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m.lll Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhetzen)Samstag, t5.Mai <937

Lunge deutsche Nation.

pfingstflunde.

Nun hat die Wiese ihre süßen Zeiten und singt der Wald wie eine leise Braut. Am Bachrand liegen wir bei goldnen Weiden, umschwirrt von Bienenton und Grillenlaut.

In deinen Augen lniegeln sich die Sterne der Wucherblume, und dein weiches Haar spürt einen Wind aus eiher Ferne;

wir sehn uns an und wissen, was es war.

Es war ein Hauch, geflüstert in die Stunde, von jenem Geiste, der in allem haust.

Wir fühlen's, wie wir nah sind seinem Munde und wie er selig uns im Herzen braust.

Karl Burkert.

Alles singt mit.'

Singend biegen wir Mädel aus dem BDM.- Lager auf den Marktplatz der kleinen Stadt ein, der schon voller Leute steht. Vor, hinter und neben uns marschiert es noch in hellen Scharen mit. Aus allen Häusern sind die Leute getreten, und wer auf der Straße war und nur irgend Zeit hatte, hat sich uns angeschlossen.

Schon Tage vorher war es an allen Ecken auf bunten selbstgemalten Plakaten zu lesen, daß heute auf dem Marktplatz einOffenes Singen mit dem BDM.-Lager" stattfinden soll. So etwas hat man hier noch nicht erlebt. Um so neugieriger ist alles, zu sehen, was da nun eigentlich vor sich gehen wird. Hitler-Jugend, Jungmädel und Jungvolk sind na­türlich erst recht da. Wir vom Lager reihen uns so ein, daß wir im offenen Viereck stehen.

Schell sind die Ziehharmonikas ausgepackt und die Geigen gestimmt. Damit die Leute, die vorläu­fig noch verstreut herumstehen und ein bißchen miß­trauisch gucken, herankommen und warm werden, gibt es zunächst ein Lied, das alle kennen:Es blies ein Jäger wohl in sein Horn." Mancher von den Umstehenden horcht auf:Na, das können wir doch auch!" Und da singt auch schon einer mit, unbe­kümmert darum, daß ihn daraufhin viele Augen­paare erstaunt ansehen. Ein Jungmädel ruft uns leise zu:Unser Lehrer!"

Wie er so selbstverständlich weitersingt, merken die andern, daß das wohl seine Richtigkeit haben muß. Schon singt die Gruppe um denHerrn Leh­rer" mit Wie der das merkt, unterstützt er gleich die von unserer Gruppe gesungene Gebenstimme mit seinem kräftigen Baß. Das hört sich fein an mit unseren Mädelstimmen zusammen. Wieder treten die Leute näher heran, um noch besser zu hören so, das haben wir ja gerade gewollt.

Nun wagen wir uns an ein Lied, das wir ge­meinsam lernen und fingen wollen. Es ist gar nicht schwer und hat eine lustige Melodie. Man merkt die Bereitschaft zum Mitsingen schon auf allen Gesich­tern.

Fein, wie schnell das klappt! Es war sogar so schön, daß wir es gleich noch einmal hören wollen. Gar nicht lange dauert es, da können alle das Lied.

An der Art, wie die Leute dastehen und uns an­sehen und mitmachen, merken wir, daß wir sie ge­packt haben. Es macht richtig Freude, mit ihnen zu singen.

Das nächste Lied ist ein Wunschlied. Einer hat es sich gewünscht, und die Umstehenden haben es aufgegrisfen:Singen wir doch mal: Wenn alle Brünnlein fließen." Gut, wir werden es singen! Aber weil es alle können, werden wir es so viel­stimmig wie möglich fingen. Jeder singt eine andere Stimme Begeistert wird der Vorschlag ausgenom­men. Freilich, warum soll man nicht auch mal vielstimmig fingen? Das ist doch gar nicht schwer! Und schon haben wir einen wundervollen großen Chor. Als wir Mädel aus dem Lager hinterher darüber sprechen, sind einige von uns der Meinung, daß wir mindestens zwanzigstimmig gesungen hätten.

Da schlägt die Turmuhr auf dem Marktplatz, und wir stellen fest, daß wir schon dreiviertel Stunden fingen. Keiner hat gemerkt, rote die Zeit verging.

Wir müssen jetzt den Uebergang finden zu dem LiedNur der Freiheit gehört unser Leben", das von uns in vielen offenen Singen durch das ganze Land getragen wurde und das jetzt auch hier be­kannt werden soll.

Als lleberleitung hatten wir uns den Kanon Wer wird uns bringen ans andere Ufer" vorge­nommen. Bald ist er auch allen im Gehör, wir fingen ihn einmal und noch einmal. Unmerklich haben wir uns von Klang und Inhalt des Kanons in die Stimmung tragen lassen, die wir für unser Bekenntnislied brauchen.

Nur ein paar Minuten des liebens und schon ist jeder von dem Lied gepackt. Am Klang des Lie­des ist zu hören und auf den Gesichtern zu lesen, daß hier jeder hinter das, was er singt, seinen gan­zen Menschen stellt.

Das Lied ist zu Ende. Da tritt ein Hitler-Junge an uns heran:Jetzt möchten wir gern fingen: .Heilig Vaterland.' Das können hier alle Leute." Die anderen Kameraden haben ihn geschickt.

Wir fingen nun auch dieses Lied. Wir fingen es mit ganzer Hingabe, und wir spüren, daß sie auf alle überspringt, die hier mit uns zusammenstehen.

Dann marschieren die Jugendgliederungen ab und der von Menschen schwarze Marktplatz wird lang­sam leer. Immer wieder treten die Menschen zu uns heran:Wann kommt ihr wieder?" G. K.

Die Salve.

Wir waren schon angetreten, wollten grad' ab­marschieren, da kam Ossi noch angerannt. Wahr­scheinlich wieder mal die Zeit verschlafen.

Mir geht heute alles daneben!" stieß Ossi seinen rechten Nachbar an.Ossi raustreten mach mal ein bißchen Laufschritt du scheinst noch zu­viel Puste zu haben!" befahl der Jungenschafts­führer.

Siehstel" lachte Freddi und durfte gleich hinter Ossi her.

Alle Autos von hinten find Panzerwagen sofort Meldung nach vorn geben wenn ihr eins hört und seht!^ erklärte Karli.

Panzerwagen von hinten!" schrie Klex, obwohl wir gelernt hatten, daß die Meldung in der linken Reihe von hinten nach vorn geht.

Volle Deckung!" wurde kommandiert.

Wir sausten wie die Blitze hinter den Knick und lagen still, bis das Auto kam.

Hüben und drüben lagen wir, und weil uns die Zeit zu lang wurde, fingen wir an, uns mit Sand- fiüten zu werfen.

Aus dem feuchten Sand machten wir Bomben und auf Kommando fausten sie wie Salven nach drüben. Das war pfundig und machte Spaß.

Dabei hatten wir das Auto, denPanzerwagen", vergessen.

Feuern!" brüllte Hannes, und die Bomben platz­ten grab über der Straße. Es kam eine gehörige Ladung ins Auto hinein. Das sahen wir noch. Schnell duckten wir uns. Junge Junge! Wenn der was gemerkt hatte! Hatte er auch! Knirschend bremste er.

Der Mann stieg aus und kam auf den Knick zu. Karli stand sofort auf und ging ihm entgegen.

.Entschuldigen Sie bitte es war ein Ver­sehen!" sagte Karli. .Der Mann war schwer in Fahrt! Wir blieben hinter dem Knick liegen und hörten nur, wie er was vonBeschweren" sagte. Das hatten wir nicht gewollt. Da kam Klex auf eine große Idee. Er sprang auf die Straße und stellte sich vor den Mann.Wir machen Ihnen den Wa­gen auch wieder sauber ganz sauber!" bot Klex an. Da mußte der Mann lachen.

Wir fegten das Auto mit Zweigen aus. Es war allerhand reingekommen. Als der Mann abfuhr, war er wieder auf normaler Tour, winkte uns sogar zu.

Siehste freundlich kommste am weitesten!" brüstete sich Klex. Klas Klasen.

Vor den Zellen angetreten.

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(Aufnahme: Bernd Braumüller. Reichsbildstelle der HI.)

Die Wache.

Steht einer einsam in der Nacht, Mit schwerer Pflicht beladen, Er denkt zurück und an die Wacht Der toten Kameraden.

Er fühlt's, daß einer zu ihm tritt, Soldat aus anderen Tagen, Der schon das Bitterste erlitt.

Und leise hört er sagen:

Kamerad!

Und nur dies eine Wort.

Sie schweigen, und sie schauen.

Der zweite geht, ein Schatten, fort Erst früh beim Morgengrauen.

Herybert Menzel,

Hochbetrieb aus dem Sportplatz.

Regelmäßig ist einmal in der Woche der Sport­platz vom Leben der Jungen erfüllt. Eifrig und bei­nahe ohne Aufhören wird hier für das Leistungs- abzeichen, dort für das Reichsjugendabzeichen geübt, das große Anforderungen an Kraft, Gewandtheit und Ausdauer stellt. Aber wer hätte nicht den festen Willen, mehr als nur das zu tun, was von allen verlangt wird. Und wer wollte nicht gerade, weil mit dem Leistungsabzeichen ein großes Maß vor­bereitender und energischer Arbeit an sich selbst ver­bunden ist, seinen ganzen Stolz daran setzen, es zu erringen!

Nicht in ein festes und schematisches Programm ist der Sportbetrieb der Gefolgschaft gepreßt; zwar ist Zucht und Disziplin oberstes Gesetz, doch hat jeder auch ausreichende Möglichkeit, seiner persön­lichen sportlichen Neigung und Veranlagung nach­zugehen und sie zu entwickeln. Und manchmal ist auch kein Zentimeter des Sportplatzes mehr un­genutzt, überall herrscht das bunteste und lustigste Treiben.

Um großeKanonen" gruppieren sich bewun­dernde und kritisierende Sachverständige und brin­gen ihnen das entgegen, was man mitBeliebt­heit" bezeichnet. Aber Ruhm ist vergänglich, und gerade hier! Ist ein neuer Stern aufgegangen, fällt der alte brutal dem Vergessen anheim, und der stolze Mantel der Bestleistung, den jener eben noch selbstbewußt getragen, gibt nun diesem das be­glückende Gefühl des Erfolges.

Kameraden stehen zusammen: Einer zeigt die beste Haltung der Arme beim Lauf, die anderen üben sie und verbessern sich gegenseitig. Dort trai­niert man Kugelstoßen: Alle Muskeln spannen sich, leicht federnd schwingt der Körper zurück, um dann in jähem Ruck oorzustoßen. Lang streckt sich der rechte Arm, die Augen verfolgen noch für Sekun­den die in weitem Bogen fliegende Kugel. Dann gleiten entspannt die Glieder zur Grundstellung. Mensch!" sagt bewundernd der Kamerad mit dem Meßband und legt an, um die Rekordweite genau festzustellen. Während der Werfer sich freudig die Hände reibt, drängen schon die andern, es ihm nach Möglichkeit gleichzutun.

Aber nicht nur hier beim Kugelstoßen ist Betrieb. Um die Laufbahn zieht mit weit ausholendem Schritt eine Kameradschaft ihre Kreise: ein wenig Hebung für Langstreckenlauf. Am Start erproben vier Jungen das richtige Loskommen für die 100 Meter. Auf dem Spielfeld wickelt sich gerade ein Handball-Kurzspiel ab. Hin, her, rechts, links, schnell wechselt der Ball. Blitzartig ändern sich die Stel­lungen der Spieler. Freudiges Zurufen, kamerad­schaftliches Aufeinandergehen, Kraft in allen Ge­sichtern.

Um 16.30 steigt ein Mannschaftslauf. Aus fünf Scharen, den sportlich besten des Unterbannes, sind je vier Jungen am Start. Sorgfältig sind die Mann­schaften ausgewählt, sind sie doch zugleich die Ver­treter ihrer Gefolgschaften. Richtige Kampfstimmung liegt jetzt über dem Platz, alles drängt herbei, denn diese Angelegenheit verspricht spannend zu werden.

Die Weitzer-Eltern.

Ueberall wird im Fähnlein behauptet, daß die Weitzer-Eltern ganz besonders knorke sind. Und die Pimpfe wissen für diese Behauptung eine ganze Anzahl Beweise. Einmal: wenn einer der beiden Weitzer-Pimpfe sich 'ne Hose oder ein Hemd zer­reißt, bann gibt das zu Haus keineswegs einen großen Krach.Wenn du dir deine Sachen kaputt machst, mußte eben m geflickten rumlaufen", sagt Mutter Weitzer nur und flickt die Geschichte. Und Vater Weitzer meint:Ich hab mir früher meine Hose auck an Lattenzäunen aufgespießt." Oder: als Weitzers Karl tn der Schule beim Fußballspiel neu­lich die Scheibe eingeschossen hat, da gab es von Vatern nicht einmal Ohrfeigen.Abstottern vom Taschengeld", lautete das Urteil. Im Grunde wäre eigentlich eine Ohrfeige leichter zu verschmerzen ge­wesen. Ober so fühlt man sich doch selbständiger, gewissermaßen mehr anerkannt

Nur über eins hat Vater Weitzer vor kurzem geschimpft: darüber, daß sein Jochen das Leistungs- Abzeichen nicht gleich beim erstenmal gepackt hat. Ein Pimpf ohne Leistungs-Abzeichen ist kein Pimpf. Und ich will ganze Pimpfe haben. Nimm dir ein Beispiel an Karl!"

Schwer trainieren mußte der Jochen seitdem. Doch eigentlich hat es ihm selbst Spaß gemacht, daß sich sein Alter" so um jeden Zentimeter Fortschritt ge­kümmert hat. Bei jedem größeren Erfolg hat der Väter sich mitgefreut, als hätte er in der Lotterie ge­wonnen. Da wars denn am Ende gar nicht mehr allzu schwer, die Bedingungen zu erfüllen. Nachdem der Papa persönlich das Training geleitet hatte!

Wenn mal irgendwo über Pimpfe gemeckert wird, bann zuckt Frau Weitzer nur mit ber Achsel:Ein wenig schief geht ja überall mal etwas. Unb was sich die Leute schon erzählen, bas ist zumeist nicht alles golbene Wahrheit

Braucht ber Jungzugführer einen Rat ober eine Hilfe, bei Vater Weitzer findet er das immer.Na, wo fehlt's denn roieber? Hat sich roieber so ein schrulliger Onkel beschwert? Ober habt ihr was ver­brochen unb wißt euch nicht zu helfen? Was? Bei ber nächsten Fahrt können drei Jungen kaum mit­kommen wegen ber Kosten? Ich muß zwar für ben Jochen unbben Karl schon bezahlen, aber bie brei Mark, bie kann ich dir noch extra zugeben. Und

dann will ich mal bei uns im Geschäft sehen, da sind so em paar ,Finanzmänner* ..."

Wirklich, auf die Weitzer-Eltern ist das ganze Fähnlein stolz.

Und wenn jemand den Vater Weitzer nach feinen Kindern fragt, dann sagt er nur:Meine Söhne, das sind Pimpfe ...!"

Kleines pa aver am Laaerfeuer.

Sofern du weiter nichts dagegen hast, dreht es sich hier um ein kleines Palaver am Lagerfeuer! Ich für meine Person finde Gefallen an einer schlaflosen Nacht, zusammen mit dem allgütigen Mond um die Ohren geschlagen, derweil in den Zelten rundherum die Kameraden in den scheuß­lichsten, rasselnden Dissonanzen ihre Sägewerke ein­geschaltet haben. Und im Falle, daß du auch Ge­fallen an der Sache finden solltest, so geruhe ich mir eine aus aller Menschlichkeit herausgefallene Frechheit zu erlauben:

Sallam! Gott grüße dich! Hier ist mein Feuer, das zu erhalten meine Pflicht ist. Hier ist ein Platz für dich. Bitte! Auch mußt du dir darüber klar sein, daß das kein Grund zum Krachmachen ist, wenn ich dich mitternächtlicherweise zu einem kleinen Palaver an mein Feuer labe. Außerbem wäre es bestimmt kein schöner Zug von bir, unb wenn bu jetzt spektakeln willst, so hebe bich hinweg! Sallam!

Unb so bu mir vorwirfst, eine Nacht am Lager­feuer mit ihrem ganzen Drum unb Dran wäre eine sentimentale Orgie, so muß ich bir sagen, baß bu ein siebenmalburchgebrehter Schafskopp bist, ber trotz feines vorgeschrittenen Alters noch nicht weiß, baß man bas mitunter braucht, um jenen inneren Gleichklang roieber herzustellen, ben man in ber Unrast unb Raserei zwischen ben enblofen Fassaben- fronten unb Steinquabern ber großen Stadt so schwer finben kann.

Entschuldige! Aber in Zukunft laß mich gefälligst auch in Ruhe.

Uebrigens wirb es schon bas beste sein, bu ziehst beine Quanten genau so an, wie ich, beine Füße meine ich, unb, wenn es bir weiter nichts ausmacht, so stecke auch beinen Kopf bazwischen. In Anbe­tracht bieser ausgefallenen Palavers mürbe ich bir noch sehr gern einen fetttriefenben Bärenschinken angeboten haben etwas Holz kannst bu auflegen

, aber vielleicht tut es auch eine Kommisbrot- schnitte mit Schmalz, unb, falls bu befonberen- Wert barauf legst, so befinbet sich in ber Dose rechts neben bir noch ein kleines bißchen Salz. Es wird noch für eine Schnitte reichen. Feines Kochsalz. Och, nichts zu banken! Ich habe auch schließlich noch eine halbe Gurke ba, im Affen. Wenn bu willst, hole ich sie rasch aus bem Zelt. Aber sie ist ein wenig platt, weil ber Fietje in ber vorigen Nacht barauf geschlafen hat. Wenn bu sie willst..

Wenn bu fertig gegessen" hast, bann fasse einmal bas Feuer ins Auge. Siehst bu, wie es erst äugt, bann blinzelt?'Aeugt. Blinzelt. Aeugt. Erlischt. Aeugt roieber. Unb nun ist es vollkommen aus.

Ach, laß es! Es ist schon besser so. Die Schatten verlieren bann auch ihre grotesken, wesenhaften Formen unb ruhigen Gewissens kannst bu ein Auge riskieren. Denn es ist urkomisch, rote nachts alles wesenhaft wirb: bie Bäume, bie Schatten, auch bie Wolken unb ber Monb.

Unb was ben letzteren betrifft, so nimm Kennt­nis, baß er wie ein fahles, zerrissenes Totengesicht zwischen ben Zweigen einer kleinen Birke hängt, burch bie bavorhängenben Zweige unb Blätter selt­sam menschlich verzerrt. Gestern nistete er wie eine mübe aufgeblühte Mohnblume in berselben Birke, erst zartrosa, später bumpfrot wie ein Lampion. Am Morgen hat er ausgesehen wie ein schlecht- geputzter, rostiger Türknopf.

Komm, laß ihn sausen, den Monb! Heute nacht macht er keinen erhebenden Einbruck. Drehen wir uns herum, baß er uns nicht mehr mit seinen bleichen Lichtfingern im Gesicht herumfuchteln kann.

Blick auf bas Zifferblatt. Dreiviertel eins. In einer Viertelstunbe ist Rvnbe. Hehe! Du! Mensch, schlaf mir hier nicht ein! Sieh dir zum Beispiel aus lauter Spaß und Dvllerei mal die weiße Dunst­kulisse an, die sich da oben am Waldrande entlang­schiebt. Oder links daneben die Wolke! Wetten mir, daß du etroas Derartiges noch nie gesehen hast? Eine derartige Wolke? Zwischen den bizarren Ge­stalten zweier Birken hängt sie, wie ein abge­hauener Mohrenkopf mit zwei, drei dicklippigen Mäulern übereinander. Die zwei großen Augen sind fahl wie der Himmel im Westen oder wie ge­blichenes Gebein.

Mensch! Na, hör mal! Du schnarchst ja wahr­haftig! Was, bu hättest nicht geschnarcht? Haha!

Da sägt ber mir hier taktfest wie nur möglich ben bicksten Stamm zusammen unb behauptet, haha, er hätte nicht geschnarcht. Ach, geh mir weg. lieber* Haupt wäre es schon besser, wenn bu nach Hause gehen würbest, bich in beinern Bett zusammenrollen unb mit beinern bicken Zeh spielen würbest.

Ich für meine Person bin eben mehr so für eine Nacht braufeen unter ben Sternen, mit ber ganzen vielstimmigen Fülle einer nächtigen Lanbschaft um mich herum.

Genau so, wie es auch jetzt meine Sache ist, bich auf bie Ströme herben Geruches aufmerksam zu machen, bie bie Erbe ausatmet. Sie finb ein wenig schwer unb süß unb verwirrenb wie ein Duftrausch aufgeblühter Glyzinen. Unb wenn ein kleiner Winb burch bie Nacht hoppelt, bann riecht es nach allem Möglichen. Nach Hecken roilber Rosen riecht es, nach Hausen frischgeschnittenen Heus, nach säuer­lichem Walbboben, Fichten, triftigen Wiesen unb nach bem Wesen jener Nächte, in benen man an= fängt, bie Erbe zu begreifen unb zu lieben. Unb stets, wenn ein gemächlicher Winb hier vorüber ge­hoppelt ist, ist es, als bliebe jebesmal ein heim­liches, leises unb verwirrtes Lachen in ben Zweigen ber kleinen Birke vor uns haften.

Aha, siehst bu, bu schläfst schon roieber einmal. Nein, es ist nicht schön von bir. Betrachte meine Person zum Beispiel. Hingegeben bieser Nacht hocke ich ba an einem Feuer, bas aus ist, friere erst vor vor, ich glaube, vor lauter Nacht unb Einsam­keit. Unb erst, als ich später so ein Malheur von Mensch wie bich zu einem kleinen Palaver an mein Feuer labe, eine Hymne in bie Nacht finge, ba habe ich mich ein bißchen umgesehen, nach Lee unb Luv geschnuppert unb ben aufEommenben Nacht­stimmen gelauscht, bie runbherum aufquirlen, wie ,3arte, zerwehte Sonetten, wozu bie Unken ben tieferen Begleitton läuten. Es fügt sich gut ein, bas Läuten, in bas Geflöt, Gezirp, Geschluchze und Gegeig derer, bie ba fleuchen unb kreuchen.

Bim, bim, bim, bim!

Boom!

Ein Uhr! Blick auf bie Uhr. Tatsächlich: ein Uhr! Ich muß jetzt... aber Kerl! Hebe bich hinweg! Liegt ber ba unb bremst! Pfui! Ich muß jetzt auch die Runbe machen. Befehl bleibt Befehl. Pfui, hebe bich hinweg! Frajof.