Nr.134 Zweites Blatt -
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 12. Zum 195Z
Wehr und Waffen.
Aufgabengebiet der Pioniere.
Don Major a. D. von Keifer.
Die Aufgaben der Pioniere find außerordentlich vielseitig. Je mehr die Kriegführung von der Technik abhängig geworden ist, desto unentbehrlicher ist die Pionierwaffe als Helfer und Lehrmeister der übrigen Waffengattungen im Angriff wie in der Verteidigung geworden. Im Weltkriege, in dem d i e Technik zum ersten Male - eine ausschlaggebende Rolle spielte, zeigte es sich, daß die Friedensorganisation der Pioniere im alten deutschen Heer — bei den meisten Armeekorps nur e i n Pionierbataillon — nicht annähernd ausreichte, um den gewaltigen Bedarf an Pionierformationen und technischen Sondertruppen wie Flammenwerfern, Gastruppen, Sturmbataillonen und Mineurkompanien zu decken. Im neuen deutschen Volksheer ist daher die Pioniertruppe entsprechend ihrer Bedeutung sehr stark vermehrt worden. Jede Division besitzt ein teilweise motorisiertes Pionierbataillon, und außerdem gibt es noch vollmotorisierte Pionierbataillone, die den Armeekorps zugeteilt worden find.
Beim Angriff haben die Pioniere die Aufgabe, den übrigen Truppengattungen den Weg über feindliche Sperrungen und natürliche oder künstliche Hindernisse hinweg zu ebnen. Breitere Wasserläufe können beispielsweise nur mit Hilfe des Pionierbrückengeräts überwunden, größere Geländesperrungen nur von den Pionieren mit ihrem Sprenggerät rasch und nachhaltig zerstört werden. Beim Sturm auf feindliche Stellungen schneiden sie bereits in der Nacht vor dem Sturm mit ihren Drahtscheren Lücken in die feindlichen Hindernisse, um Sturmgassen für die Infanterie zu schaffen, und begleiten dann die stürmende Infanterie in vorderster Linie, um unvorhergesehene Hindernisse schnell aus dem Wege zu räumen. Auch größeren Panzer- und Reiterverbänden, die selbständige taktische Angriffsausgaben zu erfüllen haben, z. B.'als voraeschickte Aufklärungsabteilungen oder in der Verfolgung des geschlagenen Feindes, wird man motorisierte Pionierabteilungen beigeben, um vom Feinde zerstörte Brücken wieder herzustellen oder neue Uebergänge zu bauen, Bahn- oder Telegraphenlinien, die von Wichtigkeit für die Verbindungen * des Feindes find, zu zerstören oder ähnliche technische Arbeiten auszuführen.
In der Verteidigung und beim Rückzug haben die Pioniere wirksame Sperren gegen die verfolgenden feindlichen Panzerkräfte und sonstige motorisierte Truppen anzulegen, denBähnverkehr durch Sperrungen oder Sprengungen — letzteres nur, wenn kein erneutes Vorgehen beabsichtigt ist — zu lähmen, Hindernisse gegen die feindlichen Schützen zu bauen, der Infanterie beim Bau wichtiger Feldbefestigungen zu helfen und — ebenso wie beim Angriff — allen anderen Truppengattungen das Passieren von Gewässern nach Möglichkeit zu erleichtern. Im Stellungskrieg war der Pionier der beste Freund der Infanterie. Besonders zu Anfang, als die technischen Kenntnisse des Infanteristen noch nicht über den Bau der einfachsten Schützengräben und kleiner splittersicherer Unterstände hinausgingen, erlernte er von dem Pionier die Kunst des Stellungsbaues mit allen ihren Feinheiten, z. B. die Anlage bombensicherer Unterstände, entweder über Tage, wenn hoher Grundwasserstand ein Hineingehen in die Erde nicht erlaubt, oder im kunstgerechten Stollenbau nach Bergmannsart. Und wo der Feind uns gar zu nahe mit seinen vordersten Gräben „auf die Pelle rückte" und aus taktischen Gründen seine Entfernung ohne infanteristischen Angriff dringend erwünscht war, da hat sich die Miniertätigkeit der Pioniere mehrfach glänzend bewährt. In oft wochenlanger angestrengter Arbeit trieben sie ihre Stollen gegen die feindliche Stellung vor, um diese schließlich in die Luft zu sprengen. Bei einer solchen Sprengung auf der Vimy-Höhe im März 1917, die ich mit erlebt habe, mußten viele hundert Zentner Sprengstoff mehrere Nächte hindurch in angestrengter Arbeit durch Hunderte von Armierungsarbeitern nach vorne geschasst werden. Als alles zur Sprengung bereit war, wurde unser vorderster Graben vorübergehend geräumt, und
gegen vier Uhr früh verkündete eine erdbebenartige, kilometerweit spürbare Erschütterung des Geländes die erfolgte Sprengung. Der feindliche Graben nebst seiner Besatzung war verschwungen, ein Trichter von kaum vorstellbaren Ausmaßen war an seiner Stelle entstanden.
In der Hand der Pioniere liegt ferner der Bau und die Unterhaltung der Festungsanlagen an unseren Grenzen und die Ausbildung des erforderlichen Festungsbaupersonals. Diese Tätigkeit der Pioniere ist seit Hunderten von Jahren den stärksten Aenderungen unterworfen. Je stärker die Wirkung und Zerstörungskraft der feindlichen Artillerie und in neuester Zeit der Fliegerwaffe wurde, desto niedriger wurden die Wälle, Türme und Mauern der Befestigungsanlagen, desto tiefer wurde in die Erde hineingebaut. Ein heutiges Festungswerk ist von außen kaum noch zu erkennen, hebt sich nur ganz unauffällig vom gewachsenen Boden ab. Alles ist unterirdisch, die Mannschaftsräume, Munitionsdepots usw. Wie beim Bau solcher Befestigungsanlagen ist auch im Kampf um fie der Pionier unentbehrlich, mag es sich um Ueberbrückung von breiten Gräben, um das Hinwegräümen von Hindernissen, um unterirdische Sprengungen, um Wiederherstellung zerstörter Anlagen oder um den Neubau von befestigten Batteriestellungen handeln.
Von dem Volksbuche „Was wir vom Weltkrieg nicht wissen" haben Major Walter I o st und Friedrich F e l g e r eine Neuausgabe besorgt, die im Verlag H. Fikentscher, Leipzig O 5, erschienen ist. Unter den zahlreichen interessanten Beiträgen dieses Buches, das wir bereits ausführlich besprochen haben, verdienen, die folgenden Ausführungen besondere Beachtung.
Die neuen deutschen artilleristischen Gase wurden erstmals in der Flandernschlacht im Sommer 1917 verwendet. Sehr viel Gas wurde dann im Herbst 1917 in Flandern und vor Verdun verschossen. Die glänzendste Zeit des Artillerieaases aber rückte heran, als es zu den großen Angriffen im Jahre 1917 und 1918 verwendet wurde. Eine Art Vorbereitung bildeten die Angriffe in Rußland und Italien im Sommer und Herbst 1917, in denen die theoretischen und praktischen Erkenntnisse für große Angriffe gewonnen und verbreitet wurden. Das Gas diente hier in richtiger Erkenntnis vorwiegend dazu, die feindliche Artillerie für die Zeit des Angriffs auszuschalten. Im Osten und in Italien war die Gasverwendung verhältnismäßig einfach. Der feindliche Gasschutz war unvollkommen, die Gasdisziplin schlecht. Grünkreuz genügte in der Hauptsache. Die Erfolge waren gut.
Weit schwieriger war der Gasangriff im Westen. Trotzdem beschloß man, bei den entscheidungsuchenden Angriffen des Jahres 1918 grundsätzlich Gas in großem Umfang anzuwenden. Dieser Entschluß war möglich, weil das Verständnis für Gasverwendung inzwischen allgemein sehr gestiegen war. Die Truppe forderte jetzt selbst Gas. Sie war nun so weit, einige Atemzüge eigenes Gas in Kauf zu nehmen. Dies war ja schließlich nur der Beweis, daß der Feind noch viel mehr abbekommen hatte.
Einen ungefähren Anhalt, welche Rolle die Gasmunition bei den großen Angriffen spielte, geben die Verhältniszahlen der Ausstattung mit Gas- und Splittermunition. Das Verhältnis betrug größtenteils 4l/s:l, zu einem kleineren Teil 1:1. Die größere Zahl ist Gasmunition. Dabei war die Splittermunition großenteils nur Reserve für den Notfall. Von den Zielen der Gasbesihießung wurde das wichtigste, die Ausschaltung der feindlichen Artillerie, bei den vier großen Angriffen am 21. März, am 9. April, am 27. Mai und am 9. Juni gut, teilweise vorzüglich erreicht. Die feindliche Artilleriewirkung spielte in den entscheidenden Stunden meist eine verblüffend geringe Rolle. Man muß daraus schließen, daß teils die Geschützbedienung, teils die Be-
Neben diesen allen Pionieren gemeinsamen Karnp- fesaufgaben werden einzelne Pionierbataillone noch in Sonderdienstzweigen ausgebildet wie im Ausschiffen und Landen von Angriffstruppen an offenen Küsten oder im Hochgebirgsdienst, im Bau von Brücken über Felsschluchten oder im Sprengen von Felsen über einer Gebirgsstraße, um diese für den Feind ungangbar zu machen. Und schließlich gilt der Kampf der Pioniere in Friedenszeiten dem Schutze der Bevölkerung gegen die Elemente bei Hochwasser oder bei Brandkatastrophen.
Die technische A u s r ü st u n g der Pioniere entspricht ihren vielseitigen Aufgaben. Die „Pio- nier-Brückenkolonne", die „Pionier-Gerätestaffel", die „leichte Pionierkolonne" und die motorisierten „Maschinenparks" führen der Truppe alles erforderliche Gerät für Brückenbau, Hindernisbau, Sperrungen, Sprengungen und Erdarbeiten aller Art nach. Neben der technischen Ausbildung an all diesen vielseitigen Geräten, neben gründlichster Durchbildung im schwimmen, Rudern, Nehmen von Hindernissen usw. werden die Pioniere im Exerzieren und in taktischen Uebungen wie die Infanterie ausgebildet, fo daß sie jeglicher Kampfeslage gewachsen sind. Wie im Weltkriege, so wird erst recht in zukünftigen Kriegen keine größere Kampshandlung mehr denkbar sein ohne die Mithilfe der Pioniere.
obachtung und Befehlsführung, teils wohl auch die Verbindungen gestört waren. Weniger durchschlagend gelang die Lähmung der feindlichen Infanterie und Maschinengewehre durch das Gas. Das ist begreiflich und war nicht unerwartet. Der Kampf konnte der eigenen Infanterie durch das Gas nur erleichtert, nicht erspart werden. Im ganzen hat zweifellos der Entschluß, das neue Kampfoerfahren für die großen Angriffe wesentlich mit auf verstärkten Gaseinsatz zu stützen, sich voll bewährt. Dies wurde offenbar auch von der Front erkannt. Die Gasanforderungen wuchsen ständig, besonders auch in der Abwehr in den letzten Monaten des Krieges.
Die wachsende Bedeutung des artilleristischen Gasschießens veranlaßte alle Kriegführenden, chm ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Von den deutschen Bundesgenossen waren Türken und Bulgaren abhängig von deutschen Lieferungen, die aus TransportgrünÄen in einem für den Gaskrieg ausreichenden Umfange nicht erfolgen konnten; sie hätten auch bei der Eigenart der Kriegführung in der Türkei und aus dem Balkan nicht gelohnt. Der Gaskrieg kam hier nicht über unzulängliche Versuche hinaus. Mit größtem Eifer ahmten die O e st e r r e i ch e r das deutsche Vorbild nach. Das Gebirge, in dem das Gas nach der Kriegslage in erster Linie zur Verwendung kommen mußte, war jedoch weniger günstig für Gas. Auch andere Mängel, zum Beispiel die geringe Ausstattung an Artillerie, mögen die Bildung der erforderlichen Gasdichten manchmal verhindert haben.
Von den Gegnern der Mittelmächte können Russen, Italiener und die kleineren Länder außer Betracht bleiben. Sie spielten auf diesem Kampfgebiet niemals eine Rolle. Um so heißer bemühten sich die Engländer und Franzosen, gegenüber den Deutschen nicht zurückzubleiben. Nicht weniger als fünfundzwanzig feindliche Gasstoffe sind deutscherseits bekannt geworden, nicht weniger als fünfzehn Gasgefchoßtypen hat der Franzose allein nach deutscher Kenntnis an die Front gebracht. Trotz allem aber gelang es dem Gegner nicht, die deutschen Kampfstoffe Grün, Blau und Gelb schnell nachzuahmen. Erst gegen Ende des Krieges trat er mit Gelbkreuz eigener Erzeugung auf. Die Fertigungszahlen erreichten in den letzten Kriegsmonaten nach feindlichen Quellen eine gewaltige Höhe. Das feindliche Gas kam aber an der Front nicht mehr recht zur Geltung. Taktisch haben weder Franzosen noch Engländer jemals die Höhe des deutschen Verfahrens erreicht. Ihnen fehlte die folgerichtige
Gaskrieg vor zwanzig Jahren.
Von General der Infanterie Hermann Geyer, kommandierendem General des V. Armeekorps
Durchbildung des Gedankens der Massenverwendung. Nur selten hat das französische Artilleriegas größeren Einfluß auf bedeutendere Kampfhandlungen gewonnen, wie z. B. beim Kampf um die Laffaux- Ecke im Herbst 1917.
Dem feindlichen Artilleriegas wurde in den letzten Kriegsmonaten viel Wirkung zugeschrieben. Das ist aber größtenteils Uebertreibung. Die deutschen Gasverluste in dieser Zeit entsprachen damals ebensowenig wie jemals früher den vielfach leichtfertig verbreiteten Gerüchten.
Während das Blasoerfahren abftarb und das Gasschießen der Artillerie in den Mittelpunkt rückte, suchten die Erfinder, die Konstrukteure und die Taktiker nach immer neuen Wegen der Gasverwen- dung. Zwar blieb der französische Ursprung des Gaskampfes, die Verwendung in Hand- und Gewehrgranaten mit Recht völlig stecken, da auf diesem Wege ein Masseneinsatz mit der nötigen Gasdichte kaum zu erreichen war. Aus dem gleichen Grunde kamen auch die deutschen Versuche mit Minenwerfern nicht vorwärts. Wie jede neue Waffe entwickelten die Gaswerfer ihre volle Wirksamkeit erst auf Grund der Fronterfahrungen. Das schwächte — zum Glück für die Deutschen — ihre Wirkung anfangs ab. Später lernte man, sich wenigstens einigermaßen zu schützen. Die G a s w e r. f e r waren bald beliebter als das alte Blasverfah- fahren. Sie waren nicht auf ausgebaute Stellungen angewiesen, waren ziemlich unabhängig vom Wind und konnten in einer Nacht einbauen, abschießen und wieder verschwinden. Dabei setzte man oft mehr als 1000 Rohre gleichzeitig ein. Gegen Ende des Krieges gelang es, die Schußweite auf 3000 Meter zu steigern. Das erweiterte die Verwendungsfähigkeit gewaltig. Ueber die Erfolge der Gaswerfer können genaue Zahlen naturgemäß nicht gegeben werden. Bei dem deutschen Angriff in Italien im Herbst 1917 zählte man an einer Stelle, gegen die ein Gaswerferüberfall gerichtet gewesen war, über 500 Tote.
Suchen wir die Wirkung des Gaskrieges von 1918 zu überblicken, so finden wir sie vielleicht am einfachsten in folgenden Zahlen veranschaulicht:
1. Die deutsche Munitionsfertigung brachte am Ende des Krieges über ein Viertel ihrer Geschosse als Gasgeschosse heraus, ohne daß damit die Forderungen der Front voll erfüllt werden konnten. Die Verhältniszahl der Gasmunition war daher noch im Steigen. Die Front hatte Vertrauen gefaßt.
2. Fast ein Drittel der Gefamtverluste des amerikanischen Heeres ist durch Gas verursacht.
3. In einem französischen Geheimbefehl wird die Summe der französischen Gasverluste für die Zeit vom 11. bis 20. August 1917, also eine Zeit, in der auf der französischen Front keine besonders große Operation vor sich ging, auf nicht weniger als 14 578 Mann angegeben, darunter 424 Tote. Rechnet man diese Zahl um auf die ganze Westfront, so kommt man auf einen Ausfall von mehr als 3000 Mann täglich allein durch Gas.
Kein Zweifel kann heute mehr bestehen, warum man im Kriege die Greuellüge auf den Gaskrieg ausdehnte. Mit Humanität und Völkerrecht hat es jedenfalls nichts zu tun. Wenn wir, wie einwandfrei feststeht, unter den Wirkungen des Gaskrieges weit weniger gelitten haben als unsere Feinde, so liegt dies daran, daß wir technisch und taktisch in Gasangriff und Gasschutz einen Vorsprung gewannen und wahrten. Ueber Neuerfindungen und ntzue Möglichkeiten werden phantastische Dinge verbreitet. Andere wieder meinen, die Klaviatur der chemischen Möglichkeiten sei für den Gaskrieg bisheriger Art abgetastet. Wer wollte wagen, vorauszusagen, wer recht hat? Sicher ist nur, daß leichtfertig handelt, wer sich nicht vorsieht.
»Urquell«
Berlin als Garnisonstadt.
Von Major a. O. von Keiser.
Vor dem Weltkrieg war in Berlin und Spandau der größte Teil des preußischen Gardekorps untergebracht, der Rest stand in Potsdam. Die dunkelblauen Infanteristen mit ihren roten Stehkragen und Aermelaufschlägen und den weißen Gardelitzen, die hellblauen Dragoner, die Ulanen mit der schnittigen Ulanka, dem knappsitzenden Waffenrock, die Kürassiere im weißen Koller mit dem schweren Pallasch an der Seite, die Feldartillerie mit schwarzem Kragen und Aufschlägen und gelben Gardelitzen, die Pioniere und Eisenbahntruppen mit schwarzem Kragen und weißen Gardelitzen — fürwahr ein buntes militärifches Bild, das die Garde dem Berliner Straßenleben damals gab!
In der Innenstadt lagen nur zwei Regimenter, am Kupfergraben das Kaifer-Alexander-Garde-Gre- nadier-Regirnent Nr. 1, die sogenannten „Alexandriner", und das 2. Garde-Regiment zu Fuß in der Friedrichstraße nahe der Weidendammer Brücke. In Moabit, rings um den großen Moabiter Exerzierplatz herum, das 4. Garde-Regiment zu Fuß, das Garde-Füsilier-Regiment, das 2. Garde-Ulanen- Regiment und das 1. und 3. Garde-Feldartillerie- Regiment. Im Süden Berlins aiu^ Kreuzberg und am Tempelhofer Feld das Kaster-Franz-Garde- Grenadier-Regiment Nr. 2, die „Franzer", das Ko- nigin-Augusta-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 4, das Garde-Küraffier-Regiment, das 1. und 2. Garde- Dragoner-Regiment und die beiden Eisenbahn-Regimenter. Im Südosten in der Kopenicker Straße das 3. Garde-Regiment zu Fuß und das Garde- Pionier-Bataillon, in Charlottenburg das Känigin- Elisabeth-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 3 und in Spandau das 5. Garde-Regiment zu Fuß, das Garde-Grenadier-Regiment Nr. 5. und das Garde- Fußartillerie-Regiment. Jeder Berliner Junge erkannte an der Farbe der Achselklappen, der Kragen, Aufschläge und Knopfe die einzelnen Regimenter und die verschiedenen Waffengattungen und wußte
sogar, daß bei der Garde-Infanterie die Grenadier-Bataillone weißes, die Füsilier-Bataillone schwarzes Lederzeug trugen. Diese Unterscheidung zwischen Grenadieren und Füsilieren, die nur noch im Anzug zum Ausdruck kam, ging zurück bis auf die Zeit des Großen Kurfürsten, als die Grenadiere die Handgranatenwerfer und die Füsiliere die Gewehrträger stellten.
Für eine Reihe von Regimentern hatte der gesunde Berliner Mutterwitz besondere Spitznamen geprägt. Die Garde-Füsiliere hießen „Maikäfer", da sie vordem von ihrer alten Breslauer Garnison aus im Mai stets zum Brigadeexerzieren nach Berlin gekommen waren. Die 2. Garde-Ulanen waren die „Aeh männer", weil einmal — wohl im Kriege 1870/71 — ein Meldereiter dieses Regiments Kaiser Wilhelm I., der im Volksmunde „Lehmann" genannt wurde, auf die Frage nach seinem Namen geantwortet haben soll: „Ooch Lehmann, Euer Majestät". Das 4. Garde-Regiment zu Fuß bekam seines Standortes und seiner blauen Achselklappen wegen den Namen „M oabiter Veil- ch e n", und die 5. Garde-Grenadiere in Spandau, die als einziges Garde-Jnfanterie-Regiment gelbe Gardelitzen trugen, wurden Briefträger genannt.
Die besondere Freude der Berliner Bevölkerung war der Aufzug der Wache, die jeden Tag von einem anderen ' Garde-Jnfanterie-Regiment gestellt wurde und in der damaligen „Neuen Wache", dem heutigen Ehrenmal Unter den Linden, untergebracht war.'Ganz Berlin war auf den Beinen, wenn im Frühjahr und im Herbst d i e großen Kaiserparaden auf dem Tempelhofer Feld abgehalten wurden. Es gab ein glänzendes Bild, wenn die Infanterie mit weißen Hofen mit den friederiziani- schen Grenadiermützen oder buschgekrönten blitzenden Adlerhelmen während des Vorbeimarsches an der historischen Pappel den altpreußischen Paradegriff „Zieht das Gewehr an" mit wunderbarer Korrektheit ausführte; wenn die acht Garde-Kavallerie- Regimenter in ihren verschiedenartigen schonen Uniformen im Trabe oder im Galopp vorbeidefilierten; wenn die Fahnenkompanie und die Standartenschwadron das Heer zerfetzter und in vielen Schlachten ruhmreich verteidigter Fahnen zum Berliner Schloß zurückführten, und wenn die gold- und silberbestickten Uniformen der Offiziere und die glän
zenden Schabracken ihrer edlen Pferde in der Sonne blitzten und funkelten ...
Nun aber ist eine neue Zeit heraufgezogen, die natürlich auch der Garnisonstadt Berlin einen neuen Charakter gegeben hat. Die bunten Uniformen sind verschwunden, es herrscht das gleichmäßige Feldgrau, das ebenso den neuzeitlichen militärischen Erfordernissen wie dem rein sachlichen^Ernst unserer Zeit entspricht und daneben nur noch das Plan unserer Luftwaffe. Die verschiedenen Truppengattungen innerhalb des Heeres und der Luftwaffe find durch die bekannten Farben der Biesen und Kragenspiegel gekennzeichnet: Infanterie weiß, Artillerie rot, Kavallerie gelb, Flak rot, Fliegertruppe gelb. usw. Weil die militärische Ausbildung in einer Riesenstadt auf zu große Schwierigkeiten stoßt, sind in der Reichshauptstadt freilich verhältnismäßig wenig Truppenteile untergebracht. Aber jedem Berliner ist das Wachregiment bekannt, das in Moabit in der alten Kaferne des 4. Garde-Regiments zu Fuß liegt und sich aus wechselnden Kompanien anderer Regimenter aus dem ganzen Reiche zusammensetzt. Heute wie damals gehört dem Wachaufzug die besondere Anteilnahme der reichshauptstädtischen Bevölkerung, nur daß die Wache jetzt im Reichskriegsministerium am Großadmiral-von-Tir- pitz-User untergebracht ist. In Spandau liegt das Infanterie-Regiment 67, zu dessen Chef der verstorbene General von Seeckt, der Gründer und Organisator der Reichswehr, vom Führer ernannt worden war, und das die Tradition einer Reihe von ehemaligen Garde-Regimenter fortführt. Auch das Regiment General Goring, das zur Luftwaffe gehört und bei feierlichen Gelegenheiten zum Wachdienst herangezogen wird, ist eine jedem Berliner längst bekannte und durch hervorragende Disziplin ausgezeichnete Truppe.
Hat sich auch das Bild der Garnison Berlin gewandelt, der Geist der alten Garde, die im Kriege Wunder von Tapferkeit vollbrachte, ist derselbe noch in den jungen Truppenteilen, die heute in und um Berlin ihren Standort haben. Geist und Schneid des neuen Heeres werden so recht deutlich bei der Parade zum Geburtstag des Führers, die nun alljährlich das markanteste militärische Erlebnis der Reichshauptstadt ist.
Die Uniform der Wehrmachtbeamten.
Jntendanturrat Dr. K i r ch n e r vom Reichskriegsministerium teilt in der Zeitschrift des Soldatenbundes u. a. mit: Die zum Uniformtragen verpflichteten und berechtigten Wehrmachtbeamten — Heer — tragen (abgesehen von der Waffenfarbe „dunkelgrün" und einer bestimmten Nebenfarbe) auf den Schulterstücken ein verschlungenes „HV" (Heeresverwaltung). Im übrigen ist für das Aussehen und das Tragen der Uniform die Anzugordnung für das Heer maßgebend. Die Wehrmachtbeamten — Marine — tragen nach den Bekleidungsbestimmungen für die Marine an Stelle der vergoldeten Knopfe, Aermelstreifen usw. der Offiziere die gleichen Aermelstreifen usw. in Silber. Auch bei der Luftwaffe ist den Wehrmachtbeamten, um der engen Verbundenheit der Soldaten mit den Beamten in gemeinsamer Aufbauarbeit auch äußerlich sichtbaren Ausdruck zu geben, dieselbe Uniform verliehen worden wie den Soldaten der Luftwaffe, nur tragen sie als Waffenfarbe dunkelgrün mit hochroten Zwischeneinlagen an den Schulterstücken als Nebenfarbe und auf den Spiegeln statt der Schwingen dreieckige Sterne. Die militärische Rangeinteilung entsprechend den Offizierdienstgraden ist die gleiche wie bei Heer und Kriegsmarine. Hervorgehoben sei nur, daß es bei der Luftwaffe die Amtsbezeichnungen „Jntendanturrat", „Oberintendanturinspektor" usw. nicht gibt, sondern daß die Wehrmachtbeamten der Luftwaffe die allgemeinen Amtsbezeichnungen der Beamten bei den Zivilbehörden wie „Regierungsrat", „Regierungsoberinspektor" usw. führen. Erst das Recht und die Pflicht zum Uniformtragen sichert den Wehrmachtbeamten, die als ein integrierender Bestandteil der Wehrmacht in gemeinsamem Wirken mit der Truppe die Grundlage für die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes schaffen, den ihnen innerhalb der Wehrmacht gebührenden Platz. Denn auch Die Arbeit der Wehrmachtbeamten gilt ausschließlich der Erfüllung der großen Aufgabe der Landesverteidigung. Ein durch den militärischen Rang oder die Dienststellung begründetes Vorgesetztenverhältnis der Wehrmachtbeamten gegenüber den Soldaten besteht nicht. Jedoch sind die Wehrmachtbeamten gegenüber den Soldaten im Dienstrang höher, gleich oder niedriger, entsprechend den über ihr Rangverhältnis gegebenen Vorschriften.


