21ud) die Läufer kriegen plötzlich das unvermclü- liche Startfieber. Vier Runden haben sie zu laufen und müssen auf jeden Fall geschlossen durch das Ziel gehen. Da — das Startkommando. Der eine Kameradfchaftsführer geht sofort mit Tempo an die Spitze, seine Mannschaft zieht er nach sich. Das Feld liegt bald weit auseinander. Immer weniger Läufer können die Schnelligkeit der Spitzengruppe mithalten. Doch auch in der hängen plötzlich zwei nach, kommen nicht mehr so recht Mit. Der Kameradschaftsführer feuert sie an. Nur eine Runde ist noch zu laufen. Doch der Abstand vergrößert sich. Und die andern Kameradschaften holen nun wieder auf. Die zwei vorn an der Spitze drängen vorwärts, spüren hinter sich nur die Verfolger und n u r die Verfolger, merken nicht, daß deren Mannschaften wild zerrissen in der Strecke liegen, sie fthen nur das Ziel. Auch die beiden, die von der Spitze zurücksielen, kämpfen. Sie wollen den Anschluß wiedergewinnen und den Abstand zwischen sich und ihren führenden Kameraden verringern. Werden sie es schaffen? Won ihnen hängt es ab, ob ihr Fähnlein siegt.
Jetzt winkt das Ziel. Die beiden Führenden laufen ganz langsam, warten auf die zwei andern, die ihre letzte Kraft zusammenreißen. Nach 15 Sekunden — es ist ihnen wie eine Ewigkeit — sind sie bei ihrer Mannschaft. Alle vier fassen sich, und Hand in Hand laufen sie über die Zielgrade — als Sieger. —
Und selbst im Duschraum ist Hochbetrieb. Der
Samstagnachnuttag muß ja viele in den Genuß eines richtigen Sportplatzes kommen lassen. Die sich hier mit Witz und Lärm am Wasser erfreuen, haben ihr Pensum für heute bereits hinter sich. —
Auf einem kleinen Nebenplatz versucht sich eine Gruppe an einer Bretterwand, die ebenso glatt wie anständig hoch ist. Ein paar haben es mit dem Raufkommen gar nicht leicht, und der eine oder andere nimmt erst noch einen zweiten Anlauf. Aber dann ist's gepackt, und wenn das Herauf auch langsam ging, das Herunter flutscht doch um so schneller.
Eine Baustelle mit einem ganz netten tiefen und auch einigermaßen breiten Graben und einigen gefällten Bäumen hat es einer Anzahl besonders Unternehmungslustiger vor allem angetan. Mit List, Tücke und viel Kraftaufwand bekommt man das „runde Holz" quer über den Graben. Erst einen Stamm, dann den zweiten und den dritten, und schließlich auch den vierten. So kann ein Wett- balancieren durchgeführt werden. „Fertig, los!" — Das erfordert schon einige Gewandtheit. Wenn der Baum nur nicht so glatt wäre, und wenn vor allem der Schiedsrichter am anderen Ende ihn nicht gelegentlich zur Erschwerung der Tour etwas hin und her rollte, dann ginge das alles ja viel leichter. Aber so! Die Arme vollführen die komischsten Schwünge, und manchmal zappelt einer lange hin und her, bis er schließlich doch — unten lieht. Aber die Sieger der einzelnen -Rennen werden für die erfolgreiche Bewältigung ihrer Aufgabe mit lautem Hallo gefeiert. l ü d d e. v
Oie Nacht vor Pfingsten.
Erzählung von K. 3R. Aeubert.
Schon lag die Dämmerung über dem See. Im Dorf waren die Geräusche des Werktages verstummt. Es war am Abend vor Pfingsten.
Aus dem Fischerhaus, das an der Ostbucht des Sees lag, trat Hedwig, des Fischers Aelteste. Zwei- undzwanziq war sie jetzt, ein hübsches Mädchen. Doch den Burschen im Dorf schien sie seit einiger Zeit verändert. Nachdenklich war sie und abweisend, und am liebsten blieb sie allein. Am meisten spürte es Wilhelm, der bei der Bahn arbeitete. Ein halbes Jahr bemühte er sich schon vergeblich um sie. Aber er gab es nicht auf. Auch an diesem Abend trieb er sich in der Nähe des Fischerhauses herum, er sah sie im Garten, sie pflückte Blumen.
„Für mich?" fragte er und lehnte sich über den Zaun. Sein Anruf schien sie erschreckt zu haben.
„Ach, du bist es!" sagte sie kühl.
„An wen hast du denn gedacht?"
„An niemand." Sie beugte sich noch tiefer über das Beet.
„Hast du nicht Zeit?" fragte er. Sie schüttelte den Kopf. Er beherrschte sich und dachte, daß er sie morgen nicht so leicht fortlässen würde, wenn er sie traf. „Na, dann — guten Abend!" sagte er. Er ging den Weg zum Wasserwerk hinauf und verschwand zwischen den Büschen. Eine Weile später lief Hedwig zu den Kähnen am Ufer, stieg in ein Boot und ruderte auf den See hinaus.
Die Dämmerung war dichter geworden, die Stille des Abends hatte sich nun weit ausgebreitet, und das Geräusch der Ruder klang darin wie ein verstohlenes Flüstern. Hedwig ruderte auf die Insel zu, die westwärts lag, dem jenseitigen Ufer vorgelagert. Drüben stieß der Wald bis an den See.
Auf der kleinen Insel angekommen, zog Hedwig das Boot auf das Land, nahm die Blumen und eilte auf die Hütte zu, die in der Mitte der Insel, hinter Hagebuttenbüschen und alten Kopfweiden stand. Es gab nur Tisch uttb Bank in der Hütte. Hedwig steckte eine Kerze an, holte aus der Ecke eine Vase, die sie schon vor einigen Tagen hier versteckt hatte, lies ans Ufer zurück und füllte sie mit Wasser. Ein letzter Schimmer Helligkeit schwebte über der Landschaft. Vorsichtig trug sie die Vase zurück, wie ein kostbares Gefäß, und begann die Blumen einzuordnen. Ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck lächelnder Unruhe. Sie dachte zurück, wie alles geschehen war. Richard war auf Wanderschaft und hatte den Winter über im Mühlwerk Kun- nersberg gearbeitet, das ein paar Dörfer entfernt lag. Dann war er weitergezogen und durch das Dorf gekommen, an einem Frühlingstag. Da sah er sie und blieb einige Tage im Dorf, und sie tra
fen sich heimlich in dieser Hütte. Es war, als hätten sie sich schon lange gekannt. Hier saßen sie Arm in Arm und hörten den Wind in den Hagebuttenbüschen und das Wasser ans Ufer schlagen, und er sagte, daß er wiederkommen würde. Als sie fragte, wann es fern würde, hatte er sie angesehen, als wollte er sich ihr Gesicht für lange einpräaen, und gesagt: „Im Mai übers Jahr!" Und er hatte ihr erzählt, daß er dann eine Meisterstelle im Mühlwerk Kunnersberg bekommen könnte. Vor ein paar Tagen hätte er noch nicht gewußt, ob er sie annehmen würbe, aber jetzt wüßte er es, und er wollte es den Leuten in Kunnersberg gleich schreiben. Das hatte er gesagt, wie andere von Liebe reden, in dieser Hütte hier, und ihr war heiß geworden, und dann hatte er sie geküßt. Nachher hatte er einen kleinen Taschenkalender aus seiner Rocktasche gezogen und darin geblättert und gesagt:
„Dann werde ich allo Pfingsten hier sein. Wirst du so lange warten?" Und da sie nickte, fuhr er fort: „In dieser Hütte werde ich auf dich warten. In der Frühe werde ich kommen, und auf dem Tisch wirb ein Strauß aus eurem Garten sichen, dann werde ich wissen, daß du noch auf mich wartest. Und wenn nichts da steht — dann ..."
Da hatte sie ihn geküßt. Später dachte sie wohl manchmal, daß er unterwegs schon vielen gesagt haben würde, mit denen er so gesessen, hinter Scheunen und an Gartentüren und vor Hütten auf kleinen, versteckten Inseln. Und wenn in der langen Winterszeit Wilhelm sie bedrängte, war ihr Richaib manchmal nur wie etwas Geträumtes erschienen. Ein Mann, der vorbeizog und sagte, er würbe wiederkommen, und sie möge auf ihn warten. Und sie hatte nichts werter von ihm, keinen Brief, kein Bild, nur das, was er gesagt hatte. Nur ihre Liebe hatte sie.
Sie steckte die letzten Blüten in die Vase. „Richard!" dachte sie, aber sie lächelte plötzlich in einer heimlichen Bitterkeit, die hinter allen Gedanken und Gebärden lag: „Ist es nicht töricht? Er hat es längst vergessen." Sie löschte das Licht, drückte auf ihre Taschenlampe und trat hinaus. Die Lampe wäre ihr fast aus der Hand gefallen, so erschrak sie: eine Gestalt trat aus dem Dunkel auf sie herzu. Auch dann noch, als sie sah, daß es nicht Richard, sondern Wilhelm war.
„Was machst du hier?" stieß sie hervor.
„Ich sah dich über den See rudern und will dich an Land holen", sagte er, und seine Gestalt schien im Zwielicht zu wachsen, „es wird gleich ein ganz hübsches Maigewitter geben.
lieber dem Wald flammte ein Blitz auf. Dump
fes Grollen klang aus der Ferne. Sie liefen zu den Booten, aber der Regen brach schon mit großem Rauschen nieder.
„In die Hütte!" rief Wilhelm. Hedwig wollte nicht hineingehen. Sie standen unter dem überspringenden Dach, das ihnen aber nicht genügend Schutz bot.
„Warum sollen wir hier stehenbleiben und naß werden", schimpfte er, „Verbirgst du einen Liebsten drin? Er stieß die Tür auf. „Gib doch die Taschenlampe her!" Sie gab sie ihm. Da hörte sie Wilhelms Lachen aus der Hütte.
„Da sind ja die Blumen!" Sie ging jetzt hinein und steckte die Kerze an, die sie zuückgelassen hatte. Ein Glimmen kam in seine Augen. „Bist du darum so zu mir, weil du einen anderen liebst?" fragte er.
„Ja!" antwortete sie und wußte nicht, ob sie vor dem Donnern zitterte, das näher gekommen zu sein schien, oder vor Wilhelms Blick.
„Wer ist es denn?"
Sie schwieg, und er trat einen Schritt auf sie zu, da wich sie zurück.
„Hedwig!" sagte er und atmete schwer, „du weißt, ich habe dich lieb."
„Es kann sein, aber es hat doch keinen Zweck, Wilhelm." Sie sprach begütigend.
„Ich heirate dich auch — wenn du willst —" sagte er und sah sie an." Ich hab bei der Bahn gute Aussichten. Du wirst es gut bei mir haben." Sie hörte kaum, was er noch sagte. Da griff Wilhelm nach ihrem Arm. „Hedwig!" keuchte er.
„Du! Was machst du? Laß mich los!" rief sie. Sie konnte sich freimachen und flüchtete in die Ecke, und wie er auf sie zukommen wollte, warf sie die Taschenlampe nach ihm, er bog den Kopf zur Seite, und die Lampe flog ins Fenster. Klirrend zerbrach die Scheibe. Aber er stand nun wie ernüchtert.
„Du bist ja dumm", sagte er und griff sich an
den Hals, als wäre ihm zu heiß geworden, „ich will ja nichts." Er lachte plötzlich heiser auf. „Ich will ja nichts!" Dann lief er hinaus. Sie atmete auf, und plötzlich mußte sie meinen. Bald verließ sie die Hütte. Dunkel und windbewegt war die Nacht, aber das Unwetter hatte sich aufgelöst. Sie ruderte mit schweren Armen zurück. Müde und zerschlagen stieg sie in ihre Kammer hinauf.
Als sie morgens erwachte und an das Fenster trat, sah sie die letzten feinen Dunstschleier über der ruhigen Fläche des Sees in Auflösung. Ein klarer Himmel wölbte sich über den jungen Tag. Es war, als hätte sie die Vorgänge der Nacht nur geträumt. Eine festliche Heiterkeit erfüllte sie mit einemmale. Sie kleidete sich schnell an und lief zu den Kähnen hinunter, und da sah sie, daß ein Boot fehlte. Ihr Vater war hinten im Garten, der konnte das Boot nicht genommen haben. „Richard! Richard!" flüsterte sie. Er war gekommen. Es war „Mai übers Jahr." Pfingsten!
Mittag stand die Mutter am Fenster und sah Hedwig mit einem Mann im Boot über den See kommen. Und der Fischer kam herzu und wunderte sich über den Fremden, cklnd Hedwig kam mit dem Fremden ins Haus. Er war jung und hatte einen kräftigen Händedruck, und man mußte gleich Vertrauen zu feiner Art haben, obwohl der Fischer mehrmals den Kopf schüttelte, als Hedwig erzählte. Richard hieße er, sagte sie, und er wäre der neue Meister im Kunnersberger Mühlwerk, und er würde jetzt öfter zu ihnen kommen.
„Wenn es so ist", sagte die Mutter, als sie alles gehört hatte, „wenn ihr euch nicht gesehen habt in dem Jahr und nichts voneinander gehört, und ihr habt doch einander vertraut, dann habt ihr die Probe wohl bestanden. Dann muß es wirklich die Liebe sein.
Das neue Paradies.
Besuch in der französischen Provinz.
Von unserem Sonderberichterstatter Kurt Ziesel.
Paris, Ende April 1937.
Von Paris nach Le Havre und an die Steilküste der Normandie fährt man mit dem Autorail bequem in zwei Stunden. Es ist eine bezaubernde Fahrt durch den Frühling. Am Hafenbahnhof von Le Havre ist Hochbetrieb. In dem modernen und großzügig angelegten Gebäude fahren im ersten ötorf die Autos und Lastwagen. Sie donnern durch endlose Gänge über Rampen direkt von der Straße hochgeführt bis zu den Brücken, die über die Anlegekais auf die Schiffe führen. Der Blick auf das Wasser nimmt uns die gewaltige Steuerbordseite der „Normandie". Sie soll am Abend auslaufen. Am späten Vormittag geht schon der Strom der Passagiere hin und zurück. Kleine Rollwagen, hoch beladen mit Gepäck und Kisten flitzen an uns vorbei. Sprachen aus aller Herren Länder klingen an unser Ohr. Das Prunkstück französischer Schiffsbaukunst macht einen imposanten Eindruck. Die drei großen Schornsteine geben dem plumpen Riesenbau eine fast elegante und graziöse Silhouette. Auf dem rückwärtigen Mast knattert das heiß umkämpfte blaue Band, das den Namen dieses Schiffes als des größten und schnellsten der Welt auf der ganzen Erde bekanntgemacht hat. Wir schlendern durch den Bahnhof, müssen uns einige Male von arawöhni- scken Geheimpolizisten ausfragen lassen. Als ich photographieren will, wird mir dies höflich, aber entschieden untersagt. Mein Begleiter, ein Deutscher, der in Le Havre seit Jahren ansässig ist, bedeutet mir, daß dieser Bahnhof gewisse strategische Bedeutung habe, da er in seiner ganzen Anlage für rasche Aus- und Einladung von Truppen vorgesehen fei. Der normale Verkehr würde eine solche überdimensionale Anlage nicht rechtfertigen. Wir steigen über Gleisanlagen, gehen an Schuppen und Lagerhäusern vorbei. Hier ist es still.
Wir schreiben Montag. Blauer Montag, also auch hier. Zwei Tage ist hier also das normale Hafenleben unterbrochen. Zwei Tage liegt dieser geroaltipe Umschlageplatz, einer der Tore Frankreichs in die Welt, fast verödet. Nur dringlich auslaufende Schiffe werden abgefertigt. Wo führt das hin? Eine Kleinigkeit davon erleben wir. Der größte
Schuppen ist das Baumwoll-Lager. Er Hut eine Länge von einem Kilometer. Die Tore sind geschloffen. Zwei Zollbeamte stehen davor. Wir wollen gerade mit ihnen verhandeln, um einen Blick in das Innere tun zu können. Wir werden durch eine herankommende Menschengruppe unterbrochen. Die Zollbeamten bekommen ernste Gesichter. Hinter der Menschengruppe kommen drei große Lastwagen mit Anhängern. Was ist los? Was wollen die Leute? Vorerst beginnt eine erregte Unterhaltung. Mit der Zeit wird mir klar, was sie wollen. Zwei Vertreter eines großen Pariser Jmporkhauses sind im Auftrag ihrer Firma wegen etlicher Tonnen Baumwolle gekommen, die im Schuppen lagern. Die Baumwolle ist Freitag angekommen. Zoll- und andere Manipulationen haben den Abtransport am Samstag verhindert. Nun find Lieferfristen festgesetzt. Die Baumwolle muß Dienstag in Lyon sein. Aber Montag wird nicht gearbeitet. Es droht eine große Verzugsgebühr. Es geht dabei, wie ich höre, um etwa 50 000 Frank. Nun haben die beiden Kaufleute zehn Arbeiter gefunden und für ihre Wagen Chauf- fcure. Die Leute wollen ausnahmsweise, für doppelten Lohn natürlich, den Transport und die Verladung machen. Die Zollbeamten grinsen. Sie bedauern. Es wäre geschlossen. Sie dürften niemand hinein lassen. Heute würde nicht gearbeitet. Ihr Grinsen wird dabei richtig boshaft. „Die Zollbeamten sind fast alle Kommunisten, eine komische Erscheinung", erklärt mein Begleiter.
Nun mischen sich die freiroUIigen Arbeiter in die Sache. Sie reden den Zollbeamten zu. Sie wollten das zugesagte Geld verdienen. Die Zollbeamten machen feindselige Gesichter. „Mit euch reden wir überhaupt nicht. Ihr verratet ja die Arbeiterschaft.
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Urquell
Fahrt mit dem Glück.
Von Anke Ehlers.
Was könnte es Schöneres geben, als an der Seite eines geliebten Menschen, den Wind wie eine Maske am Gesicht, durch eine blühende Landschaft zu fahren! Mögen andere seufzen, den Blick sehnsuchtsvoll in der Ferne: Hinter den Bergen wohnt das Glück, — uns steht es lachend am Weg, uns singt es im Surren des Motors, wir haben es hier zwischen uns in unserer von Lust umbrandeten, von tausend Bildern umrandeten Zweisamkeit. Fahrt mit dem Glück! Glückhafte Fahrt!
Wie es uns hinreißt, das weiße Band der Landstraße im Schwung über Berg und Tal, durch Waldesschatten und blendende Helle, durch ländliche Einsamkeit und Stadtgewühl, sind wir nicht die gleichen, die wir gestern waren und morgen fein werden. Losgelöst aus der Kette der An-der- Stelle-Tretenden, dem Netz des Alltags uhb der Pflicht entschlüpft, tummeln wir uns wie Fische in einem blauen Ozean, der schäumend über uns zusammenschlägt.
Sprengt es dir nicht die Brust, tut es nicht fast weh, daß du die Fülle der Welt nicht fassen kannst, die sich in deine Augen drängt? — Noch ist es nicht lange her, daß du voll Schwermut und Trauer hinter einem winterlichen Fenster standest, den Blick in eine von Nebel grau verhangene Welt, in der — abgesehen von einer auffliegenden Krähe, die mit lahmer Schwinge ein wenig Schnee verstäubte — alles Leben in das Schweigen des Grabes ein- gemündet zu fein schien und die Vergänglichkeit ihr Medusenhaupt hob. Sieh, aus dem Ende ist überwältigend ein neuer Anfang geworden.
2lus der Dunkelheit und Oede des Winters, aus den Stürmen und Hagelschauern des zögernden Vorfrühlings ist die alte, junge Erde zu neuer Frische und Herrlichkeit erstanden. Im unbändigen Auftrieb zum Licht zuckt nun wieder das Leben in den tausendfältigen Formen der Schöpfung und feiert, über alle Ufer quellend, seinen Sieg über Sterben und Vergehen. Es gibt nur Leben, erkennst du, Tod ist nur Verwandlung, Leben ist alles. Ausgeoossen über Berg und Tal ist der Geist des ewigen Werde! Leben! dröhnt das Firmament, wenn auf dem Himmelsacker in der stillen Mainacht die Saat der Sterne aufgeht, — Leben! haucht die Üppig wachsende, blühende Flur, — und der Wald, angerührt vom Frühlngswind, lispelt Leben! mit feinen Millionen Blättern wie mit ebensoviel Zungen. Jeder Lerchentriller in der blauen Luft ist ein Hoheslied des Lebens, jeder Blütettbaum eine Braut
im Hochzeitsschleier, und jedes Menschenherz, wenn es nicht leer und ausgebrannt ist, eine Fackel im Festzug der Freude. Pfingsten, das liebliche Fest, ist gekommen!
Sahst du schon je, wie grün und samten sich die jungen Felder breiten, wie blinkend sich ein Kirchturm dem Dachgewirr entschwingt in den seidenblauen Himmel hinein? Erlebtest du den Flug eines Taubenschwarms über bemooste Dächer hin, das Springen eines weißen Böckleins im lichtgefleckten Grasgarten, das wiegende Schreiten der Bauernmagd, wenn sie mit gefüllten Milcheimern von der Kuhweide heimwärts geht?
Sahst du die Kinder in ihren bunten Kleidchen Blumen pflücken im durchsonnten Gehölz? Die jungen Schwälbchen auf dem wippenden Leitungsdraht, kleine Federbälle, vom ersten Ausflug in die Welt ermüdet, aufflattemd mit zwitscherndem Schrei, wenn die Vogelmutter, im Fluge heranschießend, fette Bissen in aufgesperrte Schnäbel fallen läßt? Und siehst du das Liebespaar aneinandergeschmiegt auf dem kleinen Waldpfad, der sich in grüngoldene Dämmerung verliert? — Blank und friedlich stehen alle Häuser, vom Herdrauch überfräufelt, und alle Fenster sind der Sonne aufgetan, mit frischgewaschenen Gardinen, die sich wie Fahren im Luftzug bauschen.
Wie verschwendet sich die Welt! Nicht nur in Bildern und Farben, sondern auch im Duft! Duft von Flieder und Goldregen, von harzigen Kiefern und jungem Laub, Duft der Aecker, auf deren schwanken Halmen sich schüchtern kommender Erntesegen ankündigt, — unbestimmbarer Duft her blauen Weite, in die wir hineinfahren, unbekümmert um Ziel und Ankunft und ein Dach über Nacht.
Diele sind gleich uns unterweas auf der Landstraße. Mit vielen Gruß und Lächeln tauschend, freuen wir uns der Gemeinschaft, zu der uns die Freude des pfingstlichen Tages eint. Ja, wir fühlen uns alle als Kinder dieser Erde mit ihren Bergen, Tälern, ihren Ebenen, Strömen und Bächen. Wie sie uns hervorbrachte aus ihrem Schoß, uns nährte mit ihren Früchten, Geist und Seele uns formte mit dem Gut, das die Jahrhunderte auf ihr aufgehäuft haben, ist sie uns allen die eine große Mutter, der wir Hymnen fingen, auch wenn die Lippe schweigt. Was sollen auch Worte, wenn die Empfindung, aus innerstem Quell aufbrechend, selber spricht, und unser Tun und Denken, Lieben und Hassen, unser ganzes Sein sich darin erschöpft, das eine Anttitz widerzuspiegeln, dein Antlitz, heiliges Mutterland!
Als wir halten, um zu tanken, umstehen uns fremd und traulich die alten Häuser eines kleinen,
Städtchens und sehen uns Landfahrer neugierig aus ihren Fensteraugen an. Zauber des Unbekannten wirft seine Netze über uns, um uns zu halten, und weckt uns zugleich nur Lust zu neuen Märkten, neuen Städtchen, neuen Abenteuern, und wir fahren weiter, immer weiter dem blühenden Frühling nach, der uns hinter sich herlockt, wie ein flötespielender Rattenfänger.
Aber irgendwo an einem See wird ein Dörfchen liegen, begraben unter Blütenschaum. Dort wollen wir bleiben und unfereZelte aufschlagen. Dort wollen wir in der Sonne liegen und dem Üfergespräch der Wellen lauschen, wollen durch das Wiesental streifen, durch die Wälder wandern und — ob wir auch nicht gerade große Sänger vor dem Herrn sind — alle Lieder fingen, die wir kennen und das Wunder des Lebens preisen —
Der Schmetterling.
Von Til Brugman.
Erste Frühlingssonne erhellt die breite Berliner Verkehrsstraße. Auf der einen Seite bemerke ich einen Menschenauflauf. Es muß schon ein winzig kleines Etwas fein, mit dem sie sich da beschäftigen, denn alles bückt sich tief über den Bürgersteig. Ich überquere schnell den Damm und schlängele mich durch das Dickicht in die vorderste Reihe. Ich sehe nichts.
„Was ist los? Was ist passiert?"
Ich bekomme gar keine Antwort. Die Leute sind zu erregt. Eine ältere Frau jammert ununterbrochen:
„Och Jottü Och Jottü Der kommt mir hier noch unter die Räder!!"
„Ausgerechnet eine Verkehrsstraße muß der sich aussuchen!" meint ein dicker und roter Wirt.
„Man müßte den Zoo anrufen!" rät eine Bürgersfrau.
„Da wird er im Aquarium aufgehoben!" ergänzt ein anderer einsttmmend.
„Ach wat!" platzt ein Bäckerjunge heraus, „so einen muh man aufspießen auf einen Karton! Da hat man wat Scheenes fürs Sehen!"
„Auffpießen!" fuchtelt die ältere Frau, ,chich sollen se ja aufspießen!"
Energisch nimmt sie ihre Röcke zusammen und, immer mehr in die Knie sinkend, weht sie Staubwolken über den Bürgersteig. Inzwischen habe auch ich den Mittelpunkt alles Interesses entdeckt. Es ist ein wunderschön gezeichneter Schmetterling, große Flügel, gold-rot-schwarze Tupfen auf glänzend braunem Grund.
„Wir müssen ihn in die Seitenstraße treiben, da» mit er in einem Vorgärtchen unter kommt!"
Die ältere Frau hat die Jnittative ergriffen.
Und wo soeben die Menschen noch hinter irgend etwas herhetzten, in ihrer Eile einander rücksichtslos anrempelten, jeder nur auf sich selbst bedacht war und keiner sich um den anderen kümmerte, da gehen sie jetzt unter freiwillig akzeptiertem Kommando geschlossen vor. Alles bückt sich, die Zurück- stehenden wehen mit Taschentüchern und Schürzen, pusten und blasen. Die Hände machen wie ein schwaches Echo alle Bewegungen des Schmetterlings mit, die Köpfe markieren fein welkes Flattern.
Noch immer ist er unten auf dem Pflaster. Die ältere Frau hockt schon ganz am Boden, um den Schmetterling durch den Taifun ihrer Röcke zum Hochfliegen zu bestimmen.
Plötzlich steht alles mit erfrorener Geste da...
Der Schmetterling ist weg!!
Niemand hat gesehen, daß er fortflog, aber da sein graziler Körper nicht zertreten auf dem Asphalt liegt, muß er davongeflogen sein, muß er das Freie aus diesem Menschenknäuel gefunden haben.
Man sieht sich etwas verdutzt an.
„Na, Gott sei Dank!" seufzt die ältere Frau erleichtert, „der hat wohl allein zum Vorgärtchen gefunden."
Noch im Bann, stimmen alle bei. Dann, mit einem Male, stieben die Menschen auseinander. Der Bäckerjunge besteigt sein Fahrrad, der Bote rennt zur Straßenbahn, alle hasten, um die verlorenen Minuten nachzuholen.
Ich konnte der öfteren Frau so schnell nicht mehr nachrufen, daß das Tier vom Wirbel ihrer Kleider in das Blumengebüsch ihres Hutes geraten war und da nun wie ein jubelnder Farbenschrei sich mitwiegte, mitten auf der belebten, lärmenden Straße.
Hochschulnachrichten
Geh. Justizrat Professor Dr. Paul Schön, Ordinarius für Staats-, Derwaltungs-, Völker- und Kirchenrecht an der Universität Göttingen, vollendete fein 7 0. Lebensjahr. Geh. Rat Schön wirkte früher in Königsberg und Jena.
Professor Dr. Friedrich v. Krüger, em. Ordinarius für physiologische Chemie an der Universität Rostock, vollendete fein 75. Lebensjahr. Professor v. Krüger stammt aus Petersburg und lehrte früher in Dorpat und Tomsk. 1914 schied er aus dem russischen Staatsdienst aus.
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