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mitaeteilt: Zur diesjährigen Reichsnährstandsschau in München vom 30. Mai bis 6. Juni fahren von Gießen und Friedberg je zwei Sonderzüge. Jeder Volksgenosse, der die Ausstellung besuchen will, kann diese Züge benutzen. Die Fahrt dauert fünf

Bei der Großkundgebung am 16. TNärz in der Volkshalle spricht Gauleiter Sprenger!

Tuge und kostet 23 RM. Eingeschlossen sind Bahn­fahrt hin und zurück über Kochel bzw. Garmisch, Äutobusfahrten, zwei Uebernachtungen im Gebirge (Privatquartier) und Zutritt auf der Ausstellung. Wer zur Zugspitze fahren will, muß 11 RM. extra

bezahlen. Anmeldungen beim Ortsbauernführer bis 29. März.

Vor demHomöopath Dr. tzinsche" wird gewarnt.

LPD. Darmstadt, 9. März. In hessischen Landgemeinden tritt in der letzten Zeit ein angeb­licher Homöopath Dr. Hinsche auf, der bei kran­ken Personen vorspricht und nach einer Augen­diagnosesicher wirkende Mittel" verschreibt. Er läßt sich für die Heilmittel, die gleich bezahlt wer­den müssen, 5 bis 30 Mark auszahlen und ver­spricht die Medikamente bald zu sckicken. Der Schwindler läßt aber nichts mehr von sich hören. Es handelt sich bei Hinsche um einen etwa 35jährigen Mann, bei dessen Auftreten gebeten wird, die nächste Polizeistelle zwecks Festnahme des Betrügers zu benachrichtigen.

Der letzte Lintopssonntag des MW. 1936/37.

UngeschwächteOpferfreudigkeitist dasMerkmal des kommenden Eintopfsonntags im Gau Heffen-Nassau.

NSG. Durch die Einrichtung des Eintopfsonn- tags ist es dem unbändigen Willen, der im Sozia­lismus des Dritten Reiches lebt, zum erstenmal ge­lungen, ein ganzes Volk lediglich durch das Mittel der Ueberzeugung dazu zu bringen, daß es wenig­stens einmal im Monat auf eine liebgewordene Gewohnheit zugunsten anderer verzichtet. Durch den Cintopfsonntag sind Bequemlichkeit und Ichsucht in Deutschland geschlagen. Diese bedeutsame Tatsache üllein gibt die Berechtigung, auf den Eintopfsonntag snyner und immer wieder hinzuweisen. Insbesondere aber deswegen, weil das mahnende Wort zur Uebung anfeuert: Wer seinen Eintopf regelmäßig hält, lebt sich in die Gesinnung der Opferbereit­schaft hinein, die die Voraussetzung für jedes soziale Handeln ist. Was andere durä; die Askese zu erreichen suchten, das übt die Tiscygemeinschaft der Deutschen, wenn sie Bedürftigen zuliebe für einen kurzen Augenblick auf den Ueberfluß des Sonntags verzichtet. Der Eintopfsonntag eint alle Deutschen im Glauben an die deutsche Zukunft. Der letzte Eintopfsonntag verdient wegen dieser erzieherischen Kraft, an der aste Deutschen Anteil haben, ein doppeltes Opfer: Nach einer gewonnenen Schlacht gegen Hunger

und Kälte müssen Freude und Dankbarkeit zur Freigebigkeit anreizen.

Jeder Appell, der sich an den deutschen Menschen wendet, findet im Gau Hessen-Nassau immer ein besonderes Echo! Wir werden deshalb auch beim letzten Cintopfsonntag beweisen, daß unser Opfer­wille niemals erlahmt und daß der Abschluß des erfolgreichen Winterhilfswerkes 1936/37 noch ein­mal eine ganz besondere Leistung uns erreichen läßt!

Die Gaststätten-Eintopfgerichte für den kommenden Sonntag.

DNB. Der Leiter der Wirtschaftsgruppe Gaststät­ten- und Beherberaungsgewerbe teilt seinen Mit­gliedern mit, daß für den sechsten Cintopfsonntag am 14. März folgende Eintopfgerichte für die Gast­stätten vorgeschrieben sind:

1. Erbsensuppe mit Wurst- oder Fleischeinlage;

2. Weißkohl mit Rindfleisch:

3. Fischgericht nach eigener Wahl und

4. Gemüsetopf mit Kalbfleisch oder vegetarisch.

Die Festlegung dieser Eintopfgerichte gilt nur für Gaststätten.

Leistungssteigerung im Einzelhandel.

Ein Schulungsvortrag der Wirtschastsgruppe Einzelhandel.

Die Kreisgruppe Gießen der Wirt­schaftsgruppe Einzelhandel hatte für den gestrigen Dienstagabend Betriebsführer und Gefolgschaften nicht nur aus Gießen, sondern auch aus weiter Umgebung zu einer Einzelhandels- Großoersammlung eingeladen, die außerordentlich stark besucht war. In Omnibussen kam eine stattliche Anzahl von Teilnehmern an, und längst vor Be­ginn der Kundgebung war der Saal schon fast ge­füllt. Die meisten Betriebsführer waren mit ihren Gefolgschaftsmitgliedern gekommen und sicherlich war der Besuch der Versammlung für jedermann von großem Vorteil und richtungweisender Bedeu­tung. Nach kurzer herzlicher Begrüßung durch den Kreisgruppenleiter H o r st (Gießen), der insbeson­dere auch den Vertreter des Kreisleiters, den Kreis­obmann der DAF., Hermann Wagner, will­kommen hieß, wurde sofort dem Redner des Abends, dem Reichsreferenten für Berufsausbil­dung in der Reichsfachgruppe Einzelhandel, K r e ck (München), das Wort erteilt.

Der Redner sprach in einem großangelegten und ungemein lebendig wiedergegebenem .Vortrag über das ThemaWie kann ich die Leistungsfähigkeit meines Betriebes steigern!" Der Redner nahm für seine umfangreichen Darlegungen nicht etwa von

einem Rednerpult aus das Wort, sondern war stän­dig inmitten seiner Zuhörer und hielt so engsten Kontakt zwischen sich und den Berufskollegen und -kolleginnen aufrecht. Niemand wurde des langen Vortrags müde, denn der Redner wußte durch zahl­reiche sinnfällige, zum Teil sehr humorvolle Ver­gleiche und bildhaften Ausdruck immer neu die Auf­merksamkeit seiner Zuhörer herauszusordern. Seine bayerische Mundart trug ein übriges dazu bei, um den Schulungsvortrag aus dem rein Lehrhaften herauszuheben.

Indessen ist es nicht möglich, die Ausführungen in gleicher Form hier wiederzugeben. Nur in we­nigen Sätzen sei hier aufgezeigt, was der Redner als Grundforderungen für die Leistungssteigerung eines Betriebes im Einzelhandel herausstellte.

Betriebsführer und Gefolgschaft müßten, so führte er u. a. aus, stets bemüht sein, Methoden zu fin­den, die der Wirtschaftlichkeit des Betriebes dienen. Jeder einzelne müsse Großes anstreben, wenn er etwas erreichen wolle. Ein wertvolles Hilfsmittel dafür sei es, Wege und Entwicklung der Erfolgrei­chen zu studieren, nach Vorbildern zu sehen. Jeder müsse dazu beizutragen versuchen, daß das Ver­hältnis sich ändere, das gegenwärtig noch zwischen der Zahl der Geschäfte und den Mengen des Um­

satzes bestehe. 20 v. H. aller Geschäfte bestreiten 80 v. H. des gesamten Warenumsatzes in Deutschland und die übrigen 80 v. H. der Geschäfte vereinigen nur 20 v. H. des Umsatzes auf sich. Eine Aende- rung dieser Sachlage sei nur dann möglich, wenn das Geschäft auf klaren Umsätzen aufgebaut und von richtigen Grundlagen aus betrieben werde. Immer wieder müsse sich der Betriebsinhaber fra­gen: Ist der Betrieb finanziell und organisatorisch richtig geführt, kaufe ich richtig ein, wende ich die Gelder richtig an, und bediene ich den Kunden richtig? Jeder Betriebsführer müsse sich fragen, ob er die ihm zugewiesene staatspolitische Aufgabe er­fülle? Jeder Betriebsführer und jedes Gefolgschafts­mitglied habe ernsthaft bemüht zu fein, sich weiter­zubilden, wenn er sich in der Zukunft behaupten wolle. Jeder Verkäufer, jede Verkäuferin müsse in- teressiert sein an den Dingen ihres Berufsstandes. In seinen weiteren Darlegungen sprach der Redner über richtige Kundenbedienung und gab besonders hier zahlreiche wertvolle, aus der Praxis gewon­nene Ratschläge und Anregungen. Von der richti­gen Bedienung des Kunden hänge der Erfolg des Geschäftes ab. Kunden bedienen setze aber äußerste Menschenkenntnis voraus. Der Kunde müsse stu­diert sein. Der Verkäufer müsse bemüht sein, sich im Lebenskreis seines Kunden zu bewegen um ihn in seiner geistigen Haltung ganz zu verstehen. Weite­res Erfordernis sei, daß sich der Verkäufer um seine eigene geistige Weiterentwicklung bemüht. Die Verkäuferin solle den Beruf auch nichts als lediglich eine Existenzsicherung vor der Ehe betrachten. Die folgerichtige Verfolgung gesteckter Ziele verbürge allein den Erfolg. Voraussetzung für den Erfolg sei

aber in erster Linie die Persönlichkeit. Und für M Persönlichkeit sei wiederum die Pflege der Person* lichkeit, die Pflege der Erscheinung, der Umgangs- formen, des sprachlichen Ausdrucks, des Wort­schatzes, der Harmonie jedermanns in sich selbst, der Pflege von Körper, Geist und Seele. Jedermann müsse sich auch vor Augen halten, daß immer Ge­meinnutz vor Eigennutz gehe, in der Auffassung, daß es dem einzelnen nur dann gutgehen könne, wenn er seine Pflicht tue und sich in der ihm mög­lichen Form in den Dienst der Allgemeinheit stelle.

Für den Einzelhandel gelte es in der Zukunft und im Dritten Reich äußerste Leistung zu verlan­gen. Diese äußerste Leistung könne aber nur dann gegeben werden, wenn Verkäufer und Verkäuferin ihren Umgang außerhalb des Geschäfts so gestal­ten, daß moralischer und seelischer Gewinn die Er­gebnisse sind. v

Nach einer Pause beschäftigte sich der Redner m Zusammenfassungen mit einer Fülle von prakti­schen Anregungen für den Verkauf und gab damit wertvolle Hinweise für eine erfolgreiche Arbeit nn Alltag. Die zahlreichen Zuhörer verfolgten den Vor­trag mit uneingeschränkter Aufmerksamkeit und dankten dem Redner zum Schluß mit anhaltendem Beifall. Kreisfachgruppenleiter Horst beschloß den Abend mit dem Hinweis, daß man in der Kreis­gruppe bemüht sein werde, den Redner noch öfter für Vorträge in Gießen zu gewinnen, um so den Berufsangehörigen Kenntnisse zu vermitteln, die ihnen neue Kraft und immer neues Interesse am Berufsstand vermitteln sollen. Mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer wurde der Abend be­schlossen.

Aus den Gießener Gerichtssälen.

Große Strafkammer Gießen.

Der H. B. aus Gießen hatte sich wegen eines Sittlichkeitsoerbrechens zu verantworten. Es war ihm zur Last gelegt, mit einem ungefähr 14 Jahre alten Mädchen unsittliche Handlungen begangen zu haben. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Es stellte sich heraus, daß der Angeklagte am fraglichen Tage stark betrunken war, so daß er sich auf Einzelheiten nicht mehr erinnern konnte. Da der Angeklagte geständig war und noch nicht vorbestraft ist, wurde das Verfahren gegen ihn auf Grund des Gesetzes über die Gewährung der Straffreiheit vom 7. August 1934 eingestellt und die Kosten des Verfahrens niedergeschlagen.

*

Sodann hatte sich die Große Strafkammer mit dem Friedrich Wilhelm D o tz e r t aus Lauterbach zu beschäftigen. Der Angeklagte war seit 1923 in Diensten der Bezirkssparkasse Lauterbach und hatte sich, trotzdem er vorher einen anderen Beruf erlernt hatte, durch Fleiß und Strebsamkeit das Vertrauen seiner Vorgesetzten erworben, so daß er im Jahre 1933 als Kassierer und stellvertretender Direktor der Bezirkssparkasse Lauterbach in das Beamtenverhältnis übernommen worden war. Nebenbei bekleidete er noch den Posten eines Rech­ners des Gustav-Adolf-Vereins, außerdem wirkte er auch an einer anderen öffentlichen Kasse mit. Es war ihm so die Möglichkeit gegeben, über eine Reihe von Geldern zu verfügen. Da er feinen Ar­beitsplatz in der Nähe der Buchhaltung hatte, war es für ihn ein leichtes, sich Kontokarten zu ver­schaffen und selbst Eintragungen vorzunehmen, ohne daß es besonders auffiel. In einer ganzen Reihe von Fällen eignete er sich auf diese Weise, hauptsächlich in den Jahren 1934 bis 1936, wider­rechtlich Beträge von zusammen ca. 7000 Mark an, indem er einerseits eingezahlte Gelder nicht ord­nungsgemäß auf den Kontokarten verbuchte und sie für sich behielt, zum andern ansehnliche Beträge von anderen Konten, und zwar in der Hauptsache von sogenannten toten Konten, abhob und sie eben­falls für sich behielt, ohne in den dazu gehörigen Sparbüchern Abschreibungen..vorzunehmen. Beson­ders in der Zeit vom Dezeryber 1935 bis August

1936 eignete er sich auf diese Weise einen Betrag von 3174,63 Mark an. Seine Berechtigung, über Gelder des Gustav-Adolf-Vereins und einer ande­ren Kasse zu verfügen, benutzte er dazu, um sich auf die gleiche Weise ansehnliche Summen zu oer« schaffen. Der Angeklagte war in vollem Umfangs geständig.

Befremdend wirkt seine Angabe, die auch durch ein^ Reihe von ihm nahestehenden Zeugen erhärt tet wurde, daß er nicht mehr wissen will, für was er diese erheblichen Summen verbraucht hat, be­fremdlich umsomehr, als er ein festes Gehalt Dort monatlich 250 Mark erhielt und außerdem, nach bei? Bekundung von Zeugen, ein bescheidenes Leben ge­führt haben soll. Bedenkt man, daß sich in den letz­ten Monaten vor der Entdeckung seiner Unterschla­gung das Gesamteinkommen des Angeklagten (250 Mark Gehalt und rund 400 Mark monatlich unier­schlagene Gelder) auf rund 650 Mark je Monat be­laufen hat, so bleibt es ein Rätsel, was der An­geklagte mit dieser Summe gemacht hat. Die ein­zige Schutzbehauptung, die der Angeklagte für sich geltend machte, ist, daß er sehr nervös und willens­schwach sei. Aber die Tatsache, daß er jahrelang diese nicht ganz einfachen Manipulationen ausführte, lassen berechtigte Zweifel aufkommen, ob es sich hier wirklich um einen so willensschwachen Men­schen handelt.

Auf Grund der sehr eingehenden Beweisaufnahme kam oas Gericht zwar zu der Ueberzeugung, daß

dem Winter!

M PUTZTALLES

dem Schmutz!

li VIM

Das Mädchen mit dem Silberhaar.

Roman von Anny von panhuys.

24. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Unten stand der rote Wagen mit der kleinen goldenen Krone, und ein Chauffeur in grauer Livree öffnete den Schlag. Es duftete im Wagen stark nach einem schweren betäubenden Parfüm, und Franziska bemerkte:Der scheußliche, auf­dringliche Geruch geht immer von der Amerikane­rin aus, die auf unserem Gang wohnt, der zukünf­tigen Frau des zukünftigen Grafen."

Uebrigens fahren wir auch in seinem Auto", stellte Berthold Radix fest.

Mabel Jonson war wirklich kurz zuvor in dem­selben Auto in das Palais Rethel geholt worden.

Bald fuhr man vor dem Palais Rethel vor. Dann schritten sie durch das Portal, in der Halle stand der Graf, seine gewohnte weihe Nelke im Knopf­loch. Er küßte Franziska die Hand, fragte nach ihrem Ergehen. Man betrat dann einen Salon mit Möbeln, die das Wappen derer von Rethel zeigten. Franziska sah mehrere Personen in dem Zimmer, und der Graf stellte vor. Sie lernte die Gräfin Ciboure kennen, eine elegante Dame mit grauem Lockenkopf und scharmantem Lächeln, sie wurde mit deren Gatten bekannt, einem behäbigen Herrn mit vielen Fältchen im Gesicht. Und da war auch die Amerikanerin, von der das aufdringliche Parfüm ausging. Sie lächelte:Wir kennen uns schon vom Ansehen aus dem Hotel Continental, nicht wahr?"

Plötzlich rief der Graf:Aber wo ist denn Francois? Als wir eintraten, war er doch noch hier." Er erklärte den beiden zuletzt gekommenen Gästen:Francois ist mein Sohn. Sicher hat er etwas in seinem Zimmer vergessen und holt es schnell. Verzeihen Sie, daß er nicht zur Stelle ist."

Er sagte das alles liebenswürdig lächelnd, aber man merkte ihm an, daß er ärgerlich war.

Man begann sich zu unterhalten, und der Graf blickte von Zeit zu Zeit etwas nervös nach der Tür. Ungeduld malte sich in seinen Mienen.

Endlich aber dauerte ihm das Wiederauftauchen Grevensteins doch zu lange, und er entschied:Jetzt muß ich wirklich einmal nach meinem Sohne sehen, ich begreife sein Fernbleiben nicht. Ich bitte einige Minuten um Entschuldigung."

Er verließ das Zimmer, äußerlich anscheinend ruhig, aber innerlich war er sehr zornig. Was wa­ren denn das für Manieren, die Francois hier ein» führen wollte? So ein Benehmen gehörte sich doch wirklich nicht! Im Augenblick, als die Gäste einge­treten, war er zu der anderen Tür hinausgeeilt.

als müsse er vor ihnen fliehen. Der Diener, der auf dem Gange stand, beantwortete die Frage des Gra­sen mit der Auskunft, der junge Herr hätte sich nach oben begeben.

Also ging er hinauf, klopfte kurz bei Günther an.

Es erfolgte keine Antwort.

Da öffnete der alte Herr die Tür und trat ein. Er fand Günther auf dem Bett, leise vor sich hin- stönend.

Der Graf erschrak.Um des Himmels willen, lieber Junge, was fehlt dir denn?"

Alle Vorwürfe, die er eben noch bereitgehalten, lösten sich auf vor dem Anblick der quer über das Bett geworfenen Gestalt, vor dem leisen Stöhnen, das sein Ohr traf. Ganz klein und ängstlich war er mit einem Male, denn der da lag und seufzte, war ja der Mann, der ihm das Wohnen in diesem Hause ermöglicht, der so viele Annehmlichkeiten in sein Leben gebracht. Er fragte, sich über den Stöh­nenden beugend, der seinen Eintritt gar nicht ge­hört zu haben schien:Was fehlt dir denn, lieber Junge? Ich bin sehr besorgt. Du verschwandest ohne jede Erklärung."

Günther schlug die Augen auf, und in abgerisse­nen Worten stieß er hervor:Ich leide seit einiger Zeit an geradezu wahnsinnigen Kopfschmerzen. Sie befallen mich urplötzlich, und das sticht bann und hämmert, daß ich kaum noch weiß, was ich tue. In solchen Fällen bin ich bemüht, so schnell wie mög­lich ein Alleinsein zu ermöglichen. Bis jetzt konnte ich die Anfälle vor dir verbergen, wollte dich nicht ängstigen. Ich spürte heute das Herannahen der Schmerzen schon als Mabel kam. Doch bann begann bas scheußliche Stechen toller als je, und ba war mir alles gleich. Ich konnte an keine Rücksicht mehr benken! Ich konnte überhaupt nicht mehr benfen unb lief nach oben, gleichviel, ob man mich unhöflich unb unbegreiflich fänbe ober nicht."

Fast unhörbar war bas Letzte. Seine ganze Kraft mußte ber ßeibenbe eingesetzt haben, um bie kurze Erklärung zu geben.

Der Gras war sehr erschrocken. Diese Symptome schienen ihm äußerst bedenklich.

Er antwortete hastig:Aber, mein lieber Junge, da muß doch ein Arzt zu Rate gezogen werden. Ich bitte dich, so etwas darf doch nicht vernach­lässigt werden! Ich schicke dir Pierre, er soll dir kalte Kompressen machen, und er soll auch in die Apotheke gehen, ein starkes Migränepulver holen, er soll"

Der auf dem Bett Liegende wehrte ab.

Bitte, Papa, laß das alles. Pierre würde mich nur stören, und weder die Kompressen noch die Pulver werden helfen, ich habe das bereits aus- geprobt. Nur eins tut mir gut: Ruhe, vollkommene Ruhe! Aber ich verspreche Dir, morgen einen Arzt aufzusuchen. Ich hatte in Deauville das Pech, beim Schwimmen einen falschen Sprung zu machen und bin dabei bös aufgeschlagen. Seitdem datieren die Schmerzen."

Der Graf tröstete:Der Arzt wird dir helfen, Francois. Aber nun will ich dich wahrheitsgemäß bei unseren Gästen entschuldigen."

Günther hielt ihn am Aermel fest.

Es ist mir aber schrecklich peinlich, Papa. Ließe sich nicht für mein Fernbleiben eine Ausrede finden? Frau Radix wird sonst denken, ich wäre so'n jämmerliches Kerlchen."

Der Graf fragte:Hast du denn Frau Radix nicht mehr gesehen? Du warst doch anwesend, als das Ehepaar eintrat?"

Nein, nein, ich sah vor Schmerzen gar nichts mehr außer einem schwarzen Kleid und unange­nehm farblosen Haaren."

Der Graf zuckte die Achseln.

Deine Aeußerung besagt allerdings, daß du nicht mehr gesehen hast. Frau Radix ist eine ber schönsten Frauen, die ich kenne."

Er faßte sich an die Stirn.Ja, aber was soll ich denn zu den Gästen sagen, wenn du nicht willst, daß ich die Wahrheit erkläre?"

Günther strengte sein Hirn an, aber es fiel ihm nichts ein. Er war vorhin beim Anblick der blonden Frau Radix so erschrocken gewesen, daß er ganz einfach die Flucht ergriffen hatte in der Furcht, von ihr wiedererkannt zu werden. Er hatte sich in seiner augenblicklichen Verwirrung gar nicht über­legt, wie sehr ihn der Bart veränderte.

Blöd' war ich", dachte er jetzt,das Weglaufen wäre wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen." Wiederum, die Sache mit dem Diadem war brenz­lig, und größte Vorsicht war geboten.

Er erwiderte:Sage, was du magst, entschuldige mich, wie du willst. Und noch eins, wenn es zu umgehen ist, sprich möglichst wenig von mir, sonst wird Mabel zu viel an mich erinnert und macht mir später Vorwürfe, ich hätte mich zusammen­reißen müssen."

Der Graf nickte und ging sogleich; er durste die Gäste nicht länger warten lassen.

Unten hatte man sich währenddessen lebhaft unter­halten. Die Gräfin Ciboure verstand es, mit lächelnden Worten die etwas peinliche Stimmung zu überbrücken, die das jähe Entfernen Greven­steins und der Erkundigungsgang des Grafen in der kleinen Gesellschaft zurückgelassen. Erst unter­hielt sie sich mit Herrn und Frau Radix über deren Pariser Eindrücke, dann erzählte sie von der Ge­schichte des kleinen Palastes Rethel. Sie berichtete: Unter dem großen Napoleon versammelte sich hier die Elite der französischen Gesellschaft. Die Urgroß­mutter von Graf Jean Louis war eine lebensfrohe, aber vorbildlich große Dame; sie verstand zu leben und leben zu lassen. Dort drüben hängt ihr Bild."

Franziska hatte wohl von weitem das fast lebens­große Porträt gesehen, da sie ihm aber von ihrem Platz aus halb den Rücken wandte, hatte sie es noch nicht näher betrachten können. Jetzt erhob sie sich, als die Gräfin vorschlug:Schauen Sie sich

die Dame einmal genau an! Sie gefällt Ihnen sicher, wie sie ihren Zeitgenossen sehr gefallen haben soll."

Die Gräfin Ciboure ging neben ihr her und ließ einen großen Wandarm aufflammen, um die rich­tige Beleuchtung für das braimlorfige Köpfchen der Gräfin, für das Gesicht mit den frohen, etwas eigenwilligen Zügen zu schaffen. Aber Franziska beachtete weder Das Gesicht mit dem lächelnden kleinen Mund noch den schelmischen Blick der braunen Augen. Sie sah nur ein Diadem auf den kleidsam geordneten Locken, ein Diadem, das dem von ihr auf dem Maskenball verlorenen glich wie ein Ei dem anderen.

War das verlorene Diadem eine Nachahmung des echten, das die Dame hier auf dem Bilde trug, oder war es das Diadem selbst? Ihr fuhr es durch den Sinn, daß der Wiener Geschäftsfreund ihres Mannes den einen blauen Stein, den man auf der Saalgalerie des HotelsEinhorn" gefunden und der von dem Diadem stammen mußte, echt genannt hatte.

Ist die Urgroßmutter nicht entzückend?" be­geisterte sich die Gräfin Ciboure, und Franziska bestätigte es; aber diese entzückende Dame auf dem Bilde war ihr in diesem Augenblick höchst gleich­gültig. Sie dachte nur an das Diadem und das Rätsel, das es ihr aufgab. Dazwischen drängte es sich ihr immer wieder auf, daß ihre Mutter in Paris als fremdsprachige Korrespondentin in Stel­lung gewesen, und daß sie das Diadem aus Paris mitgebracht.

Ihrem Manne, der neben ihr stand, sagte das Bild natürlich nichts von alledem, er hatte ja das Diadem nicht gekannt.

Eben trat Graf de Rethel ein. Lächelnd, liebens­würdig, ein winziges Fältchen der Besorgnis zwi­schen den dichten Brauen.

Er sagte höflich, wobei seine Worte vor allem an das junge Ehepaar gerichtet waren:MWn Sohn Francois, Die verstehen, ich nenne ihn meinen Freunden und Bekannten gegenüber schon so, fühlt sich heute bereits den ganzen Tag über nicht wohl, aber er nahm sich zusammen; doch vorhin befiel ihn plötzlich eine abscheuliche Schwäche, deshalb zog er sich, um unseren Gästen kein peinliches Schau­spiel zu geben, schnellstens in sein Schlafzimmer zurück. Natürlich ist er außer sich über die Sache. Er muß sich stark erkältet haben. Er läßt sich recht sehr entschuldigen und bittet, es solle sich niemand von uns durch den kleinen Zwischenfall den Abend verderben lassen."

Graf Rethel lächelte betonter:Darf ich bitten, meine lieben und verehrten Gäste? Wir können zu Tisch gehen."

Die Gräfin Ciboure sagte bedauernd:Wie schade! Francois ist ein so scharmanter Plauderer, wir werden ihn sehr vermissen."

(Fortsetzung folgtI)