vom 1. März an das Amtsgericht Darmstadt versetzt. Nach Erreichung der Altersgrenze treten in den Ruhestand der Bürodirektor beim Amtsgericht Friedberg Jakob Neff mit Wirkung vom 1. Mai 1937 und der Justizsekretär beim Oberlandesgericht Darmstadt Ludwig PZ o l f am 1. Juni 1937. Der Amtsgerichtsrat T)r. Joachim 5)aHter (Mainz) ist infolge seiner Ernennung zum Stadtsyndikus, der Gerichtsassessor Arno Kempf (Worms) infolge seiner Ernennung zum Regierungsasfessor im hessischen Landesdienst aus dem Reichsjusti^enst aus- geschieden.
** Diamantene Hochzeit. Der jetzt m Höringshausen (Kreis Frankenberg) wohnende Fürst zu Solrns-Lichsche Förster i. R. Th. Schlag und dessen Frau Katharina, geb. Schlag, feierte das seltene Fest der Diamantenen Hochzeit. Förster Schlag stammt aus dem Forsthaus „Baumgarten" bei Gießen und diente beim Großh. Hess. Leibgarde- Regiment Nr. 115 in Darmstadt, mit dem er auch am Kriege 1870/71 teilgenommen hatte. 50 Jahre stand er in Diensten des Fürsten zu Solms-Lich. Bier Kinder, dreizehn Enkel und drei Urenkel feierten mit dem Jubelpaar das seltene Ereignis.
Lpd. Zehn Tage Osterreise mit Festtagsrückfahrkarte. Die Deutsche Reichsbahn hat die Geltungsdauer der zu Ostern und zu P f i n g st e n auszugebenden Festtagsrückfahrkarten festgelegt. Zu Ostern werden diese Karten, die bekanntlich mit einer Fahrpreisermäßigung von 33% vom Hundert verbunden sind, vom Dienstag vor Ostern, 23. März, 0 Uhr, bis zum Donnerstag nach Ostern, 1. April, 24 Uhr, gelten und somit eine zehntägige billige Osterreise ermöglichen. Zu Pfingsten werden die Festtagsrückfahrkarten acht Tage gelten; vom Donnerstag vor Pfingsten, 13. Mai, 0 Uhr, bis zum Donnerstag nach Pfingsten, 20. Mai, 24 Uhr.
Amtsgericht Gießen.
Der 26 Jahre alte M. W. erhielt durch Strafbefehl des Amtsgerichts Gießen wegen Verletzung der Unterhaltspflicht eine Haft strafe von zwei Wochen auferleat, weil er für sein im Jahr 1927 geborenes uneheliches Kind nicht sorgte, so daß fremde Hilfe in Anspruch genommen werden mußte. In der gestrigen Hauptoerhandlung auf seinen Einspruch hin wurde der Angeklagte überführt, daß er sich jahrelang der Unterhaltspflicht entzogen hat. Das Gericht erhöhte daher die Strafe auf drei Wochen Haft und belegte den Angeklagten mit den Kosten des Verfahrens.
Der 20jährige A. F. war angeklagt, einem Kameraden aus einem verschlossenen Spind 20 Zigaretten entwendet zu haben. Die Beweisaufnahme ergab nicht einwandfrei, daß ein schwerer Diebstahl vorliegt. Das Gericht verurteilte daher den Angeklagten wegen einfachen Diebstahls zu zwei Wochen Gefängnis und zur Kostentragung.
Kleine Strafkammer Gießen.
Vor der Kleinen Strafkammer hatte sich am Dienstag der H. F. aus Nidda wegen fahrlässiger Transportgefährdung zu verantworten. Die Hauptverhandlung fand, da ein Augenscheintermin angeordnet worden war, vor dem Amtsgericht in Nidda statt. Die Beweisaufnahme hat ergeben, daß der Angeklagte mit seiner Zugmaschine (Bull- dogg) zu nahe an den Uebergang der Eisenbahn herangefahren war, so daß ein vorbeifahrender Zug die Zugmaschine erfaßte und beschädigte. Wegen fahrlässiger Transportgefährdung wurde der Angeklagte anstelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von einem Monat zu einer Geldstrafe von 1 2 0 R M. und zur Tragung der Kosten des Verfahrens verurteilt.
Große Strafkammer Gießen.
Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit hatte sich die Große Strafkammer mit dem F. C. H. aus Vilbel zu befassen. Gegen ihn war Anklage wegen Verführung einer Jugendlichen und tätlicher Beleidigung erhoben worden. Auf Grund der sehr um
fangreichen Beweisaufnahme war die Strafkammer zu der Ueberzeugung gekommen, daß dem Angeklagten die Verführung einer Jugendlichen nicht einwandfrei nachgewiesen werden könnte. Dagegen hat ich herausgestellt, daß er sich einer tätlichen Beleidigung im Sinne des § 185 StrGB. schuldig gemacht' hat. Die Große Strafkammer verurteilte ihn daher wegen Vergehens nach § 185 zu einer G e - ängnisstrafe von vier Monaten. Im übrigen wurde das Verfahren zugunsten des Angeklagten auf Grund des § 2 des Amnestiegesetzes vom 7. August 1934 eingestellt. Soweit der Angeklagte verurteilt wurde, hat er die Kosten des Verfahrens zu tragen. Soweit das Verfahren eingestellt wurde, sind die Kosten niedergeschlagen worden.
Nundfunkprogramm
Freitag, 12. Februar.
6 Uhr: Dem Unendlichen; Morgenspruch; Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Musik am Morgen. 9.45: Nur Freiburg: Nachrichten. 10: Schulfunk. 11: Hausfrau, hör zu! 11.30: Landfunk. 11.45: Sozialdienst. 12. Mittagskonzert. 13: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Dem Opernfreund (37). 15: Volk und Wirtschaft. Die Fälligkeit der Aufwertungshypotheken. 15.15: Ein Königsgrab an der Saar. Hörspiel. 16: Neue Unterhaltungsmusik. 17: Klaviermusik. 17.30: Der Ausweis aller Schaffenden! Sinn und Zweck des Arbeitsbuches. Von K. H. Knappstein. 17.45: Südost-Europa als wirtschaftskund-
liches Studiengebiet. Eine Auslandsfahrt der Deutschen Arbeitsfront. 18: Musik aus Dresden. 19: Volksmusik und Volkslieder. 19.40: Der Zeitfunk bringt den Tagesspiegel. 20: Nachrichten. 20.10: Der deutsche Weg (V). Eine Hörbildreihe. 21: „Der Apotheker." Komische Oper von Josef Haydn. 22: Nachrichten. 22.15: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.20: Funkbericht von den Viererbob-Meisterschaften in St. Moritz. 22.35: Unterhaltungskonzert. 24 bis 2: Nachtkonzert.
Samstag, 13. Februar:
6 Uhr: Choral, Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 10: Schulfunk. 10.30: 12 000 Jungen erleben klassisches Boxen. Funkberichte von der Boxveranstaltung des NSLB. im Berliner Sportpalast. 11: Hausfrau hör zu. 11.30: Gaunachrichten. 11.40: Landfunk. 11.45: Sozialdienst. 12: Mittagskonzert I. 13: Nachrichten, auch aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert II. 14: Nachrichten. 14.10: Neue musikalische Plaudereien.- 15: Volk und Wirtschaft. Allerlei Neuigkeiten. 15.15: Wir bemerken dazu: ... Die NSV.-Schwester. 15.30: Jugend aus drei Städten musiziert. 16: Froher Funk für alt und jung. Ein bunter Nachmittag mit der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" Gau Ost-Hannover. 18: Die junge Wehrmacht singt und musiziert. 19.30 Der Zeitfunk bringt die Wochenschau. 19.55: Ruf der Jugend. 20: Nachrichten. 20.10: Froher Samstag-Abend. 22: Nachrichten. 22.10: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.15: Sportschau. 22.30: Nachtmusik. 24 bis 2: Nachtkonzert.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
x» Rüddingshaufen, 10. Febr. Der hiesige Männergesangverein hielt in der Wirtschaft Theiß seine Generalversammlung ab. Der- einsführer Dietz hieß die Mitglieder willkommen und erstattete den Jahresbericht, der geprüft und für richtig befunden wurde. Dem Rechner, der ebenfalls Bericht erstattete, wurde Entlastung erteilt. Im Laufe der Versammlung wurde beschlossen, daß der Verein zukünftig den Namen „Konkordia" führen fall. Der seitherige Dereinsführer Wilhelm Dietz V. legte wegen Arbeitsüberlastung sein Amt nieder. An seiner Stelle wurde Daniel Z a h r t zum Vereinsführer bestimmt. Für 40jährige aktive Sangestätigkeit konnten den Mitgliedern Wilhelm Pfeiff, Johann W i ß n e r und Wilhelm K albe r l a h Ehrennadeln überreicht werden. Sangesbruder Peter Zahrt III. erhielt für 25jährige Sangestätigkeit ein Diplom. Eine Anzahl Mitglieder konnte für regelmäßigen Singstundenbesuch ausgezeichnet werden.
w Geilshausen, 10. Febr. Der hiesige G e - sangverein „Jugendmut" kann zu Ende Mai auf sein 60jähriaes Bestehen zurückblicken. Der Kreis Ohm-Lumda-Tal hat für den Vormittag des 30. Mai ein Wertungssingen in Geilshausen vorgesehen, an dem 18 Vereine teilnehmen. Als Wertungsrichter wird Dr. Werner aus Frankfurt a. M. amtieren. Die Vorarbeiten für die Veranstaltung sind bereits im Gange.
* Lang-Göns, 10. Febr. Dieser Tage wurden die Kinder, die an Ostern 1937 zur Schule kommen, vom Schularzt untersucht. Alle Schulneulinge, 16 Buben und 12 Mädchen, wurden für aufnähme- fähig erklärt. — An die Obstbaumbesitzer erging die Aufforderung, ihre Bäume zu reinigen. Mit der Spritzung soll am 20. Februar begonnen werden. Wer bis dahin seine Bäume nicht ab- gekratzt und ausgeputzt hat, muß es sich gefallen lassen, daß diese Arbeiten auf seine Kosten von Fachleuten ausgeführt werben.
L i ch, 10. Febr. In den letzten Tagen hat die Wetter die großen Wiesengründe oberhalb und unterhalb unserer Stadt unter Wasser gesetzt. Große und Kleine Weide gleichen einem
See. Die Wassermengen stehen bis an die Gärten in der Bahnhofstraße. Auch der Schloßgarten steht zu einem Teil unter Wasser.
Kreis Alsfeld.
< Kirtorf, 10. Febr. Ein junger Mann, der in einer hiesigen Gastwirtschaft Kost und Wohnung genommen hatte, entwendete dem Gastwirt den Betrag von etwa 60 Mark. Der Bursche wurde bereits von der Polizei in Haft genommen. — In der Gastwirtschaft von Johannes Becker veranstaltete die NS. -Gemeinschaft „Kraft durch Freude" einen bunten Abend, der eine Reihe tänzerischer, gesanglicher, musikalischer und humoristischer Darbietungen brachte. Die Künstler fanden viel Beifall.
Kirche und Schule.
Kreis Schollen.
O Schotten, 9. Febr. Unter dem Vorsitz von Dekan Widmann (Schotten) fand gestern die erste diesjährige Konferenz der Geistlichen des Dekanats Schotten statt, an der auch der Propst der Evangelischen Propstei Oberhessen, Propst Knodt (Gießen), teilnahm. Die einleitende Andacht wurde von Pfarrer Dr. Engel (Wingershausen) gehalten. Der Vorsitzende begrüßte sodann Propst Knodt, ferner den neu in das Dekanat eingetretenen Pfarrverwalter H ö r r von Ruppertsburg und übermittelte darauf dem zum Pfarrer der Pfarrei Eichelsdorf ernannten Pfarrverwalter D o th die Glückwünsche der Konferenz. Pfarrverwalter Lind (Breungeshain) hielt dann ein Referat über die zur Zeit aktuellen Derfafsungsfragen der Kirche, worauf eine lebhafte Aussprache erfolgte. Im weiteren Verlauf der Konferenz wurden dienstliche Angelegenheiten besprochen.
0 Eichelsdorf, 9. Febr. Unserem Ortsgeistlichen, Pfarrverwalter V o t h , wurde durch den Landeskirchenausschuß mit Wirkung vom 1. Februar dieses Jahres die hiesige Pfarrstelle definitiv übertragen.
Preußen.
Wegen Mißhandlung seiner Ehefrau inS Gefängnis.
LPD. M a r b u r g , 10. Febr. Der 27jährige Karl Schäfer in Marburg lebte bereits feit längerer Zeit mit seiner Frau nicht in bestem Einverneh- men. Wenn er seine Arbeitslosenunterstützung er- halten hatte, kam er oft betrunken nach Hause. Als es eines Nachts wiederum in diesem Zustande seine Wohnung betrat, ging er sofort mit einem Stuhl auf seine Ehefrau los und warf ihr dann ein spitzes Eisenstück an den Kopf. Mit blutenden Kopfwunden brach die Frau zusammen. Nachdem sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war und sich wieder aufraffte, würgte Schäfer sie so stark am Halse, daß ihr schwarz vor den Augen wurde und die übrigen Hausbewohner am andern Tage noch die blutunterlaufenen Würgemerkmale am Halse der Frau bemerken konnten. Der unter Anklage gestellte rabiate Ehemann gab vor Gericht zu seiner Entschuldigung an, daß ihn seine Frau zu den Tätlichkeiten gereizt habe. Ein hin^gezogener Sachverständiger bezeichnete den Angeklagten als minderverantwortlicben Psychopathen. Unter Berücksichtigung dieses Umstandes wurde er wegen schwerer Körperverletzung zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Die vom Verurteilten gegen dieses Urteil eingelegte Berufung wurde von der Strafkammer verworfen.
Kreis Wehlar.
4- 21 us dem Hüttenberg, 10. Febr. Die Imker der neuerrichteten Ortsgruppe Hüttenberg hielten dieser Tage in Hochelheim eine 23erjamm= hing ab. Der Leiter der Ortsgruppe, Lehrer Zeuge (Hochelheim), wies auf die hohe Bedeutung der Bienenzucht hin und erläuterte dann die Ursache der Gründung der Ortsgruppe Hüttenberg der Reichsfachgruppe Imker des deutschen Kleintierzüchterverbandes. Die Gründung der Ortsgruppe ist darauf zurückzuführen, daß es vielen Imkern nicht möglich ist, den Versammlungen in den Kreisstädten Gießen und Wetzlar beizuwohnen.
= Wißmar, 10. Febr. Der Kegelklub „B a h n f r e i" hielt im Vereinslokal Bittendorf seine Generalversammlung ab. Vereinsführer H. Todt erstattete den Jahresbericht, dem zu entnehmen war, daß der Verein im vergangenen Jahr eine rege sportliche Tätigkeit entfaltet hatte. Dec Kassenführer H. 2V a g n e r konnte ebenfalls einen befriedigenden Bericht erstatten. Für das Winterhilfswerk hat der Verein eine Geldspende gegeben und damit seine Opferfreudigkeit bewiesen. Zum Schluß ermahnte der Vereinsführer die Mitglieder, dem Verein auch weiterhin die Treue zu halten.
Die Industrie- und Handelskammer Gießen
gibt Auskunft: 95 Ausführungsbestimmungen über die Regulierung der Ein- und Ausfuhr in Spanien. — 96: Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen durch den Exekutivausschuß für den Außenhandel Spaniens; — 97: Anordnung Nr. 4 der Ueberwachungs- stelle für Papier (Papierspäne und Altpapier). — 98: Die endgültigen rumänischen Einfuhrkontingente für das 1. Vierteljahr 1937. — 99: Verlängerung der rumänischen Sonderkompensationsbewilligungen. — 100: 1. Bekanntmachung der Ueberwachungsstelle für Papier vom 7. Februar 1937, betr. Lieferungspflichtrahmen für Papierfpäne und Altpapier. — 101: Wareneingangsbuch: Eintragungspflicht in Zahlung <nommener Waren. — 102: Die neuen Bestimmungen für den Reiseverkehr nach Oesterreich. — 103: Der Stand des deutsch-italienischen Verrechnungsverkehrs. — 104: Bekanntmachung 9 der Ueberwachungsstelle für unedle Metalle vom 8. Februar 1937, betr. Erläuterungen zur Achten Anordnung zur Durchführung des Vierjahresplans über die Erfassung der im Privatbesitz befindlichen Vorräte an edlen und unedlen Metallen.
Das Mädchen mit dem Gilberhaar.
Roman von Anny von panhuys.
1. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Das will keine, und die Mädels tun es doch alle, wenn sich ihnen Gelegenheit dazu bietet." Nähkathrin nickte vor sich hin. Selbst ich hab's getan und bin jämmerlich reingefallen dabei. Meine ganzen mühsam verdienten Spargroschen hat's gekostet. Aber bei dir ist's was anderes. Eine, die aussieht wie du, darf wohl auch Wünsche haben. Es läuft noch immer so viel reiches Mannsvolk in der Welt herum, und man lieft in der Zeitung oft genug, daß irgendein Millionär ein armes Mädel geheiratet hat. Warum soll es dir nicht glücken?"
Fränze lächelte auf die viel kleinere Nähkathrin nieder, die vor Eifer rote Backen hatte.
„Liebes Fräulein Kathrin, Millionäre laufen in unserem guten kleinen Städtchen auch nicht wild herum. Um einen Millionär kennenzulernen, müßte ich schon in die richtige große Welt kommen, und für mich gidt's keine Tür, durch die ich da hineinkomme. Ich bin Tippmamsell bei der Radio-Radix, und hinter dem Stadtwald hört für mich die Welt auf. Was jenseits liegt, das erfahre ich aus den Filmstücken und aus dem Generalanzeiger."
Nähkathrin nickte. „Das stimmt, Fränze, also genieße vorerst wenigstens den Maskenball. Nütze die paar Stunden ordentlich aus." Sie deutete auf das Kleid. „Die dich in dem Kleid sehen, halten dich für eine Vornehme. Die Komtesse Hella Mönchs- aut hat ja genau so silberblonde Haare wie du. Kannst sicher fein, bis zur Demaskierung glauben alle, du wärest die Komtesse. An dich denkt keiner, weil du eigentlich nie ein Vergnügen mitmachst."
Fränze erwiderte nachdenklich: „Originell muß das sein, unerkannt ein Fest mitzufeiern, ein Fest unter lauter Masken. Immer hat mich das schon gereizt." Ihre Augen leuchteten. „Musik hören und tanzen dürfen, dabei Lachen und Scherz um sich haben, das lockt. Ich freue mich darauf, Kathrin!"
„Kannst du denn überhaupt tanzen?" fragte die Nähkathrin.
„Und ob! Eva Zoll hat's mir beigebracht. Im Büro in der Frühstückspause. Da tanzen wir immer ein bißchen. Don Eva Zoll habe ich ja auch, wie ich vorhin sagte, die Karte zum Maskenball. Ihr Vetter ist Oberkellner im Hotel ,Zum Einhorn'."
Zwei Tage später brachte Nähkathrin das Kleid schon zur Anprobe. Es saß vorzüglich, und als Franziska Karsten am Abend des Maskenballs, in dem Kleid mit dem Diadem im Haar vor dem Spiegel stand, mußte sie sich gestehen, kein Mensch würde hinter der Eleganz des wertvollen Stoffes,
dem Gefunkel des wundervoll imitierten Diadems eine kleine Maschinenschreiberin der Radio-Radix- Werke vermuten.
Eva Zoll, ein stisches braunhaariges Mädel, kam als Rotkäppchen, um sie abzuholen.
Sie machte der Freundin eine scherzhaft tiefe Verbeugung und stellte fest: „Du siehst aus wie eine Hofdame oder sowas von^ganz früher. Weißt du, bei uns hängt ein alter Stich, da ist Napoleon I. drauf und ’ne Menge Herren und Damen. Zu den Damen würdest du in dem Kleide gut paffen."
Sofie Karsten trat ins Zimmer. Ihre Augen leuchteten auf beim Anblick der wunderschönen Enkelin, und zugleich empfand sie Trauer, weil Fränze der geliebten, zu früh verstorbenen Tochter so sehr ähnelte, als wäre sie wieder auferftanden aus ihrem Grabe. Möchte Fränze glücklicher wer- den, als ihre Mutter geworden.
Sie umfaßte das schlanke Mädel.
„Sei recht vergnügt diesen Abend, Kind, hole dir Vorratsfreude für viele stille Winterabende."
Franziska blickte die ältere forschend an.
„Fühlst du dich wohl, ärgert dich dein Herz auch heute nicht? Sonst bleibe ich bei dir."
Sofie Karsten wehrte lebhaft ab.
„Nein, nein, Fränze, mein Herz benimmt sich in letzter Zeit sehr vernünftig, brauchst dich nicht zu sorgen." Sie küßte sie auf die Wange: „Gute Nacht, Franze, und komm vergnügt wieder nach Hause!"
Franziska sah die Großmutter an, und es durchzuckte sie, zu sagen: Nein, du gefällst mir heute nicht, ich habe Angst um dich und bleibe lieber zu Hause! Das Gesicht der alten Dame schien ihr heute auffallend müde und abgespannt.
Eva Zoll mahnte: „Wir sollten jetzt gehen, Fränze, es ist schon reichlich spät. Um acht ein halb fängt die Geschichte an, und jetzt ist's fast eine Stunde später."
Sofie Karsten drängte ebenfalls: „Ja, geht nur, sonst habt ihr nicht mehr viel vom Vergnügen."
Eva lachte: „Nö, weil sowas vor der Demaskierung eigentlich am ulkigsten ist."
Die alte Dame nahm noch einmal die Hand der Enkelin. „Nütze die freien frohen Feststunden, Kind, Arbeitstage kommen noch genug."
Nachdem die beiden Mädchen, in Mäntel und Tücher gehüllt, gegangen waren, ließ sich Sofie Karsten in den Lehnstuhl fallen, der im Wohnzimmer stand. Sie fühlte sich heute völlig erschöpft, dermaßen erschöpft, als hätte sie eine äußerst schwere und anstrengende körperliche Arbeit hinter sich. Das Herz setzte ihr sehr zu, und sie wußte, bald würde es für immer streiken. Deshalb war sie froh, daß Fränze eine gute und feste Stellung hatte, denn viel konnte sie ihr nicht hinterlassen. Dreitausend Mark besaß sie noch. In guten Banknoten. Sie lagen in dem kleinen Rollschreibtisch. Da gab es, wenn es einmal mit ihr zu Ende war, keine Erb- fchwierigkeiten. Fränze war einundzwanzig, und
bau ^eld gehörte ihr. Sie verdiente ganz nett und war ein kluges, vernünftiges Mädel. Sie würde nicht auf so romantische Weise ins Unglück laufen, wie ihre Mutter es getan.
Sie schloß die Augen und dachte nach.
Bild auf Bild kam aus der Vergangenheit herauf, und die Bilder reihten sich zusammen wie zum Film. Einundzwanzig war ihre Tochter Charlotte gewesen, da war sie als Korrespondentin für deutsche, italienische und englische Sprache von einer großen Pariser Parfümfabrik engagiert worden. Sie wollte zu gern ins Ausland, um einmal, wie sie sich ausdrückte, fremde Luft zu atmen. Sie selbst war damals schon Witwe, ihr Mann hatte ihr ein kleines Papiergeschäft hinterlassen, das nur wenig abwarf, und da gab sie dem Wunsche der Tochter nach. Charlotte hatte so siegessicher aufgetrumpft: Ich werde in Paris ein großes Glück machen, Mutter, ich ahne es, fühle es. Hierher in unser Städtchen kommt das große Glück nicht!
So hatte sie die einzige Tochter abreifen lassen. Vergnügte, frohe und zufriedene Briefe waren aus Paris gekommen, zuletzt solche, die irgendein ganz großes Glück durchschimmern ließen. Die letzten Briefe waren wieder verschlossener, und dann, eines Abends, als sie gerade ihr kleines Geschäft schließen wollte, drängte sich eine dunkelgekleidete Frau an ihr vorbei in den Laden, von Tränen überströmende Augen sahen ihr ins Gesicht.
Charlotte war zurückgekommen.
Acht Tage später kam ein kleines Mädchen auf die Welt. Das war ihre Enkelin Franziska Karsten.
Gleich nach der Geburt starb die junge Mutter, die überhaupt nicht mehr zum vollen Bewußtsein gelangt war.
Nichts, aber auch gar nichts fand sich in ihrem geringen Nachlaß, was auf den Namen des Vaters hätte schließen lassen. Auch vor der Geburt des Kindes hatte Charlotte darüber tiefes Schweigen bewahrt. Hatte nur immer wieder gebeten: Laß mich, liebste Mutter, quäle mich nicht. Wenn das Kind da ist, sollst du alles erfahren, alles!
Aber als das Kind da war, legte ihr der Tod die Knochenhand auf die Lippen, zwang sie zu ewigem Schweigen.
Von da an fühlte sie, die bisher so kräftige Sofie Karsten, oft starke Herzschmerzen. Seit die Enkelin geboren wurde und die Tochter starb, quälte sie das Herz. Don Jahr zu Jahr wurde es schlimmer, und vor einigen Monaten verkaufte sie das Papiergeschäft, bezog eine «kleine Wohnung. Franziska verdiente so viel, daß sie beide bescheiden davon leben konnten, und der Erlös für das Lädchen lag als eiserner Bestand im Schreibtisch.
Wer Franziskas Vater war, die Frage hatte sie sehr oft beschäftigt, aber sie war sich darüber klar, keinerlei Nachforschungen anzustellen. Charlotte hatte geschwiegen, sie durfte nicht in das Geheimnis der Toten einbringen. Das Geheimnis ihrer toten Tochter war ihr heilig. Sie hatte Franziska
oft von der Mutter erzählt, in ihren Erzählungen war die arme Glücksucherin zu einer Märtyrerin geworden. In Franziskas Zimmerchen hing das Bild der Mutter in einem Rahmen, der dicht mit schwarzem Krepp umwickelt war.
Die alte Frau lächelte traurig. Nun würde sie bald bei Charlotte sein, vielleicht würde ihr in der Ewigkeit offenbar, was ihr ein armer junger Mund so willensstark verschwiegen.
Sie legte die Hand über die Auaen. Die Erinnerung bedrängte sie heute gar zu sehr. Das kam, weil Franziska heute das schöne schwere Seidenkleid der Mutter trug und das Diadem.
Sie schalt sich selbst. Weshalb so viel an Trauriges denken? Sie sollte sich lieber zur Ruhe begeben, sie war es gewöhnt, um zehn Uhr schlafen zu gehen.
Sie erhob sich und öffnete den Schreibtisch. Ab und zu überzeugte sie sich gern von dem Vorhandensein des Geldes. Natürlich, es lag an feinem Platz, und sie freute sich, daß es bis jetzt nicht nötig gewesen, etwas von dem schönen Geld zu nehmen. Sie zählte die Scheine. Lauter Hunderter waren es, und sie zählte bis dreißig.
Eben wollte sie das Geld wieder an seinen Platz zurücklegen, da wurde ihr seltsam schlecht. Es war, als hätte sie gar keine Füße mehr. Ihr Körper schien ihr federleicht, und sie schwankte, hielt sich mühsam am nächsten Stuhl, glitt daran nieder, tag auf den Knien.
Furchtbare Angst erpreßte ihr Schweißtropfen, und wie aus weiter Ferne hörte sie draußen an der Tür ein Klopfen. Auf den Knien rutschte sie zur Flurtür, öffnete mühsam.
Die Nähkathrin riß die Augen weit auf.
„Aber um des Himmels willen, Frau Karsten, was fehlt Ihnen denn?"
Sie trat ein, half der alten Dame ins Zimmer, bettete sie auf das Sofa.
Sie sah den offenen Schreibtisch und das Geld. In ihren Augen funkte Gier auf. So viel Geld besaß die Karsten noch? Keine Ahnung hatte sie davon gehabt.
Sie ging in die Küche, holte Wasser für die wie ohnmächtig Daliegende. Sie stolperte, verschüttete das Wasser, mußte noch einmal zurück.
Sie sprach zu Sofie Karsten, erhielt aber keine Antwort. Sie nahm die Hände der Nachbarin, ließ sie aber sofort erschreckt wieder los. Sie waren so unbiegsam, so hölzern. Sie sah starre blicklose Augen und unterdrückte mühsam einen Schrei. <5ie hatte eine Tote auf das Sofa gebettet.
Kathrin Hofer lief zur Tür, aber von dorther wandte sie sich noch einmal um. Sie sah die Tote an und bann das Geld. Aufrührerisch dachte sic, Franziska verdiente sehr gut, sie war außerdem jung und hübsch, die Zukunft zeigte sich ihr noch freundlich. Sie dagegen? Mißgestaltet war sie und über die Vierzig weg. Wenn sie nicht mehr nähen konnte, blieb ihr nur die Anwartschaft auf Bettelbrot. (Fortsetzung folgt)


