logen für die E r n e u e r u n g s st 5 ck e der städtischen Betriebe durchzuführen.
Der GesamtschulOenstand der Hiadi belief sich am 1. April 1933 auf 14 981 296 Mark, dagegen am 1. April 1937 auf 14 479 565 Mark, davon sind aber 3 500 000 Mark Baudarlehen, die von der Stadt nur ausgenommen und an Wohnungsbauunternehmen weitergegeben wurden, noch abzusetzen, so daß sich
der )7etlo - Schulden st and der Stadt Gießen am 1. April 1937 auf 10 979 565 217 a r f belief. Demgegenüber steht ein Vermögen der Stadt Gießen in höhe von etwas über 30 Millionen Mark.
Oberbürgermeister Ritter bemerkte am Schlüsse seiner Darlegungen, daß die von ihm ongekün- diaten Projekte in den Ausschüssen noch gründlich besprochen werden würden, um nach jeder Richtung hin gute Aufbauarbeit zu schaffen.
Der Ausklang der Sitzung.
Beigeordneter Bogt dankte, zugleich auch im Auftrage des Beigeordneten N i c o l a u s , den Ratsherren und dem Oberbürgermeister für das bekundete Vertrauen und fügte in schlichter, sympathischer Weise hinzu, daß sie in gewohnter Art als Nationalsozialisten ihre Pflicht im Dienste der Stadt Gießen im Sinne und Geiste des Führers erfüllen würden.
Oberbürgermeister Ritter wies in kurzen, packenden Worten, gut gestützt durch das Ergebnis der verflossenen vier Fahre, auf den großen Segen der Arbeit in einheitlich ausgerichteter Marschkolonne in der Gefolgschaft unseres Führers hin und ermahnte die Gießener Volksgenossen, auch weiterhin so gut und zielklar in der geschlossenen Front hinter dem Führer zu marschieren für ein neues, großes und herrliches deutsches Vaterland.
Mit dem freudigen Gruß und Gelöbnis an den Führer fand die Sitzung ihren Abschluß. B.
Das neue HI.-Heim am Wartweg.
Das neue heim der Hitler-Jugend entsteht auf dem Gelände des bisherigen Hitler-Jugend-Heimes. Es wird in 0-Form gebaut und wird einen Aufmarschplatz von 36X18 Meter in sich schließen. Die gesamte Anlage besteht aus einem Haus für die Bannführung der Hitler-Jugend mit allen erforderlichen Geschäftsräumen. Im Dachgeschoß dieses Verwaltungsbaues wird eine Wohnung für den Hausund Heizmeister enthalten fein. Das Verwaltungsgebäude wird links und rechts von Heimbauten flankiert, die eingeschossig erstellt werden. Diese Heimbauten enthalten einen Fahnensaal und je drei Räume von je 40 Quadratmeter Größe für die HI. und den BDM. Die Räume sind so geplant, daß sie auch zu einem Raum vereinigt werden können, so daß es möglich ist, auch größere Zusammenkünfte im Hause abhalten zu können.
Die äußere Gestaltung des Heimes der HI. wird stch der Umgebung des Wartweges anpasten und so gehalten, daß sie durchaus dem Rahmen der dortigen offenen Bauweise entspricht.
Oie Stallungen für das EHW.
Die Stallungen für das Ernährungshillswerk, die an der Hardt erstellt werden, sind vorgesehen für insgesamt zweihundert Schweine. Die Stallungen werden nach vorhandenen Standardplänen gebaut. Zu den Stallungen gehört eine Futterküche, ferner eine Silierungsanlage; das Dach wird zum Futterboden ausgebaut. Ferner soll über der Futterküche eine Wohnung für die Schweinemeister eingerichtet werden. Mit den Arbeiten zur Schaffung dieser Stallungen.wird sofort begonnen werden.
Aus der Stadt Gießen.
Lehrstunde im Freien!
Die junge Frau seufzt und macht ein verzweifeltes Gesicht. Aber der Mann an ihrer Seite ist unerbittlich. „Immer wieder versuchen", bestimmt er kategorisch, dabei wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Es ist ihm höllisch warm geworden, doch was nützt es. Aller Anfang in schwer. Er hält das Rad so, daß die junge Frau bequem aufsteigen kann. Sie kommt seiner Weisung nach, wenn auch mit einer Miene, die alles andere als Freude ausdrückt. „Los!" kommandiert er und schiebt das Rad vorwärts. Wieder beginnt eine schwankende Fahrt, sie geht von einer Straßenseite zur anderen und sieht keineswegs imponierend aus.
Aber was hat das zu sagen. Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Auch in der Kunst des Radfahrens ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Oder will etwa jemand bestreiten, daß es sich dabei um eine Kunst handelt? Die junge' Frau würde ihm etwas anderes erzählen. Sie bemüht sich krampfhaft, die Lenkstange richtig zu halten, was wirklich nicht so einfach ist, denn die Lenkstange hat chre Mucken und wendet sich immer dorthin, wo gerade die Hindernisse auftauchen. Es scheint allerlei Bosheit in einer solchen Lenkstange zu stecken, wahrhaftig!
Ab und zu bleibt ein Fußgänger in der sonst menschenleeren Straße stehen und schaut zu, wie der Mann keucht, und wie die junge Frau ihren Anstrengungen obliegt. Der Fußgänger schmunzelt über das komische Bild, natürlich, er hat gut lachen. Er weiß vielleicht gar nichts von der Schwierigkeit, ein Fahrrad richtig zu handhaben und amüsiert sich einfach darüber, der niederträchtige Mensch.
„Treten! Treten! Treten!" ruft wieder der Lehrmeister seiner Frau zu und legt allerlei Nachdruck in seine Weisung. „Aber ich trete ja schon", erwidert sie kläglich und sucht mit den Füßen die Pedale zu erwischen, die offenbar nur das eine Bestreben haben, den zappelnden Füßen zu entgehen. Diesmal gelingt es ihnen nicht, denn die junge Frau spürt sie unter ihren Sohlen und macht rasch ein paar heftige Tretbewegungen. Das Rad schießt
mit einem Ruck vorwärts, so daß der nebenher laufende Mann Mühe hat, an der Seite zu bleiben.
So geht es die Straße hinauf und wieder hinunter. Es ist eine interessante, wenn auch mühsame Lehrstunde im Freien. Gelegentlich wird eine Pause eingeschoben und dann stehen beide aufatmend neben dem Stahlroß, das so schwer zu regieren ist. Aber aus dem anfänglichen Mißmut der jungen Frau wird allmählich ein immer stärker werdendes Interesse und plötzlich kommt der Augenblick, wo sie mit dem Rade das Gleichgewicht hält. Großer Augenblick: die Unsicherheit ist siegreich überwunden. Ein paarmal wird noch geübt, morgen und übermorgen noch, dann hat kein boshafter Fußgänger mehr Ursache, schmunzelnd stehenzubleiben. Dann ist der Kampf mit der Tücke des Objekts erfolgreich zu Ende geführt und die junge Frau ist nicht mehr darauf angewiesen, mit ihrem Rade und ihrem Mann in den Abendstunden eine fast menschenleere Straße aufzusuchen. H. W. Sch.
. X Vie deutsche Arbeitsfront k n.9.-6emeinlch3ft „ifiraft durch freude ' * ■' _________________
Infolge der großen Nachfrage wegen Zügen nach Oberbayern uiib an die See haben wir utts entschlossen, zwei neue Züge einzulegen, und zwar:
U.$. 93/37 vom 12.8.—20.8. nach Oberbayern (Unterbrinaungsorte: Bad Tölz, Wackersberg, Gaissach, Lenggries, Jachenau und Fleck.) Teilnehmerpreis 33,50 RM.
U. $. 86/37 vom 20.8.—1.9. nach der Ostsee. (Unterbringungsorte: Bad Rügenwalde und Stolp- münde.) Teilnehmerpreis 51,50 RM.
Anmeldungen müssen umgehend auf der Kreis- dienststelle, Schanzenstraße 18, erfolgen.
Omnibusfahrl zum Autorennen um den „Großen Preis von Deutschland" am 25. Juli 1937 auf dem Nürburgring.
Am Sonntag, dem 5. Juli 1937, führen wir vorgenannte Tagesfahrt durch. Der Teilnehmerpreis
einschließlich Eintritt zum Rennen beträgt 8,— RM. Anmeldungen nimmt die Kreisdienststelle entgegen.
Sonderzug an den Rhein.
Am Sonntag, 15. August, führen wir unsere dies- jährige Rheinfahrt durch. Der Zug fährt in Gießen gegen 7 Uhr ab, um nach Aufenthalt in Koblenz die Teilnehmer nach St. Goar zu bringen. Von dort geht es mit einem Rheindampfer nach Rüdesheim. Hier haben die Teilnehmer Gelegenheit, das Niederwalddenkmal zu besichtigen und nach Aßmanns- haufen zu gehen, da die Abfahrt mit dem Dampfer von Rüdesheim und Aßmannshausen erfolgt. Von St. Goar bringt der Sonderzug die Teilnehmer wieder nach Gießen. Teilnehmerpreis einschließlich Mittagessen an Bord 6,20 RM. Anmeldungen nimmt die Kreisdienststelle entgegen. 4740D
Rundfunkausstellung.
Vom 5. bis 9. August fahren wir mit einem Son- Verzug zur Rundfunkausstellung nach Berlin (drei Tage Aufenthalt in Berlin). Der Fahrpreis einschließlich Uebernachtungen und Eintritt für die Ausstellung beträgt 19,50 RM. Anmeldungen umgehend auf der Kreisoienststelle.
Dornotizen.
Tageskalender für Freilag.
Stadttheater: 20.15 Uhr bis 22.15 Uhr, Gastspiel Gustav Jacobi. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Sonnenscheinchen",
Gustav Jacoby im Gießener Sladktheaker.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet das einmalige Gastspiel von Gustav Jacoby im Stadttheater Gießen statt. — Gustav Jacoby, den man von vielen Uebertragun- gen im Rundfunk her kennt, wird auch hier in Gießen wieder zwei Stunden lang das Publikum unterhalten. Das Gastspiel beginnt um 20.15 Uhr und endet um 22.15 Uhr.
Mililärkonzerl auf dem Schiffenberg.
Am kommenden Sonntag, 18. Juli, findet auf dem Schiffenberg, ausgeführt von der gesamten Musikkapelle des JR. 116 (Leitung Musikmeister Wohlfart h), ein großes Militärkonzert statt.
Schwere Gewitter über Oberheffen.
Nach der großen Hitze und der lastenden Schwüle des ganzen gestrigen Tages waren Gewitter über unserer Landschaft wohl von jedermann erwartet und eine Erfrischung auch herbeigesehnt worden. Gegen 19.30 Uhr zog denn auch über unserer Stadt und unserer Heimat ein Gewitter auf, das in einer mächtigen Wolkenfront anrückte. Nach den ersten Blitzschlägen setzten Sturm und Regen ein, die lange Zeit anhielten. In allen Himmelsrichtungen fuhren Blitze zur Erde, ohne jedoch (nach den bisherigen Meldungen) erheblichen Schaden anzurichten. Lediglich in der Grünberger Straße, gegenüber der Artilleriekaserne, traf der Blitz einen Baum, der auf die Straße geschleudert wurde und von der städtischen Feuerwehr entfernt werden mußte. Der
starke Sturmwind riß manchen Ast von beit Bäumen. Das heftige Gewitter zog in südöstlicher Richtung weiter und brachte allenthalben starke Regenfälle. Lange hielt sich das Unwetter über den Waldern des Boaelsberges, wo es stundenlang tobte. Mächtige schwarze Wolken umlagerten bis spät in die Nacht hinein den Himmel.
Einstellung von Kriminalassistentenanwärtern
bei der Geheimen Staatspolizei — Slaalspolizeistelle Darmstadt.
Bei der Geheimen Staatspolizei — Staatspoli» zeistelle Datmstadt können eine Anzahl Stellen der unteren Kriminalbeamtenlaufbahn (Kriminalassistenten, Kriminaloberassistenten) besetzt werden. Bewerber aus freien Berufen haben vorbehaltlich endgül- tiger Regelung einen Vorbereitungsdienst van zwei Jahren abzuleisten und führen während dieser Zeit die Amtsbezeichnung .Kriminalassistentenanwärter im Vorbereitungsdienst". Sie erhalten Unterhaltszuschüsse nach den Reichsbestimmungen.
Dem Bewerbungsgesuch sind beizufügen: 1. ein vom Bewerber selbst verfaßter und handschriftlich gefertigter Lebenslauf mit Lichtbild, 2. das Schulabgangszeugnis, 3. amtliche Führungszeugnisse seit der Schulentlassung, 4. etwaige Zeugnisse über die seitherige Ausbildung und Beschäftigung, 5. ein amtsärztliches Zeugnis über die Polizeidienstfähigkeit und Erbgefunoheit des Bewerbers, 6. eine Schuldenfreiheitserklärung; dabei ist zum Ausdruck zu bringen, ob und gegebenenfalls welche Unterhaltszahlungen der Gesuchsteller zu leisten hat, 7. der Nachweis der arischen Abstammung durch Vorlage ,0er Geburtsurkunde des Bewerbers und der Heiratsurkunde feiner Eltern; bei Verheirateten ist außerdem Vorlage der Geburtsurkunde feiner Ehefrau und der Heiratsurkunde ihrer Eltern erforderlich, 8. Nachweis über etwaige Zugehörigkeit zur NSDAP, und ihren Gliederungen durch Dor« läge entsprechender Bescheinigungen, 9. Nachweis daß der Bewerber die Reichskurzschrift (120 Silben in der Minute beherrsckst) und Fertigkeiten im Maschinenschreiben (120 Anschläge in der Minute) besitzt.
Nicht vorgemerkt werden Personen, die wegen unehrenhafter Gesinnung mit Freiheitsstrafen belegt wurden oder wegen eigener Schuld in Fürsorgeerziehung waren.
Bewerbungsgesuche sind zu richten: an Geheim^ Staatspolizei — Staatspolizeistelle Darmstadt.
*
** Herrenlose Fahrräder. Bei der Polizeidirektion Gießen (Kriminalpolizei) ist eine An- zahl Fahrräder sichergestellt, die herrenlos aufge« sunden wurden. Unter diesen befindet sich ein gut» erhaltenes Rad, Marke „Badenia". Am 13. Juni wurde am Nordrand des Philosophenwaldes, in der Nähe des Arbeitsdienstlagers, eine Nolle Dachpappe aufgefunden und fichergestellt. Personen, die Eigentumsrechte geltend machen können, wollen sich bei der Kriminalabteilung Zimmer 72 melden.
Von der Fahrt in den Spessart zurück...
Nach achttägiger Abwesenheit kehrten gestern nachmittag die tausend Hitler-Jungen und Jungvolkpimpfe des Bannes und Jungbannes 116 von ihrer großen Speffartfahrt zurück, lieber taufend Menschen, Eltern und Freunde der Heimkehrenden, hatten sich auf dem weiten Bahnhofsgelände eingefunden, als der Sonderzug einlief. Braungebrannte Gestalten, mit leuchtenden Augen kamen durch die Sperre und formierten sich nach Fahrtengruppen.
Große Begeisterung herrscht über dem weiten Platz. Hie und da hört man schnell hingeworfene Worte, die davon Zeugnis ablegen,' daß es auf der Hessen-Nassau-Fahrt ganz großartig gewesen ist. Besonders stolz waren die Wiesecker Jungvölker auf ihre Abzeichen von der Wasserkuppe. Sie waren auf der Fahrt so oft eingeladen worden, daß die Fahrtenkasse mit dem besten Willen nicht klein zu bekommen war. Zu diesem Zwecke mußte eine Omnibusfahrt zu der internationalen Segelfliegerwoche eingeschaltet werden, die den Jungen sehr viel Neues und Interessantes brachte. Andere Fahrtengruppen haben ebenso ge
spart und sind deshalb in der Lage, in nächster Zeit nochmals auf Fahrt zu gehen.
Ein Kommandoruf läßt die leise geführten Un- terrebungen beenden. Die Formationen setzen sich, in Bewegung zum Marsch durch die Stadt. In gerader Haltung, mit frischen Liedern geht es durch die Bahnhofstraße, Kaplansgasse, Kreuzplatz, Sonnenstraße zum Brandplatz. Hier wird in offenem Viereck angetreten. Bannführer Rohrbach begrüßt die angetretenen Jungen und dankt ihnen für ihren restlosen Einsatz, den sie auf der Hessen- Nassau-Fahrt bewiesen haben. Kameradschaft, Ordnung und Disziplin seien die Leitsterne gewesen, unter denen die Fahrt gestanden habe. Mit der glücklichen Durchführung dieser großen Fahrt in den Spessart haben der Bann und Jungbann 116 bewiesen, daß sie berechtigt und befähigt feien, das große ©ebi etsfportfeft zu veranstalten, das am 21. und 22. August 1937 in Gießen stattfindet.
Jungbannführer Taesler wandte sich sodann an seine Pimpfe und dankte auch ihnen für ihre restlose Hingabe während der Fahrt. Die großen Gedanken von Kameradschaft und Ordnung yiögen
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Vornan von Walther Kloepffer
Copyright 1936 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
(Schluß.) (Nachdruck verboten.)
„Anna — Anna!" schrie in diesem Augenblick der Kern in den Garten. Er trug einen Marktkorb in der Hand. „Anna, komm mal her! So, das trägst du zu den Ameisers hinüber! Ist ein bissel was vom Mittag drin. Auch zwei Flaschen Wein. Gib aber acht, daß sie nicht so scheppern. Meine Alte braucht es nicht zu wissen. Sagst einen schönen Gruß an deinen Vater, und sie sollen's sich schmecken lassen, und das Schweinerne hab' ich extra mager genommen."
Fogg war wieder allein.
Wie hat die Anna gesagt? Heiraten soll er? Ja, eine Frau wäre schon recht, so ein Kamerad für gute und schlechte lagt. Ader er kennt nur eine, die er zeitlebens neben sich wissen möchte — Viktoria.
*
Mit einer schlaflosen Nacht sing es an, dann folgte diese überstürzte Abfahrt in aller Herrgottsfrühe, und dann saß Fogg auch schon im'Zug, Richtung München. Er hatte es auf einmal furchtbar eilig, in die Hauptstadt zu kommen.
Sind die beiden nun wirklich in Scheidung begriffen, oder ist das nur ein Gerücht? Wie geht es Viktoria, was treibt sie? Ist sie gesund? Kann ich ihr helfen? Das waren so die Fragen, die Fogg eine Nacht lang bedrängt hatten. Annas knapper Bericht, der von der Engafser-Köchin stammte, hatte beträchtlichen Unfug in seinem Innern angerichtet Alles, was er überwunden geglaubt hatte, war mit einem Schlag wieder da, und brennender als zuvor Denn jetzt war ja, wenn Annas Botschaft nicht trog, eine Aussicht da und eine Hoffnung. Ich muß Viktoria sehen, ich muß sie sprechen! war das Ergebnis dieser letzten Nacht. Fogg kleidete sich mit Sorgfalt an, umschnupperte „Schorschi" und pochte dann an Annas Kammertür.
«Mir ist Plötzlich eingefallen, ich muß mit dem Frühzug nach München. Es ist heute zum Glück nicht viel los mit der Praxis. Kaffee? Nein, danke, bleibe nur liegen. Auf Wiedersehen!"
„Schorschi" benahm sich unterwegs hochanständig, als db er ahnte, wieviel auf dem Spiele stand. Die
Panne, die fällig war, ereignete sich erst dicht bei der Station, so ein verfluchter Nagel int Vorder- reifen, und hatte nichts mehr zu sagen. Die Bahnfahrt verlief ohne Auftegung zwischen Eierkörben und den Musterkoffern eines redseligen Vertreters. Als Fogg gegen Mittag anlangte, ging er sogleich in die Schönfeldstraße, wo Viktoria ein möbliertes Zimmer innehatte, wie er durch die Köchin Emerenz auf Umwegen erfahren hatte. Viktoria war leider nicht anwesend, aber die Vermieterin meinte, die Dame wäre wahrscheinlich im Hofgarten anzu- tresfen, wo sie Samstag nachmittags Kaffee zu trinken pflege.
Fogg wollte ein Kino besuchen, aber die Kinos waren um diese Zeit nicht offen. So vertrödelte er denn die zwei Stunden auf andere Weise, besah Auslagen, fütterte Tauben und hockte auf Anlagenbanken herum. Um 3 Uhr machte er sich auf in den Hofgarten. Es war ein warmer Sommertag mit Diel Eiskonsum, mit dünnen Damenkleidchen und barhäuptigen Herren. Die beiden Cafös waren gedrückt voll. Fogg hatte Glück und erblickte nach längerem Suchen Viktoria an einem der weiß-blau gedeckten Tischchen. Neben ihr saß ein junger Herr wie Fogg mißvergnügt feststellte. Viktoria sah gut aus, braungebrannt und blankäugig und feines- falls gramgebeugt, wie er zuweilen gefürchtet hatte. Ihr Anblick schuf ihm eine verrückte Schwäche in öen Knien, und er kam sich wie ein Pennäler vor öer m die Schlußprüfung steigt. Er schüttelte dieses dumme Gefühl nach Möglichkett ab, bohrte sich zwischen den Tischen und vielen weißen Terriern durch und stand dann plötzlich vor Viktoria.
„Ach, Sie, Herr Doktor! Ach, wie nett!" freute fie sich und gab ihm die Hand. „Ist das nun Zufall, ober haben Sie mich gesucht?"
„Zufall", schwindelte er; denn der junge Mann an^ Viktorias Seite warf ihm sein ganzes Konzept
„Wollen Sie nicht Platz nehmen? Darf ich bekannt machen: Mein Bruder Franz — Herr Doktor erinnerst dich, Franz? Ich habe ihm nämlich hin und wieder von Schellenberg erzählt"
Jie Jid) entschuldigend an Fogg, der hin» sichtlich des jungen Mannes nun beruhigt war
Natürlich erinnerte sich Franz. Viktoria hatte ihm oft genug von diesem Fogg erzählt. Er war ge- pannt auf den Herrn, der in den Mahnpredigten ferner Schwester eine fo erhebliche Rolle gezielt
Ihnen, H»r Doktor? Mel Arbeit? Sie sind schmaler im Gesicht geworden."
„Ja, da haben Sie recht. Viel Arbeit. Aber jetzt habe ich das Schlimmste hinter mir. Die Praxis und das Gravhittverk sind in Schwung. Wir hatten bisher eine Ausbeute von 260 Doppelzentnern. Das ist für den Anfang ganz schön."
„Darf man fragen, wo Sie das Geld endlich aufgetrieben haben?"
Sie weiß von nichts? dachte Fogg und zögerte. Dann erwiderte er: „Herr Professor Engasier hat die Geschichte finanziert."
„Ich finde das reizend von ihm", sagte sie unbefangen. „Du doch sicher auch, Franz? Ich weiß nicht, Doktor Fogg, ob Ihnen bekannt ist, daß wir uns getrennt haben? In aller Güte. Wir haben nämlich herausgefunden, daß wir nicht zusammenpassen. Ich bin jetzt Modezeichnerin in einem bekannten Geschäft." Viktoria brachte dies sachlich und ohne Verlegenheit vor, als wollte sie ein für allemal etwas Wichtiges feststellen.
„Fogg rührte stumm und beglückt in feiner Tasse. Viktoria war frei!
„Modezeichnerin?" pieinte er versonnen. „Liegt Ihnen das besonders?"
„Ich kann ein wenig zeichnen und malen; auch an Phantasie ist bei mir kein Mangel. So habe ich eben nach dieser Möglichkeit gegriffen. Wolltest du mäst etwas besorgen, Franz?^
„Ich wüßte nicht, was, Vicki?" entgegnete ihr ©ruber erstaunt. Ein gelinder Stoß gegen fein Schienbein belehrte ihn, daß seine Gegenwart hier störte. „Ach ja, jetzt fällt mir ein! Kohlepapier wollte ich kaufen. Sie entschuldigen mich, Herr Dok- tor. Darf ich mich verabschieden? Servus, Vicki!"
Als der junge Mensch verschwunden war, hätte Qm liebsten gesagt: So, nun wollen wir aber enölid) ms reine kommen. Wollen Sie nicht meine pau werden, Viktoria ...? Das märe das ein- \a$te gewesen. Aber schließlich mar bas Hofgarten- caje nicht gerade der geeignete Platz für eine Sie, beserf arung, unt> bann — Fogg mußte ja nicht inmal, ob sein Gefühl auf eine Erwiderung stieße.
ClrnTx gewissen Alter nehmen Körbe Gs galt also, erst zu sondieren, hinm.«r^?ei9Sn9 über bloße Freundschaft
mar durchaus unsicher, ob ihr bebeutete en nur Wiedersehensfreude ober mehr toÖre " mit einem kleinen Spaziergang?" schlug er vor. „Hier ist es so voll."
„©lnDerftanben. Vielleicht Englischer Garten?" einmmPnh»n .^Wn Garten nichts
emzuwenden. Wenn ihn im Gehen ihr Kleid oder
ihr Ellbogen streifte, verspürte er jedesmal einen heftigen und durchdringenden Genuß. Sie plauderten von gemeinsamen Erinnerungen. Zuweilen kreuzten Fremde ihren Weg, die hilfesuchend im Baede- ker blätterten, ober Hochzeitspaare, bie sich strah- lenb in die Augen sahen. Fogg und Viktoria schlenderten nach dem Monopteros. Er berichtete, baß Anna ben Bürgermeisterssohn heiraten werbe.
„Und Sie? Sie sind bann boch ganz allein im Haus? Geht benn das mit der Praxis?'" unterbrach sie ihn.
„Ich muß mich halt mit dem Fenzlmädchen behelfen. Eine Fretterei wird es schon."
„Dort ist eine leere Bank. Wollen wir?" fragte Viktoria.
„Gern."
Gegen die Bank war nichts zu sagen. Sie hatte einen schattenspendenden Baum hinter sich, ben Viktoria für eine Buche hielt; sie stand ein Stück- chen rückwärts, vom Weg zwischen dichten Büschen, und sie hatte Aussicht auf eine smaragdhelle weite Wiese, die zum Ausruhen der Blicke einlud. An der Bank fehlte es bestimmt nicht. Es lag schon an den zwei Menschen, wenn die Unterhaltung ins Stocken geriet. Nachdem sie die Wiese ein bißchen gelobt hatten, ging es plötzlich nicht mehr recht weiter. Fogg und Viktoria schlugen sich mit dem annähernd gleichen Gefühl herum, aber da war nirgends ein Tor, um es herauszulassen Bis es Viktoria zu dumm wurde, und sie dachte: Ach was, benehmen wir uns einmal unfein, Vicki! Und sie legte ihre Hand einladend neben sich auf die Bank, was nach Aufforderung aussah. Und nicht viel später dachte Fogg: Ach was, was kann da schon passieren; ich trau’ mich einfach und probier' es! Und er legte seine große, breite Tatze darüber. Nun war die kleine Hand in der großen gefangen, und sie YE mucksmauschenstill. Fogg räusperte sich.
„Ich habe vorhin geschwindelt. Es war gar kein Zufall, daß ich Sie getroffen habe", bekannte er.
„©onbern?" fragte Viktoria, vor sich hinblickend.
ÜÄ nur Ihretwegen in bie Stadt gekommen." „Ja? Wenn ich ganz ehrlich fein soll, habe ich sogar ein bißchen damit gerechnet", beichtete sie und hob ben Kopf.
„Wirklich?"
„Ja, Josi."
Gebüsch zur rechten Hand wippte eine Meise und fchmite voll Interesse zu. Na, endlich! dachte sie erleichtert und flog zartfühlend davon.
Ende.


