Ausgabe 
11.12.1937
 
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Zur neuen Offensive!

BonLandesbauernführerDr.Wagner,MdN.

NSG. Der R e i ch s b a u e r n f ü h r e r wird sich am Sonntagoormittag in seiner Goslarer Funkrede an uns alle wenden und zur neuen Etappe der deutschen Erzeugungs­schlacht aufrufen. Was R. Walther Darrö allen Volksgenossen, besonders aber den Bauern, Landwirten und Landfrauen, den Landarbeitern und den anderen Reichsnährstandsangehörigen zu sagen hat, sind keine billigen Höflichkeiten und auch keine leeren Redensarten^ sondern vertrauensvolle, ernste Worte. Es geht um einen neuen Abschnitt der deutschen Erzeugungsschlacht. Die gesamte Landwirtschaft erhält aus dem Munde des Reichs­bauernführers und Reichsernährungsministers die großen Richtlinien für die Arbeit im kommenden Jahr.

Richtlinien waren früher ein unbekannter und verachteter Begriff. In der Landwirtschaft baute jeder einzelne nur das an, was ihm am zweck­mäßigsten zu sein versprach und kümmerte sich nicht darum, ob seine Arbeit den Bedürfnissen der Gesamtheit genügte. Der Staat mochte sehen, woher er die fehlenden Nahrungsgüter bekam; Hauptsache war, daß man seinen privaten Wün­schen nachgehen konnte. Diese Handlungsweise war nicht gerade böswillig, aber gedankenlos und ge­fährlich. Niemand dachte daran, den uns verfüg­baren landwirtschaftlichen Raum so auszunutzen, daß die notwendigsten Güter auf der eigenen Scholle erzeugt wurden und was sollte werden, wenn aus irgendeinem Grund die übliche Einfuhr, die stets eine Abhängigkeit von fremden Staaten bedeutet, einmal stockte oder abnahm? Sollten dann die Volksgenossen in der Stadt ver­hungern? Konnte eine so schwer bedrohte Gemein­schaft irgendwelchen Schicksalsschlägen Widerstand leisten?

Wir haben inzwischen umgelernt! Der Führer hat eine neue und gesündere Anschau­ung der Dinge verkündet, und das Volk hat sich überzeugen lassen und die Grundsätze des National­sozialismus zu denen seines eigenen Lebens und Schaffens gemacht. Das gilt auch für uns Bauern; auch wir, die wir schon in den Jahren des Kamp­fes in dichten Reihen um den Führer standen, haben in vier arbeitsreichen Jahren die Forde­rungen des Führers zu verwirklichen getrachtet und eisern unsere Pflicht getan. Wfr haben seit dem Jahre 1934 in jedem Frühling alle Kräfte neu eingesetzt und immer eine neue Etappe der Erzeugungsschlacht geschlagen. Wir haben das Ver­trauen Adolf Hitlers nidjfe enttäuscht, sondern über­all aus unserem Boden höhere oder bessere Erträge herausgeholt, weil es eine vaterlän­dische Pflicht war.

Gerade wir im Gau Hessen-Nassau haben es nicht leicht; in unserer Heimat leben 205 Men­schen auf einem Quadratkilometer, und nur 3552 von 154 301 landwirtschaftlichen Betrieben haben mehr als 20 Hektar Land. Der Bedarf an Nahrungs­mitteln ist also sehr groß und die Erzeugungsbasis nicht sehr breit. Brachten manche Umstände eine gewisse Erschwerungen, so blieben wir auch nicht von dem Mangel an Arbeitskräften verschont, der leider überall herrscht; oft mußten die Alten noch auf dem Felde mithelfen, weil der allseitige Aufschwung des Wirtschaftslebens viele junge Kräfte an andere Ar­beitsplätze zog. Und dennoch wir lassen uns nicht entmutigen, sondern gehen tapfer und pflichtbewußt in die nächste Offensive! Wir missen, daß die Volksgenossen in allen anderen Berufenebenso mit angespannten Kräften und mit aller Energie am Werk sind, und dieses Be­wußtsein, daß j e d e r anständige Deutsche an seinem Platze seine Pflicht tut, hält auch unsere Kräfte lebendig!

Die Rede des Reichsernährungsministers und Reichsbauernführers D a r r E an das deutsche Land­volk am Sonntag wird von 11.30 bis 12 Uhr über alle deutschen Sender gehen. In der Ansprache werden die Parolen für den kommenden Abschluß der Erzeugungsschlacht und die Aufgaben der Ernährungswirtschaft im Jahre 1938 bekannt­gegeben werden.

Aus der Stadt Gießen.

Oas Iutterhäuschen.

Es sieht aus wie ein kleiner Marktschirm über köstliche Leckereien gespannt. Aber sein gedecktes Tischlein Hut unter dem mit Tannen abgedichteten Dach etwas vom märchenhaften Schlaraffenland, wo man kein Geld braucht, sondern nur zu schna­bulieren, was das Herz begehrt und dem Magen bekommt. Der Spender, der an alle Geschmäcker gedacht und Sämereien von Bohnengröße bis zur Winzigkeit kleinster Schrotkugeln ausgeschüttet hat, ist wie ein Baumelf unsichtbar. Aber gelegentlich schaut er schon aus irgendeinem Versteck, wahr­scheinlich vom Haus her, das Auge mit einem Fern­glas bewaffnet, dem flatternden Völkchen zu und freut sich seines guten Appetits. Es macht ihm eiji Vergnügen, wenn er in früher Morgenstunde die Tafel leergepickt findet und neues Futter hin- ftreuen kann. Die lustigen Frühlings- und Som­mersänger, die seinen Garten au einem Tempel himmlischen Frohsinns machten, sollen ihm auch den Winter durch nicht untreu werden. Er hat nicht vergessen, wie sie ihn mit ihren Liebesliedern und Lockrufen entzückten. Was er hinstreut, ist nur ein kleines Entgelt/ ein geringer Abtrag der Dankes­schuld. Eigentlich schenken sie ihm ja mit ihrer Ge­genwart schon wieder so viel Schönes, daß er sich immer von neuem ihnen verpflichtet fühlen muß. Was wäre der kahle, ausgeplünderte Garten ohne sie! Ihr anmutiges Wesen hatte er in der Blätter­wildnis von Busch und Baum nie so beobachten können wie jetzt. Sie haben alle ihren charakteristi­schen Gang, unterscheiden sich voneinander im Schreiten und Hüpfen, im An- und Abflug und in der Art, wie sie ihren Hunger stillen.

Am raschesten sind immer die Sperlinge da. Einer vorwitziger als der andere, setzen sie sich mitten in den Futtervorrat hinein und suchen sich das Beste aus. Dabei kümmert sich keiner um die vielen Kör­ner, die mit herumstochernden Schnäbeln verzettelt werden. Sie haben wirklich schlechte Manieren urtb passen am wenigsten an eine Tafel.

Wie bescheiden und dankbar für alles zeigt sich dagegen der Buchfink. Er liest zunächst einmal auf, Schrittchen für Schrittchen trippelnd, was die Gas- senoögel beiseitegeschleudert. Erst wenn diese, wie dicke Wollknäuel rund und prall, davonflattern, nimmt auch er vom vollen Tisch. Aber es geschieht auch jetzt ohne Hast und mit den Gebärden einer guten Kinderstube.

Von ganz anderem Temperament sind die Kohl­meisen, dank ihrer sportlichen Ausbildung von Ju­gend an und ihrer zierlichen und wendigen Gestalt. Man merkt ihnen die geübten Kletterer und Turner an. Obwohl sie sich auch an den Sämereien gütlich tun, erfreut sie doch ein an einer Schnur vom Dach­rand herabhängendes Speckstück ganz besonders. Sie krallen sich daran fest und schaukeln, während sie emsig picken, wie wagemutige Trapezkünstler. Am liebsten schweben sie dabei. mit Kopf und Rücken nach unten.

Als Sonderling stellt sich zuweilen das Rotkehl­chen ein. Mit hängenden Flügeln huscht es von Strauch zu Strauch näher und betrachtet mit seinen glänzenden Augen die gedeckte Tafel. Es scheint ein wenig schüchtern und wartet gern, bis die Gesell­schaft kleiner geworden ist. Meist sitzt es als letzter Gast im Futterhäuschen. Und manchmal bleibt es auch nach der Mahlzeit in seiner Nähe und stimmt mit fröhlichem Zwirnen ein kleines Lied an. Dann leuchtet sein roter Brustlatz noch schöner, als ob'sein Herz dahinter vom Frühling träumte. P. B.

Dornotizen.

Tageskalender für Samstag.

Stadttheater: 15.30 bis 18 UhrSchneewittchen"; 20- bis 22.15 UhrUta von Naumburg". Gloria- Palast (Seltersweg):Der Unwiderstehliche". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Pariser Bekannt- schaft. Deutsche Stenographenschaft: 20.30 Uhr, EafL Leib, Nikolaus-Kränzchen. Fakulta: 21 Uhr, Burghof", Pflichtversammlung, Vortrag Rechts­anwalt BeckerDie neue Reichsstraßen-Derkehrsord- nung". Rolleiflep-Lichtbildervortrag: 20.15 Uhr im Hörsaal der Universität, Ludwigstraße,Photo­

Abenteuer". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 19 Uhr Weihnachtsausstellung im Turmhaus am Brand. Weihnachtsmarkt auf Oswaldsgarten: Beginn 12 Uhr.

Tageskalender für Sonnlag.

Stadttheater: 15.30 bis 18 UhrSchneewittchen" (ausoerkauft); 19 bis 21.45 UhrDer Wildschütz". Gloria-Palast (Seltersweg):Der Unwidersteh­liche". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Pariser Bekanntschaft". Obst- und Gartenbauverein: 15.30 Uhr,Bayerischer Hof", Vortrag und Pacht- vertragsanerkennung. Heimatvereiniguna Schif­fenberg: 17 Uhr Weihnachtsfeier. Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr und 17 bis 19 Uhr Weihnachtsausstellung im Turmhaus ain Brand. Weihnachtsmesse auf dem Oswaldsgarten.

Sladtthealer Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute, Samstag, nachmittag:Schneewittchen", Märchenspiel in sechs Bildern nach Gebr. Grimm von Trude Wehe. Spielleitung Hermann Schultze- Griesheim, musikalische Leitung Heinz Markwardt. Diese Märchenvorstellung sindet außer Miete statt und beginnt ausnahmsweise 15.30 Uhr. Ende 18 Uhr. Samstag abend zum letztenmal Felix Dhünens SchauspielUta von Naumburg". Spiel­leitung Dr. Erich Schumacher. Die Vorstellung fin­det gleichzeitig alsKdF."-Miete, Gruppe II (5. Vor­stellung) statt. Beginn 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr.

Sonntag, 12. Dezember, zum letztenmalDer Wildschütz", komische Oper von Albert Lortzing. Musikalische Leitung Heinz Markwardt, Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet außer Mete statt und beginnt um 19 Uhr Ende 21.45 Uhr.

Paul Wegener im Sladllheater.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am Montag, 13. Dezember, findet das einmalige Gastspiel des Staatsschauspielers Paul Wegener (Berlin) mit seinem eigenen Ensemble statt. Paul Wegener gastiert mitTotentanz", Schauspiel von August Strindberg. Monatelang spielte er die Rolle des Edgar in Berlin vor stets ausverkauftem Hause, und auf seiner Gastspielreise wurde seine künst­lerische Leistung mit großer Begeisterung ausgenom­men. Die Spielleitung hat Paul Wegener selbst. Da die Vorstellung fast ausverkauft ist, wird ge­beten, die vorbestellten Karten bis spätestens Mon­tag, 13 Uhr, an der Theaterkasse, Johannesstraße 3, abzuholen. Dieses Gastspiel findet außer Miete statt.

Üarie^-Oafffpid imGloria-Palast".

Man schreibt unp: Ein Dariets-Gastspiel von be­sonderer Qualität und Vielseitigkeit sindet am 13." und 14. dieses Monats im Gloria-Palast statt. Es wird an diesem Tage ein Varietö-Programm ge­zeigt, für das führende Kräfte der internationalen Artistik verpflichtet wurden. Als Star wurde Claire Schlichting, Deutschlands beste Komi­kerin, gewonnen, die in den letzten Monaten im Wintergarten in Berlin und im Hansatheater in Hamburg beispiellose Triumphe feiern konnte. Das Programm verzeichnet daneben sieben weitere Attraktionen besonderer Art, darunter 3 Splendids, eine Rollschuhnummer von internationalem Rus, ferner ein Tanzpaar von besonderem Format, den hervorragenden Jongleur Juvelli, die Balance­künstler 3 Groschettis, den ausgefallenen Clown Mac Toto und den Tempo-Exzentriker Ralph und Partner.

Gießener Dochenmorklpreife.

Gießen, 11. Dez. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, V» kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier, deutsche, Klasse A YLVi, Klasse B 12, Kühlhauseier, Klasse A 12)4, Klasse B 11%, Wirsing, % kg 8 bis 12, Weißkraut 5 bis 6, Rotkraut 7 bis 12, gelbe Rüben 8 bis 10, Karotten 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 15, Rosenkohl 25 bis 28, Feldsalat, Vio 10, Tomaten, % kg 40, Meer­rettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 40, Zwie­beln 8 bis 9, Kürbis 5 bis 6, Kartoffeln, % kg 4 Pf.,

5 kg 40 Pf., 50 kg 1. Sorte 3,45 Mark, 2. Sorte 3,25, 3. Sorte 3 Mark, Aepfel, % kg 10 bis 20 Pf., Birnen 10 bis 15, Nüsse 35 bis 50 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suppenhühner 80 bis 90 Pf., Gänse 90 Pf. bis 1 Mark, erstklassige Mastgänse 1 bis 1,10, Enten 1 bis 1,10 Mark, Tauben, das Stück 50 bis 60 Pf., Blumenkohl 10 bis 50, Endivien 8 bis 15, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 10 Pf.

** Eine Siebzigjährige. Am heutigen Samstag, 11. Dezember, kann Frau Margarete Dechert, Neue Säue 2, in geistiger und körper­licher Frische ihren 70. Geburtstag begehen.

** Ein gemeiner Streich wurde, offenbar in der Nacht zum Freitag, an dem in der Nähe des Stadttheaters aufgestellten Weihnachtsbaum verübt. Noch bevor die Kerzen überhaupt einmal gebrannt

auf Jahre hinaus viel Freude rriächi!

PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE NEUSS

hatten, ist an diesem Baume der Draht der Strom­leitung durchgeknipst, gleichzeitig sind die elektrischen Glühbirnen von dem Baume gestohlen worden. Der Fremdenverkehrsverein hat sich entschlossen, eine Belohnung demjenigen auszuzahlen, der den oder die Täter so namhaft macht, daß gerichtliche Be­strafung erfolgen kann. Im öffentlichen Interesse wäre dringend zu wünschen, daß derart gemeine Burschen gefaßt würden und ganz gehörig auf die Finger geklopft erhielten.

^DicDrotrdicJirbtilafront

NSG.Kraft durch Freude". Kreis Gießen.

Unsere neue Karlenverkaufsstelle Settersweg 60 ist eröffnet, hier erfolgt in Zukunft: 8212V

1. Ausgabe der Theaterkarten undKdI.-Miele".

2. Ausgabe der Karten für sonstige Veranstal­tungen.

3. Ausgabe der Monatsprogramme.

4. Anmeldungen zu Reisen, Omnibussahrteu ufw.

5. Anmeldungen zu Sporlkursen aller Art.

6. Anmeldung zur Volksbildungsstätle Gießen.

7. Auskunft über alle KdF. Angelegenheiten.

Die Schalterstuvden sind täglich von:

9 bis 13 und 15 bis 18.30 Uhr.

(3n der Kreisdienststelle Schanzenfkrahe werde, die vorstehenden Angelegenheiten nicht mehr er­ledigt.)

Theatervorstellung.

Sonnabend, den 11. Dezember 1937, 20 Uhr, Große KdF. Miete" Gruppe II (5. Vorst.):

Uta von Naumburg."

Schauspiel in 3 Akten von Dhünen.

Karten zu,90 RM. sind in der Kartenverkaufs stelle Seltersweg 60 erhältlich.

Zur Variete-Vorstellung im Gloria-Palast (Nach­mittagsvorstellung) am Montag, dem 13., und Diens­tag, dem 14. Dezember 1937, erhalten Sie verbillige Eintrittskarten in der Kartenvorverkaufsstelle Sel- tersweg 60 zum Preise von,50,,70, 1, RM.

Landkreis Gießen.

Daubringen, 11. Dez. Heute vollendet der Werkmeister im Ruhestand Heißrich Wagenbach sein 7 8. Lebensjahr. Vor vier Jahren konnte der humorvolle Alte mit seiner Lebensgefährtin, die jetzt 79 Jahre zählt, die goldene Hochzeit feiern. Beide erfreuen sich heute noch einer prächtigen Ge­sundheit und verrichten noch alle Arbeiten in Haus, Feld und Garten. Als Bezieher des Gießener An­zeigers seit ihrem Hochzeitstage zählen sie zu unserem treuesten Leserkreis.

Märttin und ich.

Don Friedrich Reck-Malleczewen.

Die erste Erfahrung auf diesem Gebiete und da­mit der erste Antrieb einer verheerenden Leiden­schaft beides tarn mir einmal in Dover...

Jckwohl in Dover, wo man durch die Kreide klip- pen mit dem Londoner Zug sich wie durch ein Schlüsselloch nach England hineinzwängt... in dem gl-ichen Dover, wo Sie bislang noch nie ausgestie­gen sind, und wo ich für einen jungen, zum prak­tischen Studium der englischen Sprache über den Kanal expedierten Freund Quartier machen sollte. Der Bekannte aber, bei dem eben dieser Jüngling untergebracht werden sollte, war ein alter britischer Oberstleutnant, der in Aden und zuletzt in Indien gestanden hatte ... id) bewahrte noch eine flüchtige Erinnerung an einen gewaltigen Mann mit brau­ner Haut und weißem Schnurrbart, und er war mir immer wie ein eigens nach den Angaben von Rudyard Kipling entworfener britischer Kolonial- foldat vorgekommen, und ich erinnere mich auch noch einer feiner charakteristischen* Eigenschaften: daß er immer mit her Hand nach imaginären Mos­kitos in die Luft griff ... auch in Europa und an Orten, wo sich im Radius von 100 Meilen bestimmt keine Moskitos auftreiben ließen.

So war dieser Mann, der nun als Pensionist in Dover ein etwas muffiges altes Haus in einem ziemlich dicht verwachsenen Garten bewohnte, und ich hatte mir den Besuch bei ihm so oorgestellt, daß ich ihn nun wie einen alten Herrn aus einem Dickensroman oorfinden würde, will sagen am Kamin mit Pfeife und jener Zeitung, die der Welt als ..Times, der britischen Öffentlichkeit aber we­gen ihres allbekannten hohen Pathos alsThun- derer bekannt ist...

Ja, so hatte ich mir die Sache gedacht, und es kam dann doch ganz anders. Als ich nämlich das Gartentor passierte, sah ich sofort, daß mein Be­kannter sich verdoppelt hatte, denn ein zweites Exemplar kiplingscher Kolonialsoldat mit braun­gegerbter Haut und weißem Schnurrbart (wie sich herausstellte, ein britischer Marinearzt außer Dienst) lag gleich ihm in Hemdärmeln auf dem Gartenweg und beugte sich über ... ja ich kann nur sagen über ein v-Zug-Unglück. Der ganze Garten, müssen Sie wissen, war kreuz und quer durchzogen von fünf Zentimeter breiten Schienen­gleisen und erfüllt von Viadukten, künstlichen Stei­gungen, schwindelnden Kehren und Stellwerken, und eben wegen der Handhabung eines solchen Stellwerkes war zwischen den beiden alten Knaben

ein erbitterter Streit ausgebrochen. Die Herren also, die einmal Oberschenkel amputiert und mit Haubitzen geschossen hatten, die spielten hier mit einer elektrischen Miniatureisenbahn, und in der Mitte, wo die Expreßlinien sich kreuzten, da lagen nebst Speisewagen und Pulmancars auf der Seite zwei Schnellzuglokomotiven von Ellenlänge, und da die Katastrophe auf ein Versehen des Stell­werkes zurückzuführen war, so schrien die beiden alten Soldaten sich mit .... ich will ja nicht sagen mit wutverzerrten, aber doch zorngeröteten Gesich­tern gegenseitig an, und jeder behauptete, daß der andere einheilloser Idiot" sei und die Weichen verkehrt gestellt habe. Verluste an Menschenleben waren ja den Umständen gemäß nicht zu beklagen, es war nur eben nicht ganz leicht, die beiden in die Wirklichkeit und in einen Zustand zurückzurufen, in dem sie das nötige Verständnis für die Anwesen­heit eines Dritten aufbrachten.

So geht es zu, wenn alte Kriegsleute mit heroi­schen Erinnerungen und Victortakreuzen diesem Spielteufel verfallen. Später auf einem englischen Landsitz habe ich eine ungleich prächtigere Anlage gesehn, da führte auf festen Schienen durch einen gewaltigen Park eine kleine Dampfbahn, und auf den winzigen Wagen saßen nach dem Frühstück M. s. of P. und sonstige gewichtige Betreuer der brttischen Staatsmaschinerie und spielten Eisenbahn hinter einer kupferfunkelnden Lokomotive, die die­sen luftigen Train gerade noch durch den Park schleppen konnte. Es war sehr schön, es war nur eben schon allzu großartig, und die beiden fluchen­den Colonels -über ihrem O-Zug-Unglück waren fast noch netter gewesen.

Seither ober bin ich dem gleichen Laster verfal­len. Ich kaufte nicht gleich eine Eisenbahn, ich be­schloß, alle diese Brücken, Bahnhöfe, Güterhallen in eigener Regie herzustellen ... ich kaufte eine meterhohe Bestie von Dampfmaschine, ich schwelgte in seligen Kindheitserinnerungen, als ich zum er­sten Male wieder dieses Parfüm von Brennspiri- tus, heißem Oel und Docht roch ... ich lieft sie sägen und bohren und hämmern, ich errechnete zwar, daß das Sägen eines zehn Zentimeter lan­gen Brettes ein Vermögen an Betriebsstoff kostete, versank aber in meiner Arbeit, vernachlässigte Kor­respondenzen, verkrachte mich mit Freunden, die diese empörende Kinderei" nicht verstanden, er­rechnete in schlaflosen Nächten neue Maschinenkon­struktionen, schickte mühselig zusammengeschriebene Honorare zu Herrn Märklin, der mich mit all die- sen Wunderwerken versorgte und vergoß Tränen der Rührung, wenn mir eine neue Anlage ge­lungen war.

Seither frißt dieses Laster langsam mein Leben

und meinen Besitz auf. Denn ich beschloß die Was­serkraft des reißenden Flusses, der an meinem Hof oorbeiführt, auszunützeü, baute ein Schwimmfloß, baute ein Wasserrad, kuppelte es mit einem Minia­turdynamo und baute eine elektrische Eisenbahn. Ach, nicht eine solche, die im Zimmer herumschnurrt, sondern einenGrand-Chiemgau-Railway, der meinen ganzen Besitz durchmißt, meinen Rasen ruiniert, meine Leute zu flammenden Protesten veranlaßt, weil die Ochsenwagen freilich die zarten Gleise nicht überqueren dürfen ...

Und seither bin ich ein geschlagener Mann. Das Straßen- und Flußbauamt sah Schwimmfloß und Wasserrad und verlangte Genehmigungsgesuch und Baupläne für eine unkonzessionierte Anlage und wollte nicht glauben, daß ein ernsthafter Mann auf einer damit betriebenen Eisenbahn und auf aller­liebsten meterlangen Güterzügen Langholz von Spannweite von seinem Walde zu seinem Hofe be­fördert ... es schickte, um sich von der Richtigkeit zu überzeuge^ einen Beamten, und der Beamte kehrte nie zu seinem Amte zurück, weil er zunächst sechs Stunden lang mit meiner Bahn zu spielen begann und dann, nach amtlichen Recherchen, für den Rest seiner Erdentage dem gleichen Laster ver­fiel. Ich aber bin ein geschlagener Mann. Betriebs­sorgen verfolgen mich bis in die allerintimsten Stunden hinein, am Teetisch trifft die Nachricht von einer schweren v-Zug-Katastrophe, verursacht durch eine über das Gleis kriechende Ringelnatter ein, am frühen Morgen wird mir der Lastwagen mit dem winterlichen Zentralheizungskoks gemel­det, der ja leider eine Verlegung des gesamten Bahnkörpers verlangt ... als ich im Wagen sitze und nach München fahren will, hat der schwarze Pudel Klaus einen ganzen friedlich auf einem Rangiergleis stehenden Güterzug, Langholzwagen, Zisternenwagen, Loren apportiert und bringt mir freudestrahlend den ganzen Train an ...

So geht das. Ich träume von Tunnels, auto­matischen Weichen, Fernsteuerungen, ich werde meine letzten Honorare vergeuden, um den ganzen gigantischen Bahnkörper elektrisch zu beleuchten ...

Es gibt, soviel ich weiß, Trinkerheilstätten, Mor­phiumentziehungskuren und Stotterkurse, und ich zweifele nicht, daß es im Zeitalter der Uebersvezia- lifierung auch kundige Männer gibt, die den Befal­lenen vom Hange befreien, zu krakehlen, Wände zu bekritzeln und beim Zeitungslesen im Caf6 im Haubitzschuß über die Papiermauer der Times hin­weg (der Artillerist spricht in solchem Falle von verdecktem Schießen") den Spucknapf zu benützen.

Ich zweifle, wie gesagt nicht, daß es für alle diese Laster Entziehungskuren und Spezialsanato- rien gibt.

Wer aber heilt mich eigentlich von diesem Märklin-Laster?,

Wer, wenn ich fragen darf?

Oer Schlaf vor Mitternacht.

Es ist eine alte Erfahrung, daß der Schlaf vor Mitternacht der Gesundheit besonders zuträglich ist und die Arbeitsfähigkeit erheblich steigert. Wie hoch aber der Wert des Schlafes vor Mitternacht ein« zuschätzen ist, haben Untersuchungen gezeigt, die Th. S t ö ck m a n n an sich selbst angestellt und durch Versuche anderer bestätigt gefunden hat. Er berichtet darüber in der Wochenschrift für neue deutsche HeilkundeH i p p o k r a t e s". Er selbst ist durch schlechten Gesundheitszustand schon als Schüler zur Schlafforschung gedrängt worden. Zu­nächst hatte er versucht, um seine erregten Nerven zu beruhigen, möglichst lange zu schlafen, aber als sich sein Zustand dann noch verschlimmerte, kürzte er seine Schlafzeit ab. Es zeigten sich nun kleine Spuren von Besserung, und diese verstärkten sich um so mehr, je früher er schlafen ging. Eines Abends war er kurz vor 19 Uhr eingfchlafen, und er erwachte um 23.20 Uhr, stand sofort auf und verspürte deutlich, wie eine nie gekannte, heilsame Kraft in seinen Körper einzog. Der ganze Organis­mus belebte sich. Seine weiteren Versuche bestätig­ten ihm, daß ein Tiefschlaf von ungefähr 19 bis 23.20 Uhr die weitaus günstigsten Wirkungen hatte, er konnte dann schwerere Gewichte heben, als ihm nach längerem Schlaf möglich war, und auch seine geistige Leistungsfähigkeit war gesteigert. In späte­ren Jahren gewann er einzelne Versuchsschläfer, zu denen sich allmählich viele gesellten,, darunter auch Aerzte und Pädagogen. Trotz anfänglicher Zweifel tarnen sie fast ausnahmslos zu demselben Ergeb­nis.

Der Schlaf vor Mitternacht, so folgert Stock­mann aus seinen Untersuchungen, hat überragen­den Wert, Die beste Schlafzeit für fast oder ganz erwachsene gesunde, naturgemäß lebenden Personen beginnt gegen 19 Uhr und führt durchschnittlich nach etwa 4.20 Stunden ungestörten Tiefschlafes zum Erwachen. Steht man dann auf, so ist der Organismus so gestärkt und belebt, daß die sundheits- und Leistungskurve bedeutend ansteigt. Es gibt, nach Stöckmann, einen stärkenden (posi­tiven) und einen schwächenden (negativen) Schlaf- Je mehr ein gesunder Mensch, nachdem er ausge­schlafen hat, weiser schläft, um so mehr wird er träge und mißmuti". Die Grenzlinie zwischen dem positiven und negativen Schlaf tritt um so deut­licher hervor, y* mehr vor Mitternacht geschlafen ist-