ttr.156 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, l5. Zuni 195Z
Aus der Stadt Gießen.
Unser täglich Brot. ..
Ilse pflegte ihren Mann mit rührender Sorgfalt. Als junge Ehefrau sah sie ihren ganzen Stolz darin, ihm alles besonders schön zu machen. Morgens bekam Peter seinen Kaffee, und neben die Zeitung legte sie dann gleich die schön belegten Schnitten für die Arbeit. Er sollte ganz frische Schnitten haben, deshalb warf sie jede erste Scheibe vom Brot immer beiseite. Der ganze Brotkasten war schon voll alter, vertrockneter Brotscheiben. Gerade war sie dabei, wieder eine Scheibe altes Brot in den Brotkasten zu werfen, da stieß sie mit einer ungeschickten Bewegung den ganzen Kasten um.
„Was ist denn das, lauter altes Brot?" Ihr Mann sah sehr böse aus und wollte ganz genau wissen, was sie mit dem alten Brot anfinge.
„Das bekommt unsere Nachbarin für ihre Hühner. Du sollst doch immer nur frisches Brot mitbekommen."
Zum erstenmal sah sie ihren Mann ernstlich böse werden: „Für die Hühner läßt du so viel gutes Brot umkommen. Schäme dich, Ilse! Ich hätte dir etwas mehr Vernunft zugetraut."
Danach verließ ihr Mann zum erstenmal ohne Gruß das Haus. Die Nachbarin wunderte sich sehr, daß sie von Ilse nicht mehr die vielen Brotabfälle bekam; denn von dem Tage an ging keine Schnitte Brot mehr in Ilses Haushalt verloren. Be.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Peter im Schnee". — Oberhessischer Kunstverein: Skagerrak-Ausstellung, 17 bis 19 Uhr, Gesellschaftshaus, Sonnenstraße.
Gastspiel Nazi Eisele.
„Lachen ist Leben!" — unter diesem Worte wird am kommenden Sonntag in der Volkshalle Nazi Eisele und seine bayrische Singspieltruppe aus Garmisch-Partenkirchen einen Sturmangriff auf die Lachmuskeln der Zuschauer unternehmen. Diese Truppe bringt eine heiteres Programm in bunter Folge, das an Abwechslung kaum zu überbieten ist. Der Leiter der Truppe, Ignaz Eisele, im bayrischen Volksmund kurz „Nazi" genannt, ist eine außerordentlich vielseitige Figur. Der Künstler spielt nicht nur fast alle Instrumente, sondern er vertont auch seine Chöre und Lieder selbst. Außerdem ist er noch Verfasser von zwerchfellerschütternden Kurzsketschen. Dieser Abend dürfte ein Triumph der Heiterkeit und des Humors werden.
NSDAP., Gießen-Nord.
Hilfskassenbeiträge für Männer der SA., Reiter- SA., Marine-SA., SS., NSKK., die im Ortsgruppenbereich wohnen, werden am Mittwoch, 16. Juni und Donnerstag, 17. Juni, im Cafe Leib gezahlt und zwar für Juli, August, September 1937. Es gehört sich für einen jeden Angehörigen einer Parteigliederung, daß er pünktlich seiner Beitragspflicht nachkommt. Wer verhindert ist und niemand schicken kann, dem ist am 21. Juni auf der Geschäftsstelle, Marburger Straße 20, letztmals Gelegenheit geboten, Zahlung nachzuholen.
Schnell gekauft ist halb gewonnen!
Nehmt Lose der Arbeitsbeschaffungs-Lotterie.
Wieder sind die braunen Glücksmänner aufge- gogen und seit zwei Wochen hat auf den Straßen und Plätzen der deutschen Städte das bei allen beliebte heitere Spiel mit dem ernsten Sinn „Arbeitsbeschaffung" begonnen.
Wohl haben wir vernommen, daß erstmals die Arbeitslosenziffer unter eine Million gesunken ist und wir alle haben uns über diesen gewaltigen Erfolg gefreut. Wenn sich damit der Endsieg, den letzten Mann in Arbeit gebracht zu haben, schon an- kundigt, so werden sich Wenige Gedanken darüber gemacht haben, wieviele Kräfte Zusammenwirken
Unsere Hessen in Hamburg.
Ein Bericht von Ereignissen und Erlebnissen.
Unseren hessischen Trachtengruppen war in den Tagen ihres Hamburger Aufenthaltes noch manches schöne Erlebnis ve- fchieden. Ueber den Empfang in Hamburg berichteten wir bereits.
Am nächsten Tage des Aufenthaltes in der großen Stadt an der Wasserkante wurden die Gruppen schon am frühen Morgen an ihrem Sammelplatz von einer stattlichen Menschenmenge begrüßt. Die Kapelle von Watzenborn - Steinberg war sofort wieder fleißig bei der Hand und bald gab es einen improvisierten Tanz, an dem sich auch die Zuschauer beteiligten. Dann fuhren all die Burschen und Mädchen zum Tierpark Ha- genbeck, wo sie im Zeit-
Unsere hessischen Trachtengruppen bei einem Besuch im Hamburger Hafen. (Aufnahme: Gg. Heß.)
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raum von drei Stunden alles Sehenswerte in sich aufnahmen. Nachher gab es Freizeit und am Nachmittag erlebten unsere Hessen eine interessante Fahrt durch die Fleete. Die Kapelle spielte lustige Weisen und lockte damit Angestellte und Arbeiter an die Fenster der Lager und Büros. Den Abschluß des Tages bildete eine Fahrt durch den Stadtpark und dann noch ein Besuch des berühmten Vergnügungsviertels St. Pauli.
Der Freitag, der 3. Tag des Hamburger Aufenthaltes unserer .hessischen Trachtengruppen, brachte dann die offizielle Eröffnung der Reichstagung. Da die Heldenehrung erst um zwölf Uhr begann, reichte die Zeit noch zu einer Hafenrundfahrt. Zur Heldenehrung sahen sich unsere Hessen inmitten tausender von Volksgenossen, die die Trachten der verschiedensten deutschen Landschaften trugen. Die heimische Gruppe fand eine außerordentlich günstige Aufstellung und viele hatten die Gelegenheit, dem Reichsorganisationsleiter Dr. Ley die Hand zu drücken. Nach der Mittagspause traten die Gruppen zu Tanz und Musik aus einem Grünplatz an. Das offizielle Tanzen und Singen fand im.Stoltenpark statt, wo unsere Hessengruppen in ihren Vorträgen abgelöst wurden durch eine Musikgruppe der SA. Der Nachmittag brachte außerdem, allerdings bei heftigem Gewitter, einen Besuch der herrlichen gärtnerischen Anlagen des Hamburger Friedhofes Ohlsdorf. Am Abend traf man sich in der „Bullenhuser Schleuse", in der Gemeinschaft mit Hamburgern und den Oesterreichern in ihren Trachten.
Am Samstagmorgen brachten die Hessen ihrem Landesobmann B e ck e r ein Ständchen. Das vorgetragene Lied „Der Bauer ist ein Ehrenmann" brachte alle Zuhörer in helle Begeisterung Dann fuhren alle Burschen und Mädchen in den stets zur Verfügung stehenden Omnibussen zur Probe der Tänze nach der „Hanseatenhalle"
Am Nachmittag folgte man gern der offiziellen Einladung in den Zoo. Dort trafen unsere Hessen
die Trachtengruppen vieler Nationen. Besonders befreundeten sie sich mit schwedischen, dänischen und französischen Teilnehmern der Reichstagung. Es ergab sich ein durchaus gemütliches Beisammensein und weil man sich durch die Sprache nicht verständigen konnte, tat man es mit Zeichen. Am Abend weilten unsere Oberhessen im Elbbad Blankenese und erholten sich während einiger Stunden von den mannigfachen Strapazen der vergangenen Tage. Um neun Uhr hieß es im Bette sein, damit jedermann zum Festzug am anderen Tag in „bester Form" war.
Der Sonntag brachte den Höhepunkt des Hamburger Aufenthaltes, leider aber auch den Abschluß. Begeistert nahmen an diesem Tage alle am Festzug teil, der schöner und glanzvoller wohl kaum gedacht werden konnte. Hamburg bot sich im schönsten Sonnenschein dar und im Schmuck der Fahnen aller Nationen. Die Gruppen, insbesondere auch unser hessischer farbenfreudiger Aufzug, wurden stürmisch umjubelt.
Der gesamte Eindruck des Hamburger Aufenthaltes unserer Burschen und Mädchen aus dem Hüttenberg, dem Schützer Land, dem Hinterland, der Marburger Gegend und aus dem Odenwald war der, daß in der Herzlichkeit der Aufnahme, in der Vorzüglichkeit der Organisation, in der Verpflegung und in der Begeisterung, die die Stadt beherrschte, eine Steigerung nicht denkbar war. Georg Heß, der Führer unserer heimischen Trachtengruppe sah sich veranlaßt, allen denen, die sich um unsere Hessen so sehr bemüht haben, herzlichen Dank zu sagen.
*
Am gestrigen Montagfrüh sind die hessischen Burschen und Mädels wieder in Gießen eingetroffen. Doller Freude über die schöne Reise und vor allem erfüllt von dem eindrucksvollen Erlebnis, schildern sie die Hamburger Tage.
mußten, um dieses Ziel zu erreichen und wieviel noch geschehen muß, um auch für den Letzten Arbeit und Brot zu schaffen und vor allem die geschaffenen Arbeitsplätze zu erhalten.
Wenn jeder Volksgenosse, vor den ein Glücksmann der Arbeitsbeschaffungs-Lotterie hintritt, auch nur einen Augenblick an das Geleistete und an die noch zu leistende Arbeit denkt, dann darf es kein Zögern geben und nebenbei noch bemerkt: Schnell gekauft ist halb gewonnen!
Das Programm der Hundertjahrfeier der Gießener Nealanstalten.
Die Gießener Realanstalten, Oberrealschule und Realgymnasium, feiern in den Tagen des 3., 4 und 5. Juli 1937 das Jubiläum ihres 100jährigen Bestehens. Für diese Feier liegt folgendes Programm vor. Der Samstag, 3. Juli, bringt in den Räumen des Gesellschaftsvereins einen Begrüßungs
abend des Realgymnasiums. Der Bearüßungsabenv der Oberrealschule findet im Cafe Leib statt. Am Sonntagmorgen werden vor den Ehrentafeln der Schulen Gefallenen-Gedenkfeiern abgehalten. An» schließend findet in der Neuen Aula der Universität der gemeinsame Festakt statt. Der Abend sieht die Schüler, die ehemaligen Schüler und deren Angehörige bei einer großen Familienfeier in der Volkshalle vereinigt. Der Montag, 5. Juli, wird zum Teil durch ein Sportfest ausgefüllt sein, das auf dem Universitätssportplatz stattfindet. Während der Tage des Jubiläums und zu bestimmten Stunden am' Sonntag, wird Gelegenheit gegeben fein, die Schulen und Sonderausstellungen zu besichtigen.
Im Hinblick auf die Feiern ergeht an alle ehemaligen Schüler, die noch keine Einladung erhalten haben, die aber am Wiedersehensfest im Kameradenkreise teilnehmen wollen, die Bitte, den Direktionen ihre Anschrift mitzuteilen.
Bäuerliche Buchführung.
Im Bereich der Landesbauernschaft Hessen-Nassait sind seit der Auflösung der ehemaligen Buchstelle der Hauptabteilung II fünf Privatbuchstellen tätig, von denen sich zwei in Oberhessen, je eine in Starkenburg und Rheinhessen sowie eine fünfte in Frankfurt a. M. befinden. Es handelt sich für Oberhessen um die
Landwirtschaftliche Buchstelle Appel, Büdin-, gen, Bahnhofstraße 29,
Landwirtschaftliche Buchführungs- und Betreuungsstelle Heinrich Nebhuth, Bad-Nauheim, Hermann-Göring-Straße 44.
Die genannten Buchstellen sind dem Reichsver- band für das landwirtschaftliche Buchführungs-, Be- treuungs- und Schätzungswesen e. V., Sitz Berlin, angeschlossen, der seinerseits dem Reichsnährstand ungegliedert ist.
Die Buchstellen unterstehen der Kontrolle des ReichsverbandeS und sind auch dem zuständigen Oberfinanzpräsidenten als zuverlässig bekannt. Es erscheint deshalb zweckmäßig, wenn sich alle Bauern und Landwirte, die auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen zur Buchführung verpflichtet sind, einer der gekannten Buchstellen anschließen, die auch in steuerlicher Hinsicht ihre Auftraggeber beraten und bezüglich der Wirtschaftsberatung mit der Landesbauernschaft Hand in Hand arbeiten.
Gießener Dochenrnarktpreise.
* Gießen, 15. Juni. Aus dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, 112 kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 11, Klasse A 10,5, Klasse B 10, Klasse C 9,5, Klasse D 9, ungezeichnete 8, Enteneier 10 bis 11, Wirsing, grün, 1/2 kg 12, Weißkraut 12, gelbe Rüben, das Bündel 13 bis 15, rote Rüben 12, Spinat 18 bis 20, Römischkohl 10 bis 12, Bohnen, grün, 25 bis 30, Spargel, 1. Sorte 35 bis 42, 2. Sorte 22 bis 27, 3. Sorte 15 bis 18, 4. Sorte 7 bis 8, Erbsen 20 bis 25, Tomaten 38 bis 60, Zwiebeln 15 bis 18, Rhabarber 8 bis 12, Kartoffeln, alte, 1k kg 5 Pf., 5 kg 46 Pfennig, 50 kg 3,85 bis 3,95 Mark, neue, 1/2 kg 12 bis 15 Pfennig, Pfirsiche 60, Aepfel, ausländische, 80, Kirschen 40 bis 55, Stachelbeeren 25, Erdbeeren 30 bis 60, Blumenkohl 20 bis 60, Salat 5 bis 10, Salatgurken 15 bis 40, Einmachgurken 15 bis 40, Oberkohlrabi 7 bis 12, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das Bündel 5 bis 10 Pf.
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** Dienstjubiläum bei der Reichsbahn. Auf eine 25jährige Tätigkeit im Dienste der
Und dabei überaus gründliche Reinigungskraft, ^Schonung des 'Zahnschmelzes, angenehm milder u. erfrischen-, der Geschmack.
25 pf. die Kleine lube^
Schlemmerei mit Erdbeeren.
Eine „Liebesgeschichte" von Lieselotte Eckerh
Das ist nun schon lange so zwischen uns: Jedes Jahr zu Sommers Anfang treffen wir uns irgendwo und essen Erdbeeren. Weiter nichts? Nein, weiter nichts! Aber das ist viel! Nicht, weil vielleicht einer von uüs darum oft viele Stunden auf der Bahn liegt, nicht, weil das Geld für diese Reise immer irgendwo hergezaubert werden muß, wenn eines Tages die Karte kommt: „Die Erdbeeren sind reif!" — sondern weil man dann irgendwo zusammen durch das Gewühl eines Marktplatzes geht und tief den Duft der Erdbeeren einzieht, die frisch gepflückt und feucht vom Tau in schmalen Körben glänzen, ober weil man sich in aller Frühe von einem Bauernmädel einen Korb voll in die weite Schüssel schütten läßt, daß das Zimmer erfüllt ist von Wald, Wiese und jungen Morgen.
*
Das alles ist das Präludium zu diesem Spiel, mit dem wir unseren Sommer feiern. Ueber allem liegt ein spielerischer Ernst, vielleicht nennt Ihr ihn schrullig oder verträumt... laßt gut sein! Wir wissen um starke Stunden voll gespannten Willens und kennen ihren Wert, aber wir kennen auch den Zauber, der in diesem Tag schwingt, frei von strengem Gedanken, unser Lebensgefühl auf diese sommerliche Höhe steigert. Laßt gut sein! Nicht au die Dauer kommt es an, nur auf das Ausfchopfen! Und so laßt ihn sich freuen, wenn er ihr zusieht, wie sie die reife Frucht mit der Zungenspitze zerdrückt ... Erdenfülle und Sonnenwärme... Er lacht: „Weißt du noch, Liebste, als wir auf den Knien - rutschend einen ganzen Schlag leer aßen oben im Bayrischen Wald? als wir im Garten unter den Sträuchern lagen und den frischen jungen Morgen in uns hinein aßen?" — Ob sie das weiß! Warme, runde, vollkommene Stunde...
*
Abends gesellt sich dann der Wein zu der Frucht. Lange wird gewählt, unter den Rieslingen von Rhein und Mosel, gepreßt aus Beeren bei deren später Lese Gesang und Unterhaltung der Wmze- rinnen ruhen mußte. Dann holen w,r die Maser, ein altes Urgroßmutterglas mit einem zärtlich geritzten Wort für sie, und ein fein geschliffenes für ihn Beide verjüngen sich nach oben hin, damit der Duft konzentriert herausströmen kann beide sind farblos, damit man den Sonnentropfen funkeln sieht: Dann geben wir die Erdbeeren hinein tröpfeln den Wein darauf und spuren, wie Saft und Duft der Erde aus dieser edlen Frucht hochqmllt.
Und nun trinken! Nicht nur mit dem Gaumen, auch mit Auge und Nase, daß man spürt, wie sich der Strauß von Duft löst in erdiger Heiterkeit. Trinken, sehen, riechen, fühlen... ein unbegrenztes Schwelgen hebt an, und dann steigt in diese abgründige Schlemmerei fein und zart der Geist. Erfüllt bis in die Fingerspitzen von Glück und Wohlsein, lächelnd in herrlichem Ernst, spüren wir den Kreis, der diese schwingende Stunde begrenzt. Das ist das Spiel, mit dem wir unfern Sommer feiern, das ist der Augenblick, in dem Beginn und Ende eins sind.
Pflanzen als Znseklensünger.
Sonnentau und Venusfliegenfalle.
Auf norddeutschen Mooren wächst hie und da noch der seltene Sonnentau, ein unscheinbares, gelb blühendes Pflänzchen mit eigenartig rundlichen Blättern. Auf diesen sitzt eine große Anzahl von schneckenfühlerähnlichen Gebilden, die in einen Drüsenknopf enden, der einen Tropfen fiebrigen Stoffes absondert. Da purrt ein Insekt herum, setzt sich auf die Blätter — und bleibt kleben. Alles Zappeln und Strampeln verschlimmert nur die unfreiwillige Haft; denn die „Schneckenfühler" krümmen sich alle — durch den chemischen Reiz, den das Insekt ausübt, veranlaßt — nach dem Opfer hin und halten es gefangen.
Während der Sonnentau sich also regelrechter „Leimfliegenfänger" bedient, gibt es auch Pflanzen, die wirkliche und wahrhaftige Fliegenklatschen an ihren Blättern ausbilden, wie die Venusfliegenfalle, die auf den Torfmooren Karolinas ihr heimtückisches Wesen treibt. Zwei harmlos auseinander geklappte Blatteile, die am Rand mit einer Art Reusengitter versehen sind, schlagen blitzschnell zu, wenn sich eine Fliege auf sie gesetzt hat und öffnen sich erst wieder, wenn das Tier „verdaut" ist.
Der Sonnentau und die Venusfliegenfalle fangen immerhin ihre Beute noch ganz „weidmännisch", denn, wenn der Apparat nicht blitzartig funktioniert, hat die Fliege alle Aussichten, noch zu entweichen. Es gibt nun aber auch Gewächse, die die „Hinterlist und Gemeinheit" auf die Spitze treiben, denen die Beute regelrecht ins Maul fliegt und die lediglich die Verdauungsarbeit damit haben. Das find die heimtückischen Schlingen- und Fallgrubensteller!
Da wuchert beispielsweise in kleinen stehenden Gewässern der Wasserschlauch oder die Utricularia. Sie besitzt fein zerschlitzte Blätter, so wie das bei Unterwasserpflanzen üblich ist. und hat vor dem Blattende kleine, grüne Blasen, die der harmlose Laie gutmütigerweise als Früchte ansprechen wird.
Aber diese Blasen enthalten keinen Kern wie eine „anständige" Frucht, sondern sind mit Wasser gefüllt und besitzen eine viereckige Deffnung, die durch eine Ventilklappe verschlossen ist. Diese Klappe ist elastisch gespannt und öffnet sich nur nach innen. Am unteren Rand des Deckels sitzen vier kleine Borsten, die frei ins Wasser hinaus ragen und die den ganzen Klappapparat in Alarm versetzen, wenn ... Halt, wir müssen das richtig der Reihe nach aufzählen: Dort wo die Utricularia wächst, tummelt sich im Wasser' eine große Anzahl kleiner Krebse, Wasserflöhe, Cyclopse und wie sie alle heißen. Diese Tierchen haben die Angewohnheit, nicht schön geradeaus zu schwimmen, sondern sie „eiern", wie man so sagt, im Wasser herum. Bei diesem Torkeln ist es unausbleiblich, daß das Tier auch mal die kleinen Borsten an der Klappe berührt. Das aber wirkt wie ein Signal: der Deckel der Blase öffnet sich ruckartig durch die Hebelwirkung der Borsten, und, durch eine rein physikalisch erklärbare Entspannung der Blasenwände, wird das Tier schluckartig ins Blaseninnere befördert. Darauf springt die Klappe wieder in die Ausgangsstellung zurück, weil nun der Blasendruck wieder der alte ist, und verwehrt dem Krebschen die Flucht. Einmal an die Borsten gestoßen, hat das Tier nicht die geringste Aussicht, zu entkommen; denn mit der unheimlichen Sicherheit einer an Wallacesche Romane erinnernden Mordmaschine spielt sich der Fangprozeß von Anfang bis zum tragischen Ende ab.
Nicht so todsicher, aber doch nicht weniger heimtückisch arbeiten die Fallgruben der Kannen- sträucher, die ihre Opfer sogar erst noch durch süße Säfte einlaben, Platz zu nehmen. Die Blattspreiten dieser Pflanzen sind nämlich zu tiefen, oft mit einem Regendach versehenen Hängekrügen ausgebildet, die an ihrem oberen Rand einen verlockenden Honig ausscheiden. Wehe dem Insekt, das dieser Lockspeise nicht widerstehen kann: es rutscht auf der verteufelten Glätte aus und fällt ins Innere der Kanne. Nicht genug des grausamen Spieles: auf dem Grund der Kanne steht eine wässrige Flüssigkeit, in der die Insekten ihr Todesbad nehmen können. Und herausklettern aus dem Schlund? Das geht nicht: denn die Kannenwände sind mit einem aalglatten Wachsüberzug ausgestattet!
Wozu alle diese sinnreichen Einrichtungen? Kann die Pflanze nicht die Nahrung aus dem Boden und aus der Luft beziehen? Anscheinend genügt für manche Arten der Stickstoff in Form von Ämmo- niumoerbinbungen nicht; gerabe bie Pflanzen, bie im sauren Moorboben gebeihen sollen, brauchen bereits chemisch gebunbenes, phosphorhaltiges Eiweiß — unb diese Verbindung erhalten sie dadurch, daß
sie Tiere fangen! So bienen auch die scheinbar teuflischen Fanggeräte der Pflanzen der Erhaltung des Lebens und find — in ihrer Eigenart betrachtet — sogar schön, sinnreich und wunderbar; denn wir sehen, daß das Blatt der Pflanzen eine sehr komplizierte Metamorphose eingehen kann, deren letztes Geheimnis nicht vom Standpunkt der Nützlichkeit aus entschleiert werden wird.
Dr. H. F.
Das geheimnisvolle Schiff.
In Portsmouth gelangt jetzt die Schaluppe „Ze- brine" zur Versteigerung, die eine merkwürdige Geschichte hat. An einem Oktobermorgen des Jahres 1917 sah ein Frachtdampferkapitän das Schiff, das auf der Höhe von Cherbourg auf dem Meere trieb. Der Kapitän gab die gewöhnlichen Signale. Als die Schaluppe keine Antwort gab, glaubte er, ein höchst verdächtiges Fahrzeug vor sich zu haben unb machte Melbung, worauf brei englische Kriegsschiffe sich zur Verfolgung des geheimnisvollen Seglers aufmachten. Die große Kraftentfaltung war aber überflüssig; denn als man die Schaluppe eingeholt hatte, ^bemerkte man, daß augenscheinlich keine lebende Seele an Bord war. Das Schiff trieb auf der See dahin, ohne Kapitän und ohne Mannschaft. Offiziere gingen an Bord und stellten fest, daß niemand auf Deck war, niemand bei den Maschinen oder sonst wo im Inneren des Schiffes. Dabei waren aber in den. Mannschaftsräumen die Tische hergerichtet, als ob die Matrosen gerade eine Mahlzeit einnehmen wollten. Die Schaluppe wurde nach Portsmouth geschleppt. Die englische Admiralität unternahm sofort Nachforschungen, um festzustellen, um welches Schiff es sich handelte. Alle Ermittlungen führten jedoch nicht zum Ziel. Man fragte sich, ob die „Zebrine" vielleicht von einem deutschen Unterseeboot gestellt war, das die Mannschaft in Gefangenschaft abgeführt hätte. Aber auch die deutsche Regierung, die Nachforschungen machte, konnte weder über das Schiff noch über die Besatzung etwas feststellen.
ftocbfdiuinacbricbfen.
Professor Dr. Carl Watzing er, Ordinarius für klassische Archäologie an der Universität Tübingen vollendete das 6 0. Lebensjahr. Watzinger, der sich 1904 habilitiert hatte und ein Jahr später zum Extraordinarius ernannt worden war, wirkte von 1909 bis 1916 als Ordinarius an der Universität Gießen. Als Nachfolger von Prof. I. N o a ck hat er dann über zwei Jahrzehnte lang in Tübingen eine fruchtbare Tätigkeit entfaltet.


