M.61 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 13. März 1957
Junge deutsche Nation.
Vorfrühling.
Alles nun beginnt zu glänzen: Himmel, Wasser, weites Land; Fern verschwimmen alle Grenzen, Blut schießt durch die matte Hand.
In den Bäumen schwillt ein Lärmen, Stimmen wurden über Nacht: Heimlich, wenn die Vögel schwärmen. Ist die Seele aufgewacht.
Bald beginnst auch du zu schmelzen, Letzter Schnee am Schattenort, Unter unsren Füßen wälzen Sich die breiten Wasser fort.
Neues Leben: Pflüge brechen Schollen aus der Aecker Reih'n, Und die weiten Winde sprechen: Erde, du sollst fruchtbar sein ...
Heinz Rusch.
pimpse in der Turnhalle.
Drei Gänge Freiringen.
„Im Laufschritt, marsch, marsch!"
Damit beginnt die Turnstunde des Fähnleins. Hanne steht in der Mitte und läßt die Meute im Kreis herumlaufen. Aber natürlich nicht im stumpfsinnigen ,-,Links-zwei-drei-Trott" — unglaublich, wie einfach und doch abwechselnd er das Laufen zu machen versteht. Ein Pfiff, und schon kniet der erste nieder, der nächste springt über ihn hinweg, kniet ebenfalls und so weiter. Zwei Pfiffe: Bocksprung. Der letzte und kleinste hat es natürlich am schwersten, über die gewaltigen Rücken seiner Vordermänner hinwegzukommen; bei Ete, dem lanqge- zogenen Elend, bleibt er hängen und sitzen. „Allmählich kommen wir in Fahrt", brummt Hanne und läßt zu den „vorbereitenden Uebungen" antreten. Aber mit den üblichen Freiübungen, die meist nur aus Rumpfbeugen und Kniebeugen und sonstigen Beugen bestehen, läßt sich das nun nicht vergleichen.
„Bewegung, Bewegung!" Hanne kann in Wut geraten, wenn beim „Flohhopsen" einer die Beine nicht hochreißt. „Höher hüpfen, nicht so verkrampft. In den Knien und Fersen federn und mit den Schultern den Schwung unterstützen. Und jetzt beim Hochspringen die Beine zur Grätsche auseinander — zuck — und noch einmal. Weiterhüpsen — und nun die Hacken an ha5 Gesäß schlagen!" — O weh, welche unmöglichen Figuren kommen dabei zustande. Daß die Korpulenten und Vollschlanken (die mit dem völlig überflüssigen Fett) besonders unter Hemmungen zu leiden haben, versteht sich am Rande.
Hanne verteilt Stricke. Jedem wird ein Ende in die Hand gedrückt. Er selbst stellt sich vorn auf eine Erhöhung und beginnt, indem er das Seil in die rechte Hand nimmt, wie ein Cowboy das Ding herumzuwirbeln. „Der Oberarm bleibt unbeweglich und steif. Nur mit dem Handgelenk geben wir dem Seil den nötigen Dreh, so daß es an unserer rechten Seite einfache Kreise schlägt. Nun ohne Stockung das Seil in die andere Hand — und jetzt drehen wir aus dem linken Handgelenk heraus."
Wozu? Aha, Vorübungen zum Seilspringen — Sache der kleinen Mädchen! Nicht nur, mein Lieber, oder willst du Max Schmeling z. B. in einem Atem mit braven Mädchen nennen? Ziemlich unpassend, finde ich! Ueberhaupt, weißt du, daß alle Boxer das Seilspringen als eine notwendige Körperschulung betreiben, um schnelle Beine zu bekommen und den Körper richtig durchzuarbeiten?
„Hüpfen mit einem Bein, abwechselnd links urtb rechts, wenn ihr hängenbleibt, unten durchtreten, weiter, weiter, Doppelsprung!" Wetten, daß nach fünf Minuten unermüdlichem Ueben euch die Zunge aus dem Halse hängt? Probiert einmal, wer am
längsten ohne Unterbrechung Seilspringen kann, lieber zwei Minuten wird kaum einer hinauskommen.
Es ist unmöglich, den Ablauf des zweistündigen Turnbetriebes bis in alle Einzelheiten zu verfolgen. Er ist ungeheuer vielseitig, und interessant muß es sein, damit alle mit Freude bei der Sache sind. Im Sommer geben Fahrt und Lager dauernd Möglichkeiten, die Kräfte zu stählen, die Gesundheit zu festigen, aus weichlichen, ängstlichen Jungen harte, straffe und mutige Kerle zu machen. Die Pimpfenprobe und- das DJ.-Leistungsabzeichen waren Ziele der körperlichen Ertüchtigung, viele haben sie erreicht und tragen heute mit Stolz schon den Schulterriemen als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der deutschen Jungen. Andere haben das nächste, das Leistungsabzeichen, erworben und damit die Höhe ihres Einsatzes und ihrer körperlichen und weltanschaulichen Leistungsfähigkeit bewiesen. Mit dem Erreichten ist aber nicht ein Abschluß des Hebens und der Vorbereitungen verbunden. Nur wenn wir in ständiger Arbeit an uns selbst unseren Körper ausbilden und ihm allmählich ein immer höheres Leistungsmaß zutrauen können, erfüllen wir tatsächlich die Forderungen der Leibesübungen. Deshalb wird ebenso wie im Sommer auch im Winter die körperliche Ertüchtigung ein Hauptgebiet der gesamten Erziehungsarbeit sein.
Ein kurzer Blick auf den Betrieb in der Turnhalle sieht die Pimpfe beim Freiringen und beim — Boxen. „O wie roh!" sagte die Seifenblase und zerplatzte. Dabei gibt es für Jungen — für richtige Jungen natürlich — nichts Herrlicheres als ein ehrlicher Zweikampf. Wenn X mit N in schrecklicher Fehde lebt (X hat den P mal „Idiot" genannt), hier im Ring der Kameraden können sie die Sache unbarmherzig austragen.
„Ich fordere dich auf drei Gänge Freiringen."
Schon stehen sich die Gegner im Ring gegenüber. Schwager, der Recke ist es, und Semmel, ein schmächtiges aber wendiges Kerlchen. Wer wird
siegen? Man könnte aus der kompakten Muskulatur Schwagers (er läßt feinen Bizeps rollen, ein „oh" geht durch die Reihe der Zuschauer!) — wie gesagt, sie erweckt Eindruck. Aber das allein ist ja nicht entscheidend! „Köpfchen, Köpfchen!" denkt Semmel.
Die beiden reichen sich die Hände, wechseln die Plätze und ducken sich („olympisch!" — Stimme aus dem Parkett), Hanne, der Ringrichter, brüllt „Los!" und schon ist es passiert. Semmel ist wie ein geölter Blitz in die Beine seines Gegners gefahren —-fein Spezialgriff, und nun liegt Schwager wie ein gefällter Riese auf der Matte. Pech! Mit Händen und Füßen darf er sie berühren, aber nicht mit dem Körper. Hanne pfeift „Aus!"
Den zweiten und dritten Gang gewinnt Semmel ebenfalls — wenn sie auch länger dauern — und ist damit zu einem beachtlichen Gegner selbst für die sichersten Favoriten geworden.
„Antreten zur Boxschule!" Hanne kann alles. Sogar Boxunterricht hat er früher gehabt. Und jetzt zeigt er feinen Pimpfen die Grundstellung, die Ausführung der einzelnen Schlagarten, wie Schwinger, Haken, Stopper, und hat damit unbedingt die Begeisterung aller gewonnen.
Für die Aelteren hat er Boxhandschuhe besorgt und Boxbälle, die er an der Reckstange befestigt. Hin und her fliegt der Ball, von links nach rechts rutscht er aus, wenn einmal ein Schlag nicht genau im Zentrum sitzt. Die Schlagsicherheit wird geübt und die Fäuste und Arme und der ganze Körper werden tüchtig ausgearbeitet. Zu einem Zweikampf im Boxen kommt es vorläufig aber nicht, dazu bedarf es noch vieler Vorübungen.
Zu schnell gehen die zwei Uebungsstunden in der Halle vorüber. Freude an der Bewegung, Freude an der eignen körperlichen Leistung sollen geweckt werden. In kameradschaftlichem Spiel, beim Bodenturnen, bei der Hilfestellung, in ritterlichem Kampf sollen die besten Eigenschaften des Jungen gepflegt werden: Sein Mut, seine Einsatzbereitschaft und fein Charakter. L.
Mittagspause aus großer Fahri.
Pimpfe raffen nach einem Gepäckmarsch. (Aufnahme: Bernd Braumüller. Reichsbildftelle der HI.)
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Verettschast.
Wer feige zagt, den ruft die Fahne nicht, Und keines Feigen Hand wird sie zum Sturme tragen. Wer ihr sein Leben weiht, den packt die Pflicht, Und wird Befehl für ihn in allen feinen Tagen.
Aus unfern Reihen wächst der neue Geist,
Der einst Gesetz wird allen, die sich uns verschworen. Der uns der Zukunft harte Wege weist, Die wir zu gehen einst vom Volke sind erkoren.
So stehen wir, bereit zu starker Tat, Und wollen unsre Fahne durch die Lande tragen. Wir sind des Volkes Zukunft heil'ge Saat, Sein Glaube und fein Mut in dunklen Schicksalstagen.
Hans Bahrs
Heimbilderbogen.
„Unser B i l d". — Wir hatten uns an Kaffee und Kuchen übernommen und Schemel und Bänke hinausgezerrt, um draußen Werners Geburtstag ein würdevolles Ende zu bereiten. Eine Ziehharmonika dudelte, einer brummte schläfrig mit. Zuweilen liest Muck ein paar Wikingergeschichten in den Pausen. So fitzen wir da ...
Bis mit einem Male etwas zerweht und zerblasen vom Wind der Okki aus dem Walde gestreut kommt, etwa fünfzig Meter von uns stehenbleibt und uns auf feine gewohnte Weife fixiert. Dann rennt er los, an und vorbei ins Heim. Nach Minuten ist er da, ach Gott, er wird wieder feinen Farbenkoller haben; denn er hat feine Malkiste unterm Arm geklemmt und läßt sich an seinem Platz fünfzig Meter von uns, nieder.
Wir fingen, summen, flöten und verdauen bis zum Nachmittag. Okki kommt auch herbei und hat keine große Lust, uns sein Produkt zu zeigen. „Och", meint er, „laßt man, ihr habt ja doch andere Augen wie ich!" Damit ist er bei uns sofort an die richtige Adresse geraten. Muck hat ihm auf die freundliche Art beigebracht, daß er kein Alleinrecht an dem Bild besitze, die Idee solle er sich man ruhig aus seinem Gehirnskasten schlagen. Es wäre „unser" Bild, genau so wie es „unser" Berg hier ist, worauf wir stehen und „unser" Wald.
Es ist eine Skizze, nein, ein paar Farben sind es, die gut zusammenklingen, mit einigen technischen Fehlern und einer etwas ungeschickten Ausführung. Aber trotzdem ist es ein vollendetes Bild, weil der Gedanke oder sagen wir die Seele des Bildes abgeschlossen ist. Keiner sagt etwas von den technischen Fehlem, keiner sagt, daß er das so oder so gemacht hätte. Wir stehen voller Verwunderung vor dem Bild und es fallen uns die Farben auf, die wir nie gesehen haben: Der Himmel mit seinem Violett und Rot, das satte, schwere Braun der Erde und die vielen Variationen von Gelb und Braun und Rot der Bäume. Da sind Dinge, die wir wirklich zum erstenmal sehen und selbst unser Heim, das wir doch zusammen gebaut haben, kommt uns wunderlich nah und gleichzeitig fern und fremd vor, wie es da mit dem Berge in den Himmel ragt.
Als Okki uns ansieht, hat er nichts mehr dagegen, daß es „unser" Bild wird. Muck hat noch am selben Tag einen wunderschönen Rahmen aus Birken gemacht. Und nun hängt „unser" Bild auf dem braunen Rupfen an der Wand.
*
„Unser e" Hühner. — Wir haben auch noch einen Verschlag für unsere sieben Hühner. Gestern habe ich eine komische Sache beobachtet. Das muß ich erzählen:
Vor dem Heim liegt ein Kehrichthaufen und drei Hühner sind gerade dabei, diesen nach den mannigfaltigsten Abfällen, die so unsere kleine Küche zuweilen beschert, zu untersuchen. Die zwei weißen Hühner sind derart vertieft mit ihrem Scharren, daß sie gar nicht merken, wie das gefleckte Huhn mit einem Male wie toll den Dreck hinter sich wirbelt
Warum VDK-Keiderschau?
Zur Kleiderschau
des BDM.-Obergaues Hessen-Nassau aus der Frankfurter Leistungsschau „Oie HL.".
NSG. Es ist der erste Versuch im Reich überhaupt, wenn der BDM. im Gau Hessen-Nassau mit einer Kleiderschau im Rahmen der großen Frankfurter Ausstellung „Die HI." in der Festhalle an die Öffentlichkeit tritt. Wir wissen, daß diese Schau nicht nur großem Interesse, sondern auch vielseitiger Kritik begegnen wird, denn mit ihr bekennt sich unsere große Mädelorganisation zu einem bestimmten Kleidungsstil. Welche Voraussetzungen zu ihm führen und welche Entwicklung er künftig nehmen wird, — diese Fragen wollen wir vorweg kurz beantworten.
Wir haben es lange Zeit abgelehnt, auf dem Gebiet der Kleidung und Mode richtunggebend hervorzutreten, denn wir sind der Meinung, daß hier etwas Gültiges und Bleibendes nicht gedanklich konstruiert werden kann, sondern aus einer neuen Haltung heraus wachsen muß. Je breiter die Basis unserer Mädelorganisation wurde, je mehr Aufgabengebiete sie in Angriff nahm und erfüllte, desto klarer und sicherer mußte sich das Gefühl für die uns gemäße Form in allen Lebensäußerungen und auf allen Gebieten des Gestaltens entwickeln. So wurde und ist uns z. B. Werkarbeit nicht Selbstzweck, noch will sie hervorragende Einzel- leiftungen als Konkurrenz des Handwerkes Herausstellen, sondern vielmehr in jedem Mädel neben der Freude am Gestalten den Sinn wecken und schärfen für gutes Material und seine werk- und formgerechte Verarbeitung. Welch große Verant- wortuna wir hier als künftige Trägerinnen der Familie allein auf dem Gebiete der Wohnkultur tragen, ist uns ganz bewußt und spornt uns nur an, alle Kräfte und Möglichkeiten in den Dienst der besten Lösung zu stellen.
Don den Dingen unserer täglichen Umgebung ist es nicht mehr weit zur Gestaltung des Persönlichsten: der Kleidung und Mode. Selbstverständlich sind wir weit davon entfernt, den Mode-, oder sagen wir besser, den Kleidungsstil einer Zeit abzulehnen, denn das hieße nicht nur rückwärtsgehen, sondern auch einen großen Arbeitgeber aus unserem Wirtschaftsleben ausschalten. Was wir aber verneinen, ist das Nachäffen fremder Art und eine Abhängigkeit, die eigenes Gestatten ausjchließt.
So wollen mir im Rahmen des deutschen Modeschaffens zeigen, was wir bejahen. Zum gesunden, gepflegten Körper und klarer, selbstbewußter Haltung fordern wir das Kleid, das e i n f a ch , s ch ö n, zweckmäßig und doch persönlich ist. Das Landmädel wird hier ebenso das zu ihm Passende für Arbeit und Feier finden, wie das Mädel in der Stadt. Dabei wollen wir ganz besonders die Stoffe bevorzugen, die in Durchführung des Dierjahres- planes von der deutschen Industrie hergestellt werden. Auch der Rahmen unserer Kleiderschau wird ein vollkommen neuer sein. Nicht das Mannequin werden wir Herausstellen, sondern das BDM.- Mädel, wie es sich in Alltag und in festlicher Umgebung bewegt; nicht kostspielige Ausgefallenheiten, sondern die Kleidung der deutschen Frau, die sich um die Gestaltung des Eigenen im wechselvollen Spiel der Mode müht.
Natürlich kann dieser erste Versuch noch nichts Endgültiges bringen. Aber wir glauben, damit wesentlich zur Gestaltung eines uns gemäßen Kleidungsstils beitragen und ihm die Richtung weifen zu können. pa.-
Aus der Fahrteuchromk.
Erinnerungen an unsere Winterfahrt.
Das Fahrtenbuch hat in unserem Heim einen besonderen Platz. Verdient es auch, wenn man es ihm von außen schon ansieht. Es ist nicht sehr umfangreich und einfach in graues Rohleinen eingebunden. Ohne bunte Schnörkel und ohne „Firma". Es ist nämlich nur für uns bestimmt und wir schätzen es aus einem besonderen Grund. Wenn du die ersten Seiten aufschlägst, wirst du ihn unschwer erkennen. Jeder einzelne aus unserer Jungenschaft hat dazu beigetragen, dieses Buch zu einem getreuen und lebendigen Spiegelbild unseres Jungenlebens zu machen. Das Buch gehört uns allen gemeinsam, und wenn einer darin blättert und vergangene Fahrten, Abende, Ereignisse hier ausgezeichnet wiederfindet, empfindet er vielleicht ganz besonders, worüber wir sonst nicht oft zu sprechen pflegen: Die Gemeinsamkeit unseres Denkens, Planens und unseres Tuns.
Buch der Kameradschaft.
Wir haben bei uns keine ausgeprägten Schriftgelehrten, Graphiker oder Maler, und dementsprechend sind auch die Seiten unserer Chronik nicht immer künstlerisch hochwertig. Aber dafür bergen sie einen viel wertvolleren Inhalt: Die manchmal ungeformte
und rauhe, aber ehrliche und offene Sprache von Kameraden, die Fahrten oder Ausmärsche geschildert haben, wie sie tatsächlich gewesen sind. Und so kann man dann und wann einen von uns beobachten, wie er in diese Aufzeichnungen vertieft Erinnerungen wachruft, vielleicht zu seinem Kameraden sagt: „Weißt du noch ...?" und mit ihm über Vergangenes zu klöhnen beginnt.
Je älter unser Fahrtenbuch wird, um so lieber ist es uns. Was sich z. B. darin erweist, daß immer mehrere die Berichterstattung übernehmen wollen, während zu Anfang durchaus eine gewisse Abneigung gegen diese Tätigkeit eines „Schreibtischathleten" bestand. Manch einer, der auf Fahrt die Klappe überhaupt nicht mehr schließen konnte, ja vielleicht selbst in der Nacht durch seinen lustig plätschernden Wortschwall unsere Gemüter in Wallung versetzte, wurde zu Hause kleinlaut, wenn er die Feder für unsere Chronik führen sollte. Und so ergab sich mit der Zeit die interessante Tatsache, daß die Stillen im Lande sich als die besten und fleißigsten Federfuchser entpuppten. Wem das Herz voll ist, dem läuft der Mund über, heißt es schon in dem zwar nicht schönen aber rührenden Sprichwort aus dem Schatz unserer Altvordern.
Während wir in dem vor uns liegenden Buch blättern, eben noch über eine treffende Skizze der unglückseligen Figur jenes ewigen „Primus" gelacht haben, sind wir plötzlich in unserer Winterfahrt, die noch gar nicht solange zurückliegt. Die Stoßseufzer eines Säuglings der edlen Kunst des Schilaufes mögen hier festgehalten werden.
Schisäugling auf dem Uebungshang.
Zum ersten Male auf dem Uebungshang, auch Plättwiefe und Idiotenhügel genannt. Ich fand diese letztere Bezeichnung einfach klassisch, weil ich daran dachte, daß u. a. auch mein Freund Jupp sich auf diesem Hang tummelte. Womit ich nichts gesagt haben will ...
Uebrigens: Schwer steht es sich auf diesen Brettern, die den Schilauf bedeuten. Es ist, als ob sie einen eigenen Willen hätten. Soeben sind sie mir mitsamt der Beine unter dem Leib durchgegangen. Da sitze ich und die anderen grinsen. Und niemand hilft. Wenn der Schnee nicht so naßkalt und der verlängerte Rücken besser gegen ihn geschützt wäre, würde man am liebsten überhaupt gleich liegen bleiben. Wozu die überflüssige Anstrengung des Aufstehens, roenns einen nach den nächsten fünf Meter doch wieder hinhaut ...
Schneidige Schußfahrt! Wie verhält es sich ba=.
mit? Vor allem ist zu beachten, daß die Stürze während der Fahrt unbedingt gewissenhaft gezählt werden. Das ist schwieriger als man meint. Denn für den. Schisäugling sind Abfahrt und Stürze nicht zweierlei, sondern ein und dasselbe. Oder will mich jemand über den Unterschied aufklären? — Wer kommt als erster „sturzfrei" den Berg herunter? Ebbo, nimm den Mund nicht allzu voll, Hochmut kommt vor dem Fall — siehste woll, da liegt er schon. Keiner schafft es. Aber jeder hat eine Entschuldigung. Gelände, Bretter schlecht gewachst, die feuchte Witterung, verknaxtes Bein, die Bindung — es ist ja immer das gleiche, immer der alte Schnee! Bei Ebbo ist es immer ein Baumstrunk, auch wenn gar keiner da ist. Nach jedem Sturz brüllt er, indem er sich den Schnee aus sämtlichen Gesichtsöffnungen polkt, mit Stentorstimme „Baumstrunk". Das Wort horte ich wohl, allein mir fehlte der Glaube.
Von Kleinholz und Notbremsen.
Dem Jupp passierte eine tolle Sache. Seine Satten ließen ihn einfach im Stich und brausten talwärts los — ohne ihn. Er rannte fluchend hinterher, bis er einsah, daß sie ihm an Schnelligkeit weit überlegen waren. Zwei volle Tage hat der Arme in dem Kuschel- und Tannengestrupp des Talgrundes gesucht, bis er die Holzer wiederfand. Leider nur als Kleinholz. Das gab ein luftiges Feuer!
Eng mit der Abfahrt hängt auch das schwierige Problem der Bremsvorrichtung zusammen, das beinahe so alt ist wie Methusalem. Ich persönlich habe es dankbar empfunden, daß uns die Natur in gewisser Weise entgegengekommen ist. Hat sie nicht einen gewissen Körperteil mit dem nötigen Schwergewicht und einer ausreichenden Bremswirkung ver- sehen? Die Sitz- oder Backenbremse ist deshalb allgemein bekannt und braucht wohl auch nicht länger geschildert zu werden. Bei Säuglingen beson- ders beliebt, pflegt sie hier sogar als selbsttätige Notbremse zu funktionieren.
Die Stockbremse — nach dem Vorbild der Brockenhexen — ist so unzünftig und ihre Anwen- düng so schmachvoll, daß ich sie lieber mit Still- schweigen übergehe. Ehrlich gesagt, habe ich trotz- dem schon von ihr Gebrauch gemacht.
Die Natur hilft uns auch noch auf andere als die oben erwähnte Weise. Wozu gibt es schließlich Bäume, Zäune, Steine, unsichtbare Gräben unv Schneelöcher? Wem aber all diese Bremsen noch nicht genügen, der suche sich einen einsamen Hang und übe wie ich so lange, bis er einen schmissigen Kristiania beherrscht. Lüdde.


