lk.186 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Donnerstag, August 1937
Heist der Gießener HI. durch OMlierberMellmg
Aufruf an die Bevölkerung der Stadt Gießen.
Aus -er Stadt Gießen.
Erholung in der Urlaubszeit.
Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es im Sprichwort, und zu keiner Zeit tritt die Wahrheit Ineses Satzes so in Erscheinung, wie in den Tagen iifs Urlaubs. Es soll tatsächlich Leute neben, die sich
>cht auf die Ferien freuen. Es ist ihnen unange- ehm, wenn sie aus ihrer täglichen Arbeit, aus dem Egelmäßigen Gang der Geschäfte herausgerissen werden. Sie sind froh, wenn der Urlaub vorbei ist nd sie wieder in ihrem Berufe stehen. Wir wollen offen, daß dies nur Ausnahmen find.
Nein! Wollen wir nicht untergehen in dem All- ■3Q, wollen wir nicht zu einer Gewohnheitsmaschine werden, dann müssen rott eine Erholungspause einigen. Da ist das' Wochenende. Es ist gewissermaßen ein Trennungsstrich zwischen den einzelnen ^ageskärnpfen, eine Atempause, in der wir frische Ulst und Sonne aufnehmen können, um für die liächsten fechs Tage gerüstet zu sein. Aber der Ur- liub ist doch etwas anderes. Er soll eine Generalmusterung unserer seelischen und leiblichen Kräfte Erstellen. Deshalb dürfen die Urlaubstage nicht :«rfchwendet werden. Wir müssen sie ausnutzen bis :jr letzten Minute.
Damit soll nicht gesagt sein, daß wir uns nun mch für die Ferien einen genauen Plan entwerfen. Wir müssen nur prüfen, was wir am nötigsten «rauchen. Es ist nicht wahr, daß das planlose faulenzen — der Wunsch vieler Volksgenossen — las richtige ist. Gar zu oft stellen wir dann am ttzten Urlaubstage fest, daß wir doch verschiedenes lütten erledigen können, daß wir uns gar mancher- I i vorgenommen hatten. Dann kommt der Aerger iE)er die Faulenzerei und die Reue.
In den Ferien müssen wir einmal links herum ! den. Alles, was an den Alltag erinnert, muß aus- «schaltet werden. Die Urlaubstage dürfen nicht nfach verlängerte Sonntage fein. Das gilt auch 'ür viele, die eine Reife antreten und dabei alles mitschleppen, was ihnen das Leben zu Hause an- «nehm macht. Da müssen auch der Hund, das Grammophon, manchmal sogar der Kanarienvogel, mit. Und dann wird sich in der Sommerfrische ge- oau so eingerichtet, wie zu Hause. Wer so reist, tat nichts von seinem Urlaub.
Die Ferien müssen schlagartig alle Lebensgewohn- teiten verändern, auch die menschlichen Beziehun- Em dürfen sich nun lockern. Wer mit seinen Nerven herunter" ist, erholt sich am besten in einer ganz ; iberen Luft, in einer anderen Umgebung, am ! icchersten allein. Die Eltern sollen froh sein, wenn iure Kinder nun allein in die Ferne streben.
Getrennt verlebte Ferien können oft von größtem ; Nutzen sein. Jeder hat ja seine besonderen Wünsche, । imb -die können am ersten erfüllt werben, wenn er inen Urlaub allein verbringt. Der eine braucht stille, ber anbere will sportliche Leistung, der dritte "teselligkeit. Manche finden die einsame Heide am chönsten, wieder änderte wollen das Meeresrauschen Ären.
Auch die Daheimgebliebenen können sich prächtig «-holen, wenn sie ihren Tagesplan einmal umstel- 1 n. Wer am frühen Morgen gern im Bett bleibt, ter gebe sich einen Ruck und fange an, Frühauf- sxher zu werden. Er wird es sicher nicht bereuen, ^ii unfern Wäldern, in unfern Tälern, überall kön- ien wir uns ergehen und die Natur genießen. Es i.uß ja nicht immer im Hochgebirge fein. Bald t üht wieder die Heide, auch bei uns. Sollen nur ! e Bienchen hinausfliegen an den Waldesrand und ten Duft des Thymians und des Heidekrautes ein- dmen? Jeder Urlauber ist eingeladen, aber, wenn's i2ht, am frühen Morgen. Dann werden die Ferien mit jedem Tage schöner, und alle schöpfen neue i. rast bis zum nächsten Jahre! H.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Alarm in Peking".
Volksgenossen!
Hart wie Kruppstahl und flink wie Windhunde sollen die deutschen Jungen werden: so verkündete es der Führer 1935 auf dem Reichsparteitag. Die Hitler-Jugend folgt dem Ruf des Mannes, dessen Namen sie trägt. Im sportlichen Leistungskampf werden die besten einer Kameradschaft ermittelt. Diese Spörtler kämpfen um die gefolg- chaftsbeste Kameradschaft. Die Auslese geht weiter! Auf dem Bannsportfest werden wieder die besten Sporteinheiten des ganzen Bannes ermittelt. Diese treffen auf dem Gebietssportfest mit den Sportmannschasten der anderen Banne zusammen und kämpfen um die Teilnahmeberechtigung für die NS.-Kampfspiele anläßlich des Reichsparteitages! So vollzieht sich von unten heraus eine gesunde Auslese und eine steigende sportliche Leistung aus der Gemeinschaft!
Die hiller-Jugenb des Gebietes 13, f)effen-Jlaffau, veranstaltet nun ihr Ge- b i e 15 f p o r t f e ft, ihre Ausfcheidungskämpfe für Nürnberg am 2 1. und 22. August 1937 in Gießen.
Nach Frankfurt und Darmstadt ist in diesem Jahre Gießen dazu, ausersehen, die größte Veranstaltung jugendlicher Lebensformung in seinen Mauern zu beherbergen. Damit hat die Hitler-Jugend des Bannes 116 und darüber hinaus die Bevölkerung der Stadt Gießen eine große Verantwortung übernommen. Gilt es doch, am 21. und 22. August 1937 etwa 1500 Kameraden aus dem ganzen Gaugebiet zu v e r k ö st i-
Der gestrige Mittwoch brachte den Hitler-Urlauber- Kameraden wieder eine Fülle von Erlebnissen. Bereits gegen 7.30 Uhr kamen sie im Omnibus in der Nachbarstadt Butzbach an. Zunächst wurde ein Rundgang durch die Stadt unternommen und bann die Kirche, bas Heimatmuseum unb bie alten Befestigungsanlagen mit bem Hexenturm besichtigt. Die Teilnehmer lernten babei alle Reize bes kleinen Stäbtchens kennen.
Dann wurden einige Betriebsbesichtigungen burch- geführt. In ber Schuhfabrik Rumpf hatten bie Ka- meraben Gelegenheit, ben vielfältigen Arbeitsvorgang ber Schuhfabrikation vom Leberlaaer bis zur Versanbabteilung zu verfolgen. In ber Lanbmaschi- nenfabrif von Tröster lernten sie ben Herstellungsgang von Bobenbearbeitungs-, Säe- unb Erntemaschinen kennen. Am Nachmittag würben bie Besucher burch die Arbeitshallen ber Bamag-Meguin- Werke geführt. Die Besichtigung ber brei Betriebe ließ die ürlauberkameraben erkennen, welch'hohe Bedeutung auch dem kleinen Städtchen Butzbach im Wirtschaftsleben unserer engeren Heimat zukommt.
Als Besonderheit brachte der Tag auch eine Besichtigung der Zellenstrafanstalt. Der Leiter ber Anstalt, Oberregierungsrat Bausch, hielt einleitend einen kurzen Vortrag, in bem er einen Ueberblicf über bie Formen des Strafvollzugs gab unb Einzelheiten ber Lebenshaltung ber Gefangenen schilberte. Er wies besonbers barauf hin, baß bie Haltung ber Gefangenen naturgemäß streng, aber in aller Gerechtigkeit erfolge. Bei bem Runbgang burch bie Anstalt gewannen bie Urlauber-Kameraben einen starken unb nachhaltigen Einbruck von ber Institution, bie ber öffentlichen Orbnung unb Sicherheit dient. Die Besucher konnten sich auch besten bewußt werben, daß die Beamten, die hier Dienst zu tun haben, auf keinem leichten Posten stehen.
Im Lause des Nachmittags wurde auch ein Ausflug auf den Schrenzer gemacht und dort oben, angesichts des herrlichen Ausblickes über bie Wetterau, eine Stunbe ber Ruhe gepflegt. Einige Kameraben aber schloffen sich wissensburstig bem Archivar ber
gen unb zu beherbergen. In Erinnerung an bie oft bewiesene Opferbereitschaft wenben wir uns an bie Gießener Bevölkerung:
Wir bitten Euch, liebe Eltern und Freunde der Hitler-Jugend, helft uns, die 1500 Kameraden unterzubringen. Stellt uns Quartiere zur Verfügung und tragt damit bei, das Gebietsfport- feft harmonisch zu gestalten.
Wir bitten, bie Quartiermelbungen auf unserer Dienststelle, Wartweg 19, abgeben zu wollen, ober uns unter F. 3171 anzurufen. Im Interesse einer reibungslosen Durchführung bieser Quartierbeschaffung bitten wir diejenigen Volksgenossen, bie bereits einen Qartierschein ausgefüllt haben, von einer nochmaligen Melbung absehen zu wollen.
Allen, bie uns helfen, banken wir im Voraus für ihre Unterstützung!
Heil Hitler!
Bannführung 116 ber Hitler-Jugend.
Hitler-Zugend Bann 116 Gießen.
Betr.: Führertagung aller Unterbannführer, Ge- folgfchaftsführer, Stellenleiter des Bannes und Führerschaft des Standortes Gießen.
Am heutigen Donnerstag, 12. August, findet im Heim der Gefolgschaft 2/116 (Gießen-Nord), Walltorstraße 38, eine wichtige Führertagung statt. Alle Unterbannführer, Gefolgschaftsführer, Gefolgschafts- Geldverwalter, Stellenleiter des Bannes, sowie die gesamte Führerschaft des Standortes Gießen haben hieran teilzunehmen. Besprochen wird das Gebietssportfest.
Stadt Butzbach an, der sie an den Limes führte, ihnen die germanischen Wohnstätten der Freisassen, die vielen Hünengräber und schließlich auch die Nachbildung des römischen Wachtturmes zeigte, der hoch oben beherrschend auf dem Schrenzer steht. Der nachfolgende lebhafte Gedankenaustausch über das, was hier aus deutscher Vergangenheit vor das geistige Auge trat, war den teilnehmenden Kameraden eine große Freude.
Zu abendlicher Stunde fand man sich im „Hessischen Hof" zu einem Kameradschaftsabend ein, an dem die Bevölkerung zahlreich teilnahm. Bürgermeister Dr. Mörschel hielt eine herzliche Ansprache, der Urlauber-Kameradschaftsführer Hell- w i g sprach über den tieferen Sinn der Urlauber- Kameradschaft und rühmte die überaus gastfreundliche Aufnahme in Butzbach. Der Mufikzug der SA.- Standarte 222, der Gesangverein „Orpheus-Ein- trachs", sowie die Turnerinnen trugen zur Verschönerung des Abends bei.
Eine besondere Freude wurden den Urlauber- Kameraden durch ein Geschenk der Stadt Butzbach zuteil. Jeder Kamerad erhielt ein prächtiges Bild vom Rathaus zu Butzbach. Bürgermeister Dr. Mörschel versah diese Erinnerungs- und Ehrengabe mit einer kurzen Widmung.
Quote 1:50000.
Ein günstiges Verhältnis, nicht wahr? Wo aber soll es im Leben eine zahlenmäßig so hohe Heber- legenheit geben! Es sei verraten: In der Luftschutz- Lotterie 1937! Für ein Doppellos zum Preise von 1,— Mark können Sie einen Betrag von 50 000 Mark gewinnen, für ein Einzellos von 50 Vf. 25 000 Mark. Sie werden sagen, daß die Wahrscheinlichkeit, den Haupttreffer zu machen, sehr gering fei. Gewiß, den Haupttreffer kann nur einer machen, aber es gelangen ja über 75 000 Gewinne und Prämien mit zusammen 200 000 Mark zur Ausspielung. Die Gewinne werden in bar ohne Abzug ausgezahlt.
Kampf gegen Verkehrssünder.
Das Kommando ber Schutzpolizei gibt, wie In den Wochen vorher, auch für die Zeit vom 30. Luli bis einschließlich 5. August eine Statistik über das Einschreiten der Polizei gegen Verkehrssünder heraus. Nach dieser Aufzeichnung wurden gegen Führer von Fuhrwerken drei Verwarnungen bzw. Belehrungen ausgesprochen. Radfahrer wurden in 60 Fällen verwarnt und belehrt; 23 Radfahrer gelangten zur Anzeige. Kraftfahrzeuglenker wurden in 36 Fällen zur Anzeige gebracht, außerdem wurden 32 Verwarnungen bzw Belehrungen ausgesprochen. In der Berichtswoche wurden neun Fußgänger zur Anzeige gebracht und 140 warnend oder belehrend auf die Verkehrsoorschriften hingewiesen.
Bei dieser Gelegenheit macht die Polizei erneut darauf aufmerksam, daß nach den Vorschriften des § 32 der Reichsstraßenverkehrsordnung geschlossene Verbände der Wehrmacht, der Polizei, der NSDAP, und ihrer Gliederungen, Leichenzüge und Prozessionen nur durch Fahrzeuge des Feuerwehrdienstes unterbrochen ober sonst in ihrer Bewegung gehemmt werben dürfen.
Vereidigung beim E.-Bataillon.
Ein neuer Ausbildungslehrgang des Ergänzungs- Bataillons des Jnf.-Rgts. 116 hat in diesen Tagen seinen Dienst angetreten. Aus diesem Anlaß fand gestern wiederum eine Feier ber Vereidigung auf dem Gleiberg statt. Zwar der Marsch und der Aufstieg zum Gleiberg waren manchem der Kameraden unter bem Stahlhelm nicht leicht, aber im Schatten ber Bäume unb in ben kühlen Räumen waren die Anstrengungen bald vergessen.
Zur Dereidigungsfeier traten die Soldaten im Viereck an. Der evangelische Militärgeistliche Pfarrer A u s f e l d sprach über die hohe Bedeutung des Eides, den ber Solbat im Dienste für bas Va- terlanb abzulegen hat, unb wies auf bie Forderung ber Pflichterfüllung unb ber ber Treue hin. bie den Soldaten vor allem auszeichnen müsse. Nach Gebet und Lied hielt der Bataillonskammandeur, Major Junker, eine Ansprache. Auch er wies auf die Bedeutung des Eides und auf die Aufgaben hin, die dem Soldaten gestellt sind. Er ließ die Soldaten aber auch .bewußt werden, angesichts -der alten Mauern und ber herrlichen Lanbschaft zu Füßen bes Gleibergs, wie sehr sie ihrem Dater- lanbe oerbunben fein müssen. Er schilberte ferner bie Engen Verbinbungen zwischen Politik unb Sol- .batentum unb betonte, baß eine wahrhaft heroische Politik immer solbatisch gewesen sei. Der Rebner umriß bann in großen Zügen bie beutsche unb bie europäische militärische Lage unb führte schließlich bie Gebauten feiner Männer zum Führer hin, ber als Vorbilb unter uns lebt unb bem wir nachzueifern haben.
Die Solbaten schwuren bann ben Eib auf ben Führer. Nach bem Sieg-Heil auf ben Führer unb ben Liebern ber Nation entwickelte sich im Hofe ber Burg ein reges Leben.
Musik ber SA. unb Darbietungen ber jungen Bühnenkünstler, bie gegenwärtig auf ber Burg im Lager finb, unterhielten bie Solbaten in schönster Weise.
Konserven für die NGV.
NSG. In ber Zeit ber größten Fruchternte steht bie Lanbbevölkerung in höchstem Arbeitseinsatz. Es gilt, bie reife Frucht, bie in Acker unb Garten steht, zu bergen, teils für ben eigenen Bedarf, teils auch für die, bie keinen Acker ober Garten ihr eigen nennen. Es ist bie Zeit des Einmachens. Die Hausfrauen decken ihren Winterbedarf an Gemüse unb
Und dabei überaus gründliche Reinigungskraft, ^Schonung des rZahnschmelzes, angenehm mik der u. erfrischen^ der Geschmack*
„Tag her Stobt Vuhbach" ber Hilter-Urlauber.
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50 pf. Oie große Tube, 25 Pf. die kleine tubc^. Ä
Klaus aus dem Busch.
Von Willi Steinborn.
Damit fing es an: eines Tages kam seine große Schwester burch ben Garten gerannt, ihr Haar slat- tirte, sie schwang ein Stück Papier, sie schrie, Klaus lärstanb nicht, bann verstaub er, bas Wort mit bem eigentümlich gezogenen schrillen i, unb es hieß Krieg.
Er war damals noch ein Knirps, kaum daß sie in ber Schule nach bem i auch bie anberen Buch- faben durchgenommen hatten. Darum bedeutete es eigentlich schon etwas und genug für ihn, daß er mit i»m Wort und feiner Schreibweife ohne Hilfe fertig zZ werden trachtete. Aber wie er es sich auf feine Schiefertafel hingemalt hatte, Krieg, genügte es ihm doch nicht, vielmehr spürte er danach eine ganz ungewohnte glutvolle Neugier zu wissen, was es hinter ollen Buchstaben mit dem Wort auf sich habe. Und e- gab sich diesem Forschungsdrang um so lieber hin, as ein als Vorgefühl verkleideter Wunsch ihm ein- r bete, er werde dort endlich das große, außerordent- lche Abenteuer erleben, das jeder Junge sucht.
Zunächst wurde er jedoch enttäuscht, denn sie viohnten in der Mitte des Reichs, hingegen ber Krieg c ng fern bei ben Grenzen um; fo konnte Klaus ihn r cht sehen. Burschen, Männer, bie allenthalben aus Staus unb Tor auf bie Straße traten, Tücher unb tränen auf bem Bahnhof, bie ununterbrochene Reihe ter Züge auf ber sonst meist langweilig leeren Strecke, bas war gewiß aufregenb, aber es war nur ^lubehör, er selbst, ber Krieg, war es nicht. Auch in ten folgenben Geschehnissen zeigte er sich nirgenbs einstweilen persönlich. Allmählich glaubte Klaus, er r erde ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekommen.
Doch ganz plötzlich war er gegenwärtig. Zwar lalle er sich nicht öffentlich lange zur Schau gestellt, ; f mbern war heimlich erschienen und auch bereits i ieber fort, als bie Nachricht sich verbreitete, aber tennorf) blieb er anroefenb, in einem freilich anbern, 1 ngegen nicht weniger wirklichen Sinne, fo baß Sülaus ihn trotzbem besichtigen konnte.
Er war, hieß es, am frühen Vormittag, als bie Hnber in ben Klassenzimmern saßen, bie Dorfstraße mm Bahnhof, Postamt heraufgeschritten, war auf ten Kauflaben zugegangen — bie Frau besorgte im, der Mann „stand im Felde" — eingetreten, er butte sich mit einer Hand auf den Ladentisch gestützt, tee Frau einen Augenblick prüfend angeschaut, da Hütte er nicht erst zu reden brauchen. Sie war von feinem Blick gegen das Warenregal zurückgewichen, gi fünfen, immer die entsetzten Augen auf ihn geratet, bis zuletzt es ihr unwiderruflich war eben- s'llls ohne zu reden, mit einer Frage etwa ihrerseits.
Als Klaus dies» vernahm, daß der Kaufmann „geblieben" und ber Krieg bageroefen fei, es ber Frau zu sagen, ließ es ihn nicht ruhen. Er mußte sie sehen: es war ihm gewiß, baß er i h n in ihr sehen würbe, benn sein Blick hatte auf ihr geruht, sie somit persönlich gezeichnet. Das war auf einmal viel mehr als er noch erhofft hatte: Klaus kannte bas Zeichen für ihn, in Gestalt von fünf Buchtaben auf ber Schiefertafel ober auf bem Papier, jetzt würbe er bas Zeichen von ihm erschauen unb also ihn persönlich — welches Kinb erkennt nicht in ihren Zeichen bie Dinge selber? — er würbe ihn erschauen nicht anders wie diese Frau, die das Vorrecht genoß, die erste hierorts zu (ein, die ihn kennengelernt hatte.
Klaus erwarb sich nach ber großen Pause, in ber bie Kunbe laut geworben war, einen Tabel, eine Ohrfeige unb eine Tracht Prügel, bennoch hielt ihn bas einbringlichfte Mittel, zur Ordnung zu mahnen, nicht länger dabei als das sanfteste. Und als die Turmuhr den Unterricht beendete, entwich er, obwohl die Aufgaben für den nächsten Tag noch nicht fertig gestellt worden waren: der ihn verfolgende Donnerruf erreichte ihn bereits nicht mehr.
Es war alles vorbedacht, Klaus brauchte nicht zu zaudern, wie er trabend dem Laden immer näher kam. Nur tiefer, bis beinahe zum Schmerz mußte er atmen, um den Rumor in feinen Schlafen und am Halse zu überwinden, ben seine zunehmende Erregung vor bem Augenblick bes Abenteuers verursachte. ... ., „ .
Als er vor ber Schwelle ftanb, griff er schnell noch einmal, wie schon oft währenb bes Unterrichts, in bie Hosentasche. Ja, er fühlte >hn, er war noch brinnen, ber Groschen. Auf biefen Groschen hatte er einen Plan aufgebaut. Es beruhigte ihn wun- bersam, ihn jetzt auzufassen er behielt ihn gle'ch m ber Hanb. Nun konnte gewiß nichts mehr fehlschla- qen es war nur noch erforberlich emzutreten. für einen Groschen Bonbons! — gab es einen unver- änglicheren Vorwand, den wahren Grund seiner Gegenwart zu verschleiern? Fern horte Klaus die ersten andern Jungen aus der Schule Einige rie- en feinen Namen. Da drückte er bie Klinke meber.
Der Laben war leer unb still. Klaus vernahm bas Geräusch seiner oorftrebenben Fuße au bem fiohboben. Das machte ihn unsicher, er hatte sich bisher niemals mit solchem Bewußtsein vernommen. Doch stellte er sich schließlich an ben Derkamsttsch mie er es gewöhnt war, er legte bie Hanb mit dem Gelb auf bie Platte unb wartete.
Die Luft lag kühl unb merkwürbig fremb im Raum. Ein Frösteln schauerte über seinen Rucken,
unb seine Knie wollten, unerklärlich, anfangen zu bibbern, er mußte sie mit Willensgewalt bändigen. Draußen lärmten inbes seine Kameraben vorüber. Auf einmal büntte ihn, er stehe schon eine Ewigkeit allein und unabgefertigt. Wenn sie nicht kommt! stieg es ihm auf. Wenn sie mich überhört hat! Eine große Ratlosigkeit unb Angst bemächtigte sich seiner. Denn sich bemerkbar ober heimlich bavon zu machen, schien ihm aus irgend einem Grunde völlig unooll- bringbar ...
Da knackte ein Türschloß, und sie stand ihm gegenüber. Er hatte sie herbeigewünscht, jetzt erschrak er. Klaus erschrak todtief. Statt durch ihr Erscheinen seines Zustands enthoben zu sein, fühlte er sich tiefer hinein gedrängt, bis in das unterf^ Verließ feiner Ratlosigkeit und Angst geworfen in so heftigem und unerbittlichem Wurf, daß ihn schwindelte. Er vermochte nicht Gruß unb Forberung hervorzubringen, aus stummem Entsetzen nur starrte er sie unverwandt an.
War das jenes Abenteuer aus feinen Träumen? Klaus konnte, weil sich ihm die Welt immer noch drehte, in einer unheimlichen Unaufhaltbarkeit, und es ihm zudem norm Gesicht zu flifnmern begann, nichts mehr deutlich erkennen. Aber er hatte es ja bereits in der Sekunde ihres Eintritts eindeutig erkannt: das Abenteuer war es nicht, dem er gegenüber stand, es war etwas ganz anderes, unendlich viel Gewaltigeres und vorerst absolute Uebermacht!
Auch die Frau sagte nicht. Sah sie ihn überhaupt noch? Ein flüchtiger Blick hatte ihn gestreift, dann waren ihre Augen in eine ungeheure Ferne geglitten, dort verharrten sie.
Da wünschte Klaus plötzlich, weit fort zu fein von dieser Stelle. Aber wie sehr er auch zu vergehen und unsichtbar zu verschwinden begehrte, er beschwor seine Leiblichkeit nicht zu Aether, sie blieb, was sie war, ein kleiner Schuljunge, leibhaftig ihm, dem Krieg in feiner Leibhaftigkeit gegenüber, unb nicht anbers konnte er einigermaßen unverbächtig fliehen als auf bem Weg über bie zu oerlangenben Bonbons. Da sagte er es benn, unb er mußte breimal ansetzen, es wollte ihm ber Laut nicht gelingen, er sagte gurgelig: Bonbons!
Wie er es ausgesprochen hatte, schien ihm, er habe einen Frevel verübt, ber nur mit bem Tobe recht zu bestrafen sei. Dor dem Angesicht dieser Frau!, in dieser Stunde, wollte er gegen einen Groschen Bonbons einhandeln — denn woher sollte sie wissen, daß es ihm nicht darum zu tun war!
Bonbons? fragte sie nach einer Pause. Unb bas war bas schlimmste: sie fragte nicht mit schnierzens- vollem, leibgetöntem Vorwurf, fonbern völlig sach
lich, nur wie in einer sachlichen unbegreiflichen 23er« rounberung barüber, baß es offenbar auch jetzt noch möglich sei in ber Welt, Bonbonappetit zu verspüren.
Klaus brachte es nicht über sich, ja zu sagen, zu nicken, einzig er ließ ben Groschen auf ben Tisch klappern, nahm bie Hanb weg, da lag er sichtbar vor ihr. Sie sah ihn an. Mit einem war, was vorher in ihrer Stimme gewesen, nun in ihrem Blick: abermals bie entsetzlich sachliche leibenschafts- lose unbegreifliche Verwunberung.
Das ertrug Klaus nicht mehr. Nein, nein, rief er kläglich, unb in verzweifeltem Entschluß stürzte er zum Laben hinaus.
Er fiel bie Treppe hinunter, babei schlug er sich Kinn unb Knie wunb, er sprang auf, galoppierte bie Straße abwärts, zum Dorf hinaus. Erft als er völlig außer Atem war, kehrte ihm bie nüchterne Besinnung roieber. Er sah sich um. Er befanb sich am roeibenbeftanbenen Altwasser bes Flusses. Er kroch tief in einen Busch hinein. Dort blieb er bis zum Abenb hocken.
Klaus, aus welcher Schule kommst bu jetzt unb wie siehst bu aus? sagten bie Leute, als sie ihn mit bem Ranzen, um biese Zeit, blutig und schmutzig auf dem Heimweg trafen. Er ließ sich nicht aufhalten, er antwortete nicht. Er stapfte unentwegt vorwärts — ein Knirps, doch irgendwie jäh erwachsen, unb durch die kindlich-phantastische Welt eben erst hindurchgebrochen unb nun schon in ber wirklichen marschieren!), als kenne er sich seit jeher in ihr aus unb habe immer gewußt, daß es vor allem zwecklos sei, auszureißen unb sich in Büschen zu verstecken.
Zeitschriften.
— Die „Siren e", bie illustrierte Zeitschrift bes Reichslustschutzbunbes, hat zwei ihrer Mitarbeiter auf eine Deutschlanbreise geschickt, um bie Amtsträger bes RLB. bei ber Arbeit zu beobachten. Die ersten Dilbberichte führen nach Hessen-Nassau unb zeigen, wie vorbilblich in ben einzelnen Dörfern für ben Ernstfall geübt wirb. Das interessante Heft bringt außerbem einen Bilbbericht über Angriffsflugzeuge ber beutschen Luftwaffe, Photos von ber Flakarttllerieschule Wustrow, bie Fortsetzung ber Artikelreihe „Unser Haus wirb luftgeschützte unb einen weiteren Sonberbericht über Bombenangrifte unb Luftschutz in Spanien. Zum Jahrestags bes Kriegsanfangs bringt bas Heft einen bebilderten Artikel über Ostpreußens schwerste Zeit 1914—1915.


