Hr.54 Dritter Blaff
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Mittwoch, lv.zebruar 1957
“B“)KAMILLOFLOR|
ALKALIFREI 30 PFG.
BRUNETAFLORt
FuR DUNKLES HAAR
Haarpflege ■ für die Frau von heute!
Aus der Provinzialhauptstadt.
Aus!
Regennasse Straßen. Unaufhörlich rieselte das himmlische Naß hernieder. Die Menschen hatten es eilig mit dem Heimkommen. Wer nicht unbedingt herausgehen mußte, blieb lieber zu Hause. Denn es war — mit einem Wort zu sagen — ein Hunde- metter. Und ein Skandal dazu, daß der Wettergott so wenig Rücksicht nahm aus die Faschingswünsche und -Hoffnungen der Menschen. Allerlei „Blüten- träume" wurden bei diesem Dauerregen einfach zu Wasser. Und in der Stadt, wie auf dem Lande hörte man nur ehrliches Bedauern über das Regen-Leid bei dem Mainzer Rosenmontagszug.
In Gießen sah man, abgesehen von drei oder vier kleinen Buben und Mädels im Faschingsgewand, überhaupt nichts vom Karneval. Auch diese kleinen Anfänger hatten bei dem andauernden Regen gar schnell alle Begeisterung verloren und verzogen sich wieder zu Mutters warmer Stube. Auf den Straßen blieb an Stelle des Rosenmontags-Faschingstreibens nur der Regen der „ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht". Das war der Rosenmontag in Gießen, eine einzige wässerige Angelegenheit!
Fa st nacht-Dienstag. Früher traf man noch kurz vor dem Hellwerden die „Standhaften" vom Rosenmontagsbetrieb. Sie befanden sich mitunter noch nicht einmal auf dem Heimweg, sondernsteckten aus einer Gasthaustür nur den Kopf ins Freie, um einmal frische Lust zu schnuppern. Manche befanden sich auch in mehr oder minder schwankendem Zustand auf der Tour nach ihrem Bette. Wenn sie unterwegs eine offene Gasthaustür und Licht im Lokal erblickten, mußte unbedingt erst noch Station gemacht und eine „Erfrischungspause" eingelegt werden. Nach Hause kam man ja immer noch.
In diesem Jahre am Fastnachts-Dienstagfrüh konnten wir derartige Beobachtungen nicht machen. Offenbar hatte das Hundewetter vom Montagabend auch den Fastnachtsfrohen die Ausgehlust genommen, oder der auch nachts anhaltende Regen hatte sie in einem Zug heimwärts getrieben. Kurz und gut: die Straßen waren am frühen Morgen so leer und tot, als ob es überhaupt keinen Rosenmontag gegeben hätte, dem ein Fastnachtsdienstag auf dem Füße folgte. Dazu wiederum Regen, nichts als Regen. i
Im Laufe des Vormittags hörte zwar der Regen allmählich auf, dann blies aber ein reichlich kalter Wind sehr unangenehm durch die Straßen. Erst gegen die Mittagszeit fanden einige Beherzte, vor allem Kinder, Mut zur Maskenpromenade in den Straßen. Auch ein leiblich recht umfangreicher Clown, dessen Bauchweite in stärkstem Gegensatz zu der fast streichholzartigen Schlankheit seines Partners steht, zog mit einer Pauke bewaffnet, einher. Sonst aber schienen die Menschen auch am Mittag des Fastnachtsdienstag nur Arbeit und Pflicht zu kennen.
Erft am frühen Nachmittag wurde das Straßenbild etwas anders. Wie immer waren der Seltersweg, der Kreuzplatz, die Mäusburg und der Marktplatz die „Rennbahn" der — leider nur gering an Zahl — Maskierten bzw. Angemalten und der sehr vielen neugierigen Zuschauer. Es gab wieder ein großes Gedränge die Straßen hinauf und hinunter. An Johlen und Schreien, an Lachen und frohen Zurusen fehlte es nicht. Die Pritschenschlacht war fest im Gange, vor allem zur Freude der Buben, die sich in der Hauptsache die jungen Mädels vor die Pritsche nahmen. Papierschlangen und Konfetti flogen durch die Luft. Die Papierschlangen umhüllten sogar zum Teil die in ansehnlicher Höhe angebrachten Straßenlampen. Männlein und Weiblein suchten sich nach bester Möglichkeit die Faschingsfreude des Tages zu bereiten.
Manche karnevalistisch herausgeputzte Truppe wurde zum Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit und veranlaßte eine Zusammenballung der Schaulustigen um sich herum. Aber auch in diesem Jahre wieder — genau wie im Vorjahre — fast kaum eine Maske, sondern fast alles nur mehr oder minder primitiv verkleidet und im Gesicht bemalt. Einzig eine „Kolonialtruppe", die recht hübsch aufgemacht war, brachte eine besondere Note mit gutem Ge-
Die Arbeit der OAF. im Kreise Wetterau.
Die Kreiswaltung Wetterau der Deutschen Arbeitsfront gibt folgenden Bericht über ihre Tätigkeit im Januar:
Im Kreise Wetterau wurden im Berichtsmonat 41 887 Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront betreut; hiervon gehören zum früheren Kreis Gießen 24 148.
Die Verwaltungsstelle 19 (Gießen) zahlte folgende Unterstützungen aus:
Ausbez. Unterstützungs-
Anzahl Wertsumme
Erwerbslosenunterstützung 25 327,50
Krankenunterstützung 201 1610,05
Jnvalidenunterstützung 226 3013,95
Notfallunterstützung 7 82,—
Sterbeunterstützung 9 550,—
Heiratsbeihilfe 2 60,—
470 5643,50
A. D. D. 2 128,—
Angestellte.
Erwerbslosenunterstützung 2 73,33
Jnvalidenunterstützung 14 132,10
16 195,43
Die Kreiswaltung besuchte im Berichtsmonat 74 Ortswaltungen; Mitgliederappelle wurden keine abgehalten. Betriebe wurden insgesamt 47 besucht und dabei Fragen der tariflichen Entlohnung, Entlassungen, Schönheit der Arbeit, Lehrlingshaltung und -ausbildung geklärt.
Bei der Rechtsberatungsstelle sprachen 507 Besucher vor. Außerdem wurden 64 arbeitsrechtliche Streitfälle behandelt, 18 Güteverhandlungen mit den Parteien geführt, 31 Vergleiche geschlossen im Werte von 1965,34 Mark. Vor dem Arbeitsgericht wurden 20 Klagen erhoben, 23 Termine wahrgenommen, fünf Vergleiche geschlossen, vier Klagen wurden zurückgenommen. Die Verfahren in der Sozialversicherung zeigen folgende Zahlen: 1 Krankenversicherung, 1 Invalidenversicherung, 3 Angestelltenoersicherungen, 2 Arbeitslosenversicherungen.
Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" führte 19 Veranstaltungen mit 6892 Besuchern durch, sowie 65 Sportabende mit 1108 Besuchern.
Die Abteilung Berufserziehung und Betriebsführung brachte weitere Berufserziehungsmaßnahmen für alle Berufe zum Einsatz, die inzwischen zum Teil bereits durchgeführt sind. Da sich die Durchführung praktischer Lehrgänge sehr bewährt hat, werden weitere Maßnahmen dieser Art für verschiedene Berufe ausgeschrieben und durchgeführt.
Die Kreisjugendwaltung ist bei der letzten Durchorganisation des Reichsberufswettkampfes, nachdem die Anmeldetermine ab gelaufen find. Dieses Jahr ist wieder eine größere Beteiligung festzustellen und die Jugend beweist, daß sie den Sinn der „Olympia der Arbeit" begriffen hat.
Unser neuer Vornan.
Nachdem wir in der gestrigen Ausgabe unseres Blattes die Veröffentlichung des Romans „Das fremde Gesicht" von Caren beendet haben, beginnen wir in der heute erscheinenden Nummer des Gießener Anzeigers mit dem Abdruck eines neuen großen Romanwerkes. Wir glauben den Wünschen zahlreicher Leserinnen und Leser in Stadt und Land entgegenzukommen, wenn wir heute die Bekanntschaft mit einer unserer beliebtesten und am meisten gelesenen Romanautorinnen erneuern, die sich seit langem eine große und anhängliche Gemeinde geschaffen hat. Unser neuer Roman ist das letzte, erst vor kurzem zum Abschluß gebrachte Werk der geschätzten Verfasserin:
„Das Mädchen mit dem Silberhaar", von Anny von panhuys.
schmack in das Treiben. Sie fand denn auch verdientermaßen viel Anerkennung.
Gegen Abend flaute der Betrieb ab. Zwischen 19 und 20 Uhr schien er überhaupt einen starken Knacks zu erhalten durch ein Regen- und Schneeunwetter, das plötzlich hereinbrach und den Aufenthalt auf der Straße sehr ungemütlich machte, zum Glück aber nicht lange anhielt. Von 20 Uhr ab erhielten die Straßen ein besseres karnevalistisches Gesicht durch zahlreiche Masken, die nun auf dem Marsche waren. Ihr Ziel war allerdings nicht die Promenade auf der Straße, sie strebten vielmehr den Gaststätten und Faschingsbällen zu, für die auch diesmal wieder reichlich gesorgt war. Und hier entwickelte sich ein Mordsbetrieb, bei dem der Frohsinn und die Kar- neoalslaune kräftig zur Geltung kamen. Aus dem Abend- und Nachtbetrieb wurde bei vielen eine kräftige Nachfeier bis weit in den folgenden Morgen hinein.
Aschermittwoch. Das Lebenslicht des Prinzen Karneval ist erloschen. An seiner Stelle regiert heute bei vielen der — Kater. Daß von gestern abend bis heute morgen kräftig gefeiert wurde, war an den Männlein und Weiblein zu erkennen, die heute früh zwischen 6 und 7 Uhr zum Teil mit frohem Sing-Sang und mit kräftiger Schrei-Stimme die Straßen bevölkerten. Man sah die Strapazen der Faschingsschlacht der verflossenen Nacht aber auch an manchen Gesichtern, die übernächtig mit reichlich viel Anstrengung bei der Arbeit des heutigen Vormittag herumgetragen wurden. „Sitzengebliebene" gab es heute morgen auch noch in verschiedenen Lokalen. An einer Stelle hörten wir sogar das weithin bekannte trutzige Singbekenntnis: „Heut gehn wir wieder gar net Haarn!" Im Lokal standen aber schon vielfach die Stühle auf den Tischen und die Kellner machten immer mehr Fenster auf. Die „Seßhaften" dürften dann wohl doch bald „haamgegangen" sein. Ihr Schwips und ihr Kater werden 'sie treu begleitet haben. Aber dafür ist es ja Aschermittwoch, und nun ist die Fastnacht begraben, ist das Narrentreiben aus! B.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 21.45 Uhr „Wasser für Canitoga". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Das Mädchen aus der Hafenschenke". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Im weißen Rößl". — Kirchliche Woche der Luthergemeinde: 20 Uhr spricht Hauptpastor D. Jannasch, Berlin, in der Kapelle des Alten Friedhofs über „Selbsterlösung".
Sladttheater Gießen.
Heute abend findet die letzte Wiederholung des spannenden Schauspiels „Wasser für Canitoga" von Georg Turner statt. Die Spielleitung führt Anton Neuhaus. Die Vorstellung findet als 19. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 21,45 Uhr.
Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde und Deutscher Biologenverband.
Donnerstag, 11. Februar, Vortrag im Hörsaal des Zoologischen Instituts. Professor Anke! spricht über „Reise eines Zoologen nach Dänemark und Schweden." (Siehe heutige Anzeige.)
kirchliche Woche der Luthergemeinde.
Die Luthergemeinde Gießen veranstaltet in der Zeit vom heutigen Aschermittwoch, 10. Februar, bis zum Samstag, 13. Februar, jeweils um 20 Uhr, in der Kapelle des Alten Friedhofs eine Kirchliche Woche, die vier Vorträge unter dem Thema „Die Biblische Botschaft von der Erlösung" bringen wird. Redner aller Abende ist Hauptpastor Dr. theol. Jannasch (Berlin, früher Hohensolms). Auf die heutige Anzeige sei besonders aufmerksam gemacht. NSDAP. - Amt für DotkSwohlfahrt.
Ortsgruppe Gießen-Nord.
Am Donnerstag, 11., und Freitag, 12. d. M., wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord die Pfund- fammlung durchgeführt.
Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfund - päckchen bereitzulegen.
•.J- . Dieöeutfdißflrbritdfront
■-'77 > n.9.=6emeinfchaft „straft durch frcuöc"
Amt Feierabend.
Vorstellung am 13. Februar im Gießener Stadt t Heater. Am Samstag, 13. Februar, bringen wir als 11. Sondervorstellung im Stadttheater Gießen das spannende, zeitgemäße Schauspiel „Wasser für Canitoga" von Georg Turner. Die Eintrittspreise betragen 70 und 90 Pf. Die Karten können umgehend bei der Kreisdienststelle abgeholt werden.
4200 Mark für das Winterhilfswerk.
Das Ergebnis der 5. Straßensammlung In Gießen.
Die 5. Reichsstraßensammlung, bei der die schönen Bernstein Klee- und Eichenblätter verkauft wurden, brachte in unserer Stadt den stattlichen Betrag von 4200 Mark. Das Ergebnis des Kreises Wetterau liegt bisher noch nicht vor.
ein groß angelegter Liebes- und Kriminalroman, der, wie wir überzeugt sind, von Anfang bis zu Ende mit wachsender Anteilnahme und größter Spannung verfolgt werden wird. Die in früheren Jahren bereits bei uns erschienenen Romane von Anny von Panhuys, die samt und sonders ausgesprochene Publikumserfolge waren, haben die bestechenden Vorzüge ihrer Arbeiten hinreichend vor Augen geführt: packende und lebendige Schreibweise, höchste Spannung einer in überraschenden Steigerungen und dramatischen Konflikten sich zuspitzenden Handlung, und eine höchst plastische Charakterzeichnung. Romane wie „Ein Lied vom Glück", „Der Dreizehnte", „Frauenwege" und „Durch fremde Schuld" — um nur einige herauszugreifen — dürften vielen unserer Leserinnen und Leser noch in bester Erinnerung sein.
Alle die genannten Eigenschaften vereinigen sich auch in dem neuen Roman, mit dem wir heute beginnen: er wird, dessen sind wir gewiß, genau wie seine zahlreichen Vorgänger seinen Weg machen und jedermann eine reizvolle, von Tag zu Tag erwartungsvoll begrüßte Lektüre sein.
Oberpostinspektor Georg Rabe t-
Aus einem arbeitsreichen und tatenfrohen Leben schied am Montagabend infolge eines Herzschlages, im 63. Lebensjahr, der Oberpostinspektor Georg Rabe. Der aus Hannover Gebürtige wurde am 1. 4.1922 von Norden in Oldenburg an das hiesige Postamt versetzt und erhielt am 1.10.1923 seine Ernennung zum Oberpostinspektor. Er war ein pflichtbewußter Beamter der alten Schule, dessen vornehme Gesinnung, gepaart mit rechtlichem Denken und einem verstehenden und gütigen Wesen ihm die Hochachtung und Zuneigung feiner Vorgesetzten und feiner Arbeitskameraden sicherte. In ihm wurde mitten aus seiner Arbeit eine starke Persönlichkeit herausgerissen, die ihre nationale Gesinnung in schwerster Zeit nicht nur bekannte, sondern auch betätigte. Seit der Gründung 1919 gehörte er dem Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutz- bunb an und zeichnete sich als aufrechter Deutscher als einer der ersten Gießener in die Protestliste gegen den Poungplan 1929 ein. Im gleichen Jahre zeichnete er sich mit seiner ganzen Familie in die
Das Mädchen mit dem Gilberhaar.
Roman von Anny von panhuys.
Nachdruck verboten.
Frau Sofie Karsten strich mit der Rechten mehrmals über die schwere Damastseide des leuchtend blauen, mit Silber durchwirkten Kleides, das über die Lehne eines Stuhles ausgebreitet war. Es lag verhaltene Zärtlichkeit in der Bewegung. Ein ganz klein wenig innere Erregung schwang auch in der sonst so kühl, fast hart klingenden Stimme mit, als sie sagte:
„Also gut, Fränze, daß dir von der Nähkathrin bas Kleid deiner Mutter für den Maskenball zu- rechtmachen. Wenn die Seide noch länger unbenutzt bleibt, hat niemand mehr etwas davon. Sie bricht und wird wertlos. So kannst du wenigstens ein paar Abendstunden damit prunken und dir einbilden, du wärst auch im Alltagsleben ein Mädel, bas sich so teure Seide leisten darf. Deine Mutter hat sich wahrscheinlich auch so gefühlt, als sie es getragen."
Sie blickte die Enkelin an und in ihren Augen stand geheime Angst. „Deine Mutter hat kein Glück gehabt, sie ist am Leid um ein Mannsbild zerbrochen. Verdorben und gestorben, wie die Dichter das nennen. Gib du besser auf dich acht, Fränze, ich rate dir gut." Sie schaute an Franziska vorbei. „Es ist eine schöne und doch traurige Einrichtung mit der Liebe. Wie wenige Menschen werden durch sie wirklich glücklich. Deine Mutter starb daran, sei du gescheit. Bleibe kühl, wenn dir einer besser gefällt als alle anderen, bleibe kühl. Laß es ihn nicht merken, sonst erdrückt dich die Sehnsucht des Mannes. Halte dein Herz zurück." Sie lache kurz auf. „Ich werde poetisch, Fränze, und das paßt nicht zu mir, das Kleid hat Erinnerungen aufgescheucht. Aber es ist schon vorbei. Doch das mit dem Aufpassen auf dich, das merke dir, denke an mich, wenn dich einer einfangen möchte. Bist hübsch, Fränze, so hübsch wie deine Mutter gewesen. Aber reden wir vom Kleid weiter. Ich schlage vor: Geh als Dame
aus der Zeit der Königin Luise. Kurze Taille, unter der Brust gegürtet, das Haar seitlich in Locken frisiert, und als Kopfputz nimmst du das Diadem, das bei den Sachen deiner Mutter liegt, und das so echt glitzert, daß man darauf reinfallen könnte, wenn man's nicht besser wüßte, Trödel, Masken- tröbel, gerade das Richtige, um für ein paar Nachtstunden zu funkeln." Sie nickte: „Gut wird das Diadem mit feinen blauen und weißen Steinen und den Perlen zu dem Kleide passen."
Sie schloß einen Kommodenkasten auf und entnahm ihm eine Pappschachtel, stellte sie auf den Tisch.
„Probiere das Diadem nur gleich, ich muß jetzt in die Küche, damit wir heute am Sonntag nicht so spät zu essen brauchen."
Sie öffnete die Tür und entfernte sich etwas hastig. Franziska wußte, die Großmutter wollte draußen die Tränen hinunterschlucken, die unter ihren Lidern brannten. Das Gespräch, die Erinnerungen, die sie beim Anblick des Kleides überfallen, taten ihr weh.
Fränze seufzte. Der jähe Tod der einzigen Tochter, ihr kurzer Lebensroman waren das große Herzeleid der nun altgewordenen Frau und blieben es wohl bis an ihr Ende.
Franziska öffnete die mit einer schmalen schwarzen Schnur zusammengebundene Schachtel und hob aus zusammengedrücktem Seidenpapier ein Diadem, das ihr entgegenleuchtete, als wäre es aus der Werkstatt eines erstklassigen Goldschmiedes hervorgegangen. _ .
Franziska Karsten verstand nichts von Edelsteinen; aber sie dachte, wenn sie das Diadem auf dem Haar irgendeiner eleganten Dame gesehen hätte, würde sie es bestimmt für echt gehalten Haven. Auch die Großmutter hatte anfangs an die Echtheit geglaubt und den Uhrmacher und Goldarbeiter Huhn gefragt, der an der Straßenecke das kleine Geschäft hatte. Doch der hatte gelacht und geantwortet, es wäre eine Pariser Imitation in Silberfassung mit vergoldeten Teilen. Zwar famos gearbeitet, aber wertlos. Die Pariser verständen sich auf dergleichen.
Seitdem lag das Diadem in der Pappschachtel, das ihre Mutter mitgebracht, als sie plötzlich aus Paris heimgekvmmen, um bald darauf zu sterben, gleich nachdem sie ihr das Leben gegeben.
An gebrochenem Herzen, sagte die Großmutter. An zu schwachem Herzen, hatte der Arzt gesagt.
Franziska betrachtete das Diadem, trat vor den Spiegel, der hier im Wohnzimmer über der Kommode hing, und drückte das Schmuckstück in die kurzen silberblonden tiefen Haarwellen, die in der Mitte gescheitelt, dem feinen, geraden Gesicht den Reiz köstlicher Unberührtheit gaben, was die großen grauen Augen im Kranz tiefdunkler Wimpern noch unterstrichen.
Sie war eine auffallende Erscheinung, und vor ein paar Jahren hatten ihr Bekannte lebhaft zugeredet, sich bei der Schönheitskonkurrenz zu melden, sie hätte große Aussicht, Miß Europa zu werden. Sie war' nicht abgeneigt gewesen, ihr Glück zu versuchen, aber die Großmutter hatte ihr bitter geantwortet: „Eitelkeit bringt Unglück, verdreht die Köpfe, macht Frauen zur leichten Männerbeute. Deine Mutter war auch eitel auf ihre hellblonde Schönheit und ließ sich wahrscheinlich durch Komplimente einfangen von einem Menschen, dem sie dann bald über wurde. Sicher war es so ein^Kerl, der gar nicht ans Heiraten dachte. Du heißt deshalb Karsten, wie ich heiße, weil mein Mann so hieß und deine Mutter natürlich auch. Ich hasse seither alles, was der Eitelkeit und dem Hochmutsdünkel Vorschub leistet. Die Schönheitskonkurrenz risse dich nur aus deiner Arbeit, und nachher hättest du den Geschmack an der Arbeit verloren."
Fränze blickte sehr ernst, doch dann sah sie wieder in den Spiegel und lächelte. Sie gefiel sich. Wundervoll glitzerten die weißen und blauen großen Steine in dem wie eine kleine Krone geformten Diadem, das am unteren Rand mit einer Reche rosig schimmernder Perlen abschloß.
Plötzlich wurde ihr Gesicht wieder sehr ernst. Ihre arme Mutter, der sie äußerlich so sehr glich, wie die Großmutter meinte, hatte vielleicht auch einmal, so wie sie jetzt, mit dem funkelnden Geschmeide im Haar vor dem Spiegel gestanden und sich zufrieden angelächelt, hatte nicht geahnt, wie bald sie die Erde würde verlassen müssen. Arme Mutter!
Sie nahm das Diadem aus dem Haar, legte es an seinen Platz zurück. Ihr Blick ruhte' auf dem Kleid von kostbarem Stoff, und Tränen traten ihr in die Augen. Das Kleid, das Diadem und ein krankes Herz waren alles, was die Mutter von ihrer Fahrt ins Glück mit heimgebracht hatte.
Sie überlegte: tinäre es nicht besser, auf den Maskenball zu verzichten, als in dem Kleid und dem Diadem dorthinzugehen?
Es klopfte. Die im gleichen Hause wohnende Nähkathrin, wie sie in der Nachbarschaft genannt wurde, trat ein. Klein war sie und ein wenig verwachsen.
Sie grüßte kurz und war mit raschen Schritten bei dem Kleid.
„Das ist ’ne Seide, svwas kriegt unsereins nie unter die Finger. Deine Großmutter sagte mir eben schon, wie's umgearbeitet werden soll für den Maskenball. Von deiner Mutter stammt es noch. Na, dich kleidet es auch, Fränze. Blau und Silber für so'ne helle Blondine wie du, ist das Schönste, was es gibt. Großartig wirst du darin aussehen!" Ihre Augen hingen jetzt an dem Diadem. „Was für’n Gefunkel. Fränze, das ist was für eine Fürstin oder eine ganz berühmte Künstlerin und paßt eigentlich nicht für ein Tippmamsellchen, wie du bist. Ader dafür ift’s auch unecht! Für unsereins ist das Unechte auf der Welt da, ob es sich um Schmuck oder Männer handelt. Wenn wir die Hände nach was Besonderem auszustrecken glauben, ift’s nachher doch Talmi!"
Franziska Karsten antwortete ernst: „Sie sind wieder mal verbittert, Kathrin, und stecken andere damit an."
Sie hatte vorhin schon auf den Maskenball verzichten wollen, auf den sie sich seit langer Zeit gefreut, jetzt aber schien es ihr, als würde sie damit der verbitterten Nähkathrin ein Zugeständnis machen.
Sie nahm das Kleid, erklärte: „Ich möchte es geändert haben nach der Mode der Königin-Luisen- Zeit. Runder weiter Halsausschnitt. Kurze Taille, ganz kurze gepuffte Aermel."
Die Aeltere nahm Maß, versprach baldige Anprobe und lächelte: „Wirst in dem Kleid und dem Diadem aussehen wie eine große Dame, Fränze, gib dir Mühe, vielleicht fängst du ’ne gute Partie ein auf dem Maskenball."
Franziska Karsten hob die Schultern.
„Ich möchte den Maskenball nur mitmachen, um einmal ein paar ganz vergnügte und harmlose Stunden zu verbringen. Eva Zoll hat mir eine Eintrittskarte geschenkt. Auf den Männerfang will ich nicht gehen."
Nähkathrin lachte lautlos. (Fortsetzung folgt.)


