Ausgabe 
11.12.1937
 
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ft. 789 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, N. Dezember 1957

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Neuer Abschnitt der Altstadtsanierung in Gießen.

Der erste Teil am Kirchenplatz wird jetzt vollendet, -er zweite Teil am Kreuzplatz wir- in Angriff genommen. - ßtraßenverbreüerung von -er Gartenstraße -urch Hie untere Kaiserallee un- LicherGtraße bis zur Heil- und Pflegeanstatt.

nuß übersättigte Eroberer hat sich an der Frische und Innigkeit des Mädchens <^us dem Schwarz­wald gelabt, gestärkt und das Feuer seiner schwar­zen Südländeraugen entzündet

Wenn du, Besucher des Museums, aber das schweigsame, steinerne Antlitz von Bissula aufmerk­sam betrachtest, wirst du einen geheimen Zug von Trauer entdecken. Den Zug der Trauer, der sich der Gesichter derjenigen bemächtigt, die an einem geschlossenen Fenster^ stehen und unverwandt ins Weite starren.

Zeitschriften.

D i e Kun ft", Monatshefte für Malerei, Plastik und Wohnkultur (Verlag F. Bruckmann. München). Die Dezembernummer derKunst" zeigt eingangsDas wandernde Bächlein" von Thoma, eines seiner ansprechendsten Gemälde. Dem Mün­chener Landschaftsmaler Toni von Stadler widmet Ullrich Christoffel einen Aufsatz mit Wiedergaben einiger Gemälde Stadlers Gut ist die ebenfalls mit Bildbeispielen umrahmte Arbeit von Roland SchützDas Auge in der antiken Kunst" Der zweite Teil beginnt mit Bildern vomHaus der Deutschen Erziehung" in Bayreuth. Die Inneneinrichtungen des Architekten Lambrecht, Stuttgart, verdienen Aufmerksamkeit, ebenso das Haus von Architekt Gutschow. die Gartengestaltungen des Architekten Maaß in Lübeck, sowie die schönen neuen Vorzel­lanfiguren von Esser und Scheurich. Das ^Hand­werkliche kommt durch Wiedergabe origineller Kunst­schmiedearbeiten zu seinem Recht. Sitzmöbel au? der Fabrik Straub zeigen eine neuartige Polsterfede­rung. Die allgemeine Rundschau und eine Literatur- Übersicht umrahmen den vielseitigen Inhalt.

Das Weihnachtsheft vonW e st e r m a n n s M o n at s h e f t e n" ist mit besonderer Reichhaltig­keit« ausgestaltet worden. So finden mir zur Einfüh­rung das Bild ..Mütterlichkeit" von Lucas Cranach. Das Kupfertiefdruck-Bild einer Eichenholzfigur von der Oesterreicherin Margarete Hanusch, aus der Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Deutschen Kunst zu München, das farbige Bild Heilige Nacht" von Ernst Psannschmidt und eine eigenartige, künstlerische Darstellung einer Schnee­ballschlacht von dem japanischen Maler Kobayashi schließen sich würdig an. Aus dem auch sonst, reichen Inhalt des Heftes sind an Beiträgen zum deutschen Schrifttum hervorzuheben, der neue Roman von Hermann SchraderDie Reise nach Lissabon" eine Erzählung von Hans Friedrich BlunckWalther und Hildegund" und .Der Weihnachtsgang", eine Ge­schichte von Erich Brautlacht.

2er letzte Monat des Jahres 1937 brachte in gchen noch eine wichtige Sitzung der Ratsherren.

der Tagesordnung stand die Stellungnahme der Msherren zu Planungen des Oberbürgermeisters,

für die Zukunft Gießens außerordentlich be- idtfam sind Dor allem ist es die A l t ft a d t - Linierung, die ganz besonderem Interesse der gchener Bevölkerung begegnen wird. Während j)- erste Abschnitt dieses großen Planes im Bereich fr- Schloßgasse, des Kirchenplatzes und des Linden- Mes nunmehr der Bollendung zugeführt werden jo., wird gleichzeitig der zweite Abschnitt in An­gles genommen, der die Ecke Kreuzplatz-Seltersweg bekifft. Wie am Kirchenplatz-Lindenplatz, so wird ml) am Kreuzplatz-Seltersweg ein auherordent- ,lii brennendes Problem mit Energie und Zuoer- .ij^ angepackt, um es in gedeihlicher Weise zum Men der Gesamtheit zu lösen. Oberbürgermeister M tter hat darüber in der gestrigen Sitzung der Mi'sherren eindrivgliche Wort gesprochen. Beson- fc-: hervorzuheben ist aus dieser Ansprache die Mgehende Bereitschaft des Oberbürgermeisters -zur Li ftändigung mit den beteiligten Grundbesitzern, esHars aber auch nicht.übersehen werden, daß der Leier unserer Stadtverwaltung den entschlossenen feden zum Einsatz aller Machtmittel hat, wenn er ikriz seiner Bereitschaft zur Verständigung nicht in fee zu dem erhofften und notwendigen Ergebnis to.men kann. Die gütliche Ueberemkunft, die mit de Grundbesitzern am Kirchenplatz und in der Scloßgasse erzielt werden konnte, sollte eigentlich eir Beispiel zur Nachahmung sein. Wie der Ober- MZermeister selbst, so roiro auch jeder Volks- geoffe es durchaus verstehen, daß den in Betracht Normenden Grundbesitzern und Familien der'Ver- d: auf ihre liebgewordene Wohnstätte und auf Lhim seit Jahren gewohnten Geschäftsplatz sehr fcer wird; man wird sicherlich auch allenthalben Llftändnis dafür aufbringen, daß die beteiligten Mndbesitzer das Bestreben haben, nach bester

Möglichkeit sich vor vermuteten Nachteilen oder s Schäden bei dieser Neuordnung zu schützen. Aber bei alledem darf doch wohl in erster Linie der Gesichts­punkt als maßgeblich betont werden, daß es sich bei dieser Planung um die Beseitigung eines Zustandes handelt, der schon seit Jahren allgemein als drin­gend verbesserungsbedürftig, ja geradezu als un­haltbar angesehen wird und es je länger je mehr geworden ist. Dieser große Gesichtspunkt des All­gemeininteresses und der dringenden Sorge um das Wohl der Allgemeinheit muß natürl-ch vor jedem Einzelinteresse stehen. Dabei ist es erfreulich und mit voller Zustimmung zu begrüßen, daß der Ober­bürgermeister von sich aus alles tun will, um Schä­den der Volksgenofsen abzuwenden und die berech­tigten Interessen der Beteiligten mit größtem Wohl­wollen zu behandeln Er wird es nicht daran fehlen lassen, mit allem Ernst einen für beide Teile an­nehmbaren Ausgleich zu erstreben. Daher ist denn auch sowohl von dem großen Gesichtspunkt der Lösung eines außerordentlich brennenden Verkehrs­problems, wie unter dem Gesichtswinkel der zuge­sicherten gerechten Würdigung der Einzelinteressen der beteiligten Grundbesitzer dringend zu wünschen, daß dem dankenswerten Plane keine unnötigen Schwierigkeiten bereitet werden und seine Verwirk­lichung von allen Seiten bestens unterstützt wird.

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Eine weitere Angelegenheite von großer Bedeu­tung ist die Entscheidung über die Verbreite­rung der Kaiserallee von der Gartenstraße bis zur Persiluhr und der L i ch e r Straße bis zur Heil- und Pflegeanstalt. Daß diese Zuhringer- straßen zur Reichsautobahn in der jetzigen "Breite unmöglich bestehen bleiben konnten, haben die- we­nigen Wochen der gewaltigen Verkehrssteigerung seit der Eröffnung der Reichsautobahn bereits über­zeugend dargetan. Wie bei der Altstadtsanierung, so werden auch in diesem Falle die beteiligten Grund­besitzer von vornherein die Ueberzeugung haben

Das Bild zeigt durch einen Strich die'am Seltersweg/Ecke Kr-uzplatz geplant- Erweiterung; die durch den Strich abgetrennte Ecke soll beseitigt werden. (Ausnahme: Neuner, Gieh. Anz.»

K H

Oer Stall der Schweinemästerei des EHW.

Unser Bild zeigt einen Blick in den von der Stadt Gießen gebauten Stall für die Schweine­mästerei des Ernährungs- hilsswerks (EHW.). In der gestrigen Ratsherren­sitzung entschloß sich der Herr Oberbürgermeister, einen zweiten Stall die­ser Bauart zur weiteren Förderung des EHW. errichten zu lassen.

(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

können, daß ihre berechtigten Interessen von dem Oberbürgermeister in voller Weise gewürdigt wer­den. Man kann daher nur hoffen und wünschen, daß alle Maßnahmen zur Umgestaltung der Straßen möglichst bald glatt durchgesührt werden können, damit dem öffentlichen Wohl schon von einem nahen Zeitpunkt ab in guter Weise gedient werden kann.

Mit voller Zustimmung wird unsere Bevölkerung auch die tatkräftige Förderung des Ernäh­rungshilfswerks durch die Stadt begrüßen, weil hiermit ein gemeinnütziger Betrieb gefördert wird, der die vollste Unterstützung von allen Seiten her verdient

Äer Verlaut der Sitzung.

Anwesend sind Oberbürgermeister Ritter, Bür­germeister Prof. Dr. Hamm, die Beigeordneten Vogt und Nicolaus, sowie 12 Ratsherren.

Zunächst teilt der Oberbürgermeister den Rats­herren eine Anzahl

Rechnungsabschlüsse

mit. Der Rechnungsabschluß der S t a d t k a s s e für 19 3 4 zeigt folgendes Ergebnis: Betriebsrech­nung: Einnahme 5 837 727,81 Mark, Ausgabe 5 598 056,60 Mark, verbleibt Rest 239 67^21 Mark; Vermögensrechnung: Einnahme 4 835 806,25 Mark, Ausgabe 4 598 022,33 Mk., verbleibt Rest 237 783,92 Mark. K

Rechnungsabschluß der Gewerbeschule für das Rj. 1 9 3 5: Einnahme 23 800,65 Mark, Aus­gabe 22 941,65 Mark, Rest 859 Mark. Städtischer Zuschuß 4117,71 Mark, Staatszuschuß 4804,50 Mk. Rechnung für das Rj. 1 936: Einnahme 22 667,84 Mark, Ausgabe 22 493,84 Mark, Rest 174 Mk., Städtischer Zuschuß 4153,47 Mk., Staats­zuschuß 4044,58 Mark.

Rechnungsabschluß des Lyzeums für das R j. 1 9 3 5: Einnahme 203 902,43 Mark. Ausgabe 202 076,52 Mcktk, Rest 1825,91 Mark. Städtischer Zuschuß 51 307,07 Mark, 'Staatszuschuß 33 939,15 Mark. Rechnung für das Rj. 1 9 3 6. Ein­nahme 214 208,11 Mark, Ausgabe 213 620,03 Mk., Rest 588,08 Mark. Städtischer Zuschuß 52 088,42 Mark. Staatszuschuß 40 352,50 Mark

Rechnung des Zweckverbandes Arbeits­dienst abteilung 5/222 Gießen für 1934:

Einnahme und Ausgabe je 2654,11 Mark. Der Zweckoerband umfaßt die Stadt Gießen und eine Reihe von Gemeinden, in denen der Arbeitsdienst gegen Lohnzahlung von den Gemeinden Arbeiten ausführt. Gießen führt den Vorsitz des Zweckver­bandes; es hat die Unterkunft für die Arbeitsdienst­abteilung geschaffen ' unb stellt die Fahrräder für deren Zwecke. Dafür erhält es einen gewissen Pro­zentsatz der Lohnsumme als Vergütung, die bei der Stadtkasse in Einnahme stehen.

Die Dohnungsbau-G.m.b.h.

Diesem gemeinnützigen Unternehmen sind auf dem Gebiete des Wohnungsbaues jetzt weitere große Aufgaben gestellt. Es ist daher erforderlich, das Grundkapital von 46 000 Mark um 70 000 Mark auf 116 000 Mark zu erhöhen. Oberbürgermeister Ritter beschließt diese Erhöhung upd betont die gute Arbeit dieses Unternehmens; die Wohnungen seien sehr praktisch und preiswert, für die Stadt sei kein Defizit entstanden.

Verbreiterung der Kaiser-Allee.

In der Kaiser-Allee zwischen Ludwigsplatz und Persiluhr hat sich seit der Eröffnung der Reichs- autobahn der Verkehr außerordentlich stark ent­wickelt. Da dieser Straßenteil als Zubringerstraße zur Reichsautobahn gilt, ist es so berichtet Bür­germeister Prof. Dr. Hamm' als Referent not­wendig geworden, die Fahrbahn zu verbreitern. Zu diesem Zwecke sollen die Vorgärten der Grundstücke von der Gartenstraße 1 bis zur Perfiluhr eingezogen und die Straßenbaufluchtlinien an die Häuser selbst zurückoerlegt, die beiderseitigen Bürgersteige je etwa 1 Meter breit werden.

Der Oberbürgermeister unterstreicht die drin­gende Notwendigkeit dieser Maßnahme und de- K: Die seitherige Straßenbaufluchtlinie von artenstraße 1 bis zur Persiluhr wird aufge-

Oeulsche Kutturfilmtnbett.

Von paul Wegener.

Staatsschauspieler Paul Wegener, der in diesen Tagen mit StrindbergsToten­tanz" ein Gastspiel in Gießen gibt, etzt^sich im folgenden für den deutschen Kulturfilm ein. In Berlin wurde kürzlich die Degeto- Kulturfilm G. m. b. H. gegründet mit dem Ziel, den abendfüllenden Kulturfilm wieder zur Geltung zu bringen.

i\ Mch hat als Mensch und als Künstler immer Ifetier der Mensch interessiert, der irgendein Ge- Kinnnis in sich trug

£ls der Film aufkam, erkannte ich sofort die Iplhliditeit, durch ihn Geheimnisse hinter den Din- -i £n und hinter den Menschen in einer Weise fünft» Ktinh lebendig zu machen, wie bjes die anderen fcijjte bisher noch nicht konnten 'Daher habe ich mit Leib und Seele gleich dem Film ver- ehneben.

I Tiefer leidenschaftliche Drang, hinter die Dinge »Schauen, hat mich von Anfang an auch an Den Ki urfilm gefesselt Die Eigenart der Landschaft, -d» tnpische Lebensweise, der Charakter der em- Kli-en Völker, ihre Sitten, ihre Lebensgewohnhei- U kurzum der geistige Lebensraum - das waren cks Erlebnisse, die ich im Film wiederfinden wollte. Sauer haben hilme, die dies verstanden immer iHöOer mein starkes Interesse gefunden. Ich denke i R an die Degeto-FilmeT abu" von Murnau im!Insel der Dämonen" von Baron von »>tch habe ja auch in meiner filmischen Arbeit stets dr.ucht, die Landschaft, die wirkliche Natur des 0 ?n Ledens einzubeziehen und ihre geheimms- wt2 Wirkung lebendig zu machen, die ja viel ftar- Briift, als es jeder Atelierbau fein kann. Das ist schon in beji Zeiten des stummen FilmsX^r tidbent von Prag" wohl ebenso gelungen wie in ünen Märchenfilmen?z. BRübezahls Hochzeit til demRattenfänger", in denen die geheimnis- Njo Landschaft des Riesengebirges und das alte A-esheim lebendig wurden.

; (s freut mich, zu hören, daß die Degeto-Kultur- ir G m b H mit den Kinder-Filmen .Rokkäpp- q?-"'Der Kampf um den stiefen Ast" undJka- tefinber". die Fritz Genschow im Rahmen der i L'is-Kulturfilm-Produktion inszenierte dasselbe tHebt.

. LZenn Deutschland heut« auf dem Gebiete des

Kulturfilms in der Welt an der Spitze steht, "dann bestätigt dies nur meine seit Jahrzehnten ausge- prochene Ueberzeugung, daß vor allem der besinn­liche und gestaltungsstarke deutsche Künstler für eine Kulturfilmarbeit berufen ist, die über eine bloße Photographie der Wirklichkeit hinauskommt.

Wir. müssen daher jetzt erst recht unsere ganze Kraft einsetzen, um von Deutschland aus wirkliches Kulturgut durch den schöpferischen Kulturfilm der ganzen Welt zu erschließen.

Oie Marmorbüste.

Von Anton (Schnack.

Die du im Schatten einer Museumsnische be­trachtest, eine von bei: langen Zeit verfärbte und gelbliche Marmorbüste, war zu Lebzeiten..^siiula, Tochter des bärtigen und von einem römischen Soldaten erschlagenen Vithikab. Ihre Jugend kannte die gvldlodernden Ginsterbüsche im südlichen Schwarzwald, der mit dunkeln Waldzungen in die Rheinebene hineinlief. In der Nähe der Donau­quelle sah das Mädchen an einem Frühlingsabend das jähe Auftauchen des seltsamen Hirsches mit dem Einhorn auf der Stirn. Der von ihr geworfene Speer blieb zitternd in der Rinde einer harzoer- krusteten Fichte stecken, das scheue Tier verschwand mit einem weißen Lichtschein hinter sich im Dickicht der unendlichen und undurchdringlichen Walder.

Sechzehnjährig fiel Bissula in die Hände^ von Soldaten des Valentiman, als er an der Spitze seiner Legionen aus Trier gegen die Alemannen zu Fslde zog. Die Soldaten schenkten das liebliche Mädchen dem Ausonius, der zum Hauptquartier des siegreichen Kaisers gehörte.

Streiche mit der Hand über die steinerne Flechte ihres langherabwallenden Haares darüber fuhr der zitternde Finger des sechzigjähngen Ausonius, der aus Burdigala stammte, das heute Bordeaux heißt. Schwellend, apfelrund und voll hat der römische Bildhauer die Mädchenwange gestaltet, deren junge Süße die müden Tage des Mannes mit dem schwarzen Südländerblick ergötzte. Die Worte sind überliefert, womit der alternde Dichter und Lehrer der Beredsamkeit seine bewundernde Liebe und seine begeisterte Leidenschaft ausgedruckt bat:Ich bitte dich, Künstler mW purpurnen Rasensaft und weißen Lilienschnee? Und die schim­mernde Farbe aus beiden ist der Pfirsichhauch ihrer Wangen " Wie zärtlich und blühend sind die Neischi- gen Lippen des Mundes gebxgen' Wenn der alternde, aber noch immer feurige Dichter sich zu

ihm neigte, bebte, fein Herz, und die heiße Frische des Mundes erinnerte ihn an sonnengewärmte Früchte seiner fernen Heimat am Mündungstrichter der breiten Garonne.

Der Marmor verrät nicht die Farbe der Augen von Bissula, aber Ausonius, der jubelnde, selige, singt es aus dem Schweigen der vergangenen Jahr­hunderte; blau war die Iris. Was ist nicht alles blau? Dom kalten Wind überflogene Gewässer sind blau, der von einem stürmischen Gewitter reinge­fegte Himmel ist blau und die in der Frühlings­wärme erwachte Hyazinthe ist blau Ausonius, der Dichter, sah viele blaue Bilder und Erscheinungen des geheimnisvollen und fremden Nordens in der klaren Wässrigkeit des Mädchenblicks In edler und sanft gebogener Form springt aus der einfachen und lieblichen Stirn der Rücken der Nase, die sich vor dem Geruch der syrischen Myrrhen und der arabischen Zimtdüfte zuschloß welche die Salben­reiber ber Stadt für die üppigen und in durch­sichtigen Seidenflor gekleideten Tänzerinnen be­reiteten, die aus den heißen Bädern des Kaisers tarnen. Bissula dagegen liebte den scheuen Hauch der mitten Waldfrüchte, die warme Süße des aus der braunen Wachswabe tropfenden Honigs und die Flüchtigkeit des wohlriechenden Seidelbastes, den sie in Tontöpfen auf die Bienenkörbe im Garten ihres Gebieters und Herrn stellte. Ihr entblößter Hals war mit Ketten und Schnüren indischer und persischer Perlen geschmückt; Ausonius hat, wenn er vom Vortrag beim Kaiser Valentinian zurück­kam, diesen warmen und blutdurchqlühten Hals mit seiner welkenden Handfläche umspannt und sich erwärmt. Hinter der üppigen Haarw>.lle waren die Ohren versteckt, wohlgebildete Muscheln, die, wenn sie von einem Sonnenstrahl getroffen wurden, einen Rand von goldenem Flaum sehen ließen: diesen Ohren, diesen Oehrchen hat Ausonius mit heißem Atem Geständnisse und Gedichte zugeflüstert, deren kühles Latein brannte und loderte:Geliebtes Herz, wonniger Zeitvertreib, Liedesfrühling, Lust meines schon in Dämmerung stehenden Tage?"

Hat Bissula dies verstanden? Hat sie mit der Hin­gabe der liebenden Frau gelauscht^ Hat sie die un­gestümen und berauschten Worte im Herzen be­wahrt und sie viele Male wiederholt wenn sie allein war und vor sich hinträumte?

Sicherlich hat das Mädchen, wenn Ausonius Früchte vom Markt, wohlriechende Oele und Speze­reien vom Händler oder Schmuck vom Goldschmied als Geschenke mitbrachte, mit bescheidener Stimme geantwortet:Ich danke dem gnädigen Herrn" Er aber, der geistvolle, gebildete und von vielem Ge­