Rednerin gab dann einen klaren Ueberblick über die vielseitige Arbeit der Frauengruppen. Da ein Drittel unseres Volkstums, 34 Millionen, gezwungen unter fremder Staatshoheit lebt, ist eine ungeheure Arbeit des betreuenden Verbandes zu leisten. Der VDA. ist der Mittler geworden zwischen diesen blutsverwandten Menschen und ihrem Mutterlande. Wie groß die wirtschaftliche Not und die seelische Bedrängnis dieser Menschen ist, die zum Teil erst durch den Schandoertrag von Versailles mit den abgetrennten Gebieten ihrem Volke entrissen wurden, das haben wir alle miterlebt bei der Not der Deutschen in Litauen und Qual der Sudetendeutschen. Fräulein Bloch schilderte dann in eindrucksvoller Weise ihre Erlebnisse auf einer Reise nach Rumänien. Sie erzählte von den deutschen Menschen im Buchenland, wo sich deutscher Brauch und deutsche Sitte noch stark und echt erhalten haben, und sprach von der schönen, kleidsamen Tracht, die Männer und Frauen voll Stolz tragen: sie berichtete aber auch von der Treue und der dankbaren Anhänglichkeit an das Mutterland.
Die Frauen folgten dem Vortrag mit großer Aufmerksamkeit und nahmen vieles zu Kerzen. Sie fühlten zutiefft die Verpflichtung, mitzuarbeiten und mitzuhelfen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit $ti stärken und immer fester zu knüpfen. Gesang ünb Gedichte umrahmten den Vortrag. F. K.
Vereidigung des E-Bataillons auf dem Gleiberg.
Der neue Ausbildungslehrgang unseres E.-Ba- taillons wird heute um 12 Uhr auf dem Gleiberg vereidigt. Kompanieweise rückten heute gegen 10 Uhr die Mannschaften von ihrer Unterkunft aus zur Burg ab. Zwischen 15.30 und 16 Uhr wird das Bataillon auf dem Rückmarsch vom Gleiberg wieder die Stadt passieren. Voraussichtlich wird das Bataillon mit Musik durch die Stadt marschieren.
Gärtner im Reichsberufswettkampf.
Am Samstag unterzogen sich auch die jungen Gärtner aus Gießen und Umgebung, 44 an der Zahl, im Reichsberufswettkampf einer Leistungsprüfung. Der Vormittag war den theoretischen Prüfungen in der Berufsschule vorbehalten und brachte Prüfungen in der Berufskunde, im Berufsrechnen, im Aufsatz, im Diktat und in der Weltanschauung. Sehr gut schnitten die Gärtnerlehrlinge besonders im Weltanschaulichen ab. Es wurden dabei sehr gute Antworten gegeben. Weniger günstig fielen die Ergebnisse im Rechnen aus.
Der Nachmittag sah dann sämtliche Prüflinge im Garten der Gärtnerei Schneider am Schifienberger Weg tätig. Hier wurden die praktischen Aufgaben erledigt. Die jungen Gärtner hatten alle einschlägige Arbeit zu zeigen, die ihnen entsprechend der Dauer ihrer Ausbildung zugemutet werden konnte. Sie hatten auszusäen, zu pikieren, Erdmischungen her- zustellen, und vieles andere mehr. Der Gesamteindruck, den der Berufsnachwuchs der Gärtner hinterließ, war gut. Die Leistung für den Reichsberufswettkampf der Gärtner lag in Händen des Gartenarchitekten Schwarz. Zehn Wettkampfprüfer unterzogen die Arbeiten der Lehrlinge der kritischen Würdigung.
Gießener Dochenmarktpreise.
* G i e ß e n , 16. März. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: D. f. Molkereibutter, % kg 1,57 Mk., f. Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 14, Klasse A 13, Klasse B 12, Klasse C 11/», Klasse D 10%, ungezeichnete 10, norwegische, Klasse C 11, Wirsing, % kg (gelb) 12, (grün) 16 bis 20, Weißkraut 10, Rotkraut 10 bis 12, gelbe Rüben 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 25 bis 30, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 12 bis 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat, 50 g 10 bis 12 Pf., % kg 1 bis 1,20 Mk., Tomaten 70 bis 75 Pf., Zwiebeln 10 bis 14, Meerrettich 30 bis 70, Schwarzwurzeln 25 bis 35, Kartoffeln, 50 kg 3,65 bis 3,80 Mk., Aepfel, % kg 15
bis 45 Pf., Birnen 15 bis 30, Zwetschenhonia 50 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mk., Blumenkohl, das Stück 30 bis 45 Pf., Salat 20 bis 30, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bündel 15 bis 20 Pf.
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** Kurzschriftprüfung b e i der Industrie- und Handelskammer Gießen. In unserem heutigen Anzeigenteil oerösfentlicht die Industrie- und Handelskammer Gießen eine Anzeige über die nächste Geschäftsstenographenprüsung am 25. April. Jeder junge Kaufmann und jede Stenotypistin, die diese Prüfung mit Erfolg abgelegt haben, erhalten darüber ein Zeugnis, das für das Fortkommen im Beruf von großer Bedeutung ist. Näheres in der heutigen Anzeige.
Auf unsere gestrige Anfrage bei der Division nach den Ausmaßen der Materialienverarbeitung für den Feldkücheneintopf vom vorgestrigen Sonntag und nach der Anzahl der ausgegebenen Essenportionen erhielten wir die nachstehenden Mitteilungen:
Insgesamt wurden rund 3700 Portionen Essen aus den Feldküchen der Truppen an die Volksgenossen in Gießen abgegeben. Zum Kochen dieser großen Suppenmenge waren neben den feststehenden Küchen in den Kasernen nach 15 Feldküchen tätig. Mit dem Schälen der Kartoffeln und mit dem Putzen des Gemüses für die Suppe waren 54 Frauen im ganzen 216 Arbeitsstunden lang beschäftigt. Für die Gemüsesuppe mit Rindfleisch wurden insgesamt 2123 Kilogramm Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Zutaten verwandt. Davon entfallen auf das Rindfleisch 391 Kilo, auf das Frischgemüse (Blumenkohl, Wirsing, Karotten und Lauch) 608 Kilo, Kartoffeln 1092 Kilo, Zutaten 30 Kilo.
Von den ausgegebenen 3700 Portionen Mittagessen lieferten die Küchen des Infanterie-Regiments
Der Gleiberg-Verein kann in diesem Jahre auf sein hundertjähriges Bestehen zurückblicken. Die Wiederkehr des Gründungstages fällt in den April, jedoch hat man in Anbracht der um diese Zeit noch ungünstigen Witterungsverhältnisse von einer Ju- biläumsveranstaltuna im April abgesehen, die vielmehr Anfang Juni stattfinden soll. Bei dieser Feier werden Gießen, Krofdorf und Wetzlar die Stätten der Jubiläumsveranstaltungen sein.
In einer Vorstandssitzung des Gleiberg-Vereins, die am gestrigen Montagnachmittag auf der Burg Gleiberg stattfand, beschäftigte sich der Vorstand eingehend mit diesen Veranstaltungen. Zu den Beratungen war als Vertreter des Kreises Wetzlar Landrat G r i l l o erschienen, während Kreisdirektor Dr. Lotz (Gießen) in letzter Stunde durch eine dringende dienstliche Verpflichtung am Erscheinen verhindert war. Ferner nahm Bürgermeister Schmidt (Krofdorf) an der Sitzung teil, ebenso je ein Vertreter von „Kraft durch Freude", des Gießener Verkehrsoereins und der Gießener Studentenschaft.
Der zweite Vereinsvorsitzende, Direktor M e n - k e n (Kinzenbach), machte zu Beginn der Sitzung die Mitteilung, daß der von ihm bisher vertretungsweise verwaltete Posten des 1. Vereinsleiters nunmehr durch die Berufung des Kreisdirektors Dr. Lotz (Gießen) zum ersten Vereinsleiter wiederbesetzt worden sei; Herr Dr. Lotz habe erfreulicherweise den Ruf angenommen. Durch diese Berufung werde die alte Verbundenheit zwischen dem Gleiberg-Verein und Gießen in bester Weise wiederhergestellt. Direktor M e n k e n wird als zweiter
** Gefallenen - Ehrenliste des Res.» Ins.-Regiments 2 2 3. Die Geschichte des ehemaligen Reserve-Jnfanterie-Regiments 223, dem auch mancher Kamerad aus unserem hiesigen Kreise angehörte, soll demnächst mit einer Ehrenliste der 4133 Gefallenen erscheinen. Alle ehemaligen Kameraden erfahren darüber Näheres durch die Kameradschaftliche Vereinigung ehemaliger Angehöriger des R.-J.-R. 223, Kamerad W. P f i st e r, Frankfurt a. M., Obernhainerstraße 10.
** Achtung! Stadttheater-Platzmieter! Die Einlösung des siebenten Abschnittes der Stammiete für Dienstag, Mittwoch und Freitag betrifft eine Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil. Es sei besonders darauf hingewlesen.
116 (I. und II. und E.-Bataillon) insgesamt 2900 Portionen, die Küchen der III. Abteilung Artillerie- Regiment 9 insgesamt 800 Portionen.
Aus der Essenlieferung und den sonstigen Veranstaltungen unserer Gießener Wehrmacht wurden 3580 Mark eingenommen. Die Unkosten für das Essen usw. beliefen sich auf rund 800 Mark, so daß unsere Gießener Soldaten durch ihr gemeinsames Bemühen dem Winterhilfswerk die schöne Beisteuer von 2750 Mark verschafft haben.
Dieses gute Ergebnis ist geeignet, unsere Soldaten von der Führung bis zum letzten Mann mit berechtigtem frohem Stolz zu erfüllen. Es fei aber noch besonders hervorgehoben, daß auch die Bevölkerung diesem vorbildlichen Einsatz unserer Wehrmacht für das WHW. ihre volle Sympathie zuteil werden läßt und allen Soldaten, die irgendwie an diesem vorbildlichen Gemeinschaftswerk beteiligt waren, ihre dankbare Anerkennung dar- bringt.
Vereinsvorsißender weiterhin in der Vereinsführung rege tätig fein und alle Kraft zur Erfüllung der Vereinsaufgaben einsetzen. Dem Vereinsoorstand werden ferner der jeweilige Hochschulgruppenführer der Gießener Studentenschaft, der jeweilige Kreisleiter des Kreises Wetzlar und der jeweilige Landrat des Kreises Wetzlar angehören.
Im weiteren Verlaufe der Sitzung wurde in großen Zügen ein Ueberblick über die Finanzlage des Vereins gegeben. Anschließend beschäftigte man sich eingehend mit der Hundertjahrfeier des Gleiberg-Vereins. Aus den Beratungen ist zusammen- fassend folgendes mitzutsilen: Die Hauptfeier wird am Sonntag, 6.Juni, auf dem Gleiberg statt- finden. In ihrem Mittelpunkt wird die Aufführung eines Volk s st ü des stehen, das von Oberstudiendirektor Philipps (Friedberg) verfaßt wurde, während der Krofdorfer Heimatforscher und Rechner des Gleiberg-Vereins, Lehrer Praß (Krofdorf), das historische Urkundenmaterial zu dem Festspiel aus alten Gemeindeakten von Krofdorf- Gleiberg herausgezogen und zur Verfügung gestellt hat.
Die Begebenheit dieses Volksstücks spielt um 1600 in Gleiberg in der damaligen Gastwirtschaft „Zur Spießpforte". In das Geschehen spielt auch der damalige erste Rektor der Gießener Universität, Lauterbacher, herein, der bei einem Besuche mit seinen Angehörigen in der Gastwirtschaft „Zur Spieß- pforte" am Vorabend einer Kirchweih in den Bereich der Ereignisse gerät. Ferner werden
In die Handlung verwoben altes Brauchtum, das Schmücken des kirmesbaums mit damaligen kirmesgebräuchen, eine Reihe von Dorfgestalten, die damals in Gleiberg eine Rolle gespielt haben, ein krofdorfer Märchenerzähler, übermütige Gießener Studenten, ein Schulmeister von Gleiberg, der damals dort eine Lateinschule unterhielt, die in mancher Hinsicht als eine Vorstufe für die Gießener Universität wirkte und anzusehen war. Alle diese heimatverbundenen Dinge und Ereignisse sind in dem Volksspiel zu einer etwa eineinhalb Stunden währenden Aufführung verbunden worden. Das dörfliche Spiel wird von Dorfeinwohnern von Krofdorf aufgeführt werden, ferner werden dabei eine Bauernkapelle und Volkstanzgruppen Mitwirken. Die Aufführung soll in Gießen im Lass Leib etwa zwei Tage vor der Hauptfeier auf dem Gleiberg erfolgen, ferner noch in Krofdorf und in Metzlar gezeigt werden. Dem Gleiberg-Verein steht dabei die tatkräftige Hilfe von „Kraft durch Freude" zur Seite.
Die Beratung ergab Einmütigkeit dahin, daß das Eintrittsgeld zu dieser Aufführung, ebenso zu der Hauptfeier auf dem Gleiberg in niedrigen Grenzen gehalten werden soll, damit allen Volksgenossen aus Stadt und Land der Besuch der Veranstaltung möglich ist. Bei der Hauptfeier auf dem Gleiberg sollen noch mancherlei Darbietungen einer guten Volksfestgestaltung gebracht werden, ferner ist eine Anstrahlung der Burgruine in Aussicht genommen. Nähere Mitteilungen über alle diese Pläne werden im Laufe der kommenden Woche noch folgen. Hervorgehoben sei aber heute schon, daß der Erlös aus diesen Veranstaltungen für die Zwecke der Unterhaltung der Burgruine Verwendung finden soll, also schon um deswillen ein starker Besuch aller Veranstaltungen dringend zu wünschen ist.
Im weiteren verlaufe der Beratungen konnte Direktor Menten die erfreuliche Mitteilung machen, daß dem Gleiberg-Verein in dankenswerter Weise auch im verflossenen Geschäftsjahr mancherlei Spenden für die Zwecke der Burg» Unterhaltung übermittelt wurden. Weitere Beisteuern für diesen gemeinnützigen Zweck im Dienste unserer engeren Heimat sind natürlich sehr erwünscht.
Für die nächsten Wochen ist eine umfassende Renovierung des Kaisersaales und bet Bauernstube vorgesehen, ferner soll die Zu - fahrt st raße zu der Burgruine von Gleiberg her gut inftandgesetzt werden. Der Verein wird für diese Zwecke wieder ansehnliche Geldmittel bereitstellen, ferner wird die Gemeinde Krofdorf durch Lieferung von Steinmaterial zur Instandsetzung der Straße dem Verein förderlich zur Seite stehen. Der Kaisersaal und die Bauernstube sollen nach den Vorschlägen des Bauberaters des Vereins, Bauinspektor Mohr, in ein helles, freundliches Gewand gekleidet werden, ebenso sind allerlei Verbesserungen an der Mobiliarausstattung vorgesehen, damit den Besuchern der Aufenthalt in den Räumen recht angenehm sein wird.
Oer Gießener Eintopf aus der Feldküche
3Z00 Portionen Essen.-27S0 RM. Reinertrag für das Winterhilfswerk.
Hundert Jahre Gleiberg-Verein.
Kreisdirektor Dr. Loh-Gießen ais Vereinsleiter des Gleiberg-Vereins berufen.
Das Mädchen mit dem Gilberhaar.
Roman von Anny von panhuys.
29. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Der andere, den die Sache ungemein beschäftigte, gab zurück: „Selbstverständlich geht es, vorausgesetzt, er erscheint übermorgen zur angegebenen Zeit. Sie brauchten sich dann nur etwas früher bei mir einzufinden und könnten in meinem Büro warten. In der Tür meines Büros befindet sich ein winziges Fensterchen, durch das man den ganzen Verkaufsraum gut übersehen kann. Wir verabreden ein Zeichen. Erscheint Ihnen der Fremde verdächtig, sorge ich dafür, daß er uns nicht entschlüpft."
Der Graf erklärt sich mit allem einverstanden.
„Ich werde jedenfalls übermorgen halb elf Uhr bei Ihnen sein, Herr Mortier, bann können wir uns noch weiter besprechen."
Ziemlich stark mit seinen Gedanken beschäftigt, ging der Graf in fein Büro zurück.
22.
Berthold Radix kehrte erst am Spätnachmittag mit seiner Frau aus Fontainebleau zurück. Der kleine Ausflug hatte Fränzes Wangen wieder etwas Farbe gegeben, wie es ihr Mann erhofft, und als sie nun den Bahnhof verließen, schlug die blonde Frau vor: „Wir wollen gleich den Grafen aufsuchen, wahrscheinlich befindet er sich in seinem Büro, dann werden wir ihn befragen, in wessen Hände das Diadem von ihm aus gelangte."
Berthold war einverstanden, wie mit allem, was die geliebte Frau wollte, und so saßen denn beide bald darauf im Büro des Grafen Jean Louis de Rethel.
„Ich möchte Sie gern in einer Privatangelegenheit etwas fragen, Herr Graf", begann Berthold, und ohne Umschweife ging er auf sein Ziel los.
Der Graf mußte sich sehr zusammennehmen. Als Berthold nach dem Diadem fragte, erkannte er, daß ihn feine Ahnungen nicht getäuscht hatten. Er war voll Unruhe und fragte zurück: „Weshalb interessiert es Sie, an wen das Diadem von unserer Familie aus gelangte, Herr Direktor?"
Berthold Radix antwortete: „Weil die Mutter meiner Frau so ein Diadem hinterließ und meine Frau gern wissen möchte, wie es an ihre Mutter kam, die hier in Paris vor mehr als zwanzig Jahren eine Stellung als fremdsprachliche Korrespondentin innehatte. Sie starb bei der Geburt meiner Frau, und so liegt leider über der Pariser Vergangenheit der Toten und darüber, wie sie in den Besitz des Diadems gelangte, vollständiges Dunkel."
„Nun verstehe ich Ihr Interesse, Herr Direktor", erwiderte der Graf matt und sah mit einem Male alt und verfallen aus.
Er hätte jetzt einfach nur die Wahrheit zu sagen brauchen, und alles wäre für die ihn fragend ansehende Franziska klar gewesen, aber der Graf dachte gar nicht daran. Er klammerte sich an die Gewißheit, daß die schone Blonde ihm gegenüber, die den Namen „Karsten" als Geburtsnamen führte, keine Ahnung von der Wahrheit hatte, und was sie so lange nicht gewußt, brauchte sie auch jetzt nicht mehr zu erfahren. Sie hatte sich glänzend verheiratet; es gab für sie keinen Schatten mehr, weil sie als Geburtsnamen nur den Namen ihrer Mutter trug.
Es klang in ihm nach: Die Mutter starb bei der Geburt meiner Frau!
Also war sie tot, deren Ebenbild die Silberblonde war, die ihm hier gegenübersaß. Er spürte einen abscheulichen Druck' in den Schläfen und fühlte, daß das Lächeln, das er sich abrang, gequält aussehen mußte.
Er log: „Das Diadem, das Ihrer Gattin auf den Bildern meiner Mutter, Großmutter und Urgroßmutter aufgefallen ist, verkaufte ich nach Amerika. Wahrscheinlich handelt es sich bei Ihrer Gattin um ein anderes genau so gefaßtes Diadem. Es mögen früher zwei gleiche Exemplare angefertigt worden fein." Er fragte: „Das Diadem ist natürlich jetzt in Ihrem Besitz, gnädige Frau?"
Zugleich dachte er, daß fein Gang zum Juwelier Mortier nun überflüssig geworden war. Wenn die schöne Frau das Diadem besaß, hatte der Herr, der dem Juwelier Steine gebracht, nichts mit dem Diadem zu tun, und Jacques Mortier hatte sich, trotz seiner berühmten Juwelenkenntnis, doch geirrt
Franziska antwortete selbst.
„Nein Herr Graf, das Diadem befindet sich nicht mehr in meinem Besitz. Ich verlor es letzten Winter auf einem Maskenball und es wurde nicht wiedergefunden. Mir kam der Gedanke, es könne echt fein, überhaupt erst, als ich genau so ein Diadem auf den Bildern im Palais Rethel sah. Meine Großmutter hielt das Diadem für wertlos, weil ihr das ein kleiner Goldarbeiter gesagt hatte. Aber er hat wahrscheinlich recht, wenn es sich nicht um das Diadem auf den Bildern handelt. Es war wohl nur eine Imitation davon, die in die Hände meiner Mutter gelangte."
Der Graf 'nickte: „Natürlich, daß ist möglich!" Und doch wußte er genau, daß das verlorengegangene Schmuckstück echt und äußerst wertvoll war. Aber das Diadem befand sich nicht mehr im Besitz der blonden Frau, also konnte Mortier doch recht haben. Jedenfalls wollte er sich den Herrn, der übermorgen vormittag gegen elf Uhr zu Mortier kommen sollte, doch einmal ansehen. Nur aus Neugierde. Für ihn selbst sprang ja nichts dabei heraus, denn er konnte sich ja nun nicht mehr als
rechtmäßiger Besitzer aufspielen; aber er dachte auch nicht daran, der Frau etwa einen Wink zu geben.
Er fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn, murmelte: „Es ist heiß im Zimmer. Gestatten Sie mir, bitte, ein wenig das Fenster zu offnen?"
Berthold Radix und Franziska wechselten einen Blick. Sonderbar war der Graf, es war doch hier eher zu kühl als zu warm.
„Bleiben Sie sitzen, Herr Graf! Ihnen scheint nicht wohl zu sein." Damit erhob sich Berthold Radix und öffnete das Fenster.
Der Gras dankte stumm und war ärgerlich, daß das stürmische Herzklopfen nicht aufhö'ren wollte. Es war ja gar nicht mehr zu ertragen! Aber wenn er die blonde Frau ansah, meinte er, hinter ihr das Gesicht feines Sohnes auftauchen zu sehen, der doch schon so lange tot war, und über dessen jähes Ende er sich durch einen genußsüchtigen Lebenswandel hinweggesetzt hatte.
Nach den langen Jahren hatte er gemeint, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben, und nun zitterte er, weil kein Zweifel mehr geblieben, daß die junge Frau die Tochter seines Sohnes war, daß in ihren Adern Blut von seinem Blut floß.
Er fühlte den Schlag seines Herzens bis in den Hals hinauf.
Plötzlich schwankte er vom Stuhl empor.
„Ich bitte um Verzeihung, ich muß ein Glas Wasser trinken, die Hitze ist zu groß!"
Er ging schwerfällig an das Tischchen am Fenster, wo eine Karaffe Wasser und mehrere Gläser stunden.
Berthold Radix folgte ihm, denn er war besorgt, daß der Graf fallen könne. Es sah aus, als wäre er sehr unsicher auf den Füßen.
Fast gierig trank der Graf das Wasser. Darnach wurde ihm etwas besser, aber als er sich mit erzwungenem Lächeln umwandte und sein Blick auf das mitleidige Gesicht der blonden Frau fiel, mußte er sich mit der Rechten auf das Tischchen stützen. Die Erinnerung wurde überstark, packte ihn wie mit einer eisernen Faust.
Berthold Radix faßte ihn bei den Schultern.
„Setzen Sie sich doch lieber, Herr Graf. Menn Sie wünschen, bringe ich Sie gern nach Hause."
Der Graf wehrte fast heftig ab.
„Nein, nein — mir wird schon wieder besser, ein Diertelstündchen Ruhe genügt dazu vollkommen."
„Wie Sie meinen, Herr Graf. Jedenfalls will ich mich mit meiner Frau jetzt verabschieden, damit Sie allein bleiben", erwiderte Berthold Radix höflich.
Franziska war bereits aufgestanden und kam nun auf den Grafen zu, der in einem breiten Ledersessel am Fenster saß. Der Graf war Franziska bisher nicht aerobe unsympathisch gewesen, aber sein leicht stutzerhaftes Auftreten, das für ihren Geschmack nicht zu seinem weißen Haar paßte, hatte ihr nicht gefallen, ebensowenig der Luxus in seinem Haus, den er sich augenscheinlich durch die Adoption eines
fremden Menschen verschaffte. Aber seltsam, nun, da ein alter Mann vor ihr saß, der fast aussah, als seien ihm die Tränen nahe, war mit einem Male Sympathie für ihn da.
Sie ergriff seine Hand.
"Gute Besserung, Herr Graf, und auf Wieder« sehen."
Ähre großen grauen Augen sahen ihn freundlich an, und unter diesem Blick schlug es zu dem alten Herrn herüber wie eine sanfte Welle, die ihn ganz und gar einhüllte.
C wollte ein paar dankende Worte erwidern, aber er konnte es nicht, lieber die Schulter der schonen Frau hinweg blickte ihn das Gesicht seines Sohnes an.
Er murmelte etwas Unverständliches, und Bert- hold Radix nahm seine Frau beim Arm.
„Komm, Fränze, der Graf muß allein blefben und sich ein wenig ausruhen."
Äean Louis de Rethel riß alle Energie zusammen.
„Es geht schon vorüber. Sie dürfen mich unbesorgt meinem Schicksal überlassen."
Die beiden entfernten sich nun mit raschem Gruß und guten Wünschen.
2luf der Straße schob Berthold Radix seinen Arm in den der blonden Frau und meinte: „Das Verhalten des Grafen war wirklich sonderbar. „Wenn's nicht ein bißchen abenteuerlich und romanhaft klänge, würde ich glauben, feine Stimmung und ein Aussehen wechselten so jäh während unserer Unterhaltung über das Diadem"
„Ich hatte genau denselben Eindruck", stimmte wch Franziska zu, „aber das ist natürlich Unsinn." ?le ^ckte vor sich hin. „Weißt du, Berthel, eiqcnh uch gefallt es mir hier in Paris nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und ich freue mich immer meljr auf unser schönes, friedliches Zuhause. Hier l’t a/s ob mich ständig ein Alpdruck quäle."
®r lächelte: „Mir geht es beinahe ebenso, Liebling." Er- durchschritten die lauten, verkehrsreichen Stra. feen und sehnten sich beide nach ihrem Daheim.
Im Hotel unterhielten sie sich weiter über den Grafen Franzis a schlug vor: „Besprich dich mor- ?»u-^och. einmal geschäftlich mit ihm, und dann reisen wir übermorgen früh ab."
"ich/r. schnell genug roegfommen, Pran3ß ' .gellte er fest. „Emen Tag später ist un- ßr/c reifß sa sowieso angesetzt."
Er dachte ein wenig bitter, daß sich Franziska 5^ vor Gunther Grevenstein fürchtete und Angst haUe, ihm doch noch zu begegnen.
sprang auf und riß Franziska in seine Arme. „OU, ich liebe dich, verstehe das doch endlich! Ich o-r c0011 dir, als das, was du mir bisher Übst! Liebe rorll ich, viel, viel Liebe! So viel Liebe, roie du für diesen Geiger noch immer übrig bQJt, vor dem du fliehen mußt, weil du ihn liebst? Er war vor Eifersucht wie von Sinnen.
Franziska befreite sich mit einem Ruck aus seinen Armen und schaute ihn befremdet an.
(Fortsetzung folgt!)


