Kr.132 Zweiter Blatt_______________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen- Vonnerrtag, 10. Zum 195Z
Kulturarbeit auf dem Lande.
Eine schier unerschöpfliche Fundgrube der Verspottung und Verhöhnung erblickten noch vor einem halben Jahrzehnt gewisse Witzblätter im deutschen Landvolk. Diese Zeitungen konnten sich nicht genug darin tun, den Bauern als dumm, einfältig und rückständig hinzustellen, als einen Menschen, mit dem man kein vernünftiges Wort sprechen könnte. Diese Zersetzungsarbeit brachte es mit sich, daß die Städter oft überheblich und geringschätzig auf das Landvolk herabsahen, während auf der anderen Seite der Bauer in der Stadt und in allem, was aus ihr kam, häufig den Herd der Sittenverfäulnis und des Niedergangs erblickte.
Dem Nationalsozialismus gelang es in kurzer Zeit, diese Gegensätze aus der Welt zu schaffen und zu erreichen, daß heute Stadt und Land in einer Front marschieren. Beide haben eingesehen, daß sie unlösbar zusammengehören und daß einer ohne den anderen nicht bestehen kann. Das Erfreuliche an dieser Entwicklung aber liegt darin, daß nU)t nur ein politischer Gleichklang erzielt worden ift, sondern daß Stadt und Land auch mehr und mehr daran gehen, kulturell zusammenzuarbeiten. Ländlichem Brauchtum steht heute der Städter nicht mehr verständnislos gegenüber, und die Zeiten, da bäuerliche Trachten, die sich oft durch Jahrhunderte vererbt haben, von der Stadtbevölke- rung ausgelacht wurden, sind für immer dahin. Wenn heute bei der Feier des Erntedankfestes Bauernabordnungen in die Städte kommen, dann sind sie stets Mittelpunkt besonderen Interesses und herzlicher Zuneigung.
Wenn wir von kultureller Zusammenarbeit sprechen, dann ist das natürlich nicht so zu verstehen, daß nun einfach Dorf für Dorf mit Veranstaltungen „überfallen" wird, wie sie in den Städten gang und gäbe sind. Das würde ein völliges Fiasko ergeben, denn wir müssen uns stets darüber klar sein, daß diese kulturelle Arbeit, die Feierabendgestaltung, aus dem Dorfe herauswachsen muß, von dem Leben auf dem Lande sprechen sowie den Menschen an die Scholle binden soll. Um aber diese Arbeit in richtige Bahnen zu lenken und sie so zu gestalten, daß sie sich wirklich erfolgreich auswirkt, ist es erforderlich, eine gewisse Planmäßigkeit zu schaffen. Diesem Ziel dient ein Abkommen, das kürzlich zwischen dem Reichsorganisationsleiter Dr. Ley und dem Reichsbauernführer Reichsminister Darre abgeschlossen worden ist und das dem Amt „Feierabend" in der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" die Durchführung der kulturellen Arbeit, der Feierabendgestaltung auf dem Dorfe übertragen hat.
Diejenigen, die diese Feierabendgestaltung auf dem Dorf durchzuführen haben, müssen selbstverständlich mit dem Leben auf dem Lande vertraut sein, müssen es genau kennen, well sie bei der Gestaltung dieser Abende sich stets vor Augen zu halten haben, daß sie den Bauern dadurch am ehesten gewinnen können, daß sie ihm von seinem eigenen Leden erzählen. Es wird notwendig sein, bei dieser Feierabendgestaltung ganz schlicht und ganz einfach vom Alltag zu sprechen, wobei es besonders zweckmäßig ist, an die Geschichte des Volkes anzuknüpfen. Aber auch da wird man erst vom Kleineren auf das Größere kommen können, d. h. von der geschichtlichen Vergangenheit des Dorfes und seiner weiteren Umgebung ausgehend, sich der Geschichte der Nation zuwenden können. Gerade für diese Dinge ist der Bauer, der begreiflicherweise für den Gedanken der Heimat und der Scholle stets größeres Verständnis aufbringen wird als der Städter, besonders leicht zu gewinnen, wie die Erfahrung bereits gezeigt hat. Auch die Form dieser Feierabendgestaltung wird verschieden sein und sich auch naturgemäß den jeweiligen örtlichen Verhältnissen anzupassen haben. Oberstes Gesetz für diejenigen, denen diese kulturelle Betreuung des Landes obliegt, muß es stets sein, diese.Feierabendgestaltung vom Standpunkt des Dorfes aus auszuziehen. Wenn diese Abende eine geraume Zeit lang durchgeführt sind, dann wird man auch dazu übergehen können, Dinge vorzubring^en, die nicht ausgesprochen bäuerlichen Ursprungs sind, denn schließlich soll ja auch die Landbevölkerung mehr mit
dem Gedankengut der Stadt vertraut gemacht werden.
Daß im übrigen der Bauer sich gar nicht, wie man von mancher Seite hört, irgendwie abzuschließen und abzusondern pflegt, dafür legen die kulturellen Veranstaltungen Zeugnis ab, bi'e schon [eit Jahr und Tag der Reichsarbeitsdienst in allen deutschen Gauen durchführt. Es ist bekannt, daß zwischen dem Dorf und dem Arbeitsdienst eine besonders enge Verbundenheit besteht, die sich ja nicht zuletzt daraus ergibt, daß der ganze Einsatz des Reichsarbeitsdienstes darauf abzielt, den Bauern Neuland zu verschaffen. Hieraus hat sich eine enge Zusammenarbeit gerade auch auf kulturellem Gebiet ergeben, die darin zum Ausdruck kommt, daß der Arbeitsdienst entweder die Dorfbevölkerung in das Lager einladet oder im Dorfwirtshaus eine Veranstaltung durchführt, die, schlicht und einfach in ihrer Gestaltung, gerade dem Bauern oft mehr innere Werte vermittelt, als mancher annehmen möchte. Es werden Erlebnisse aus der Kampfzeit erzählt, aus guten Büchern wird vorgelesen, die Lagerkapelle spielt und auch Stegreifspiele der mannigfachsten Art fehlen nicht. Gerade wenn man sich vor Augen hält, daß Dörfer oft meilenweit von der nächsten Stadt entfernt liegen, wird man diese kulturelle Tätigkeit des Reichsarbeitsdienstes beson
ders zu würdigen wissen. Im übrigen ist auch die Hitler-Jugend in diesem Rahmen tätig.
Aber auch die Partei hat Mittel und Wege gefunden, um von einem anderen Ausgangspunkt, die bäuerliche Bevölkerung teilhaben zu lassen am Leben der Nation. Wir denken hier besonders an die Gaufilm st ellen, welche auf dem Lande bereits Tausende von Filmverstaltungen zur Durchführung gebracht und damit großen Anklang gefunden haben. Die Wichtigkeit dieser Arbeit wird besonders deutlich, wenn wir uns vor Augen halten, daß es einem großen Teil der Landbevölkerung vielleicht alle paar Jahre nur einmal möglich ist, in ein Kino zu kommen. So finden gerade gute Filme, die die Aufbauarbeit des nationalsozialistischen Staates zum Gegenstand haben, stets ein dankbares Publikum. Verschiedenartig und mannigfaltig sind die Wege, die von der Partei und ihren Gliederungen eingeschlagen werden, um die kulturelle Betreuung des Landes in neue Bahnen zu lenken. Sie alle haben das eine Ziel gemeinsam: dem Bauern, der bislang meist mißtrauisch all dem gegenüberftanb, was von außen an ihn herangetragen würbe, zu zeigen, baß er im neuen Staat nicht mehr abseits steht, fonbern gleichberechtigtes Glied in der Gemeinschaft der Nation ist.
8000 aktive Teilnehmer gemelbet. Man kann wohl annehmen, daß an den beiden Schlußtagen die Stadt Breslau, die etwa 630 000 Einwohner zählt, über eine Million Menschen verpflegen und beherbergen muß. Eine große Zahl der Besucher, nach den bisherigen Meldungen wohl etwa 30 000, werden nach dem Abschluß der festlichen Tage vorwiegend die schlesischen Bäder und Kurorte aufsuchen. Somit wird in diesem Jahre besonders das deutsche Gastgewerbe in der Südostmark vor eine schwierige Sonderausgabe gestellt, an deren Lösung schon jetzt von allen Beteiligten vorgearbeitet wird.
Das deutsche Gaststättengewerbe ift auch sonst nicht müßig gewesen. In allen Gauen bemüht man sich fortgesetzt, durch geeignete Maßnahmen den gesteigerten Anforderungen gerecht zu werden. So sind die Grundlagen für ein klares Preisangebot geschaffen worden, das eine wesentliche Voraussetzung für eine gesunde Werbung und die Zufriedenstellung des Gastes bedeutet. Die Schulung der Angehörigen des gesamten Gewerbes wird unter sachverständiger Anleitung in allen Teilen des Reiches fortgesetzt. Auf alle Fälle steht eins fest: Deutschland ist auf dem Wege, die ideale und vorbildliche Gaststätte zu schaffen, die allen Anforderungen, auch den höchsten, gewachsen sein wird.
H.D.
Gängeressen für 130000 Personen.
Unsere Gaststätten im Festspieljahr 1937.
Die Gaststätte ist ein Spiegel des Landes. Jeder Fremde, der die deutschen Städte und Gaue besucht, erhält seine er st en Eindrücke in den Hotels, in denen er übernachtet, und in den Gaststät- t e n, in denen er sich viele Stunden des Tages aufhält. Don dem, was er hier sieht und von der Art und Weife, wie er behandelt wird, wird zumal der ausländische Gast Rückschlüsse ziehen auf die allgemeinen Verhältnisse in Staat und Volksgemeinschaft. Die Gaststätten stehen im Brennpunkt des öffentlichen Lebens. Hier wird nicht nur geschlafen, gegessen und getrunken und ein Teil der geschäftlichen Verhandlungen abgewickelt, nein, auch die Geselligkeit, offizielle Empfänge, Feierlichkeiten und jedwede Unterhaltung spielen sich in den Gaststätten ab. Es gibt keine andere gewerbliche Betätigung, die in ähnlichem Umfange an allen Veranstaltungen beteiligt ift, ganz gleich, welchen Zweck diese verfolgen. So wird das Gaststättengewerbe immer wieder vor neue Aufgaben mit teilweise einmaligem und besonderem Charakter gestellt.
Erst im vergangenen Jahr hat das Ereignis der Olympischen Spiele außerordentliche Aufgaben vom deutschen Gastgewerbe gefordert, Aufgaben, die, 'aud) nach dem Urteil des Auslandes, durch eine großartige Organisation und durch eine wahrhaft gastronomische Anpassungsfähigkeit auch für die schwierigsten und ungewöhnlichsten Bedürfnisse der verscksiedensten ausländischen Besucher gelöst worden sind. Da Berlin damals im Mittelpunkt der Ereignisse stand, haben die Hotels, Fremdenpensionen und Gaststätten der Reichshauptstadt, etwa 13 500 an der Zahl, die Hauptlast an der Versorgung der rund. 500 000 Gäste pro Tag zu tragen gehabt. Diese einmalige Leistung wird immer ein besonderes Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Gastronomie bleiben. Durch die besonderen Veranstaltungen, die auch im Jahre 1 9 3 7 in großer Zahl stattfinden, wird abermals ein starker Besucherstrom nach Deutschland fließen. Erst- kürzlich hat der Leiter der Fachgruppe Beherbergungsgewerbe, Fritz Gabler-Heidelberg, im Zusammenhang mit dem Auslands-Fremdenverkehr von einer „unsichtbaren Ausfuhr" Deutschlands gesprochen. Nach seinen Mitteilungen wird für den Auslands-Reiseverkehr nach Deutschland fast ausschließlich die Registermark verwandt. Für die Zeit von 1933 bis November 1936 wurde über eine Milliarde Registermark beansprucht. Wenn man bedenkt, daß Ausländer auch aus eigenen Sperrgeldguthaben Reisen in Deutschland machen und daß auch Dawes- und Young-Mark für solche Zwecke flüssig gemacht wurden, so kommt man zu einem jährlichen Durch
schnittsumsatz von 350 Millionen Mark aus dem Auslandsreiseverkehr in Deutschland. Es handelt sich zwar nicht um einen Devisenzugang; in der Zahlungsbilanz findet er jedoch zum größten Teil zur Schuldenabtragung an die Stillhaltegläubiger Verwendung.
1937 wird das Jahr der deutschen Festspiele. Die besten Kräfte der deutschen Musik und des deutschen Theaters werden in festlichen Aufführungen ihr Können zeigen. Alle Städte werden sich bemühen, ihren Besuchern von nah und fern während der Reisezeit erlesene Genüsse kulturellen Erlebens zu bieten. Es handelt sich dabei um eine Fülle von Festwochen, von Theateraufführungen, Freilichtspielen, Konzerten und Ausstellungen.
Die Stadt Düsseldorf, in der zur Zeit die große Reichsausstellung „Schaffendes Volk" Zehntausende von Besuchern aus dem In- und Auslande anlockt, ist eine der Mittelpunkte der Ereignisse. In Düsseldorf läuft gleichzeitig die große Kunstausstellung „Nordwestdeutsche Kunst der Gegenwart" und bis zum 20. September „Die Deutsche Kolonialausstellung". Im Juni ist die Reichstheaterfestwoche in westdeutschen Städten vorgesehen und in der gleichen Zeit findet in Düsseldorf eine große Tagung des NS.-Lehrerbundes, des Deutschen Roten Kreuzes und des Brauereigewerbes statt.
Greifen wir aus der großen Zahl der festlichen Ereignisse eins heraus: das 12. deutsche Sängerbundesfest in Breslau. Die Sänger deutscher Zunge aus allen Teilen der Alten und der Neuen Welt werden vom 28. Juli bis 1. August in Breslau erwartet. Der deutsche Sängerbund ist bekanntlich eine weltumspannende Organisation, zu dem sich rund 800000 Mitglieder in Deutschland und 200 000 Sänger und Sängerinnen deutscher Sprache im Auslande bekennen. Die Sänger und die Gesangvereine gehören mit zu jener kulturellen Gästegruppe, die von jeher auf das Engste mit dem deutschen Gaststättengewerbe zusammengearbeitet hat. An der Entfaltung der deutschen Sangeskunst hat das Gaststättengewerbe insofern Anteil, als es nicht nur die Räume für die Veranstaltungen der Vereine zur Verfügung gestellt hat, sondern auch durch besondere bauliche Leistungen den Bedürfnissen der Sangeskunst Rechnung getragen hat. Jetzt in Breslau wird das dortige Beherbergungs- und Gaststättengewerbe wohl etwa 150000 Sänger und Sängerin- n e n unterbringen und verpflegen müssen. Ein Sängeressen für 130000 Personen ist vorgesehen. Aus Amerika haben sich allein bisher 1
Oie geschiedene Fran durch 14 Messerstiche gelötet.
Der Mörder zum Tode verurleilk.
LPD. Mainz, 6. Juni. Am 18. Februar dieses Jahres hatte der bereits 20mal vorbestrafte Wilhelm Eckert feine geschiedene Frau in ihrer Wohnung aufgesucht und durch vierzehn Messerstiche getötet. Eckert war kurz nach dem Mord verhaftet worden und hatte sich jetzt vor dem Schwurgericht zu verantworten. Wie sich aus der Verhandlung ergab, ist Eckert, der in den fünfziger Jahren steht, schon in der Vorkriegszeit mit den Gesetzen in Konflikt gekommen und hat u. a. auch eine Zuchthausstrafe verbüßt. Er ist als Trunkenbold und ge- waltätiger Mensch bekannt, der schon einmal einen Mann mit dem Messer in den Rücken gestochen hat. Bereits die erste Ehe Eckerts wurde geschieden und im Februar 1936 die zweite Ehe.
Die Verhandlung vor dem Schwurgericht dauerte zwei Tage und endete mit der Verurteilung Eckerts wegen Mordes zum Tode. In der Urteilsbegründung wird betont, das Gericht habe sich davon überzeugt, daß Eckert vorsätzlich und mit Bedacht den Mord ausgeführt habe. Der Angeklagte nahm das Todesurteil ohne jede Anteilnahme auf.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Samstagnach- mittag geschloffen.
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Axel und Alfrede!.
13on Urfula von Witzendorff.
Das Ganze ist eine kurze Geschichte und noch dazu eine von denen, die keine Pointe haben oder nur eine solche, die für das Herz und nicht für den Verstand bestimmt ist.
Axel und Alfredel hatten erstens gar nichts miteinander zu tun. Zweitens war das eine ein Hund und das andere ein kleiner Mensch, nicht höher als vielleicht siebzig Zentimeter, gut gerechnet, blond, blauäugig und natürlich mit roten Backen, in denen eine blanke Knapfnase eingebettet lag. Auch sonst war an dem Alfredel nichts Untadeliges zu bemerken, außer daß die Betonung seines verunglimpften Namens auf der zweiten statt auf der ersten Silbe lag.
Splitterfasernackt, von nichts als dem fast weißen Flaum auf seinem Kopf bedeckt, wurde das Alfredel am See aus der mütterlichen Obhut entlassen: ein selbständiger Mensch, der bereit ist, sich in Gefahr zu begeben, weil es nun einmal Gefahren auf der Welt gibt, und es keinen Zweck hat, fein Leben in den gesicherten Bezirken eines Kinderwagens zu verbringen. Da stand nun das Alfredel am See, die blauen Augen auf das blaue Wasser gerichtet, eingehüllt in Sonne und warme Blicke. Und neben ihm saß, mit gespitztem Ohr, Verwunderung und Neugier im Blick, zufällig der Hund Axel, ein Aristokrat seiner Airedale-Rasse. Selbst noch um ein halbes Jahr jünger als das Alfredel, wie ein schwarzes Wollschaf anzusehen, mit braunen Tupfen und listig braunbeäugt, war er der erwachsenere von beiden, so obenhin wenigstens, was die Tolpat- schigkeit anlangt und die unfreiwillige Komik, die jungen Geschöpfen eigen ist, so lange sie nur der Trieb und nicht das Bewußtsein leitet.
Alfredel stand lange am sandigen Ufer, mit erhobenen Händen und Armen, auf unwirklich kleinen Füßen, leise schwankend wie ein Schiffer in feinem Kahn, ehe er sich zum ersten Schritt entschloß. Arel hatte sich, nicht weniger gespannt als andere Anwesende, mit Vorderpfoten und Kopf platt hin- gelegt nur das Hinterteil ragte in die Höhe, damit sein kurzer Schwanz so der Freude am Schauspiel ungehindert Ausdruck geben konnte
„Bau", machte Axel, zum Angriff auf Alfredels eben erhobenes Bein bereit. Die Augen funkelten vor Vergnügen und als Alfredel, ein wenig erschreckt, in der Mittellinie seines kleinen Körpers zusammenknickte und mit der Erdoberfläche Füh
lung nahm, hielt Axel seine Zeit für gekommen, um dem kleinen Kameraden zu zeigen, wie man sich im Sand und in der Freiheit benimmt. „Bau", machte er noch einmal, ehe er losjagte: den Kopf geneigt, Runde um Runde, durch Büsche und Sträu- cher hindurch, Sand aufwirbelnd, bis er schließlich atemlos wieder neben Alfred landete, der ungerührt dasaß, als hätte ihn eben erst der Storch auf diese wüste Welt fallen lassen. Dann stand er auf, oder besser: er machte den Versuch dazu — nicht sehr anders in der Haltung, als Axel ihn vordem belauert hatte. Denn Alfredel brauchte für feine Balancekünste, fest auf zwei Beine zu stehen zu kommen, einige Zeit, ehe er die ausgleichenden Hände vom Boden zu lösen vermochte. Aber jetzt stand er tatsächlich, besah sich seine Hände — der Sand am Ufer war feucht und schwärzlich durchzogen. Schließlich reckte er sie anklagend in die Höhe, in eine Richtung, in der er vielleicht die mütterliche Obhut vermutete. Den Kopf mitzuwenden, schien ihm bedenklich. So vorbereitet, tat er endlich den ersten Schritt, und Axel mußte die Erfahrung machen, daß ein gutes Beispiel noch keineswegs einwandfreie Nacheiferung erzeugt. Stirnrunzelnd' sah er den zweibeinigen Kameraden Fuß bei Fuß setzen, bedächtig wie' ein Alter, der keinen unüberlegten Schritt tut. Wie wenig aber die größte Bedacht- samkeit über des Lebens Fährlichkeiten hinweghilft, mußte Alfredel in dem Augenblick merken, da ihm ein trügerisch trübes Wasser, vom See her in ein von Kinderhand gegrabenes Becken geleitet, erneut zu Fall brachte, dergestalt, daß er bäuchlings, mit fleischwebenden Armen und Beinen, auf den Wall des Beckens zu liegen kam. Da ihm in Ermangelung der Sprache die Rede noch nicht verschlagen werden konnte, ließ es Alfrede! bei einem kleinen, unnachahmlichen Laut bewenden, und die Sonne, auf mittäglicher Höhe stehend, beschien das ihr zu- gewandte rosige Etwas, mit besonderem Vergnügen. Axel dagegen, von der Erkenntnis durchdrungen, daß Wendigkeit nicht die stärkste Seite dieses Lebewesens fei, begann im Sand zu wühlen. Mit wild bläkender, roter Zunge biß er in den Sand, den seine geschäftigen Vorderpfoten herausschaufelten, warf fid) hin, stand wieder auf und schaufelte weiter, als gälte es aus des Deutschen Reiches Streusandbüchse unermeßliche Schätze zu heben. Schließlich wühlte er sich, zum wilden Krokodil geworden, durch den aufgelockerten Sand, bald alle-. Viere in den Himmel streckend, bald bäuchlings wie sein Gefährte dahinkriechend, während Alfredel, der seine wohlgerundete Vorderseite als unfreiwillige
Wippe in Kauf nehmen mußte, noch immer vergeblich nach einem Halt suchte. Vorn tippte seine Nase in den Sand, hinten die kleinen Füße ins Wasser. Aber Alfredel ließ nicht nach, er verweigerte auch jegliche Hilfestellung fremderseits, denn er wollte einmal ein Mann werden.
Alle Anwesenden, durch diesen schon sommerlichen Sonntag zu einer großen Familie verbunden, sahen dem Schauspiel zu, leise, fast scheu vor dem Wunder des Werdens. Unweit des Ufers schaukelte eine Schwanenfamilie vorüber. Um sie her trieben Taucher ihre Wasserspiele; über allem wehte ein warmer Wind.
Alfredel, dem Zustand eines zweibeinigen Wesens wiedergegeben, brach erneut zur Wanderschaft auf. Jetzt, mit den Spuren eines unfreiwilligen Moorbades behaftet, schwankte er stumm und verbissen dem eigentlichen See entgegen. Seine kleinen Beine widerstanden mannhaft jeglicher Versuchung, in die Waagerechte auszuweichen. Axel, dem feuchten Element nicht eben gut gesonnen, lugte hinterdrein, erhob sich schwerfällig und folgte schließlich, mit schnobernden Zeichen des Unbehagens bis hart an den Rand der kühlen Flut, in die Alfredel eben feine einstmals rosigen Beine fetzte.
Ein tiefer Seufzer entfuhr der Brust des zukünftigen Kriegers, aber nur kurz und eher durch das kleine Erschrecken wahrzunehmen, das ihn den Kopf ruckweise aufwerfen ließ. Aber den Beinen raubte dieser Seufzer alle Fasfung und Alfredel saß, mitten im Wasser, und tat das Beste, was er tun konnte: er lachte, strahlend heiter, als ob er es just so und gar nicht anders gewollt hätte. Und weil die Lust heiß und das Wasser kühl war, patschte er es mit beiden dicken Händen. Es sprühte um ihn, bis zum Mund, bis zur Nase, und Alfredels Zunge hatte allerhand zu tun, die köstlichen Tropfen einzufangen.
Axel aber, nur ein dummer Hund, stand am Ufer. Fassungslos über soviel Unverstand, miste er vor sich hin. Er lief zu seinem Herrn und wieder zurück zum Wasser mit den merkwürdig erschlafften und schrägen Bewegungen eines Tieres, das etwas Bedrohliches mitzuteilen hat. Erst als die mütterliche Obhut sich des Badeengels angenommen hatte, besann sich Axel seiner eigenen Jugend. In tollen Sprüngen umjagte er wieder den Lagerplatz, sich überkollernd und stürzend: ein sandiges Ungeheuer, mit sandiger Zunge, die Lefzen verklebt, bis ihm die Müdigkeit Einhalt gebot. Und während er sich der Süßigkeit der Ruhe mit gelösten Gliedern über
ließ, saß unweit entfernt Alfredel, ebenso glücklich, ebenso schmutzig, ebenso wunschlos im märkischen Sand.
„Hamlet" in Helsingör.
Das Schloß in Helsingör ist der Schauplatz, den Shakespeare für seinen „Hamlet" vorschreibt. Und in dem Hof dieses Schlosses, des alten Kronborg, das ungefähr zu der Zeit erbaut wurde, als Shakespeare seine Tragödie schrieb, fand nun zum ersten Male eine Aufführung des Stückes statt. Als das Spiel begann, lag noch Helligkeit über der Szene, bald flammte die untergehende Sonne auf der grünlichen Patina der Kupferdächer und Türme mit tiefem Rot. Als im Laufe des Spiels die Dämmerung sich allmählich herabsenkte, Einzelheiten der Umgebung zurücktraten und im Licht der Scheinwerfer die offene Szene, die als einzigen Hintergrund die mächtige Nordmauer des alten Schlosses mit ihren vielen Fenstern hatte, um so schärfer aufleuchtete, wurde die romantische Verzauberung für die Zuschauer noch vollständiger. In Augenblicken des Schweigens hörte man den abgemessenen Schritt der Schildwache auf den Wällen, und als die Silhouette des Geistes von Hamlets Vater sich gegen die Zinnen abhob, erschien es wirklich wie eine Beschwörung des Geistes des alten Schlosses. Die Aufführung wurde auf Einladung Dänemarks von einer englischen Gesellschaft, der „Old Vic Company“ veranstaltet mit Laurence Olivier in der Titelrolle und Vivien Leigh als Ophelia. Die Statisten wurden von dänischen Kadetten und jungen Mädchen aus Helsingör dargestellt. Auch die Schauspieler waren zweifellos ebenso wie die Zuschauer von der Verzauberung durch den Ort ergriffen, denn sämtliche Darsteller übertrafen sich selbst. Zum Glück erwies sich die Akustik des Hofes als so gut, daß auch in den hintersten Sitzreihen ohne Lautverstärker jedes Wort von der Bühne deutlich verstanden werden konnte. Es war fast Mitternacht, als Fortinbras seine Schlußworte sprach, aber der Beifallsjubel der Zuschauer wollte noch lange kein Ende nehmen. An die Aufführung schloß sich ein Festmahl mit zahlreichen Trinksprüchen, das erst sein Ende fand, als der Himmel über der kleinen Stadt sich schon wieder heller färbte. Von der Aufführung, die eine Einzigartigkeit in der Geschichte des Shakespeareschen Stückes wie auch des Schlosses Kronborg bedeutet, find noch eine Reihe weiterer Vorstellungen vorgesehen, für die alle Plätze bereits ausverkauft sind.


