Nr. 264 Zweites Blatt
Kietzener Anzeiger (Keneral-Anzetger für Oderheßen) Donnerstag, u. November <957
DerKampf um den Monte Grappa im Herbst tSlI r.wn Erhard Weqeli, Oberstleutnant a. O.
Zum 20. Male jährt sich in diesem Spätherbst die Erinnerung an einen der glänzendsten Abschnitte des Weltkrieges: der Durchbruch der deutschen 14. Armee unter General Otto von Below, die aus deutschen und österreichischen Truppen zusammengesetzt war, bei Karfreit am 24. Oktober 1917 und die anschließenden Operationen, die nach der schweren Niederlage der italienischen Jsonzo-Arrneen ihr Ende am Piave-Fluß und in dem Bergmassiv des Monte Grappa sanden, nachdem' starke französische und englische Hilfstruppen den einem völligen Zusammenbruch nahen italienischen Truppen eine Stütze gegeben hatten. Ich will in kurzen Strichen schildern und die Gründe erörtern, die die deutsche und österreichische Heeresleitung zwangen, die Angriffsoperationen am Monte Grappa e i n- Z u ft e l l e n und damit das nicht mehr erreichbare Ziel einer völligen Zerschmetterung des italienischen Heeres aufzugeben.
Der Monte'Grappa ist mit 1773 Meter Höhe der höchste Gipfel einer Gebirgsgruppe, die sich unvermittelt steil aus der venetischen Tiefebene nördlich
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und nordostwärts des am Austritt der Brenta aus den Alpen gelegenen Städtchens Bassano del Grappa erhebt. Das Grappa-Massiv ist im Osten begrenzt durch das Piave-Tal, im Westen durch das Brenta- Tal, ^die wegen ihrer wilden Schönheit berühmte Bal Sugana, im Norden durch ein tief eingeschnittenes Tal, das sich zwischen Piave und Brenta von Feltre nach der Festung Primolano zieht. Aehnlich wie im Süden nach der venetischen Tiefebene sind die Abstürze des Gebirges nach den sie östlich, west- lid) und nördlich begrenzenden Tälern äußerst schroff, oft senkrecht, mit teils nackten, teils spärlich bewachsenen Felsen. Der ganze Gebirgsstock war zur Zeit der Kämpfe sehr arm an Wegen: meist nur schlechte, schmale Maultierpsade oder Fußsteige führten aus den Tälern hinauf und verbanden die einzelnen Abschnitte des Massivs miteinander. Bewohnt wurde und wird auch heute noch das Gebiet nur von einzelnen oiehzuchttreiben- den Bauern in ärmlichen weit auseinander liegenden Gehöften. Nur von Süden her aus der Gegend von Bassano führten zwei teils kurz vor 'dem Kriege, teils während desselben erbaute gute Autostraßen auf den Monte Grappa und seine Fortsetzungen, den Monte Pallone und Monte Tomba im Osten, den breiten Rücken des Monte Asolone im Westen. Daher war es für die Italiener leicht, aus der venetischen Tiefebene rasch Truppen und Gerät auf den Gebirgsstock zu schaffen, nicht aber für die deutschen und österreichischen Truppen, die ihn von Osten und Westen her mühsam auf den Gebirgspfaden ersteigen mußten.
Die beiden gegnerischen Heeresleitungen waren sich klar darüber, daß der Besitz des Grappa-Massivs und besonders des Grappa-Gipfels von größter Bedeutung für den ferneren Verlauf der Operationen fein mußte. Der Monte Grappa mit seinen östlichen und westlichen Ausläufern beherrscht derart die venetische Tiefebene, daß der breite im Ar- tilleriefeucrbereich gelegene streifen bei und ostwärts Bassano zwischen Brenta und Piave für die Italiener unhaltbar geworden wäre, wenn der Monte Grappa in den Besitz der Verbündeten gelangt wäre. Diesen wäre es leicht gewesen, den Abstieg in die Ebene zu erkämpfen und damit auch die Stellungen der Italiener auf der Hochfläche der Sieben Gemeinden (Sette Comuni) von Osten her im Rücken zu fassen, sowie von Westen und Norden her die Piave-Stellung aus den Angeln zu heben. Ein weiterer Rückzug der Italiener bis zur Etfch-Linie von Verona abwärts wäre dann wohl unvermeidlich geworden und Venedig in die Hände der Verbündeten gefallen. Ob sich das italienische Heer, selbst mit Hilfe von Ententetruppen, von einem solchen neuen Schlag erholt hätte, ist sehr fraglich. Die italienische Heeresleitung strebte daher, entgegen dem Vorschläge des französischen Generals F o ch, der von vornherein zur Etsch zurück wollte, mit Recht die hartnäckige Verteidigung des Grappa-Massivs an und schob in der ersten November-Hälfte drei frische Divisionen dorthin, die mit schwächeren Teilen die nördlichen Ausläufer des Gebirgsstockes zur Beherrschung des Feltre-Beckens und des Piave- und Brenta-Tales besetzten, mit den Hauptkräften auf dem Monte Grappa und seinen östlichen und westlichen Anschlußrücken schanzten. Später traten dazu noch französische Hilfstruppen, die insbesondere den Höhenrücken des Monte Tomba bis zur Piave zu halten hatten.
Die deutsche 14. Armee, die unter der österreichischen Obersten Heeresleitung kämpfte, beauftragte
die Gruppe des österreichischen Generals Krauß (anfänglich deutsche Jäger-Division, k. u. k. Edelweiß- Division, 22. Schützen-Divison und 55. Inf.-Tr.-Di- vision) mit der Wegnahme des Grappa- Massivs Die Gruppe Krauß war bis zum 13. November nach schwierigen Gebirgsmärschen und Flußübergängen, seit dem 24. Oktober fast täglich kämpfend, im Feltre-Becken versammelt. Die Gefechtsstärken waren erheblich gesunken. Besondere Sorge aber bereitete der Umstand, daß bisher nur ganz geringe Teile der Feld- und Gebirgsartillerie, schwere Artillerie überhaupt nicht, hatten folgen können, ganz besonders aber auch die unter den schwierigen Nachschubverhältnissen eingetretene Munitionsknappheit. Die Infanterie hatte Durchschnittlich nur noch 50 Patronen Taschenmunition, die Feldartillerie 20 bis 30, die Gebirgsartillerie 120 schuß für das Geschütz.
General Kraus entschloß sich, den Hauptstoß unter Umgehung des Grappa-Massivs im Brenta- und Piaoa-Tal zu führen, in das Gebirge nur ganz schwache Seitensicherungen zu schieben. Ihn führten zu diesem Entschluß die glänzenden Erfolge, die in der Durchbruchsschlacht bei Karfreit und den unmittelbar anschließenden Operationen der überraschende Talstoß erbracht hatte. Er hoffte, daß der Talstoß auch bei dieser Operation zum Ziele führen würde und wollte den Truppen die schwierigen Kämpfe in dem bereits zum Teil eis- und schneebedeckten Gebirge ersparen. Allerdings hatte er wohl nicht damit gerechnet, daß auch der Gegner aus den bisherigen Kämpfen gelernt hatte und das Halten der Täler mit allen Mitteln erstrebte. Tatsächlich hatten die Italiener nicht nur die Höhen zwischen dem Monte Grappa und dem Feltre-Becken mit Befestigungen versehen und besetzt, sondern auch vor allem die Talstraßen der Brenta und des Piave mit sehr starken Maschinengewehr- und Geschützsperren, zum Teil in Kavernen, die in die fast senkrechten Felsen eingesprengt waren, zum Teil in Eisenbahn- und Straßentunnels eingebaut, versehen und mit starken Hindernissen die Straßen selbst verbarrikadiert. Die Verteidigung war hier um so leichter, als die beiden Flußtäler an den meisten Stellen so schmal sind, daß sie nur der Straße und Bahnlinie Raum lassen. Eine Entwicklung der Truppen zum Angriff' gegen die Sperren war daher ausgeschlossen, und jede Bewegung lag nicht nur unter dem Feuer der Talsperren, sondern an vielen Stellen konnte auch die Artillerie von den Höhen des Grappa- Massivs die Talstrecken sehr wirksam bestreichen.
Unter diesen Umständen kam der Stoß in den beiden Flußtälern sehr bald unter erheblichen Verlusten ins Stocken, und es blieb schließlich doch fein anderer Weg, als die B e r g st e l l u n g e n a n - z u greifen und nach deren Wegnahme die Talsperren von seitwärts oder rückwärts aufzubrechen, was dann auch später wenigstens im nördlichen Teil der Täler gelang. Bis in die Ebene konnte aber der Talstoß nicht gelangen, und die Führung mußte sich endlich zu dem Entschluß aufraffen, den Grappa anzugreifen, um von dort aus in die Ebene zu gelangen. Mit den vergeblichen Talstößen und den dann doch unvermeidlichen Kämpfen um die nördlichen 'Vorhöhen des Monte Grappa war aber so viel Zeit verloren, daß es den Italienern gelang, den Monte Grappa und die ostwärts und westlich anschließenden.Gebirgskämme zu einer fast uneinnehmbaren Festung guszubauen und stark mit Truppen aller Waffen zu besetzen. Vor diesen Stellungen lief sich der An-griff der geschwächten und ermüdeten, gaiiz ungenügend durch Artillerie und Nahkampfmittel unterstützten Divisionen des Generals Krauß fest. Wenn es auch gelang, den Monte Pertica hart nördlich, den Monte Asolone westlich, einen Teil des Monte Spinuccia nordöstlich, sowie den Gipfel des Monte Tomba ostwärts des Grappa- Gipfels in verlustreichen Kämpfen bis Ende November zu erobern, so war damit doch die An- grifsskraft der deutschen und österreichischen Divisionen erschöpft. Der Monte Grappa blieb u n - e i n n e h m bar. Am 3. Dezember wurden auf Vorschlag der deutschen Obersten Heeresleitung, die weitere Angriffe in dem winterlichen Gebirge für aussichtslos hielt und der deutschen Truppenteile für die Vorbereitung der großen Offensive auf der Westfront bedurfte, die allgemeine Offensive durch die österreichische Oberste Heeresleitung eingestellt. Lediglich Unternehmungen zum Zweck örtlicher Stel- luligsverbesserungen wurden noch bis Mitte Dezember teils mit, teils ohne Erfolg durchgeführt.
So hatten die Italiener ihren Zweck, den beherrschenden Grappa-Gipfel zu halten, erreicht. Ob ihnen dies möglich gewesen wäre, wenn die Gruppe Krauß statt der vergeblich zeitraubenden Talstöße von vornherein ihre Hauptkräfte gegen die zunächst noch nicht voll ausgebauten und schwach besetzten Bergstellungen angesetzt hätte, ist schwer zu beurteilen, wenn auch die Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß eine solche Operation zum Erfolg geführt hätte. Tatsächlich war schon am 16. November eine kleine Abteilung über den Monte Pertica dicht an den Monte Grappa gelangt und hatte dort nur schwache schanzende italienische Truppen festgestellt. Sie wurde aber wieder bis nördlich des Monte Pertica zurückgenommen, da ihr der Rückhalt an ausreichenden Truppen zur Durchführung eines Unternehmens gegen den Grappa-Gipfel fehlte.
Die Italiener, die sich inzwischen von ihrer Niederlage in anerkennenswerter Weife erholt hatten, haben dann den Winter benutzt, um den Monte Grappa mit seinen Anschlußstellungen zwischen Piave und Brenta gründlich auszubauen. Zahlreiche in die Felsen gesprengte bombensichere Kavernen für Geschütze und Maschinengewehre, kilo- meterlangc unterirdische Gänge mit Unterkunftsräumen für die Besatzung der Stellungen bestehen zum Teil noch heute und bieten das Bild einer angesichts der natürlichen Stärke der Stellungen uneinnehmbaren Festung. Aus vorgeschobenen, in Felsen eingebauten Flankierungsanlagen beherrsch
ten sie sogar Teile des Hintergeländes der österreichischen Stellungen, so daß jeder Verkehr von und zu diesen mit Verlusten verbunden war Noch heute heißt ein hinter der österreichischen Stellung auf dem Monte Asolone gelegenes, dem Flankenfeuer ausgesetztes Tal „Valle dei morti“, das Totental, und noch vor wenigen Jahren beobachtete ich, daß aus diesem Tal noch Gebeine gefallener Oesterreicher geborgen wurden.
Für Italien ist der Monte Grappa ein heiliger Berg geworden, zu dem unzählige Italiener wallfahrten. Oben auf dem Gipfel ist der ehemalige betonierte Beobachtungsstand, das Osservatorio, mit den nach den einzelnen Stellungsteilen strahlenförmig führenden unterirdischen Gängen zu einem Beinhaus mit Kapelle ausgebaut worden. In ihm ruhen die Gebeine von Taufenden tapferen italienischen und österreichischen Soldaten. Neuerdings ist auf dem Gipfel ein mächtiges Denkmal errichtet worden. So ehrt das faschistische Italien seine Kämpfer, die ihr Vaterland in schwerster Stunde dort oben gerettet haben. Wir können für diese Heldenverehrung, aber auch für den Stolz, daß das auf den Monte Grappa, am Piave und an der Brenta schwer geschlagene italienische Heer sich in überraschend kurzer Zeit wieder aufgerichtet hat, nur volles Verständnis aufbringen. Für den deut
schen Soldaten, der n?ie ich den Monte Grappa besucht und im Gelände die Möglichkeiten untersucht hat, wie es bei richtigem Kräfteansatz vielleicht gelungen wäre, dort eine für die verbündeten deutschen und österreichischen Truppen günstige Entscheidung zu erkämpfen, bleibt das schmerzliche Gefühl einer verpaßten Gelegenheit zum Erfolge. Möge die jetzt hergestellte ' herzliche Freundschaft zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen mächtig gewordenen Italien von Dauer sein und mögen beide Mächte nie wieder gezwungen sein, als Gegner ihre Klingen zu kreuzen. Häufige Unterhaltungen mit Italienern aller Standesschichten haben mir gezeigt, daß eine Abneigung oder gar ein Haß gegen das deutsche Volk nie bei ihnen bestanden und daß die schwere Niederlage, die General Otto von Below mit seiner 14. Armee den italienischen Isonzoarmeen bereitet hat, nur zur Hochachtung für unser Heer und Volk beigetragen hat. Wir aber wollen den tapferen deutschen und österreichischen Kämpfern, die dort oben im rauhen, unwirtlichen Gebirgslande in Eis und Schnee unter schweren Opfern, unsäglichen Anstrengungen und Entbehrungen ihr Letztes hergaben, ein ehrendes Andenken bewahren, wenn ihnen auch das Ziel, der Monte Grappa, unerreichbar blieb.
Die Italiener in Tunis.
Die italienisch-französische Spannung hat eine weitere Verstärkung dadurch erfahren, daß die Volksfrontler in Tunesien, vor allem in der Hauptstadt Tunis, eine Politik der Herausforderung betreiben. Sie verlangen: Auflösung der italienischen Vereine, Verbot der italienischen Zeitung „Unione", Ausweisung aller italienischen Pressevertreter, Dor- führungsverbot italienischer Filme, Abzeichenverbot für die Italiener. Die italienische Presse droht für den Fall einer Behelligung italienischer Bürger oder einer Schädigung italienischer Interessen in Tunis mit Vergeltungsmaßnahmen gegen Franzosen, die in der italienischen Wirtschaft tätig sind.
Tunis ist ein alter Zankapfel zwischen Italien und Frankreich. Als im vorigen Jahrhundert der italienische Einfluß infolge der starken Auswanderung in dem nahen Tunis ständig stieg, zwang Frankreich 1881 dem Bei von Tunis feine „Schutz- Herrschaft" auf. Damals war Italien unter Nachwirkung feiner Einigungskriege und dank der zersetzenden Einflüsse eines zerflakternden Parlamentarismus nicht in der Lage, sich dem zu widersetzen. Immerhin gelang es Italien, im Jahre 1896 einen Vertrag mit Frankreich zu schließen, der seinen Auswanderern die italienische Nationalität erhielt. Insbesondere wurden die Italiener in Tunis von der französischen Rechtsbestimmung ausgenommen, daß jedes Kind, das auf französischem Boden geboren wird, Franzose wird, auch wenn beide Elternteile ausländischer Staatsangehörigkeit sind und weder für sich noch für ihr Kind die französische Staatsangehörigkeit verlangen.
Vor einigen Jahren drohte nun Frankreich, diesen Vertrag zu kündigen, worauf Mussolini bei dem Besuch des französischen Ministerpräsidenten und
Außenministers L a v a l in den sogenannten „Römischen Protokollen" vom 7. Januar 1935 neben einigen Gebietsverzichten Frankreichs in der süd- libyschen Wüste insbesondere durchsetzte, daß die italienischen Kinder in Tunesien bis zum Jahre 1945 Italiener bleiben und daß sie in den folgenden zwanzig Jahren für Frankreich ober Italien o p - Heren können: späterhin erlöschen die italienischen Vorrechte.
Tunis zählt insgesamt etwa 2,5 Millionen Einwohner; unter den dort ansässigen Europäern leben etwa 91000 Franzosen, aber ebensoviel Italiener, wobei zu berücksichtigen ist, daß die gezählten Franzosen nur zum geringsten Teil aus Frankreich stammen: zum größeren Teil rekrutieren sie sich aus Italienern, die aus geschäftlichen Gründen ober infolge Derwaltungsdrucks die französische Staatsbürgerschaft übernahmen und vor allem auch aus Juden, denen die Erwerbung der französischen Staatsangehörigkeit sehr viel leichter gemacht wird als den eingesessenen Arabern. Damit hat es eine Bewandtnis, die für uns Deutsche von besonderem, Interesse ist. Die im deutsch-französischen Kriege von 1870/71 viel genannten „Zuaven-Regimenter" waren aus der jüdischen Bevölkerung in Algerien rekrutiert. Der viel gewandte jüdisch-französische Abgeordnete Cremieux nahm die angeblichen Kriegsverdienste der Zuaven zum Anlaß, um den algerischen Juden die Erwerbung des französischen Staatsbürgerrechtes leicht zu machen; dieses Gesetz wurde dann analog in Tunis und Marokko angewandt, was nicht zum mindesten zur Entwicklung der arabischen Unabhängigkeitsbewegung beige» tragen hat. B. R.
Neues für den Buchertisch.
— Erich Neubert: Sin Spaziergang durch d i e Magdeburger Mundart. 68 Seiten, ein Umschlagbild, 23 Abbildungen. Brosch. RM. 1,50. („Magdeburger Kultur- und Wirtschaftsleben", Heft 11). Herausgegeben von der Stadt Magdeburg. — (395) — Was den Darmstädtern mit ihrem seinerzeit an dieser Stelle angezeigten Wörterbuch recht ist, muß den Magdeburgern billig sein, und was dem Gießener der Schlammbeißer, ist dem Magdeburger der Schlackaffe. Der Schriftleiter Erich Neubert hat, ohne wissenschaftlichen Ehrgeiz und gelehrtes System, aber mit vieler Liebe zur Sache und großem Sammeleifer die Mundart der Magdeburger erforscht, ihre Sprache belauscht, ihre Lieblingswörter und Redensarten gesammelt. Daraus entstand ein kleines, außerordentlich amüsantes und lehrreiches Buch, das nicht nur für den „Machteburjer" selbst und nicht allein für Philologen und Mundart- forscher lesenswert ist, sondern auch für andere Volksgenossen, die weiter ab wohnen und sich sonst mit sprachlichen Dingen nicht abgeben. Denn die Schrift gibt vom Sprachlichen her zugleich ein kleines Wesens- und Charakterbild; es bringt Stadt und Leute den übrigen Volksgenossen im Reiche auf eine Weife näher, die uns vorbildlich erscheint. Der Eindruck des Textes wird durch eine Anzahl geschickt und lebendig aufgenommener Photos erfreulich vertieft. Dergleichen Bücher sollten öfters geschrieben werden; sie dienen dazu, daß die Deutschen sich untereinander kennen lernen, und enthalten eine Menge sprach- und volkskundlicher, auch psychologischer und gegenwartsgeschichtlicher Anregungen und Hinweise. Hans Thyriot.
— Gerhard Menzel: Die Fahrt der I a n g t i k u. Eine aberteucrlidje Erzählung. Mit 20 Federzeichnungen und Umschlagbild von Siegfried Kortemeier. Ganzleinen 3,40 Mark. Hermann Schaffstein Verlag in Köln. — (434) — Der Armeekommandant der chinesischen Provinz Szetschuan läßt sich durch einen russischen Svwjetpropagan- disten verleiten, mit den Kommunisten gemeinsame Sache zu machen. Als er bald darauf auf ungeklärte Weise zu Tode kommt, reißt Tsung Ling, ein übler Kunde, die Macht an sich. Mit Morden und Plündern beginnt eine neue Revolution. Im Hauptquartier Tschungking geht alles drunter und drüber. Die Cholera bricht aus. Dem allgemeinen Morden entgehen von den Weißen nur acht, die in letzter Stunde von Kapitän Schilps auf die „Iangtiku" gerettet werden. Kaum dem Tode entronnen, lohnen die Weißen Schilps und feinem fünfzehnjährigen Sohn die Rettung schlecht. Es gelingt dem Kapitän, feine Passagiere vor einem Anschlag auf dem Jangtsekiang ein zweitesmal zu retten. Ihr Aufruhr, der Schilps zwingen soll, den chinesischen
Gouverneur an Tsung Ling auszuliefern, bringt die „Iangtiku" in höchste Gefahr und dem heldenmütigen Kapitän den Tod. Sein Sohn Martin steuert die „Iangtiku" in einer halsbrecherischen nächtlichen Fahrt durch die gefährlichen Strom- schnellen nach Jtschang, wo er feinen Vater begräbt. Er nimmt den Passagierdienst auf dem Jangtsekiang wieder auf, nachdem Tschungking von Truppen des Marschalls Tschiangkaischek besetzt worden ist. Die abenteuerreiche und spannende Erzählung ist ein hohes Lied auf männliche Zuverlässigkeit und Pflichttreue.
— Veit Bürkle : lieber d i e Schwelle. Eine Geschichte aus jungen Tagen. Novelle. Gebunden 2,40 Mark. Eugen Salzer, Verlag, Heilbronn. — (376) — Es geht um die erste Liebe zwischen jungen Menschen. In einer kleinen Stadt, die eine schwäbische Kulisse um die Geschehnisse baut, begegnen sich zwei junge Menschen, Knabe und Mädchen. Sie gehen nebeneinander her in jener Erkenntnissicherheit, die ihnen niemand gedeutet hat, sie treten wie unter der Hand eines leitenden Gottes über die Schwelle der Jugend, stoßen ins Land des Lebens vor und erkennen einander als Mann und Weib. Dieses an sich schwere, heikle Thema hat Bürkle mit Zartheit und Behutsamkeit behandelt, mit Entschlossenheit auch zum dichterisch geschauten Ende geleitet.
— Heinrich Zerkauten: Anna und Sigrid. Roman. Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig. Gebunden 3,80 Mark. — (229) — Zerkauten behandelt in diesem Roman eins der Ur- probleme, die den schaffenden Künstler von jeher beschäftigen: den Mann zwischen zwei Frauen. Senator Heinrich Norden, der „Flaufenkönig", wie ihn feine Schulkameraden einst nannten, weil er hartnäckige Kraft und eine ernste verantwortungsvolle Lebensauffassung unter spielerischen Worten und Tändeleien zu verbergen wußte, wird gleichmäßig stark geliebt von seiner Gattin Anna und von Der Aerztin Sigrid. Beide Frauen sind einander wert. Mit strenger Gerechtigkeit verteilt der Dichter Licht und Schatten, eigentlich nur Licht über diese drei Menschen. Beide Frauen sind aus tiefer Liebe zu dem Mann bereit zum Verzicht. Aus dem Wissen um den sittlichen Gehalt der Ehe fällt der Dichter feine Entscheidung, in der Heinrich und Anna zueinander zurückfinden, während Sigrid an einer neuen, schönen und verantwortungsreichen Lebensaufgabe Trost und Entschädigung für das Aufgeben ihrer Neigung findet. Dieser Roman ist eine ernste, aber doch auch angenehme Lektüre, die bei aller Schwere des Problems oft eine geradezu gemütliche Stimmung offenbart. Schöne Stunden des geistigen Genusses hat der Leser am Ende dieses Buches dem Autor zu danken.
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MAGGI5 Fleischbrühe!^


