatte, Oberst de la Rocque zu beweisen, daß für ihn kein Platz in Clichy sei.
Straßenschlacht auch in Oran.
Paris, 17. März. (DNB. Funkspruch.) In Oran (Algerien) kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und einigen hundert eingeborenen Arbeitslosen, wobei 18 Polizeibeamte und sieben Eingeborene verletzt wurden. Die Arbeitslosen hatten Notstandsarbeiten durchgeführt. Am Dienstag wurden die Arbeiten infolge Kreditmangels eingestellt. Die Arbeitslosen verlangten nun Hilfe von den Behörden. Sie sollten bis zum Eintreffen der notwendigen finanziellen Mittel von der Stadt beköstigt werden. Trotzdem gelang es einigen Rädelsführern, die Menge aufzuwiegeln, die mit Steinen und anderen Wurfgeschossen gegen den polizeilichen Ordnungsdienst vorging. Es kam zu einer regelrechten Straßenschlacht. Die Polizei konnte die Ordnung erst nach großen Verlusten wieder Herstellen.
Auch der Sitz im Unterhaus fiel ihm 1892 mühelos zu. Aber er blieb im Schatten seines Vaters, zu dem der berühmte Gladstone nach der Jungfernrede des jungen Chamberlains wohlwollend bemerkte: „Der Eindruck dieser Rede müsse ebenso wertvoll wie erfrischend für eines Vaters Herz" fein. Dem jungen Chamberlain fehlte die große Macht der Persönlichkeit, die das Geheimnis der großen Erfolge feines Vaters war. Er war ein hervorragender Derwaltungsbeamter und vollkommener Gentleman von großem Takt. Unerschütterliche Loyalität und Vertrauenswürdigkeit waren die hervorstechendsten Eigenschaften seines Charakters.
So diente er seinem Vater in vorbildlicher Treue im Kampf gegen die irische home rule und in seinem Feldzug für die Zolltarifreform. Er diente Balfour als Schatzkanzler und der Koalitionsregierung während des Kriegs als Staatssekretär für Indien zu einer Zeit, als dieses Amt große Verantwortungsfreudigkeit von seinem Träger verlangte. Als Untergebene von ihm wegen der mangelhaften Führung des mesopotamischen Feldzuges heftig angegriffen wurden, trat er im Sommer 1917 zurück und übernahm erst im April 1918 wieder einen Sitz im Kriegskabinett, als der letzte deutsche große Vormarsch an der Westfront die englische Innenpolitik in eine heftige Krisis versetzt hatte. Als Bonar Laws Gesundheit zusammenbrach, zögerte Austen Chamberlain keinen Augenblick, das Amt des Schatzkanzlers zu übernehmen, obwohl dieser Posten die äußerst unpopuläre Aufgabe in sich schloß, den britischen Kredit wieder herzustellen, den Staatshaushalt auszugleichen und die Abzahlung der Kriegsschulden in Angriff zu nehmen. Nach dem Rücktritt Bonar Laws wurde er Führer der konservativen Partei im Unterhaus mit der Anwartschaft auf den Posten des Ministerpräsidenten. Aber als die Partei im November 1922 gegen die Koalition mit den Liberalen Front machte, trat Chamberlain von der Führung zurück.
Erst im November 1924 übernahm er im zweiten Kabinett Baldwin das Staatssekretariat des Auswärtigen. Jetzt nahm er hervorragenden Anteil an den Verhandlungen über den Locarno-Pakt, nach dessen Abschluß er mit dem Hosenbandorden die Ritterwürde erhielt. Im übrigen hielt er die englische Außenpolitik streng im Fahrwasser der engen Verbindung mit
Frankreich. Nach dem Wahlsieg der Labour-Partei trat Chamberlain Anfang August 1929 mit dem Kabinett zurück, seine Tätigkeit als Erster Lord der Admiralität in dem im August 1931 von Macdonald gebildeten Kabinett der nationalen Zusammenarbeit, die er im Oktober des gleichen Jahres bereits wieder aufgab, war sein letztes öffentliches Amt. Er ist seitdem jedoch mehrfach als vielbeachteter Redner zu außenpolitischen Fragen im Unterhaus hervorgetreten. Innerhalb der konserva- ttven Partei gehörte er zu den Männern, die das nationalsozialistische Deutschland nicht flehten.
pariser Nachrufe.
Paris, 17. März. (DNB. Funkspruch.) Die Pariser Presse feiert in langen Nachrufen Austen Chamberlein als einen großen Freund Frankreichs und betont, daß ihm das wesentlichste Verdienst an dem Zustandekommen des L 0 - c a r no-Vertrages zugeschrieben werden müsse. Während eines halben Jahrhunderts, so schreibt der „Jour", habe sich seine Freundschaft für Frankreich nie geändert. Der „Petit Parisien" stellt fest, daß Frankreich in Austen Chamberlain „einen unvergleichlichen Freund" verliere. Sein ganzes Leben lang, so schreibt der „Populaire", sei er Anhänger einer französisch-englischen Z u - fammenarbeit gewesen. Der französische Außenminister Delbos betonte, daß Frankreich Austen Chamberlain stets zu tiefem Dank für die Freundschaft verpflichtet gewesen sei, die er dem Lande entgegengebracht habe.
Mussolini in Tripolis.
Rom, 16. März. (DNB.) Tripolis prangte am Dienstag anläßlich des Besuches des italienischen Regierungschefs im Flaggenschmuck. Salutschüsse verkündeten gegen 20 Uhr das Nahen des Duce, der von Prinz C a r a n a n I i, einem Mitgliede des ältesten und vornehmsten arabischen Adelsgeschlechtes mit einer Ansprache begrüßt wurde. In Begleitung Mussolinis befanden sich der Generalgouverneur von Libyen Marschall Balbo, Kolonial- Minister L e s s 0 n a , Parteisekretär S t a r a c c sowie die drei Staatssekretäre Pariani (Heeres- Ministerium), Cavagnari (Marineministerium) und Balle (Luftfahrtministerium).


