Zamrtaq, N. September 1937
Kr. 212 Drittes Matt
(Siebener Anzeiger (Aenerai-Anzeiger für Oberhessen)
Aus der Stadt Gießen.
Stille Erinnerung.
Der Sinn unserer Betrachtung ift der: uns wieder mehr Mut zu machen zum Gefühlsmäßigen, zum Nacherleben dessen, was im Alltagskamps Io leicht der Erinnerung entschwindet.
Der Nachsommer, den wir jetzt erleben, ist für ein Haften am scheinbar Kleinen und Einsachen be- sonders geeignet Alles wird klar und hell oft überklar Die Umrisse der Dinge in der Natur, der Blumen und Bäume, der Berge und Bachlandschaften zeichnen sich deutlicher ab. als in anderen Jahreszeiten Es ist, als ob alles noch einmal in feiner spätsommerlichen Leuchtkraft sich uns zeigen machte ehe es stirbt oder in Dunst und Winter- nebel versinkt Dieser „Nachsommer" hat Adalbert Stifter zu einem seiner schönsten Werke begeistert, dem er den Titel „Nachsommer" gab Der leidenschaftliche Geist Nietzsche griff gerade diese Schrift voll sehnsüchtiger Abschiedsstimmung auf um oom Vergänglichen und Bleibenden im Leben zu reden.
So vorbereitet durch die nachsommerliche Ernp- findungswelt, in der alles in klares Gold, letztes Leuchten und Bildhaftigkeit getaucht ist, mag der
Ich hoffe, daß viele Deutsche sich an der Hindenburg-Spende beteiligen!
Adolf Hiller.
Sonntagsbetrachter von persönlichen Dingen reden. Sein Vater würde, wenn er noch lebte, heute 87 Jahre alt werden Er starb mit 74 Jahren, also in einem Alter, das mit dem nachsommerlichen Erleben zu vergleichen wäre: Vergehen der Sommerkraft. aber noch nicht Versinken m Winter und Kälte-, ruhige Leuchtkraft der Farben, aber noch nicht Vergessenheit.
Der Geburtstag des Vaters war stets der Anlaß zu einem herbstlichen Ausflug in das Isartal Vater, Mutter, Bruder und Schwester erlebten da fast zwei Jahrzehnte lang den überstarken Glanz der herbstlichen Sonne, die Farbenpracht der Bäume, bei denen sich die ersten Anflüge von Braun und Rot an den Blättern zeigten; und fast nie fehlte der Blick auf das Hochgebirge, das nun fast ganz frei von Schnee war und in vielen Farben von schwarz bis weiß und von blau bis rot spielte.
Ohne Worte zu machen, stumm genossen wir die Schönheit, die sich zum Abgesang rüstete und alles starke Erlebnis der Sommertage mit in ihr winterliches Grab zu nehmen sich anschickte. Die Kornfelder waren abgemäht, die Scholle harrte der Wintersaat oder der winterlichen Ruhe, die große Stille des Winters deutete sich an. Solches Erlebnis muß zum Gleichnis werden; manchmal wurde in solcher Stimmung gesprochen, vom Aelterwerden, von der Frage, ob man wohl das nächste Jahr noch Zusammensein werde, und oom kommenden Scheiden von der Welt, wo man nur noch die leuchtende Erinnerung an das Gewesene sein wird
Aber es wurde auch von den früheren Jahren gesprochen. Wir erleben das immer wieder; ein feststehendes Ereignis, gebunden an einen bestimmten Tag im Jahre, macht die Jahre kürzer. Don einem Weihnachten bis zum nächsten, von einem Geburtstag zum nächsten, von einem Hochzeits- tag zum nächsten — diese Strecke kommt uns jeweils wie ein Tag vor. Und die Reihe der Jahre, von denen jedes einzelne angefüllt ist mit Sorge und Leid, Not und Freude, wird wie eine kurze Kette oder Perlenschnur: zusammengedrängt auf kleinen Raum wird sie zum Gleichnis der Ver- gänglichkeit oder zum Gleichnis der Dinge zwischen Zeit und Ewigkeit.
So erlebt es in feiner Art jeder von uns Die großen Gezeiten des Jahres kehren rhythmisch wieder Wir reifen an und in ihnen von Jahr zu
Zum SA.-Appell vor dem Führer abgefahren.
öer Marschblock der SA -Brigade 147 Oberheffen verließ Gießen.
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Brigadeführer Schwarz begrüßt auf dem Bahnhofvorplatz die Nürnbergfahrer der Brigade 147. — (Aufnahme: Neuner. Gießener Anzeiger.)
Am gestrigen Freitagnachmittag fuhr der Marschblock der SA.-Kameraden der Brigade 147 Ober- Hessen von Gießen ab zum Reichsparteitag in Nürnberg, um dort vor dem Führer zum Appell seiner gesamten SA mit anzutreten und mit zu marschieren
Die starke Marschgruppe der Standarte 116 trat gegen 16 Uhr auf dem Platz vor dem Standarten- aebäude an, wo die Gruppe von Sturmbannführer F a u l st i ch dem Führer der Standarte 116, Standartenführer Lutter, gemeldet wurde Nach kurzer Überprüfung der Marschausrüstung aller Männer richtete Standartenführer Lutter einige kurze, beherzigenswerte Worte an die Kameraden, in Denen er sie auf die hohe Ehre, aber auch auf die starke Verpflichtung dieses Marsches vor dem Führer hinwies und dabei der Erwartung Ausdruck gab daß auch bei dem diesjährigen SA.-Appell vor dem Obersten SA.-Führer alle Kameraden der Standarte 116 ihr Bestes einsetzen würden, um wieder, wie früher, vor dem Führer voll und ganz bestehen zu können.
Gegen 17 Uhr erfolgte der Abmarsch der Kameraden der Standarte 116 unter Führung von Standartenführer Lutter und unter Dorantritt des Spielmannszugs und des Musikzugs der Standarte oom Standartengebäude zum Bahnhof. Ueberall in den Mnrschstraßen waren die Nürnberg-Fahrer unserer Gießener SA. Gegenstand herzlicher Sympathie-Kundgebungen der großen Menschenmenge, die beiderseits der Straßen der großen Marschgruppe ihren Gruß darbrachte.
Auf dem Bahnhofsplatz vereinigten sich die Kameraden der Standarte 116 mit den SA.-Kameraden der anderen, von Gießen aus mitfahrenden ober- hessischen Standarten-Dertretungen zu einem großen Marschblock, der in langer Front vor dem Bahnhofsgebäude antrat Nach der Melduna von Standartenführer Lutter an den Brigadeführer Schwarz richtete dieser eine kurze Ansprache an die Nürnberg-Fahrer seiner Brigade, in der er betonte, daß auch die oberhessische SA. marschiere und in Nürnberg antreten werde im Sinne des Führers und Reichskanzlers, des Obersten SA.° Führers Adolf Hitler, für unsere herrliche Bewegung und für Deutschland, daß sie Zeugnis dafür ablegen werde, wie stark die nationalsozialistische Weltanschauung in alle deutschen Volksschichten eingedrungen sei. Die SA.-Männer marschieren nicht aus Egoismus, sondern nur für das deutsche Volk und für eine glückliche deutsche Zukunft. Deshalb gelte bei den Nürnberg-Fahrern auch in dieser Stunde der erste Gedanke und Gruß dem ersten deutschen Arbeiter, unserem großen Führer und größten Staatsmann, unserem Obersten SA.-Fuhrer Adolf Hitler! Begeistert stimmten die SA -Männer und die zum Abschied versammelte große Menschenmenge in den Sieg-Heil-Gruß an den Führer ein.
Hierauf rückte die Marschgruppe zum Bahnsteig ab, wo der Sonderzug nach Nürnberg bereitstand. Wenige Minuten vor 18 Uhr verließ Der Zug den Gießener Bahnhof.
Jahr. Ist das aber verbunden mit stiller Erinnerung, so haftet es tiefer und inniger; alle großen Gedanken werben um so mehr unser wahrer Besitz, je mehr sie verbunden sind mit dem Erleben vertrauter Dinge. H- $)•
Dornoiizen.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast, Selterswea: „Versprich mir nichts." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Schweigen im Walde". — Herbstmarkt (Messe): Beginn mittags.
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast, Selterswea: „Versprich mir nichts." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Schweigen im Walde" — Obst- und Gartenbauverem Gießen:
16 Uhr Wiesecker Weg 16, Vortrag. — Gießener Radfahrverein 1885: 14.30 Uhr Waldsportplatz, Bahn-Radrennen. — Fremdenverkehrsverein Gießen: 16 bis 18 Uhr am Karpfenteich in der Schla- geteranlage Preisangeln. — VHC. Gießen: Wanderung. — Oberheffischer Gebirgsverein: Wanderung — Reichstreubund: Rheinfahrt. — Herbstmarkt (Messe).
NGV.-Gauamtsleitung
nach Darmstadt übergesiedelt.
NSG. Die Diensträume für die NS. - Volkswohlfahrt des Gaues Hessen-Nassau waren schon seit langer Zeit den Erfordernissen nicht mehr gewachsen. Aus diesem Grunde hat her
Gauleiter im Frühjahr dieses Jahres die Genehmigung erteilt, daß die Gauamtsleitung der NS^ Dolkswohlfahrt in ein geeignetes Gebäude nach Darmstadt übersiedelt Die Umbauarbeiten dieser neuen Dienfträume sind nunmehr beendet, so daß der Umzug der Gauamtsleitung in diesen Tagen nach Darmstadt erfolgen konnte. Die feierliche Uebergabe des neuen Gauhauses der NSV durch Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger erfolgt Ende dieses Monats in Anwesenheit des Hauptamtsleiters H i l g e n f e l d und der Reichsfrauen- lchaftsfül)rerin Scholtz-Klink.
In der neuen Dienststelle der Gauamtsleitung der NS.-Volkswohlfahrt ist gleichzeitig auch der Sitz des Gaubeauftragten für Das Winterhilfswerk 1937/38. Die genaue Anschrift der NSD.-Gauamts- leitung und des Gaubeauftragten für das Winterhilfswerk 1937/38, Parteigenossen H a u g, lautet:
Gauamtsleitung der NSV. Amt für Dolkswohl- ahrt, Darmstadt, Steubenplatz 17 Fernruf 7601, 7602 7603. 7604, 7605, Nachtruf 5990
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Ls ist allerhöchste Zeit!
Der Bedarf an tüchtigen Stenographen und Maschinenschreibern ist groß. Das haben auch viele Volksgenossen und Dolksgenosfinnen erkannt, die bereits Lehrgemeinschaften für Kurzschrift und Maschinenschreiben besucht haben, um sich bann auf die Praxis vorzubereiten In den Lehrgemeinschaf- ten für Anfänger werden den Anfängern die Grundbegriffe vermittelt. Die so gelegte Saat muß aber weiter gepflegt werden, damit die Ernte reift.
Eine gründliche und gediegene Ausbildung ist notwendig. Wer ein flotter Stenograph werden will, muß das System gut beherrschen, muß die Eilschrift erlernen, damit er höhere Geschwindigkeiten erreicht.
Ausgebildeter Maschinenschreiber mit sachgemäßer Schreibweise ist der BlinDschreiber, der nicht nur für Schnelligkeit des Schreibens, sondern auch für schöne Darstellung des Brieftextes, wie für fachmännische Behandlung der Maschine Gewähr leistet.
Nur durch ständige Uebung verwächst der Maschinenschreiber mit der Tastatur, wird der Stenograph eine höhere Silbenzahl erreichen Fleiß und Ausdauer sind erforderlich, um Höchstleistungen zu erzielen. Höchstleistungen können erfahrungsgemäß aber nur durch regelmäßige Uebung im Kreise Gleichstrebender erreicht werden.
Am 20. September (also 8 Tage später als ursprünglich angekündigt) beginnen wieder in den Häusern der Kurzschrift (Gemeinsames Unterrichtswerk der Deutschen Arbeitsfront und der Deutschen Stenographenschaft) neue Lehrgemeinschaf- t e n für Kurzschrift und Maschinenschreiben für Anfänger und Fortgeschrittene. Anmeldung und Beratung bei der Deutschen Arbeitsfront, Kreiswal- tung Wetterau, Abt. für Berufserziehung und Betriebsführung, Gießen, Schanzenftraße 18, täglich von 8 bis 13 und von 15 bis 19 Uhr (außer Samstag- und Mittwochnachmittag). Auskunft bortfelbft auch über weitere Lehrgemeinschaften wie Englisch, Buchführung, Plakatschrift, technische Lehrgemeinschaften für Metallwerker und Handwerker aller Berufe. Anmeldeschluß für Kurzschrift und Maschinenschreiben 15. September 1937! (Anmeldung und Bezahlung muß vor Beginn einer Berufserziehungsmaßnahme erfolgen, anderenfalls keine Teilnahme gestattet wird.)
Das \ \
aber das erste Wort blieb ihm stecken, wobei er noch einmal die gleiche Verneigung vollführte und danach nur noch den Meister anstarrte
Der war noch immer im Dampf feiner verdrießlichen Rede, und die blinkenden Gläser auf dieser breit vordringenden Nase reizten ihn sehr; denn einen Brillcnmenschen zu sehen, ging wider seine Natur —' nur Zelter, der alte Freund, durfte so kommen. So hielt er noch eine Weile den Blick in tolzer Gemessenheit aus, machte dann kehrt und ließ die blitzenden Gläser ebensolange die breite Rücksette betrachten, und erst, als er sich wieder wie auf der Parade breitbeinig umwandte, fuhr sein Zorn auf ihn nieder:
Hat man jetzt, sagte er hart und rollte die Augen und war leibhaftig im Zorn wie Zeus mit Den Blitzen, das Wundertier lange genug angesehen? Und wartete kaum noch, daß sich der Mann mit der Brille empfehle. Dem aber schien endlich die blöde Erstarrung gelöst, als ob sich aus der Tiefe der Menschheit 'etwas gegen den Donner erhöbe kletterte ihm seine Hand an dem rundlichen Rock in die Höhe, mit fünfen Fingern gleichsam eine Tonleiter spielend, bis in die Westentasche hinauf. Indessen ihm Goethe abwartend zufah, erstaunt, was nun noch geschähe, holte er einige Kreuzer heraus, zählte sie still auf den Tisch, machte die dritte Verneigung, tiefer noch als die zweite und ging, die blinkenden Gläser stumm auf den Hausherrn gerichtet, rückwärts hinaus. Der sah die Kreuzer auf seinem Tisch, das Wundertier zu bezahlen, und war seit langem nicht mehr so behend an die Tür gesprungen, den seltsamen Fremdling zu rufen, aber er sah nur die Rockschöße unten ent- ^Äe"hätte sagte Goethe danach und machte sein braunes Gestirn weit auf in die Ferne, nie hatte ein Menschenauge so blitzen könnem wie diese Glaser mir blitzten! Aber bas war schon im Winrer als er Freund Zelter sein Morgenerlebnis vorn Herbst einmal erzählte Es ist schade, sagte er noch und legte die Hand auf die Augen es hatte mich wohl des Menschen gelüftet, der meine Beschämung
Der Mann mit der Brille.
Von WUhelm Schäfer.
Auch dem Geheimen Rat Goethe ging selten ein Tag in Gelassenheit hin; Wunderlichkeiten des Alters streuten ihm Sand in die Stuben, und wie der Wind wehte, warf er ihm Schnee an das Fenster. Denn der Menschendichter des »Faust und der Schrittmacher griechischer Schönheit der Freund und Minister des Herzogs, war Hausherr in Weimar; und manche Alltäglichkeit mußte oom Morgen zum Abend geschehen, die keiner olympischen Meinung bedurfte. Auch gaffte die Neugier gern in die Stuben, darin sein Stundenschlag ging, und ob ihm sein DieneNdie Schranken genauer Gemessenheit hielt, manchmal gelang es doch einem ©reiften, hinüberzuspringen.
So wollte einmal ein Herbstmorgen eben zu blauen beginnen nach grämlichem Nebel, als ein schüchternes Männchen am Brunnen vorbei über den Frauenplan kam, ein paarmal unschlüssig durch seine Brille am Haus auf und ab sah, und weil die Tür offen stand, kurzerhand eintrat Es war aber Friedrich, der Diener, gerade mit einem Billett um die Ecke gegangen, so daß der, fremde Besucher allein in dem stillen Treppenhaus stund' wo er den römischen Faun und das Hundespiel der Diana m stummer Feierlichkeit ansah, bis ihn die Haushälterin fand, die mit einem Pack Leinwand zufällig daher kam. Sie fragte den frühen Besucher was da wolle? Und weil er sie durch die Brillengläser flehentlich ansah. sonst aber verstand sie ihn nicht, ging sie zuletzt, den Fremdling zu meßen, denn weder die Enkel waren zur Hand, noch sonst ,emand
mitnahm!
Wenn ich nicht wüßte, orakelte Zelter darauf unD nahm feine Brille ab, sie zu putzen, daß der Malefiz Schubert damals in Gmunden und Steyr oagierte: die Beschreibung würde lonst passen!
Der mir im Sommer sein Liederheft kbicfte? brauste der Wirkliche Geheime Rat auf und hatte -aelter, den treuen lange nicht mehr so wild angeblitzt- Dergleichen merk Er sich das, macht ein I solcher Musikus nicht!
im Haus.
Also geschah es, daß Goethe, seinem f^treueu Schuchardt an den Wanderjahren diktierend an diesem Herbstmorgen herausgeklopft wurde Da er gerade dem Schreiber die Ungeduld seines Majors dargestellt hatte — denn er liebte es nicht, der Feder nur Worte zu sagen; er mußte mit feinen Gestalten umgehen, als wenn sie da ftanöen war er noch recht in der Verdrießlichkeit feiner Rede als er die Tür aus dem Dorsaal selber auf- mach'te und den Besucher nicht eben freundlich ein- treten ließ Der war aber kaum eine Erscheinung, vor Goethes Augen zu stehen; der Rock der kurzen Gestalt spannte die Knopfe an ihrer Fülle auch war das feiste Gesicht in dem schwarzen Locken- qefrmgel todblaß von dem Schrecken daß ihm so miteins der Geheime Rat selber erschien Er neigte sich tief und wollte mtt feiner Anrede beginnen; I solcher Musiku
Der wunderbare Zufall.
On kleines Nachtstück von $ranf $. Braun
„Nein", sagte Herr Brockmann, „ich bin gar nicht dafür, daß Lilly mit dem jungen Vilius so lange abends unterwegs ift."
Frau Luise lag schon im Bett, sie reckte sich, daß sie die Armbanduhr auf dem Nachttisch erkennen konnte und sagte feststellend: „Es ist halb zwölf, Karl. Die beiden waren im Kino, nun trinken sie wahrscheinlich noch irgendwo eine Tasse Kaffee."
Karl Brockmann schnob etwas Unverständliches in den Kleiderschrank. Dann gähnte er, machte eine Bewegung mit beiden Armen, die den Turnvater Jahn erfreut hätte und beendete die Unterredung, indem er sich kurzerhand ins Bett gleiten ließ und Das Licht ausdrehte. „Gute Nacht, Luise."
„Nacht, Karl."
Frau Luise hatte Waschtag gehabt. Sie schlief sofort ein. Karl Brockmann hatte noch eine Weile mit den Zahlen des Ultimvabschlusses zu kämpfen und stritt sich mit dem Depositenkassenführer, Dann gab Der Mann nach, unD Karl schlief ein.
Eine Turmuhr schlug zwölfmal. Eine HanD griff durch eine Klappe des Luftflügels, ein Draht mit einem Haken wanderte nach unten, faßte Den Fenstergriff und Drehte ihn herum. Das Fenster war auf. Ein Mann stieg ein. Er hatte Gummisohlen unter Den Füßen unD verursachte keinen Laut. Er tastete sich vorwärts Eine halbe SekunDe lang glühte eine elektrische Taschenlampe auf. Der Augenblick genügte, um Dem Einbrecher Den Weg zu zeigen. Er schlich sich an Die zusammenstehenDen Nachttische. Da lag Die ArmbanDuhr Frau Luises, Da lag Herrn Brockmanns Brieftasche
In Diesem Augenblicke klingelte es.
Es ist wahrscheinlich, Daß jemanD, Der nachts um zwölf nach Hause kommt, behutsam klingelt, wenn er unglücklicherweise Den Schlüssel vergessen hat. Dieses' Klingelzeichen war grell, anhaltenD, ein Alarm! Es Dauerte nicht ein paar SekunDen, es währte an!
Der Einbrecher schrak zusammen.
Mit einem Fluch kam Karl Brvckmann im Bett hoch Er schaltete Das Licht an. „Da soll Doch Der Deubel dreinfahren?" Seine furchtbare Drohung brach ab Er erblaßte. Gerade noch sah er Den Einbrecher zum Fenster stürzen unD verschwinden.
„Luife!"
,Zch habe ihn gesehen, Karl."
Sie sprangen aus den Betten Beide mutig. Der Einbrecher war weg Die Uhr war noch Da, Die Brieftasche auch, nichts fehlte.
Immer noch klingelte es.
„WunDerbar", sagte Karl Brockmann, „Da hat uns Doch einer geraDe rechtzeitig geweckt, unD ich konnte Den Einbrecher verjagen." Er warf einen Mantel über. ,/Jetzt könnte Der Betreffend aber mit Dem Geklingel aufhören."
„3a, sagte Frau Luise, „geh mal an Das Wohn» zimmerfenster, Da kannst Du sehen, wer unten auf Der Straße steht. Sage ihm, es sei gut, Der Einbrecher sei weg. Willst Du Die Polizei benachrichtigen?"
„Morgen früh. Heute nacht nicht mehr."
Noch immer klingelte es.
Frau Luise ging lieber mit hinüber in Das Wohnzimmer Sie sahen beiDe gleichzeitig aus Dem Fenster. Ihre Gesichter waren vom Mond beschienen; man sah auch sehr gut, wer unten vor Der Tür stand.
„Vilius mit Lilly", flüsterte Frau Luise. „Laß sie, Karl, er küßt sie gerade. Das ist so gut wie eine Verlobung."
„Ein ausdauernder Mann", sagte Karl Brockmann, „ein gewissenhafter Mann. Er hat Lilly gegen unsere Klingel gedrückt. Seit es bei uns klingelt, küßt er sie. Ich weiß nicht, Luise, aber mir scheint das ein bißchen lange."
„Laß es ruhig noch eine Weile klingeln; bedenke, wenn es überhaupt nicht geklingelt hätte, wären wir schwer bestohlen worden. Der Mensch soll dankbar sein."
Herr Brockmann sah seine Frau an. Ihr Einwand war schlagend. Aber da war wohl auch schon unten der Kuß zu Ende. Die Klingel verstummte.
Als Die Haustür schloß unD Lilly auf Zehenspitzen nach Hause kam, lag Das Elternpaar noch wach. Sie überDachten das Geschehene, unD Karl Brvckmann prägte es in Worte. „Ein wunDerbarer Zufall", sagte er.
Frau Luise war mit den Gedanken schon weiter: „Man muß Herrn Lilius mal zum Kaffee einladen", sagte sie, „das hat er sich verdient."
Zeitschriften.
— Die Zeitschrift „Mutter und Kind" (Verlag Elwin Staude, Berlin W 30) behandelt im September-Heft „Pflege- und Erziehungsfehler und ihre Folgen." Die Mutter lieft hier über die Verunreinigung der Nabelwunde, über das Auswaschen des Mundes, die Lösung Des Zungenbändchens, über das mangelhafte Trockenlegen, über das Wickeln des Säuglings, die falsche Lagerung des Säuglings, über den Mangel an Licht und Luft, über die Zahnung des Kindes und über Die Erziehung Des Säuglings.


