Ausgabe 
14.4.1937
 
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Nr. 86 Erstes Blatt

187. Jahrgang

Mittwoch, 14. April M7

Gießener Anzeiger

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Frankreichs schwerste Stunde

Bor 20 Jahren begann an der Westfront eine der blutigsten Schlachten des Weltkrieges: die D o p - pelfchl'acht an der Aisne und in der Champagne vom 16. April bis 27. Mai 1917. In der Rückschau auf diese Frühjahrsschlacht treten heute manche Erschein-ungen und Folgerungen klarer Dor unser Blickfeld. Sie zeigen uns, daß damals vielleicht eine große Stunde verpaßt wurde. Die Situation zu Eingang des Jahres 1917 war für die Mittelmächte trotz des Sieges über Rumänien nicht gerade gut zu nennen. Für die deutsche Heeresleitung ergab sich die Notwendigkeit, das er­starkte Stellungssystem im Westen durch eine elastische Verteidigung" zu ersetzen. In einem kühnen Entschluß, dessen Folgen zunächst noch nicht abzusehen waren, mußte durch Rück­nahme der Front eine Verbesserung der Abwehr­stellung durchgeführt werden. Die Einbuchtungen und Vorsprünge, die in der Sommeschlacht entstan­den waren, verlangten eine Begradigung. Aus der Notwendigkeit wurde eine geniale strategische Be­wegung, als die deutsche Heeresleitung am 16. März die Truppen mit unerreichter Schnelligkeit und disziplinierter Ordnung in die im Winter vorbe­reiteteS i e g f r i e d st e l l u n g" überführte.

Nur auf diese Weise gelang es, die große Früh­jahrsoffensive, die von dem neuen französischen Oberbefehlshaber, General Ni o eile, feit langem geplant und nun mit aller Kraft durchgeführt wurde, nicht nur aufzufangen, sondern die feindlichen Heere im Vorgelände in von den Franzosen unbemerkt verlassenen Stellungen verbluten zu lassen. Als Nioelle merkte, daß der ursprüngliche Offensivplan durch die Zurücknahme der deutschen Stellungen zerstört war, ging er sofort zu neuen An­griffsbewegungen über. Gegen den Wider­stand des französischen Kriegsministeriums und ein­zelner Unterführer wußte Nivelle seine Pläne durch­zusetzen. Am 2. April eröffnete Marschall H a i g das siebentägige Vernichtungsfeuer. Am 6. April i entbrannte auf der ganzen, etwa 60 Kilometer langen Front, die Artillerieschlacht. Am Abend des 15. April endlich gab General Nivelle den Angriffs­befehl. Die feindlichen Heere hatten anfänglich ge­wisse Erfolge, doch wie Haig schon binnen drei Tagen die Erfolglosigkeit seines Vorstoßes einsehen mußte, so gelang es auch den fünf Armeen Nivelles etwa 1,5 Millionen Soldaten in 55 Divisionen mit 5500 Geschützen und 200 Tanks nicht, die deutsche Front zu durchstoßen. Schon am zwei­ten Tag stockte der Angriff und nutzlos schien jedes weitere Anrennen gegen die starke Ab­wehrstellung der Deutschen. Die Operationen der nächsten Wochen brachten nur einen unbedeutenden Geländegewinn, das war der einzige Erfolg. Und als die Deutschen am 7. Mai sogar zum Gegen­angriff übergehen konnten, da hatten die Eng­länder mit 180 ÖOO und die Franzosen mit 130 000 Verlusten eine der größtangelegten Offensiven ver­loren.

Das warFrankreichs schwerste Stunde". Nivelle -wollte nicht zugeben, daß sein Durchbruch ebensy gescheitert war wie der seines Vorgängers Joffre. Er glaubte, unbekümmert um die entsetzlichen Blut- vpfer, zu neuen Vor st äßen rüsten zu können, als ihm von einer Seite Halt geboten wurde, an die er am wenigsten gedacht hatte. In vielen Divi­sionen des französischen Heeres brachen schwere Meutereien aus; die Presse und das Parla­ment liefen Sturm gegen die rücksichtslose Kriegs­führung Nivelles, und am 15. Mai mußte Pain- l e d e , der französische Kriegsminister, Nivelle sei­nes Amtes e n t h e b e n.' Die französische Oeffent- tichkeit war durch diese nutzlosen Blutopfer unge­heuer erregt Noch während der Schlacht hatte ein französischer Abgeordneter, der die Front besuchte, einen dringenden Appell an den Kriegsminister ge­richtet, von der Hoffnungslosigkeit einzelner Gene­rale berichtet und ausgerufen:Noch sind erst 27 Divisionen geopfert worden, noch sind 32 Divi- ! sionen zu retten. Bewahren Sie, Herr Minister, die Blüte unserer Armee vor nutzlosem Verbluten und befehlen Sie die Einstellung des Angrifts!" Die Regierung weigerte sich jedoch, dem Generalstab n den Arm zu fallen. Unmittelbar aufmerksam auf diesen Fehlschlag wurde die französische Bevölke­rung, als auf dem Pariser Nordbahnhof ein La- zurettzug längeren Aufenthalt nehmen mußte. Die Menge, die die ersten Sieger vom Chemin des Dames begrüßen wollte, sah hier zum erstenmal i»a5 unerbittliche Antlitz des Krieges, schmutzstar- renbe Männer mit blutbefleckten Notverbänden, manche sogar mit offenen Wunden. Das französische Oberkommando hatte mit einem Abgang von 10 000 verwundeten gerechnet, aber bereits in den ersten Neun Schlachttagen wurden in den überfüllten Feld­lazaretten, in denen sich chaotische Zustände ent- öicfetten, über 100 000 Verwundete ge- .öhlt.

Als diese Dinge durchsickerten, wuchsen die Meu- isreien innerhalb der für den weiteren Angriff be- jrimmten Dvisionen, und selbst die strengsten Maß­nahmen der Heerführer konnten nicht verhindern, laß zahlreiche Kontingente die Waffen wegwarfen. Unterstützt wurde diese Aufstandsbewegung durch len Beginn der bolschewistischen Revolu­tion, die ihre Wellen auch nach Frankreich schlug. Wie ein Alpdruck lastete in diesen Tagen auf der ftanzösischen Heeresleitung die Frage: Wird es ge­legen, die Meuterei vor dem Feind geheimzuhal- fen? In dem Ministerrat mußte der Kriegsminister kennen, daß zwischen Soisson und Paris im Augenblick nicht mehr als zwei zuverlässige Divi­sionen standen. Die pazifistische Propaganda hatte sch vervielfacht. Die Lage in einzelnen Departe­ments war zeitweise so bedrohlich und die Haltung d>r dort in Garnison stehenden Bataillone so zwei- f lhaft, daß Senegalneger angefordert werden muß-

Der Kunstbeirachter als Propagandist deutscher Kultur.

Vorträge auf der Bochumer Theatertagung der HI.

Unter den während der BvchumerTheater- tagung der HI. behandelten aktuellen Fragen war die der Kunstbetrachtung von besonderem In­teresse. Ueber das Prinzip der Kunstbetrachtung im Sinne des ministeriellen Erlasses sprach Pg. Kör­ber vom Propagandaministerium. Durch die Stel­lung des Kunstbetrachters zwischen Volk und Kul­turstand sei er ein Propagandist für die deutsche Kultur geworden. Diese Entwicklung von dem unter der liberalistischen Pressefreiheit oft würdelosen Zustand bis zur heutigen Berufung des Schriftleiters habe mit der Schaffung einer zeit­gemäßen, die Kunst fördernden Kunstkritik einen Schlußstein erhalten. Zwischen Künstler und Schrift­leiter sei dadurch das Verhältnis einer Kamerad­schaft hergestellt, der alle Eigenschaften der besser- wissenden oder gar bösartigen Kritik fehlen. Damit werde auch der im Ausland sogar erhobene Vor­wurf, es werde jede kritische Aeußerung in Deutsch­land niedergehalten, zurückgewiesen. Kunstbetrach- tung sei eine Angelegenheit des Könnens, des Cha­rakters und der inneren Berufung, nicht ein Kampf gegen, sondern für und mit d em Künstler. Wie sie beschaffen sein soll, dafür könne eine Norm nicht aufgestellt werden, hier gelte das Wort: Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nie erjagen." Aus den Reihen der HI., so schloß Pg. Körber, wachse der vollkommene Kunstbetrachter heran, de­ren es heute schon eine ganze Anzahl gebe.

Dann sprach der Chefdramaturg des Bochumer Stadttheaters, Walter Thomas, über die Kunst­betrachtung vom Standpunkt des Theaters aus. Er verlangt den Kunstbetrachter, der sich in den Dingen des Theaters auskennt und für das Theater ein Herz mitbringt. Aus den Erfahrungen der jour­nalistischen Praxis heraus kam Wolf B r a u m ü l - ler zu der Feststellung, das Primäre einer Kunst­betrachtung sei der Charakter, den ein Werk auf das Ethische der nationalsozialisttschen Weltanschauung hin in sich trage.

An die Referate schloß sich eine rege Aussprache, in der Obergebietsführer Cerff grundsätzlich er­klärte, die HI. suche ihre Forderung, an der Ge­

staltung der deutschen Kultur mitzuwirken, weder mit machtpolitischen Ansprüchen noch rein organisa­torisch zu begründen, sondern mit der leidenschaft­lichen Hingabe, mit dem Zuführen neuer Kräfte in das große Werk der deutschen Kultur. Er bekannte sich unter stärkstem Beifall zu dem Grundsatz einer einheitlich deutschen Kultur. Ihre Mittler und Ver­mittler müßten in erster Linie vom Wollen und von der Gesinnung getragen sein.

*

Eine Rede des Geschäftsführers der Reichstheater­kammer, Gauleiter Frauenfeld, behandelte die praktische und organisatorische Arbeit der Reichs­theaterkammer. Darüber hinaus gab sie einen inter­essanten Einblick in die Nachwuchserziehung in den Bühnenberufen. Schließlich betonte Gauleiter Frauenfeld, daß der Schauspieler nicht nur die fachlichen Voraussetzungen seiner Rollen kennen, sondern auch auf geistigem und weltanschaulichem Gebiet seinen Mann stellen müsse. Jugend und Kunst, so betonte Frauenfeld weiter, sind eine Frage, die besonders betrachtet werden muß. Es ist nicht richtig, wenn zwischen diesen beiden ein Kom­promiß geschlossen wird. Alter ist Weltbe- trachtung, Jugend aber i[t Weltgestal- tung! Das Alter will auf der Bühne eine Ergän­zung seines alltäglichen Lebens, die Jugend will aber die Steigerung ihrer Begeisterung. Nicht nur in ruhigen, sondern auch in kämpferischen Zeiten bemächtigt sich die Jugend des Theaters. Zur Frage des Kunsterlebnisses führte Gauleiter Frauen­feld aus, daß bei unseren Großeltern und Urgroß­eltern ein Kunstwerk noch ein äußerst einprägsames Erlebnis gewesen ist allein deshalb, weil es diesen Menschen selten geboten wurde. Die Einprägsamkeit dieses Kunsterlebnisses war ihr ganzes Leben hin­durch wirksam. Auch in der Kultur haben wir die Möglichkeit, uns bei Fröhlichkeit und Lachen zu er­holen, ahne uns deshalb Vorwürfe oder Gewissens­bisse machen zu müssen. Mag unser Volk an ma- ttittellen Gütern auch noch so arm. fein, schloß Gau­leiter Frauenfeld, uns bleibt doch als kost­barster Schatz unsere Kultur und unsere Kunst.

Deutschland und die Weltwirtschaft.

Der Reichsfinanzminister spricht in Kopenhagen.

Kopenhagen, 13. April. (DNB.) Zu Ehren des Reichsfinanzministers Graf Schwerin von Krosigk gab Außenminister Dr. Munch Dienstag mittag ein Essen, zu dem außer dem deutschen Gesandten der dänische Finanzminister Haussen und Land- wirtschastsminister B o r d i n g geladen waren.

Der Reichsfinanzminister sprach am Dienstag­abend vor der Deutsch-Dänischen Kulturvereinigung in Kopenhagen über deutsche Finanz- und Wirt­schaftsprobleme. Der Minister schilderte zunächst die besondere Lage, in die Deutschland durch die sinn­lose Nachkriegspolitik geraten sei. Die beim Zu­sammenbruch der Reparationen übriggebliebene Auslandsschuld von etwa 22 Milliarden Reichsmark konnte auf dem an sich gegebenen Wege, nämlich der Leistung zusätzlicher Güter und Dienste, nicht abgetragen werden. Das gleiche müsse auch für die noch jetzt bestehende Auslandsverschuldung ange­nommen werden, die zur Zeit etwa die Hälfte aus­mache. Deutschland könne die Schwierigkeiten für feinen Außenhandel oder seine Rohstoffversorgung nicht durch einseitige Handlungen, z. B. monetäre Maßnahmen, beseitigen. Es sei nicht nur mit der zu hohen Auslands­verschuldung belastet, sondern besitze auch keine Gold - und Devisenreserven zum Abbau des bestehenden Schutzsystems. Die Erfah­rungen der letzten Währungsangleichungen feien wenig ermutigend gewesen. Der Minister gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß Deutschland durch tech­nische Vervollkommnung bestehender und Erschlie­ßung neuer Rohstoffquellen im eigenen Land einen Beittag zur Lösung des Weltproblems gerech­

terer Verteilung der Roh ft off g rund­lagen liefern und dadurch dem wirtschaftlichen und politischen Frieden der Welt dienen würde.

Der Minister ging sodann auf die Umwälzung ein, die die Wiederingangsetzung der Produktion in Deutschland mit sich gebracht hätte, und wies auf die finanz- und kreditpolittschen Maßnahmen und Erfolge, die sich hieraus ergeben hätten, hin. Diese Erfolge seien nicht auf ein Wunder", sondern auf die einheitliche Len­kung und den ziel bewußten Einsatz der vorhandenen Kräfte und Möglichkeiten zurückzu­führen. Trotz der neu hinzutretenden riesenhaften Aufgabe der Wiederwehrhaftmachung Deutschlands und der dadurch bedingten neuen Spannungen sei die Kreditausweitungsgrenze nicht ungebührlich überschritten worden. Diese Grenze sei bedingt durch die Steigerungsfähigkeit der Gesamtproduktions-, Verbrauchs- und Arbeitskraft des Volkes, aber auch durch die Entschlossenheit, eine neue Inflation zu vermeiden. Eine bessere Rohstoffvertei­lung könne wesentlich zur Milderung der Span­nungen beitragen. Der Minister schloß mit einem Appell, der deutschen Lage Verständnis ent­gegenzubringen, da ohne gegenseitiges Verständnis wirklicher Friede in der Welt nicht möglich sei. Deutschland wolle sich als gleichberechtigte Nation in friedlichem Wettbewerb mit anderen Volkern einen angemessenen Lebensspielraum sichern. Wenn auch die Methoden umstritten seien, das Ziel selbst könne nicht beanstandet werden.

ten. Die revolutionäre Agitation in Frankreich drohte Regierung und Volk sowie das Heer voll­kommen lahmzulegen.

Es ist später P e t ai n gelungen, in der verzwei­felten Armee die Moral und Disziplin durch harte Maßnahmen wieder herzustellen. Die Frage ergibt sich, warum auf deutscher Seite diese schwerste Stunde Frankreichs nicht zu einem ent­scheidenden Gegenangriff ausgenutzt wurde. Bei einer solchen Betrachtung ist zunächst festzu­stellen, daß man auf deutscher Seite leider nicht über die Tiefe und den Umfang der moralischen Kata­strophe auf der Gegenseite unterrichtet war. Frank­reichs Schicksal hing in diesen beiden Monaten Mai und Juni 1917 an einem seidenen Faden. Es war eine Verkettung schicksalbaft bedingter ober unglück­licher Umstände, die Deutschland hinderten, die Stunde zu nutzen. Die deutsche Oberste Heereslei­tung hatte sich im Winter 1916 entschlossen, im Westen defensiv zu kämpfen und sich auf keine Experimente einzulassen. Ludendorff selbst schreibt in seinen Kriegserinnerungen, daß die D. H. L. erst spät den Umfang der französischen Ohnmacht klar gesehen habe. Aber die allgemeine

Hochspannung ließ die O. H. L. nicht zu dem Ent­schluß kommen, einen Durchbruch auf Paris zu ver­suchen. Die ungeheure Belastung, der Führung und Truppe auf deutscher Seite im dritten Kriegsjahr ausgesetzt waren, ergibt sich aus der Schilderung Ludendorffs über diese Monate, in der er u. a. sagt: Im April und Mai des Jahres 1917 hat uns trotz unseres Siegens in der Aisne-Champagne-Schlacht allein die russische Revolution vor Schwerem be­wahrt". Noch bedeutungsvoller aber war die Tat­sache, daß gerade in diesen Tagen, als der franzö­sischen Republik der Boden unter den Füßen wankte, dem Präsidenten Poincarä die Doku­mente in die Hand gespielt wurden, die den Kriegs­verrat belegen, der von Kaiser Karl und seinem Schwager, dem Prinzen Sixtus van Bourbon- Parma in die Wege geleitet wurde. Nicht minder kamen einer Erholung Frankreichs nach diesen schweren Schlägen die Diskussionen der deutschen Mehrheitsparteien über die Kriegsziele und den Verständigungswillen" zustatten.Krieg, nichts als Krieg", das war die Parole, die Cl^menceau angesichts dieser Tatsachen in der Kammer ausgeben konnte.

Bilder aus dem Norden.

Von unserem B.-Berichierstailer.

Nachdruck verboten!

Kopenhagen, April 1937.

Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf den Tischen meinen die dänischen Karikaturenzeichner. Der dänische Staatsminister S t a u n i n g ist zu offiziellen Besuchen nach Lon­don gereist, und schon liegen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in den Haaren. 100 000 Arbeiter hatten sich schon zum Streik gerüstet, weil die Arbeitgeberverbände einen Vermittlungsvorschlag des Schlichters abgelehnt hatten. Die Arbeiter waren mit dem Vorschlag einverstanden gewesen» das heißt vielmehr: ihre Gewerkschaften. Auf der Grundlage dieser einseitigen Ablehnung sollte also Dänemark in Arbeitsunruhen gestürzt werden, die wahrscheinlich katastrophale Folgen für das Land gehabt hätten. Stauning hatte nicht viel Ruhe am ersten Tage seines englischen Aufenthaltes. Die Pausen zwischen den diplomatischen Frühstücken mußte er zu Telephongesprächen mit seiner Regie­rung benutzen, und das Ergebnis war, daß das Kabinett wie schon im Vorjahr durch ein Aus­nahmegesetz den Streik verbot und auch die Arbeitnehmer zur Annahme des Schlichtungs- Vorschlages zwang.Nazimethoden" heulten di- Kommunisten, aber sonst ist natürlich das ganze Land mit dieser vernünftigen Losung des Konflikts hochzufrieden. Dänemark hat schon Schwierigkeiten genug, seine Wirtschaft nach allen Seiten abzu­balancieren, und ein Massenstreik konnte gerade noch fehlen.

Auch König Christian von Dänemark hätte sich für sein 25jähriges Regierungsjubiläum, das er am 15. Mai begeht, wahrscheinlich nicht gerade ein in Streikkämpfe verwickeltes Volk gewünscht. So aber sieht es ganz so aus, als sollte sich dieser Gedenktag zu einer wirklich nationalen, überpartei­lichen Kundgebung gestalten. Der König ist über alle Maßen beliebt, seine Einfachheit, sein Witz, seine Ruhe sind Eigenschaften, die alle Dänen wenn sie sie selbst nicht haben jedenfalls bei an­deren bewundern. Die letzte Anekdote vonChri­stian" erzählt, daß der König im Schlosse Kron­borg Hamlets Schloß von einem allzu kecken Jungenangef'allen" wurde, der ein Autogramm erbat.Ich kann leider nicht schreiben, mein Junge", sagte der König fteundlich und ging weiter, wäh­rend dem kleinen Dänen der Mund offen stehen- blieb.

Einen sehr gefährlichen Unfall, der ihm in diesen Tagen zustieß, klärte König Christian durch seine Geistesgegenwart Auf einer seiner täglichen Spa­zierritte durch die Stadt scheute das Pferd und stürzte, der König wurde auf den Fahrdamm ge­schleudert, er konnte gerade noch verbindern, daß er unter das Tier geriet. Ohne eine Miene zu ver­ziehen, stand König Christian auf, belehrte nicht sonderlich unfreundlich einen Bäcker, der durch das heftige Zuschlägen einer Autotür den Unfall ver­schuldet hatte, über den begangenen Fehler, bestieg das nervöse Pferd und ritt weiter. Eine Röntgen­untersuchung zeigte, daß die eine Schulter erheblich verletzt war. Trotzdem.ritt der König am nächsten Tag wie immer spazieren. Und das gefällt den Kopenhagenern verständlicberweise ausnebmend gut. Dieser berühmte tägliche Spazierritt wird in einem Film festgehalten werden, der anläßlich des Jubi­läums gedreht wird, und der das Leben des Königs darstellen soll. König Christian reitet dazu einen andern Weg durch die Stadt, der Weg wird so ge­legt, daß die bekannten und besonders schönen Bau­werke Kopenhagens, das Rathaus, das Schloß Amalienborg, die Börse als Hintergrund erschei­nen ... immer praktisch .

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Eine große Rolle spielen in der dänftchen Haupt­stadt die Fremden, die Kovenhagen besuchen. Jede Zeitung hat einen Spezialisten, dem die Aus­forschung der Besucher und die Klarlegung ihrer Anschauungen über Politik, Liebe und dänisches Butterbrot obliegt. Ein Zittern ging durch den zar­ten Leib Kopenhagens, als dieser Tage die Tatsache bekannt wurde, daß der berüchtigteTiger K i d", ein früherer ..Mitarbeiter" des amerikanischen Gangsters Al Capone in Dänemark aufgetaucht sei. Dennoch fanden sich hundert unerschrockene Kopenhagener, die das Hotel des Gangsters belaaer- ten, um ihm evtl, zu Diensten sein zu dürfen. Der merkwürdige Besucher hatte nämlichunter der Hand" mitteilen lassen, daß er auf amerikanischen Banken ungezählte Millionen liegen habe, die auf die Abholung warteten. Er selbst könne leider nicht in die USA. zurück, aus naheliegenden Gründen nicht, aber er wolle einem Dänen gern die not­wendige Vollmacht übergeben.

Die Begeisterung über dieses großzügige Ange­bot schwand schnell dahin, als bekannt würde, daß die Volizei im La"fe einer Unterredung mit dem Freund Capones festgestellt hatte, daß er im Besitz eines Barkapitals von 2.50 Kronen sei. ..Große" Verbrecher müssen Geld haben, sonst können sie nicht imponieren, und tief enttäuscht verließTiger Kid" den trockenen Baden Däne­marks. während sich die Dänen neuen Sensationen zuwandten.

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Eine große, wenn auch recht unerfreuliche Sensa­tion bot dar dautsch-dänisch" Bor abend, der vom Sportklub Hermod in Kopenhagen ver­anstaltet wurde. Im Mittelnunkt des Abends stand die Begegnung des deutschen Olymviasieaers int Schwergewicht Herbert Rung e' ((Elberfejb), der zum Gegner den alten Kämven Peter Jöraen- s e n erhalten hatte. Zur Freude des Publikums begann das Treffen sehr harmonisch und idyllisch: