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Kn 153 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)

Freitag, U. Zuni 1937

Aus der Stadt Gießen.

Der heißeste Tag des Jahres.

35 Grad im Schatten.

LPD. Die Hoffnung auf Regen hat sich als trügerisch erwiesen. Klarblau ist der Himmel und die Sonne strahlt unbarmherzig sengend, so daß am Donnerstag das Thermometer in den Mittags­stunden auf 35 Grad im Schatten stieg. Das ist der bisher heißeste Tag des Jahres gewesen, der um so weniger angenehm empfunden wurde als die Hitze sich als sehr drückend erwies. Das Ther­mometer fiel auch gegen Abend kaum und der Wind brachte nur geringe Abkühlung. Die augen­blicklichen Temperaturen liegen weit über dem Normalmittel für das erste Drittel des Juni. So lag das Tagesmittel am Mittwoch mit 24,8 Grad 7,3 Grad über dem Normalmittel und auf dem Feldberg im Taunus überschritt das Minimum der letzten Nacht mit 18,9 Grad das Normalmittel um beinahe 7 Grad.

Die Hitzewelle, die augenblicklich über Deutsch­land geht, ist keineswegs erfreulich, wenigstens nicht für die Teile des Reichs, die in den letzten Wochen keinen Regen bekamen. Zu ihnen gehören auch die wichtigsten Gebiete Südwestdeutschlands. Die Natur lechzt nach Wasser. Vor allem braucht das Getreide, das wunderschön blüht, Regen zur Aehrenbikdung. Auch die Kartoffeln, in erster Linie die Frühkartoffeln, haben Wasser nötig. Daß der an sich gute Öbstansatz nur zur Entwicklung kom­men kann, wenn es regnet, ist bekannt. Leider haben die letzten heißen Tage teilweise mehr ge­schadet. Man sieht viel kleines unentwickeltes Fall­obst unter den Bäumen und die Kirschen müssen, ebenso wie die Erdbeeren, klein und unansehnlich gepflückt werden, da sie unter der Einwirkung der Hitze zu rasch reifen.

Geheimrat Fromme 85 Jahre alt.

Am heutigen Freitag, 11. Juni, kann Geheimrat Professor Dr. Fromme in erstaunlicher geistiger und körperlicher Frische seinen 8 5. Geburtstag feiern. Der hochbetagte Gelehrte, der sich in weiten Kreisen unserer Stadt großen Ansehens erfreut, der rn verschiedenen Ehrenämtern in vorbildlicher Weise stets dem Wohle der Gesamtheit diente, konnte vor zwei Jahren auf eine 60jährige Dienstzeit als Hoch­schullehrer zurückblicken. Der 85. Geburtstag des um unsere Stadt vielfach verdienten Gelehrten mag der Anlaß sein, einen kurzen Rückblick auf sein reiches Leben zu werfen.

Geheimrat Professor Dr. Carl Fromme, am 11. Juni 1852 in Kassel geboren, war von 1875 bis zum Herbst 1880 als Privatdozent der Physik in Göttingen tätig, und kam dann nach Gießen, wo er bis zu seiner Emeritierung als allgemein ge­schätzter Hochschullehrer wirkte. Neben seiner aka­demischen Lehrtätigkeit stellte er sich der Allgemein­heit auch in ehrenamtlicher Arbeit gerne und tatfroh zur Verfügung. Von 1885 bis 1920 war er Mit­glied des städtischen Schulvorstandes, von 1891 bis 1920 gehörte er der Kreisschulkommission an, im Theaterverein wirkte er s-it 1897 als Vorsitzender, ferner war er im Aliceschul-Verein von 1892 bis 1914 als Mitglied des Vorstandes und von 1914 bis 1923 als Vorsitzender tätig. Er hat sich durch fein berufliches Wirken und durch seine ausgezeich­neten menschlichen Eigenschaften in weiten Kreisen in Stadt und Land große Wertschätzung erworben.

Geheimrat Professor Dr. Fromme ist in An­betracht seiner Verdienste um die Stadt Gießen be­reits vor einiger Zeit mit der Ehrenplakette der Stadt Gießen bedacht worden.

Vornoinen.

Tageskalender für Freitag.

NSLB., Geschichtliche Arbeitsgemeinschaft: 17.30 Uhr Seminarzimmer der Oberrealschule. Gloria-

Papiersparen auch im Einzelhandel!

Kaufmann und Käufer in einer Front.

Der Kampf um die deutsche Rohstoff- und Nah­rungsmittelfreiheit wird auf vielen Fronten ausge­tragen In der Erzeugungsschlacht geben Land- und Forstwirtschaft, im Vierjahresplan die Industrie ihr Bestes her, um die durch Devisenknappheit her­vorgerufenen Mangelerscheinungen zu beseitigen. Aber nicht nur von feiten der Erzeugung, auch von feiten des Verbrauchs muß alles getan werden, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Während die Erzeu­gung neue Werte zu schaffen sich bemüht, ist es Aufgabe des Verbrauchs, mit diesen Werten durch sorgliche und sparsame Verwendung so rationell wie möglich zu wirtschaften. Dem Kampf gegen den Verderb und der Sammlung von Altstoffen muß ein Kampf gegen die Vergeudung zur Seite treten. Wir haben es nicht nötig, zu darben. Wir können es uns aber auch nicht leisten, sinnlose Verschwendung zu treiben.

Es ist inzwischen wohl allgemein bekannt ge­worden, daß wir mit unserem Papier gut haushal­ten müssen. Sparsamkeit ist im Hinblick auf das Papier dringend geboten! Es ist deshalb eine un­bedingte Forderung unserer Zeit, daß auch die An­gehörigen der Wirtschaftsgruppe Einzel­handel eine volks- und privatwirtschaftliche un­rationelle Verwendung von Verpackungsmaterial (Einwickelpapier, Tüten, Kartons, Holzwolle usw.) vermeiden. Die Entwicklung vergangener Jahre hatte dazu geführt, daß teilweise infolge über­

triebener Ansprüche bestimmter Verbraucherkreise mit Verpackungsmaterial vielfach Verschwen­dung getrieben wurde.

Die Kreisgruppe Gießen der Wirt­schaftsgruppe Einzelhandel fordert daher alle Kaufleute und ihre Mitarbeiter dazu auf, zu prüfen, welche Waren einer besonderen Umhüllung nicht bedürfen, weil sie schon genügend durch die Industrie verpackt sind. Es wird auch anheim gege­ben, zu überlegen, ob nicht bei manchen Waren eine besondere Verpackung überflüssig ist, weil sie der Käufer in Einkaufs- oder Handtaschen oder in irgendwelchen anderen Behältnissen auch ohne Son­deroerpackung bequem und sauber unterbringen kann. Es wird deshalb den Kaufleuten zur Pflicht gemacht, auf Grund von Richtlinien und Anregun­gen für die Einsparung von Verpackungsmaterial (die noch herausgegeben werden), in ihren Betrie­ben die Verbraucher entsprechend aufzuklären. Lu berücksichtigen ist allerdings, daß durch diese Spar­maßnahmen die Sauberkeit und Hygiene nicht beeinträchtigt werden darf.

Dom kaufenden Publikum wird man wohl ohne weiteres erwarten dürfen, daß es den Notwendig­keiten der Papierersparnis alles Verständnis ent­gegenbringt und es dem Kaufmann nicht unnötig schwer macht, sein Teil zur sparsamen Verwendung von Verpackungsmaterial und damit zur Papier­ersparnis beizutragen.

Flüssiges Obst" in jedem Haushali!

Obst ist nicht nur ein begehrtes Erfrischungs- und Genußmittel, sondern eine wichtige Ergän­zungskost. Jetzt kommt die Beerenernte und manche Hausfrau denkt vielleicht etwas sorgenvoll, wie sie ihre Wintervorräte eindecken soll. Eine große Ar- beitslast wartet auf sie, auch der Haushaltskasse werden bedeutende Mehrleistungen (Ausgaben) zu­gemutet. Nun heißt es überlegen, auf welche Art wir den Obstsegen verwerten können. Versuchen wir es doch einmal mit dem Süßmosten! Ohne große Ausgaben für Geräte, mit geringer Zuckerzugabe auf einfache Art und Weise können wir unserer Familie erfrischende, wohlschmeckende Getränke be­reiten.

Beginnen wir gleich mit Rhabarber! Rotstieliger Rhabarber ergibt einen sehr feinen Saft. Die Zuckerzugabe beträgt nur 120 bis 150 Gramm je Kilo. Auch feine Mischsäfte können wir mit Rha­barber Herstellen. Für eine Hausfrau in der Stadt spielt der Obsteinkauf geldlich schon eine Rolle, des­halb sind die Zusammenstellungen von zweierlei Früchten sehr günstig. Zu 3 Kilogramm Rhabarber nehmen wir IV2 Kilogramm Erdbeeren und 120 Gramm Zucker je Kilogramm, das gibt einen herr­lichen Erdbeersaft, denn di? Duftstoffe der Erdbeere herrschen vor und die Säure des Rhabarbers dämpft den zu süßlichen Geschmack der Erdbeere.

Weitere, sehr feine Zusammenstellungen sind Rha­barber mit Himbeeren, Rhabarber mit Heidelbeeren oder Brombeeren. Einen billigen und sehr bekömm­

lichen Saft können wir aus Pflaumen und Rha­barber bereiten. Die blauen Pflaumen geben in dieser Zusammenstellung einen sehr wertvollen Saft. Nach 1- bis 2jähriger Lagerung ersetzt er uns voll­kommen Malaga und Samos. Wenn wir Rhabar­bersaft ohne Zucker Herstellen, bekommen wir einen Fruchtessig, der uns die Zitrone ersetzt. Kampf dem Verderb heißt die Mahnung, so müs­sen wir sehen, unsere Früchte möglichst auszu­nutzen. Auch die Rückstände können wir noch ver­arbeiten. Wir nehmen ein Drittel frische Frucht dazu und kochen mit Zuckerzugabe wohlschmecken­des Kompott oder Marmelade.

Diese Süßmoste, die ja ganz ohne Konservierungs­mittel hergestellt werden und deshalb auch mit Recht den NamenFlüssiges Obst" führen, sind für jung und alt herrliche Erfrischungen.

Sie enthalten Aufbaustoffe und Vitamine, die bei der Herstellung nicht zerstört werden, deshalb sind sie für die Jugend so wichtig. Wie haben die Sportler auf der Olympiade diese Fruchtsäfte ge­schätzt, aber auch für das Kleinkind, für Stoff­wechselkrankheiten und Darmstorungen sind die Süß­moste gute Helfer.

Für Hausfrauen, die in Süßmostbereitung noch nicht bewandert sind oder die ihre Kenntnisse er­weitern wollen, halten die Abt. Volkswirtschaft - Hauswirtschaft des Deutschen Frauenwerkes und in überwiegend ländlichen Bezirken der Reichsnähr­stand Kurse ab. ,

Palast, Seltersweg:Peter im Schnee". See- fischveranstaltung: 20 Uhr Cafe Leib,Seefisch ahoi".

TNanuela del Rio" im Sladtthealer Gießen.

Die Intendanz des Stadttheaters Gießen hat die weltberühmte spanische Tänzerin Manuela del Rio zu einem einmaligen Gastspiel am Samstag, dem 12. Juni, verpflichtet. Manuela del Rio, die augen­

blicklich noch auf der Weltausstellung verpflichtet ist, beginnt von Paris aus ihre große Deutschland­tournee.

Reichsmütlerdienft im Deutschen Frauenwerk.

Arn Montag, 14. Juni, abends 20 Uhr, beginnt ein Lehrgang in Säuglingspflege, den Schwester Elisa­beth Müller leiten wird. Anmeldungen cm die

Geschäftsstelle der Kreisfrauenschaft, Frankfurter Straße 1.

\ Die Öeutfthc Rrieitofront

9.=bemeinf(hafi",;firaftdurchfreude'

GastspielRazi-Eisele"

am 20. 6.37 in der Gießener Volkshalle.

Arn Sonntag, 20. Juni, gastiert der bekannte Ko­miker aus Garmisch-PartenkirchenNazi-Eisele" mit seiner Truppe in der Volkshalle. Die Eintrittspreise sind: RM.,40,,60,,80 und 1,. Karten sind im Vorverkauf zu haben: Schokoladenhaus Hunte­mann, Musikhaus Challier, Oberhefsifche Tages­zeitung, KreisdienststelleKdF.". Sämtliche Be­triebswarte nehmen Sammelbestellungen auf, die sie bis spätestens Dienstag, 15.6.37, auf der Kreis­dienststelle einreichen. 40380

GportamtKraft durch Freude"

Am Samstag, dem 12. Juni, findet um 18 Uhr auf dem Universitätssportplatz eine Abnahme der Prüfungen zur Erwerbung des Reichssportabzeichens statt. 40360

Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.

Velr.: Ausstellung des Oberhessischen Kunstvereins.

Der Oberhessische Kunstverein veranstaltet in der Zeit vom 9. bis 27. Juni 1937 im großen Saale des Klubhauses in der Sonnenstraße eine Ausstellung großer Gemälde mit Motiven aus der Skagerrak­schlacht. Der Eintritt für HJ.-Mitglieder beträgt ,10 RM.

Velr.: Besichtigung der Gefolgschaft 3/116.

Die Gefolgschaft 3/116 (Gießen-Mitte) wird am 11. Juni 1937 durch den Bannführer besichtigt. An­treten um 20.15 Uhr (Heim).

BOM. Mädelgruppe 1/116

Gießen-Süd.

Alle Mädel der Gruppe 1/116 Gießen-Süd treten am Freitag, 11. Juni, 19.30 Uhr, amHessischen Hof" an zur Hauptprobe für unser Untergau» Sportfest. Turnzeug ist auf jeden Fall mitzubringen. Für diesen Abend muß sich jedes Mädel einmal frei machen können.

Die Führerin der Gruppe 1/116 Gießen-Süd. Hilde Fink, Mädelscharführerin.

ZM. Untergau 116, Gießen.

Dienstbefehl. " \

Am Samstag, 12. Juni, nachmittags 16% Uhr, treten die IM.-Gruppen Nord und Oft mit ihren Führerinnen an der Volkshalle an. Alle IM.-Füh­rerinnen, die aus dem Landschulheim kommen, er-

Am14.Zuni beginnen wir in den Familienblättern mit dem Abdruck eines neuen großen Romans. Rach dem beschaulich heiteren Alterswerk Fon­tanes bringen wir den RomanGoya und das Löwengesicht" von Karl Hans Strobl, eine geschichtliche Erzählung großen Stils, die, obwohl bereits vor Jahren entstanden, im Hin­blick auf den spanischen Bürgerkrieg eine unbe­absichtigte Aktualität gewinnt, - ein Werk, aus reicher Erzählerkunst und Phantasie geboren, er­füllt von der Freude am Abenteuer, am roman­tischen, unheimlichen und großartigen Erlebnis, strotzend von Handlung und Spannung, Historie, Feldzugsbericht und Liebesgeschichte in einem.

Blücher bei Leipzig.

Iwei Briese nach der Völkerschlacht.

In einer Reihe von Briefen des Feld- rnarschalls Blücher, die in dem soeben er­schienenen Sommerheft desIn s e l sch i ff s" abgedruckt werden, erregen besonderes Inter­esse zwei Briefe, die unmittelbar nach der Schlacht von Leipzig geschrieben sind. Der erste ist an Otto von Sonin, den frühe­ren Gutsnachbar Blüchers auf Elvershagen bei Regenwalde, dann auf Schönwerder bei Stargard, Landfchaftsdirektor, gerichtet.

Leipzig, 20. Oct. 1813.

Die 2 großen und Schönen Tage find verlebt, den 18. und 19. Fihl der große Colofh, wie die Eiche vom Stuhrm. er, der große Tiran, hat sich gerettet, aber feine knappen find in unfern henden. Poniatoffsky wurde Blefhirt und ist ertrunken, man glaubt, Augerau des gleichen, Rennie und ßaurifton sind gefangen, der erste ist Blefhirt. Den 19. wurde zu Ende des kampffs Leipzig mit Stuhrm und großer aufopffrung genomen. man wollte Leipzig in brand fchiffen, ich wider fetzte mich die Ruffifchen Batterien und sie durften nuhr mit kugell Schiffen.

an meiner feite drank die Russische Infanterie zu erst in die stadt, an der andern feite die braroen Pomern, es wahr ein kampf ohne gleichen, 100 Kanonen sind in Leipzig genomen. unsre monar- chen, daß Heist der östreichsche, der Russische faifer und unser fönig haben mich auf öffentligen markte gedankt, Alexander drückte mich ans HErtz.

Schon am 16. lifferte ich allein bey den dorffe Moeckern eine Schlacht und Schmiß die Franzosen in Leipzig, einige 40 Canonen, verschiedene Fahnen, ein ahdler und gegen 4000 gefangene Fillen in meine hende. Dieser Tag wahr die einleittung zu den Vollgenden. ich marchire diesen augenblick wider ad, um den Feind bey Merseburg wider zu fassen, wo hin er marschirt ist. meine Expedition geht durch Tühringen, die große arme auf Würtzburg.

Der König von Saxen ist hir gefangen genomen. lebe wohl, ich bin so matt, daß ich am gantzen leibe Zittere, deine Frau gemahlin küsse ich die hende vor ihren Schönen briff, den ich heillig aus­bewahre ...

(Notizbuchblatt.)

Diesen Augenblick erfahre ich, daß dein Sohn den 14. Blefhirt ist, aber ohne alle Gefahr. Eine Cano- nenkugell nahm ihm abfatz und sohle vom ftiffel und schlug seinen Perd den fuß ab. Du fanft. ohne Jorgen seyn. Aus mein wahrt, es hat nicht zu jagen. . ,

Den zweiten Brief schrieb Blücher an feine Frau, nachdem er am 20. Oktober Feldmar- schall geworden war.

Weißenfee, 25t Oct. 1813.

... Aus den Einlagen wirst Du das mehrere er­sehen, als Frau Feldmarschallin mußt Du nun an­ständig leben, und sei nur nicht geizig und laß Dich was abgehen; ich kriege nun doch ein ansehnlich Gehalt, aber wir haben leider 2 Monate alle kein Gehalt gekriegt, weil von Berlin nichts zu uns kommen konnte. Schreib mich in Bälde. Ich habe 4 schone Schimmel vor Dich, auch 2 Maulesel; wenn ich sie nur zu Dich hinkriegen konnte...

Mit die Ordens weiß ich mich nun fein Rat mehr; ich bin wie ein alt Kutschpferd behangen, aber der Gedanke lohnt mich über alles, daß ich derjenige (bin), der den übermütigen Tyrannen demütigte.

Gibt esschwierige Tiere"?

Don Paul Eipper.

Ein Verzeichnis schwieriger Tiere läßt sich nicht geben. Zwar wird jeder durchschnittliche Mensch Begegnungen mit Schlangen meiden; aber in man­chen Ländern der Erde hält man Riesenschlangen als Haustiere, die dann ebenso zahm wie nützlich sind. Ein vierjähriges indisches Bauernkind führt den gewaltigen Kerabau-Bullen am Ohr harmlos und selbständig vom Flußufer zum Reisfeld, wäh­rend für jeden Europäer diesefriedlichen Wasser­büffel" zur Lebensgefahr werden können. Wölfe bilden gewiß eine schwere Plage für Mensch und Haustier; es kommt jedoch gar nicht selten vor, daß ein Wolf liebevoll einer Menschenfamilie an- hängt.

Was verstehen wir im Grunde unterschwieri­gen" Tieren? Zweifellos solche, die uns Menschen den Umgang mit ihnen schwer oder gefährlich ma­chen, also z. B. alle wilden Tiere. Hier muß ich nun schon widersprechen; denn ich weiß aus den Berichten glaubwürdiger Menschen und auch aus manchen eigenen Erlebnissen, daß man mit vielen der sogenannten wilden Tiere ganz gut und ge­fahrlos verkehren kann. Ich kenne jemand, den jahrelanger Umgang mit einer Hyäne fest davon überzeugte, daß ihm von diesem Tier niemals Schwierigkeiten drohen. Ich selbst bin schon mit einer Reihe von Raubtieren in recht enge Tuch­fühlung gekommen, ohne daß mir dabei etwas geschah; dagegen hat mich ein zweijähriger Rehbock gewalkätig zum einzigen Salto meines Lebens ver­anlaßt; ein lammfrommes ostpreußisches Kutschpferd brachte mir eine tüchtige Bißwunde bei, und im Lauenburgischen zwang mich eine doch sicher harmlose Kuhherde zu schltuniger Flucht.

Wenn ich vor mir selbst gründliche Gewissens- erforschung anstelle, so muß ich nach fast vierzig­jähriger Beobachtung bekennen, daß ich eine unbe­

dingt und grundsätzlich schwierige Tierart nicht an­geben kann; die Schwierigkeiten entstehen nach meiner Meinung immer erst im Umgang mit an­deren Lebewesen, seien es nun Tiere oder Menschen.

Wohl möglich, daß Gelehrte und Forscher hier widersprechen; ich maße mir auch nicht im gerin- sten an, etwas Grundsätzliches damit zu behaupten, sondern sage nur meine eigene, zudem gefühlsmä­ßig erworbene Ansicht. Sie ist allerdings festgefügt und heißt: im Umgang zwischen Menschen und Tie­ren entscheidet nicht so sehr der Artcharakter, son­dern das Einzelwesen, und zwar auf beiden Seiten, also auch beim Menschen. Schwierig wird jedes Tier, dessen Wesen der Partner (sei es ein Mensch oder ein anderes Tier) nicht richtig erfaßt; dem Naturgesetz zufolge wehrt sich alle Kreatur gegen eine solche Vergewaltigung und macht selbstver­ständlich Schwierigkeiten. Weil wir Menschen durch unsere Vernunft den Tieren überlegen sind oder es doch sein sollten, müssen wir uns hüten, von vorn­herein zu verdammen und den Fehler allein beim Tier zu suchen. Wir müssen uns vielmehr in Geduld üben und die Zusammenhänge ergründen lernen. In dieser Hinsicht will ich nun ein paar Beispiele geben.

Es herrscht eine weit verbreitete Meinung, daß unter den Hunderassen die Doggen besonders unzu­verlässig seien und mit zunehmendem Alter für jedermann auch für den Herrn gefährlich werden.

Ich habe viele Doggen kennengelernt; einige waren sehr scharf, so daß mich ihre Besitzer ernsthaft vor jeder Berührung warnten. Doch selbst die aller- unnahbarste, eine alte, schwarzweiße Doggenhün­din, enttäuschte meinen Glauben an die Möglichkeit des guten Umgangs nicht. Ich fand wenn auch erst nach Jahren den Weg zu ihr. Bis dahin übte ich mich in Zurückhaltung, gab ihrem angebo­renen Mißtrauen niemals Nahrung, ließ mich allerdings auch nicht durch ihr Knurren abschrecken, und eines Tages, als ich nach monatelanger Ab­wesenheit wieder in jenes Haus kam, und die Dogge mich wie üblich während der ersten Stunde gar nicht beachtet hatte, kam sie dann doch plötzlich dicht an meine Seite, legte die Vorderpfote und ihren Kopf auf meine Knie und gab einen Laut von sich, dessen Herzlichkeit ich zwar nicht beschrei­ben kann, der aber eindeutig war in seiner Freund­schaftlichkeit und in seiner Endgültigkeit. Wir wer­den ganz gewiß nie eine Enttäuschung aneinander erleben.

Bei all meiner Sympathie zu den Hunden ver­sichere ich, daß ich mindestens ebensoviel Anschmieg­samkeit, wie bei ihnen, auch bei Katzen erfahren habe, wobei ich allerdings zugebe, daß ich jeder Katze gegenüber vorsichtig bin in der Annäherung, einerlei, ob es sich um ein Hauskätzchen handelt oder um einen Tiger, den ich als Flaschenkind ken­

nenlernte, und der auch im ausgewachsenen Zu­stand gut Freund mit mir blieb. Wenn man das Wesen der Katze berücksichtigt, erlebt man bei jeder von ihnen Treue und Beständigkeit.

*

Ich bin zweimal und sogar erheblich von Menschenaffen gebissen worden; dennoch zähle ich auch diese Geschöpfe nicht zu den schwierigen Tier­arten. Bei genauerer Ueberlegung habe ich klar erkannt, daß die Schuld jedesmal auf meiner Seite war.

Im ersten Fall spielte ich mit einem nach langer Krankheit genesenden, jungen Schimpansen in der Sonne; die Fröhlichkeit des Tieres steigerte sich zur Rüpelei, ich wollte bremsen, weil ich fürchtete, das allzu wilde Toben könne dem kleinen Herzen schaden. Als der schwarzePuck" von hinten auf meine Schulter sprang, mich umhalste und zugleich einen Überschlag nach vorn auf meinen Schoß machte, hielt ich ihn fest, sagte, er solle eine Weile bei mir sitzen bleiben. Im selben Augenblick schrie der Affe wie ein ungezogenes Kind kreischend auf, und schon steckten seine Zähne in meiner Hand. Als Puck merkte, was er angerichtet hatte, überbot er sich in Zärtlichkeiten und wollte immer wieder fein Unrecht gutmachen; er drückte, streichelte meine Hand und wimmerte.

Bei der anderen Verletzung lag die Ursache daran, daß ich einen Menschenaffen allzusehr be­vorzugte. Der zweite, im gleichen Raume lebende, fühlte sich vernachlässigt und steigerte sich offenbar eine ganze Weile lang in einem Haß gegen mich. Als ich wieder einmal selbstvergessen mit meinem Slffenfreynb spielte, flog der andere wie ein Geschoß von irgendwoher auf- mich zu und packte, was er von mir zu fassen bekam.

Seitdem sind viele Jahre vergangen, und wir drei verstehen und vertragen uns restlos. Ich nkhme Rücksicht auf den Wesensunterschied der beiden Affen, begrüße stets zuerst den Eifersüchtigen, was mir der gutmütige nicht im geringsten übelnimmt. Er vertraut meiner Anständigkeit und weiß, daß sich das Warten für ihn lohnt.

6od)fcbulnacbrid)fett.

Geh. Hofrat Professor Dr. Lothar Heffter, der em. Ordinarius für Mathematik an der Uni­versität Freiburg, vollendet am 11. Juni das 75. Lebensjahr. Heffter habilierte sich 1888 in G i e- ß e n und wurde hier drei Jahre später zum Extra­ordinarius ernannt; 1897 siedelte er nach Bonn über und wirkte später in Aachen, Kiel und Frei­burg. 1931 trat er in den Ruhestand. Neben feinen Arbeiten über Differentialgleichungen und über analytische Geometrie ist vor allem sein 1922 er­schienenes BuchWas ist Mathematik?" sehr be­kannt geworden.