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Nr.Z5 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Donnerstag, y. Zebruar M7

Oeffentliches Eintopfessen in Gießen.

14 Feldküchen bereiten das Mittagessen.

Am kommenden Sonntag, dem Eintopfsonntag des Monats Februar, findet in Gießen ein öffent­liches Eintopfessen statt, nachdem andere Orte unse­rer Provinz (z. B. Laubach, Schotten, Gedern, Bü­dingen, Friedberg) mit dieser Gemeinschaftsspeisung schon vorangegangen sind.

Auf dem Mittagstisch erscheint Pichel st einer mit Fleischeinlage. Das Essen wird durch 14 Feldküchen bereitet und im Klub, im Cafe Leib und im Studentenheim zur Ausgabe kommen. Die Portion kostet 60 Pf., sie wird reich­lich bemessen sein, so daß jedermann sich sattessen kann. Die Ausgabe des Essens erfolgt auf Eß­karten, die in den vorerwähnten Speisestätten aus­gegeben werden. Bestecke und Eßgeschirre sind, nach der Mitteilung der Kreisamtswaltung der NSV.,

in ausreichender Zahl vorhanden. Das gemeinschaft­liche Mittagessen beginnt in allen drei Lokalen um 12 Uhr. Die Ausgabe wird sich natürlich über eine gewisse Zeit erstrecken, etwa bis 14 Uhr, so daß niemand sich drängeln oder zumSchlangenstehen" bereitmachen muß.

Musikalische Darbietungen der Musikkapelle un­seres Gießener Regiments, des Musikzugs der SA- Standarte 116 und des Musikzugs der Marine-SA. werden während des gemeinschaftlichen Mittag­essens schöne Unterhaltung bereiten.

Die Feldküchen, die am Sonntag vor den ein­zelnen Speisestätten vorfahren werden, sollen am Samstagnachmittag auf einer Fahrt durch die Stadt die Aufmerksamkeit aller Volksgenossen auf sich lenken.

Aufruf!

Sofortiger Abschluß des Lehrvertrages!

Immer wieder vorkommende Fälle machen es notwendig, alle Volksgenossen, insbesondere Be­triebsführer, Lehrmeister, Eltern und Jugendliche, darauf aufmerksam zu machen, daß sofort nach der erfolgten Einstellung eines Lehrlings der Lehr­vertrag abgeschlossen und in die Lehrlingsrolle ein­getragen werden muß.

Der sofortige Abschluß des Lehrvertrages bedeutet nicht, wie noch vielfach von Lehrmeistern ange­nommen wird, einen Verzicht auf die Probezeit, im Gegenteil, der Lehrvertrag sieht sogar eine Probezeit vor, die bis zu 12 Wochen ausgedehnt werden kann.

Das Lehroerhältnis beginnt mit dem Tage der Unterzeichnung des Lehrvertrages. Jede zeitliche Verzögerung in der Unterzeichnung und Einreichung des Lehrvertrages bei den zuständigen Dienststellen bedeutet für den Lehrling eine unnötige Verlänge­rung der Lehrzeit, für den Lehrherrn unnötige finanzielle Ausgaben, weil die Befreiung von der Arbeitslosenversicherungspflicht erst von oem Zeit­punkte ab ausgesprochen werden kann, in dem ein schriftlicher Lehrvertrag abgeschlossen wurde.

Die berufliche Erziehung und Ausbildung des Lehrlings soll eine umfassende und geordnete sein. Eine wesentliche Voraussetzung für die Erfüllung

dieser Forderungen ist der sofortige Abschluß des Lehrvertrages. Damit der Lehrvertrag in die Lehr­lingsrolle eingetragen werden kann, muß der Industrie- und Handelskammer bzw. der Kreis- Handwerkerschaft zugleich mit dem Lehrvertrag eine Bescheinigung über erfolgte Berufsberatung, die das Arbeitsamt ausstellt, vorgelegt werden. Diese Bescheinigung wird nur ausgestellt, wenn der Jugendliche durch das Arbeitsamt in die Lehrstelle eingewiesen worden ist.

Die Deutsche Arbeitsfront,

Abteilung für Berufserziehung und Betriebs­führung in den Kreiswaltunaen Wetterau, Als­feld, Schotten und Lauterbach.

Arbeitsamt Gießen

für die Kreise Gießen, Friedberg, Alsfeld, Schotten, Lauterbach und Büdingen.

Industrie- und Handelskammer Gießen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.

Industrie- und Handelskammer Friedberg

für die Kreise Friedberg, Büdingen und Schotten.

Kreishandwerkerschaften

Gießen, Friedberg, Alsfeld, Schotten und Lauterbach.

Aus 0er Provinzialhauptstadt.

Oie ersten Frühlingsboten.

Die Herrlichkeit des Winters war nur kurz. Lange mußten wir warten, bis ringsum alles in ein weißes Kleid gehüllt war, und kaum fuhren die ersten Schlitten durch die verschneiten Dörfer, da kam das Tauwetter und zerstörte des Winters Herrschaft. Noch werden auch in den nächsten Wo­chen Schneeflocken vom Himmel fallen, Stürme werden noch herrschen, und kalter Regen wird an unsere Fenster schlagen. Aber ein rechter Winter wird nicht mehr kommen. Die Sonne ist schon zu stark geworden. Der Frühling hat sich angezeigt. Noch sehen wir nicht viel, aber wir fühlen es. Je­der warme Sonnentag hilft weiter. Die Meisen Hüpfen munter auf den Bäumen hin und her und versuchen immer wieder ihr zartes Liedchen zu zirpen. Bald beginnen auch die Stare.

Draußen in der Ecke des Gartens steht einer, der voller Unruhe ist. Das ist der Haselnuß-Strauch. Da hängen die länglichen Kätzchen und lassen bei jedem Windzug eine Wolke des feinsten Blüten- staubes in die Luft fliegen, und wenn wir scharf Hinschauen, dann sehen wir auch die kleinen weib­lichen Blüten, die wie rote Sternchen am Ende der Zweige stehen. Sie sind schon bereit, den Blü­tenstaub zu empfangen. Der Haselnuß-Strauch kann nicht warten, bis die Bienchen kommen, um ihm den Blütenstaub zu übertragen. Er will der erste sein im Frühling. In seinen Aesten und Zweigen pulst schon das neue Leben, und es wird nicht lange dauern, dann werden sich auch die Weiden­kätzchen, die dort an den alten Bäumen am Bache so neugierig aus ihren braunen Knospenkapuzchen hervorschauen, gelb färben und ihren Blütenstaub gern und willig den summenden Bienchen darbieten. Dann werden die Tage länger sein, und die Sonne wivd die kleinen Sammler aus ihren Stöcken locken.

Im Garten stehen aber noch andere Frühlings­boten. Das sind die Schneeglöckchen. Dort in der geschützten Ecke haben sich ihre weißen Glöckchen schon voll entfaltet. Gebeugt und bescheiden stehen sie da. Bei jedem Luftzug zittern sie. Im tiefsten Herzen drinnen aber hören wir das lockende Läu­ten dieser ersten Blumen. Nicht weit davon wach­sen die Christrosen, die den ganzen Winter über geblüht haben. Wir sahen sie oft mit Freuden, holten kleine Sträußchen in unser Zimmer, aber sie standen da in ihrer kalten Pracht und erwärm­ten nicht so unsere Herzen wie die zarten Schnee­glöckchen.

Auch den Wald durchzieht ein Duft von frischem Saft der Bäume, vom Schwellen und Wachsen in der Erde. Wie das stärkt und ermüdet zugleich! Ueberall quillt neues Leben hervor. Der Wind trägt den Duft zu uns. Auch die Blüten des Seidel­bastes öffnen sich. Und wie der Haselnuß-Strauch verschwenderisch seinen Blütenstaub in qoldnen Wolken dahingibt, so entströmt dieser Wunder­blume ein betäubender Dust.

Bald werden auch, die Zugvögel, die noch irgendwo in den warmen LHid^.m sitzen, diese Vorfrühlings­unruhe in ihrem Herzen fühlen und zu uns zurück­kehren. Dann kann der Frühling einziehen. H.

Dornoiizen.

Tageskalender für Donnerslag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Seine Tochter ist der Peter". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Der luftige Witwenball". Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, Deutscher Biologenver­band: 20.15 Uhr Lichtbilderoortrag von Herrn Prof. Ankel im Hörsaal des Zoologischen Instituts über Reise eines Zoologen nach Dänemark und Schwe­den". Kirchliche Woche der Luthergemeinde: 20 Uhr spricht Hauptpastor D. I annasch (Berlin) in der Kapelle des Alten Friedhofs überDas alte Testament ein Buch von der göttlichen Erlösung".

Spielplanänderung im Sladlthealer.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Infolge plötzlicher Erkrankungen im Personal findet

am Sonntag, 14. Februar, die Aufführung der OperCarmen" von G. Bizet nicht statt. Dafür geht die neue Schwank-OperetteLehrling gesucht" von Lindt-Diergardt in Szene. Anfang der Vor­stellung 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr. Außer Miete.

Einmaliges Gastspiel der Tanzgruppe Günther (München).

Die Intendanz des Stadttheaters Gießen hat wie sie uns mitteilt die Tanzgruppe Günther (München) mit dem eigenen modernen Tanzorchester zu einem einmaligen Gastspiel am Montag, 15. Februar, verpflichtet. Die Tanzgruppe Günther hat in Deutschland und im Auslande sehr große Er­folge errungen. Auf den internationalen Tanzwett­spielen der Olympiade Berlin 1936 wurde die Tanz­gruppe mit der höchsten Anerkennung ausgezeich­net. Das Gastspiel findet außer Miete statt. Die Intendanz macht darauf aufmerksam, daß das Gastspiel zu den üblichen Schauspiel-Preisen statt- finbet.

WilhelmBufch-Abend.

Am kommenden Freitagabend wird, wie man uns mitteilt, der in unserer Stadt bekannte heitere Vor­tragsmeister Emil Kuehne auf Einladung des Goethe-Bundes und Kaufmännischen Vereins einen Wilhelm-Busch-Abend geben. Zur besonderen Über­raschung wird der Künstler einen Teil seiner Dar­

bietungen durch Lichtbilder aus Buschs Werken illustrieren. (Siehe heutige Anzeige.)

AuSparteiamtlichenBekanntmachungen

Die Fachschaft 13, Gemeindebeamte, im Reichsbund der Deutschen Beamten, Kreisabschnitt Gießen, veranstaltet am kommenden Samstag, 13. Februar, 20 Uhr, imAquarium" zu Gießen, Walltorstraße, einen Kameradschaftsabend, bei dem Pg. Böcher von der Gauamtsleitung Frankfurt sprechen wird.

NSOAp. Amt für Volkswohlfahrt.

Ortsgruppe Gießen-Nord.

Am Donnerstag, 11., und Freitag, 12. d. M., wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord die Pfund- sammlung durchgeführt.

Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfund­päckchen bereitzulegen.

Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.

Belr. Tagung aller Unterbannführer, Gefolgschafts­führer und Stellenteiter des Bannes 116.

heute pünktlich 20.15 Uhr findet auf der Bann­dienststelle eine Besprechung aller Unterbannsührer, Gefolgschastsführer und Stellenleiter des Bannes 116 statt.

Oie Straßenbahn-Omnibusse beginnen den Betrieb.

Am morgigen Freitag, 12. Februar, wird der Betrieb der Straßenbahn-Autoomnibusse als Pen­dellinie von der StraßenbahnhaltestelleStadt Lich" bis zur Waldkaserne und umgekehrt ausgenommen. Der erste Wagen wird um 6.22 Uhr von der Schul­straße aus abfahren, an der HaltestelleStadt Lich" (Bergkaserne) um 6.29 Uhr weiterfahren. Der zweite Wagen fährt von der Bergkaserne ab um 6.46 Uhr, der dritte Wagen ab 6.58 Uhr. Für den Abend­verkehr sind Fahrten ab Bergkaserne um 20.46 und 22.56 Uhr vorgesehen, für die dazwischen liegenden Zeiten sind hinsichtlich der Verkehrsdichte noch Prü­fungen im Gange. Sobald der Fahrplan auf Grund der'ersten Erfahrungen endgültig festgesetzt ist, wird seine Veröffentlichung erfolgen.

Nach dem Fasching der Eintop,!

NSG. Kaum find die frohen Tage des Karnevals vorüber und schon tritt die Nation wieder zu dem monatlichen gemeinfamen Opfer, dem Eintopfessen, an. Mag auch dieser Eintopf dieses Mal für man­chen eine willkommene Gelegenheit sein, so gilt es gerade mit dem Eintopfsonntag am 14. Februar zu beweisen, daß über Frohsinn und närrische Ausge­lassenheit das deutsche Volk nicht seine Pflicht der Gemeinschaft gegenüber vergißt.

Bei der 5. Sammlung wird jeder wie bisher sei­nen Baustein mit dazu beitragen, daß anderen Vvlskgenossen geholfen wird. Niemand wird sich von dem Hilfswerk der Bewegung abschließen, weil er damit seinen sozialistischen Einsatz einmal wieder tätig bezeugen kann. Nicht durch Worte wird der hunger gestillt und die Not gelindert, sondern einzig und allein durch Opfer, mögen sie auch noch so klein sein.

Der Führer hat Millionen von Volksgenossen wieder eine sichere Existenz gegeben, daraus aber erwächst für alle die Verpflichtung, durch eine freu­diges Opfer zu helfen.

Der kommende Eintopfsonntag darf hinter den bisherigen Eintopfsammlungen im Gau Hessen- Nassau nicht zurückstehen! Jede einzelne Spende ist ein Bekenntnis zum Aufbauwerk des Führers. Wer würde da zurückstehen!

Gießener Wochenmarktpreise.

* Gießen, 11. Febr. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: D. f. Molkereibutter, % kg 1,57 Mk., f. Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 14, Klasse A 13, Klasse B 12, Klasse C 11/», Klasse D 10%, un- gezeichnete 10, Wirsing, % kg 10 bis 15, Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 10 bis 12, gelbe Rüben 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 12 bis 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat 50 g 10 bis 12, % kg 80 Pf. bis 1 Mk., Tomaten 60 Pf., Zwiebeln 8 bis 10, Meerrettich 30 bis 60, Schwarz­wurzeln 25 bis 35, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5 kg 44 Pf., 50 kg 3,50 bis 3,70 Mk., Aepfel, % kg 15* bis 20 Pf., Tafeläpfel 25 bis 45, Birnen 15 bis 25, Suppenhühner 80 bis 90 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mk., Tauben, das Stück 50 bis 60 Pf., Blumenkohl 30 bis 60, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 40, Rettich 5 bis 15, Spinat, % kg 30 Pf.

*

** Personalveränderung en im Ober­landesgerichtsbezirk Hessen - Darm­stadt. Der Gerichtsassessor Paul Wiegand in höchst i. O. wurde zum Amtsgerichtsrat beim Amts­gericht Haigerloch ernannt; der Amtsgerichtsrat Dr. Wilhelm Friedrich (Groß-Gerau) mit Wirkung

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Ostpreußischer Kamin und Segelschlitten. Von Margarete von Olfers.

Am Ende der Welt, unserer deutschen Welt, liegt das alte Gutshaus, das ich nach langer Zeit wieder besuchen wollte. Ich fuhr durch flaches Land, aus dem hin und wieder kleine Städte auftauchten, Häuser, die rund um die hochgestellte backsteinerne Ordenskirche aufgebaut waren. Das Sonnenlicht des klaren Frosttages lag auf den Eisflächen klei­ner Gewässer, es tauchte die weiße Dampfwolke, die dem Schornstein der Lokomotive in luftigen Schwingungen entstieg, in goldenes Licht. Dann wurde der Boden wellig, der Waldbestand dichter und dichter, es wurde immer einsamer, hier war wenig Schnee gefallen. Der Himmel, klar wie Glas und am Horizont rot und rosig gefärbt, spannte sich weit.

Mitten in dieser Einsamkeit befand sich ein klei­nes Stationsgebäude, hier mußte ich aussteigen. Es war noch ein weiter Weg im Auto bis zu dem alten Gutshaus. Endlich aber sah ich den großen See auftauchen, der sich waldumstanden weit, weit erstreckt und an dem das Gutshaus liegt. Zuerst wird das Dorf sichtbar und dann, hoher gelegen, das Ziel meiner Reife, das schone Herren­haus aus dem 18. Jahrhundert. In Windungen und hohen Hecken, an der Orangerie vorbei, kommt das Auto vorgefahren. Es gibt nichts Gemüt­licheres, als wenn dann die breite eichene Tür auf­geht, ein warmer Lichtschein herausfällt und in dem Lichtschein der alte Diener erscheint, der nun schon seit vierzig Jahren immer gleich freundlich und in herzlicher Ergebenheit als Erster die An­kommenden begrüßt.

Es ist der Auftakt zum Empfang in der Halle, Türen öffnen sich von allen Seiten, die halberwach­senen Kinder des Hauses kommen angesprungen, Jagdhunde schweifwedelnd angetrottet. Die Haus­frau erscheint, anmutig und mit jener herzens­warmen Freude und Freundlichkeit, die dem ganzen Hause das Gepräge gibt. Ich kenne kein zweites, in deiy alt und jung so fröhlich ist wie dieses hier. Wer tiort den Angestellten verließe je dieses Haus, es fei denn, er heirate! Dann aber geschieht das nicht ohne besondere Festlichkeiten.

In der Zeit meines Aufenthaltes wurde gerade ein Abschiedsfest für die nun heiratende langjährige Rendantin vorbereitet, hundertfünfzig Gutsleute wurden dazu als Gäste imSchloß" erwartet, zu Kaffee und Kuchen, Spiel und Tanz. In der Küche im Erdgeschoß, das noch gewölbte Decken aus

ältester Zeit hat, stand die Wirtin in weißer Schürze, wie eine freundliche Fee, glänzte wie eine freundliche Sonne über den Fladen, die die Tische bedeckten, und trug mit liebevoller Hand Sand­kuchen auf Sandkuchen in die Speisekammer. Zwei­hundert Pfannkuchen aber sollten noch an dem Festtag selbst gebacken werden man sah es, hier ward gern geschafft für die große ländliche Familie!

Die schönste Stunde itp alten Landhaus ist die am Abend vor dem Kamin, der so hoch ist, daß ein Erwachsener bequem darin stehen kann. Da haben denn auch riesige Holzstubben Platz. Mit Kienspan und Säge-mehl und mit Hilfe des Blasebalgs in Brand gesetzt, flammen sie bald auf, wie rote wehende' Fahnen. Wir lagen alle, Kinder, Erwach­sene und Hunde, auf großen Kissen davor und sahen in die Glut. Ab und zu wurden neue Holz­scheite in das Feuer geworfen öder auch Kienäpfel Schischken, wie man in Ostpreußen sagt, die knacken und knatterten wie Gewehrfeuer.

In unsereTräumereien am Kamin" drangen die Klänge vollendet schönen Klavierspiels. Die Großmutter des Hauses saß im Nebenzimmer am Flügel und spielteihren Chopin", wie nur jemand ihn spielen kann, der einen Tropfen slawisches Blut in den Adern hat. Als die Flammen erloschen, wurde ich befragt, ob ich im Mondschein auf dem See Segelschlitten fahren wollte. Da wäre jetzt ein neuer Schlitten, der ginge wundervoll. Ob ich wollte!

Wir liefen zwischen den nachtdunklen Stämmen alter Linden die Terrassen hinab zum See. Die glasklare Eisfläche lag weit und bläulich vor uns im Mondlicht. Der Schlitten stand schon bereit, fein Segel hob sich milchweiß und spitz wie der Flügel einer Möwe in das Licht. Ich kroch in einen Pelz­fußsack, lag der Länge nach bäuchlings im Schlit­ten, eine Pelzdecke wurde über mich gebreitet, nur mein Kopf, durch eine Pelzmütze geschützt, sah her­aus. Der Schlitten wurde angeschoben, mein Be­gleiter sprang herein, legte sich an das Steuer und fort ging es über den See. Es war eine märchen­hafte Fahrt. Ich hob den Kopf und sah in den Nachthimmel, die Sterne funkelten klar und scharf, es war ein unbeschreiblicher Glanz.

Der See aber war so durchsichtig und klar im Mondschein, daß ich glaubte, bis auf den Grund blicken zu können. Wir jagten um eine Insel, jede Kurve wurde mit schwindelnder Schnelligkeit ge­nommen, wir kamen in einen Wirbel hinein, dann aber glitten wir gleichmäßig weiter in achtzig Kilo­meter' Geschwindigkeit, hoppelten wohl mal über einen Ast oder ein anderes Hindernis, aber im ganzen war die Bahn unvergleichlich. Die uns be­gleitenden Schlittschuhläufer blieben zurück. Wir

stießen wirklich wie ein Vogel voran, flogen mit leichten Flügeln über die gläserne Fläche weiter durch die Mondnacht...

Gesang in der Badewanne.

Von Christian Bock.

Es ist nun so: In den Fluten der Badewanne wird der Mensch wie er im Anfang war, frisch und neu wie am ersten Schöpfungstag. Er sitzt und freut sich über die zehn Zehen, die er hat, er wackelt mit ihnen und ist schlichthin und ganz für sich vergnügt. Er planscht, spritzt, rauscht mit dem Wasser herum und fängt ohne Grund, fast wie einem Urtrieb folgend, laut zu fingen an. Wer, ich bitte euch, tut das nicht?

Nur der Spießer singt in der Badewanne nicht: er wäscht sich.

Aber in jedem anständigen Kerl, der noch ein bißchen Innenleben hat, den überhaupt das Leben noch ein bißchen freut, in dem staut sich im Lauf von 24 Stunden eine Arie an, die hinauswill. Und weil sich's nun mal auf unseren Straßen, überhaupt so öffentlich, wie wir Heuer in unseren Städten leben, nicht gut fingen läßt darum also kommt's einem,wie von selbst, in Dur und Moll, sobald man in die Budewanne steigt und bemerkt, daß man hier herrlich allein ist, daß hier eigentlich niemand her­einkommen und kritische Bemerkungen machen kann: Entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich störe, aber Sie fingen vorn eins zu tief und hinten eins zu hoch! Wen es stört, der kann sich nur mit beiden Mittelfingern die Ohren verstopfen, mehr kann er nicht. Es ist ganz wunderbar.

Und dann gibt es da in der Badewanne noch etwas, was man ohne jede Scham darf: mit der Seife spielen. Es ist bekannt genug, daß es auch jeder tut, nur einer nicht (wie auch oben) nur der Spießer tut es nicht: er badet seinen Leib.

Der Schüler, der auf die Frage seines Lehrers: Was hatte Archimedes gefunden, als er in der Badewanne ausrief:heureka ich habe es ge­funden!" der Schüler der darauf antwortete: Die Seife, Herr Lehrer!", hat wahrscheinlich von seinem Lehrer eine fünf oder einen Tadel ins Klas­senbuch bekommen, aber er war nicht so dumm. Er wußte jedenfalls etwas von einer menschlichen Urleidenschaft, die längst im Menschen schlummerte, ehe noch die Seife selbst erfunden wurde, von der Urleidenschaft, in der Badewanne mit der Seife Schiffchen zu spielen.

Zu alledem singt man. Am besten gefahrvolle Balladen, in denen ein Schiff in den Wellen un­

tergeht, oder gräßliche Bänkelsänge und lyrische Moritaten.

Die meisten von uns werden übrigens sicherlich schon bemerkt haben, daß Badezimmer, weil sie klein sind, ziemlich leer und nach allen Seiten ab­geschlossen sind, bei einem bestimmten Ton eine wunderbare Resonanz geben, eine, die das Haus erschüttern kann, daß die Fensterscheiben klirren. Wer dies etwa noch nicht entdeckt hat, dem sei empfohlen, einmal den Versuch zu machen. Man klettert die Tonleiter von oben langsam herunter bei irgendeinem Ton wird man dann hören: da ist's. Da, an dieser Stelle bleib einmal und finge diesen einen Ton. Unentwegt. Das ganze Badezim- wer zeigt diese Resonanz beim Kammerton an. So genau, daß man danach ganze Orchester stim­men kann.

Aber was ich hier eigentlich vor allem sagen wollte, war eben dies: Nur Spießer fingen in der Badewanne nicht. Sie waschen sich, die Guten. In ihnen gibt es keinen Gesang, der hinauswill. Aber in uns. So, und nun stört auch niemals einen, der in der Badewanne singt. Laßt ihn, so schief und schräg er immer singt, es tut nichts.

Ein nachgelassener Roman von pirandello.

Wie aus Rom berichtet wird, ist ein fast voll­endeter Roman von Pirandello in feinem Nachlaß gefunden worden. Der Dichter beschreibt hier einen Besuch, den er der Welt eine Million Jahre nach seinem Tode abftattet. Er findet, daß alle Dinge und auch alle Menschen zugrunde ge­gangen sind, abgesehen von zweien, einem jungen Engländer und einer jungen Spanierin. Diese beiden menschlichen Wesen tragen nun in sich alle Kennt­nis, die die Menschheit in Tausenden von Jahren auf­gesammelt hat, aber da sie die einzigen überleben­den Geschöpfe in der endlosen Wüste sind, müssen sie die Weltgeschichte von vorn anfangen, nach den elementaren Notwendigkeiten und Triebkräften des Lebens. Der Leser erlebt die Wiederbevölkerung der Welt und den Neuaufbau der menschlichen Zi­vilisation durch die Nachkommen dieser beiden Ueberlebenben. Was ist nun der Unterschied zwischen ihrer Kultur und unserer eigenen? In beiden Fäl­len wird der Ursprung hergeleitet vonAdam und Eva" so lautet denn auch der Titel des Ro­mans. Pirandello stellt philosophische und satirische Betrachtungen über die Ähnlichkeit der neuen Rasse mit der verschwundenen an und zeigt, wie alle Dinge aus natürlichen Grundlagen in uns sich entwickeln, die nichts zu tun haben mit Kenntnissen und Erfahrungen.