Bilder aus dem Norden.
Von unserem B.-Berichierstaiier.
Kopenhagen, im Januar.
Ein friedlicher, sanfter, verträglicher, unfanatischer Menschenschlag sind die Dänen. Aber was kann ein Silvesterabend aus ihnen machen! Der Fremde versteht zunächst nicht, warum die dänische Polizei den Verkauf von Feuerwerkskor- pern nach dem 30. November verbietet. Am Silvesterabend und am Peujahrtstag versteht er dieses Verbot besser. Ununterbrochen hallen die Straßen von dem Geknall der Bomben und Frösche wider, ununterbrochen steigen in allen Stadtteilen Raketen in die Höhe. Normalerweise pflegt doch der Silvesterradau überall in den Morgenstunden des neuen Jahres abzunehmen. Davon kann hier gar keine Rede sein. Wenn der Vorrat der „offiziellen" Radauapparate erschöpft ist, tritt das private Er- sindertalent in Funktion. Jeder hat seine eigene hübsche Methode, lebensgefährliche „Bomben" anzufertigen und damit den Nachbarn zum Erbleichen zu bringen — vor Schreck über den häuser- erschütternden Krach und aus Neid über die großartige Wirkung. Daß unter diesen Umständen die Verlustliste der diesjährigen Siloerstervergnügun- gen verhältnismäßig klein ist, muß als Zeichen dafür angesehen werden, daß eine gütige Fee wie an den anderen Tagen des Jahres auch am letzten ihre Hände über die braven Dänen gehalten hat. Immerhin ist einem Mann beim „Bombenbau" die Hand abgerissen worden, immerhin sind Raketen in Wohnungen gestiegen und haben dort Feuersbrünste heroorgerufen, immerhin ist ein Eisenbahnzug durch den „Scherz" von vier nichtsnutzigen Knaben beinahe zum Entgleisen gebracht worden. Aber doch sind die unzähligen Verletzten und Verunglückten, die im Laufe des Silvester- und Neujahrstages in die Krankenhäuser eingeliefert wurden, einigermaßen gut davongekommen.
Geradezu wunderbar ist die Rettung eines Kopenhagener Kaufmanns, der am Neujahrsmorgen m seine Junggesellenwohnung zurückkehrte. Er wollte das neue Jahr gut beginnen, mit einem Bad nämlich, und so stieg er denn nach einem letzten, einem allerletzten Schluck in die Badewanne und öffnete alle Hähne. Dabei blieb es eine Weile. Die Nachbarn in der Wohnung darunter wurden dann durch die Wassermassen beunruhigt, die plötzlich in chre Wohnung drangen. Die Feuerwehr öffnete mit Gewalt die Räume des einsamen Kauftnannns, sie kämpfte sich gegen die anflutenden WasserstrÜrne vorwärts und erreichte schließlich auch das Badezimmer, das einer Schwimmhalle ähnelte. Der einzige trockene Fleck war der Kopf des Mannes in der Wanne, der durch irgendeinen Zufall so gelagert war, daß der steigende Wasserspiegel nicht zu ihm empor kam. Alle Versuche, den Kaufmann zu wecken, blieben erfolglos. Endlich drehte ein Feuerwehrmann die kalte Brause auf, ein kalter Strahl, ein Schrei — das Jahr 1937 war da! —
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Die feste Grundlage, auf der das dänische Volk aller Schichten verhältnismäßig ruhig die allgemeinen Erschütterungen ertragen und abwarten konnte, ist die Landwirtschaft. Zwar rufen die Bauern nach wie vor nach höheren Preisen für ihre Erzeugnisse, nach der „vollen Valuta", wie der Schlachtruf heißt, doch haben sich die Verhältnisse so entwickelt, daß die Regierung einigermaßen sicher dem Fortgang des internationalen Handelsaustausches entgegensehen kann. Der Abschluß des neuen Handelsvertrages zwischen Deutschland und Dänemark hat eine neue „automatische" Regelung der Handelsbeziehungen gebracht, die den Bedürfnissen Deutschlands entspricht und auf die Wünsche Dänemarks Rücksicht nimmt: die Ausfuhr deutscher Jn- dustriewaren nach Dänemark im einen Monat ist der Maßstab für die Lieferungen, die Dänemark im nächsten Monat nach Deutschland vornehmen kann. Auf diese Art wird der gesunde Waren- und De- visenaustausch, der vor allem im letzten Jahr einen lebhaften Aufschwung genommen hat, und der nach den Worten des dänischen Außenministers Dr. Munch gute Aussichten für die Zukunft bietet, gesichert und gefestigt. Es bleibt nur zu wünschen, daß in gewissen Teilen der dänischen Oeffentlichkeit zukünftig Verständnis dafür entsteht, daß die aus Gründen parteipolitischer Taktik durchgeführten Angriffe auf die Handelsabmachungen ihrer Regierung gewisse Gefahren in sich bergen. Dann nämlich, wenn im Eifer der „Kriegführung" Tatsachen so gefärbt und wirtschaftliche Verknüpfungen und Kon
stellationen so einseitig beleuchtet werden, daß die Beziehungen zwischen den beiden Ländern überhaupt in einem falschen Licht erscheinen.
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Die schwedische Hauptstadt Stockholm macht einen ausgesprochen großstädtischen, ja weltstädtischen Eindruck, und es ist vor allem dafür gesorgt, daß der Eisenbahnreisende als erstes Bild das liebreizende Porträt der richtigen „Mälarkönigin" zu sehen bekommt. Die Einfahrt mit der Bahn gehört zu den hübschesten Reiseerlebnissen im Norden: alles, was schön und berühmt an Stockholm ist, bietet sich auf kurzer Strecke dar. Das Schloß, die Oper, der Mälarsee, der Nörrström und die aufstrebenden Bastionen der neuen modernen Hochhausbauten. All diese Pracht beherbergt nur rund 550 000 Einwohner, also viel weniger, als zum Beispiel Kopenhagen an Bewohnern zählt. Zum Jahresschluß berichtet nun Stockholm von einem sehr wesentlichen Zuwachs, der nicht auf Geburtenüberschuß, sondern auf Zugang aus den Provinzen zurückgeht. Nicht weniger als 10 000 neue Stockholmer haben sich im letzten Jahr an den Ufern des Mälar niedergelassen, eine ganz erstaunliche Zahl. Und es ist interessant zu sehen, daß im Rahmen der Vermehrung ein ausgeprägter „Zug nach dem Westen" stattfindet, eine Bewegung, die seinerzeit in Berlin so viele falsche Hoffnungen erweckt und soviel fehl- angebrachten Eifer betätigt hat. Auch in Stockholm ist der Westen der Stadt mit neuen und teuren Wohnungen besetzt, mit Baulichkeiten, die an Komfort und Preisen wohl alles übertreffen, was zur Zeit in Europa geboten und verlangt wird. Heber die Hälfte des Jahreszuwachses an Stockholmbewoh- nern ist in diese Stadtkreise Bromma und St. Göran gezogen, während sich die alten Jnnenbezirke immer mehr entleeren. Allgemein ist der Rückgang an Geburten, allgemein ist auch em erheblicher Ueberschuß an Frauen, der im Stadtteil Södermalm allein 12 000 beträgt.
Immer stärker machen sich die Bestrebungen geb tend, an Stelle eines unnatürlichen Zugangs vom Lande in Stockholm einen natürlichen Bevölkerung^ zuwachs herbeizuführen, und man hofft in Schweden, daß die energische Propaganda für Kinder- reichtum wenigstens den katastrophalen Geburtenrückgang zum Stillstand bringen wird.
Eidgenossen wandern ans.
Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise haben in der Schweiz dazu geführt, daß die Zahl der Auswanderer im vergangenen Jahr erheblich gestiegen ist. Im November 1936 sind doppelt so viel Schweizer Bürger aus der Schweiz nach überseeischen Ländern ausgewandert wie im November des Jahres 1935, nämlich 180 Personen. Vom 1. Januar bis Ende November 1936 betrug die Zahl der überseeischen Auswanderer aus der Schweiz rund ein Drittel mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, nämlich 1841 gegenüber 1157. Anfang September wurde unter der Bezeichnung „Schweizerische Zentralstelle für überseeisches Sied- lungswesen" in Zürich eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 100 000 Franken gebildet, die auf Grund des Bundesbefchlufses vorn 20. Juni 1936 auswandernde Schweizer Bürger unterstützt. Es handelt sich um eine Gesellschaft, die einer gemeinnützigen, vom Bund, Kantonen und Gemeinden geförderten Aufgabe dienen soll und die Form einer privatrechtlichen Handelsgesellschaft erhalten hat, um so zu unterstreichen, daß der Staat nicht selbst seine Bürger aus der Heimat fortschicken will. Er gewährt dagegen Beiträge, wenn geeignete Personen auswandern wollen und die geschaffene Zentralstelle sie nach Prüfung aller Verhältnisse dabei unterstützt. Bei der Befürwortung bzw. Unterstützung der Auswanderer ist diese Zentralstelle sehr zurückhaltend. — Im Anschluß an die Studienreise einer schweizerischen Kommission im Oktober 1935 nach Brasilien, Argentinien und Paraguay wurde von einem Mitglied der Kommission mit der Regierung von Parana (Brasilien) ein Abkommen getroffen, worin sich diese verpflichtet, eine Fläche von 500 000 Hektar für Kolonisationszwecke auf die Dauer eines Jahres zu reservieren und ferner noch andere Staatsländereien zum gleichen Zwecke zur Verfügung zu stellen. Die Gefamtkosten für diese Fläche belaufen sich bei dem heutigen Kurs auf rund
2 Millionen Schweizer Franken. In der Schweiz müßte man für die gleiche Bodenfläche mindestens 2 Milliarden Franken bezahlen, denn die Boden- preife in der Schweiz find tausendmal höher als in Parana.
Palästina fordert Unabhängigkeit.
Jerusalem, 12. Jan. (DNB.) Der Großmufti von Jerusalem, der von der britischen Untersu- chungskommifsion gehört wurde, wandte sich in sehr scharf gegen die britische Palästinapolitik und die jüdischen Bestrebungen. Er ging davon aus, daß Palästina ein arabisches Land gewesen sei und wies auf das Versprechen d e r völligen Unabhängigkeit aller arabischen Länder hin, das England während des Weltkrieges dem König Hussein von Hedschas abgegeben habe. Dieses Persprechen habe zeitlich vorder „Balfour- Erklärung gelegen, die den Juden ein „jüdisches Nationalheim" in Palästina in Aussicht stellte. Der Großmufti forderte die Beseitigung des „jüdischen Nationalheims" und der Balfour-Erklärung, Beendigung der jüdischen Einwanderung, Verbot des Landoerkaufs, Gleickftellung Palästinas mit den anderen arabischen Ländern und die Konstituierung einer unabhängigen arabischen Regierung in Palästina.
Kleine politische Nachrichten.
Der deutsche Botschafter in Paris, Graf Welc - z e k und Gräfin Welczek sind nach Deutschland gereist, wo ihr Sohn, der in einem schlesischen Reiterregiment diente, tödlich verunglückt ist.
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In der Bundespräsidentschaft in Wien fand der Neujahrsempfang beim Bundespräsidenten statt. Das Diplomatische Korps war vollständig erschienen, vom Deutschen Reich Botschafter v. P a - p e n, Botschaftsrat v. Stein und der deutsche Militärattache Generalleutnant Muff. Auf die Begrüßungsansprache des neuen apostolischenn Nuntius, des Erzbischofs Cicognani in französischer Sprache erwiderte Bundespräsident M i k l a s mit dem Wunsch, daß trotz der drohenden Wetterwolken am politischen Horizont das neue Jahr ein Jahr des Wohlergehens der Völker und des Friedens fein möge.
Im Zuge der Neuorganifierung des italienischen Auslandsdienstes ist der bisherige Preffebeirat an der italienischen Gesandtschaft in Wien, E. M o - reale, als Generalkonsul nach Baltimore versetzt worden.
Dank der vorsorglichen Maßnahmen der deutschen Botschaft ist es gelungen, alle inSianfu lebenden Deutschen unbehelligt ausderStadtzu bringen. Zurück blieb lediglich, auf eigenen Wunsch, ein Deutscher, der auch während dieser kritischen Zeit seinen Posten nicht verlassen und die Interessen seiner Firma weiter wahrnehmen will. Die deutschen Volksgenossen gelangten im Flugzeug über Nanking nach Schanghai.
Kunst und Wissenschaft.
Neste einer mongolischen Ur-Naffe entdeckt?
Die Expedition Hugo B e r n a tz i k s , die drei Monate verschollen war, ist nach Nan, der alten Känigs<mdt der Laos in Nord-Siam, zuriickgekehrt. Die Expedition hatte den Versuch unternommen, den „Ka Tong Huang", ein sagenhaftes, wissenschaftlich unbekanntes Ur-Volk, das in fast unübersehbaren gebirgigen Urwäldern Nord-Siams leben sollte, aufzufinden. Das Ehepaar Ber- n a tz i k stieß, von nur wenigen Trägern begleitet, tief in das Jnnnere des Urwaldes vor, der die steilen Gebirge zwischen Siam und Annam umgrenzt. Nach vierwöchiger, mühseliger Fußwanderung durch die pfadlose Wildnis, nach wiederholten Mißerfolgen und Schwierigkeiten mit Trägern und Proviantversorgung, ist es den Forschern tatsächlich gelungen, mit vier aus mehreren Mitgliedern bestehenden „Ka Tong Huang"-Horden zusammeii- zutreffen, mit ihnen wochenlang zu leben und anthropologische, linguistische und ethnologische Fragen zu lösen. So scheint es festzuftehen, daß es sich bei den „Ka Tong Huang" um die spärlichen Reste einer mongolischen Ur-Rasse handelt, die eine vollständige, sehr primitive Sprache spricht, und die die reinsten heute lebenden Vertreter der sog. Bambus-
Kultur vereint. Es stellte sich gegen alle Erwartungen heraus, daß die „Ka Tong Huang" weder zu den Negritos noch zu den Pygmäen gezählt werden können. Sie sind die weitaus primitivsten Menschen, die Bernatzik während seiner zahlreichen Forschungsfahrten angetroffen hat. Da die benachbarten viel höher kultivierten Völker die „Ka Tong Huang" kaum als Menschen und jedenfalls als vogelfrei betrachten und nach ihnen schießen wie auf Wild, ist es erklärlich, daß die Nomaden niemals ihre schützenden Urwälder verlassen. Anderseits ist nicht nur der Mensch, sondern auch der Tiger ihr bitterster Feind, der wie jener dazu beiträgt, die letzten Reste dieser Urwaldnomaden zu vernichten.
Geheimrat Richard Anschütz t-
Im Alter von fast 85 Jahren ist in Darmstadt der Geheime Regierungsrat Dr. phil. Dr. jur. h. c. Dr. ing. e. h. Professor der Chemie Richard A n • schütz nach schwerem Leiden gestorben. Der Verstorbene wirkte als bekannter Chemiker insbesondere an der Universität Bonn, deren chemisches Institut er als Direktor leitete, und ist als Entdecker des Salicylid-Chloroforms weithin bekannt geworden. Sein reiches wissenschaftliches Wirken ist in zahlreichen Abhandlungen niedergelegt; u. a. war er Mitherausgeber des Lehrbuchs der organischen Chemie von v. Richter-Anschütz. Sehr aufschlußreich ist auch sein Werk über die Bedeutung der Chemie für den Weltkrieg.
Aus aller Welt.
Zwei Schiffsuntergänge fordern 63 Todesopfer.
An der Rordostküste Schottlands lief am Dienstag das finnische Motorschiff „Johanna Thordeu" auf einen Felsen und sank unmittelbar darauf. Von den 39 Personen, die an Vord des 3400 Tonnen großen Schiffes waren, ertranken 3 2, darunter zwei Frauen, zwei Kinder und der Kapitän. Die übrigen erreichten in einem Rettungsboot die Küste.
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An der Westküste von Hokkaido strandete ein 3000 Tonnen großer japanischer Frachtdampfer und ging nach kurzer Zeit unter. 31 Wann der Besatzung kamen dabei ums Leben, während sich acht retten konnten.
Kältewelle im amerikanischen Westen fordert zwanzig Todesopfer.
Der Westen und Südwesten von Amerika wurde von einer Kältewelle erfaßt, bei der die Temperaturen bis auf 26 Grad Celsius fielen. Die Kältewelle erstreckte sich bis nach Kalifornien. Im Gebiet der Rocky Mountains sind zwanzig Menschen erfroren. Der Frost hat einen Schaden van schätzungsweise zehn Millionen Dollar^ verursacht. U. a. wurden große Teile der Zitronenernte vernichtet.
Die Grippe wütet in England.
Nach dem englischen Verteidigungs- und dem Arbeitsminister ist nunmehr auch der Jnnnen- minister, Sir John Simon, an Grippe erkrankt. — In der letzten Woche sind nicht weniger als 786 Personen an Grippe gestorben gegenüber 325 in der vorhergehenden Woche.
10 000 Dollar Belohnung
für die Egreisung des amerikanischen Kindesmörders.
Der Mord an dem 10jährigen Charles M a t t» f o n hat in der amerikanischen Oeffentlichkeit größtes Entsetzen erregt. Präsident Roosevelt hat angeordnet, daß alle Polizeikräfte zu mobilisieren sind, um die Suche nach dem Entführer und Mörder des kleinen Mattson aufzunehmen. — Generalanwalt Cummings hat eine Belohnung von 10 000 Dollars für die Ergreifung des Mörders ausgesetzt. — Dem Justizministerium soll die Person des Täters bekannt sein. Es soll sich um einen geistesgestörten, entlassenen Sträfling handeln, der die Tat begangen habe, um sich an dem Vater des Knaben zu rächen.
Neues schweres Flugzeugunglück in Amerika.
Ein großes Passagierflugzeug der Western Air Express ist in der Nähe von San Fernando, etwa 15 Kilometer vom Flughafen Los Angeles, a b gestürzt. Das Flugzeug, das in Salt Lake City auf- geftiegen war, geriet im Gebirge in einen schweren Schnee sturm und stürzte in derselben Gegend ab, wo am 27. Dezember v. I. das bisher noch nicht aufgefundene Flugzeug der United Air Lines mit
Spanischer Winter.
Schneestürme im Lande der Apfelsinen.
Welch eine irrige Vorstellung hat doch der weitaus größte Teil der Deutschen vom Winter in Spanien, ja vom Winter an den Mittelmeerküsten überhaupt! Filme, Reisebeschreibungen, Prospekte zaubern oft einen ewig blauen Himmel vor die sehnsüchtigen Augen, eine brennende Sonne, unbeschwertes Volk in den Gassen, Haine voll reifender Apfelsinen. Wieviel anders sieht aber die Wirklichkeit aus. Sicherlich: es gibt einige klimatisch bevorzugte Distrikte, wie z. B. die Balearen und die sich südlich anschließenden Inseln, in denen es unter Umständen das ganze Iah» über nicht regnet, also auch nicht in den Wintermonaten Dezember und Januar, aber tm weitaus größten Teil von Spanien erlebt das Volk einen Winter, dessen Härte dem unfrigen in den Bergen nicht nachsteht, ja, der durch viele Eigentümlichkeiten des Landes dieses spanische Volk noch mehr unter ihm leiden läßt als das an Regen, Kälte und Schnee gewöhnte des Nordens.
Die weiten Hochflächen und Hochgebirge Jnner- fpaniens haben nur in einigen Landesteilen ausgedehntere Korkeichenwälder, Pinien und Berg- gestrüpp. Sie find im wesentlichen fast kahl, ja zum Teil völlig vegetationslose Steinwüste. Diese starren Felsmassen peitscht der Wind, ohne Widerstand zu finden, die langen Wintermonate hindurch. Schnee macht häufig genug schon Ende Oktober bis November die Paßstraßen unbefahrbar. Der Skisport begann sich gerade in den letzten Jahren in den spanischen Bergen heimisch zu machen. Nicht nur in den Pyrenäen mit ihren alpenhohen Gipfeln, sondern auch in den Gebirgen Kastiliens und der Sierra Nevada.
Das spanische Haus weist ausgezeichnete Vorzüge zum Schutz gegen die brutalen Sonnenstrahlen im Sommer auf. Es ist gegen die Hitze gebaut, weniger aber gegen die Kälte. So mag es vielleicht gar nicht einmal absurd klingen, wenn Kenner des Landes aus dem Norden behaupten, nirgendwo in den Wintermonaten so gefroren zu haben wie gerade in diesem Lande, an dessen Küsten am Mittelmecr die Apfelsinen reifen. Dieser Streifen fruchtbaren und geschützten Gebietes von Gibraltar bis Barcelona der reichste Teil Spaniens, wirb natürlich vom Win
ter, b. h. von Frost und Schnee, kaum behelligt. Dort bringen die Wintermonate den von den Apfelsinenbauern sehnlichst herbeigewünschten Regen. Bleibt er in diesen Monaten aus, dann kann unter Umständen eine Dürre-Katastrophe die Ernte des ganzen Jahres bedrohen. Man hilft sich also mit Petroleum-Oefen, die in den letzten Jahrzehnten einen so starken Eingang gefunden haben, mit der teuren Kohle und dem noch teuereren Reisig. Den ganzen Herbst hindurch schleppten die unendlich geduldigen Esel und Maultiere turmhohe Lasten von Wurzeln, Reisig und Holzscheiten, die in den kümmerlichen Wäldern und Gestrüppen fleißig gesammelt morden waren, in die Dörfer und Städte, wo mit ihnen ein schwunghafter Handel getrieben wird. Das Holzkohlebrennen zum Verkauf für die Oefen und Kücken stellt immer noch in den armen Gebieten des Nordens und des Südens bei der Kohlenarmut des Landes einen nicht unerheblichen Gewerbszweig bar.
Man kennt ja in den großen Massen der Bevölkerung auch gar nicht die Winterkleidung und das Winterschuhwerk, mit dem der Norden der Kälte zu begegnen weiß. Die einzige Konzession, die man dem Winter macht, ist vielleicht die, daß man die geflochtenen Sandalen mit dem Leinenüberzug mit den Lederpantoffeln mit dicker Gummisohle und einer Filzeinlage vertauscht. Lediglich in den Großstädten trifft man das Schuhwerk und die Kleidung an, die der Norden diktiert. Die große Masse des Volkes, feit Generationen in bitterster Armut dahinlebend, vensitzt gar nicht die Kleidungsstücke, um sich gegen den Winter wirksam zu schützen. Man hockt daheim, nach Möglichkeit in einem einzigen Raum zusammengedrängt, rund um das bißchen glühender Kohle und um den Petroleumofen. Der arme Ausländer, der so unvorsichtig war, ohne Wollsachen, ja ohne Pelz, wenn er seine Frau mitnahm, nach dem sonnigen Süden zu wandern, beschimpft dann gewöhnlich bitter die Unzulänglichkeit der Fenster, den ewigen Zug und das Frösteln, das ihn diese ganze Zeit hindurch niemals verläßt.
Bricht dann aber die Sonne durch die Wolken, und hört der schneidende Wind von den Bergkämmen auf zu blasen, — nirgendwo kann man sich schneller eine Lungenkrankheit holen als in Madrid — bann sitzt alles, was Beine hat, windgeschützt in der Sonne. Die brennt auch in diesen Winter
monaten mit jener durchdringenden Wärme, wie wir sie bei uns nur im Sommer kennen lernen. Sie allein vermag dann den Frost aus den Gliedern zu vertreiben und den Spaniern das Leben erträglich zu machen. Wenn wir diese bedürfnislosen Menschen gerade in den Wintermonaten dann mit beneidenswerter Ruhe untätig in der Sonne liegen sehen, mögen wir deswegen nicht gerade an Faulheit denken. Es ist nichts anderes, als Schutz und Gegengewicht gegen die Winterkälte, das sie zwingt, ihre Glieder so lange und so oft als möglich der gütigen Sonne entgegenzustrecken. Die langen Nächte in den kalten ungemütlichen Wohnräumen sind bitter genug.
Schon im Februar allerdings wandelt sich dann das Bild. Zuerst in den Küstengegenden, erheblich später, im März und April dann auch in den Gebirgen. Oft aber erleben Reisende selbst im Mai noch bitterkalte Tage in Marokko und in Süd- fpanien, Tage mit Sturm, Regen und Nebel. Auch das sonnige Spanien hat seine klimatischen Schattenseiten.
Geographiestunde im Flugzeug.
Holland ist auf eine sehr hübsche Idee gekommen, seiner Heranwachsenden Generation ein anschauliches geographisches Bild von ihrem Vaterlande zu vermitteln, nämlich durch das Flugzeug. Eines Tages stand in einer Schulklasse auf dem Stundenplan angekündigt: Montag von 10 bis 12 Uhr im" Flughafen Geographie. Die Sache wurde so wichtig genommen, daß sich sogar ein Minister für die Eröffnung dieses ersten Geographiekurses in der Luft eingefunden hatte. Er sprach einige Worte, und bann „erhob" sich die Klasse in die Luft, im Innern eines prächtigen zweimotorigen Flugzeuges. Da Holland ja nicht sehr groß ist und für jeden Flug eine Stunde vorgesehen ist, können die kleinen Holländer während dieser Stunde ein schönes Stück ihres Landes zu sehen bekommen. Sobald das Flugzeug sich in einer gewissen Höhe befand, begann der Lehrer in ein kleines Mikrophon zu sprechen, während die Schüler, jeder mit einem Kopfhörer, feinen Ausführungen folgten Man flog über das Land mit feinen Kanälen und Deichen, sah die Nordsee und die Rheinmünbung sowie einige
der großen Städte, Amsterdam, Rotterdam, den Haag. Als die ersten beiden Gruppen von Knaben ihren Flug beendet hatten, folgte eine Mädchen klasse von 10 bis 12 Jahren, die zur Feier dieses Tages holländische Nationaltracht trugen. Man braucht wohl kaum zu sagen, daß die Schulkinder von dieser Neuerung im Stundenplan sehr begeistert sind, und sicher werben sie viel dabei lernen.
Das älteste Pferd der Welt.
Ein Gegenstand der Zuneigung sowohl als auch her staunenden Bewunderung ist mit Jumbo, wohl dem ältesten Pferde der Welt, das kürzlich im Altersheim der Pferde in Boseham Wood in England, im Alter von 40 Jahren starb, dahin- §egangen. Wegen seines hohen Alters bildete umbo einen großen Anziehungspunkt für die Besucher. Sein Kopf wurde dem Veterinär-Institut in Camden Town überlassen und wird im Univer- sitätsmuseum dort aufbewahrt werden. Der Rektor des Institutes Hobday erklärte, daß Jumbo unzweifelhaft eines der ältesten Pferde, von denen überhaupt berichtet wird, gewesen fei. Jedes Heber» schreiten der Altersgrenze von 20 Jahren bedeutet für ein Pferd schon den Eintritt in hohes Greifen- alter. Hobday hat früher einmal ein Pferd gefahren, das ein Alter von 42 Jahren hatte, und er hat von einem gelesen, das 48 Jahre" alt gewesen sein soll. Aber das sind allerfeltenfte Ausnahmen, denn das Pferd ist mit 6 Jahren im schönsten Jugend- alter und hält sich etwa 2 Jahre lang in diesen „besten Jahren". Vom Alter von 10 Jahren an geht es wieder abwärts. Jumbo war ein Jagd- pjerd, dessen Besitzer ihn vor 10 Jahren, als er ins Ausland ging, dem Altersheim überwies. Bei diesem Anlaß sei daran erinnert, daß Friedrichs des Großen berühmter Schimmel noch mit 16 Jahren einen großen anstrengenden Nachtritt durchhielt, danach bis zum Alter von fast 40 Jahren das Gnadenbrot erhielt und oft frei im Lustgarten herumlaufen durfte. Militärmusik konnte es noch bis ins höchste Alter begeistern und zu den ent» sprechenden Gangarten und Stellungen anregen, was Friedrich der Große, als er ihn deswegen noch einmal bestieg, selbst mit Staunen und Rührung beobachten konnte.


