Ihr habt keine Solidarität", fangen sie an zu schreien. Die Sache endet in einer wüsten Schimpferei. Es kommt fast zu Tätlichkeiten. Schließlich müssen die Leute unverrichteter Dinge abziehen.
Die Zollbeamten grüßen in voller Uniform mit erhobener Faust. Keiner der Arbeiter dankt ihnen. Vielleicht sind Kommunisten dabei. Aber sie haben nun ein Stückchen „Sozialismus" in der Praxis erlebt. Es ist jedem ein Hundert-Frank- Schein entgangen. Sie hätten ihn brauchen können. Nun können sie in einer Kneipe über die Errungenschaften ihrer sozialen Führung nachdenken.
Wir schließen uns den Leuten an und kommen mit den beiden Kaufleuten in ein Gespräch. „So geht es überall", sagen sie. „Man kann nicht mehr ordentlich arbeiten, kalkulieren. Das führt unweigerlich zu einer Bankrottwirtschaft großen Stils." „Das wird sich aber doch alles mit der Zeit einspielen. Das sind eben Uebergangserscheinungen", versuche ich einzuwenden. Sie sehen mich mitleidig an. „Es wird sich einspielen, ja, aber auf Kosten der französischen Wirtschaft, auf Kosten des Ansehens Frankreichs in der Welt, auf Kosten unserer Währung, unserer Erzeugung, unseres Wohlstandes, auf Kosten der Millionen kleiner Gewerbetreibender, Handwerker, Kaufleute. Wir Großunternehmer sind gar nicht so sehr betroffen. Wissen Sie, wir ärgern uns heute über die Scherereien, den Verlust, den wir mit dieser Baumwolle nun haben. Wir bringen es wieder herein. Wir müssen eben höhere Preise machen, wir müssen beginnen, diese ganze Unsicherheit und Mißwirtschaft auf den Posten „Risiko" abzuwälzen. Aber wer von dieser verrückten M-Stunden-Woche betroffen ist, das sind die kleinen Leute! Denn die können nicht so leicht ihre Verluste abwälzen.
Wir lassen uns in der Mitte der Stadt vor einem kleinen Cafä in der Mittagssonne in den weißen Korbstühlen nieder. Der Besitzer bringt uns Kaffee. Wir kommen mit ihm ins Gespräch. Es ist ein ganz kleines Unternehmen. Er hat nur eine Köchin und einen Kellner. Alles andere macht er selbst. ,Hch kenne keine Vierzigstundenwoche", sagt er, „wer kennt sie überhaupt von uns kleinen Kaufleuten, Gewerbetreibenden, von denen es viele Millionen in Frankreich gibt? Wir haben die Verantwortung, wir verdienen gerade soviel, daß wir leben können, und arbeiten müssen wir sieben Tage in der Woche, von morgens sechs bis abends um zwölf und noch länger. Unsere Angestellten bekommen jede Woche ihr Geld. Es ist meist mehr als ich selbst verdiene. Dann gehen sie nach Hause, kümmern sich den Teufel um meine Sorgen. Sie machen zwei Sonntage. Also muß ich noch mehr arbeiten."
Es ist überall das gleiche Lied. Am Quartier Latin in Paris haben am Montag ein paar kleine Kaufleute ihre Läden offen gehalten. Man hat ihnen die Fenster eingeworfen. Und es kam zu einer großen Schlägerei. Ich habe mit einem nach ein paar Tagen gesprochen. Er zuckte die Achseln, als ich ihn fragte, wo das hinführen solle. „Am Sonntag habe nicht einmal ich frei", sagt er, „da muß ich meine Rechnungen schreiben, meine Bücher führen, meine Korrespondenzen erledigen. Am Montag muß ich den Laden aufmachen, sonst laufen mir meine Kunden weg. Run kann ich den ganzen Tag allein im Laden stehen, während mein Angestellter spazieren geht oder meine Fenster einwirft." Gibt es keinen Betriebsgeist mehr in Frankreich? Ist der Gedanke der Betriebsgemeinschaft verschwunden? Hält man es für Sozialismus, wenn der kleine Kaufmann, der nicht mehr als fein Angestellter verdient und doppelt so viel arbeiten und die Hälfte verdienen soll? Der kleine Handwerker, der einen Gesellen oder noch einen Lehrling hat. Was macht er? Er arbeitete nun auch noch Sonntags, damit er mit seinen Arbeiten nicht im Rückstand bleibt. Sein Lehrling, sein Geselle gehen inzwischen spazieren. Glaubt man die Moral, die Arbeitsgemeinschaft damit zu heben? „Meine Lehrlinge machen sich schon lustig über mich", sagt mir ein solcher Handwerker, ein Schuster in einem kleinen Städtchen an der Küste der Normandie. „Warum soll es plötzlich unmöglich sein, sechs Tage zu arbeiten", sagt er erbittert. „In meiner Jugend haben wir noch mehr gearbeitet und waren glücklicher. Ist denn Arbeit eine so harte Pflicht? Hat man vergessen, daß sie ein Glück ist?" Der kleine Schuster scheint mir ein großer Philosoph zu sein. Aber er versteht von Politik nichts. Denn für die Akteure der Volksfront ist die Arbeit ein Objekt ihrer politischen Intrige geworden.
Wir fuhren von Le Havre die Küstenstraße entlang gegen Norden. Vor den berühmten Kurorten der normannischen Küste Dieppe und Feaucamp ist die Natur noch unberührter von der Zivilisation und Fremdenindustrie. Hier reihen sich noch über dem Meer an der Steilküste kleine Dörfer und Städte, dazwischen auf fruchtbarem Land Aecker und Wiesen, viel Weideland und Obstbäume. Wir kommen in eine kleine Farm. Es ist alles verblüffend sauber hier. Der Menschenschlag ist groß und gesund. Viel Kinder trifft man hier. Sie haben oft blaue Augen und blondes Haar. Wir werden vom Dauern zu einem Glas Cidre eingeladen, dem berühmten Apfelwein der Normandie.
„Wir kommen alle in Not", sagt er. „Die Bauern haben es heute nicht gut in Frankreich. Um uns kümmert sich fast niemand. Sehen Sie, diese Abwertung im vergangenen Jahr, die P reisst ei gerungen und jetzt wieder die 40-Stunden-Woche in der Stadt, die neue Preiserhöhungen zur Folge hat. Wir haben im Herbst und Winter unser Getreide, unser Obst, unseren Käse verkauft. Inzwischen ist olles um fast die Hälfte teurer geworden. Ich brauche dringend neue Eggen und neue Pferdegeschirre. Ich kann sie mir nicht mehr kaufen, weil das eingenommene Geld so entwertet wurde." Ob die extremen „Sozialisten" der Volksfront allmählich merken, welch klassisches Beispiel ihrer Klassendemagogie sie der Welt geben? Wie sehr hier Moskaus Weltbeglückertum ad absurdum geführt wird? Es ist in Frankreich, wohin man kommt, das Gleiche. Eine Klaffe wird der politischen Situation wegen in ein angebliches Paradies sozialer Neuordnung geführt, um mit unfehlbarer Sicherheit zusammen mit dem Ruin der Gesamtwirtschaft zum Spielball revolutionärer Hetzapostel zu werden.
Ein junger Rechtsanwalt hat mir in Paris eine sehr klare und richtige Auskunft über die Situation Frankreichs gegeben. Er sagte: „Wir haben eine Krise seit Jahren, wir haben viel Not, viel Hunger, viel soziales Elend. Wir baden vor uns eine Fülle von Arbeit. Straßen müssen gebaut werden, Siedlungen müßten errichtet werden. Das Derkchrsproblem'in Paris wird immer dringlicher.
Es muß ein unterirdisches Straßennetz errichtet werden. In der Provinz harren überall Aufgaben über Aufgaben. Die Rüstung der ganzen Welt zwingt uns, unsere eigene Rüstung auf dem Höchststand zu halten. Was aber tun wir? In einer Zeit wirtschaftlicher Verarmung, Rückganges der Erzeugung, gesteigerter Aufgaben der nationalen Wirtschaft, verschleudern w i r das kostbarste Dolks- vermögen: die Arbeitskraft." „Und die Arbeitslosen?" frage ich. „Hier liegt ja der große Betrug", erhitzt er sich. „Man behauptet von links, die Arbeitslosenzahl würde durch die Vierzigstundenwoche verringert werden. Unsere Arbeitslosen umfassen eine ganz bestimmte Schicht: ältere Arbeiter und ungelernte Hilfsarbeiter. Wir haben einen dauernden Mangel an Facharbeitern, und zwar jeder Art. Was machen die französischen Kohlengruben als Antwort auf die 40-Stunden- woche? Sie haben sich im letzten Monat 3 0 0 0 polnische Bergarbeiter kommen lassen. Weil in Frankreich keine Bergarbeiter übrig sind, wenn die Vorhandenen zwei Tage der Woche nicht arbeiten. In anderen Zweigen der Wirtschaft ist es dasselbe. Die Folge ist in allem und jedem Rückgang der Erzeugung, Steigerung der Preise, Verarmung des Volkes." Darf' eine in Krisen oder im Aufbau befindliche Nation ihre Erzeugungskraft und ihre nationale Geschlossenheit willkürlich zerstören? Nein! Aber die Agenten Moskaus haben die Zerstörung der geschlossenen nationalen Kraft überall als ersten Programmpunkt revolutionärer Vorbereitungen aufgestellt. In Frankreich haben sie ihn inzwischen auf eine schauerliche Weise verwirklicht.
Ist niemand, der in Frankreich dieses Gaukelspiel erkennt? Die R ad i k a l s o zi a li st e n, die größte Partei Frankreichs, der dritte große Partner der Volksfront, stimmen dem Ausverkauf Frankreichs um politischer Machtwünsche willen zu. Die übrigen Mittelparteien stellen Vertretungen von Interessengruppen dar, von Unternehmern, Angestellten, Beamten oder Bauern. Die Rechtsparteien in Frankreich haben in mancherlei Beziehungen ihre Gelegenheiten versäumt. Aber ich hörte überall im Lande und in Paris einen Namen, der heute schon wie ein Lauffeuer durch Frankreich geht. Der Mann heißt Jacques Dori ot. Es ist ein kleiner Mann aus dem Volke, ehemaliger Kommunist, als solcher zum Bürgermeister von Saint-Denis, einem Vorort von Paris, gewählt. Das war vor etlichen Jahren. Inzwischen war er in Rußland. Als er zurückkam, ist er aus der kommunistischen Partei ausgetreten. Er kennt sie nun in allen Teilen. Und er hat ihr die Vernichtung in seiner Heimat geschworen. Vor einem Jahr hat er d i e französische Volks Partei gegründet. Hunderttausende von Menschen sind ihm zugeströmt. In Saint-Denis haben sie ihn wieder
zum Bürgermeister gewählt. Diesmal nicht mehr als Kommunisten. Aber es waren die gleichen Wähler, die er mit seiner Bekehrung ebenfalls bekehrt hatte.
Vor zwei Monaten hat er ein Buch veröffentlicht: „La France avec nous“. „Frankreich mit uns!" Das ist seine Parole. Dieses Buch, das rasch zu hohen Auflagen kam, ist sein Programm zur Zeit und zur Zukunst. Ich habe es gelesen. Alles Temperament und alle propagandistische Wirkung abgezogen, bleibt es ein Dokument der nationalen Selbstbehauptung, des sozialen Verständnisses und der Vernunft. „Wir wollen vor allem in Frankreich weder italienisch, noch russisch, noch englisch, sondern in erster Linie französisch sprechen! Wir brauchen keinen geistigen Import!" Das ist die eine Seite des Buches. „An wen wir uns wenden?" fragt Doriot, und antwortet: „An die Franzosen, an Frankreich, nicht an Bauern oder Arbeiter oder Intellektuelle oder Unternehmer, sondern ausschließlich an das französische Volk. Wofür wir kämpfen: um die Macht, aber nicht für eine Klasse, sondern f ü r die Nation, für die Gemeinschaft. Was wir wollen: in Frieden arbeiten, frei vom Kapitalismus, frei aber auch vom Terror einer Klassenherrschaft, die Tradition und Schicksal Frankreichs zugrunde richtet."
Er hat klare Gedanken wirtschaftlicher und sozialer Reformen. Er kennt die Not und Sorgen der Arbeiter, er durchschaut auch mit der intuitiven Sicherheit des einfachen Dolksführers die Notwendigkeiten und Bedingnisse der Wirtschaft. Er hat klare außenpolitische Forderungen. Er geißelt die französische Außenpolitik der letzten Jahre. Er weist in diesem Buche den Regierungen nach, daß sie den Verständigungswillen Deutschlands nicht beachtet hätten, daß sie die Befriedigung Europas verzettelt hätten.
Dieser Jacques Doriot ist ein Trost in der Oede der französischen Politik. Er zieht seine Partei mit Schwung und Elan auf. Er spricht die Sprache des Volkes und das Volk beginnt ihm zu folgen. In ihm und feinen Anhängern, die aus der Arbeiterschaft und aus der Jugend kommen, spüren wir ein anderes und besseres Frankreich. Die Intellektuellen, die politisch Erfahreneren in Frankreich, lächeln heute noch über Doriot. Wenn man in ihren Kreisen nach ihm fragt, wird man verwundert betrachtet. In einer Zeitung lese ich einen Ausspruch von ihm zur politischen Situation. Er gilt für Frankreich, er gilt für den „Sozialismus" der Volksfront und der Sendlinge Moskaus, er könnte als Leitwort und Ergebnis auch über diesen Berichten stehen. Denn er lautet: „Die Welt ift kein Paradies. Wer es dazu machen will, geht am Leben vorbei. Wir wollen arbeiten, wir wollen unsere Pflicht tun, wir wollen Freundschaft und Frieden halten und einem Größeren dienen als uns selbst: unserem großen Frankreich!"
Die Seemacht in den spanischen Bürgerkriegen.
Von Professor Or. Gustav Koloss.
Kein Land Europas ist im letzten Jahrhundert so von Bürgerkriegen heimgesycht worden wie Spanien. Außer häufigen Putschen und Unruhen zählt man außer dem, was sich jetzt auf der Pyrenäischen Halbinsel abspielt, drei große Epochen innerer Wirren, die sämtlich mehrere Jahre gedauert und unermeßlichen Schaden an Gut und Blut angerichtet haben. Die tiefsten Ursachen dieser Erscheinung liegen in der spanischen Geschichte seit Jahrhunderten und können hier nicht erörtert werden, für die lange Dauer der Bürgerkriege ist aber ein Moment deutlich als Ursache zu erkennen: die Verteilung der bewaffneten Macht aufdie Parteien, insbesondere der Marine.
Der erste Bürgerkrieg fällt zusammen mit der nationalen Erhebung gegen die Dy- nastie Bonaparte, die Napoleon im Jahre 1808 nach Entthronung der Bourbonen den Spaniern in der Person seines Bruders Josef aufzwingen wollte. Der größte Teil der Spanier lehnte den landfremden Monarchen, dessen Herrschaft zwar manche zeitgemäße und wohltätige Reformen verhieß, aber doch eine französische Dienstbarkeit bedeutete, ab; der nationale Widerstand wurde unterstützt von englischen Truppen, die in Portugal gelandet waren; hinter Josef stand die gewaltige Macht des französischen Kaisers, der selbst mehrere Monate in Spanien zu Felde zog und dauernd über 100 000 Mann dort unterhielt. Zu Lande war Josef daher seinen spanisch-englischen Gegnern weit überlegen, aber die französische Flotte durfte sich angesichts der absoluten britischen See- herrsckaft gar nicht aus den Häfen herauswagen, und das wurde von großer Bedeutung für den Verlauf des Krieges. Die Anhänger der Nationalpartei in den verschiedenen, oft weit auseinander liegenden Landschaften konnten zur See miteinander in Verbindung treten, für die „Josefinos" blieb nur der beschwerliche Landweg in dem großen straßenarmen Lande übrig, und die Versorgung der französischen Armee ausschließlich zu Lande gestaltete sich überaus schwierig. Por allem mußte Josef, um die wichtigsten Seestüdte wie Cadiz, Cartagena, Malaga und andere in feine Gewalt zu bringen, seine Macht auf mehrere Schauplätze verteilen und verlor damit auf dem Hauptkriegsschauplatze, in Portugal, die Überlegenheit. So trug die englische Seeherrschaft viel dazu bei, daß Wellington, der Kommandeur der englisch-spanischen Armee, die Franzosen unter Masse n a , einem der besten Marschälle Napoleons, entscheidend schlagen unb selbst Madrid erobern konnte. Der Zusammenbruch der Napoleonischen Herrschaft besiegelte dann vollends die Niederlage der Josefinischen Partei.
Noch wichtiger war das maritime Moment i n dem (Earliftenf riege 1833—40. Der Thron- forderer Don Carlos, der auf Grund des bis dahin in der Bourbonendynastie geltenden salischen Gesetzes die Herrschaft seiner minderjährigen Nichte Isabella nicht anerkannte, hatte seinen Anhang in den baskischen Provinzen im Norddsten, also in einem kleinen Teile Spaniens, daneben Gesinnungsgenossen in Katalonien, Andalusien und anderen Landschaften. Eine rationelle Kriegführung mit allen diesen Kräften, sei es durch gleichzeitige Offensive auf Madrid, sei es durch Vereinigung der Streitkräfte zu einer großen Masse, hätten der Madrider Regierung die schwersten Verlegenheiten bringen können, aber dazu war Don Carlos nicht imstande. Er war ganz ohne Schiffe und konnte daber keine regelmäßige Verbindung mit seinen Freunden unterhalten, und damit mar eine einheitliche Leitung, eine gleichzeitige Bedrohung Madrids und
vollends die Vereinigung aller Carlistischer Kräfte auf einen Punkt ausgeschlossen.
An demselben Mangel litt aber auch d i e Regierung Isabellas, da das schlaffe Regiment Ferdinands VII., ihres Vaters, die Marine hatte verfallen lassen. Sie war zwar den Aufständischen an Mitteln überlegen, aber sie konnte, auf die schlechten Landwege allein angewiesen, nur selten eine überlegene Streitkraft zusammenbringen und namentlich nicht durch strenge Absperrung der Häfen jede Unterstützung der Carlisten von außen abschneiden und einen umfassenden Angriff auf ihre Hauptbasis richten. Einem solchen Angriff hätte das kleine Baskenland gewiß erliegen müssen, zumal mehrere Hafenplätze zur Regierung hielten. So konnten sich die Gegner nur durch einzelne Stöße und Gegenstöße bekämpfen, und der Krieg zog sich unter entsetzlichen Greueln lange hin.
Die Wendung brachte endlich das Bündnis der Regierung mit England. Die britische Flotte erschwerte den Carlisten die Versorgung aus dem Auslande, erleichterte den Regierungstruppen den Vormarsch an der kantabrischen Küste und gewährte in mehreren wichtigen Gefechten entscheidende Hilfe durch gelandete Mannschaften. Dank dieser maritimen Unterstützung gewann die Regierung allmählich Terrain, so daß schließlich die Car- liften, von allen Seiten umstellt und eingeengt, den Kampf aufgaben.
Ein Menschenalter später fand eine neue E r - Hebung gegen b i e Königin Isabella, die sich als unwürdige Regentin gezeigt hatte, Armee und Flotte einig, so daß der Sieg der Revolution binnen weniger Wochen entschieden war (1868). Schwieriger war die Herstellung einer neuen Ordnung. Die unsicheren Verhältnisse gaben einem neuen Cariistischen Prätendenten den Mut zu einer abermaligen Insurrektion, mit der sich auch andere Strömungen, namentlich im Süden anarchistische und kommunistische Gruppen, verbanden. Ein großer Teil der Marine hielt zu ihnen, der größte Kriegshafen Cartagena war ihr Hauptquartier, Cadiz und die anderen Seestädte wurden von ihnen bedroht, ihre Einnahme hätte den Rebellen großen moralischen und materiellen Gewinn bringen müssen. Denn in allen Landesteilen hatten sie Gesinnungsgenossen, die dann in geregelten Verkehr treten konnten.
So stand Spanien vor einer schweren Krisis — bedroht von zwei Revolutionen entgegengesetzten Charakters. Zum Glück für das spanische Volk verstanden die radikalen Machthaber im Süden die Gunst der Lage nicht mit voller Energie zu benutzen, so daß die Regierung Zeit zu Rüstungen gewann, und vor allem gerieten sie in Konflikt mit dem Auslande, der ihnen die Seeherrschaft kostete: durch die Verletzung deutscher und englischer Interessen riefen sie das Einschreiten deutscher und englischer Kriegsschiffe unter dem deutschen Admiral Werner hervor. Der größte Teil der aufständischen Marine wurde dadurch lahmgelegt oder zur Unterwerfung unter die Regierung bestimmt.
Mit dem Zusammenbruch der revolutionären Marine war dem Aufstande im Süden das Urteil gesprochen und derselbe internationale Konflikt kam der Regierung im Kampf gegen den eigentlichen Carlismus im Norden zu statten. Wiederum wurden die Carlisten durch eine Blockade — zum Teil durch deutsche Schiffe, da die Carlisten durch Ermordung eines deutschen Kriegskorrespondenten das Deutsche Reich herausgefordert hatten — von der ausländischen Zufuhr zur See abgeschnitten und
durch einen Angriff von allen Seiten niedergeworfen.
Aber auch dieser Krieg hatte wegen der ungenügenden Rüstung der Regierung mehrere Jahre gedauert (1872—76), und der augenblicklich Spanien erschütternde Kampf zeigt in seinem Verlauf ähnliche Züge wie die früheren Wirren, obgleich er aus anderen Anlässen entstanden ist. Zu Anfang konnten die Bolschewisten, denen mehrere Kriegsschiffe zufielen, die Verbindung der Nationalen in den verschiedenen Landesteilen und mit Marokko empfindlich stören, seit dem Herbst vorigen Jahres gewann Franco durch Neuausrüstung von Schiffen das Uebergewicht zur See, und diese maritime Energie übte sogleich einen nachhaltigen Einfluß auf die Kriegführung zu Lande aus. So stark ist die nationale Flotte freilich noch nicht, um die bolschewistischen Häfen vom Auslande völlig absperren zu können: ein solcher Erfolg hätte den WideHtand der Roten binnen kurzem zum Erliegen bringen müssen. Nach den eigenen Erfahrungen wie nach den Lehren der früheren Bürgerkriege wird die nationale Regierung nach ihrem Siege eine vordringliche Aufgabe haben: die Schaffung einer starken zuverlässigen Seemacht. Sie muß dem Ansehen Spaniens nach außen wie der Erhaltung der Rühe im Innern in gleicher Weise zugutekommen.
Kleine voiiiisckre Nachrichten.
In Stuttgart trat der Beirat der Reichswirt- schaftskammer unter dem Vorsitz des Präsidenten Pietzsch zusammen. An der Sitzung nahmen teil Reichswirtschaftsminister Dr. Schacht und Staatssekretär Dr. Posse sowie Ministerpräsident Köhler (Karlsruhe) und der württember- gische Wirtschaftsminister Schmid. Reichsbankdirektor Brinkmann sprach über deutsche Exportpolitik und Ministerpräsident Köhler über Fragen der Rohstoffversorgung.
Der deutsche und der italienische Ausschuß für die Regelung der Wirtschaftsbeziehun- gen zwischen den beiden Ländern haben in München einige Abkommen unterzeichnet, die vor allem auf dem Gebiete des Waren- und Zahlungsverkehrs weitere Erleichterungen zwischen den beiden Ländern bringen.
Im Rahmen einer Arbeitstagung des Reichs- kolonialbundes im Gauoerband Düsseldorf wurde in Anwesenheit des Bundesführers des ! Reichskolonialbundes, Reichsstatthalter General Ritter von Epp, die im Düsseldorfer Zoo geschaffene große Kolonialausstellung durch den Hauptgeschäftsführer des Reichskolonialbundes, Admiral Rümann, eröffnet.
♦
In Berlin ist ein Vertrag zwischen Deutschland und Finnland über Auslieferung und sonstige Rechtshilfe in Strafsachen unterzeichnet worden. Der Vertrag stellt einen wichtigen Beitrag zur Ausgestaltung der Rechtsbeziehungen zwischen den beiden Ländern dar.
Die für. den 27. Mai in Aussicht genommene (Eröffnung des „Goethe-Hauses" in der französischen Hauptstadt ist auf den 28. August verschoben worden. Es handelt sich um die Stiftung des Deutschamerikaners Gustav F. Dutschke an das Deutsche Reich. Das Goethe-Haus soll der Pflege und Forderung der deutsch-französischen Kulturbeziehungen und der Anbahnung persönlicher Beziehungen zwischen Vertretern des deutschen und des französischen Geisteslebens dienen. Das Goethe-Haus ist ein geräumiges Privathaus mit Garten im Mittelpunkt von Paris.
♦
Prinzessin Feodora, die älteste Tochter des Prinzen Harald, des Bruders des Königs von Dänemark, hat sich mit Prinz Christian von Schaumburg-Lippe verlobt. Prinz Christian ist der Sohn der verstorbenen ältesten Schwester des Königs.
Amerikanische Anwälte verkauften Schwachsinnige als billige „Hausangestellte".
Ne uy o r k, 14. SDlai. (DNB.) Die „New York Times" berichtet über Vorkommnisse, die so widerlich sind, daß man sie nio/t für glaubhaft halten würde, wenn ihr Enthüller nicht der Medizinischen Fakultät der John-Hopkins-Universität in Baltimore angehörte. Vor der Psychiatrischen Vereinigung in Pittsburgh erklärt Dr. Kanner: Im Laufe der letzten Jahre hätten gewissenlose Rechtsanwälte unter Zuhilfenahme der Gerichte die Entlassung von 15 Jungen und 15 3 Mädchen aus der Anstaltschule für Schwachsinnige (Training1 School for the Feebleminded) in Baltimore ermöglicht, um reiche Hausfrauen in Baltimore mit billigen Hausange st ell- ten zu versorgen. In allen Fällen sei den Anwälten der Schwachsinn bekannt gewesen. Die Entlassung aus der Anstalt sei ohne Wissen der Eltern bewerkstelligt worden. Die Mädchen seien buchstäblich in die Sklaverei verkauft und oft noch schlimmer behandelt worden. 29 seien der Prohibition verfallen, 6 endeten in Gefängnissen, 17 wurden Träger ansteckender Krankheiten, 51 heirateten und zeugten 165 Kinder, von denen 10 8 schwachsinnig waren, 18 bei der Geburt starben und 30 wegen Vernachlässigung der öffentlichen Fürsorge zur Last gefallen sind. 11 starben wenige Jahre nach der Entlassung an Tuberkulose, Syphilis und anderen Krankheiten. (Einige versuchten Selbstmord, andere wurden zu Mördern an ihren neugeborenen Kindern, wieder andere verfielen dem Rauschgenuß und der Trunksucht.
Zeitschriften.
— In der neuesten Nummer der „Jllustrir- t e n Zeitung Leipzig" gibt Dr. K. Krause eine fesselnd geschriebene, reich illustrierte Darstellung der augenblicklichen Lage in Waziristan (Nordwestindien). Ein Bericht über „Rio de Janeiro, die schönste Stadt der Welt" schließt sich an; dann folgen Bilder von den Hebungen einer italienischen Kavallerieschule. Unter dem Titel „Wie wird man Imkerin?" wird ein Rund gang durch die Hannoversche Landesanstalt für Bienenforschung in Celle unternommen, während eine Doppelseite mit besonders schönen Aufnahmen in das Grenzland Bayrische Ostmark führt.
Chad, ‘blildungin. fütHim u&faae


