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Nr. 61 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 15. Marz 1957

Reichsauiobahn: Brücke bei Garbenteich im Bau.

Leistungsschau der Gießener Berufsschule.

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Arbeitsplatz hoch oben zwischen Holz und Eisen.

Hier werden die Holzverschalungen aufgebaut und abgestützt.

Der Schrankenwärter der Reichsbahn an der Strecke GießenGelnhausen beim Bahnübergang der Straße von Garbenteich nach Dorf-Gill hatte bisher einen sehr abseitigen und reichlich stillen Posten. Er hatte über allzu starken Verkehr nicht zu klagen. Das Milchauto, einige Bauern­wagen mit Kühen oder Pferden bespannt, einige Personenkraftwagen, Fußgänger und dann die fahrplanmäßigen Züge, das wär alles, was täglich seinen Posten passierte. Aber das ist seit einigen Monaten anders geworden. Das Bild hat sich ge­wandelt und in seiner Umgebung ist es nicht mehr so friedlich wie bisher; vielmehr hat sich sein Re­vier zu einem Brennpunkt intensiver Arbeit um- gewandelt. Die Reichsautobahn soll sich dort über Eisenbahn, Straße und Feldweg schwingen! Eine große Brücke wird gebaut!

Jrn Tal und auf der Höhe zum Grüninger Mark­wald fahren die Feldbahnen unermüdlich hin und her und greifen die Bagger in das Erdreich aber unabhängig davon wachst die Brücke empor. Die Baustelle bietet ein faszinierendes Bild, das sich aus einer Fülle von Einzelheiten ausbaut und be­stimmt wird durch das hochaufragende Gerüst, inner­halb dessen (dem Laien in seinen endgültigen For­men nur schwer erkennbar), das eine der beiden Widerlager emporgeführt wird.

Erst dann, wenn man Gelegenheit hat, in der sauber eingerichteten und von peinlicher Ordnung beherrschten Hütte des Bauleiters einen Blick in die Pläne zu werfen, wächst das Verständnis für die Form, in der sich die stattliche Brücke bald zeigen wird. In Dutzenden von Grund- und Aufrißzeich­nungen ist die Brücke in allen ihren Einzelheiten festgelegt. Man erkennt, daß alle geistige Arbeit schon geleistet war, bevor sich an der Straße Gar­benteichDorf-Gill, am Bahndamm, auch nur eine Hand regte. Dem Laien müssen die Pläne häufig als ein Buch mit sieben Siegeln erscheinen; dem Fachmann aber sagen sie alles! Bewundernswert in jedem Fall die Systematik der geistigen Vor­arbeit.

Welch eine Fülle der Arbeit liegt zwischen jener Zeit vor drei Jahren, als wir in Wind, Regen und Schnee den Landvermessern folgten (wir berichteten damals darüber), und dem Heute, da hier eine Straße und eine Brücke entsteht, die, so sehr sie sich den großen Linien der Landschaft einfügen werden, der Gegend doch neuen Charakter geben. Abseitiges oberhessisches Land wächst heran an eine Ader des transkontinentalen Verkehrs.

Wenden wir uns der Brücke zu!

Seit langem fallen dem Reisenden auf der Bahnstrecke GießenGelnhausen die hohen Gerüste und Bretterwände auf, hinter denen die Wider­lager aufgebaut werden. Seit einigen Monaten ist man an der Arbeit. Im Dezember wurde mit dem Aushub der Gruben für die Fundamente begon­nen. Gegenwärtig ist man dabei, im Schatten des hohen Bauwerkes und auf der anderen Seite des Bahndammes die Erde des bisherigen Ackers für das Fundament des zweiten Widerlagers auszuheben. Bald werden auch dort die hohen Holzverschalungen und Gerüste aufragen.

Einige wenige Zahlen mögen die Ausmaße des Bauwerkes erraten lassen. Die Brücke wird bei der der Autobahn entsprechenden Breite von 24 Meter 35 Meter lang und erhebt sich 11 Meter über die Ebene, die das Bauwerk trägt. Große Men­gen Material sind notwendig, um die Brückenträ­ger zu erstellen. Nicht weniger denn 200 Waggons (zu je 20 Tonnen) Kies müssen angefahren werden, 120 Waggons wurden bereits antransportiert. Es wird mit dem Verbrauch von 60 Waggons Zement gerechnet, und das Holz, das für Gerüste und Ver­schalungen notwendig ist, füllte nahezu zehn Wag­gons. Am Bau sind 66 Mann beschäftigt, die in einer Schicht arbeiten. Zwölf Mann gehören zum Stammpersonal der bauausführenden Firma Wayß & Freytag, die übrige Arbeiterschaft entstammt unserer engeren Heimat.

Die Brücke und ihre Länge ist so bestimmt worden, daß unter ihr drei Verkehrswege' hindurchgeführt werden können: die Eisenbahn, die Straße und ein Feldweg! Zweifellos wird die Brücke eines der inter­essantesten und eines der großartigsten Bauwerke der Reichsautobahn innerhalb der Landschaft unserer engeren Heimat sein. Sie liegt in einer Talsenke, und um die Verbindung von Autobahn und Brücke (die jetzt hoch über die Talsohle hinausragt) zu er­reichen. muß für die Fahrbahn ein etwa 11 Meter hoher Damm aufgeworfen werden.

Für den Brückenbau waren umfangreiche Vor­bereitungen nötig Zunächst waren große Material­silos längs der Bahnlinie angelegt worden, auf die bom aus ausgeladen werden konnte. Für den Straft- und Lichtftrombedarf wurde eine eigene Kraftanlage geschaffen (ein starker Rohölmotor mit einem Dynamo gekuppelt); an Ort und Stelle wur­den Maßnahmen getroffen um das Bau- und Der- sch < Holz auf die notwendigen Langen zu schneiden und zu bearbeiten und das Eisen für die Armierun­gen ebenfalls zu schneiden und zu biegen. Ueberall hilft dabei die motorische Kraft! Für den Wasser­

bedarf wurde ein Brunnen erbohrt und ein Was- serturm angelegt, der das Brückenbauwerk noch um einiges überragt. Zwei Fördertürme wurden gebaut, über die alles Material, Beton, Eisen und Holz, an die hochgelegenen Arbeitsplätze gebracht wird. Zwei Betonmischmaschinen mischen das eigent­liche Baumaterial, eine dritte Mischmaschine steht in Reserve. Selbstverständlich wurden alle Vor­sichtsmaßnahmen getroffen, um die Gefahren zu bannen, die sich aus dem ständigen Zugverkehr auf der Bahnstrecke für die Arbeiter ergeben könnten. Ein Bahnbeamter versieht einen ständigen Warn­dienst. Die Fernsprechleitungen, die die Bahnlinie entlang führten, wurden in einem Kabel zufammen- gefaßt und in die Erde verlegt. So mußte an vieles gedacht werden, bevor mit der Arbeit über­haupt begonnen werden konnte.

Gegenwärtig sind außerdem die ersten Vorarbei­ten im Gange für die Schaffung einer 4 Meter breiten und 250 Meter langen Transportbrücke, die unmittelbar neben der Fahrbahnbrücke erstellt wird, lieber diese Transportbrücke, die ganz aus Holz hergestellt wird, und zwar von der Firma Nuhn in Lollar, werden zu gegebener Zeit die Sand- mengen, die im Rockenberger Bruch gewonnen wer­den, bis nach Steinbach gebracht, da in nächster Nähe geeignetes Fahrbahn-Unterbau-Material nicht vorhanden ist. Außerdem muß für den Brückenbau selbst noch eine große Arbeitsbrücke über die Bahn­strecke geführt werden, fo daß sich eines Tages die Sachlage fo gestalten wird, daß auf der kurzen Strecke von kaum 50 Meter und für beschränkte Zeit an dieser Baustelle zwei Behelfsbrücken über die Bahnlinie GießenGelnhausen führen werden.

Sehr intereffant ist es, die Arbeiter an diesem großartigen Werk an ihrer Arbeitsstelle aufzusuchen, lieber lange Leitern klettert man empor und be­findet sich plötzlich inmitten hoher Holzwände, die von mannigfach gebogenen Eisenstangen verschie­

denster Stärke durchzogen und überragt sind. Die Arbeiter klettern in wahren Netzen starker Eisen- ftangen herum und schaffen das Gerippe, das dann von den Betonmassen umgossen werden wird. Im­mer mehr Eisen gelangt über die Fördertürme nach oben und Beton folgt nach.

Mit aller Vorsicht geht man zu Werke, denn für den Unaufmerksamen wäre die Höhe des Arbeits­platzes eine ständige Gefahr. In aller Arbeit liegt ein ausgeklügeltes System und dem Zufall ist kein Raum gelassen. Vom Zufall wird überhaupt nichts erhofft! Aus der bescheidenen Hütte des Bauleiters führen unsichtbar die Fäden hinaus auf die Bau­stelle, an der die in den Plänen festgelegten Ge­danken ihre Verwirklichung finden.

Und eines Tages schälen sich aus dem Gewirr von Balken, von Stützen und Verstrebungen und

aus den großen Flächen der Holzverschalung ein­deutig klar die Widerlager der Brücke heraus, finn- und zweckvoll in ihrer Gestaltung und einfach in ihrer Form, entsprechend dem Geiste unserer Zeit.

Dann kommt auch bald die Zeit, da die 35 Meter langen aus einem Stück geschmiedeten und 1,80 Meter hohen vier Stahlträger aufgelegt werden, die unmittelbar das Zementband der Fahrbahn zu tragen haben werden. Für alle, die an diesem großartigen Werk schaffen, wird das ein Höhepunkt fein. Die Auflage der Stahlträger wird während der Nachtstunden und zu Zeiten geringen Zugver­kehrs Dorgenommen werden müssen. Das wird ein schweres Stück Arbeit sein, aber es wird bewältigt werden aus jener Zähigkeit und Tatkraft heraus, die deutschen Arbeitern der Stirn und der Faust von jeher zu eigen war.

Voraussichtlich am 1. Oktober dieses Jahres werden dann die Automobile in festlicher Feier der Er­öffnung zum erstenmal auch diese Brücke passieren.

N.

Die Gießener Berufsschule tn der Kirchstraße, in der in 49 verschiedenen Klassen 1400 Schüler unter­richtet werden und eine fachliche Fortbildung er­fahren, zeigt tn der Erinnerung an das 15jährige Bestehen der Anstalt eine Ausstellung, die in über­aus anschaulicher Weise bewußt werden läßt, wel­cher Art die Arbeit ist, die in dieser Schule im Dienste der beruflichen Fortbildung geleistet wird. Die Schau läßt eindeutig erkennen, mit welchem Ernst und mit welchem Perantwortungsbewußtsein Schulleitung und Lehrkräfte bemüht sind, dem jun­gen Menschen zu seiner Ausbildung in der Lehr­werkstätte ein Fachwissen zu vermitteln, das ihm die Lehrwerkstätte nicht immer zu geben vermag. Dem jungen Menschen ist gerade in der Berufs­schule Gelegenheit gegeben, sein Wissen und Können zu erweitern und seine Kenntnisse sowohl von der theoretischen, wie auch von der praktischen Seite her zu untermauern. Die Ausstellung beweist die Viel­falt und Intensität der Arbeit, die dort zum Teil unter durchaus nicht leichten Umständen geleistet wird. Für die Eltern der Schüler, wie auch für Handwerksmeister ist ein Gang durch diese Aus­stellung zweifellos sehr empfehlenswert.

In übersichtlicher Weife find alle Arbeiten, vor allem die Zeichnungen, fo ausgestellt, daß die Syste­matik des Unterrichts und die Steigerung der Auf­gaben in den verschiedenen Lehrjahren har zu er­kennen ist. Sowohl in der Gruppe der schmücken­den Berufe (vor allem der graphischen Berufe), wie in der Gruppe der holz- und der metallverarbeiten­den Berufe wird mit der zeichnerischen Darstellung geometrischer Formen begonnen und dann in lang­samer Steigerung die Arbeit mehr und mehr auf die spezifischen Forderungen des Berufes eingestellt. In der Gruppe der schmückenden Berufe, der Schrift­setzer, der Drucker, der Maler usw. kommt als we­sentliches Element des Unterrichts die Schrift hinzu und die ornamentale und dekorative Arbeit. In einer großen Fülle von Arbeiten spiegelt sich der Wunsch und der Wille zu eigener schöpferischer Ge­staltung, zur Harmonie der Farben und der Formen und fachgerechter Ausarbeitung. In dieser Gruppe werden besonders auch die Linoleumschnitte inter­essieren.

Für die Maler, die ebenfalls viele ihrer Arbeiten ausgestellt haben, ist die Verwendung einfacher geo­metrischer Figuren zu flächenfüllenden Ornamenten charakteristisch für die Ausbildungstechnik.

Eine Fülle interessanter Aufgaben war auch den Weißbindern gestellt, bei denen vor allem erstrebt wurde, dem Berufsnachwuchs ein sicheres Gefühl für Farbenharmonien zu vermitteln und fein Wissen um geschmackvolle Ausgestaltung von Räumlichkei­ten und die sinnvolle farbige Gestaltung von Haus» fronten zu fördern. Auf großen Tafeln sind Zeich­nungen zu sehen, deren viele eingehende Betrach­tung verdienen.

In der Gruppe der holz- und metallverarbeiten- den Berufe ging die zeichnerische Ausbildimg vor allem darauf hinaus, die Lehrlinge so zu schulen, daß es ihnen möglich ist, eine technische Zeichnung selbst herzustellen und Zeichnungen, die ihnen in der Praxis vorgelegt werden, auch sofort zu verstehen und in die Wirklichkeit übertragen zu können. Auch hier begann selbstverständlich die Arbeit bei den ein­fachsten Formen und wurde bei allmählicher Steige­rung der Aufgaben zu einer beachtlichen Höhe der Leistung geführt. Was hier für die beiden erwähn­ten Berufsgruppen gilt, ist sinngemäß auch bei den Elektroinstallateuren zur Forderung erhoben wor­den. Die Schau der Berufsschule bringt außerdem auch in den Abteilungen der Friseure und der Schneider, wie auch der landwirtschaftlichen Schule aufschlußreiches Material. Eine besonders eindrucksvolle Darstellung der Arbeit innerhalb der Schule kann die Fachklasse der Buchdrucker zeigen, die mit der Darstellung des Arbeitsganges .Ines Vierfarbendruckes aufwarten kann und verschiedene schöne Druckproben in der Werkstätte der Be­rufsschule gefertigt zeigt.

Die Ausstellung wurde von der Leitung der Berufsschule durchaus nicht als eine Paradoaus'tel- lung organisiert, vielmehr kann sich jeder Besucher der Schau über die Arbeit, die jeder Lehrling in­nerhalb der Schule leistete, informieren. Es liegen alle Hefte und alle Zeichnungen auf, fo daß jeder Meister sich davon überzeugen kann, was sein Lehrling in der Berufsschule geleistet hat. Jeder Vater kann sich ebenfalls über die Leistung seines Sohnes unterrichten.

Landesbeauftragter für dieErzeugungS- schlacht im Gau Hessen-TIaffau.

NSG. Der Landesbauernführer hat mit soforti­ger Wirkung den Landwirt Dr. Carl Heinrich Roemer, Erbes-Büdesheim/Rhh. zum Sonder­beauftragten für die Erzeugungsfchlacht für das Gebiet der Landesbauernfchaft Heffen-Naffau er­nannt. Hierdurch wird nicht eine neue Dienststelle geschaffen, sondern ein bewährter Praktiker mit der Aufgabe betraut, den vorhandenen wohlausgebil. beten Verwaltungs- und Fachapparat des Reichs­nährstandes für die großen Aufgaben der Erzeu­gungsschlacht unbeschwert von irgendwelchen verwaltungsmäßigen oder bürokratischen Hemmun­gen einzusetzen.

Diese Brücke wurde allein für die Ueberführung eines Feldwegs geschah Sejauüjchau aus das Widerlager» vom Waffntmm gss

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Hier entsteht die Reichsautobahnbrücke bei Garbenteich. (Aufnahmen [5]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

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