Ur.242 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 16. Ottober
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Zwei Ausstellungen.
Don Jn'jof Melzer.
Zwei Ausstellungen gehen ihrem Ende entgegen.
Düsseldorf schließt die R e i ch s a u s st e l - im n g „Schaffendes Volk" ihre Pforten. Denig später läuft auch die zunächst angekündigte lftizielle Frist der Weltausstellung in Pa- liis ab. Man hat sich in der. französischen Regierung vor einiger Zeit mit dem Gedanken getragen, te Weltausstellung um ein Jahr zu ver- h n g e r n , um damit einen Ausgleich für die Der» s: ätete Vollendung zu schaffen. Tatsächlich sind ein» z-lne Pavillons, und zwar auch Hauser fremder Hauten, erst im allerletzten Augenblick fertig ge- r orden, so daß sich diese Arbeit nur lohnen würde, renn sie auch im nächsten Jahr noch vorgezeigt r erden könnte. Ist über diese Weltausstellungs- Verlängerung noch nicht entschieden, so möchte man H dem außerordentlichen Eindruck, den die D ü s - stldorfer Jahresschau gemacht hat, dem Wunsch Ausdruck geben, daß diese Ausstellung trotz ilirer rechtzeitigen Vollendung verlängert wird, bumit noch weitere Millionen Gelegenheit haben, sch von dieser Leistungsschau zur lebendigen Er- slssung der gewaltigen Kulturaufgaben des beut» joien Lebensraumes begeistern zu lassen. Es könnte Mheliegen, bei einem Rückblick auf zwei Ausstel- |mgen dieses außerordentlichen Ausmaßes einen Irrgleich zu ziehen. Aber es wäre töricht, wollte rxin den Versuch unternehmen, Werturteile abzu- x.ben unt> etwa gar zu sagen, Paris wäre schöner cimefen als Düsseldorf oder umgekehrt. Es handelt sch um zweiunvergleichbare Größen.
Paris hat eine Weltausstellung durchgeführt. Kunst und Gewerbe, im weiteren Sinne Kultur Utb Wirtschaft sind der Gegenstand der internatio- tn.(en Ausstellung, bei der die einzelnen Staaten b:s zeigen, was sie selbst für typisch halten, womit fi glauben, am besten im internationalen Vergleich a zuschneiden. Jede Nation hat mit ihrem Pavillon x^ichsam die Visitenkarte abgegeben. Man kann lIhl sagen, daß ein Besuch der großartigen Welt- L sstellung unter dem Eiffelturm einer. Traumreise L. rch die Welt gleicht, bei der man Proben der C?lbstcharakteristik fast aller Völker und Rassen der S eit bewundern kann. Zusammenfassungen auf euer internationalen Ebene sind nur für einzelne 2; {(gebiete oorgenommen worden, so etwa in dem 5ius, das die Spitzenleistungen von Film, Photo ir b Phono zeigt, in der Prefsefchau, in einem Jn- i.strie-PavillDN und in der ländlichen Hygiene, bht man den Anfängen der Weltausstellungen in dir Mitte des vorigen Jahrhunderts nach, so war ursprünglich eine verhältnismäßig straffe Einteilung Dch Gewerbegruppen und Erfindungen vorgenom- r»n worden, wie das der Zeit der grundlegenden kitwicklung des Maschinenwesens entsprochen hatte, lie übrigen Ausstellungsteile hatten mehr den Quarafter einer vergnüglichen Umrahmung der ge- n°infamen Bemühungen von Ingenieuren und 2. chnikern um die Bewältigung des Maschinen- pwblerns. Das ist diesmal ganz anders. Diese zu- scmmenfassenden Schauen, in denen ein int er» nationaler Querstrich gezogen wird, ver- l'ifBDinben vollständig hinter den nationalen Paavillons , in denen jeder einzelne Staat i n (liner 21 rt feine Leistung und seine Leistungs- bireitschaft herausstellt. Eine solche Ausstellung Inn fein einheitliches Bild geben, auch wenn das timte Weltmosaik doch bis zu einem gewißen Nade auf die Wirkung in Paris, also auch auf itin Geschmack von Paris, eingestellt ist. Die Zusammenfassung des Ganzen gibt die Fülle der fran- Iznschen Pavillons und der Rahmen der Ausstel
2»iese Ufa ist in Dhünens Phantasie eine Frau, vsihe die Männer im mittelalterlich-unheimlichen Eime bezaubert und verzaubert; es strahlt eine Es lenkraft von ihr aus, die nicht nur den Gemahl, fytoern auch den Steinmetzen verwirrt und ver- frift, welcher ihr Bildnis schuß auch den jungen । rufen Dietmar und selbst den strengen Pater Citoefter, den inquisitorischen Sprecher der ecclesia
Gießener Stadiiheaier.
Felix Dhünen: „Uta von Naumburg".
Von dem großartigen Bauwerk des Domes zu Naumburg scheinen der Vorstellung des Volkes ge- m inhin die im Westchor ausgestellten sogenannten Lister-Figuren gegenwärtiger zu sein als das oichitektonische Gesamtbild; und von diesen Figuren kr es noch heute unbekannten Meisters in besonderem Maße wiederum die Uta, ... ähnlich wie vom Amberger Dom die Gestalt des Reiters fast jeder- im.nn vor Augen steht, auch dem, der von der Trigen Plastik nichts kennt. Das ist merkwürdig, lein es gibt in beiden Domen, besonders in Naum- tiurg, Figuren, die auf den Beschauer mit nicht jringerer künstlerischer Kraft und Seelengewalt ir^uroirfen vermöchten als eben die Ufa; dennoch am man verstehen, daß wie dem namenlosen tiiter zu Bamberg gerade ihr immer wieder der 3: ck sich zuwendet: in ihren Zügen, in ihrer Ge- ic2t, in ihrer Haltung, die auf so unvergeßliche ß’tife den langen Mantel um die Schultern zieht Inö wie abwehrend zum Gesicht emporhebt, ... hat nun vielleicht das Geheimnisvolle und Rätselhafte M unmittelbarsten .empfunden, aufgespürt und immer wieder betastet; denn was wir vom Leben Eeharts II., Markgrafen von Meißen und Her- Pc s von Thüringen (1002 bis 1046), und feiner Kiincchlin Uta, Tochter Efikos von Ballenstedt, Hilfen, ist dürftig genug.
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Man kann sich vorsfellen, wie die Phantasie «ine5 heutigen Menschen die Gestalten in Naum- iu-g umkreist, ihnen etwas von dem Geheimnis p entlocken, das aus ihren Gesichtern, ihrer Hal- .iira und Gebärde spricht. Der Dramatiker Felix Y: ü n e n ersinnt um die Figuren Ekkeharts und ?: Uta eine Handlung — „Die Begebenheit tonnte id jetzt vor bald tausend Jahren in Naumburg m.etragen haben" —, welche dem Bilde gemäß ute, das wir noch heute im Dom erblicken: wenn Di;- die Ufa, ihre Gestalt, das Antlitz, die allem Mbare linke Hand, „diese unvergeßlichste aller j)crtbe" (Pinder)... wenn wir dieses Ganze be- jnbernb finden, so wollen wir mit einem einzigen K rt unferm Entzücken über die klassische Voll- enlning der Plastik 2lusdruck geben; Dhünen fand ioi dem Bilde der Uta jenen dem heutigen Sprach- gslrauch nicht mehr gegenwärtigen ursprünglichen Ei n des Wortes wieder und damit den Schlussel zum dramatischen Konflikt.
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denen die Natur nur dem Zweck einer Verherrlichung der menschlichen Kunst zu dienen scheint.
Düsseldorf hat dagegen den deutschen Sinn für die Einzellei st ung in den Vordergrund gestellt, wobei aber immer in allen Lebensbereichen die Einzelleisfung in den Rahmen des Ganzen der Nation gestellt ist. Wird man in Paris nirgends ganz das Gefühl los, daß es sich eben um eine vergängliche Ausstellung handelt, so macht die deutsche Gründlichkeit in Düsseldorf den Eindruck, als ob diese Jahresschau Generationen überdauern sollte. Wasser- und Lichtkunst, so prachtvoll sie auch dem genußfreudigen Auge geboten wurden, waren doch nicht der alles überdeckende Mittelpunkt. Auch sie waren nur ein Teil der Gesamtwirkung, bei der die Zusammenfassung der verschiedenen Häuser und Hallen, der -Siedlungen und Lauben durch eine gärtnerische Ausgestaltung erzielt worden ist, wie sie der gemütstiefen Besinnlichkeit auch im ErholungSbedürf- nis des Deutschen entspricht. Bei uns hebt die
Reise an die japanische Front.
Don unserem H.Tr.-Sonderberichterstaiter.
V. Zurück in die Etappe.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Tientsin, 25. September 1937.
Ingrimmig beluden wir uns mit unseren Koffern — die Bullen waren zum Glück leer, aber wir wagten sie nicht an den chinesischen Brunnen mit Wasser zu füllen, weil die Japaner behaupteten, die Chinesen hätten Cholera-Bazillen hineingeworfen. Heber Durst hatten wir uns im übrigen auch nicht zu beklagen, da es schon seif Stunden wie mit Kannen vom Himmel heruntergoß und wir binnen weniger Minuten — als wir durch die tief verschlammten Dorfffraßen schlurften — bis auf d i e Haut durchnäßt waren.
Don der Gewalt dieser Regengüsse kann sich der Laie keine Vorstellung machen. Es genügt tatsächlich ein einziger Wolkenbruch, um einen ganzen Angriffsplan über den Haufen zu werfen und damit die Operationen auf das empfindlichste zu stören. Gestern hatten wir z. B. bei schönem Herbstwetter ein japanisches Tankgeschwader beobachtet: mit großen Sonnenflaggen geschmückt, waren die einzelnen Kampfwagen mit erheblicher Geschwindigkeit querbeet angebrausf gekommen — jetzt saßen die Wagen im Lehmbrei fest und mit ihr die Feldartillerie, die bis an die Achsen im Dreck saß. Die Mannschaften haften die Kapuzenmäntel angezogen und haften sich in den nach der Straße offenen kleinen Kramläden kleine beizende Feuerchen angezündef, sie futterten „Kaisersemmeln" dazu, jene wohlbekannten kleinen Kommißeierzwie- bäcke, die in der deutschen Armee die „Eiserne Portion" bildeten, sie puhlten in kleinen Konservenbüchsen herum und waren ansonsten äußerst schlechter Laune. Die dampfenden Pferde waren an den Geschützen angeschirrt, die Flanken schlugen und die Köpfe hingen traurig zu Boden.
Denn — sagen wir mal „russischer Landstraßendreck" und „chinesischer Lehm" bilden einen himmelweiten Unterschied. Im polnischen Schlamm sank man lediglich ein, man zog das Bein verhältnismäßig mühelos wieder heraus oder man konnte sogar in diesem Dreck nach Art der Schlittschuh- bewegung sich vorwärts schieben. Der chinesische Lehm ist da ganz anders! Mit dem einen Bein sinkt man bis an die Wade ein und bekommt es
Einzelleistung der Persönlichkeit in freier Bindung an die Pflicht die Masse des Volkes mit empor. Jeder einzelnen tut das an seinem kleinen oder großen Arbeitsplatz. Das Ziel der deutschen Leistung ist nicht der geruhsame Lebensabend, der bei gesicherter Rente möglichst früh die ungestörte Ausübung des französischen Nationalsports des Angelns erlaubt, sondern die Schaffung von Werfen, die der Entwicklung der Kultur und des deutschen Volkstums als Glied der Menschheit dienen. So spricht auch die deutsche Garfenkultur nicht von der Kunst des Menschen; sie will die ganze Schönheit der Natur zur Freude des Menschen zur Geltung bringen und will damit in ihrer Art den symphonischen Zusammenklang von Natur und Kultur verwirklichen. In Frankreich hat das alte Bürgerwort vom bien etre zwischen „Vaterland" und „Freiheit" in der modernen politischen Propaganda seinen Sinn vom „Wohlstand" zum „Wohlleben" gewandelt; in Deutschland haben wir uns zum Dienst am deutschen Lebensraum zurückgefunden.
nicht wieder heraus, weil dieser Lehm es saugend fesfhälf. Gleichzeitig rutscht man aber mit dem an» deren Fuß auf dem glitschigen Zeug aus, so daß man mit den Armen wahre Windmühlflügelbewegungen machen muß, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Hat man bann in so einer Hand noch einen Koffer und in der andern ein riesiges chinesisches „Zwein-Hand-Schwert", die man beide aus unfreiwilligen „Gleichgewichtsübungen" abwechselnd über dem Haupte schwingt, bann sieht bas von weitem aus, als käme ba ein total bezechter Wegelagerer angeturnt.
Wegelagerer — so sahen wir, bie Pressevertreter aus einem Dutzenb zivilisierten Grvßstaafen tatsächlich aus. Denn einer hafte sich in einem Anfall von Verzweiflung mit dem Taschenmesser beide langen und einst weißen Hosenbeine kurz oberhalb der Wade ausgezackt abgeschnitten, weil er die sechs Pfund Lehm, bie an jebem angewachsen waren, beim besten Willen nicht „ertragen" konnte. Einige hatten sich „zur Erinnerung" chinesische Stahlhelme, bie sie irgenbmo aufgelesen haften, aufgesetzt, aber ein chinesisches Zweihandschwert besaß jeher! Mit Riemen würbe es auf bem Rücken getragen, ohne Riemen in ber Hanb ... die Strohhüfe hingen uns wie aufgeweichte Lappen vom Kopfe herab, bis Kleiber waren so mit Lehm bespritzt, baß bie ursprüngliche Farbe nicht zu erkennen war und be- sonbers empfindliche Naturen hatten sich weggeworfene Zeltbahnen ober nach Art ber chinesischen Kulis — kleine dünne, fast wasserbichfe Bambusmatfen umgehängf. Ohne zu übertreiben: wir sahen genau so aus wie die berühmten ober berüchtigten chinesischen „Plain-cloths-men‘‘, auf die bie Japaner sonst so „scharf" finb. Denn „Plain- cloths-men‘< ist hier zu Lanbe bie Bezeichnung für „Franktireurs", die sich nicht phantastischer kostümieren können, wie es unter bem Zwcmg bes Regens und bes Lehms bie Presse getan hat.
Üebrigens: Zweihanbschwerter! Fast die
lung inmitten des leuchtenden Repräsenfations- viertels der Seinestadf. So stark im einzelnen jedes Haus im äußeren Aufbau und in der inneren Gestaltung vom Volkstum der betreffenden Nation und seiner Raumverwur^elung geprägt ist, so wenig an eine einheitliche Linie zwischen diesen verschiedenen Pavillons zu denken ist, so ist doch die Einheit mit einer bezaubernden und berauschenden Wirkung im Sinne bes französischen Rahmens her- gestellt. Aber es ist eben nur eine äußere Einheit.
Düsselborf hat bagegen in einer großartigen Weise, wie sie kaum sonst bisher in einer Ausstellung verwirklicht worben ist, bie Einheit von Form u n b Inhalt gegeben. Auch in Düssel- borf finb bas Auge unb bas Ohr, finb bie Sinne der Vergnüglichkeit und bes Genusses nicht zu kurz gekommen. Aber bie Reichsschau „Schaffen- b e s Volk" hatte nicht ben Zweck, nur etwas vorzuzeigen, interessante Vergleiche zu ermöglichen, unb unterhaltsame Anregungen zu geben. Die rote Linie war hier in jeber Kleinigkeit unb in ber Gesamtwirkung ber Vierjahresplan. Düsselborf hat mit einem ganz großen Wurf die Wirklichkeit des deutschen Lebensraumes und die Aufgaben des Reichsvolkes in diesem Lebensraum hingesfellf. Das war nicht eine langweilige und nur immer mit sachlichen Argumenten arbeitende Lehrschau, sondern für jeden Besucher ein Aufruf zur Mitarbeit, die Begeisterung für die Aufgaben, die dem deutschen Volk vom Schicksal der Gegenwart gestellt sind und die Einordnung dieser unmittelbaren Aufgaben in den großen Zusammenhang des Werdens und Wachsens des Volkes, des über bie Jahrtausenbe aus ber Vergangenheit in bie Zukunft wirksamen Zusammenklanges von Natur unb Kultur. Was in Paris der einzelne nationale Pavillon bei aller Großartigkeit in ganz bescheibenem Rahmen nur anbeuten kann, hat Düsselborf als eine Ausstellung ber Nation und für bie Nation zusammengefaßt. Eine nationale Leistungsschau kann man aber nicht auf einer Ebene mit einer internationalen Schaustellung vergleichen, zumal noch die Unwägbarkeiten der äußeren Umgebung, des Geistes der Stadt, des Klimas und der menschlichen Atmosphäre hinzukommen.
Wohl aber ist es aufschlußreich, wie man es in Paris zwischen den einzelnen Pavillons ber Nationen tun Fann, auch zwischen Paris unb Düsselborf ben Rahmen, ben Stil ber Ausstellungspraxis unb bie psychologische Wirkung zu untersuchen. Dann haben wir in Düsselborf eine Ausprägung bes beutschen Geistes unb in Paris ben französischen Esprit. Man sagt nicht mit Unrecht, baß ber Franzose für sein Wohlbefinben bie Bewunberung ber Welt braucht. So knauserig er sonst ist, spart er nicht, wenn es bie Repräsentation gilt, wenn bie Beweglichkeit des französischen Geistes und ber Glanz bes französischen Geschmacks in biesem Klima von unüberbietbarer Liebenswürbigkeit gezeigt werben soll. Die Weltausstellung ist ein Rausch ber Technik, übergossen von einer Sturzflut Lichtes, belebt von einem Orkan von Wasserkünsten unb im abenblichen Trubel eines schier unvorstellbaren Massenbesuchs noch aufgewühlt burch wirr sprühenbes Feuerwerk. Wer Paris so in biesem Weltausstellungstrubel erlebt bat, hat eine Hölle bes Vergnügens genossen, ber sich auch kritische Gemüter hingeben müssen, weil ber» art liebensroürbig gebotene Genußfreubigkeit schlechthin überwältigt. Man soll nicht das. kritische Wort ber Massenpsychose anroenben. Das ist aber sicher, baß bie in ben Einzelheiten unübersehbare unb insoweit auch belanglose Massenwirkung ber gleiche Ausdruck ber französischen Psyche ist, wie bie gestutzten Ziergärten von Versailles unb Trianon, bei
vergebens bittet, an Utas Bild noch etwas ändern zu dürfen, teuflischen Umganges, ja Uta selber dämonischer Macht und höllischer Gewalten. Als der Pater dem Herzog ins Gesicht zu sagen wagt, es sei das Hexenmal, das der Steinmetz der Figur noch habe aufprägen wollen, schlägt der Herzog ihn nieder.
An den Folgen der Tat werden die mittelalterlichen Mächte recht eigentlich sichtbar und spürbar, die das Spiel unb bie Menschen regieren: bie weltliche unb die geistliche, deren damals fast unbegrenzte Reichweite wir heute kaum noch ahnen. Weltlust und Weltabgewandtheit, Freude am Diesseits und beklommener Glaube ans Jenseits — das sind die menschlichen, seelischen, gefühlsmäßigen Wesensmerkmale der beginnenden Kreuzzugszeit, das bildet die inneren Voraussetzungen der dramatischen Aktion im Schauspiel.
Voy hier aus erhält die Steigerung, Verflechtung und Lösung des Konfliktes ihren Sinn: die seelische Verwirrung des Steinmetzen wie bes jungen Grafen; bie Anklage bes Paters wider den Künstler und gegen Uta selbst; bie jähe Tat unb die Reue bes Herzogs, ber kein Kind will, ber mit bem Gebauten an ben Kreuzzug spielt, ber bie geistliche Macht fürchtet und aus dieser Furcht den gefangenen Steinmetzen entfliehen läßt in der Ordenstracht des niedergeschlagenen Paters; der wird für tot gehalten, erwacht aber wieder zum Leben, aufs neue Gericht fordernd und schreckliche Sühne für bas teuflische Blenbwerk, bas bie christlichen Seelen verwirrt unb vergiftet. Auch ber junge Graf Dietmar ist aus solcher Zeitstimmung zu begreifen, wenn er, in heftiger Neigung 311 Uta, erst mit rascher blutiger Tat bie brohende Verstrickung lösen will unb bann bas strenge Schweigegelöbnis ber Cluniazenser schwört, bas ihn von der Welt scheibet..
Am wenigsten ein Geschöpf gerade biefes Jahr- hunberts erscheint Uta, das „Evaskind", „voll Sünd und doch voll Unschuld", christlich und weltlich in einem, des Zaubers bewußt, der von ihr ausstrahlt, nie ganz, auch in ber vertrautesten Zwiesprache nicht, des Geheimnisses beraubt, das ihre Züge im steinernen Bilde bis heute bewahren, eine liebliche und liebende, eine zarte und zeitlose Frauengestalt.
Die Menschen dieses Dramas haben gelebt unb sinb geschichtlich bezeugt, bas Drama selbst ist Phantasie, Traum des Nachgeborenen vom deutschen Mittelalter, Versuch einer Deutung der beseelten Steinbilder im Dome zu Naumburg, in dessen Architektur unb Plastik wir mit Bewunberung unb leiser Erschütterung bie unvergänglichen Zeugnisse einer großen Vergangenheit, einer klassischen Höhe unb Reife beutscher Kunst erkennen. —
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Jeder szenischen Verwirklichung solcher Phantasie scheinen uns Schwierigkeiten durchaus ungewöhnlicher Art entgegenzustehen, weil jede notwendig von bem übermächtigen Bilbeinbruck belastet ist, der im Beschauer geweckt wird; Wert und Hal
tung einer Ausführung wird, wie wir glauben, nach dem Grabe zu bemessen sein, in dem die Bühne biesem Bilbe stanbzuhalten vermag. Oberspielleiter Dr. Schumacher begriff die Notwendigkeit strenger Stilisierung, die der Dramatiker durch die Wahl der gebundenen Sprache andeutete; aber er lockerte die gemessene Form, je schärfer der Konflikt sich zuspitzt, um so nachdrücklicher — besonders im zweiten unb brüten Akt — vom Dramatischen unb sogar fast Theatralischen her. Spürbar blieb allenthalten mit Recht die Rückbeziehung auf bas plastisch-bildhafte Motiv, bas ben Ausgangspunkt ber Fabel bezeichnet. Dies würbe burch bie Einfühlung ber Hauptfiguren nicht minber bekräftigt als burch ben szenischen Rahmen, bem Herr Löffler bie sparsame, kühle Schlichtheit eines gotischen Jnnen- raumes gab, währenb bie Stimme bes Volkes jeweils von einer ben Dom anbeutenben Projektion begleitet würbe. (Das Volk ist übrigens von Dhünen ausdrücklich weder als naturalistische Volksmenge, noch dramatisch in der Form des antiken Chores eingeführt: Volk im Sinne des Sprichwortes „Volkes Stimme ist Gottes Stimme", nur durch ein „deutliches Raunen" sich äußernd.)
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Darstellerisch hielt in jeder Hinsicht die Mitte des Schauspiels, ausstrahlend und anziehend, die Uta von Else M 0 nnard , im äußeren Bilde der Figur, vor allem im setzten Akt, überraschend angenähert, weich unb melobisch im Stimmklang, sehr weiblich bei aller ebeln Gehaltenheit, im Ganzen burchaus eine von vielen möglichen Deutungen gebenb und, wie uns scheint, auch Dhünens entmutigende Formel mildernd, die Uta sei „etwas Einmaliges, durch schauspielerische Bemühung nicht zu Erreichendes".
Ekkehart, von Herrn Neuhaus gegeben, entsprach äußerlich bem Naumburger Bilde sehr wohl, innerlich weniger; er wirkte viel weicher, nicht mit jener ausgeprägt männlich-herrscherlichen Bestimmtheit und Festigkeit, die von der Plastik ausgeht, eher im Sinne Dhünens, der ihn als „zwischen zwei Zeitaltern" stehend unb „für christliche Einflüsse empfänglicher" begreifen will.
Herr Geißler gab ben Pater, den Dhünen „weder Fanatiker noch Heuchler" nennt, doch kann man dem Bilde seiner sehr beherrschten Leistung jenen ersten Wesenszug kaum absprechen. Ueber- zeugend war eben bas Schwanken zwischen einem finstern Glaubenseifer, bis zum Haß gesteigert, unb einer, Anfechtungen wie Visionen ausgelieferten Schwäche herausgearbeitet.
Den Grafen Dietmar umgab Herr Weilanb mit einer jungen stürmischen Ritterlichkeit wie einen frühen Minnesänger; man mochte ihm fast die übermenschliche Kraft der Entsagung und des Opfers nicht zutraUen. Herr Schorn als Steinmetz wirkte viel leidenschaftlicher als der Dramatiker ihn anbeutet: nichts von scheuer Verhaltenheit, aber heillose Verwirrung bes Herzens bis zum unbesonnenen Geständnis. —
Anhaltender Beifall rief zuletzt mit den Darstellern auch den Spielleiter an die Rampe.
Hans Thyriot
Franz Schuberts „Winterreifen
Das Stadttheater bringt in feiner zweiten Morgenfeier am Sonntag eine seltene musikalische Gabe: die zyklische Darbietung von Schuberts „Winter r e i s e", gesungen von Gustav Bley. In diesen Oktober-Tagen jährt es sich zum 110. Male, daß Franz Schubert diese wundervollen Lieder schuf. Sein Freund, der Ritter v. Spaun, erzählt: „Schubert war durch einige Zeit düster gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, erwiderte er nur: Nun werdet ihr bald hären und begreifen. Eines Tages sagte er zu mir: Komme heute zu Schober, ich werde euch einen Kranz schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu hären, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war." Und wahrlich — bie „Winterreise" gehört zum Tiefsten und Ergreifendsten, was Schubert je geschaffen hat. „Schon die Wahl ber ,Winterreise' beweist, wie ber Tonsetzer ernster geworben", berichtet Mayrhofer, der Freund Schuberts; „er war lange und schwer krank gewesen, er hatte niederschlagende Erfahrungen gemacht, bem Leben war die Rosenfarbe abgestreift, für ihn war ber Winter eingetrefen." Das Ganze mutet uns an wie Visionen des nahen Todes. Wie Hugo Wolf in den Michelangeloliedern, wie Johannes Brahms in den „Vier ernsten Gesängen", so findet Franz Schubert hier Zone, bie seine träumende Seele schon nicht mehr in dieser Welt empfunden hat. Töne, die ganz erdenfern, jenseits aller Wirklichkeit zu erklingen scheinen („Wegweiser", „Leiermann"). Der Dichter schildert das Wandern eines Menschen, ber, zerbrochen von ber Liebe, mit tiefem Weh im Herzen dem Grabe entgegengeht. Die plastische, bilbhafte Darstellung bes Dichters und bie musikalische Ausformung burch Schubert gehen weit über ben eigentlichen Rahmen bes Liebes hinaus — sie weiten bas Ganze zu einer Folge tragischer Szenen. Unb diese Tatsache schafft uns bie innere Berechtigung, gerabe diesen Zyklus auf einer Bühne zu Gehör zu bringen.
In einsamer Größe steht die „Winterreise" da — ein tief-persönliches Bekenntnis, bas Schubert hier ablegt. Er ist ber wegmübe Wanberer, ber fast am Ziele im Leiermann noch einmal fein eignes Konterfei erblickt. Unb dieser Leiermann ist nur ein Symbol des Todes. Wie überhaupt die letzten ber Lieder immer symbolhafter und mystischer werden. Sein eigenes Leben ist's, das er besingt: „Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her, und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer." Aber über dieses persönliche Bekenntnis hinaus bergen diese Lieder einen viel tieferen, allgemeinen Sinn; und dieser ist es, der die Menschen so — damals wie heute — berührt und ergreift und der „Winterreise" einen unvergänglichen Wert verleiht.
Joachim Popelka.


