Oie Schulzahnpflege.
Den Kreis- und Stadtschulämtern, den Direktionen der gewerblichen Unterrichtsanstalten und den Direktionen der Hähern Schulen ist vom Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung — ein Erlaß über die Schulzahnpflege zugegangen, in dem gesagt wird:
In seinem Erlaß vom 12.. März 1937 hat der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung erneut auf die Durchführung einer geordneten Schulzahnpflege als Teilaufgabe der Volksgesundheitsführung hingewiesen.
Unter Bezugnahme auf die seitherigen Verfügungen erwarte ich, daß bei den in Hessen angeordne- ten Untersuchungen die Schule tatkräftig mitwirkt.
Das Ziel der Schulzahnpflege ist, in der deutschen Jugend ein dauerndes Bedürfnis zur Zahnpflege zu entwickeln, sowie den Willen zu einfacher, gesunder Ernährung und Lebensführung nachhaltig zu stärken. Praktisch muß erreicht werden, daß künftig keine deutsche Frau Dauernden Schaden leidet, weil diese erzieherische Pflicht vernachlässigt wurde und kein deutscher Mann vom Wehrdienst zurückgestellt zu werden braucht, weil seine Wehrfähigkeit durch schadhafte Zähne und damit zusammenhängende körperliche Schäden herabgesetzt ist.
Die Mitteilung des Zahnarztes an die Eltern und sonstigen Erziehungsberechtigten soll für jeden Lehrer und Klassenleiter ein willkommener Anlaß zur Aufklärung sein und dazu beitragen, auf die Befolgung des schriftlich erteilten Rates in angemessener Weise hinzuwirken.
Soll jedoch eine geordnete Schulzahnpflege auf erzieherischer Grundlage erreicht werden, so wird die Mitwirkung der Schule wesentlich weiter gehen müssen.
Der Unterricht in Naturkunde, Biologie, Chemie und Gesundheitslehre soll, je nach Charakter der Schule und Alter der Schüler, bei gegebener Gelegenheit auf den Bau der Zähne und ihre Bedeutung für den menschlichen Organismus näher eingehen. Dabei soll er vertieft — in der Oberstufe der weiterführenden Schulen auch wissenschaftlich — begründen, warum die Pflege der Zähne und des Mundes für den einzelnen, wie für das Volksganze lebensnotwendig ist. Tafeln, Präparate, Modelle, Lichtbilder und Filme find zur Unterstützung heranzuziehen. Gute Lehrmittel dieser Art sind bei Ergänzungen der Lehrmittelbestände zu berücksichtigen.
Darüber hinaus ist auf die Schüler aller Altersstufen durch Gewöhnung an die Zahnbürste, an tägliche Zahn- und Mundreinigung sowie an Körperpflege überhaupt fortdauernd erzieherisch einzuwirken.
Erst links, dann rechts!
In unserem Bericht über die Fahrt des Lautsprecherautos der Gießener Polizei (Gießener Anzeiger vom Dienstag, 13. April) ist bei der auszugsweisen Wiedergabe einiger grundlegender Verkehrsregeln leider ein Druckfehler unterlaufen. Es muß natürlich richtig heißen: „Beim Ueberqueren der Straßen erst links, dann rechts sehen!" Diese wichtige Grundregel des Straßenverkehrs mögen sich unsere Leser genau einprägen. Das wird ja auch leicht gehen, wenn man auf dem Wege von der Wohnungstür zur Haustür rasch ein halbes dutzendmal die Worte vor sich hinflüstert: „Erst links, dann rechts!"
Bauerscher Gesangverein.
Im Aquarium fand anschließend an die Sing' stunde am Mittwochabend die diesjährige Generalversammlung des Bauerschen Gesangvereins statt.
Der 1. Schriftführer, Sangesbruder Hch. Schneider, gab einen eingehenden Bericht über die Veranstaltungen und Arbeiten des abgelaufenen Vereinsjahres. Besonders heroorgehoben sei hier die Ernennung des Vereins als korporatives Ehrenmitglied der Blindenvereinigung in Anbetracht feiner Verdienste um die Kriegsblinden.
Beim Verlesen des Jahresberichtes gedachte der Dereinsführer Hch. Ley auch der 6 Sangesbrüder, die im vergangenen Jahre verstorben sind.
Rechnungsablage und Verwaltung der Georg- Todt-^Stiftung zeigten beide einen guten Stand. Wenn auch die Mitgliederbewegung durch Ab- und Anmeldungen eine sehr rege war, so hat der Verein doch wieder einen Zuwachs zu verzeichnen.
Die Vorstands-Berufung hat insofern eine Aen- derung erfahren, daß Sangesbruder Fritz H e d d e - r i ch an Stelle des seitherigen 2. Schriftführers Karl Seiffert getreten ist und die Sangesbrüder Menges, Geldmacher, Reichel und Dun-
Ein packender Abend beim VOA.
Schicksal deutscher Geschlechter im Baltikum.
Auf Einladung der Gießener Ortsgruppe des VDA. sprach am gestrigen Donnerstagabend in der Aula des Gymnasiums die deutsch-baltische Dichterin Mia Munier-Wroblewska. Ihr ist es gegeben, zu sagen, was deutsche Herzen in einer fremden und haßerfüllten Welt erleiden und ertragen können. Man muß hohe Achtung gewinnen vor jenen Pionieren des Deutschtums, die allen feindlichen Gewalten tum Trotz Licht und Kultur dorthin tragen, wo Die Menschen in Dumpfheit vegi- tierten.
Einleitend betonte die Vortragende, daß die Volkszugehörigkeit eine Frage des Blutes und der Rasse sei und daß viele ihrer Landsleute, trotz der politischen Zugehörigkeit zu Rußland, selbst in der schwersten Zeit deutsch gefühlt und gehandelt hätten. Sie schilderte dann ihre Erlebnisse bei der Ausweisung aus Rußland, ihre Tätigkeit in Deutschland beim Roten Kreuz und ihre Eindrücke beim Zusammenbruch 1918. Dann brachte sie einige Ausschnitte aus ihrem Werk „Unter dem wechselnden Mond", schilderte die Einwanderung ihrer Urahnen, die aus Meißen in Sachsen stammen und 1710 nach Kurland ausgewandert sind. Unter Beschreibung von Land und Leuten in Kurland, erzählte sie von dem 1800 erfolgten freiwilligen Anschluß an Rußland, der zunächst jahrzehntelange ideale Lebensbedingungen gebracht hätte. Erst unter Alexander III. sei das Deutschtum unterdrückt und seien alle deutschen Einrichtungen aufgehoben worden. Viel Leid sei s. Zt. über dieses Volk gekommen, verursacht auch durch den Umstand, daß die dortigen Deutschen keine Bauern waren und sich daher fremdländische Bauern ansiedelten. Trotzdem hätten ihre Landsleute jede Vermischung mit fremdem Blut ab gelehnt.
Die Vortragende sprach dann von der nach dem russisch-japanischen Krieg eingetretenen Revolution, die auch auf Kurland Übergriff, schilderte in anschaulicher Weise die damaligen Zustände und Niederwerfung der Revolution durch das Militär. Sie zeigte dann, wie ihre Landsleute nach Beendigung der Revolution bemüht waren, dem Deutschtum durch
Errichtung von deutschen Schulen usw. wieder Geltung zu verschaffen. Sie kam dann auf den Welt- frieg zu sprechen und betonte dabei, es sei für die baltischen Männer sehr schwer gewesen, in russischen Uniformen gegen deutsche Brüder zu kämpfen, aber Eid sei Eid. Sie schilderte dann in erhebender Weise den Einzug unserer Feldgrauen in Lettland, deren Erscheinen, obwohl sie Feinde waren, mit Freuden begrüßt worden sei. Ihre baltischen Landsleute hätten jahrzehntelang auf die Befreiung gewartet, die deutsche Revolution von 1918 habe aber alle Hoffnungen zuschanden gemacht.
Sie erzählte dann in spannender Weise von dem Einbruch der Roten Armee, der nur eine kleine, aber tapfere weiße Armee gegenübergestanden habe, schilderte das grauenhafte Elend und die furchtbaren Greuel, die ihre Landsleute erdulden mußten und betonte, daß diese am besten beurteilen könnten, was unser Führer durch die Fernhaltung des Bolschewismus aus Deutschland für das deutsche Volk geleistet habe.
Die Vortragende brachte dann noch eine Reihe angenehmer Erlebnisse zur Kenntnis. Sie betonte dabei, daß ihre Landsleute auch heute noch treu an ihrem deutschen Volkstum festhalten und den Wiederaufstieg Deutschlands mit wachsender Freude verfolgen. Zum Schluß trug Mia Munier noch ein Gedicht vor, das beginnt mit den Worten: „Immer in den großen Stunden Deutschlands müssen wir abseits stehen" und schließt unter Hinweis auf das deutsche Volk: „Wir dürfen nur Gottes Segen für dich erstehn."
Der anhaltende Beifall war der Ausdruck starken Mitgefühls für diese Frau, der das Lachen erstorben ist und die darum um so packender die Herzen aufzurütteln verstand.
Der Vorsitzende der Gießener Ortsgruppe des VDA., Kreisdirektor Dr. Lotz, machte sich zum Dolmetsch dieser Gefühle und warb um die Mithilfe aller Volksgenossen durch den Beitritt zum VDA.
Es mar, ein erhebender Abend, der dem VDA. sicher viele neue Freunde zugeführt hat.
k e l als weitere Beisitzer und^als Sachwalter Sangesbruder Gg. Joch um (Stellvertreter Wehn) bestimmt wurden. In den Ausschuß der Georg- Todt-Stiftung wurden die Sangesbrüder A u f d e r- mauer, Wallbo11, Zöller und D e 11 r e berufen. Das Amt der Rechnungsprüfer werden 1937/38 die Sangesbrüder Bocher und I u d t versehen.
Ferner hat die Versammlung bestimmt, daß künftighin auch die passiven Mitglieder, die dem Verein 25 Jahre ununterbrochen angehören, durch Ueberreichung eines Diploms geehrt werden sollen.
Zum Punkt „Verschiedenes" folgte eine rege Aussprache über das bevorstehende Deutsche Sängerfest in Breslau, das zugleich ein Treuebekenntnis des deutschen Volkes zu den Grenzlanden darstelle.
Nachdem der Vereinsführer noch besonders auf die Werbung für die edle Sängersache hingewiesen hatte, wurde die Generalversammlung 1937 mit einem erneuten Treuegelöbnis zu Führer und Reich geschlossen.
Ortsbauernabend in Gießen.
Im Eisenbahnhotel Hopseld hielt die hiesige Orts- bauernschaft ihren alljährlichen Ortsbauerntag ab. Als Gäste waren Oberrevisor Hartmann von der Kreisstelle Oberhessen-West im ländlichen Genossenschaftsverband und Diplom-Landwirt W e b e r vom Milchwirtschaftsverband anwesend.
Zuerst tagte die Milchabsatzgenossenschaft. Aus dem von Geschäftsführer Schmidt oorgetragenen Jahresbericht war zu entnehmen, daß sich die verrechnete Milchmenge gegenüber dem Vorjahre bedeutend erhöht hat und rund 1 Million Liter betrug. Der Gesamtumsatz auf einer Hauptbuchseite war 327 214,44 Mk., gegenüber 142 297,44 Mark des Vorjahres. Das Rechnungsjahr schloß mit einem Ueberschuß von 63,93 Mark ab. Die Bilanz wurde von der Generalversammlung genehmigt und Vorstand und Aufsichtsrat Entlastung erteilt. Die ausscheidenden Mitglieder des Vorstandes und Aussichtsrates wurden einstimmig wiedergewählt. Dem Vorstand gehören nunmehr an: Franz Henne k e n, Hans Höchst und Bopp (Hardthof), dem
Aufsichtsrat: Dr. P f a f f (Hardthof), Wilh. Höchst und Karl U h l jun.
Nach kurzer Erledigung von weiteren geschäftlichen Angelegenheiten tagte die Bäuerliche Bezugs- und Absatzgenossenschaft. Jakob Welter erstattete Den Jahresgeschäftsbericht. Hier hat sich der Warenumsatz erheblich erhöht. Der Reinaewinn wurde auf Vorschlag des Vorstandes und Aufsichtsrates dem Reservefonds und der Betriebsrücklage überwiesen. Das ausscheidende Vorstandsmitglied L i ch und das Aufsichtsratsmitglied Höchst sen. wurden wiedergewählt.
Nach Erledigung des geschäftlichen Teiles folgte eine gemütliche Nachsitzung. Manches prächtige Wort wurde dabei gesprochen.
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** Personalie. Die in unserem Bericht über die Versammlung des Obst- und Gartenbauvereins Gießen mitgeteilte Ernennung des ehemaligen Leiters der Hauptstelle für Pflanzenschutz ist Gießen Dr. Tempel zum außerordentlichen Professor an der Universität Heidelberg beruht auf einem Irrtum des Berichterstatters. Jedoch können wir die Tatsache mitteilen, daß Herr Dr. Tempel zum korrespondierenden Mitglied bei dem Deutsch-Brasilianischen Institut für kulturellen Austausch in Porto Alegre (Brasilien) ernannt wurde.
** Arbeitsvergebung. Das städtische Hoch- und Tiefbauamt schreibt die Vergebung von Arbeiten für den Neubau einer Umspannstelle an der Licher Straße — Nahrungsberg aus.
** Dom Wohnungsbau imEichgärtenge b i e t. Nach dem Beginn günstigerer Witterung macht sich auch im Eichgärtengebiet wieder eine stärkere Belebung der Wohnungsbautätigkeit bemerkbar. Am Tannenweg wurde mit dem Neubau eines weiteren Einfamilienhauses begonnen, während an der Schlageterstraße ein im vergangenen Herbst und Winter im Rohbau erstelltes Wohnhaus nunmehr innen ausgebaut wird. Die von der Baugenossenschaft 1894 entlang der Jahnstraße errichteten acht Einfamilienhäuser sind seit Anfang dieses Monats bezogen, jetzt werden die Häuser im Aeußern verputzt und die Vor- und Hausgärten angelegt. Auch die von einer Baufirma in der Fröbel-
straße errichtete Wohnhausgruppe ist jetzt zum Bezug fertiggestellt. Die Schlageterstraße in der Richtung nad) dem Philosophenwald wurde vom Wiesenweg nordwärts durch Anschüttung verbreitert und soll dann befestigt werden.
** Vogelsberger Höhen-Club, Zweig- oerein Gießen. Man berichtet uns: Wider Erwarten folgte der regendurchrauschten Nacht ein durchweg sonniger Tag. Von Kirch-Göns ging es nach Niederkleen. Unterwegs der entzückende Anblick der ersten Frühlingsboten, der anmutigen Küchenschelle. In Niederkleen fesselte das Ohlysche Haus, neu hergerichtet in fein abgestimmter Farbenpracht, die Blicke der 70 Wanderer. Auch das Hirschwirtshaus und Herzenhaus in Oberkleen zeigten die Liebe und Freude der Bauern an schön geschnitzten Fachwerkbauten, lieber den Schalsberg führte der Weg nach dem Napoleonsstock und dann über Tal und Berg nach dem herrlich gelegenen Kleeberg, überragt von seiner Burg, einem alten Herrensitz. Eine längere Rast erquickte die Wanderer für den Weitermarsch. Noch einen Blick auf das gerade nach Osten hin schön wirkende Kleeberg, dann nahm der Wald die Wanderer auf. Am Forsthaus Butzbach vorbei ging es nach dem Schrenzer zur Besichtigung des Römerturms. Ein herrlicher Blick auf die sonnenbestrahlte weite Wetterau belohnte die Wanderer. Aus der Ferne grüßten der Lollarer Kopf, der Schiffenberg, Vogelsberg und die Höhen des Spessarts. Nach längerer Schlußrast in Butzbach führte die Bahn die Wanderschar nach dem heimatlichen Gießen zurück.
** Preußisch- Süddeutsche Sta ats- lotterie. Die Ziehung der 1. Klasse der neuen Lotterie (49./27S.) findet am 23. und 24. April statt.
** Die Köln-Düsseldorfer Rheindampfschiffahrt nimmt an Stelle ihres bis jetzt gültigen Osterfahrplans vorn nächsten Sonntag ab den ersten Frühjahrsfahrplan von Mainz nach Köln auf.
Schöffengericht Gießen.
Das Schöffengericht verhandelte gestern gegen den 40 Jahre alten Wilhelm Müller aus Asch (Tschechoslowakei) der sich wegen Betrugs, Urkundenfälschung und unbefugten Ordentragens zu verantworten hatte. Der Angeklagte, der sich als junger Mensch im Weltkrieg freiwillig gemeldet hatte, war schon während dieser Zeit mehrmals von Militärgerichten bestraft worden. Bis heute ist er im ganzen, meistens wegen Eigentumvergehens, 14mal int Inland und einmal im Ausland bestraft worden. Die Bestrafung in der Tschechoslowakei hatte seine Ausweisung zur Folge:
Dem Angeklagten war zur Last gelegt, einen Rückwanderungsschein entweder selbst angefertigt oder aber mit Wissen, daß es sich um einen fälschlich angefertigten Schein handelte, benutzt zu haben, um sich bei deutschen Behörden Vorteile zu verschaffen. Allen in Frage kommenden Behörden usw. legte er diesen Schein vor, und er erhielt auf diese Weise das nötige Geld zum Leben. In dieser Handlungsweise ist gleichzeitig Betrug zu erblicken. Aber nicht genug damit, hat er, um seinem Geltungsbedürfnis zu genügen, sich einen Ausweis selbst angefertigt, in welchem er sich als „Oberleutnant zur See" bezeichnete. Weiterhin fertigte er sich einen sogenannten Aequator-Taufschein an, um ihn bei geeigneten Gelegenheiten, hauptsächlich aber bei Heiratsoermittlungen benutzen und damit seine Weit- gereistheit dokumentieren zu können. Aber auch das genügte ihm noch nicht. Er ging in seiner Dreistigkeit soweit, daß er, ein vielfach vorbestrafter Soldat, sich Orden der verschiedenster Art verschaffte, die er bei geeigneten Anlässen trug.
Da er seit seiner frühen Jugend noch nie einem richtigen Erwerb nachgegangen ist und es in keiner Arbeitsstelle lang aushielt, wäre für ihn die Anordnung der Sicherungsverwahrung das einzige Mittel gewesen, um die Oesfentlichkeit vor einem Menschen solcher Art zu schützen. Nur mit Rücksicht auf die Tatsache, daß er bei seinen Bestrafungen noch keine ausreichende Bekanntschaft mit dem Zuchthaus gemacht hat und daß das eingeholte medizinische Gutachten ihn als einen haltlosen Psychopathen bezeichnet, sah das Gericht ein letztes Mal von der Anordnung der Sicherungsverwahrung ab. Mildernde Umstände, die dem Angeklagten seither immer noch zugebilligt worden waren, um ihm die Möglichkeit der Besserung zu geben, konnten ihm aber nunmehr nicht mehr zugute kommen. Er hat
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Skandal um Dr.Vandergruen Roman von Hans Hirthammer.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. S.
18. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Ich hatte damals lange keine Arbeit bekommen und lernte Herrn Knack eines Vormittags kennen, als ich wieder einmal irgendwo in einem Cafä wegen einer Anstellung Vorgesprächen hatte. Es war im Winter, ich war durchgefroren und hatte Hunger. Als ich unverrichteter Dinge das Lokal verlassen wollte, winkte mich einer der wenigen Gäste zu sich heran. Ich ging auf die Tür zu, und da eilte er mir nach. ,Sie sehen schlecht aus, Fräuleins sprach er mich an. .Kommen Sie, ein kleines Frühstück wird Ihnen sicher nicht schaden/ Er brachte mich an seinen Tisch, und eine Viertelstunde später wußte er, wo mich der Schuh drückte. Kurz, Herr Knack half mir, daß ich wieder Arbeit bekam, und kümmerte sich auch sonst um mich. Ich — verdanke ihm viel."
„Aber außer dieser Dankbarkeit fühlen Sie nichts für den Mann?"
„N—ein, nichts!"
„Hm! Da Sie aber sehen, daß er in' Sie verschossen ist, so glauben Sie, ihm aus Dankbarkeit ein solches Gefühl vorheucheln zu müssen?"
Gisch schweigt, und eine Zeitlang ist nur das singende Geräusch des Motors zu Horen.
„Das dürfen Sie nicht tun, Kleines! Auch seinetwegen nicht!"
„Ich kann es ja auch nicht mehr!"
Der Mann am Steuer hebt flüchtig den Kopf. „Ist ein — anderer Mann —?"
Gisch weiß kaum, warum sie auf einmal rot wird. Ein Glück, daß es dunkel ist.
Ein anderer Mann! Das ist es. Noch hat das Herz dies neue Geschehen dem Verstand nicht weitergegeben. Aber schon sind die Kräfte aufge- rufen und beginnen zu wirken. Der gefällige Schein, der Herrn Emil bislang umgeben hat, ist am Entschwinden.
„Jetzt müssen Sie schlafen!" mahnt nach einer Weile die Stimme des Fremden.
Und Gisch schließt die Augen und gleitet langsam hinein in dje Umarmung der Träume.
Als der Wagen mit knirschenden Bremsen in der Olbersstraße in Charlottenburg hält, ist schon der neue Tag angebrochen.
„Hallo, Endstation, alles aussteigen!"
Aber Gisch rührt sich nicht, sie schläft wie ein Murmeltier.
Da beugt sich der Mann zu ihr nieder, faßt ihren Kops mit beiden Händen und preßt seinen Mund auf ihre Lippen.
Gisch, aufschreckend, will schreien, aber das hat seine Schwierigkeiten, denn des Mannes Mund, läßt nicht von ihr.
Ihre Arme bäumen sich in wilder Abwehr, doch was vermag sie gegen die stählerne Kraft dieses Mannes auszurichten? Ihre Augen irren angstvoll umher, nehmen das Deckenlicht in sich auf, ein Stück des Wagenfensters, das Licht des Tages: ihre Arme heben sich, von einer Kraft emporgetrieben, der sie bedingungslos gehorchen muß, und schließen sich um den Hals des Mannes. Ihr Mund erwidert den Kuß.
Nun endlich löst sich der Mann von ihr, fährt ihr lachend durchs Haar und öffnet dann den Wagen.
„Du bist zu Hause, Mädel! Hast du einen Schlüssel oder müssen wir Lärm schlagen?"
Gisch scheint die Frage nicht gehört zu haben. Sie schaut immer nur den Mann an, als sei er ihr ein unfaßliches Wunder. Sie erforscht seine Augen und dann blickt sie auf seinen Mund, eine lange Zeit. Es ist, als ob sie jede Einzelheit dieses Mundes ergründen wollte, der solch ungeahnte Wirkungen auszuüben vermag.
Dabei laufen ihr, ohne daß sie meint, die Tränen aus den Augen, rinnen ihr langsam die Wangen hinab.
Der Mann fängt eine mit dem Finger auf und netzt sich die Zunge damit. „Sie sind nicht bitter, will mir scheinen."
In des Mädchens Gesicht formt sich zaghaft ein Lächeln. „Was — was haben Sie getan?^
„Ich hab' dich aufwecken wollen, Mädchen! Es wurde Zeit, daß du erwachtest!"
Gisch greift verlegen nach ihrer Handtasche, holt das Taschentuch heraus, wischt sich die Tränen ab und putzt sich die Nase. „Ich muß jetzt gehen!" sagt sie leise.
Der Mann schüttelt ihre Hand. „Leb wohl, Kind! Ich glaube, das war der erste anständige Kuß, den du bekommen hast. Denn dein kleiner Zuckerbäcker sah mir nicht danach aus, als ob er in dieser Hinsicht etwas Rechtes zustande brächte."
„Ja!" sagt Gisch und steigt aus.
An der Haustür bleibt sie stehen und sieht dem davanfahrenden Auto nach.
Dann schließt sie auf und eilt hinauf. In ihr Zimmer gelangt fieA ohne daß Frau Bürklein etwas merkt.
Sie hat noch fast zwei Stunden Zeit.
Rasch zieht sie sich aus, dann tritt sie an den Spiegel und schaut sich an, lächelnd und nicht ohne Freude. Mit dem Finger streicht sie langsam an den Lippen entlang.
Als dann zur gewohnten Stunde der Wecker surrt, ist Gisch sofort auf den Beinen. Es ist ihr seltsam frvh und beschwingt ums Herz, so, als wenn mit diesem Tag ein neuer Abschnitt ihres Lebens seinen Anfang nähme.
Frau Bürklein hat den Waschkrug nicht gefüllt, Gisch muß sich aus der Küche Wasser holen.
Wie sie so unversehens die Tür öffnet, fällt Frau Bürklein vor Schreck fast in Ohnmacht.
„Fräulein Amelung? Sie? — Gott, haben Sie mich erschreckt! Sie sind wirklich hier? Ich denke, Sie sind mit Ihrem Bräutigam verreist?"
„War ich auch, Frau Bürklein, bloß — die Reise ist eben schon wieder zu Ende."
„Nein, so was! Ihr Bräutigam hat also--"
„Herr Knack? — Sie werden sich wundern, der ist mir nämlich unterwegs abhanden gekommen."
„Abha--!?"
„Jawoll!" sagt Gisch, schlenkert mächtig mit dem Waschkrug und kehrt in ihr Zimmer zurück.
13.
Das „Echo de Paris" bringt die Veröffentlichung in riesigen Schlagzeilen. „Deutsche Industrie gewinnt Einfluß in Japan!" — „Ein Geheimvertrag von internationaler Bedeutung." Es folgt der wörtliche Abdruck des vollständigen Vertragstextes. Der Leitartikel des handelspolitischen Mitarbeiters ergeht sich in sinnlosen Schlußfolgerungen. Ein führender deutscher Jndustriekonzern schließt einen Vertrag mit der „Nippon Steel Corporation" ab, der ihm einen maßgebenden Einfluß in Japan sichert. Dieser Vertrag, hinter verschlossenen Türen abgemacht, bedeute den Beginn eines deutsch-japa
nischen Wirtschaftsdumpings von ausgesprochen antieuropäischer Tendenz. Und welche Gewähr habe man denn, daß diesem ersten Vertrag nicht eines Tages ähnliche folgen werden?
Etwas zurückhaltender äußerst sich der „Temps"^ Er gesteht der deutschen Industrie großzügig das Recht zu, ihre Beziehungen zu anderen Länoern zu verbessern, aber warum spiele man mit verdeckten Karten? Auch hier fehlt es nicht an unfreundlichen Randbemerkungen.
Wesentlich nüchterner und sachlicher ist die Beurteilung in der englischen Presse. Die „Times" überschreibt ihren Bericht mit: „Monopol des britischen Welthandels in Gefahr!" und gibt unumwunden zu, daß die deutsche Qualitätsarbeit einen entscheidenden Sieg in Ostasien davongetragen habe. Immerhin wirke es aber befremdend, daß man es in Tokio nicht' für nötig gehalten habe, zunächst mit seinen englischen Freunden zu verhandeln.
„Daily News" lenkt die Aufmerksamkeit ihrer Leser auf die Tatsache, datz England ein ähnlich vorteilhaftes Abkommen mit Japan nicht aufzuweisen habe. Sei es wirklich schon so weit gekommen, daß England sich mit der zweiten Stelle zufrieden geben müsse? Man tue gut, wachsam zu sein und keine Schmälerung alter Vorrechte zu dulden.
In der Direktion der „Maschinenbau A.-G." hat die Veröffentlichung des Vertrages wie eine Bombe eingeschlagen. Direktor Kerstens kommt vom Fernsprecher nicht mehr los. Eben hat ihn Generaldirektor Schütte angerufen, der seit vierzehn Tagen im.Schwarzwald'seinen Urlaub verbringt.
„Nein, gewiß nicht, Herr Generaldirektor, wir sind ja hier selber wie vor den Kopf geschlagen. Keine Ahnung, woher die Presse ihre Informationen hat! So lachhaft und übertrieben die ganze Aufregung ist — sie wäre zu vermeiden gewesen. Eine unverantwortliche Indiskretion, deren Urheber wir natürlich zur Verantwortung ziehen werden! Der Vertrag ist durch diesen Zwischenfall ernstlich in Frage gestellt. Japan fühlt sich düpiert. Es ist eine Schweinerei sondersgleichen! Ich habe Mister Otsuki bereits zu mir gebeten. — Was wir machen werden? Vor allem muß eine beruhigende Erklärung in die Presse. Im übrigen kommt es darauf an, wie sich die „Nippon Steel Corporation" verhält. Hoffen wir das Beste! — Ja, natürsich, Herr Generaldirektor, wir werden Sie laufend infok« mieren!" (Fortsetzung folgt)


