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Mittwoch,.März 1957

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)

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to.58 Drittes Blatt

Aus der Provinzialhauptstadt

für Rußland zu fein, wo Frauen alle Arten von Arbeit tun. Sie starrten, als sie ein englisches Mäd­chen an der Ankerkette winden und den Außen­bord malen sahen.

Nach Rußland waren wir in Amerika und Kuba. Ich habe das Schiff gesteuert, bis der Wachoffizier in das Ruderhaus kam und mich fragte, ob ich meinen Namen auf den Ozean schreiben wollte". Wir hatten wenig schlechtes Wetter unterwegs. Man behauptet sonst,' daß Frauen an Bord Unglück bringen, aber uns schien das Glück überall hin zu folgen. Natürlich verliebte ich mich auch. Mehrmals. Ich verliebte mich in den braunen Heizer meiner Heimat, ich verliebte mich in Mac, den schönen Schotten, und ich verliebte mich in den netten klei­nen Chippy, den irischen Zimmermann. Nur die Tatsache, daß er Frau und Kinder hatte, hinderte mich daran, mich auch in den Maat zu verlieben. Am meisten verliebte ich mich in einen jungen Bur­schen aus Cornwall. Nur der Kapitän war kein Ge­genstand für Liebesträume. Wenn er mich mit irgendeinem Herumscherzen sah, bellte er:Hört auf mit Eurer Liebelei und tut eine Arbeit!"

Jetzt ist die Reise zu Ende, und meine Kame­raden sind fern. Sie sind entschwunden wie Schiffe in der Nacht. Ich bin froh, daß ich ihr guter Ka­merad war."

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einzureiben, ist auch eine Arbeit, die ich liebe. Man verrichtet sie wie Scheuerarbeit, mit Händen und Knien, zäh wie Syrup. Ich habe auf der Reise die halbe Steuerbordseite unseres Schiffes angemalt, fast die ganze Reeling des Mittelschiffs, einen gu­ten Teil der Kohlenbehälter und die Namen am Bug. Der Kapitän schickte mich zu dieser Arbeit, und ich mochte sie gar nicht. Das Brett, auf dem ich stand, schaukelte im Winde, ich traute mich aber nicht, es zu verlassen und auf die Lotsenleiter herüberzuklettern, die dafür gerade gut gewesen wäre. Der Kapitän blickte über die Reeling: Warum kommst du nicht herauf?" fragte er mich. Weil ich Angst habe," antwortete ich.

Sobald wir russische Gewässer erreicht hatten, kamen Zollbehörden an Bord, das ganze Schiff wurde durchsucht und die Mannschaft dem Arzt vorgeführt. Dann fuhren wir weiter unter Leitung eines Lotsen, der statt eines Hemdes eine kirschrote Bluse trug. Meine Tätigkeit an Deck schien ihm gar nicht zu gefallen. Es ist komisch, ein Aergernis

Joan Horsburg h, ein junges englisches Mäd­chen, hatte mit 22 Jahren genug vom Buroleben. Sie war in einer kleinen Hafenstadt aufgewachsen, und von Kind an wir ihr einziger Traum gewesen, wenn sie erwachsen wäre, ein Seemann zu werden. Natürlich wurde sie wegen dieses unangebrachten Ehrgeizes ausgelacht, aber das hielt sie nicht davon ab, eines schönen Tages ihren Traum zu verwirk­lichen und sich am 17. Juni 1936 an Bord eines 6000 Tonnen Frachtdampfers, derGardema , an­heuern zu lassen. Die Geschichte ihrer ersten See­reise erzählt sie selbst inPearsons Weekly .

Ich habe", so schreibt sie,fünfzehntausend See­meilen mit derGardenia" zurückgelegt, ich war in Aegypten, Rußland, Amerika, Kuba, die einzige Frau in einer Welt von Männern. Meine einzigen Gefährten waren die 32 Matrosen, Heizer, Tech­niker und Offiziere, die die Mannschaft des Schif­fes bildeten. Das ist das Leben, das mir gefällt. Nicht etwa, weil es abenteuerlich ist. Tatsächlich kommen auf eine aufregende Minute öde Wochen mit nichts als Wasser ringsum, Arbeit, Essen und noch einmal Wasser. Aber ich liebe die Freundschaft, die ich bei den Matrosen gefunden habe, Männern, die den größten Teil ihres Lebens fern von jeder Frau verbringen. Matrosen gelten als leichtsinnig. Nun, ich bin, eine einzelne Frau, mit 32 Seemän­nern gereist, und ich kann versichern, daß sie es nicht sind. Sie sind ganz einfach Männer, die ihre Familien lieben, immer schlecht daran, weil sie nie­manden haben, der ihre Socken stopft und weil sie nicht jeden Samstag die neuesten Fußballereignisse erfahren können. Das, was sie sich im Grunde ihres Herzens am meisten wünschen, ist ein Brief von ihrer Frau oder ihrer Braut, eine Photogra­phie, ein Bündel Zeitungen, um von zu Hause zu hören. Das ist das Leben auf See.

So habe ich die Matrosen kennen gelernt, nicht als Stewardeß, sondern indem ich Seite an Seite mit ihnen dieselbe Arbeit verrichtete. Ich trug einen blauen Arbeitsanzug, den ich aus dem Nachlaß eines Matrosen gekauft hatte, und ein Khakihemd, das ich vom zweiten Maat bekommen hatte, manch­mal darüber einen dicken blauen Sweater. Statt der Schuhe ein paar Sandalen aus geflochtener Schnur. Oft ging ich barfuß, und die Haut meiner Fußsohlen wurde, ebenso wie die meiner Hände, hart wie Leder. Wir verließen Cardiff mit der Be­stimmung nach Port Said mit einer Ladung Koh­len. Don Port Said gingen wir nach dem russischen Hafen Mariupol, in der Asofffchen See.

Ich will meinen Anfang beschreiben. Ich stand um 6.30 Uhr auf, und ein paar Minuten nach 7 fand ich mich damit beschäftigt, einen Schlauch rings um die Kommandobrücke zu schleifen. Der Kapitän handhabte von oben den Schlauch, und die Matrosen schrubbten mit langstieligen Besen. Von mir wurde erwartet, daß ich aufpaßte, damit der Schlauch keine Knoten machte. Alle Augen­blicke machte er welche, und ich mußte hinlaufen, um sie auseinanderzuziehen. Das Schwierigste an dieser Deckscheuerei war es, die freien Räume so sauber zu bekommen, daß man vom Deck essen konnte. Wobei man allerdings nicht übergenau sein durfte. Aber das ist man schon nicht auf See. Der Schweiß rann mir nach fünf Minuten von der Stirn. Ich wischte mein Gesicht mit einem rußge­schwärzten Arm ab und hatte nun wenigstens ein ebenso schwarzes Gesicht wie all die anderen. Mein einziger Wunsch war, es möchte Frühstück geben. Plötzlich war es so weit, und ich konnte wie die an­deren mit meiner Schüssel meine Portion an der Kambüsentür in Empfang nehmen. In einer offe­nen Luke sitzen und Grütze essen, während die grie­chischen Inseln vorbeigleiten, ist eine gesegnete Be­schäftigung, besonders wenn man hungrig ist.

In diesen ersten Wochen tat ich jede schmutzige Arbeit, die es auf einem Schiff gibt, und ich hatte meine Freude an allem, sogar daran, Schlagwasser aus dem Jnnenraum zu schöpfen. Das Deck mit Oel

Eine Iran und zweiunddreißig Männer

Eine junge Engländerin erzählt von ihrer ersten Seereise.

Ein bißchen Humor.

Ein Vorgang, wie er sich fast täglich ereignet: In einer Verkehrsstraße ertönen plötzlich scheltende Stimmen. Die Vorübergehenden horchen auf, bleiben stehen und im Nu hat sich eine kleine Ansammlung gebildet. Jeder reckt seinen Kopf vor, Fragen wer­den laut, das Ganze hat den Anschein, als ob wer weiß was passiert wäre.

In Wirklichkeit ist gar nicht viel geschehen. Der Autolenker, der sich mit dem Radfahrer herum- streitet, hat an dieser Stelle seinen Wagen zum Stehen gebracht und der hinter ihm fahrende Radler ist etwas unsanft dagegen gestoßen. Schaden hat es nicht gegeben, der Radfahrer ist nicht zu Boden gestürzt und der Autolack weist nicht einmal eine Schramme auf. Nichtsdestoweniger geht der Meinungsstreit hin und her.

Es ist unerhört, einfach den Wagen so kurz ab­zustoppen und die Leute in Gefahr zu bringen", schimpft der Radfahrer,ich hätte glatt einen Schädelbruch davontragen können."

Dann wären Sie selber schuld daran", knurrte der Wagenführer ebenfalls ärgerlich,ich habe mich ganz vorschriftsmäßig verhalten. Wahrscheinlich aber haben Sie geschlafen, denn sonst hätten Sie mein rotes Licht sehen müssen."

Die Umstehenden hören interessiert zu, ergreifen Partei und wissen allerlei gute Ratschläge anzu­bringen. Bis schließlich ein wohlbeleibter Herr mit sonorer Stimme dazwischenfährt:Aber Herr­schaften, ist das eine Manier, der Freude Ausdruck zu geben? Kinder, seid doch froh, daß es euch gut geht." Allgemeine Heiterkeit der Umstehenden. Der Kraftwagenführer lächelt ebenfalls, und der Rad­fahrer schwingt sich kurzentschlossen auf sein Stahl­roß. Die Angelegenheit ist damit erledigt, die An­sammlung zerstreut sich, für die Neugierigen gibt es nichts mehr zu hören und zu schauen. Der wohl­beleibte Herr aber geht von bannen und freut sich, daß er die Kampfhähne auseinander gebracht hat.

Er tat es nicht mit Erklärungen und Hinweisen, er tat es mit ein bißchen Humor. Und der Erfolg gab ihm recht. Wieviel läßt sich im täglichen Leben nicht damit besiegen. Es gibt genug Widerwärtig­keiten und brenzliche Situationen, die uns manch­mal frühmorgens schon die Laune für den ganzen Tag verderben können. Es soll Leute geben, die sich bereits ärgern, wenn sie mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden sind, andere wieder wurmt es, wenn sie vor der Haustüre umkehren müssen, um sich ihr Frühstück zu holen. Aber es läßt sich nicht bestreiten, daß es auch ernsthaftere Gründe gibt,

die den Aerger entfachen. Mit ihnen räumt ein bißchen Humor spielend auf. Er ist ein prachtvoller Helfer gegen alle kleinen Tücken des Daseins, und jener Arzt wußte schon, was er tat, als er in fein Wartezimmer den Spruch hängen ließ:

Glücklich ist, wer nie verlor

Im Kampf des Lebens den Humor!"

H. W. Sch.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

NS.-Frauenschaft und Deutsches Frauenwerk, Ortsgruppe Gießen-Süd: 20.30 Uhr Ortsgruppen­abend im Studentenhaus, Leihgesterner Weg.

Stadttheater: 19.30 bis 21.45 UhrDie vier Ge­sellen". Gloria-Palast, Seltersweg:Millionen- Erbschaft". Lichtspielhaus- Bahnhofstraße: Frauenliebe Frauenleid".

Stadttheater Gießen.

Heute abend findet die erste Wiederholung des Lustspiel-ErfolgesDie vier Gesellen", von Jochen Huth, statt. Spielleitung Wolfgang Kühne. In der Rolle derVier Gesellen": Inge Birkmann, Maria Gerhardt, Charlotte Krause, Han'si Prinz. Die Vorstellung findet als 22. Vorstellung der Mitt­woch-Miete statt. Anfang 19.30, Ende 22 Uhr.

Vortrag in der Stadtkirche.

Donnerstag, 11. März, 20 Uhr, spricht in der Stadtkirche Pfarrer Bell aus Siebenbürgen über Die Siebenbürger Sachsen und ihre evangelische Kirche". Der Redner zeigt dabei farbige Lichtbilder über Land und Volk in Siebenbürgen. (Siehe heu­tige Anzeige.)

Gewinnliste der WHW.-Tombola.

DNB. Die Gewinnliste der großen WHW.-Tom- bola ist jetzt herausgekommen. Sie liegt am Mitt­woch, 10. März, in den Kreisgeschäftsstellen der NSV. zur Einsichtnahme aus, kann dort auch zum Preise von 10 Pf. bezogen werden. Auswärtige Losbefitzer erhalten die Gewinnliste gegen Einsen­dung von 10 Pfennig in Briefmarken von der Gau- führ'ung Berlin des' WHW., Berlin C. 2, Kaiser- Wilhelm-Straße 58, Finanzverwaltung. Die Ge­

winne werden drei Monate, also bis zum 8. Juni, aufbewahrt. Gewinne, die nach Ablauf dieses Ter- mines nicht abgeholt sind, fallen der Gauführung Berlin des WHW. zu.

Die öcutfdic Arbeitsfront

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Amt Feierabend.

LustspielDie vier Gesellen" am 13. März im Stadttheater. Zu dieser Vor­stellung sind noch Plätze in allen Preislagen vor­handen. Die Karten können auf der Kreisdienst­stelle in Empfang genommen werden. Die Betriebs­warte, die noch keine Bestellungen aufgegeben­haben, wollen dies umgehend nachholen.

Amt Reisen, Wandern und Urlaub.

Gesperrte Urlaubsfahrten. Folgende Fahrten sind wegen Ueberfüllung gesperrt: U. F. 16/37 Berchtesgadener Land, U. F. 29/37 Allgäu1 Pfronten, U. F. 40/37 Rügen, U. F. 41/37 Schlier­see, U. F. 51/37 AllgäuPfronten, U. F. 62/37 Berchtesgadener Land, U. F. 64/37 Reit im Winkel, U. F. 69/37 AllgäuPfronten, U. F. 71/37 Ober­ammergau, S. F. 102/37 Norwegen (gesperrt für Frauen und Ehepaare), S. F. 103/37 Norwegen, S. F. 104/37 Norwegen (gesperrt für Frauen). Wir empfehlen allen Arbeitskameraden, die sich an einer Fahrt beteiligen wollen, sich umgehend anzumelden.

NSDAP. Ortsgruppe Gießen-O .

Alle SS.-, SA.-, NSKK.-, NSRK.-, SA.-Ma- rine-Männer, die im Bereich der Ortsgruppe Gie- ßen-Ost wohnen, werden hiermit aufgefordert, am Donnerstag, 11. März, oder Freitag, 12. März, in der Zeit von 20 bis 22 Uhr den Beitrag zur Hilfskasse für die Monate April, Mai und Juni 1937 im Saal der Wirtschaft Germania, Kaiserallee 141, zu zahlen. Außerhalb der angegebenen Zeiten besteht keine Möglichkeit, den Beitrag, der nach An­ordnung des Führers von allen obengenannten An­gehörigen der Gliederungen zu bezahlen ist, zu ent­richten.

NeichSmütterdienst in Gießen.

Ein Wort unseres Führers:In meinem Staate ist die Mutter die wichtigste Staatsbürgerin" stellt die Frau und Mutter in den Mittelpunkt des Staatslebens. Das bedeutet für jede Frau eine Verantwortung und Verpflichtung. Die deutsche Frau muß sich dieser Verantwortung bewußt wer­den, sie muß ihre Kräfte neugestaltend und auf­bauend einsetzen für das Wohl der Volksgemein­schaft und ihr Denken und Handeln danach richten.

Der Reichsmütterdienst im Deutschen Frauenwerk will die Frau und Mutter für den wichtigsten frau­lichen Beruf vorbereiten und erziehen. So findet im April in Gießen wieder ein Lehrgang in Säug­lingspflege statt, den Schwester Elisabeth Müller durchführen wird. Wenn wir einmal die Themen nennen, die hier alle behandelt werden, dann wird jede Frau merken, wie wertvoll diese Schulung ist. Im theoretischen Teil hören wir die wichtigsten Angaben über die Bevölkerungspolitik und über den Sinn der Mütterschulung, auch die Bedeutung der Säuglingspflege zur Minderung der Kinder­sterblichkeit wird geklärt. Im praktischen Teil wird die Pflege der Mutter vor und nach der Geburt, ihre Kleidung und sachgemäße Ernährung, sowie die Betreuung des Säuglings vom ersten Tage an durchgenommen und an Beispielen erläutert. An­meldungen für diesen Lehrgang nehmen die Lei­terinnen der Ortssrauenschaften entgegen. F. K.

*

** Das Setzen von Gartenwasser- m e s s e r n betrifft eine Bekanntmachung der Direk­tion der städtischen Betriebe in unferm heutigen Anzeigenteil. Interessenten seien auf die Bekannt­machung besonders hingewiesen.

** Sonderzüge zur Reichsnähr­stand s s ch a u in München. Von dem land­wirtschaftlichen Ortsfachberater in Gießen wird uns

Zwischen den Sekunden.

Don jRolani) Beisch.

Roland Betfch wurde, wie bereits berichtet, mit dem Westmarkpreis 1937 ausge­zeichnet.

Man soll mich auf der Stelle hängen, wenn es nicht wahr ist, daß das Autofahren auf die Dauer ermüdet. Nun gar, wenn man allein durch den Sonnentag fährt. Holt's der Geschwänzte, jetzt sitze ich sechs Stunden am Rad und verdaue die Land­straßenkilometer. Und ausgerechnet immer nach Süden, in die Sonne, mitten in diesen stechenden und blendenden Wirbel von Licht hinein.

Dabei habe ich immer noch zweihundert Kilometer zu verspeisen. Neben mir auf dem Sitz liegt eine illustrierte Zeitung; ich werfe manchmal flüchtig einen Blick seitwärts hinein und rase immerfort weiter. Wenn wenigstens ein kleines Erlebnis käme, eine harmlose Abwechslung, ein Landstraßenaben­teuer. Aber nichts, rein gar nichts. Es gibt wirklich keine Erlebnisse mehr. Das Leben ist langweilig geworden.

Nein, ha steht ein junges Mädel am Wege und winkt. Sie will mitfahren. Meinetwegen, kommt mir gerade recht; ich kann ein wenig plaudern und Unsinn schwätzen. Zerstreuung steht in Aussicht. Am Ende verliebt man sich zwischen den Kilometer­steinen.

Guten Tag, lassen Sie mich bitte mitreisen." Sie lacht mich an. Das Gesicht kommt mir bekannt vor.

Bitte, reifen Sie mit." Warum sagt sie denn reisen"?

Komisch, mitreisen will sie. Wo habe ich sie schon einmal gesehen?! Da sitzt sie jetzt an meiner Seite und macht wirklich keinen üblen Eindruck. Ich werde mich aber hüten, auf dieses kokette Lachen herein­zufallen.

Wohin wollen Sie denn?" frage ich und muß nun gar nicht mehr gähnen. Nein, mir wird pudel­wohl. Ach, wir Männer!

Nach Zickelweiler", sagt sie und kichert.

Zickelweiler? Wo liegt denn das? Zwischen Pfingsten und Bruchsal?'

Hinter Stupfershauen."

Stupfershausen, der Teufel mag wissen, wie die Ortschaften hier heißen.

Meinetwegen, nach Zickelweiler.

Gelt, Sie sind müde?" sagt sie plötzlich.

Müde? Wieso, warum? Weil ich nicht weiß, wo Ihr Zickelweiler liegt?"

Nein, weil Sie vorhin gegähnt haben."

Ich? Seit Sie hier sitzen, habe ich nicht ein einziges Mal ge."

Aber woher!"

Welch ein Geschwätz! Woher will sie wissen, daß ich den Tag angegähnt habe!

Können Sie durch die Wände gucken?"

So was von verrücktem Lachen. Ich falle aber nicht herein.

Wer weiß? Außerdem haben Sie ein total ver­gönntes Gesicht."

So? Ich glaube, Sie wollen Streit anfangen. Wie heißen Sie denn?"

Lore heiße ich, Lore W."

Lore W.? Und wie geht das W. weiter?"

Verrate ich nicht; fahren Sie doch etwas rascher, wir kommen ja im Leben nicht nach Zickelweiler, wenn Sie andauernd quatschen und das Gas ver­gessen."

Ich quatsche nicht; aber Sie suchen Händel. Wenn Sie weiter randalieren, dann müssen Sie die Fahrt bezahlen. Sehen Sie nicht, daß ich 60 auf dem Tachometer habe?"

Sechzig? Ha, ha, sechzig? Das fährt meine Groß­mutter im Dunkeln."

Das haben Sie mal geträumt."

So ein frecher Fetzen. Lacht mich dabei immer­fort an. Sie weiß genau, daß ich machtlos bin. Ich kann gegen eine Dame nicht ausfallend werden, das verbietet meine gute Erziehung.

Ich träume nicht", plappert Lore weiter,aber denken Sie mal, was für einen Unsinn ich da neulich gelesen habe. Träume sollen nur Sekunden, nur Bruchteile von Sekunden dauern. In einer ein­zigen Sekunde soll man ein ellenlanges Erlebnis träumen können. So ein Quatsch."

Schon wieder Quatsch. Ich vermute, Sie sind nicht von Zickelweiler, sondern von Quatschdorf. Das liegt doch auch hier in der Nähe?"

Ratsch, hat sie mich in den Haaren. Drückt wie besessen auf die Hupe. Die Spatzen fliegen von den Bäumen.

Lassen Sie doch die Hupe in Frieden. Ein so radaulustiger Fahrgast ist mir denn doch noch nicht Dorgefommen. Ich habe größte Lust, Sie auszu­laden. Reifen Sie per Frachtgut weiter!"

Sie sollen mir recht geben, wenn ich sage, daß es Unsinn ist."

Was ist Unsinn? Quatschdorf?"

Nein! Wenn jemand behauptet, man könne in einer einzigen Sekunde eine ganze Garnrolle Zeugs träumen."

Das ist kein Unsinn, meine liebe Radaulore." Radaulore? Hier hast du's für die Radaulore." Sie klatscht mir die flache Hand auf die Backe.

Ich sage Ihnen, man hat Experimente gemacht. Traumexperimente. Und herausgefunden wissen­schaftlich einwandfrei daß man in einer Sekunde eine lange Geschichte träumen kann. Und jetzt Ruhe, bitte, sonst".

Was denn sonst?"

Sonst werde ich Ihnen den Mund auf die ab­sonderlichste Art verschließen."

Sv? Wie denn bitte?" Sie hat ein unverschäm­tes Lachen. Ihre Lippen sind feucht, ihre Augen glänzen. Sie fordert mich heraus. Und hinterher soll ich es dann gewesen sein.

Wie denn bitte?" trumpft sie weiter auf und stößt mir die Faust in die Seite. Streckt ein End­chen Zunge heraus.

Ich sage doch, auf absonderliche Art."

Los! Vorwärts! Da bin ich aber neugierig. Ha, ha, Ihnen fehlt der Mut!"

Das durfte Sie nicht sagen. Ich lege den Arm um sie und ziehe sie an mich heran. Bitte, ich habe einen harten Griff.

Lassen Sie mich so lange das Rad halten", ruft sie, während ich sie küssen will. Sie greift nach dem Lenkrad. Aber sie schwänzelt, sie fährt Schlangen­linien. Ich fühle schon ihre weichen Sippen, da sehe ich, wie sie in scharfem Tempo den Wagen auf die Straßenseite gegen die Pappelbäume steuert.

Halt!" rufe ich entsetzt und reiße ihr das Rad aus den Händen. Hart an einem Baum

Ich schlage die Augen auf. Hart an einem Baum zische ich vorüber. Allein bin ich. Keine Lore. Kein Zickelweiler. Kein frecher Plappermund. Kein Kuß.

Wie ein Blitz kommt mir Klarheit! Ich habe geschlafen. Im Fahren bin ich eingeschlafen und habe geträumt.

Ich stoppe ab, steige aus dem Wagen und schaue mich um. Eine endlos lange, gerade Straße. Sonne brütet. Nicht weit entfernt steht ein Haus. Ich weiß genau, daß ich noch wach war, als ich an diesem Haus vorbeifuhr. Nur zwei, drei Sekunden kann ich geschlafen und geträumt haben. Hätte ich Lore geküßt, hinge ich jetzt am Baum. Als ich zum Wagen zurückgehe, sehe ich auf Lores Platz die illustrierte Zeitung liegen.

Da ist ja Lore! Richtig, eine Photographie aus dem Modeteil. Fräulein Lore W. in einem mo­dernen Rock aus Lindener Samt. Ja, da ist Lore. Weiter nichts, als eine Photographie in einer illu­strierten Zeitung. Jetzt weiß ich auch, warum mir der Teufel aus Zickelweiler so bekannt vorkam.

Ich lege mich unter die Wiese unter einen Ahorn­baum und ruhe mich aus.

Schlafe ein. Und träume.

Leider nicht von Lore.

ßittc Milliarde Jahre Leben auf der Erde.

In einer auch für den Laien klar verständlichen Untersuchung kommt der Altmeister der geographi­schen Wissenschaft, Prof. Dr. Albr. Penck, zu dem Er­gebnis, daß die Anfänge des Lebens auf der Erde etwa eine Milliarde Jahre zurückliegen und daß die geologische Forschung bisher davon nur die Hälfte erfassen konnte. Zu tiefem Nachdenken veranlaßt eine weitere Ueberlegung, daß nämlich nur ein Zweitausendstel dieser Milliarde von Jahren auf die Geschichte der Menschheit fällt. Wir können uns, so schreibt Penck im Märzheft von Velhagen & Kin­sings Monatsheften, Jahrzehnte und Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende vorstellen. Um uns Jahrmillionen oder gar eine Milliarde von Jahren zu veranschaulichen, raffen wir sie zusammen. Wir denken sie uns auf ein einziges Jahr zusammen- geschoben, also auf ein Milliardstel ihrer Dauer. Das organische Leben beginne in diesem Schöp­fungsjahr zu Neujahr, seine ersten Spuren sind uns aus der Jahresmitte erhalten, jeder Tag hat die Länge von rund drei Millionen Jahren. Der erste Mensch würde daher am letzten Tage des Jahres, abends 8 Uhr in Erscheinung treten, um 10 Uhr wären wir mitten in der großen Zwischeneiszeit, 10 Minuten vor Mitternacht beginnt der starke Gletscherrückzug der letzten Eiszeit und 3 Minuten vor Mitternacht die durch menschliche Aufzeichnun­gen überlieferte geschichtliche Zeit. Was die erste Generation des 20. Jahrhunderts erlebte, würde wenig mehr als die letzte Sekunde füllen. Welch kurze Spanne Zeit und welch großes Erleben!

Neunzig Dickens-Briefe entdeckt.

90 vollkommen erhaltene Briefe in der Hand­schrift von Charles Dickens wurden in einem Hause von Leatherhead in England entdeckt. Ihr letzter Besitzer Henry A. White, ein reicher Börsen­makler, ist soeben im Alter von 90 Jahren ge­storben; er war ein Freund und Bewunderer von Dickens und hielt die Briefe in seinem Hause ver­borgen. Sie sollen erst nach feiner Beerdigung be­kanntgegeben werden. Die Briefe, die viele auf» fchlußreiche Mitteilungen über die häuslichen An­gelegenheiten von Dickens enthalten, sind an John L e e ch geschrieben, den Künstler, der einer der nächsten Freunde des Dichters war und auch feine Weihnachtserzählung" illustriert hat. Als Leech starb, schenkte seine Witwe die Briefe einem ande­ren Freunde von Dickens, der sie dann dem jetzt verstorbenen Mr. White hinterließ.