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Nr.88 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Sreitag, 16. April 1957

Aus der Stadt Gießen.

Eonntagshoffnung.

Sie ist der Pol, um den die Gefühle und Ge­danken der Woche kreisen. Sonntagshoffnung ist wie eine zarte Blume, die am Wegrand eines jeden von uns ihre Knospen treibt und in immer wieder­kehrenden Zwischenräumen ihr farbiges Blütenspiel treibt.

Die Sonntagshoffnung ist schon am Montag da, wenn noch das Erlebnis des letzten Sonntags leise nachschwingt wie der Schlußakkord einer festlichen Musik. In den Pflichtenkreis dieses ersten Tages der Woche lugt die Sonntagshoffnung ganz sacht, aber nichtsdestoweniger fröhlich hinein, und wer etwa die Stirn kraus ziehen wollte angesichts die­ses etwas leichtfertig erscheinenden Umstandes, der vergesse bitte nicht, daß erst die Hoffnung das Le­ben lebenswert und uns für die Pflichten empfäng­licher macht.

Am Dienstag braust und dröhnt der Werktag in voller Tourenzahl. Die Arbeit faßt den ganzen Mann und fordert seinen ungeschmälerten Einsatz. Aber das Blümlein Sonntagshoffnung ist über Nacht um ein Blättlern gewachsen, so daß es dem Alltag schon kräftiger gegenübersteht. In den Mit­tagsstunden, wenn die Sonne lacht, reckt es sich und ruft Gedanken wach von Spaziergängen und Entdeckungsfahrten in freier Natur.

Der Mittwoch erscheint als freundlicher Mittler, der die Woche teilt und die Hoffnung auf den Sonntag sozusagen legal zur Anerkennung bringt Weshalb an diesem Tage in einigen wenigen Be­rufen der Nachmittag bereits einen Vorschuß auf das Sonntagsglück verheißt.

Mit dem Abstieg der Woche am Donnerstag fetzt die Sonntagshoffnung zu ihren grünen Blättern schwellende Knospen. Was am Sonntag in den Stun­den freier Selbstbestimmung geschehen soll, ist nun­mehr ein Fragespiel, das sich unversehens in die pflichtgemäßen Erwägungen drängt, und wie ein leuchtender Schein den Alltag verschönt.

Der Freitag kommt schon fast wie ein halber Samstag, an diesem Tage schießt das Blümlein Sonntagshoffnung jäh empor zu seiner vollen Größe. So harrt es voll Ungeduld des Tages, an Dem es seine Knospen öffnen kann.

Der Samstag bringt dieses Wunder. Die Sonn- ckagshoffnung ist nun zur Gewißheit geworden. Sie Hibt dem Tage des Wochenendes strahlenden Glanz, -so daß er fast noch schöner erscheint als der eigent­liche Sonntag, an dem die Erfüllung winkt. Denn mit dieser freudevollen Erfüllung tut sich auch be­reits das Tor zur neuen Woche auf, durch das wir wieder zur Pflicht und zur neuen Sonntagshoff­nung schreiten. H. W. Sch.

Dornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Ortsgruppe Gießen-Ost: 20.15 Uhr Versammlung im Cafe Leib, Vortrag von Kreisleiter Wilhelm Thiele (Biedenkopf). Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr:Stille Gäste". Gloria-Palast, Sel­tersweg:Der Herrscher". Lichtspielhaus, Bahn­hofstraß-:San Franzisko". 16 und 20 Uhr: Frauen-Vorlrag im HotelPrinz Carl".

Sladtlhealer Gießen.

Heute abend findet die Erstaufführung der Komö­dieStille Gäste" von Richard Billinger statt. Diese Aufführung ist die westdeutsche Erstaufführung, da­mit kommt Billinger erstmalig am Stadttheater Gießen zu Worte. Die szenische Leitung hat Wolf­gang Kühne. Die Bühnenbilder schuf Karl L ö f f- ' e r. Die Vorstellung findet als 29. Vorstellung der Freitag-Miete statt/Dauer von 20 bis 22.30 Uhr. Grundsteinlegung von 22 HI.-Heimen.

NSG. Im Rahmen der einheitlich im ganzen Reich am 3. Mai stattfindenden Grundsteinlegung »on 1000 HJ.-Heirnen wird innerhatt) des Gebietes Hessen-Nassau der Grund st ein zu 22

Selten gewordenes Handwerk des Drechslers.

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* Watzenborn- Steinberg, 16. April. In unserem Orte wird bei Schreinermeister Ruhl in der geräumigen Werk­statt am Dorfausgang von Watzenborn - Stein­berg noch ein Zweig des Handwerks betrieben, der in unserer oberhessischen Heimat recht selten ge­worden ist: das D r e ch s- l e r h a n d w e r k! Es ist in den vergangenen Jahr­zehnten erheblich zurück­gegangen, nachdem sich die Generationen nacy 1900 immer mehr einer sachlicheren Gestaltung ihrer Wohnräume zu­wandten und auf man­ches verzichteten, was früher dem Drechsler­meister und seinen Ge­sellen Arbeit und Brot

gab. Wir kennen heute nicht mehr die vielfältig gedrehten und gedrechselten Stuhl- und Tischbeine, die in vielen Absetzungen gestalteten Kleiderständer, Schirmablagen, nicht mehr die vielen Kugeln, Spitzen und Aufsätze auf Schränken, an Bettstellen usw., die ursprünglich für den Drechsler das Haupt­arbeitsgebiet bildeten.

Es wäre aber doch ein Irrtum, zu glauben, daß es heutzutage für den Drechsler gar nichts mehr zu tun gäbe. Wenn man Meister Ruhl einmal in seiner Werkstatt aufsucht, dann hört man von ihm, daß er auch heute noch zu tun hat. In seinem Be­trieb sind drei Mann, die sich auf das Drechseln verstehen; demnächst macht auch ein Lehrling seiner Werkstatt die Gehilfenprüfung als Drechsler. Unter den geschickten und feinfühlenden Händen entstehen auf der Drechslerdrehbank die starken Naben für

die Räder der Fuhrwerke, entstehen die Spitzen für Fahnenstangen, auch die Stiele für Spaten werden, wenn sie recht sauber ausfallen sollen, auf der Drehbank von der Hand des Drechslers hergestellt. Es ist eine Freude besonderer Art, dem Drechsler­meister bei seiner Arbeit einmal zuzusehen. Mit großer Sorgfalt wird das Messer geführt, das vom raschroutierenden Werkstück nach dem' Willen des Meisters das Holz fortnimmt und dafür die zweck- bestimmte Form gewinnt. Hin und wieder werden Meßzirkel oder Maßstab angelegt, und immer wie­der geprüft, daß die Arbeit entsprechend dem Muster ausfällt.

Unser Bild zeigt den Schreiner- und Drechsler­meister Ruhl von Watzenborn-Steinberg an seiner Drehbank. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Hitler-Jugend-Heimen gelegt. Bei dieser Zahl sind am stärksten beteiligt die Banne 87, Westerwald, 288, Niederwald, und 118, Worms.

Die Feier der Grundsteinlegung wird von Leipzig aus, wo der Reichsjugendführer anläßlich der Grundsteinlegung des dortigen HJ.-Heimes sprechen wird, über alle deutschen Sender übertragen.

Bund Deutscher Mädel, Untergau 116

Eiliger Dienslbefehll

IM. -Untergau 116.

Jede Jungmädel-Standortführerin meldet sofort auf Postkarte die genauen Zahlen der JM.-Auf- nahme und -Uebevweisung in den BDM. an den Untergau. Die Tauglichkeits- und Unbedenklichkeits­aufnahmen sofort über Gruppe an Untergau. Zu­gangsscheine über Gruppenverwaltungen.

JM.rverbeabend.

Im Rahmen derWoche der Jungmädel" steigt am Sonntag, 18. d. M., ein Werbeabend im Cafe Leib. Die Obergaujungmädelführerin wird den Abend eröffnen. Unter dem MottoEin fröhlicher Nachmittag im Sommerlager" werden dann ernste und lustige Lieder, Mädeltänze und Spiele der Junamädel etliches aus ihrem Dienstbetrieb zeigen. Etliche Ziehharmonika - Stücke, ein Schattenspiel und ein Stück, gespielt von den JM.-Führerinnen, unter dem geheimnisvollen NamenKnall Ramm!" werden außerdem gezeigt. Besonders die Eltern der JM.-Anwärterinnen und Jungmädels sind herzlich eingeladen.

Hofkarte und Lehrerschaft.

Der Reichsstatthalter in Hessen Landesregie­rung, Abteilung VII hat an die Kreisschulämter

eine Verfügung gerichtet, die sich mit der Mitarbeit der Lehrerschaft bei der Einrichtung der Hofkarten beschäftigt. In der Verfügung heißt es:

Im Rahmen des Vierjahresplanes und der Er­zeugungsschlacht der deutschen Landwirtschaft wird im Monat Mai 1937 in allen Ortsbauernschaften mit den Eintragungen in dieHofkarte" begonnen. Die Hofkarte ist das Spiegelbild des Betriebes, das jetzt und später Aufschluß über die Leistungen und Erfolge gibt. Durch den Vierjahresplan gewinnt die Hofkarte noch zusätzlich an Bedeutung. Vollständige und unbedingt zuverlässige Angaben sind zwingende Voraussetzung für ein ordnungsmäßiges Arbeiten mit der Hofkarte.

Um die Arbeiten restlos durchführen zu können, ist die Mithilfe der Lehrkräfte unerläßlich. Nicht allein, daß der einzelne Lehrer die Arbeiten des Ortsbauernführers unterstützt, ist die Einsichtnahme in die betriebswirtschaftlichen Unterlagen für den ländlichen Unterricht von großem Werte. Ich er­suche, die unterstellten Schulvorstände und Lehrer zur regen Mitarbeit aufzufordern. Weitere Mittei­lung geht den einzelnen Lehrkräften durch den Orts­bauernführer zu.

Turn- und Sportlehrerin im freien Beruf.

Der Reichs- und Preußische Minister für Wissen­schaft, Erziehung und Volksbildung hat den Unter« richtsoerwaltungen der Länder eine Verfügung über die Zulassung besonders befähigter Sportleh­rerinnen zur Ausbildung als Turn- und Sport­lehrerin im freien Beruf zugehen lassen, in der u. a. gesagt wird:

Mit Rücksicht darauf, daß an der Reichsaka- I bemie für Leibesübungen nur männliche Sportler

ausgebildet werden, habe ich auf Anregung des Herrn Reichs- und Preußischen Ministers des In­nern genehmigt, daß künftig sportlich besonders be­fähigte Frauen, die Turn- und Sportlehrerin im freien Beruf werden wollen, auch ohne den Nach­weis höherer Schulbildung zur Teilnahme an der Lehrerinnenausbildung auf dem Gebiete der körper­lichen Erziehung an den Hochschulinftituten für Lei­besübungen zugelassen werden können.

Die Zulassun^st nur in beschränkter Anzahl nach Maßgabe der pvrhandenen Plätze möglich und be­darf meiner Genehmigung. Voraussetzung ist dih Vollendung des 18. Lebensjahres. In erster Linie sind Bewerberinnen zu berücksichtigen, die sich er­folgreich im Dienste des Reichsbundes für Leibes­übungen betätigt und an einem feiner Fortbil­dungslehrgänge erfolgreich teilgenommen haben.

Im übrigen finden die Vorschriften des Abschnit­tes IV der Hochschulsportordnung und des Rund­erlasses vom 22. November 1935 über die Zulas­sung zur Immatrikulation auf vier Semester sinn­gemäße Anwendung.

Durch die Teilnahme am Prüfungslager und die am Schluß der Ausbildung abzulegende Prüfung wird von den Bewerberinnen aber weder eine Lehr­befähigung für Schulen erworben, noch die Berech­tigung zur Anstellung im Schuldienst ausgesprochen."

Diesen Erlaß bringt der Reichsstatthalter in Hes­sen Landesregierung mit dem Bemerken zur Kenntnis, daß unter den gleichen Bedingungen ab 1. Oft. 1937 auch am Institut für Leibesübungen der Universität Gießen eine Möglichkeit zur Ausbildung als Turn- und Sportlehrerin im freien Beruf be­steht. Bewerbungen find bis 15. August 1937 an die Landesregierung, Abteilung VII, zu richten. Aus­kunft über die Ausbildung, Kosten usw. erteilt das Institut für Leibesübungen in Gießen.

Keine öffentliche Ratsherren - Sitzung.

Nach einer neueren Mitteilung der Stadtverwal­tung vorn gestrigen Tage wird die Sitzung der Ratsherren am morgigen Samstagnachmittag nicht öffentlich fein, da nach § 41 der Deutschen Gemeinde­ordnung die Beratung der Ratsherren mit dem Lei­ter der Stadtverwaltung bei einem Tagesordnungs­punkt wie dem berichteten, nicht öffentlich fein muß. Es braucht sich also am morgigen Samstagnachmit­tag wegen der Ratsherren-Sitzung niemand, der nicht in amtlicher Eigenschaft dazu berufen ist, auf den Weg zum Stadthaus zu machen.

Hohe Geldstrafe wegen unbefugten Einschlagens eines Feuermelders!

Wegen groben Unfuges und wegen Sachbeschädi­gung hat das Amtsgericht Gießen gegen einen Volksgenossen durch Strafbefehl vom 31. März 1937 auf eine Geldstrafe von 150 Mark zuzüglich 7,50 Mark Kosten, eventuell 30 Tage Gefängnis, erkannt, weil er unbefugt einen Feuermelder einschlug und hierdurch die Feuerwache unnötigerweise alarmierte.

Dies mögen sich alle zur Warnung dienen lassen, die glauben, eine derart wichtige, zürn Schutze der Allgemeinheit und von wertvollem Volksgut ge­schaffene Einrichtung zum Objekt ihres Uebermutes machen zu müssen. Wer unbefugt einen Feuer­melder einschlägt, bringt dadurch, daß die ständige Feuerwache unnötig ausrückt und im Ernstfälle nicht rechtzeitig an einem Brandort eintreffen kann, andere Volksgenossen in Gefahr.

Zukünftig wird jedes unbefugte Einschlagen von Feuermeldern unnachsichtlich verfolgt und bei der zuständigen Stelle nachdrücklichst auf strengste Be­strafung der Täter hingewirkt. Ferner wird die öffentliche Anprangerung der festgestellten Täter erfolgen.

(5an Franzisko."

Lichtspielhaus.

Dieser bemerkenswerte Film der Metro-Goldwyn- Dterjer, dessen deutsche Fassung seit Wochen und : Monaten mit durchaus ungewöhnlichem Erfolge durch Deutschland lauft, ist als echt amerikanische Sensation ersten Ranges angekündigt worden. Er schildert, ähnlich wie seinerzeitAtlantik", eine der trofjwi Naturkatastrophen der neueren Zeit, die iber Jahrzehnte hinweg nicht völlig in Vergessen­leit gerieten. Es ist in der Tat einMotiv" für len Film, das sensationell genannt werden kann, und vielleicht konnte, aus mehreren Gründen, nur (in Amerikaner darauf verfallen, den schrecklichen Intergang einer ganzen großen, reichen und blühen­den Stadt in Erdbeben und Feuer auf die Lein­wand bringen zu wollen. So weit sich dergleichen überhaupt annähernd rekonstruieren läßt wieder tentt man an dieTitanic"-Katastrophe vor fünf= undzwanzig Jahren und auch an die zahlreichen Filme vom Weltkrieg, ist es hier in der £at ge­langen, auf eine schauerliche und schreckenerregende Weise die furchtbare Vision der kalifornischen Ka- tistrophe vom 6. April 1906 heraufzubeschwören: mitten in den fröhlichen Jubel eines Festes bricht fz mit Donnergetöse herein; die Erde bebt, und es ^zittert mit ihr die große Stadt, Wände stürzen jein, Balkons und Säulen, Häuser brechen zusam­men, ganze Straßenzüge, ganze Stadtviertel, der $-oben tut sich auf, Menschen werden verschüttet, Iverstümmelt, erschlagen, eine rasende Panik ergreift Ö! e Bewohner von San Franzisko, und zu allem I-nglücf und Elend bricht auch noch Feuer aus, ein Miefenbrand frißt mit ungeheurer Gewalt um sich, zsmal es an Wasser mangelt, und legt in Asche, was das Erdbeben verschont hat, bis am Ende nur noch ein rauchender Trümmerhaufen übrig ist. Dies ist: im Film dargeftellt mit Mitteln, über die heute 4welleicht nur die Amerikaner verfügen. Aber nun nuß man auch zugeben, daß es den Herstellern augenscheinlich nicht um die pure Sensation an sich Z2 tun gewesen ist. Den Bearbeitern Robert Hopkins schrieb das Manuskript, Anita Loos bas Drehbuch; W. S. v a n D y k e führte Regie; an br deutschen Fassung ist Theodor Haerten be- Migt hat offenbar mit dem Untergang der Stadt lt etwas wie eine apokalyptische Vision vorge- icjiwebt, so etwas wie Sodom und Gomorrha, wenn bis Stadt San Franzisko, die nicht nur als die plSchste und blühendste, sondern auch als die oer« 4 ügungssüchtigste, lasterhafteste und gottloseste be= ;iichnet wird, mitten im Freudentaumel eines rau« ipienben Festes mit Tanz und Musik in Schutt und

Asche gelegt wird. Die wilden und entfesselten Rhythmen der Lieder und Tänze im Vergnügungs­viertel am Barbara-Strand kontrastieren bewußt gegeneinandergestellt mit dem Kirchenchor im kleinen Betraum und mit dem mächtig anschwellen- den Choral im Lager der Geretteten zuletzt Näher, mein Gott, zu dir ..." Ueberbies hat der Film eine Handlung, und der Inhalt dieser Hand­lung ist im Grunde nichts anderes als die Bekeh­rung eines Durchschnitts-Amerikaners zu Gott. Der eigentlicheHeld" ist Blackie Norton, Besitzer des DergnügungslokalsParadies", ein sachlicher, ent­setzlich nüchterner Mann, mit beiden Beinen fest auf der Erde, ungebildet, primitiv und unkompli­ziert; er glaubt an fein Geschäft, an sein Geld, an seinen Vertrag, an ein richtig gebratenes Hammel­kotelett, und sein letztes Argument ist der Kinn­haken. Dabei ist er im Grunde gutmütig und kein schlechter Kerl, nur völlig diesseitig gerichtet, und Seele, Gott, Religion, Unsterblichkeit sind ihm keine Begriffe, geschweige denn Erlebnis. Dieser Mann nun wirb burch die Katastrophe im Innersten verwandelt: in den Schreckensszenen des Zusammen­bruches verliert er den einzigen Menschen, der ihm mehr bedeutet als ein Geschäft oder eine Ware, das Mädchen, das er liebt. Er irrt durch die Trüm­mer der zerstörten Stadt, bis er das Mädel unver­sehrt gefunden hat. Und siehe: auf diesem traurigen Wege hat er nicht nur einen geliebten Menschen ge­funden, sondern auch sich selbst, sein wahres, besseres Ich, einen Glauben, der über die irdische Welt San Franziskos hinausreicht. Die Stadt wird wieder aufgebaut werden, wird neu und schöner erstehen als zuvor das deutet die Vision der letzten Bilder an. Norton aber, am Ziel seines Weges angelangt, sinkt in die Knie:Dank, mein Gott ich meine cs wirklich". Was zwischen dem Ausgangs- und Endpunkt dieses Weges liegt, ist nicht erheblich, der­gleichen gibt es in andern amerikanischen Spiel­filmen auch; die Entwicklung aber, die Wandlung und Verwandlung eines Menschen vor einem er­schütternden Schicksal, die hier gezeigt wird, hebt den FilmSan Franzisko" über das Niveau eines bloßen Senfationsstückes hinaus. Den Mann, dem dies widerfährt, spielt Clark Gable: er ist wohl gegenwärtig der beliebteste, der in Deutschland be­kannteste und sicher der teuerste unter den ameri­kanischen Filmschauspielern. Man konnte ihn etwa mit unserm Albers vergleichen; er ist ein. ähnlicher Typ, er hat, wie mir früher sahen, auch Humor, aber er macht hier kaum Gebrauch davon, er gibt diesen Blackie Norton so sachlich, so nüchtern, so trocken und ungeiftig wie möglich ... und darum mit einer ganz unverdächtigen Echtheit; überzeugend und ohne alle Pose auch die Wandlung zuletzt, die

man glaubt, weil hier ein einfacher, irdischer, im Grunde fast kindlicher Mensch gezeigt wird. Jeanette M a c Donald ist Gables Partnerin, sehr hübsch, sehr zart, mit einer hellen, hohen Gesangsstimme und so beseelt, daß man den Weg des Mannes zu ihr wie den Uebergang von einer alten, fragwür­digen in eine neue, größere und reinere Welt emp­findet. Von den übrigen, hier kaum bekannten Dar­stellern feien Spencer Tracy (Pater Mullin) und Jeffy Ralph (Mrs. Burley) genannt.

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Im Vorprogramm sieht man die Fox-Wochenfchau und den KulturfilmSchmiedekunft".

Hans Thyriot.

Nie Heimat.

($in Bekenntnis von Hermann Stehr.

Wenn sich in der nie nachlassenden Unruhe mei­nes geistigen Lebens die Gedanken abgeschliffen haben, wenn ihr Glanz erblaßt durch eine dauernde Hingabe; wenn ich meiner müde bin, der Strom dieser inneren Leidenschaft entweder unfühlbar in seiner Selbstverständlichkeit geworden ist oder sich anschickt, in einer Art hektischen Uebertreibung, an­dere stille Gebiete meines Wesens zu vergewalti- tigen, auszuschließen oder nur zu verwirren: dann weiß ich, daß die Zeit unweigerlich gekommen ist, an jenen Fleck der Erde zu reifen, wo die Sinne erwachten und in den ersten Bildern der Umwelt in mir das erste Ahnen meines Daseins aufging, des tiefen Rätsels, das immer geheimnisvoller, un­ergründlicher wird, je länger ich mich bemühe, es zu ergründen.

Hier, in der Heimat, wo meine Augen, das erste­mal von dem Lichte erschlossen, mich in die Unend­lichkeit des Raumes hoben; wo ich von dem Wun­der der lautlos fallenden Schneeflocken in der stil­len Luft entzückt wurde; wo die Laute des Windes mich wie himmlische Musik ergriffen, das wogende Kornfeld das feste Land in ein leichtes Spiel gol­dener Wellen verwandelte, Sträucher als Wälder und die fernen Wälder der Berge als blaue Wol­ken des Himmels erschienen, das Spiegelbild der Bäume und Sträucher im glatten Wasser mich mit Schauer und beglückter Unruhe belud, der nächtliche Mond mir seligen Schrecken einjagte: Hier in der Heimat, wo alle Wirklichkeit ein Wunder und alle Wunder greifbare Wirklichkeit waren, werde ich von aller Reflexion erlöst, von aller Geschichte, dem Parlament, den Kirchen, dem Kampf und Ringen meiner Lebensaufgabe und allem Streit der Sy­steme und Meinungen. Ich vergewaltige Erde und Himmel nicht mehr mit meinen Gedanken und ver­

stehe jenseits und über meinen Verstand hinaus den himmlischen Sinn von Wald, Wiese, Fluß, Blume, Tier, Wasser und Mensch. Indem ich über mich hinausgehoben werde, werde ich meiner recht inne. Die tausendgliedrige Kette, die mich überall ein­schließt, gibt mir Freiheit, das ganze Dasein wird aus einem Kampf um eine Erzeugung und Behaup­tung zu einem göttlichen Geschenk, das ich genieße und dadurch beherrsche, daß ich mich einordne.

Sogar mein Heimatstädtchen auf dem felsigen Steilhange an einer Flußmündung mit feinen alten Wehrtürmen, seinen stillen, immer durchsonnten Gassen und Plätzen, von der Atmosphäre seiner langen, wech­selvollen alten Geschichte umwittert, seiner Kraft und Starrheit, feiner Inbrunst und Treulosigkeit, wirkt, seiner Zwecklebigkeit entrückt, wie naturnotwendig aus der Erde gewachsen, von der Ratsversammlung terrestrischer Kräfte und der Wirkung himmlischer Vernunft ersonnen, bestimmt und erhalten, genau ein solch kosmisches Gewächs wie die Dörfer im Typus ihrer Bauart und dem Plan ihrer Anlage in den breiten Tälern, den engen Schluchten, an den schwer hinausgedehnten Abhängen und auf den immer winbüberfauften Hochflächen. Natur und Menschensiedlung sind sich nicht feind, und blinken zur Nacht die Lichter aus den Häusern, so scheint es, als hätten sich die Sterne des Himmels brüder­lich herbeigelafsen, den Menschen in der Finsternis als Lampen zu dienen.

In diese Verzauberung der Wirklichkeit werde ich immer von meiner Heimat geführt, daß mir nach der Rückkehr in eine andere Gegend noch lange alles, wie von Paradieslicht umschimmert, tiefer in meine Seele, näher meinem Herzen gerückt wird, und mein Tagwerk in einer höheren, als der sicht­baren Sonne aedeiht. Und ein anderes weiß ich: daß jene Menschen, deren Leben in einer härteren Fron als das meine gebannt ist, durch ihre Heimat von der Halsstarrigkeit ihrer Streitfraaen, der Enge ihres Berufspferches, dem menschenfeindlichen Feuer ihres Egoismus erlöst, auch in diese allver- bindende Liebe, in dies Hinsinken in eine über­irdische Sicherheit geführt werden, und wäre es nur auf Augenblicke, die aber doch so tief greifen, daß sie es noch lange wie den Segen eines Gottes spüren.

. So schon, so wunderkräftig ist jede Heimat, mag sie um Perleberg, Heydeknig, Emmerich, in Sand­dünen oder in den Bergen liegen. Sie ist nicht schon weil sie schon, sondern schon, weil sie unsere Heimat ist, ein Schatz, der Armen wie Reichen offensteht, ja jenen in einem umfassenderen Maße als diesen. Sie ist auf Erden der himmlische Freitstaat in der Brust des Menschen, das wahre Deutschland seiner Herzens.