Ur. 266 (Elftes Blatt
187. Jahrgang
Samstag, 13. November 1937
Lrlchemi räg lich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild • Die Scholle Monats-Bezugspreis:
Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr „ -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt
Zernsprechanschlüffe unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen
Postscheckkonto:
Zranlfurt am Main 11688
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhefsen
Druck und Verlag: vrühlsche Univerfitätsdruckerei R. Lange in Liehen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8'/,Uhr des Vormittags
Grundpreise für 1 mm höhe
für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text- anzeigen von70mm Breite 50 Rpf.'Platzvorschrist nach oorh.Vereinbg.250/o mehr.
(Ermäßigte Grundpreise:
Stellen-, Vereins-, gemein- nützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 Rpf., Familienanzeigen, Bäder-, Unterrichts- u. behördliche Anzeigen 6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B
Chamberlain kündigt neue außenpolitWeZniüativeEnglands an
Es muß eine neue Anstrengung gemacht werden, um die Befürchtungen und Verdächtigungen zu beseitigen, die zwischen den Völkern stehen.
Ausstrahlungen.
Auf dem traditionellen Appell der alten Garde der NSDAP, im Münchener Bürgerbräukeller am Vorabend des 9. November stellte der Führer in seiner Ansprache an seine alten Mitkämpfer von 1923 die Steigerung des deutschen Ansehens in der Welt während der fünf Fahre nationalsozialistischer Führung der deutschen Außenpolitik der Ohnmacht und Isolierung des Zwischenreichs gegenüber und erklärte „Deutschland ist heute nicht mehr vereinsamt. Wir alle haben die glückhafte Zuversicht. daß die Isolierung, die uns mehr als fünfzehn Jahre lang umgab, beendet ist. Und zwar nicht nur durch eine nichtssagende Teilnahme an unbedeutendem Völkergremien, sondern durch die Bedeutung, die sich Deutschland selbst wieder geschaffen hat." än der Tat, Deutschland war isoliert nicht nur als. der Feind, den man mit Hilfe der ganzen Welt trotz heldenhafter Abwehr zu Boden gerungen und m Fesseln gelegt hatte, sondern noch mehr, weil es nach seiner militärischen Entwasfnung, seiner politischen Entrechtung und wirtschaftlichen Ausplünderung in seinem Zustand innerer Zerrissenheit unter ständig wechselnder Parteienherrschaft seine Bündnisfähigkeit verloren hatte. Es war vereinsamt, weil es auch für den kleinsten Staat keine Anziehungskraft mehr hatte. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde diese Isolierung dem neuen Deutschland gegenüber von den Gralshütern des Versailler Diktats planmäßig fortzuführen versucht in der törichten Hoffnung, dadurch am ehesten die von dem nationalen Aufbruch in Deutschland befürchtete Erschütterung der Grundlagen von Versailles, die man euphemistisch die neue europäische Ordnung zu nennen sich gewöhnt hatte, aufhalten zu können.
Barthou nahm die Einkreisungspolitik Poincares /wieder auf. - Der französisch-sowjetrussische Militärpakt war sein Werk und seines Nachfolgers Laval Bemühungen um einen Ausgleich mit Italien sollte auch diese Macht, die man in Versailles zwar schlecht behandelt hatte aber durch das österreichische Konfliktsfeld für lange Zeit von dem neuen Deutschland getrennt glaubte, in den Kreis der Torhüter der „neuen Ordnung" eingeführt werden. Aber als Rom im Abessinienfeldzug seine Rechnung präsentrerte, zerriß das allzu fein gesponnene Netz. Das wieder wehrhafte, im Vollgefühl seiner moralischen Gesundung und einer ungeheuren inneren Aufbauarbeit wieder stolz und selbstbewußt gewordene deutsche Volk wurde auch außenpolitisch wieder vom Objekt zum Subjekt. Das vertraglich begründete neue Verhältnis zu Polen, das erst vor wenigen Tagen durch das Abkommen über die Behandlung der Minderheiten seine bedeutsame Ergänzung erfahren hat, das Flottenabkommen mit England, der Ausgleich mit Oesterreich, das Anti- komintern-Abkommen mit Japan, die Achse Berlin —Rom und schließlich die Erweiterung des Antl- komintern-Abkommens durch den soeben vollzogenen Anschluß Italiens sind Marksteine einer aktiven Außenpolitik des neuen Deutschlands, das im Kreise' der Völker seinen Platz als gleichberechtigte Großmacht mit allen damit verbundenen Rechten und Pflichten im Bewußtsein seiner Kraft und seiner auf seinen Leistungen als Kulturvolk wohl begründeten nationalen Ansprüche, aber auch im Gefühl seiner Verantwortung für die Sicherung des Abendlandes vor dem zersetzenden Gift des Bolschewismus einnimmt und sich nicht erschüttern läßt durch das Geschrei einer in aller Welt gegen das nationalsozialistische Deutschland hetzenden jüdisch-marxistischen Presse oder durch die mehr oder minder verhüllten Drohungen von Regierungsbänken westlicher Demokratien, die Ursache und Wirkung bewußt verdrehen, wenn sie Deutschlands Kampf um eine gerechte Ordnung und eine Besinnung der Völker des abendländischen Kulturkre'ises aus ihre gemeinsamen Grundlagen, deren Erhaltung kein Paktieren mit dem Bolschewismus verträgt, umzufälschen suchen in das Bestreben, Unruhe zu stiften und Spaltungen herbeizuführen.
Wie sehr diese Behauptungen die Tatsachen auf den Kopf stellen, zeigt am deutlichsten d e r A n ti- ko m i n t e r n p a k t, der nach seinem Wortlaut allen Staaten zum Beitritt offensteht. Deutschland wird Kristallisationspunkt aller der Völker, die die Gefahr des Bolschewismus für ihre soziale Ordnung und ihre nationale Eigenart klar erkannt haben Die nüchterne und klare Erkenntnis der Zweckmäßigkeit hat nach den Worten des Führers durch den Anschluß Italiens an den Antikomintern- pakt die europäische Achse Berlin—Rom zu dem großen weltpolitischen Dreieck' Berlin—Rom—Tokio erweitert. Und nichts beweist besser die Richtigkeit der von englischen, amerikanischen und französischen Staatsmännern immer wieder hartnäckig bestrittenen deutschen These von der Identität der kommunistischen Internationale mit der Sowjetregierung als der wütende Protest der Sowjetunion in Rom , gegen Italiens Anschluß an den Antikomintern- pakt, der Moskau mit seinen eigenen Waffen schlägt, wenn er sich ausschließlich gegen die zersetzende Propaganda und revolutionäre Mmlec- arbeit der kommunistischen Internationale achtet. Die Mißdeutungen und Hirngespinste, die im Ausland, namentlich in der Parifer Presse über die Erweiterung des Antikominternpakts umgehen, tragen allzu deutlich den Stempel der Ratlosigkett und Verärgerung an der Stirn, um den Anspruch erheben zu können, ernst genommen zu werden. Es stünde besser um eine Verständigung der Völker, wenn man auch in den demokratischen Ländern sich daran gewöhnen würde, den klar und offen zu Tage tretenden und daher auch ganz unmißverständlichen Zielen der Außenpolitik der autoritären Staaten den gleichen Wunsch nach Sicherung des Weltfriedens 3u unterstellen, den man als Motiv der eiae- nen Außenpolitik ja stets sehr großzügig und eil-
Eine neue Rede des britischen Premierministers.
London, 13. Nyv. (DNB.) Ministerpräsident Chamberlain hielt in Edinburgh eine Rede, in der er sich hauptsächlich mit innenpolitischen Fragen befaßte. Chamberlain griff die Labour Party an und bezeichnete ihren neuen Plan der Altersversorgung für Arbeiter als undurchführbar. Das gleiche gelte für die -von der Labour Party gewünschte Verstaatlichung der Industrie. Die wirtschaftliche Lage in England sei blühender als in anderen Industrieländern. Geradezu wunderbar habe sich das Land von der großen Depression erholt. Die Regierung habe ein sehr großes Aufrüstungsprogramm in Angriff genommen. Sie habe es ungern getan, fei aber durch die Umstände des Augenblicks dazu gezwungen gewesen. Leider werde es England noch für Jahre beschäftigen, es werde nicht ein plötzliches Ende geben, sondern die Aufrüstung werde sich schrittweise verringern. Man könne sich nicht vorstellen, daß England zu jenem Zustand zurückkehren werde, der vor einigen Jahren geherrscht habe, als der englische Markt mit billigen Auslandswaren überschwemmt worden sei. Kurzum, es bestehe kein Grund, in die Zukunft schwarz zu sehen. Pessimismus sei verbrecherisch, denn man untergrabe damit das Vertrauen.
Der Ministerpräsident ging dann zur Außenpolitik über. Wenn man die Befürchtung ausspreche, daß die gemeinsam mit der französischen Regierung durchgeführte Politik der Nichteinmischung fehlgeschlagen sei, weil sie die Einmischung in Spanien nicht zum Stillstand gebracht habe, so habe sie doch auf alle Fälle ihren Hauptzweck erreicht, nämlich die Ausbreitung des spanischen Konfliktes- über die Grenzen zu verhindern. Die oppositionelle Labour Party dränge die britische Regierung ständig, sich in Dinge ein- zumischen, die sie nichts angehen, sie verlange, daß man England? Einfluß und selbst die britischen Militär- und Seestreitkräfte einsetzen solle, um i m Namen von Ausländern, für die die Partei politische Sympathien habe, sich einzumischen. Er könne sich mit keinem dieser Gedankengänge einverstanden erklären.
fertig für sich in Anspruch nimfht. Aber davon ist man in Paris noch weit entfernt.
Der leitende Staatsmann Englands scheint allerdings die politische Realität des Antikominternpakts in seiner erweiterten Form erkannt zu haben und igeroiHt zu fein, sie in Rechnung zu stellen. Nachdem Eden im Unterhaus erst vor kurzem äußerst gereizt die Italiener dafür abgekanzelt hatte, daß sie es gewagt hatten, die deutsche Kolonialforderung als berechtigt anzuerkennen, sah der Premierminister Chamberlain sich wieder einmal veranlaßt, Oel auf die erregten Wogen der öffentlichen Meinung zu gießen. Er erklärte in der traditionellen Rede auf dem Guildhallbankett des neuen Lordmayors von London, daß England mit den Mächten der Achse Berlin—Rom Beziehungen wünsche, die auf einer Basis gegenseitiger Freundschaft und Verständigung gegründet seien, durch die verschiedenen Methoden der inneren Politik sollte seiner Ansicht nach diese Verständigung nicht verhindert werden. Er deutete dann an, daß eine solche 'Verständigung nach seiner Meinung eher „durch informatorische Beratungen" als durch „feierliche Erklärungen" gefördert werde. In Rom hat man zwar mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, daß der britische Premier sich offenbar mit der Achse Berlin—Rom und der engen Zusammenarbeit der beiden autoritären Großmächte als einer unumstößlichen Tatsache abgefunden hat und mit ihnen in ein für beide Teile fruchtbares Verhältnis zu kommen wünscht, aber man hat begreiflicherweise die britische Schaukelpolitik gründlich satt, die es heute Eden erlaubt, gegen Italien in den heftigsten Tönen vom Leder zu ziehen und morgen Chamberlain Gelegenheit gibt, die Aufforderung nach Ausgleich und Verständigung nach Rom zu richten. Aus dem Echo, das Chamberlains letzte Rede in der italienischen Oeffentlichkeit gefunden hat, geht deutlich hervor, daß man endlich auch einmal praktische Auswirkungen sehen will, so etwas wie einen „Beitrag", der ja in den politischen Handelsmethoden Frankreichs und Englands immer eine besondere Rolle gespielt hat. Man ist in Rom auch nicht ohne Grund stutzig geworden durch das merkliche Bemühen Englands, den Anschluß an die auf dem spanischen Kriegsschauplatz geschaffenen Tatsachen nicht zu versäumen. Die offiziöse diplomatische Korrespondenz spricht davon, daß man sich in Rom „weder überraschen noch chloroformieren" lassen werde. In der italienischen Presse wird England deutlich zu verstehen gegeben, daß es sich irren werde, wenn es glaube, man könne den Italienern und dem nationalen Spanien den Ruhm des Sieges über den Bolschewismus wohl lassen, müsse dann aber nun kräftig mit dem englischen Pfunde wuchern, um Spanien wieder an die Seite Englands zu bringen. In diesem Punkt wird es Italien in den soeben erneut begonnenen diplomatischen Verhandlungen zwischen Rom und London bestimmt
(Beifall.) Wenn man diesem Rat der Labour Party folgen wollte, so würde England eine Aufrüstung benötigen, die viele Male umfangreicher sein müßte als die augenblicklich?.
Chamberlain fragte dann, wofür man ar - beite: Für Frieden und Ruhe oder für Aufrüstung des einen gegen den anderen, um den Befürchtungen zu begegnen, die vielleicht tatsächlich grundlos seien, die aber von jenen Verdächtigungen herrührten, die anscheinend jedes Land seinen Nachbarn gegenüber hege? Man nenne sich zivilisierte Nation. Sei es aber nicht ein Vorwurf gegen die Zivilisation, wenn jemand solch eine Frage stellen müsse?
Seiner Ansicht nach sei die Zeil gekommen, daß eine neue Anstrengung gemacht werde, um zu sehen, ob es nicht möglich sei, diese
London, 12. Nov. (DRV.) Aus eine Anfrage im Unterhaus wurde heule von der Regierung zu dem Reiseplan von Lord Halifax folgende Erklärung abgegeben: Lord Halifax hat, wie er bereits selbst erwähnt hat, vor kurzem eine Einladung z u einem Besuch der Berliner Jagdaus st ellung erhalten. Lord Halifax hat diese Einladung angenommen und wird sich Mitte nächster Woche nach Berlin begeben. Wenn sein Besuch auch völlig privater und inoffizieller Natur ist, so hat in Beantwortung einer entsprechenden Anfrage der Führer und Reichskanzler erklärt, daß er sich freuen würde, den Präsidenten des Staatsrates während dessen Aufenthalt in Deutschland z u sehen. Lord Halifax wird dieser Aufforderung entsprechen.
*
""Wenn Lord Halifax bei seinem Besuch der Jagd- ausftellung Gelegenheit gegeben wird, den Führer und Reichskanzler aufzusuchen, so wird dies in Deutschland lebhaft begrüßt werden. Gehört es doch zu den Grundsätzen der deutschen
nicht an der erforderlichen Aufklärung fehlen lassen. Ein erfreuliches Zeugnis des Verftändigungswil- lens ist, daß man in England sich nicht darauf beschränken möchte, die Verhandlungen mit Italien wieder flott zu machen, sondern auch Wert darauf legt, mit dem andern Partner der Achse Berlin— Rom in ein Gespräch zu kommen. Die Ankündigung, daß der Lordpräsident des Geheimen Staatsrats Lord Halifax gelegentlich eines Besuches der Berliner Jagdausstellung auch den Führer und Reichskanzler aufsuchen wird, wird in Deutschland begrüßt werden, kann man doch von einem solchen Gedankenaustausch eine Klärung und damit einen Fortschritt auf dem Wege zu einer Verständigung erwarten.
Der Anschluß Italiens an den Antikominternpakt hat in Paris — wir sprachen schon davon — eine erheblich andere Wirkung gehabt. Die französische Oeffentlichkeit hat das Gefühl außenpolitisch überspielt zu werden und die alte Sicherheitspsychose setzt sich schleunigst in das Bestreben um, das gegen die „deutsche Gefahr" mit soviel Mühe errichtete Sicherheitssystem auf seine Haltbarkeit hin zu untersuchen und nach Möglichkeit zu ergänzen. Das erscheint den Franzosen um so notwendiger, als sich die Beziehungen zu mehreren ihrer alten osteuropäischen Verbündeten aller gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz durch die Wucht neuer Tatsachen erheblich gelockert haben. Schuld daran ist nicht zuletzt der französisch-sowjetrussische Militärpakt, dem sich ja auch die Tschechoslowakei angeschlossen hat, wodurch sich einmal Polen von zwei Mächten in die Zange genommen sieht, zu denen es nur ein äußerst kühles Verhältnis hat, und zum anderen Rumänien und S ü d s l a w i e n sich immer wieder kategorisch vor die Frage gestellt sehen, ob sie dem Beispiel ihres Partners in der Kleinen Entente folgen oder ihrer auf wohlerwogenen Interessen und äußerstem Mißtrauen gegen den Bolschewismus beruhenden Abneigung gegen jede festere Bindung an Sowjetrußland treu bleiben sollen. Südslawien hat zudem seine Differenzen mit Italien, die einst eine schwere Belastung der südslawischen Außenpolitik gewesen waren und Belgrad in die Arme Frankreichs getrieben hatte, durch einen Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit Rom bereinigt. Auch der Ausgleich mit Bulgarien lag in der gleichen Linie und selbst die Aussicht auf eine friedliche Verständigung mit U n g a r n ist nicht von der Hand zu weisen, womit der letzte Kitt, der die Kleine Entente noch zusammenhält, aus dem Nahmen fiele.
Der Volksfrontkurs in Frankreich mit feinem steten Hinschielen nach Moskau hat in Rumänien sowohl wie in Südslawien in gewissen zu beiden Regierungen in Opposition stehenden Kreisen ähnliche Tendenzen ausgelöst, aber naturgemäß in den Regierungen selbst die Abneigung gestärkt, durch ein
Befürchtungen und Verdächtigungen durch eine genauere Prüfung ihrer Herkunft und ihres Wesens zu beseitigen. Solch eine Ansiregnung würde nicht ein Zeichen der Schwäche sein. England sei stark. England habe weite, fast unbeschränkte Hilfsquellen hinter sich, und diese große Stärke mache es England leichter, an die anderen zu appellieren, sich England anzuschließen, um jene Probleme zu lösen, die ungeheure Möglichkeiten für das Glück oder für das Elend der Menschheit in sich schlössen. Er habe Vertrauen in die menschliche Natur, und daher sei er überzeugt, daß auf einen solchen Appell eine bereitwillige Antwort kommen werde.
Außenpolitik, Gelegenheiten wahrzunehmen, die sich mit verständigungsbereiten Kräften in Europa zum Gedankenaustausch bieten, um an der Aufgabe der Erhaltung und Vertiefung des Friedens zu arbeiten. Diese Grundeinstellung kam in letzter Zeit erneut mit aller Deutlichkeit in den Erklärungen der drei Mächte aus Anlaß der Unterzeichnung des Anti- komintern-Abkommens zum Ausdruck. So wirll man hoffen dürfen, daß der Besuch dieses englischen Kabinettsmitgliedes, der der deutschen Oeffentlichkeit kein Unbekannter ist, in diesem Sinne einen wertvollen Beitrag bilden wird.
„Die richtige Gelegenheit ist endlich gekommen."
Die Londoner Presse begrüßt die Deutschlandreise.
London, 13. Nov. (DNB. Funkspruch.) Zu dem bevorstehenden Besuch von Lord Halifax in Berlin bemerkt die „Times" daß jeder denkende Mensch die Aussprache begrüßen müsse, sie bringe ein führendes Mitglied des britischen Kabinetts mit dem
Bündnis mit der Sowjetunion den Bolschewismus ins Haus zu lassen und die innerpolitischen Schwierigkeiten zu mehren. In dieser Lage fürchtet man in Paris die Anziehungskraft des Antikominternpakts, und der französische Außenminister D e l b 0 s wird sich Mitte Dezember auf die Reise machen, um zuerst in Prag, Warschau, Bukarest und Belgrad nach dem Rechten zu sehen und nach Weihnachten auf einer zweiten Tournee Athen und Ankara zu besuchen. Anfangs war auch an eine Fahrt zu dem großen Verbündeten nach Moskau gedacht, aber anscheinend hat Eden in Brüssel seine französischen Kollegen dringend abgeraten, da dieser Besuch beim Väterchen Stalin im Augenblick äußerst inopportun sei — so berichtete wenigstens die „Jndependence Beige" — und hierauf soll auch die unerwartete brüske Abreise Litwinow-Finkelsteins aus Brüssel zurückzuführen fein. Aber es bleibt natürlich als Kernpunkt der Reise des französischen Außenministers der Versuch, die osteuropäischen Verbündeten Frankreichs, mit Ausnahme der Tschechoslowakei, die ja schon wunschgemäß im Fahrwasser Moskaus schwimmt, mit dem probolschewistischen Kurs der französischen Außenpolitik auszusöhnen und womöglich eine Verstärkung des sranco-russi- schen Paktsystems durch den Anschluß Südslawiens und Rumäniens an das Militärabkommen mit Moskau, durch einen Militärpakt der Mächte der Kleinen Entente unter sich und den Anschluß Polens an die Kleine Entente nach seiner Aussöhnung mit der Tschechoslowakei durch Bereinigung der Minderheitenfrage im Teschener Bezirk zu erreichen.
Also, wie man sieht, weitgesteckte Ziele, die zu erreichen sich die französische Politik nicht zum ersten Male vorgenommen hat. Daß die Aussichten für Delbos günstiger sein sollten, als einst für Barthou, Laval und Genossen, ist nach dem schon Gesagten sehr zweifelhaft. Ein innerpolitischer Kurswechsel würde allerdings sowohl in Polen und Rumänien wie in Südslawien Herrn Delbos seinen Wünschen erheblich näherbringen, und es ist durch-« aus wahrscheinlich, daß er diesen Umstand in seins Spekulation elnbezogen hat. Unser Bukarester Korrespondent hat gestern erst hier über den bevorstehenden Rücktritt der rumänischen Regierung im Zusammenhang mit den verfassungsmäßigen Neuwahlen zum Parlament berichtet. Auch in Polen und Südslawien sucht eine nicht unerhebliche Opposition die Stellung der Regierungen zu erschüttern. Vielleicht gibt Delbos sich der Hoffnung hin, daß auf diesem Boden innerpolitischer Konflikte sein Weizen blühen werde. Aber in all den genannten Ländern sind starke Kräfte, die das wahre Interesse ihres Landes kennen und genau wissen, daß ein Bündnis mit Moskau nichts anderes bedeutet, als die Axt an die Wurzel der politischen Ordnung und des sozialen Friedens im eigenen Lande zu legen.
Dr. Fr. W. Lange.
Lord Halifax kommt nach Berlin.
Gedankenaustausch des Lordpräsidenten mit dem Führer und Reichskanzler.


