sie 'm Schützenlinie und in Zugkolönne eifrig auf dem Marsch nach vorne, südöstlich an Daubringen vorbei. Anfangs ist nur vereinzeltes Schützenfeuer ZU hören, aber nicht lange dauert es, da mischen sich aus dem Walde südöstlich von Daubringen her und nördlich anschließend auch die Maschinengewehre in das Feuerkonzert ein, während von Zeit zu Zeit die Artillerie ihren sonoren Baß dazugibt. Immer kräftiger tritt in den nächsten Stunden der Vormarsch von Blau in allgemein nordöstlicher Richtung, gegen Treis hin, in Erscheinung. In Daubringen kommt es zu kurzem Feuergefecht zwischen der blauen Spitze und roten Spähtrupps, auch eines roten Kampfwagens, wobei beiderseitiges Maschinengewehrfeuer die Gewehrkraft der Schützen natürlich übertrifft. Rot hat im Tal der Lumda hart ostwärts Daubringen durch vorgeschobene Sicherungen die Straße in seine Hand gebracht, überdies noch durch eine Drahtsperre das Ueber- rennen durch blaue Kräfte erschwert. Während Daubringen in den Vormittagsstunden vollständig im Besitze von Blau ist, befindet sich das benachbarte Mainzlar fest in der Hand von Rot, das außerdem noch Sicherungen bis hinauf nach Staufenberg vorgeschoben hot, die sich dort hinter Strohhaufen, kleinen Feldgebäuden und am Ostrand ausgezeichnet der gegnerischen Sicht entziehen. Abgesehen von schwachem gelegentlichem Feuerkampf zwischen einzelnen Spähtrupps bleibt es bis gegen Mittag hin im Lumdatal selbst ruhig, dagegen geht der Vormarsch südlich der Lumda hinter dem Höhenrücken kräftig weiter und erreicht auch in verhältnismäßig kurzer Zeit die als Ziel befohlenen Höhen in der Gegend von Treis.
Die Infanterie hat in diesem Gefechtsabschnitt mit Einsatz aller Waffen anstrengende Arbeit zu leisten. Die Schützen müssen sich auf dem immer weicher gewordenen Boden mühsam vorarbeiten, sie gehen in breiter Front in lichter Schützenlinie gestaffelt vor. Die schweren Maschinengewehre müssen von der Bespannung auf nahezu grundlosen Wegen, bei denen die Fahrzeuge von der einen Seite auf die andere Seite torkeln, immer weiter nach vorne gebracht werden. Die gleiche schwere Arbeit ist bei den Infanteriegeschützen zu beobachten. Aber Mensch und Tier setzen ihre letzte Kraft ein, und der Erfolg ist mit chnen. Währenddessen nehmen die Tankavwehrtruppen die Landstraßensicherung wahr, mischen sich aber auch in die fortschreitende Kampfhandlung ein. Ebenso zeigt sich die Artillerie tätig.
Dem guten und tatfreudigen Zusammenwirken aller Waffen ist es denn auch zuzuschreiben, daß die Front des Offensivstoßes von Blau sich immer weiter südlich der Lumda in östlicher Richtung von Daubringen fort entfernt, dieser Ort und Mainzlar bald wieder im Frieden, in der „Etappe", liegen. Der Kampflärm hört gegen Mittag allmählich auf; das Feuer in östlicher Richtung schläft vorübergehend fast ganz ein.
*
Rur selten wird die etwa einstündige Ruhe hier oder dort durch einen Schuß gestört. Von den Hängen nordwärts der Lumda, hart östlich von Mainzlar, sehen wir weitere Truppenkolonnen der Vormarschstraße von Blau zustreben. Einige Teile motorisierter schwerer Waffen fahren durch Mainzlar und streben ebenfalls sÄwärts der Lumda
dem Höhenrücken zu. Plötzlich bemerken wir auf der Höhe vor Mainzlar, ausgezeichnet im Gelände gedeckt, einen Späher von Rot, der sich mit seinem Fahrrad mitten auf einem feuchten Wiesenstück hinter einem kleinen Steinhaufen eingenistet hat und von dort aus die Bewegungen bei Blau südwärts der Lumda beobachtet. Eine Streife von Blau, die aus Mainzlar heraus auf der Straße nach Treis a. d. Lda. und vor allem nach den Höhen vor Mainzlar zu sichert, bemerkt bald darauf ebenfalls den unerwünschten Zuschauer von Rot, kurzes Feuergefecht mit wenigen Schüssen, dann haut der Rote ab über die Höhe hinweg in Richtung Staufenberg. Wir schlußfolgern: ein roter Späher in dieser Gegend, der in nordwestlicher Richtung nach Staufenberg zu das Gefechtsfeld verläßt, der hat etwas zu bedeuten. Wir setzen uns in Richtung Staufenberg in Marsch und werden denn auch Zeuge eines großartigen militärischen Vorgangs.
Mit großer Wucht und mit ausgezeichnetem Schneid aller Mannschaften bricht plötzlich ein Angriff von Rot aus Nordwesten hart östlich an Staufenberg vorbei über den Höhenrücken hinab ins Lumdatal in Richtung Daubringen — Mainzlar vor. Wie ein Teufelwetter kommt die Infanterie von Rot (Marburger 57er) den Hong zwischen Staufenberg und Mainzlar hinab. Der tiefaufgeweichte Ackerboden und die sehr nassen Wiesen sind keinerlei Hindernis. Das Kommando „Stellung" wird mit prächtiger Exaktheit ausgeführt, obwohl das Hinlegen in den stark wässrigen Dreck und in das Wasser der Wiesen gerade keine Annehmlichkeit darstellt. Die Gegenwirkung von blauen Sicherungen aus Daubringen heraus ist nicht allzu stark. Rot geht frontal und von der linken Flanke her unter Halbrechter Drehung gegen Daubringen, wobei Mainzlar links liegen bleibt, gegen den erstgenannten Ort vor. In prächtigem Schwung flitzt Rot in Daubringen hinein. Aber sein Erfolg soll doch nicht so leicht werden. Die Sicherung von Blau, Teile des Gießener E.-Ba- taillons, führt einen starken Gegenstoß, in dessen Verlauf es zu einem schweren Straßenkampf in Daubringen kommt. Rot und Blau bekämpfen sich in der Hauptstraße und noch dazu an einer der unübersichtlichsten Stellen, in der Kurve, mit heftigem Schützen- und MG.-Feuer, dazu werden von Unparteiischen auch noch einige „Bomben" geworfen, der Kampf wogt hin und her. Bald drückt Rot Blau zurück, bald hat Blau das Ueber- gewicht über Rot. Die Schiedsrichter setzen ganze Gruppen außer Gefecht. Es ist eine tolle Schießerei im Gange, bei der allen Augenzeugen die Ohren dröhnen. In diesen lärmenden und kämpfenden Menschenhaufen geraten auch noch Meldefahrer und Fuhrwerke hinein. Ortseinwohner stehen am Straßenrand und schauen mit höchster Spannung zu. Der Vorgang ist wohl das dramatischste Ereignis des ganzen Manövertages. Stärkste Einsatzbereitschaft und rückhaltloseste Hingabe des einzelnen Mannes zeigen dabei den hohen Stand der militärischen Ausbildung unserer Soldaten. Der Straßenkampf zieht sich weiter südlich aus Daubringen heraus und findet noch ein kurzes Nachspiel auf dem Waldberg südlich des Ortes. Hier entbrennt das Schützen- und MG.-Feuer noch einmal mit großer Heftigkeit. Dann haben auch hier die Schieds
richter ihres Amtes gewaltet. Ganze Gruppen find wieder außer Gefecht gesetzt worden, die Zahl der „Manöoertoten" hat sich erheblich vermehrt.
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Nun ertönt das Signal „Das Ganze halt". Die Uebung ist zu Ende. Die Verbände der Truppen sammeln und ordnen sich. Die Offiziere begeben sich zur Besprechung der Uebung auf eine Höhe südlich von Treis. Den Uebungsverlauf bespricht Oberst Herr! ein vor den zur Kritik versammelten Offizieren. Anschließend spricht noch Generalleutnant O ß w a l d zu den versammelten Herren der Offizierskorps über seine Wahrnehmungen und Eindrücke beim Uebungsverlauf. Unterdessen beginnt die Verpflegung der Mannschaften. In Treis
(Lda.) ist ein großer Teil der Hauptstraße gestopft voll von Soldaten, die hier verpflegt werden und dann zum Abmarsch bereitstehen. Die Gießener Artillerie marschiert auf dem Heimweg durch. In Mainz, l a r und Daubringen herrscht ebenfalls Hoch, betrieb der abrückenden Truppen, wobei die Feldküchen nun auch ihren gewichtigen Dienst erfüllen. Südlich von Daubringen, unterhalb des Heiberts- häufer Hofs, werden die Mannschaften vom Gießener L-Bataillon verpflegt. Und dann streben die Gießener und Wetzlarer Truppen in Richtung Gießen heimwärts, während sich von Staufenberg aus die Marburger in nördlicher Richtung vom Gefechtsfeld entfernen. In Gießen rücken die Truppen gegen 18.30 Uhr ein. B.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Oie Pfütze.
Im Regen der letzten Tage hält sich eine Pfütze. Sie sieht nicht gerade schön aus, aber sie ist nun einmal da. Gerade dort, wo der Zinkbelag des kleinen Anbaues eine Senkung aufweist, und wo man mit einem Reinigungsbesen nur sehr schwer hingelangen kann.
Es ist eine ganz gewöhnliche Pfütze und nicht mehr. Vom Fenster aus betrachtet, ist wirklich nichts Sonderliches an ihr, es fei denn, daß sich je nach dem Einfall des Lichtes die verschieden geartete Wasserspiegelung beobachten ließe. Aber das ist ein verhältnismäßig reizloses Spiel, und von der Pfütze würde kaum die Rede sein, wenn sie nicht in anderer Weise für nette Unterhaltung sorgte.
Und damit verhält es sich so: Ganz vorsichtig und aufmerksam umherspähend, landete gestern eine Drossel auf dem kleinen Anbau. Eine richtige schwarzgefärbte Drossel mit gelbem Schnabel. Ein Männchen allem Anschein nach, das sich offenbar mit ganz bestimmten Absichten trug. Denn es ging verstohlen zu Werke und erinnerte in seinem Gehabe an jene Taugenichtse, die zu Herbstzeiten sich zu den Früchten in Nachbars Garten schleichen. Nur daß es sich in diesem Falle weder um Nachbars Garten, noch um irgendwelche lockenden Früchte handelte.
Es handelte sich ganz allein um die Pfütze. Pfützen sind ja im allgemeinen zu nichts nütze, höchstens, daß sie Aergernis erregen. Unsere Drossel aber sorgte dafür, daß diese Pfütze sozusagen eine höhere Bestimmung erhielt. Und dafür muß ihr eine für ihre Gattung außergewöhnliche Intelligenz zugestanden werden, denn es ist festzustellen, daß sie aus erheblicher Entfernung ausgerechnet diese Pfütze sichtete und zielsicher anpeilte. Wie sich nämlich ergab, eignet sich diese Pfütze ganz hervorragend als intime Badeanstalt. Und eben darauf kam es unserer Drossel an. Sie leistete es sich jedenfalls, sich nach kurzer Prüfung des Geländes dem vollen Genuß des Bades hinzugeben. Das war ein Spritzen und Stieben, ein Flügelschlagen und urgemütliches Wohlbehagen. Don allen Dachrinnen schauten die Spatzen neiderfüllt zu.
Aber Spatzen sind eben Spatzen. Kaum hatte das begabte Drosselmännchen das lustvolle Bad beendet und sich gereinigt und gestärkt von dannen begeben, als das Spatzenvolk in Horden von allen
Seiten herbeistürzte und mit durchdringendem Ge- schrei das Beispiel nachahmte. Das war kein genußvolles Baden mehr, das war ein Toben und Klatschen, ein wildes Schilpen und wüstes Durcheinander. Bis urplötzlich die Drossel abermals auftauchte und den Schwarm erbarmungslos in die Flucht jagte. Und nun gibt es stündlich etwas zu sehen auf dem Anbau mit der Pfütze, die zur lockenden Badeanstalt geworden ist. Nur schade, das auch einer Pfütze nur eine beschränkte Lebensdauer beschieden ist. H. W. Sch.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Stadchectter: 20 bis 23 Uhr „Prinzessin Nofretete". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Seine Tochter ist der Peter". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der lustige Witwenball", — Goethe-Bund und Kaufmännischer Verein Gießen: 20 Uhr Wilhelm- Busch-Abend des Vortragmeisters Emil Kuehne in der neuen Aula. — Kirchliche Woche der Lutherge» meinde: 20 Uhr spricht Hauptpastor D. Iannasch, Berlin, in der Kapelle des Alten Friedhofs über „Erlösung durch Jesus Christus".
Stadtthealer Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die letzte Aufführung der großen Ausstattungs-Operette „Prinzessin Nofretete" von Nico Dostal statt. Die musikalische Leitung führt der Kapellmeister Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul Wrede. Die Partie der „Prinzessin Nofretete" singt Ilse Last us. Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung: Irmgard Zenner. Die Vorstellung findet als 20. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr.
NSLB., Kreiö Gießen.
Mädchenerziehung, technische Fächer.
Samstag, 13. Februar, 15 Uhr, in der Mädchenberufsschule, Gießen: Dierjahresplan und der Un» terricht in Hauswirtschaft und Handarbeit (Frl. Wall, Gießen, und Frl. Gärtner, Klein-Linden).
Gute Möbel bei Koos
Giessen Schulstr 6
Das Mädchen mit dem Silberhaar.
JRoman von Anny von panhuys.
2. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Wer sah es, wenn sie die schönen Scheine mit- nahrn? Wer würde etwas davon erfahren, wenn sie die schönen Scheine zu Hause sorgfältig verbarg? Für die traurige Zukunft, für das Alter!
Viel zu tun hatte sie sowieso nicht, man nahm sie nur für Kinderkleider, für Aendemngen und Flickarbeiten in Anspruch.
Sie wandte der Toten den Rücken, um das starre Gesicht nicht mehr zu sehen. Niemand wußte, daß sie hiergewesen, niemand, aber sie mußte alles gut bedenken, damit sie später nicht der kleinste Verdacht streifen konnte.
Sie hatte die Scheine schon in ihr Mieder gesteckt, und nun schloß sie den Schreibtisch, eilte hinaus.
Draußen sah sie nach oben und unten, klingelte dann ganz laut, als wäre sie eben erst gekommen und warte auf das Oeffnen der Tür. Nach einem Weilchen klingelte sie wieder, bald darauf abermals, gerade als das Ehepaar von der Wohnung gegenüber die Treppe heraufkam. Die beiden kamen immer erst spät, sie waren in einer Molkerei an- gestellt. Gingen früh fort und kehrten spät heim. Ein Glück, daß sie nicht etwas früher gekommen waren und ihr Betreten der Wohnung gesehen hatten.
Sie erwiderte den Gruß des Paares, seufzte: „Ich klingle schon seit ’ner halben Stunde. Frau Karsten hat mich nämlich gebeten, ich solle gegen halb zehn runterkommen und ein bißchen bei ihr bleiben. Fränze ist heute zum Maskenball, und da sollte ich ihr ein Stündchen Gesellschaft leisten. Komisch, daß sie nicht aufmacht."
Sie klingelte schon wieder, murmelte dabei: „Sie hat doch mit ihrem Herzen zu tun, und ich habe jetzt Heidenangst, sie hat vielleicht 'n Herzkrampf bekommen und kann sich nicht helfen."
Das Paar sah sich fragend an.
„Eigentlich müßte man da wohl die Tür mit Gewalt aufmachen?" meinte der Mann.
„Unsinn", versetzte seine Frau, „schließlich ist sie bloß eingeschlafen und wir haben den schönsten Aerger."
„Da stimmt was nicht", rief Kathrin Hofer, „ich sollte zu ihr kommen und sie hätte mir längst aufgemacht, wenn sie könnte."
Die beiden anderen wurden sensationslüstern, Nachbarn von oben und unten lockte das erneute Klingeln herbei. Der Hauswirt war Schlosser, er fackelte nicht lange und brach das Schloß auf. Man
fand eine Tote, die da lag, als hätte sie sich auf dem Sofa zum Schlafe niedergelegt.
Nähkathrin schrie gellend auf, fing laut an zu meinen. Ihre Nerven streikten, als sie in das Gesicht der Toten, blickte, die sie vorhin bestohlen.
Ein Arzt wurde gerufen, der Arzt, der Frau Karsten ab und zu behandelte.
„Herzschlag!" stellte er fest. „Uebrigens war so ein jähes Ende Frau Karstens schon lange zu erwarten. Wo ist denn die Enkelin?" fragte er.
Nähkathrin gab Auskunft.
„Sie muß sofort benachrichtigt werden", entschied er. „Man sollte telephonieren."
Nähkathrin erklärte, sie wolle die Benachrichtigung übernehmen. Telephonieren wäre unsicher, sie kenne ihr Kostüm, fände sie am schnellsten und würde sie sehr schonend auf den Todesfall vorbereiten.
Aber erst ging sie in ihre Wohnung hinauf, versteckte die Geldscheine gut, warf dann einen alten dicken Mantel über und eilte durch die stillen Kleinstadtstraßen dem Hotel „Zum Einhorn" zu.
2.
In einem Abteil zweiter Klasse des O-Zuges Frankfurt—Berlin faß ein sehr eleganter Herr von ungefähr dreißig Jahren. Ähm gegenüber faß ein alter Herr, der ihn schon mehrmals auffallend gemustert und bereits versucht hatte, ein Gespräch anzuknüpfen, was ihm bei der kühlen Zurückhaltung des jüngeren aber bisher nicht gelungen. Endlich sagte er, gerade auf das losgehend, was ihn so sehr interessierte: „Verzeihung, mein Herr, ich glaube die Ehre zu haben, Herrn Grevenstein vor mir zu sehen, den berühmten Geiger Günther Grevenstein? Ich wohnte nämlich mehrere Ihrer Konzerte bei und gestehe Ihnen, Sie sind in meinen Augen der bedeutendste Geiger unserer Zeit gewesen." Sein Gesicht nahm einen feierlichen Ausdruck an. „Niemand hat es aufrichtiger bedauert als ich, daß Ihnen das Unglück passieren mußte."
In Günther Grevenstein stieg Wut auf. Mußte ihm so ein verdammter Schwätzer in den Weg kommen und ihn daran erinnern, auf welcher glanzvollen Höhe er schon gestanden, bis er sich bei einem Autounfall drei steife Finaer an der linken Hand geholt, die feiner großen Karriere ein plötzliches und unerwartetes Ende bereiteten.
Wenn er daran dachte, und er dachte täglich daran, dann packten ihn Verzweiflung und Zorn, unsagbare Melancholie quälte ihn von Zeit zu Zeit so überstark, daß er sich mit Selbstmordideen herumschlug, aber Mitleid vertrug er schon gar nicht.
Das konnte ihn rasend machen.
Der ältere Herr fuhr fort: „Ich bin Frankfurter und in unserer Stadt hatten Sie ja das Unglück. Aber, bitte, Herr Grevenstein, erzählen Sie mir doch einmal ausführlich, wie sich das Unglück eigentlich zutrug. Ich frage nicht aus Neugier, verehrter Herr Grevenstein, sondern aus reinem Mitgefühl. Und die Zeit vergeht einem schneller, wenn
man sich interessant unterhält. Sie fahren sicher auch nach Berlin. Uebrigens, pe ft arten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, ich heiße Künzel und bin Lederfabrikant."
Grevenstein, der Erkannte, erwiderte ziemlich schroff: „Es ist nur gut, mein Herr, daß Sie mich endlich auch einmal zu Wort kommen lassen, denn nun kann ich Ihnen wenigstens antworten, daß Sie mich bestimmt verwechseln. Einen Herrn des Namens, mit dem Sie mich bisher beehrten, kenne ich nicht. Ich heiße Walter von Frank, bin Gutsbesitzer und steige auf der nächsten Station aus." Er sagte, während er seinen Handkoffer verschloß: „Sie scheinen ein ziemlicher Gemütsathlet zu sein, Herr Künzel. Denn wenn ich wirklich jener Geiger gewesen wäre, würde ihm sicher nichts lieber und erwünschter gewesen sein, als eine recht eingehende Unterhaltung über sein Unglück. So was hätte ihm natürlich sehr wohlgetan und ihn aufgeheitert."
Der Zug begann bereits langsamer zu fahren.
Der ältere Herr brachte erst vor Aerger kein Wort heraus, dann stieß er hervor: „Ihre Meinung über mich ist mir höchst gleichgültig".
Der Zug bremste. Es handelte sich um eine kleine Umsteigestation, Sonst hätte der O-Zug hier bestimmt nicht gehalten. Im Nu war Günther Grevenstein mit seinem kleinen Handkoffer aus dem Abteil, sein großer Koffer fuhr im Gepäckwagen gleich weiter.
Die Linke hielt Grevenstein in der Tasche seines Paletots versteckt, damit der andere nicht doch noch merkte, er war es doch, dem sein Mitleid und seine Neugier gegolten. Aber er mochte sich während der Fahrt längst davon überzeugt haben, daß seine Linke etwas ungeschickt war. Er ging mit einigen anderen Reisenden dem Ausgang des Bahnhofes zu. Kaum hatte er die Tunneltreppe erreicht, fuhr der Zug schon weiter, und da fiel ihm, leider erst zu spät, ein, er hätte ja nur umsteigen brauchen, um diesem lästigen Menschen zu entgehen, das Aus- fteigen war höchst überflüssig gewesen. Aber jetzt war es zu spät, und vielleicht tat es ihm auch ganz gut, eine Nacht in so einem stillen Städtchen zu verbringen, einmal so recht auszuruhen nach all der Unruhe der letzten Zeit. Er würde sowieso noch viel zu reisen haben nächstens, denn am besten begab er sich schnellstens ins Ausland, nachdem er feine Verlobte, die häßliche Tilli Bergschlaq, einfach im Stich gelassen, und ihrem Vater die Tausende, die er ihm geliehen, unterschlagen hatte. Bergschlag war der sehr reiche Besitzer einer großen Reparaturwerkstätte für Autos, und mit dessen Tochter hatte er sich verlobt, weil er Geld brauchte und sie ganz toll in ihn verliebt war. Vor seinem Unfall hatte er viel verdient und wurde verdattert, als er sich plötzlich dem Nichts gegenübersah.
Das verliebte häßliche Mädel kam ihm gerade zur rechten Zeit in den Weg, und ihr Vater tat blind, was die einzige Tochter wollte.
Also gab es eine Verlobung.
Ein Konservatorium sollte er in Frankfurt gründen, wollte der Vater, meinte begeistert, der Name Grevenstein würde sich als starke Zugkraft be« währen.
Er hatte dem Plane sofort zugestimmt und sich von Tillis Vater Geld zur Ausführung geben lassen. Ungefähr zwanzigtausend Mark hatte er bekommen, die hatte er in luftigen Nächten in Wiesbaden und Karlsruhe verjuxt.
Unter dem Vorwand, er wolle mit ein paar berliner Künstlern darüber unterhandeln, ob sie in den Lehrkörper des Konservatoriums eintreten würden, hatte er von der Verlobten Abschied genommen. Sie ahnte nicht, daß es sich um einen Abschied für immer gehandelt. Zweitausend Mark besaß er noch, damit wollte er zunächst nach Berlin und von dort ins Ausland.
Er kniff die Lippen ein. Eigentlich war er schon jetzt ein Heiratsschwindler und Hochstapler, er konnte sich im Ausland wohl weiter so betätigen.
Dor dem Bahnhofsausgang standen ein' paar Hoteldiener. Sie riefen die Namen ihrer Hotels. Er wandte sich an einen Bahnbeamten, „Bitte, wie heißt hier das beste Hotel?"
„Zum Einhorn", war die Antwort.
Gleich darauf trabte der Hoteldiener des Hotels „Zum Einhorn" mit dem Handköfferchen neben ihm her.
Das Hotel war ein tiltes Haus, über dem Eingang befand sich, aus Stein gehauen, der Kops des Tieres mit dem großen Horn auf der Stirn, das nur im Märchen- und Sagenwalde zu finden ist. Er bestellte ein Zimmer, erhielt Nummer zwölf, und ließ seine Handtasche dorthin bringen. Auf den Meldezettel hatte er Walter von Frank geschrieben. Der Name Günther Grevenstein gefiel ihm nicht mehr seit seinem Unfall.
Er ging nun in das Speisezimmer und bestellte sich ein gutes Abendessen. Es war inzwischen neun Uhr geworden. Auch eine Flasche Haute Sauterne, seinen Lieblingswein. Fast gierig trank er ein paar Gläser. Er mußte den Aerger hinunterspülen, den ihm der Reisegenosse bereitet, und den anderen Aerger, den er sich selbst geschaffen. Er fand es doch sehr blöd, nicht umgeftiegen, sondern ausge- fliegen zu sein.
Eben setzte der dienstbeflissene Kellner die bestellte Vorspeise vor den einzigen Gast hin, als Musik aufklang. Sie schien ziemlich nahe. Ein Tango mit führender Trompetenstimme.
Günther Grevenstein fragte ärgerlich: „Hier wird doch nicht etwa getanzt?"
Der Kellner merkte den Unwillen in der (stimme des vornehm aussehenden Gastes, und erwiderte sehr ergeben: „Es wäre schade, wenn es den Herrn stören sollte, es findet heute im Theatersaal des Hotels ein Maskenball statt. Vielleicht entschließt sich der Herr, dem Ball beizuwohnen, es ist ja noch nicht spät. Ein paar Dominos stehen unseren Hotel- gästen gern zur Verfügung." (Forts, folgt.)
lOPfg.
3U Bratwui'st, Cebec, Rrauteoulaöen, Jlostbraten diese Jiaiebelsoße!
1 Knorr Bratensoßwürfel fein zerdrücken, glattrühren, mit V4 Liter Wasser unter Umrühren 3 Minuten kochen und nun über 1h gehackte, goldgelb geschmorte Zwiebel gießen. Dann zum Fleisch geben, nochmals aufkochen. Fertig! Ein bequemes, aber gutes Rezept! Hauptsache dabei:
Bratensoße


