Nr.83 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (Genera'-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 10. April (937
Aus der Stadt Gießen.
Irühlingsmusik.
Schon in die ersten Stunden der Frühdämmerung jubeln die Amseln ihre lustigen Flötenmotive. Zwei, drei Vögel pfeifen in Hörweite von einander entfernt aus höchsten Baumgipfeln ihre melodischen Weckrufe, als sei es ihr Amt, die Natur aus dem nächtlichen Schlummer zu singen. Wo durch das offene Fenster einer Schlafftube die frischen Töne voll Wohllaut und Lenzfreude in die Träume eines Schläfers perlen, huscht wohl ein glückliches Lächeln über das leise atmende Gesicht, bis schließlich mit überraschtem Augenaufschlag und lauschendem Ohr das Bewußtsein kommt, daß die Welt wirklich so traumhaft schön ist.
Sobald die Flut aus Gold und Feuer über den östlichen Himmel hereinbricht und den strahlenden Aufgang der Sonne kündet, löst ein Buchfink die verstummenden Amseln ab. Von einer Vorgartenbirke herab schnalzt er sein Helles Liedchen, das nur eine sehr kurze Strophe hat, aber voll schallender Schelmerei ist, so daß es einem immer wieder das Herz entzückt. Und der Fink hat Ausdauer. Kaum ein paar Sekunden gönnt er sich Atempause. Einer Kohlmeise gefällt es, diese mit ihrem übermütigen „Ich bin da!", das sie mehrmals rasch hintereinander wiederholt, aufs anmutigste auszufüllen.
Und nun hält der Wechselgesang mit bewundernswerter Beharrlichkeit den ganzen Vormittag lang an. Wie Frage und Antwort klingt es, wie ein neckisches Zwiegespräch, obwohl die einzelnen Wendungen sich immer gleich bleiben. Nur die Meise erlaubt sich ab und zu den kleinen Witz, nachdem sie viermal „Ich bin da!" gezwitschert hat, ein „Ich bin —" folgen zu lassen und das „da" zu unterschlagen. Dieser Trick verblüfft den Finken so, daß er erst nach einer Ueberraschungspause wieder den Ton findet.
Um den Mittag herum scheinen, die Sänger hungrig geworden zu sein und sich erinnert zu haben, daß der Schnabel auch noch zu etwas anderem da ist, denn mit einem Male herrscht Stille. Aber nur scheinbar. Wer Ohren hat, zu hören, dem entgehen nicht die unzähligen leisen, zarten und heimlichen Stimmen, die in dem warmen Glanz des vergißmeinnichtblauen Himmels ihre Licht- und Lenzbegeisterung, ihre Lebens- und Liebesfreude offenbaren. Geht man an den sonnegoldenen Lattenzäunen der Gärten entlang, oder gar über die weiche Erde zwischen den Beeten, so kann man das Geflüster der üppig büschelnden Gräser und des von verschwenderisch strömenden Säften getriebenen Junglaubes vernehmen. Wieviel wühlende und bohrende Keimlinge durchstoßen in hemmungslosem Wachstumsrausch mit unhörbarem Geräusch die Erdkruste, um sich mit einem Seufzer der Befreiung aufzurecken und ihre ersten Blättchen so breit als möglich den herabfallenden Strahlen darzubieten. Wieviel pralle Knospen bersten mit sanftem Knall, wieviel Bluten hauchen, sich öffnend, ihr erstes Liebesentzücken aus, wie der wachgeküßte Mund eines jungen Mädchens. Ein Aprikosenbaum steht wie eine Braut prangend in weißem Flor. In pfirsichroten Bechern leuchten die winzigen Sträußchen der fünf Blütenblätter. Eine Woge süßen Duftes atmet aus ihnen und lockt die näfchi- gen Bienen, denn schon hat die Hochzeitsfeier des Baumes begonnen, und die kleinen Liebssboten sind als Vermittler notwendig, wenn das Liebesfest volle Seligkeit bringen soll. Auch die Pfirsischbäume legen schon bräutlichen Schmuck an. Die brennende Sehnsucht der zahllosen Knospen läßt ihre Kronen bis in die letzten Zweigspitzen dunkel erröten. Kirschen-, Zwetschen-, Birnen- und Apfelbäume zählen die Tage, bis ihren Blütenträumen Erfüllung wird.
Jeder Tag steigert die Lebensfreude, vermehrt die lauten und leisen, die heimlichen und unhörbaren Stimmen und Töne der überschwenglichen
Frühlingsmusik. Und spielt dein Herz nicht selbst, berauscht und beglückt, die holde Weise mit ...?
P.B.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
NSLB. Bezirk Gießen-Land: 15 Uhr Bezirksversammlung im „Burghof". — Stadttheater: 20 Uhr „Zar und Zimmermann" (NSG. „Kraft durch Freude"). — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Kreutzer-Sonate." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Stimme des Herzens." — Deutsche Stenographenschaft: 20.30 Uhr Unterhaltungsabend auf der Karlsruhe. — Gießener Rudergesellschaft 1877: 20.30 Uhr Einführung des neuen Ruderlehrers im Bootshaus. — Spielvereinigung 1900: 20.30 Uhr Dietabend und Monatsversammlung in der „Stadt Wetzlar".
Tageskalender für Sonntag:
Stadttheater: 19 bis 21.30 Uhr „Die Dorothee." — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Kreutzer-
Mittwoch, 14. April, Anfang 19.30 Uhr, Ende 22 Uhr, „Die Dorothee", Operette von Vetterling. Musikalische Leitung Hans H. H a m p e [ Spielleitung Paul Wrede. Mittwoch-Miete. 27. Vorstellung.
Freitag, 16. April, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr, Erstaufführung „Stille Gäste, Komödie von Richard Billinger. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Freitag-Miete. 29. Vorstellung. I
Samstag, 17. April, Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr, Theaterring der NS. - Kulturgemeinde, „Zar und । Zimmermann", Komische Oper von Lortzing. Musi- i kalische Leitung Paul Walter. Spielleitung Paul W r e d e. Freier Kartenverkauf.
Sonntag, 18. April, Anfang 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr, „Die Dorothee", Operette von Vetterling. Musikalische Leitung Hans H. Hampel. Spielleitung Paul Wrede. Außer Miete.
Gründung von Zugendgruppen.
Die jungen Mädchen, die aus dem BDM. in die Frauenschäft übergehen, werden in Jugendgruppsn
SA. rüst zum Oankopfer der Nation!
Mit der SA. Euren Dank dem Führer!
Wie im Vorjahre, wird die SA. ab heule auf ihren Dienststellen die Einzeichnungslisten für das Dankopfer der Ration auflegen, das als Geburtstagsgeschenk des ganzen deutschen Volkes an den Führer den einmütigen Dank für feine fruchtbringende Arbeit bezeugen soll.
Die Dankopfersiedlungen sollen mit dazu beitragen, dem deutschen Arbeiter ein würdiges und schönes heim zu geben und ihn so mit der Heimaterde zu verbinden. Verdiente Vorkämpser der Bewegung, Kriegsopfer und kinderreiche Familien sollen in erster Linie in diese Siedterstellen eingesetzt werden. Das ganze deutsche Volk ist durch dieses Opserwerk, das von der SA. getragen wird, in der Lage, die nationalsozialistische Forderung nach einem würdigen heim für den deutschen Arbeiter in ganz großem Umfange zu verwirklichen.
Ich richte an die gesamte Bevölkerung Oberhessens die Bitte, ihre Verbundenheit mit der SA. durch Unterstützung dieser Arbeit zu bekunden.
Tragt Euch ein in die Ehrenliste für das Dankopfer der Ration!
Seid $ o 3 i a 1 i ft e n der Tal!
Heil Hitler!
Der Führer der SA.-Brigade 147/Oberheffen.
Schmidt, Brigadeführer.
Gießen, den 10.4.1937.
Sonate." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Stimme des Herzens." — Obst- und Gartenbau- verein Gießen: 15.30 Uhr Hauptversammlung im Hotel Hopfeld, Vortrag von Gartendirektor Lange, Frankfurt a. M., Über „Frühjahrsarbeiten im Garten." — Petruskapelle: 20.15 Uhr Gemeindeabend, Vortrag von Professor Bertram.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am Sonntag, 11. April, findet die Erstaufführung der neuen Operette „Die Dorothee" von H. Her- mecke und A. Vetterling statt. Musikalische Leitung Kapellmeister Hans H. Hampel. Spielleitung Paul Wrede. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Die Intendanz des Stadttheaters macht darauf aufmerksam, daß diese Operette nur durch die Mittwoch - Miete geht. Anfang der Vorstellung 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr.
Dienstag, 13. April, Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr, „Zar und Zimmermann", Komische Oper von Lortzing. Musikalische Leitung Paul Walter. Spielleitung P. Wrede. Dienstag-Miete. 27. Vorstellung. »
zusammengeschlossen. Dort üben sie in froher Kameradschaft Volkstänze und Spiele und pflegen den Chorgesang, um die Abende der Frauenschaft abwechselungsreich und festlich zu gestalten. Die Gausachbearbeiterin Fräulein Sußlik kommt in nächster Zeit nach Gießen, um im Kreise Wetterau die Ausgestaltung, oder die Gründung dieser Gruppen durchzuführen. gfs.
NSD., Ortsgruppe Gießen-Ost.
Betr. Lebensmittel-Opferring.
Die Sammlung wird Dienstag, 13., und Mittwoch, 14. April, von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarte zur Eintragung oorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
Ich mache ausdrücklich darauf aufmerksam, daß die Pfundspenden während des Sommerhalbjahres dem Hilfswerk „Mutter und Kind" zugute kommen, sowie für die Unterstützung der Zeltlager Verwendung finden, und ich bitte, die Mitgliedschaft während des ganzen Jahres aufrechtzuerhalten.
Ortsgruppe Greßen-Nord.
Eine Reihe SA.-Männer, die im Bereiche der Ortsgruppe Gießen-Nord wohnen, hat noch nicht die Hilfskassenbeiträge für das 2. Vierteljahr (April, Mai, Juni) bezahlt. Diese Männer werden aufgefordert, das Versäumte während der Kassenstunden Montag und Mittwoch zwischen 20.30 und 22 Uhr nachzuholen.
Die dcutfdie Arbeitsfront ;
Ami Feierabend.
Sondervorstellung am 10. April im Stadttheater. Wegen Erkrankung eines Schauspielers können wir am Samstag, 10. April, nicht die Operette „Opernball" bringen. An ihrer Stelle bringen mir die Oper „Zar und Zimmermann". Die für die Operette „Opernball" gelösten Karten haben für diese Aufführung Gültigkeit. Anfang 20 Uhr. Karten sind noch an der Abendkasse zu haben.
Amt Reisen, wandern, Urlaub.
Tagesomnibusfahrt am 11. April an die Bergstraße. Die Teilnehmer dieser Fahrt wollen ihre Quittungen möglichst umgehend gegen die Fahrtausweise umtauschen. Sollten sie hierzu keine Gelegenheit mehr haben, ist die Quittung zur Abfahrt mitzubringen. Abfahrt um 7 Uhr am Haus der Deutschen Arbeitsfront.
Tagesomnibu,s fahrt an die Edertalsperre. Am Sonntag, 18. April, führen wir eine Omnibusfahrt an die Edertalsperre durch. Der Teilnehmerpreis beträgt 5.— RM. Anmeldungen nimmt die Kreisdienststelle entgegen.
Der neue Prorektor der llniversität.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Der Rektor der Ludwigs-Universität Gießen hat mit Ermächtigung des Herrn Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und mit Zustimmung des Herrn Reichsstatthölters in Hessen den ordentlichen Professor in der Medizinischen Fakultät, Dr. Fritz Hildebrandt zum Prorektor der Ludwigs-Universität Gießen ernannt.
Der Herr Reichserziehungsminister hat den durch Erlaß vom 26. Oktober 1936 dem Dozenten Dr. W. Zschietzschmann von der Universität Berlin erteilten Auftrag zur Vertretung des Lehrstuhls für klassische Archäologie an der Universität Gießen für das Sommersemester 1937 verlängert.
Freie Durchfahrt für po-izeifahrzeuge im D«eust!
DNB. Beim Herannahen von Fahrzeugen der Polizei, auch der Feuerlöschpolizei, im Dienst, die sich durch die besonderen, allgemein bekannten Signale ankündigen, sind alle Verkehrsteilnehmer verpflichtet, auf der Fahrbahn möglichst Platz zu machen, um diesen zur Erfüllung ihrer vordringlichen Aufgaben eine schnelle, ungehinderte Durchfahrt zu ermöglichen.
Es ist jedoch in letzter Zeit mehrfach festgestellt worden, daß an Privatkraftfahrzeugen als Warnsignale Schallzeichen verwendet werden, die mit unreine liautl
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Das Nachtlager.
Eine Anekdote von Robert Hohlbaum.
An einem Abend zwischen der Niederlage von Ligny und dem Siege von Belle Alliance defilierte das Bülowsche Korps vor dem Feldmarschall, alt- gediente Truppen, die schon vor Dresden und Leipzig mitgefochten hatten, und eben aus der Heimat gekommene Ersatzmannschaft, in ihr ein junger Fähnrich. Sie hatten schwere Märsche hinter sich gebracht, der anhebende Regen löschte ihren letzten Mut, und da sie nun hörten, daß man nicht, wie wie erhofft, in dem naheliegenden schönen Dorfe trockenes Quartier beziehen, sondern auf Befehl des Marschalls an Ort und Stelle biwakieren würde, da fiel der Rest der Selbstsucht von ihnen und sie begannen in Reih und Glied zu murren.
Es wurde Halt kommandiert, der Kapitän der Kompanie, darin der junge Fähnrich seinen Zug führte, bezeichnete den Lagerplatz, ein weites Feld, aus dessen Mitte im letzten Dämmern ein kleines Haus aufschien, und fügte bei, sie hätten die Ehre, in nächster Nähe des Marschalls zu kampieren, dem fein Nachtlager in eben dem kleinen Hause, das nur eine Stube umschloß, bereitet werde. Die andern schwiegen, nur der junge Fähnrich rief:
„Schöne Ehre! sich hier im Dreck herumzuwälzen, während der Alte im warmen Bette sich dehnt! Hätten wir nicht alle im Dorfe drüben es ebenso gut haben können? Den nennt man den Soldatenvater? Jetzt weiß ich, was von dem Geschwätz zu halten ist! Er denkt auch nur an sich wie alle andern!"
Es war tief dunkel geworden und auch der Kapitän hatte den Marschall zu spät bemerkt, der nun mit einem Male mitten unter ihnen stand.
„Wer hat das gesagt? Wer is mit mich nid) zufrieden? Wird er sich melden? Ich erkläre ihn fort einen miserablen Hundsfott, wenn er nicht den Mut hat! Also, wer?!"
„Fähnrich Freiherr von Schellhorn meldet sich ganz gehorsamst."
„So. Wie lange schon bei der Armee?"
„Seit gestern, Exzellenz."
„So, seit gestern. Nu ja, da is er das rauhe Leben noch nicht so gewohnt wie wir, da muß man ihm wohl ’n bißchen entgegenkommen. Hör Er, ich trete Ihm meinen Platz ab. Er wird im Hause schlafen und ich in der frischen Luft.
Nun wurde Gelächter laut. Vater Blücher machte einen seiner guten Späße, haha!
, Ruhig, ihr Dösköppe, das is mtd) mein vollster Ernst! Kapitän, zwei Mann! Deip Herrn Fähnrich das Lager Herrichten, soviel Daunenbetten als chr auftreibt! Marsch!"
Halb betäubt hielt der Fähnrich vor dem Hause. „Nu, wird's bald? Wir wollen auch zur Ruhe kommen!"
„Exzellenz" stammelte der Fähnrich, „Exzellenz scherzen ... ich kann doch nicht ..."
„Sie können nicht nur, Sie müssen!" Da befahl er dem Diener: „Gerade vor dem Fenster mach mir mein Bett! Sie sehen Fähnrich, ich bin in Ihrer Nähe. Wenn's Ihnen drinnen noch zu unbequem fein sollte, rufen Sie mir ungeniert, Sie können noch meinen Schlafsack und ’ne Decke haben, ich brauch' sie nich! Und nu marsch und gute Nacht!"
Der Fähnrich wankte in das Haus. Eine Weile stand er reglos, im dumpfen Traum. Die Stimme des Marschalls erweckte ihn.
„Nu, Sie schlafen noch immer nich! Morgen is'n schwerer Tag, da heißt's ausgeschlafen sein."
Stumpf gehorchend streckte sich der Fähnrich auf das Bett.
„Zudecken, zudecken!" schrie Blücher. „Wenn Er morgen ’nen Schnupfen hat, kann Er nicht mit, und wir verlieren todsicher die Schlacht!"
Der Fähnrich kroch unter die dicken Federdaunen wie unter einem Grabstein. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren, das Herz schlug in den Hals hinauf, leise streifte er die Decken von sich, schlich ans Fenster und atmete in die kühle Nacht. Er fuhr zurück vor Blüchers Kopf, der aus der Tiefe fuhr. „Da sollen ihn doch zehn Donnerwetter erschlagen! Glaubt Er, wir haben ihm das schöne Nachtlager gegeben, damit Er uns alle im Schlafe stört? Wart, ich will Ihm helfen!"
Mit einem Satz schwang sich der Greis durchs Fenster, faßte den Jungen, warf ihn aufs Lager, schichtete alle Decken und Polster über ihn, drohte ihm noch einmal, und endlich hörte der Junge das unbekümmerte Heldenschnarchen vor dem Fenster. Und der Fähnrich verbrachte die schwerste Nacht seines Lebens. Keiner atmete so befreit m den schicksalsschweren Morgen wie er. Jedes Bangen vor dem Kommenden war getilgt, nichts blieb als die Scham vor den Kameraden, das furchtbare Gefühl des Ausgeschloffenen und die Sehnsucht, die Scheidewand, die sich zwischen ihm und allen denen, die in Kot und Nässe ehrenvoll kampiert hatten, niederzureißen. Keiner fieberte so verlangend dem Befehl zum Angriff entgegen wie er, keiner stürmte so wild aus dem letzten Erinnern der toddunklen Nacht ins Leben des feindlichen Feuers, vom ersten Einbruch des Bülowschen Korps bis zur Entscheidung durch den Ziethenschen Flankenangriff. Im letzten Augenblick der Schlacht, im kurzen Ringen um Gemappes traf ihn eine Kugel ins Herz.
Vor dem kleinen Hause, das dem Fähnrich qualvolles Nachtquartier geboten hatte, lag unter den
Verwundeten seines Bataillons auch der tote Fähnrich. Als der Feldmarschall den Siegern Dank, den Wunden Trost sprach, fiel der Fackelschein auf das blasse Antlitz des jungen Schellhorn. Da stockte Blüchers Rede, stumm befahl er zwei Musketieren, den Leichnam aufzuheben, in das Haus zu tragen und auf dem Lager zu betten, das noch die Spuren des Lebenden trug.
Eine Weile stand er noch und sah in das entrückte Antlitz des Toten, dann ging er, stieg zu Pferde, und die brausenden Vivatrufe der Truppen schienen aus der Ferne zu dringen, die wie eine ferne Landschaft vor seinen Blicken verschwamm.
Das Perspektiv.
Von Wilhelm Schäfer.
Ein Perspektiv ist sonst nicht gerade ein gefährliches Gerät, doch hat der Kaspar Trittenmacher, soeben an einem Märztag 1795 als Furier in Ehrenbreitstein angelangt, mit einem solchen Ding die Hauptstadt Koblenz sehr in Gefahr gebracht. Es war die Zeit, da die Franzosen unter Marceau sich in der Residenz des Clemens Wenzeslaus nicht übel eingenistet und mit den Trierschen auf dem Ehrenbreitstein einen Waffenstillstand hatten, so daß am Rheintor wohl mit Holz und Mist ein Festungswerk errichtet, sonst aber wenig Feindliches geschehen war. Weil an dem Morgen nach einer lauen Regennacht der buffe Nebel um die Kastor- türme hing gleich einem Gazetuch, das eine Hausfrau nur von ihren Kannen und Tellern aufzuheben braucht, und alles blinkt wie frisch geputzt dem Gast entgegen: so ließ dem Kaspar Trittenmacher sein neues Perspektiv nicht Ruhe, die Stadt in Augenschein zu nehmen. Er machte sich hinunter an den Hafen, wo die Zimmerleute an der fliegenden Brücke in Arbeit waren, stellte die Füße recht breit und fest auf einen Ponton, zog fein Mes- fingrohr — indes die Zimmerleute bewundernd nach ihm sahen — aus dem bestickten grünen Futteral heraus und danach recht mit Würde die einzelnen Staffeln auseinander und begann, gleich einem Geometer, die Häuser und die Türme am andern Ufer recht fleißig abzustechen.
Nun aber war am Deutschen Eck Ablösung aufmarschiert, ein junger Kerl aus der Champagne, vor wenigen Tagen erst zum Heer gekommen. Der bemusterte den Ehrenbreitstein gleich einem Feldherrn, der sich den besten Weg, ihn zu erobern sucht, als ihm von drüben aus den Schiffen ein Funkeln in die Augen kam und er, genau hinspähend, ein blankes Rohr auf sich gerichtet sah. Und weil er nicht geneigt war, sich wie ein aufge
malter Scheibenmann abschießen zu lassen, riß er die Flinte kaum bedacht herunter, und ehe der Furier mit seinem Rohr ans Rheintor hielt: da legte sich gleich einer Peitschenschnur ein Büchsenschlag quer übern Rhein und tippte ihm dermaßen an sein Perspektiv, zwar nur am Rand, jedoch so stark, daß er rücklings auf den Ponton zu liegen kam und mit dem Messingrohr den dunstig blauen Frühlingshimmel visierte. Das gab natürlich bei den Zimmerleuten ein Gerenne, wie wenn_der Fuchs zu Hühnern kommt; und als dem ersten Schuß auch noch ein zweiter folgte, waren die Trierschen Jäger im Johannisturm schon alarmiert. Denn weil im Waffenstillstand scharf zu schießen nicht erlaubt ist wie Schnupfen oder Kartenspielen, so fingen sie als die Verratenen zu knallen an, daß um den raschen Schützen aus der Champagne die Kugeln in die Mauer spritzten und eine ihm dermaßen an den Kolben schlug, daß er gleich einem Toten glatt in den Kies zu liegen kam; obwohl ihm von dem Schlag und Schrecken nur die Nase blutete, so daß er aufkratzend noch ums Deutsche Ecke herum zum Schwanentor den Hasen spielen konnte.
So gab es mitten in dem Waffenstillstand ein Geschieße überm Rhein und ein Gefchrei, wie wenn noch an demselben Tag Koblenz in Stücke geschossen werden müsse. Und weil sich Trierer wie Franzosen überfallen und verraten glaubten, so blieb es nicht bei den Gewehren. Dom Ehrenbreitstein fiel der erste Stückschuß in die Stadt, den zu erwidern die Franzosen sich beeilten, so daß nach einer Viertelstunde eine Kanonade ihre Schrecken in die Gassen und Dächer der alten Rheinstadt schüttete. Erst als sie schon an vielen Stellen brannte, kam über die Kartause niederreitend und im Spazierritt aufgeschreckt Marschall Marceau und ließ sogleich die weiße Fahne an das Rheintor tragen.
Da wars, wie wenn der Zufall, dem die wilde Schießerei entfahren war, zum andernmal die Schelmenhand erhöbe: indem genau zur gleichen Zeit der Kaspar Trittenmacher aus feiner Ohnmacht zu sich selber kam und erst ans Auge, danach an alle Glieder faßte und alles noch ganz heil fand und sich auf seine Beine hob und sehr verwundert in dem Frühlingstag sein Perspektiv zusammenschob. Denn weil die Zimmerleute, in Furcht und Neugier hinter Planken sitzend, die weiße Fahne nid)t, nur den Furier aufftehen sahen, wie der sein Perspektiv ins Futteral versenkte, und all der Lärm sogleid) -verstummte, wie wenn er aus dem Rohr gekommen wäre: so spähten sie dem kleinen Mann mit sonderbaren Augen nach, als er, das Teufelswerkzeug unterm Arm, ganz still nach Hause ging, indessen von Koblenz her der Rand) von vielen Bränden sich braun und dick in all den blauen Dunst des Pulvers mifdjte.


