Oie Unterwanderung Südsrankreichs.
Don Or. Wilhelm Grotkopp, Paris.
Im südlichsten Teile Frankreichs, zwischen den Pyrenäen und der Garonne, vom Mittelländischen Meer bis fast zum Atlantischen Ozean, stößt man auf ein sonderbares Völkergemisch, so daß man manchmal glauben könnte, in einer internationalen Zone zu sein. An einigen Stellen, wie z. B. um Perpignan, tritt das spanische Element stark in Erscheinung, an anderen, wie in den ländlichen Bezirken nördlich, westlich und südlich von Toulouse, haben sich viele Italiener als Bauern oder Landarbeiter niedergelassen. Daneben stößt man auf Schweizer, Belgier, Polen, Tschechen, Serben, Oesterreicher, Portugiesen, gelegentlich auch auf Deutsche, ja sogar auf Nichteuropäer wie Armenier.
Die Franzosen haben dies zum Teil sehr fruchtbare Gebiet in Scharen verlassen. Schon vor dem Kriege war eine Flucht aus dieser Gegend festzustellen. Die Bevölkerungszahl ging ständig zurück, die vier Departements in der näheren Urn- aebung von Toulouse haben z. B. für das letzte Jahrhundert einen Rückgang um 400 000 zu verzeichnen. In der Vorkriegszeit waren es vorwiegend Spanier, die die hier aufgegebenen Bauernhöfe erwarben, in der Nachkriegszeit zunächst Franzosen aus weniger fruchtbaren Gebieten, wie z. B. aus der Auvergne und der Bretagne. Aber feit etwa 1922 lassen sich hier vor allem Italiener als Pächter oder als Landarbeiter nieder. Die ersten siedelten um den kleinen Ort Castelsarrazin an, weitere Familien ^stießen nach Norden bis zur Loire vor, nach dem Süden bis über Toulouse hinaus, nach dem Osten bis an das Mittelländische Meer und westlich bis an etwa 100 Kilometer vom Atlantischen Ozean entfernt. Diesen Italienern ist es z. T. sehr gut gegangen. Diele haben den zunächst gepachteten Hof erworben und später weitere Angehörige und Freunde herübergeyolt. Im Hinblick auf das zielbewußte Vordringen der Italiener wird in der französischen Öffentlichkeit vielfach von einer Invasion der Italiener gesprochen.
Dies Schlagwort gibt, wenn auch vielleicht etwas übertrieben, die Entwicklung richtig wieder: Dor 15 Jahren gab es in dieser Gegend kaum Italiener, im Jahre 1926 wurden in fünf Departements um Toulouse gut 26 000 Italiener statistisch erfaßt, aber 1933 schon 61 000. Nach Meinung des italienischen Konsuls in Toulouse sind diese Zahlen aber noch Diel zu niedrig. Geht es im gleichen Tempo weiter, dann wird also hier in der südwestlichen Ecke Frankreichs etwa 500 Kilometer von der italienischen Grenze entfernt, das italienische Element weitgehend das öffentliche Leben mehrerer französischer Departements bestimmen.
Hierin zeigt sich, was es bedeutet, daß gemäß den kürzlich veröffentlichten Zahlen für 1931 in Frankreich 2,7 Millionen Fremde leben, darunter 808 000 Italiener und daß die Zahl der Italiener seik 1921 um 357 000 zugenommen hat. 808 000 Italiener in Frankreich besagt an sich noch nicht viel, zumal es sich um Nachbarvölker handelt und die Italiener über alle Welt zerstreut sind und meistens als bescheidene Arbeiter ein relativ ruhiges Leben sichren. Dies trifft auch für einen großen Teil der in Frankreich ansässigen Italiener zu, insbesondere für die italienischen Arbeiter in den Steinbrüchen, in den Bergwerken und im Baugewerbe. Aber einen wesentlich anderen Charakter nimmt das Problem der Italiener an, wenn sich diese allmählich emporarbeiten, kleine Unternehmer werden, und wenn sie einen wesentlichen Teil bei Bevölkerung ausmachen. Dies ist außer im Südwesten Frankreichs im Südosten der Fall, an der italienisch-französischen Grenze und entlang an der Küste des Mittelmeers, von Nizza bis etwa über Marseille hinaus. Hier ist deutlich festzustellen, wie in steigendem Maße die Italiener ländliche Besitzungen pachten oder gar erwarben bzw. in den Städten kleine Geschäfte oder sonstige Firmen übernehmen.
Diese Entwicklung hat die Franzosen bisher relativ wenig beunruhigt. Sie glauben, das italienische Element leicht assimilieren zu können. Die rassenmäßigen Unterschiede, so argumentieren sie, seien nicht erheblich, die Sitten und Gebräuche seien fast die gleichen, die sprachlichen Unterschiede feien ge
ringfügig und außerdem heiraten ja oft die Italiener Französinnen. Die Kinder dieser Ehen und vielfach auch die rein italienischer Familien besuchen die französischen Schulen, lernen ausschließlich französisch und seien somit für Frankreich kein fremdes Element mehr. Hinzu komme, daß viele dieser Italiener sich zu Frankreich politisch stärker hingezogen fühlen als zum heutigen Italien. Diesem Gesichtspunkt kommt eine besondere Bedeutung im Rahmen der gewerkschaftlichen Bewegung zu. Die italienischen Arbeiter gehören den französischen Gewerkschaften meistens unmittelbar an, aber $ur Erledigung der Sonderprobleme wurde gemäß einer Vereinbarung der französischen Gewerkschaften und der früheren italienischen ein besonderes italienisches Büro geschaffen, dessen politische Tendenzen ausgesprochen antifaschistisch sind. Dies Büro betrachtet aus vorwiegend politischen Erwägungen als eine seiner Hauptaufgaben die der Naturalisierung der in Frankreich ansässigen Italiener. Selbstverständlich hat das faschistische Italien diese Entwicklung und diese Bestrebungen nicht hinnehmen können. Vom italienischen Staat gehen erhebliche Gegenkräfte aus. So wurden Organisationen gegründet, um eine engere Verbindung zwischen dem Mutterland und den Auswanderern herzustellen und diese für das neue
Italien zu erhalten. So kämpfen die französischen Linkskreise auf dem Wege über die Gewerkschaften und anderseits der italienische Staat mit den faschistischen Auslandsorganisationen um die in Frankreich lebenden 800 000 Italiener.
Den Franzosen sind also die Italiener willkommen, weil die Italiener zur Besiedlung weiter, volklos gewordener Räume im Südwesten und Südosten benötigt werden und weil, wie immer wieder offen zugegeben wird, die Italiener sich weit stärker vermehren als die Franzosen, somit da, wo Die Italiener sich niedergelassen haben, Gefahren der Entvölkerung nicht gegeben sind. Die Franzosen stört es dabei wenig, daß in einigen Bezirken auf dem Lande und in den typisch italienischen Vierteln der Großstädte wie Marseille mehr als die Hälfte der sich stellenden Rekruten von italienischen Vätern abstammen. Die Franzosen glauben eben, daß sie dieses italienische Element aufsaugen können und daß diese italienischen Abkömmlinge glücklich seien, wenn sie französische Staatsbürger geroorben sind und in französischen Regimentern dienen können. Aber nie und nimmer kann bas faschistische Italien seine Söhne als verloren betrachten. Es wirb sich immer wieber um sie bemühen unb wirb alles tun, um die gelockerten Bande wieder zu festigen.
acht Stunden Aufenthalt
Moskau
Don unserem H.T.-Äerichterstatter im Fernen Osten.
Lenin heigesetzt ist, ha! baten mit aufgepflanxti lich bie Wache. Eine W
hat.
der
gut
Die Aussicht durch die großen Scheiben ist „ und wer Moskau vor drei Jahren bas letzte Mal
II.
Rundfahrt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Moskau, im Mai 1937.
Vor dem Moskauer „M etropol-Hotel" — erstes Haus am Platze und Absteigequartier aller Dia Sibiria nach dem Fernen Osten fahrenden ober von bort fommenben Europäer — ist ber große
nähme.
Gewiß — so eine Rundfahrt in einem gläsernen Aussichtswagen ist ganz lehrreich, aber auf die Dauer langweilig, weil man eben nur das zu sehen bekommt, was für den Westler eine Selbstverständlichkeit ist. Denn das Konzern-Gebäude irgenbeines Sowjet-Trustes sieht genau so aus wie jedes anbere Trustgebäude, mag es in Cincinnati, London oder Essen liegen — man wäre viel lieber einmal durch die Vorstädte gefahren, durch die Arbeiterwohnviertel, durch das Industriegebiet, aber dazu langt die Zeit leider nicht. Die kritiklosen Engländer und Amerikaner scheinen durchaus befriedigt zu. fein und kommen zu dem Ergebnis, daß „Moskau eine Stadt wie
ersetzt. Straßenkehrmaschinen sausen auf dem Platz herum und im Hintergründe vor dem roten Porphyr- Monument, in dem, am Fuße der Kreml-Mauer, Lenin heigesetzt ist, halten wie immer zwei Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr unbeweglich die Wache. Eine Besichtigung des Mausoleums — sagt die „gesetzte Dame" — ist leider nur wahrend der offiziellen Besuchszeiten gestattet ... schade, daß der Fahrplan des Sibirien-Expreß nicht günstiger aufgestellt ist ...
Wieder hinein in den Wagen und weiter geht die
gesehen hat, stellt mit Verwunderung fest, daß sich das Straßenbild hier im Zentrum doch erheblich verändert hat. Sehr lebhafter Verkehr auf den Straßen und Gassen. Dor drei Jahren bildete noch die bis ans Knie reichende Lederjacke das Einheitskleid von Mann und Frau. Nun — Moskau ist nicht Rußland und Rußland ist nicht Moskau — wie sagte doch im Sibirien-Expreß ein erfahrener Sowjetkenner?: „Die sibirische Linie ist die Reklamestrecke der Sowjets, abseits diesem Hauptverkehrsader werden Sie aber in die tollsten Kloaken treten!" Das gleiche gilt für Moskau und vor allem für die „City-Gegend" rund um das Metropol-Hotel!
Irgendwo, an irgendeinem Haufe steht eine u n ■ endlich lange Menschenkette Schlange. Sauber auf Vordermann unb Seitenrichtung, was auf langjährige Hebung schließen läßt. — „Worauf warten Denn bie Leute?" fragt eine neugierige Engländerin die „Führerin". — „Oh! Sie warten alle auf Eintrittskarten zur Besichtigung des Lenin- Mausoleums auf dem „Roten Platz". — Hm! ... Möglich! — Einer macht allerdings die halblaute Zwischenbemerkung: „Sollten diese Karten etwa aus Butter sein?" — Aber schon hält der Wagen auf dem „Roten Platz". — „Alles aussteigen! ... Mal alles um mich rumtreten!" — Die „ge-
Fahrt.
Diese Fahrt im einzelnen zu schildern hat wemg Zweck: Gezeigt werden immer nur „Aussichten"! „Auf" den Kreml! „Aus" die Chinesische Mauer. „Auf" dieses oder jenes der zahlreichen im monumentalen Stil gehaltenen Amts- und Verwaltungsgebäude, „Auf" die elektrische Zentrale, bie —zig Milliarden Kilowatt erzeugt, man fährt ,Hurch" einen schönen Volkspark, ,Hurch" stark belebte Geschäftsstraßen, „über" große, freie Plätze... alles so geschickt, rasch und schnell gemacht, daß eben ein ausgesprochen negativer Eindruck von dieser Stadt nicht aufkommen kann. Alte Spldaten, die den Krieg gegen Rußland mitaemacht haben, fühlen sich unwillkürlich in die Kriegszeit nach Wilna, Kowno ober einer andern russischen Großstadt versetzt; äußerlich machte auch damals alles einen durchaus normalen Eindruck; aber wie damals jedes geschulte Auge sofort auf Schritt und Tritt den „provisorischen Okkupations-Charakter" erkannte, genau so hat man heute in Moskau den Eindruck, sich in einer von einer fremden, aber unsichtbaren Macht „okkupierten" Stadt zu befinden. In erster Linie erkennt man das wohl an den Gesichtern der Menschen, die man in aller Ruhe studieren kann, wenn die „gesetzte" Dame auf irgend einem Platz ihren geschichtlichen Vortrag abschnurren läßt. Die Menschen hasten alle, gewissermaßen mit niedergeschlagenen Augen vorbei. Als wollten sie nicht sehen und als fürchteten sie, selbst gesehen zu werden. Nur die Soldaten und Funktionäre machen eine Aus-
„I n t u r i st - R e i s e - A u t o b u s" vorgefahren. Rasch haben sich die Missionare, die englischen, deutschen und amerikanischen Kaufleute darin verstaut, kurzer Kampf um die Fensterplätze, bann hüpft als letzte eine „gesetzte Dame" hinein, bie bie Rolle bes amtlichen Fremdenführers zu spielen Tut-Tut macht der Chauffeur unb ab saust Wagen zur „Stadtbesichtigung".
setzte Dame" tommanbiert wie ein alter „Häuptling" unb läßt einen Vortrag abschnurren, ben man in jedem Geschichtsbuch, „Abschnitt Kreml" nachlesen mag. Man hört höflich zu und läßt bie Blicke über den weiten Platz schweifen, ber aus unzähligen Parade-Bilbern der „Roten Armee" genugsam bekannt ist. Sieht ansonsten genau so aus, wie vor drei Jahren — allerdings hat man jetzt die goldenen Zarenadler auf ber einen Kirche entfernt und sie durch das goldene Hammer- und Sichel-Zeichen zu dem Ergebnis, daß
jede andere auch" fei... Der Deutsche ist gegenteiliger Ansicht, ohne aber darüber befragt, auf Anhieb dieses „Gegenteil" sofort treffend definieren zu können. Ein Licht geht diesem Deutschen — unb auch dem einen oder anderen Engländer erst auf, als das „Kaefe-Auto" die kleine Reisegesellschaft wieder vor dem Hotel Metropol absetzt.
„So", sagt der fteundliche Jnturist-Mann, „nun haben die Herrschaften in großen Zügen Moskau gesehen, bis zum Abgang des Zuges find noch drei Stunden Zeit und Sie können sich also die Stadt jetzt auch noch privat ansehen!" Diese Absicht, sich Moskau „privat" anzusehen, läßt man aber sofort nach dem Betreten der Hotelhalle wieder fallen, denn hier scheint es ja tausendmal interessanter zu sein oder geworden zu sein, als brau- ßen! Verblüfft mustert man bas Menschengewühl im „Foyer", auf den Freitreppen, i* der Halle, um erschüttert in irgend einem Ledersessel zusammenzusinken. „Mein Gott! Wo äst man denn eigentlich???... In Tel-Aviv?... Im alten Babylon? In Syrien?... Im Getto von Neuyork??... Oder ist das hier etwa das „richtige" Moskau? Denn wie soll man die Typen, die hier geschäftig herumwimmeln, die flüsternd in den Ecken zusammenstehen, ober die, über die Tische gebeugt, die Köpfe zusammenstecken, bezeichnen??
Wenn ein Regisseur einmal einen Film drehen sollte: „Das Nest ber Weltverschwörer", dann muß er seinen Kurbelkasten hier in ber Halle bes Metro- vol-Hotels aufstellen, bie mir — so abgebroschen Die Redensart auch klingen mag — bie Hochburg bes internationalen Judentums in seiner übelsten Prägung zu sein scheint. Da stehen kleine Männchen mit großen Bäuchen, mit Köpfen so groß wie Kürbisse, mit geringelten und gelockten Löwenhaar-Mähnen und mit Brillengläsern, so groß wie Untertassen. In Reithosen mit Ledergamaschen um bie fpinbelbürren Beinchen — Figuren, als sei sich die Mutter Natur bei ihrer Erschaffung nicht klar darüber gewesen, ob sie einen Ochsenfrosch oder einen „homo sapiens“ habe ejr-
RUHL Sellersweg Nr. 67 ■
adiO Telephon Nr. 3170 H
eparaturen ibsid m
zeugen wollen. Selbst die ausschweifendste Phanta« sie des begabtesten Karikaturisten kann diese „Typen" nicht erfinden ... man muß sie gesehen haben, um das ganze Ausmaß ihrer offensichtlichen Gemeingefährlichkeit erkennen zu können.
Eine riesenhafte Negerin, auf hypermodernen Stöckelschuhen, in krachend rote Seide gehüllt und mit blitzenden Steinen behängt, eine schwüle Duft« wölke von Urwald-Moschus hinter sich lassend, rauscht durch die Halle ... als sei eben die Frau des Menschenfressers aus dem Märchen vorbeigewalzt — — schauerlich! — Irgendwo steht ein Mann, ber gerabeswegs aus einem altbabylonischen Felsenrelief herausgesprungen zu sein scheint: wie ein halbmeterlanger, scharfkantig gehobelter schwarzer Balken steht ihm schräg nach vorne ber Nebukadnezar-Bart vom Kinn ab ... unaufhörlich ist die Drehtür in Bewegung, immer neue — man muß schon sagen — Gangster-Typen--tauchen
auf und immer fragt man sich erschüttert: „Sind das nun .Literaten'? Großschieber? ober berufsmäßige Zerstörer alles Seins? Unb zwischen ihnen — um die Gegensätze noch schärfer hervortreten zu (affen — die blonden, sauberen Russinnen aus dem Tee-Zimmer, die blonden, blauäugigen, hochgewa-b- senen russischen Kellner und Hoteloiener ... weiß der Teufel! Wem das Wesen des Sowjetstaates noch immer Nicht klar geworden sein sollte, ben schicke man nach Moskau: Nichts braucht er sich in dieser Stadt anzusehen, weil alles, was es do:t zu sehen gibt, im Westen genau so und hundertmal besser ist — der Unbelehrbare braucht sich nur eine Stunde in die Halle des Metropol-Hotels zum „Feifoklock-Ti" zu fetzen? Nur eine Stunde, denn länger hält er den Anblick dieser „konfiszierten Kerle" nicht aus und flüchtet belehrt und bekehrt ins Freie oder rettet sich auf dem kürzesten Wege in sein Eisenbahnabteil, um sich dort bis zur Abfahrt immer wieder die gleiche Frage vorzulegen: „Mein Gott! Merken denn die Russen gar nicht, von wem sie regiert werden?
Noten für das Nebelhorn.
Äon Görge Spervogel.
In der Biskaya flaut der Wind weg, die Segel hängen träge, Schweinsfische tummeln um das Schiff; Fischerflotten kommen auf, denen die Herden der großen Tiere anzeigen, wo die Makrelenschwärme stehen; hinter ihnen sind sie beide her, die Fischer und die Tümmler.
Die Backbordwache scheuert die Decksplanken. Fiddel und Jan, Vollmatrosen, haben am Ankergeschirr unter der Back zu tun, die Leichtmatrosen und die Jungmannen schrapen mit Besen, Sand und Wasserpützen in langer Reihe — eine Arbeit, bei der gelungen werden muh, auf einem Großsegler j ebenfalls.
Die Backoorb wache singt nicht.
„Ach, Fibdel", sagt Jan, „wenn wir nun schon Reinschiff machen, bann können wir doch auch den Schaum vom Bug waschen, der von dem Sturm im Kanal noch daransitzt." — „Können wir machen", sagt Fibdel, „he, Pike, geh mal zum Käppen hin und laß dir den Schaumbesen geben, aber den mit dem ganz langen Stiel!" — „Ist recht", sagt Pike und geht los. „Der Käppen ist unter Deck", kommt er zurück, „und der Dritte — was lacht ihr benn?"
Einen Schaumbesen wallte er holen!
Der Dritte Offizier kommt über den Laufsteg gegangen, ber längs über Deck führt, und sieht den Jungen ohne Scyeuergeug dastehen. „Geh nach achtern und hilf mit beim Tausendbeinweben!"
Pike nimmt den Besen zur Hand und scheuert Decksplanken.
„Sag mal, hast du das nicht gehört?" erkundigt sich Jay.
Doch, Bike hat es gehört, er hat keine Bohnen in den Oyren und auch kein Brett vor dem Kopfe, er nicht.
„Dann aber ein bißchen Beeilung, Seemann!"
„Tausendbeinweben", gibt Pike zu hören. „Glaubt ihr vielleicht, ich lasse mich gleich zweimal hintereinander auf falschen Kurs setzen? Verholt euch mit eurem Tausendfutz!" Da kommt der Dritte wieder die Catway entlang und sieht Pike und hört Pike..
Alle die dicken Drahtseile, Stage, Wanten oder Pardunen geheißen, die mit Segeln ober Rahen in Berührung kommen können, werben mit Tausend- bein bekleidet — Garnenden, die zwischen drei Fäden geflochten, verknotet unb bann aufgebreht werben, bis sie plustrig sinb wie eine Feberboa, nielglieberiq wie ein vollständiges Tausenbbein. Pech für Pike. Die Backbord wache jedenfalls, die Backbordwache singt.
Gegen Abend, als der große Segler unbeweglich in einer Stille liegt, als habe er die Welt verlassen, werden mittschiffs und auf der Back die Nebelhörner festgezurrt. Der Himmel ist wolkenlos, aber dunstig, bie See stumpf und glatt, die Dünung unspürbar; Nähe und Ferne, Himmel und See, alles ist in ein unbestimmtes stummes und bewegungsloses Perlmuttgrau zergangen.
Ein Backschafter kommt mit der vollen Suppenschüssel aus der Kombüse. Er geht leise und vorsichtig. Als in der Takelage ein Block träge knarrt, blickt er erschreckt nach oben.
„He, Jongkeerl", ruft Fiddel zu dem träumenden Pike hinüber und tut ein paar lärmende Schritte, „geh 3um Dritten Offizier und laß dir die Noten für das Nebelhorn geben!"
„Noten für das Nebelhorn?" Pike besieht den schmalen, hohen Kasten mit der Kurbel an der Seite und den zwei Schalltrichtern. Er denkt in aller Eile überaus scharf nach. Aber da aus dem Kasten zwei Trichter hervorkommen, wird er wohl auch zwei Töne von sich geben, und dafür kann man schon Noten brauchen, vielleicht gibt es auch Signale. Pike rennt lös zum Dritten Offizier.
„Ich hätte gern die Noten für das Nebelhorn." — „So. Da geh mal zu dem Zweiten Offizier, er wird beim Akkuladen fein."
Akkuladen? Meinetwegen. Stimmt, braucht er für die Funkenbude.
Pike ruft über das Summen des Dynamos hinweg: „Ich foll die Noten für das Nebelhorn ab» holen!" — „Wer schickt dich?" — „Der Dritte Offizier." — „Frag mal den Ersten."
Der Erste ist unten in seiner Koje, Pike klopft. „Kann ich wohl die Noten für das Nebelhorn haben?" — „Die hat der Kapitän." — „Danke."
Im Kartenhaus: J)err Kapitän, ich soll die Noten für das Nebelhorn abholen." — „Was sollst du holen?" — ,^Ich sollte die Noten für das Nebelhorn abholen." — „Menschenskind, die habe ich doch nicht. Versuch es mal beim Segelmacher."
Im Trab über Deck, hinunter in die Segelkam- mer. „Seilmoker, heft du woll de Nouten fort Nebelhoorn?" — „Nee, mien Jong ... ick glöro fast, de Timmermann hett de noch von'n Kanal her. Und wenn he fe nech hett, denn tumm mol wedder her."
Im Laufschritt nach achtern, wo der Zimmermann inmitten seiner Schiffsmodelle den Hühnern des Kapitäns einen neuen seefesten Stall erbaut. ,,Timmermann, du hast doch noch die Noten für das Nebelhorn vom Kanal her, kannst mir die woll geben?" — „Tje, das sind die englischen Noten, da kannst
du hier nicht nach blasen, im französischen Fahrwasser mußt du französische haben."
Zurück zum Segelmacher. „3o, ick heww se all funn’n." — „Sünd bat ook de richtigen französischen Nouten?" — „Französisch? Jo, de sünd ook französisch. De sünd jetz internatschenol, de Nouten. In büffen Sack, da stecken sie drin." Pike guckt in dem großen Raume. umher, der bis an die gebogenen Deckträger vollgestopft ist mit Erfatzsegeln und dicken Segeltuchballen. Als er den Sack anhebt, fragt er erstaunt: „So schwer sind die?" — „Das sind auch keine gewöhnlichen Noten, mien leime Mann. Mach nur zu, wenn wir jetzt gerammt werden, hast du Schuld, weil sie nicht blasen können und auf dich warten."
Pike keucht unter der schweren Last treppauf und über Deck zur Back. „Bring sie nach achtern auf die Poop, da werden sie gebraucht." Pike ächzt, so ein schwerer Sack, was hinter Noten doch für ein Gewicht sitzen kann. Auf der Poop stehen die Jungmannen van Pikes Wache um Fiddel und Jan herum und sehen ihm entgegen. Pike tritt in den Kreis, setzt den Sack nieder und sagt: „Hier sind die Noten für das Nebelhorn. War ein verdammt schweres Stück Arbeit, sie aufzutreiben, 's ist bestimmt keine Ordentlichkeit, wenn kein Mensch an Bord weiß, wo die Dinger stecken. Naja. Dies hier sind die internationalen Noten. Die hat man jetzt für die alten französischen und englischen und alle anderen."
„So", sagt Jan erstaunt. „Da haben wir ja mal wieder was gelernt", sagt Fiddel. ,Habt ihr auch genau zugehört, Junggäste?"
„Ja, ja", sagen sie und bewundern Pikes see- befahrene Klugheit.
Jan und Fiddel schütteln die Köpfe. Pike kniet umständlich nieder und beginnt den Sack auszu- schnüren. Er fühlt es, wie alle ihn ansehen. Die Türe des Kartenhauses geht, heraus treten der Kapitän und seine drei Offiziere. In der Tür des Niederganges steht der Segelmacher mit dem Zimmermann.
Die Jungleute werden unruhig und gehen beiseite, einer nach dem anderen. Pike starrt in den Sack. Zögernd holt er etwas heraus: eine Harpunenspitze. Dann einen Belegnagel. Einige rostige Kettenglieder. Sie flirren so laut, daß es Pike falt überläuft. Seine Bewegungen find steif und hastig. Dfriemen, hölzerne und eiserne Marlspiker, Schüfet, Blöcke, Kauschen, Werfzeuge.
Pife sieht auf. Alle sehen ihn an. Er kniet allein in der mächtigen Stille.
Im nächsten Hafen gehe ich von Bord, jagt es ihm durch den Kopf. Im nächsten Hafen. Und wenn ich vor die Hunde gehe.
„Auf meiner ersten Reise", hört man den Dritten Offizier sagen, „da haben sie es mit mir genau so gemacht". Der Kapitän lacht leise. „Mit mir auch", sagt er und geht zurück ins Kartenhaus.
Beim nächsten schweren Wetter bin ich der erste auf der höchsten Rah. denkt Pike. Alle sollen es sehen.
Er packt den Sack wieder voll und setzt ihn vor dem Segelmacher nieder. Er macht den Mund auf und will etwas sagen. Er macht den Mund zu und sagt lieber nichts.
(Sin Mann lief schneller als ein Pferd.
Haben Sie gewußt, daß es einen Schnelläufer gab, der ein Rennpferd besiegte? Das war Käper- nick, das sportliche Phänomen der 80er Jahre. Wußten Sie schön, daß es unter Dauerläufern regelrechte Sechs-Tage-Rennen gegeben hat? Sechs Tage und sechs Nächte umkreisten sie ein Stadion. Ablösung gab es nicht. Da man jedoch einmal eine Pause machen ober ein Stück gehen konnte, hießen diese Rennen die „wie-ihr-wollt-Rennen"; sie wurden in den siebziger und achtziger Jahren in England abgehalten. In Amerika ging im Jahre 1867 ein Dauergeher von Portland nach Chikago. Er brauchte für die 1975 Kilometer lange Strecke 30 Tage. Damals war er 28 Jahre alt. Vierzig Jahre später unterbietet er seinen Rekord, und zur Feier seines 70. Geburtstages geht er von Neuyork nach San Franzisko — 6232 Kilometer in 105 Tagen. Ein schwedischer Forscher veranstaltete einst ein Ski- rennen von 220 Kilometer Länge, um die phantastische Leistung der Lappländer unter Beweis zu stellen. Der 37jährige Sieger erreichte nach 19 Stunden und 22 Minuten Das Ziel und war nicht sonderlich erschöpft, lieber diese unb weitere große Dauerleiftungen im Sport berichten Westermanns Monatshefte m ihrer Junifolge.
Ein Jtiefenboi.
Das Angeln von Haien ist in ben australischen Gewässern ein vielgeübter Sport geworben, und es ist der Ehrgeiz jeden Haianglers, einen neuen Rekord im Gewicht dieser Beute aufzustellen. Jetzt wird gemeldet, daß es dem dänischen Konsul m Sidney, Hr. Erik Fischer, geglückt ist, einen Hai von 472 Kilogramm Gewicht zu fangen und damit den bisherigen Rekord um 6 Kilogramm zu überbieten. Der Hai war vier Meter lang, und er zog die sechs Meter lange Barkasse des glücklichen Anglers fast zwei Kilometer hinter sich her, ehe es gelang, ihn aus dem Wasser zu ziehen.
or< De au ihr ste Be tift B W1 N 19; x St


