Nr.37 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, (3. Februar (937
Der Omnibusverkehr der Gießener Straßenbahn.
«s
Einer der neuen Omnibusse vor der Waldkaserne. — (Aufn. [2]: Neuner.)
Soldaten werden häufig Fahrgäste der erweiterten Straßenbahnlinie sein.
Seit dem gestrigen Freitag vormittag ist der Autobus-Pendel- verkehrderGieße- ner Straßenb ahn zwischen der Straßenbahn-Haltestelle bei der „Stadt Lich" (Bergka- ferne) bis zur Wald- kaserne im Gange. Die Wagen verkehren einstweilen nach einem vorläufigen Fahrplan, damit die Betriebsleitung erst genügendErfahrungen für die endgültige Festlegung der Fahrzeiten des Tages gewinnen kann. Nach dem jetzigen Fahrplan ist in den frühen Morgenstunden eine Anzahl Fahrten mit rascher Aufeinanderfolge der Hin- und Rückfahrt zwischen den beiden Stationen des Pendelbetriebs vorgesehen. Dann folgt eine größere Betriebspause bis um die Mittagszeit, in der sich die Fahrtenfolge wiederum etwas enger zusammendrängt. Am Nachmittag folgt eine zweite größere Betriebspause, der sich am Abend, um die Zeit der Rückkehr der Soldaten vom Abend- spaziergang in die Stadt, noch mehrereFahrten an- schließen. Eine Anzahl Fahrten, die besonders den Markttagen (Dienstag, Donnerstag und Samstag) gelten, dürfte den Hausfrauen in jenem von den Marktplätzen entfernten Stadtviertel besonders willkommen sein. Einige weitere Fahrten sind auf Erfordernisse des stärkeren Verkehrs an den Samstagen, ferner bei Bedarf an Sonn- und Feiertagen vorgesehen.
Die Frequenz der Wagen war am gestrigen ersten Verkehrstage naturgemäß noch nicht allzu groß.
Der Betrieb dieses neuen Verkehrsmittels muß sich eben erst einbürgern, insbesondere bei den im östlichen Stadtteil wohnenden Volksgenossen und bei den Soldaten in der Waldkaserne überall erst richtig bekannt werden.
Vielleicht könnten mit Hilfe dieser schönen Autoomnibusse, die den Fahrgästen bequemen Aufenthalt bieten, während der größeren Betriebspausen an den Vormittagen und Nachmittagen eine gute Fahrverbindung zwischen denjenigen Stadtteilen, die abseits der Straßenbahn und der Stadtmitte liegen, und den Brennpunkten des Verkehrs, insbesondere auch mit dem Bahnhof und dem Klinikoiertel, her- gestellt werden. Eine sog. Ringoerbindung, die — beispielsweise — vom Ludwigsplatz aus durch die Ludwigstraße zum Klinikoiertel, dann die Frankfurter Straße oder den Wetzlarer Weg herunter
(nächste Nähe des Bahnhofs!) über den Horst- Wessel-Wall, Wernerwall, Hitlerwall, Moltkestraße zum Ludwigsplatz und in umgekehrter Richtung führen würde, könnte den seit Jahren bestehenden dringenden Wünschen der Anwohner dieser Straßen nach einer guten Fährverbindung gerecht werden. Derartige neue Verkehrslinien würden auch keinerlei Beeinträchtigung des Straßenbahnbetriebs fein — ganz abgesehen davon, daß ja die betriebsführende Stelle die gleiche ist —, sie würden vielmehr gute Möglichkeiten zu gesteigertem Verkehr erschließen, die jetzt nicht gegeben sind, weil man vielfach aus den abgelegenen Straßen einen so großen Anmarschweg zur Straßenbahn zurückzulegen hat, daß man in dieser Zeit auch ohne Straßenbahn vielfach schon am Ziel angekommen sein kann.
Zur Behebung dieses Mangels an Verkehrseinrichtungen war schon vor einer Reihe von Jahren durch die Stadtverwaltung und den damaligen Stadtrat die Beschaffung von Autobussen geplant, jedoch konnte jenes Vorhaben wegen Mangels an Geldmitteln nicht verwirklicht werden. Nachdem es dem Herrn Oberbürgermeister jetzt gelungen ist, unserer Stadt diese Verkehrseinrichtung zu beschaffen, könnten sie auch zur Erfüllung dieser Verkehrswünsche unserer Einwohnerschaft sehr gute Verwendung finden. B
Aus Oer Provinzialhauptstadt
Billige Redensarten.
Es gibt Menschen, die bei jeder Gelegenheit, in allen Lebenslagen, ein Sprüchlein bereithalten. Sie kennen die deutsche Dichtkunst, oder wenigstens den „Büchmann" so gut, daß sie nie um ein Zitat verlegen sind. Es ist manchmal sehr vergünglich, ihren Ergüssen zu lauschen.
Wenn aber eine offene, klare Antwort gefordert wird, ober, wie man in Oberhessen sagt, wenn's an den Bindriemen geht, dann versagen diese Menschen meist völlig. Nach einigem Hin und Her ist vielleicht die Redensart: „Ich will mal sehen!" das Ergebnis. Die Kinder erkennen solche „Sprücheklopfer" viel schneller als die Erwachsenen, denn sie schauen auf die prakfischen Ergebnisse. Wenn sie solchen Menschen eine Gefälligkeit erweisen und immer nur dafür ein Verslein oder einen Spruch als Dank erhalten, dann wissen sie bald, woran sie sind. Bei der nächsten Gelegenheit sind sie schwerhörig, ober sie haben keine Zeit.
Rebensarten kosten nichts, unb sie müssen am Biertisch, in ber Eisenbahn unb im Familienkreise herhalten. All biese Redensarten zeugen nur von Selbstzufriebenheit unb Eitelkeit. Verstänbnis für bie Not unserer Mitmenschen zeigt sich jebenfalls nicht in solchen billigen Rebensarten. Es wäre besser, wenn bieses Sichbeschweren unterlassen unb helfenb eingegriffen würde. Wenn ein Kind ins Wasser gefallen ist, können wir es auch nicht mit einer Rebensart herausholen. Ober wenn unser Freund krank im Bette liegt und jammert, können wir ihn nicht mit den Worten: „Lerne leiden, ohne zu klagen!" trösten. Das wäre ein schlechter Liebesdienst. Genau so verhalten sich aber solche Menschen, bie mit abgegriffenen Sprichworten baher- Eommen.
Hierher gehören auch bie Klugschwätzer, bie immer alles vorausgesehen haben. Gehen wir sie an, baß sie uns ober einem Bebrängten helfen sollen, bann stellen sie sich auf ben erhöhten Stuhl ihrer Weisheit unb orakeln: „Wenn sie mir gefolgt wären..." Wir kennen diese zur Genüge.
Deine wahren Freunde lernst du erst in der Not kennen. Die „Sprücheklopfer" helfen dir nie. Wir wollen aber nicht nur theoretisch unfern Mitmenschen helfen, fonbern praktisch. Tatkräftig sein unb zugreifen! Nicht nur Rat erteilen, sondern hanbeln! Auch im Stillen handeln. Deine linke Hand braucht nicht zu wissen, was deine rechte tut.
In unferm alten Schullesebuch stand die kleine Geschichte vom Meister Hämmerlein, der als einfacher Handwerksgeselle in ein Dorf kam unb an einem Zaun einige abgerissene Latten sah. Er hielt keine Rede über schlechte Drbnung, sondern griff in bie Tasche, nahm fein Hämmerlein heraus und nagelte bie Stangen fest.
So sollten wir es auch machen, wenn wir bazu in der Lage sind. H.
Landschastsbund Volkstum und Heimat
Orksring Gießen.
Samstag, 20. Februar, 20 Uhr, in der Aula des Gymnasiums: Lichtbilderoortrag von Professor
Minbner (Darmftabt) über „Praktische Fragen ber Denkmalpflege unb bes Heimatschußes". Der Gesangverein „Heiterkeit" wirkt mit.
Morgen öffentliches Eintopfessen'
Unsere Gießener Volksgenossen seien noch einmal baran erinnert, baß am morgigen Sonntag, anläßlich bes Februar-Eintopfs, ein öffentliches Eintopf» essen im Studentenheim, im Klub unb im Cafe Leib ftattfinbet. Das Essen wirb im Auftrage ber Kreisamtswaltung ber NSV. in 14 Felb- küchen zubereitet. Es gibt Pichelsteiner mit Fleisch- einlage. Die Portion kostet 60 Pf., Bestecke und Eßgefchirre find in ben Speisestätten vorhanben. Die Ausgabe bes Essens finbet von 12 Uhr ab statt. Musikalische Darbietungen werben zu bem gemeinsamen öffentlichen Eintopfmahl in ben vorgenannten Lokalen gute Unterhaltung bieten. Die Beteiligung aller Volksgenossen an biefem gemeinsamen Essen, besten Erlös zum Besten bes WHW. Verwendung findet, wird als felbstverstänblich angesehen!
Zweimal 500 RM. an einem Abend!
X X
Die Lose ber Winterhilfe-Lotterie brachten am Donnerstagabenb an zwei verschiebenen Stellen unserer Stabt ben Loskäufern eine unerwartete, große Freube. Zweimal zeigten nämlich bie gekauften Lose an, daß die Käufer je 500 RM. gewonnen hatten. Die Freude über diesen unerwarteten, wenn auch im stillen Kämmerlein des Herzens wohl sehnsüchtig erhofften Erfolg des Loskaufes war bei den glücklichen Gewinnern natürlich groß. Am gestrigen Freitag wurden die Gewinne bei her Zahlstelle der Winterhilfe-Lotterie in Gießen, der Bezirkssparkaffe, abgehoben. Unser Bild zeigt den
Das Mädchen mit dem Gilberhaar.
Roman von Anny von panhuys.
3: Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Günther Grevenstein wollte antworten: Sie sind wohl verrückt! aber er behielt die Grobheit für sich, brummte nur etwas vor sich hin, was ben Kellner fortscheuchte.
Aergerlich dachte Günther Grevenstein daran, sich in ein anderes Hotel zu begeben, denn bei Radau- musik war ja an Schlaf gar nicht zu denken. Schnell noch ein Glas Wein getrunken und ein zweites.
Nach einem Weilchen rief er: „Kellner, eine Flasche von derselben Marke, und nach dem Essen lassen Sie mir einen Domino auf Zimmer Nummer zwölf legen. Ich werde mir das Maskenfest an- jehen."
Bald danach betrat er, von dem Wein sehr animiert, den Saal, zu dem man durch den Garten gelangte.
Das Fest war schon im vollen Gange, und Günther Grevenstein befand sich gleich in einem Durcheinander von Schäferinnen, Türkinnen und Königinnen der Nacht. Eine Spanierin lachte ihn an, und ein Othello drückte ihm ein bayrisches Dirndl in die Arme, das er anscheinend möglichst schnell los werden wollte. Dazu jazzte die Kapelle in nervenempörender Weise, und tanzende Paare stießen ihn an.
Er schob das bayrische Dirndl einem Schornsteinfeger zu und drängte sich langsam seitlich durch das Gewoge von mehr und weniger guten Masken.
Den meisten war fein besonderes Kostüm eingefallen, nur die üblichen altbekannten Verkleidungen sah man.
Seine Augen unter ber Halbmaske suchten umher unb sanden schließlich ein Ziel. Eine schlanke Gestalt in einem Gewand aus der Zeit ber Freiheitskriege mit silberblondem Haar von köstlich seltener Schattierung. Blaue und weiße Steine eines Diabems sprühten ein kleines Feuerwerk über bas wundervolle helle Haar hin. Wie graziös bie Schlanke tanzte, wie weich sie sich von bem vierschrötigen Papprüstungsritter durch bas Gewimmel führen ließ!
Günther Grevenstein stellte sich so, baß er die Tanzende genauer betrachten konnte. Hm, bas Möbel ober bie junge Frau hatte ihr Kleib bestimmt aus keiner Maskenoerleihanstalt entlehnt, es war aus sehr wertvollem, prunkendem Stoffe, unb bas Diabem, wenn man auch kaum annehmen konnte, baß es echt war, mußte eine sehr kostspielige Imitation sein. Er hörte, wie sich hinter ihm zwei Dominos, anscheinend ältere Herren, über die ausfallende Erscheinung unterhielten, und er
trat wie zufällig ein wenig zurück, lauschte aufmerksam. Er hörte sagen: „Es ist doch gar fein Zweifel, wer in dem Kleid steckt, wenn's auch ein bißchen sonderbar ist, daß sie sich unter die kleinen und mittleren Leute mischt, die hierhergefommen. Aber sie soll ja abenteuerlustig sein. Glaube nur, das Diadem ist echt. Das Haar verrät ja die Komtesse Mönchsgut deutlich genug, sie ist's bestimmt. Paß auf, wenn es zur Demaskierung kommt, ist sie verschwunden."
Sie redeten danach von anderen Dingen.
Günther Grevenstein ließ sich an einem etwas abseits stehenden Tisch nieder. Ganz amüsant war das, was er eben erlauscht. Also die Schlanke, Hellblonde war eine Komtesse Mönchsgut, die gern ein bißchen abenteuerte, und deren Eltern Geld wie Heu hatten. Daß es so was in so einem kleinen Nest gab!
Er mußte versuchen, die Komtesse kennenzulernen. Es reizte ihn, ihre Stimme zu hören, mit ihr zu tanzen.
Er beobachtete sie weiter genau, und als der Tanz zu Ende war, sah er sie auf einen Tisch zugehen, an dem ein schlichtes Rotkäppchen saß. Das wird ihre Kammerjungfer sein, die sie für alle Fälle mit hierher genommen, dachte er, und kaum setzte bie Musik wieder ein, erhob er sich, ging auf bie Hellblonde zu.
„Erlaubt mir, schöne Dame einer verschollenen Zeit, mit Euch den nächsten Tanz zu tun", sagte er mit ungekünstelter Stimme.
Wozu seine Stimme verstellen? Ihn kannte hier ja doch niemand.
Die Blonbe nickte nur, unb halb brehten sie sich in einem Walzer burch ben Saal. Die Musik war gräßlich laut, auch gingen ab unb zu ein paar Töne baneben, aber Günther Grevenstein hatte bas Gefühl, noch niemals eine so gute Tanzpartnerin gehabt zu haben.
„Der nächste Tanz gehört mir auch", bat er, und Franziska Karsten fanb, er tanzte ganz anbers, als ber Ritter von vorhin unb ber Harlekin von vorher.
Sie glitt jetzt viel leichter über bie glattgebohnerten Dielen, unb manchmal war es fast wie ein sanftes Fliegen. Sie tanzten auch ben nächsten Tanz zusammen, unb banach zog er sie zu seinem Tisch, ber abseits ftanb. Ein paar armselige Palmen in Kübeln waren in ber Nähe aufgestellt, verbargen ben Tisch ein wenig vor.ber tanzenben Menge. Günther Grevenstein rief ben Kellner, bestellte Sekt, teuren Sekt, unb sagte zärtlich zu ber Hellblonden: „Ihr tanzt ungewöhnlich gut, schöne Dame aus verschollener Zeit, man merkt, Ihr hattet einen besseren Lehrer als bie meisten hier."
Franziska buchte an Eva Zolls Unterricht, und üe mußte lachen. Sie zeigte babei ihre schneeweißen Zähne, unb er betrachtete entzückt ben Munb, ber so frisch unb jung war, unb betrachtete entzückt bas weiche Kinn, ben oollenbeten Hals.
Ablige Rasse! stellte er fest. Aber sie durfte nicht merken, daß ihr Inkognito schon gelüftet war.
Sie erwiderte noch lachenb: „Ich habe niemals Tanzunterricht gehabt, meine Freundin, das Rotkäppchen von vorhin, hat mich unterrichtet."
Nun lachte er auch. Die Komtesse scherzte, unb er wollte tun, als glaube er ihr. Warum nicht, wenn es ihr Vergnügen bereitete! Das Rotkäppchen war ja boch ihre Kammerjungfer unb keine Freunbin.
Der Sekt würbe gebracht. Günther Grevenstein zahlte unb ließ einfchenken.
Günther Grevenstein hielt Franziska fein Glas entgegen.
„Auf Euer Wohl, schöne Dame."
Sie trank, sie hatte großen Durst, und bas ungewohnte Getränk stieg ihr sofort leicht zu Kopf. Alles schien ihr mit einem Male viel vergnüglicher und hübscher. Die Masken tanzten, scherzten, unb ein schlanker Mann mit bunflen Augen nannte sie „schöne Dame". Es klang gut, es gefiel ihr.
Sie trank hastig noch ein Glas. O, schmeckte bas vorzüglich, unb babei kribbelte es so angenehm auf ber Zunge.
Unwillkürlich blickte sie auf bie Hänbe bes neben ihr Sitzenden. Ihr fiel beren Gepflegtheit auf. Wessen Züge mochten sich hinter ber Maske bergen? überlegte sie. Seine linke Hanb, siel ihr jetzt auf, lag seltsam starr auf bem Tisch, so, als wenn kein Leben barin wäre.
Sie sah aufmerksamer hin, aber ba zog er die Hanb schon fort, barg sie wie versteckenb in ben Falten seines Dominos.
Er fragte: „Ist bas Leben hier im Ort nicht sehr still unb einfömig? Ich halte mich nur auf ber Durchreise hier auf, aber schöne Damen wie Ihr sollten sich nicht in so kleinen (Stabten verstecken, bie große Welt braucht schöne Damen."
Also ein Fremder war ber hochgewachsene, schlanke Herr, ber ihr ganz anders schien als die Männer, bie sie bisher kannte.
Sie antwortete ein wenig übermütig: „Erstens wissen Sie ja gar nicht, ob ich zu ben schönen Damen gehöre, unb zweitens ist bie große Welt nicht für alle da, sonst wäre die kleine Welt vielleicht längst entvölkert."
Rotkäppchen tauchte auf, unb Günther Grevenstein schenkte ihr Sekt in ein nahestehenbes kleines Wasserglas ein.
Eva Zoll schmunzelte: „Hier geht's ja hoch her! Ra ja, heute Sekt, morgen Gänsewein vom Brunnen."
Sie verschwanb gleich roieber, tauchte zwischen ben Tanzenben unter. Franziska wollte aufstehen, ben Tisch verlassen, aber bie Rechte bes Dominos hielt sie zurück.
„Es sitzt sich so gut hier abseits, bleibt boch noch, schöne Dame, ich möchte nämlich ben Rest meines Lebens von dieser Stunbe ab an Eurer Seite träumen."
Franziska wollte lachen, aber sie konnte nicht lachen, es war ein Etwas in seiner Stimme, in seiner ganzen Art, was sie seltsam anzog und ein wenig willenlos machte. Außerbem fühlte sie jetzt gar keine Lust mehr, mit einem anderen Manne zu tanzen. Seltsam war bas, fanb sie.
Sie trank roieber, unb ihr war es, als wäre Zärtlichkeit in ben bunklen Männeraugen, bie sie aus ber kleinen Seibenmaske ansahen. Einen scharf geschnittenen Munb hatte er unb eine kühn gebogene Nase. Der Capuchon seines Dominos glitt jetzt herab unb sein Haar würbe frei, zeigte sich sehr bicht unb glänzenb bunfelbraun. Es war schräg gescheitelt.
Günther Grevenstein hatte vor bem Sekt schon zwei Flaschen Haute Sauterne getrunken, er fanb, bas Zusammensein mit ber abenteuerlustigen reichen Komtesse, bie einen so blöben Durchschnittsmaskenball besuchte, mußte noch etwas farbiger werden, sich noch etwas romantischer gestalten.
Der schöne, frische Mund reizte ihn.
Günther Grevenstein wußte, daß er ein hübscher Mensch war, und sie würde in ihm ja nicht gleich den entthronten Geigenvirtuosen erkennen. Er brauchte das wohl kaum zu befürchten.
Er nahm seine Maske ab.
„Das Ding ist unbequem, schöne Dame, wie wäre es, wenn Ihr es Euch, so wie ich, schon vor Mitternacht etwas bequemer machen würdet, ehe die Masken fallen müssen?"
Fränze sah ihn groß an. Ein schöner Mensch war er, der sie klingend „schöne Dame" nannte. Einer wie aus einem Film herausgestiegen.
Er lächelte spitzbübisch: „Ich bin fremd hier im Städtchen, ich kenne Euch nicht, auch wenn Ihr mir Euer holdes Antlitz zeigt, schöne Dame. Bitte, tut es! Ich ahne. Euer Antlitz ist die Erfüllung meiner geheimsten Wünsche, meiner sehnsüchtigsten träume."
Sie wußte, es war scherzhaft gemeint, aber es gefiel ihr doch, machte mehr Eindruck auf sie, als sie sich zugeben wollte.
Sie antwortete trotzdem: „Nein, die Maske lüfte ich nicht, Domino, das hat Zeit bis Mitternacht."
Er band seine Maske auch wieder vor.
„Dann wollen wir wenigstens tanzen, schöne Dame."
Er erhob sich und verneigte sich tief vor ihr. Sie tanzten, und er zog sie babei fest an sich.
Eigentlich hätte sie ihm wahren müssen, aber sie ließ es geschehen. Die paar Maskenstunben würben schnell vorüber fein, huschte es durch ihren Kopf, dann kam der Alltag wieder. Dann saß sie wieder Stunde für Stunde im Büro der Radio-Nadir und schrieb Briefe, machte Ausstellungen. Dann war ber Frembe weitergefahren in eine Welt unb Umgebung, bie zu ihm paßte, unb ihr blieb nur bie Erinnerung an etwas, bas ihr Herz höher schlagen ließ.
(Fortsetzung folgt!)


