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Itr. 215 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag. 15. September 1957

Unsere oberhessische SA. in Nürnberg.

Brief aus dem Zeltlager Langwasser an den Gießener Anzeiger.

DieVerstauung" in die einzelnen Abteile des DA.-Sonderzuges nach Nürnberg am Freitagnach- ?lttaVrn ®ie&en ging rasch vonstatten. Nachdem oieAbschiedszeremonie" mit den Zurückgeblie­benen erledigt war, machte man es sich in den Ab­teilen gemütlich In Friedberg und in Bad-Nauheim stiegen die Kameraden der anderen oberhessi chen Standarten zu. Die Stimmung nahm mit jedem Kilometer, der uns Nürnberg näherbrachte zu° muntere Reden flogen hin und her, alte Lieder er­klangen, kurzum, man hatte den Alltag zu Hause gelassen. 1

Die Fahrt ging über Hanau Aschaffenburg nach Gemünden. Dort kurzer Aufenthalt, der gerade dazu ausreichte, das ersteBayrische" zu kippen.

tonnten die Kameraden, die zum erstenmal nach Nürnberg fuhren, den schönen Spessart, durch den wir bei Dunkelheit fuhren, nicht bewundern ?ne1cbln^amera,ben ber Vorjahre. In Würzburg' 10.15 Uhr gab es nochmals Gelegenheit, den Durst zu stillen, dann ging die Fahrt weiter nach Nürnberg, das wir gegen 1-3.45 Uhr erreichten. Streckens ^tnter Sonderzug lag auf der ganzen

Nach einem etwa 3 Kilometer langen Marsch erreichte die Spitze der Gruppe Hessen das Zelt- la g e r L a n g w a s s er. In der AbteilungGruppe Hessen , Hechenberger Straße, Zelt Nr. XII/10 be- 30g öic SA -Standarte 116 Unterkunft. Un­ser Straßennachbar ist die Gruppe Hochland Kame­raden von echtem Schrot und Korn. Bald' wurde das Lager aufgesucht, und man ruhte zum ersten­mal wieder in Nürnberg. Von Schlaf kann eiqent- lich nicht gut gesprochen werden, denn unaufhörlich ruckten die SA.-Gruppen mit Spielmanns- und Musikzügen ein.

Samstag früh bei Tagesgrauen wird es wieder lebendig im Zelt. Unaufhörlich klatscht der Regen hernieder. Nach erfolgterMorgenwäsche" brausen schon die ersten Lastwagen heran, die Kaffee, Brot Butter und Marmelade ausladen, und mit Hoch­genuß geht's an die erste Arbeit, das Kaffeetrinken Nun ist Freizeit, Langwasser wird eingehend be­sichtigt, Kameraden anderer Gruppen besucht.

Freundschaften aufgefrischt, Ansichtskarten geschrie­ben; man bummelt io in Langwasser herum. Zu sehen gibt es überall etwas, denn noch immer mar­schieren Gruppen auf Gruppen ein. Es scheint, das Lager sei nun belegt, aber immer und immer ver­schluckt die gewaltige Größe des Lagers die Massen.

Trotz dem Nichtstun vergeht die Zeit schnell, denn alles ist anders und muß doch gesehen werden. Die Verpflegung ist sehr gut und reichlich. Der Appetit und die Stimmung sind vorzüglich. Die Musikzüge sorgen ebenfalls für Unterhaltung, und so läßt es sich im Lager gut leben.

Das Lagerleben hat gegen Nachmittag seine höchsten Formen angenommen. Auch die Bierzelte werden bereits in Augenschein genommen, denn man muß doch schließlich in seinerHeimat" Be­scheid wissen. Allzu rasch geht der Samstag zur Neige. Am Spätnachmittag durchfuhr Stabschef Lutze, stürmisch von seinen SA.-Kameraden um­jubelt, die Straßen des Lagers. Auch Ministerpräsi­dent Göring und Reichsminister Dr. Goebbels ließen es sich nicht nehmen, ihre alten Kampfgenossen in Langwasser zu besuchen, und wo sie hinkamen, da gab es einen wahren Aufruhr vor Freude und Begeisterung. Das ganze Lagerstand Kopf".

Nach Eintritt der Dunkelheit fand das herrliche Schauspiel des Feuerwerks statt, das etwa % Stun­den dauerte. Feuergarbe auf Feuergarbe schoß zum Himmel empor, in den prächtigsten Farben leuchtend, und steigerte sich zum Höhepunkt eines Trommel­feuers. Man konnte gar nicht genug Augen haben, um alles zu übersehen.

Kaum war dieses abgebrannt, so nahm auch schon das große Feuerwerk vor dem Führer seinen An­fang, das vom Lager aus ebenfalls gut zu sehen war und über eine Stunde währte. Die Wirkung dieses Feuerwerkes war durch die weitere Entfer­nung eigentlich noch imposanter und wuchtiger.

Um 10 Uhr Zapfenstreich. Ausruhen für den an Anstrengungen reichen Sonntag hieß die Parole. Es dauerte nicht lange, bis im Zelt der 116er Ruhe herrschte, und jeder träumte wohl schon von dem ihm bevorstehenden Tag, an dem er dem Führer ins Auge sehen darf.

Erstes Gießener Karpfen-Angeln- ein Erfolg.

J Ä d

Viele Zuschauer säumten beim Karpfenangeln die Ufer des Teiches an der Schlageteranlage. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Vom Standpunkt beider Veranstalter dieses ersten öffentlichen Preisangelns aus kann man wohl sa­gen, daß es nicht nur eine gute Beute, sondern auch über alles Erwarten einen außerordentlich star­ken Besuch gab und daß dieser große Fischzug als durchaus wohl gelängen bezeichnet werden darf.

Als am gestrigen Sonn­tag die Rakete den Be­ginn des Preisangelns ankündigte, standen nicht nur die zahlreichen Mit­glieder der Vereine der Sportfischer an den Ufern entlang, sondern auch viele erwartungsvolle Volks­genossen, denen ein leb­haftes Interesse von den Gesichtern abzulesen war.

Die vielfach in ihrer grünen allsportlichen Klei­dung stehenden oder sitzen­

den Angler schauten nach dem Wind und den auf­kommenden dunklen Wolken und sahen die leichte Bewegung des Wassers, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Für viele Fischer war diese Ge­legenheit sehr willkommen, weil sie hier einmal etwas anderes Getier als in ihren heimischen Ge­wässern angeln konnten; sehr viele hatten großes

Glück. Es gab spannende Momente, wenn die Be­wegungen auf der Wasserfläche eine günstige Fang- gelegenheit verrieten und wenn es der Geschicklich­keit des Anglers gelang, einen prächtigen Kerl an die Schnur zu bekommen und ihn trotz allem Zap­peln und Sträuben dem nassen Element zu entrei­ßen. Es kamen Karpfen in der Schwere bis zu

acht Pfund zum Fang. Die zum Ziel gefetzte Quan­tität war allzu rasch erreicht worden und schon nach knapp dreiviertel Stunden konnte der Wettstreit beendet werden. Die Fische wurden sofort sach­gemäß in verschiedene Behälter gebracht und zur Aufbewahrung in geeignete Räume geschafft.

Nach dem Abschluß des Preisangelns dankte der

Bezirksvorsihende ^Rudolf Nöhr

des Reichsoerbandes deutscher Sportfischer allen an dem Wettbewerb beteiligten Sportfischern und sagte ihnen, daß sie stolz auf ihre guten Erfolge sein könnten. Er machte sie auf die Unterschiede der Sportgelegenheit an ihren Wassern und an diesem offenen Gewässer aufmerksam und betonte, daß durch die Möglichkeit des Fischens anderer Fisch­arten und unter den Augen einer so großen Zu­schauerschar sich praktische Erfahrungen für eine sportgerechte Betätigung sammeln ließen. Der Er­folg war sehr zufriedenstellend. Das Angeln hatte ge­zeigt, daß der Karpfen in diesem Jahre früher als sonst in die Tiefe gehe und mit feinem Laichgeschäft beainne. Es sei darum gut, daß der Teich nun ab­gefangen werde. Von den noch im Teich befind­lichen 68000 Jungkarpfen würden nur noch etwa 1000 wieder eingesetzt, während die übrigen den ein­zelnen Vereinen oder Interessenten für Zuchtzwecke

überlassen würden. Das Preisangeln werde im nächsten Jahre wiederholt. Der Bezirksvorsltzende dankte auch der Stadt Gießen und insbesondere dem Leiter des Fremdenverkehrsvereins Bürgermeister Professor Dr. Hamm für diese Möglichkeit des Preisangelns.

Bürgermeister Professor Dr. Hamm

zeigte sich sehr erfreut über den Erfolg dieser Ver­anstaltung und ganz besonders über das rege Inter­esse der Gießener Bevölkerung. Er dankte den Sportfischern für die tätige Mithilfe und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die neue Einrichtung des Preisangelns in Verbindung mit dem Karpfenfeft, das dieses Jahre zum erstenmal in Gießen begangen werde, viele Jahre überdauern möge. Daran knüpfte er den Wunsch für einen guten Werbeerfolg der Sportfischer an. Die Sportfischer setzten sich anschlie­ßend imFrankfurter Hof" noch zu einemFlscher- umtrunE" zusammen.

Den Wettbewerb des Karpfenangelns bestritten drei Vereinigungen. Der Verein der Sport­angler fing bei dem gestrigen Angeln Karpfen im Gewicht von insgesamt 92 Kilogramm, der Angler-Sportverein Gießen erzielte 63 Kilogramm und der Fischwaid-Klub 9 Kilogramm

Mit der 9. Division im Manöverkrieg an der Eder.

Erster Begegnungkampf Mischen Blau und Not

Haubern, zwischen Frankenberg und Frankenau, 9.45 Uhr vormittags.

(Drahtbericht von unserem im Manövergelände weilenden Schriftleiter.)

Bei schönem Spätsommerwetter stehen wir auf einer Höhe zwischen Frankenberg und Haubern. Bereits bei der Anfahrt trafen wir am Ausgang von Frankenberg die ersten Aufklärungskräfte von Rot. Bald darauf machen wir die erste Begegnung mit vorgeschobenen Postierungen von Blau. Auf der Höhe westlich Hauberns befindet sich der Dioisionsgefechtsftand. Der Kommandeur der 9. Di­vision, Generalleutnant Qßwald, begrüßt die Vertreter der Presse und zahlreiche Ehrengäste. Noch während seiner kurzen Begrüßungsworte überfliegt ein Aufklärungsflieger den Standort der Division und wirft Meldungen ab. Generalleutnant Qßwald gibt der Presse in großen Zügen einen Ueberblicf über die Annahme der Uebungs- l a g e. Anschließend gibt Major Lange vom Stab der 9. Division eine eingehende Aufklärung über die Gefechtslage. Danach ist in großen Zügen zu sagen, daß der Gegner Blau, dargestellt durch das

in der Gegend von Krankenberg

verstärkte Infanterie-Regiment 116 mit zugeteilten Truppen verschiedener Waffen, aus der Gegend von Kirchhain in allgemein nordwestlicher Richtung in Richtung Frankenberg vorstößt und seine vorge­schobenen Aufklärungs- und Sicherungskräfte heute früh um 6 Uhr die Sicherungslinie von gestern abend überschritten haben.

Rot kommt aus nordwestlicher Richtung nach der Uebungsannahme aus dem Sauerland, ebenfalls im Marsch mit allgemeiner Richtung auf Franken­berg. Rot hat die Aufgabe, die Üebergänge der Eder bei Frankenberg für seine Kräfte freizuhalten. Blau dagegen soll die (Eberübergänge bei Franken­berg in Besitz nehmen. Die Lage ist so, daß gegen 9.45 Uhr mit den ersten Gefechtshandlungen im Raume zwischen Haubern und Frankenberg zu rech­nen ist. Man hört bereits verschiedentlich MG.- Feuer aus der Gegend von Frankenberg. Die Sicht­verhältnisse sind für die Beobachter sehr gut so daß auch die Luftaufklärung wertvolle Aufschlüsse brin­gen kann. Im Uebungsgelände sieht man viel Zi­vilbevölkerung, die mit großer Spannung dem interessanten Manöverkrieg folgen wird.

LehleMhnungzurEnlriimpelungderDachböden

Die Polizeidirektion Gießen teilt uns folgendes mit:

Durch eine Anzahl Artikel in der Preffe ist die Bevölkerung auf die Notwendigkeit der Entrümpe­lung hingewiefen worden. Nicht nur im Sinne des Luftschutzes, sondern auch im Sinne des Vier- jahresplanes ist es Pflickt eines jeden Volksgenos­sen, alles überflüssige Altmaterial abzuliefern. Die Befreiung von diesen Sachen übernimmt die NSV, soweit das Gerät für sie brauchbar ist und außer­dem noch der Reichsluftschutzbund, Fernsprecher Nr. 2607, und jeder seiner Amtsträger. Es wird jedoch darauf hingewiefen, daß auch der freiwillige Verkauf zulässig und in keiner Weise behindert oder verboten ist.

Am 1. September 1937 ist die 3. Durchführungs­verordnung zum Luftschutzgefetz in Kraft getreten. Nach § 1 ist in Gebäudeteilen, die bei Luftangriffen im besonderen Maße der Brandgefahr ausgesetzt sind, verboten:

1. Das Aufbewahren von Gerümpel.

2. Das übermäßige und feuerficherheitswidrige Ansammeln von verbrauchbaren Gegenständen.

3. Das Abstellen anderweitig unterbringbarer oder schwerbeweglicher Gebrauchsgegenstände.

Verstöße hiergegen sind strafbar. In nächster Zeit werden durch Polizeibeamte Kontrollen in den Häusern durchgeführt. Es wird erwartet, daß es nicht nötig ist, gegen Säumige auf Grund der ge­setzlichen Bestimmungen vorzugehen.

Heute beginnen wir in den Kamilienblättern mit dem Abdruck des RomansEugenie Grandet" von Balzac. Sn dieser gleichermaßen rühren­den und erschütternden Liebesgeschichte aus der französischen Provinz finden wir ein Stück der großen menschlichen Komödie, deren Gestaltung sich Balzac zur Lebensaufgabe gemacht hatte.

Clara Schumann.

Zu ihrem Geburtstage am 13. September.

Wenn man in den Briefen und Tagebuch-Aufzeich­nungen dieser unvergleichlichen Frau und Künstlerin blättert, entsteht ein Frauenleben, von dem man m Wahrheit sagen kann, daß es zu den höchsten Hohen, aber auch in tiefstes Elend geführt hat. Die kaum 13jährige Clara Wieck unternahm bereits mit ihrem Vater und Lehrer, dem berühmten Musik­pädagogen Friedrich Wieck, zahlreiche Konzertreisen. Wo die kleine Künstlerin erschien, wurde sie nut Bei­fall überschüttet. Man pries ihr inniges Spiel und prophezeite ihr eine große Zukunft eine Weis­sagung, die sich aufs schönste bewahrheitet hat.

Und noch etwas anderes begann m diesen frühen Jahren zu reifen. Die Zuneigung zu Robert Schu­mann, der als Schüler Wiecks täglich im Hause verkehrte und mit Clara alle Freuden und Leiden teilte. Noch waren sie in geschwisterlicher Liebe mit­einander verbunden der 23jährige Jüngling und das 14jährige Mädchen. Aber diese frühe und'innige Freundschaft, das gemeinsame künstlerische Erleben und das grenzenlose kindliche Vertrauen zueinander hat den Grundstein zu der später so reichen und innig-geistigen Lebensgemeinschaft gelegt Der ehr­geizige Vater Wieck, der nur von der Idee besessen war, Clara eine glänzende Künstlerlaufbahn zu be­reiten, hat später kein Mittel unversucht gelassen, die beiden vom Schicksal füreinander bestimmten jungen genialen Menschen auseinanderzubrlngen. Aber Claras Liebe hat allen Widerstanden getrotzt, sogar dem Willen des verehrten Vaters. Zehn Jahre, erfüllt von Haß, Lüge und Verleumdung, mußten die Liebenden umeinander kämpfen, bis sie endlich vereint waren. # ,

Dann aber kam das grenzenlose Gluck, gekrönt durch die reiche Schaffensperiode von Robert Schm manns schönsten Kompositionen. Auch Clara hat sich erst in ihrer Ehe zu der reifen und vollendeten Klavierspielerin entfaltet, deren Name noch heute unvergessen ist. Was sie in diesen Jahren geleistet hat, scheint für die Kräfte einer Frau fast kaum tragbar. Die Liebe wuß sie wunderbar beflügelt haben Denn neben den eigenen künstlerischen Ber- pflichtunqen, dem täglichen lieben, Stundengeben und zahlreichen Konzertreisen pflegte das Kunstler- ehepaar ein gastfreies Haus. Und die immer wach­sende Familie Clara schenkte ihrem Mann sieben

Kinder beanspruchte sie nicht weniger als der außerordentlich empfindsame Robert Schumann, der überall ihre Hilfe und ihre volle kritische Bereit­schaft für sich forderte. Diese Jahre des Glückes waren, wie Clara selbst einmal gesagt hat, so reich, weil sie Jahre des Kampfes waren. Kampf um die künstlerische Anerkennung und Kampf um die wirt­schaftliche Existenz. In der Liebe Robert Schumanns aber fühlte sich Clara für alles entschädigt. Doch bald zeigten sich mit Roberts Erkrankung die ersten Wol­ken. Ein grausames Geschick riß den genialen Mu­siker aus dem Kreis der Seinen und umfing ihn mit der Nacht des Wahnsinns. Wer kann das Leid der unglücklichen Clara in den folgenden zwei Jah­ren ermessen, die Robert Schumann nach jenem un­seligen Sturz in den Rhein in einer Irrenanstalt zubrachte, bis der Tod ihn erlöste. Fast drohte die nimmermüde Frau zu zerbrechen.

Aber die Pflichten riefen. Sieben unmündige Kin­der waren auf ihre Tatkraft angewiesen. Und Clara hat alles tapfer auf sich genommen. Sie hat ihre Kinder erzogen, ihnen ein glückliches Elternhaus be­wahrt. Sie hat Stunden gegeben und konzertiert, um die dringendsten wirtschaftlichen Sorgen abzuwehren, wenn es auch oft über ihre Kräfte ging. Wenn sie in jenen Jahren immer wieder an die Qeffentlichkeit trat, so tat sie es nicht, um Ehre und Lorbeeren sur sich zu sammeln. Sie war nur von dem emen Ge­danken beseelt, für Robert Schumanns Werk zu werben und zu wirken, um ihm den Namen zu er­ringen, der ihm gebührte. Wohl konnte sie einen Kreis wertvoller, gütiger und hilfsbereiter Menschen um sich sammeln, und sogar eine tiefe Freundschaft zu dem getreuen Johannes Brahms hat mr bas Leben reich und schön gestaltet. Auck die wirtschaft­lichen Sorgen wurden in ihrem Alter durch die ehrenvolle Berufung als Professorin an die Berliner Hochschule für Musik von ihr genommen. Und wo d'e Künstlerin erschien, wurde sie gefeiert und umjubclt. Dankbar hat sich Clara Schumann dieses schönen Lebensabends gefreut, aber im tiefsten Innern war sie einsam geblieben seit jenem Tage, da man Robert Schumann zur letzten Ruhe gebettet hatte.

Im Bewußtsein eines so reichen Lebens, umgeben non Liebe und Freundschaft und in der Sehnsucht natfi ihrem über alles geliebten Gemahl, verzehrten sick kaum merkbar die Kräfte, bis Claras Leben eines Tones leise und sanft erlosch. Während die Psingst- alocken des Jahres 1896 von den Türmen Bonns das Fest einläuteten, hat man Clara Schumann zu Grabe getragen. Lisa Peck.

Knochen" undHunde" werden geheilt.

Aus der Werkstatt des Briesmarkendoktors

Stunden und Stunden fitzt der Briefmarkenfreund über feiner Sammlung. Vorsichtig legt er Blatt um Blatt um, verweilt bei dieser oder jener Marke einen Augenblick und läßt sich von dem eigenartigen Reiz seiner ein Stück Weltgeschichte darstellenden Schätze bezaubern. Und dabei ist es trotz aller Sorgsamkeit geschehen; eine wunderschöne alte Bergedorf hat einen Riß bekommen, guer durch. So ein Pech!" klagt er seinem Freund fein Leid. Nun ist sie völlig wertlos, und ich kann sie zu den Knochen' und »Hunden' werfen."

Aber der Freund weiß Rat.Durchaus nicht wertlos. Wozu gibt es den Briefmarkendoktor?" Und dann packen sie sorgfältig die beschädigte Bergedorf ein und ziehen los, in einen der Berliner Vororte.

In einer stillen Seitenstraße finden wir den Mann, der unter zünftigen Sammlern im Rufe eines kleinen Zauberers steht. Ganz hoch obön unter dem Dach liegt fein Arbeitsstübchen; denn Störung verträgt feine Arbeit, die jeden anderen kribbelig machen würde, nicht. Aus dem Lautspre­cher ertönen leise und beruhigende Walzerklänge. An den Wänden hängen schöne alte Kupferstiche. DesBriefmarkendoktors" andere Leidenschaft sind nämlich alte Stiche, und er besitzt manch gutes Stück.

Tiefgebeugt fitzt er über feinem Arbeitstisch Zwi­schen Fläschchen, Messern, Pressen und Schälchen liegen Marken aller Zeiten und Länder. Lauter Knochen" undHunde", das ist unter Samm­lern der Fachausdruck für diese Verwundeten.Sie sind arg zugerichtet", heißt es,aber sie werden alle wieder ganz. Ein Unmöglich gibt es nicht, dazu hat man seine Erfahrung. Sehen Sie diese »Bayern 1 Kreuzer'. Die ganze Ecke fehlt, muß also ergänzt werden."

Mit kundigem Griff hat der Bnefmarkendoktor aus einem Stapel ein Stück gleichwertiges Papier ausgewählt. Es wird angefeuchtet und dann mit scharfen Messern so lange geschabt, bis es der Stärke der Marke entspricht, die in gleicher Weise vorgearbeitet ist. Mit ganz dünnem Leim wird bie,

Ecke angefügt und in einer Presse getrocknet. Und dann nimmt dieser Künstler seines Faches einen ganz dünnen Pinsel zur Hand. Mit feinen Strichen ergänzt er die auf der Ecke der Marke fehlende Zeichnung, so fein und sauber, daß man mit dem bloßen Auge einen Unterschied nicht zu erkennen vermag. Bei einer anderen Marke dann als letztes die Zähnung. Bis auf ein Zehntelmillimeter genau wird sie mit dem Zähnungseisen gestochen.

In neuer Schönheit erstrahlt dieBayern 1 Kreu­zer". Andere folgen ihr, eine alte Hamburg und eine stark beschädigte wertvolle englische Marke. Die Arbeit ist nicht leicht, nur bei Tageslicht kann gearbeitet werden. Und so ist auch die Tageslei­stung der Jahreszeit entsprechend ganz verschieden. Elf Jahre übt der Briefmarkendoktor schon seinen Beruf aus, und in diesen elf Jahren sind mit Aus­nahme der beiden Farbfehldrucke von Spanien und Baden alle Marken Europas, einschließlich der größten Seltenheiten, durch seine Hände gegangen.

Wir wollen wissen, worauf es bei dieser über­genauen Arbeit besonders ankommt. Und wir wer­den belehrt:Wer auf diesem Gebiet Gutes leisten will, muß ein feines Fingerspitzengefühl und einen absoluten und verläßlichen Farbensinn haben, dazu muß er über ein umfangreiches und tiefgehendes philateliftifches Wissen verfügen. Im übrigen: Mein Beruf ist keine Kunst, die sich erlernen läßt, er ist Begabung."

Und die Arbeit selbst?"Macht mir sehr viel Freude, und ich habe mich noch nie über Arbeits­mangel beklagen müssen." Man glaubt es gern. Unzählige Briefe bedecken den Arbeitstisch, aus allen Gegenden Deutschlands und aus aller Welt haben sich schon Sammler in ihren Nöten an den Briefmarkendoktor gewandt. Denn nur wenige gibt es in der Welt, die die gleiche Arbeit leisten können, in Berlin drei bis vier, in Paris einge hervorra­gende Könner und in Wien einen besonders be­gabten Spezialisten. Sie arbeiten zur Freude aller Briefmarkenfreunde, und was sie schaffen, hat nichts mit Fälschungen zu tun. Wenn natürlich auch eine unbeschädigte Marke wertvoller ist, eine, die durch die Hände des Briefmarkendoktors ging, ist immerhin gleichwertig einer mit leichten Fehlern. Und vor allem sie ist schöner und ansehnlicher geworden, kann wieder die Zierde einer jeden Sammlung sein. Von diesem ästhetischen Stand­punkt aus betrachtet auch der Briefmarkendoktor seine Arbeit. A. N.