Nr. 287 Drittes Blatt
ffiiefiener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)
Donnerstag, 9. Dezember (957
Aus der Stadl Gießen.
Vom rechten Schenken.
„Aber bitte", sagte der junge Mann, der mit einem anderen vor mir im Straßenbahnwagen saß, „warum soll ich mich jetzt schon damit befassen? Bis zum Fest dauert es ja noch eine Weile. Kommt Zeit, kommt Rat." Er sah seinen Kameraden unbekümmert an und setzte eine vergnügte Miene auf. Der andere schien nicht ganz dieser Meinung. „Mach dir nur ruhig die kleine Mühe", erwiderte er, „besser ist es auf jeden Fall. Ich weiß jedenfalls' bereits genau, womit ich Erna überraschen werde." Seine Stimme ging ins Flüstern über.
Obwohl die Unterhaltung eigentlich ziemlich unbedeutend war, erschien sie mir bezeichnend. Es wird gegenwärtig gewiß unzählige Unterhaltungen dieser Art geben. Das Wesentliche daran ist, daß sie dem Weihnachtsgeschenk gelten, mit dem die Eltern, die Geschwister usw. überrascht werden sollen. Die Frage ist immer nur, auf welche Weise die Ueber- raschung gelingt und ob das Geschenk auch der richtige Treffer sein wird.
Leicht ist die Sache gewöhnlich nicht, aber darin liegt gerade der besondere Reiz des weihnachtlichen Schenkens. Wenn es sich lediglich um eine Angelegenheit handeln würde, die durch das Oeffnen des Geldbeutels gelöst werden könnte, dann gäbe es für manche keinerlei Schwierigkeiten. Daß es auch solche gibt, die da meinen, auf diese Weise mit allem ebenso rasch wie unbeschwert fertig zu werden, läßt sich nicht bestreiten. Indessen hat diese Art zu schenken weder etwas mit weihnachtlicher Poesie, noch mit dem Takt des Herzens zu tun. Es bleibt ein nüchterner materieller Vorgang, der bei all seiner nützlichen Zweckbestimmung kaum irgendwelche Gefühle der Wärme weckt.
Das rechte Schenken soll die Seele in Schwingung versetzen, und um dieses idealen Zieles willen ist die Mühe des Ueberlegens, des Merkens und des Aufpassens wirklich nicht zu groß. Es ist nicht das Wichtigste, daß das Geschenk auch finanzielle Aufwendungen verlangt, viel bedeutsamer erscheint es, daß es von Herzen kommt und also ein Zeugnis der Gesinnung ist. Darum sollte jedes freudeheischende Weihnachtsgeschenk mit Bedacht gewählt werden, und wer sich zeitig daran macht, hat allen jenen viel voraus, die noch am Heiligabend mit suchenden Mienen von einem Geschäft zum anderen laufen, um totsicher zu guter Letzt das richtige Geschenk zu verpassen. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Unwidersteh- liche". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Pariser Bekanntschaft" — Stadtkirche Gießen: 20.15 Uhr, Orgel-Konzert Karl Heinz Eckert (Berlin). — Ober- /hessischer Kunstverein: 17 bis 19 Uhr, Weihnachts- Kunstausstellung im Turmhaus am Brand.
Einmaliges Gastspiel von Staatsschauspieler Paul Wegener.
Die Intendanz des Stadttheaters Gießen hat den bekannten Schauspieler Paul Wegener, Berlin, für ein einmaliges Gastspiel am Montag, 13. Dezember, verpflichtet. Paul Wegener gastiert mit eigenem Berliner Ensemble in „Totentanz", Schauspiel von August Strindberg. Ferner wirken mit: Maria Schanda, Maria Helfer, Magda Müller, Kay Möller, Paul Bledschun. Die Nachfrage nach Karten hat stark eingesetzt. Die Vorstellung beginnt um 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. Außer Miete!
Oeffenllicher Vortrag der „Kneipp-Vewegung".
Die Ortsgemeinschaft Gießen der Kneipp-Bewe- gung veranstaltet am morgigen Freitag, 10. Dezember, im „Bayerischen Hof" einen öffentlichen Vortragsabend. Frl. Floß wird über'das Thema „Deine Gesundheit — Dein Schicksal" sprechen.
An sämtliche Betriebe im Kreis Wetterau!
Von der Großkundgebung anläßlich des Leistungskampfes der deutschen Betriebe am 9. Dezember in der Deutschlandhalle, auf der Reichs- orgamsationsleiter Dr. Ley und der Reichsbeauftragte für den Leistungskampf der deutschen Be- tnebe, Dr. H u p f a u e r sprechen, wird der Reichssender Frankfurt am Freitag, 10. Dez., von 18.45 bis 19 Uhr einen Ausschnitt sen-en. Wir fordern leben Schaffenden auf, sich diese Sendung anzu- horen, und bitten die Betriebe, die während der Sendezeit arbeiten, einen Gemeinschaftsempfang zu veranstalten.
Die Deutsche Arbeitsfront, Kreiswaltung Wetterau.
Oienstjubüäum bei der Polizei.
Don der Polizeidirektion Gießen wird uns mitgeteilt: Am 9. Dezember kann Polizeiobermeister Pg. Heinrich Wolf auf eine 25jährige Tätigkeit im Polizeidienst zurückblicken. Nach über Sjähnger tadelloser Militärdienstzeit, die Herr W o l s bei dem ehern. Inf.-Regiment Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, Gießen, ableistete, trat er am 9. Dezember 1912 als Schutzmann bei der Polizeidirektion Gießen ein. Infolge seines Eifers und Fleißes konnte Polizeiobermeister Wolf, der auch die zu seinem Ausstieg nötigen Prüfungen mit Erfolg abgelegt hat, recht bald in die Dorgesetztenstellungen einrücken. Während seiner langen Polizeidienstzeit hat sich Polizeiobermeister Wolf stets als ein durchaus pflichttreuer, gewissenhafter und stets hilfsbereiter Beamter der alten Schule erwiesen, der sich nicht nur die Achtung seiner Vorgesetzten und Kameraden, sondern darüber hinaus auch die aller Volksgenossen erworben hat. Dem allseits beliebten Beamten wird für seine weitere Zukunft alles Gute gewünscht.
Auszeichnung von Pferdebesitzern.
NSG. Seit Jahren stellen viele Pferdebesitzer ihre Pferde den Reiterformationen der Bewegung zur Ausbildung zur Verfügung. Sie beweisen damit ihre Bereitwilligkeit, alles für die Soldaten Adolf Hitlers zu tun, damit diese ihren Dienst für Volk und Staat erfüllen können. Der Führer und Reichs
kanzler hat jetzt eine „Pferdebesitzerplakette" mit seinem Namenszug und einer Urkunde gestiftet, die denjenigen Pferdebesitzern verliehen wird, die ihre Pferde zwei Jahre ununterbrochen dem Reitdienst zur Verfügung gestellt haben. Stichtag für die erste Plakette und Urkunde ist der 1. Oktober 1935. Die ersten Plaketten und Urkunden werden den Pferdebejitzern, die sich diese Auszeichnung erworben haben, anläßlich der Reitscheinprüfung 1938 in feierlicher Form vom Reiterführer der SA.- Gruppe überreicht werden. Es ist zu hoffen, daß fick; noch viele Pferdebesitzer entschließen, ihre Pferde den Formationen zur Reiterausbildung zu überlassen, um damit in Den Besitz der ehrenden Auszeichnung zu kommen.
VOM.-Untergau 116.
Am Sonntag, 12. Dez., findet auf der Dienststelle des Untergaues eine Besprechung der Mädei- Gruppenführerinnen statt, an der alle Führerinnen der Gruppen 1 bis 19 teilzunehmen haben. Die Besprechung beginnt um 9.30 Uhr und endet um 12.30 Uhr.
Wochenendheimfahrten
an Weihnachten für Bauarbeiter.
LPD. Der Reichstreuhänder für das Wirtschaftsgebiet Hessen hat in einem Aufruf an die Betriebssichrer des Baugewerbes bei den Bauvorhaben des Reiches, feiner Gebietskörperschaften, der Gesellschaft Reichsautobahnen usw. darauf hingewiesen, daß es unbedingt erwünscht ist, daß die Gefolgschaftsmitglieder die Weihnachtsfeiertage bei ihren Familien zu Hause verbringen. Die Betriebsführer sollen deshalb die Wochenendheimfahrten der auswärtigen Gefolgschaftsmitglieder auf Grund der Tarifordnung im Einvernehmen mit den zuständigen Bauleitungen durch Vorverlegung oder Späterlegung der in der Tarifordnung festgesetzten Fristen so regeln, daß die Fahrt nach Hause an Weihnachten unbedingt sichergestellt ist.
Gießener wochenmarktprelse.
* Gießen, 9. Dez. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter
1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse,
Stück 5 bis 10, Eier, ausländische, Klasse A 12, Wirsing, % kg 8 bis 12, Weißkraut 5 bis 6, Rotkraut 7 bis 10, gelbe Rüben 8 bis 10, Karotten 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 15, Rosenkohl 20 bis 28, Feldsalat, Vio 10, Tomaten, XA kg 15 bis 40, Zwiebeln 8 bis 9, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 40, Kürbis 5 bis 6, Kartoffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 1. Sorte 3,45 Mark, 2. Sorte 3,25, 3. Sorte 3 Mark, Birnen, 14 kg 10 bis 20 Pf., Nüsse 35 bis 50, Hähne 90 Pf. bis 1,10 Mark, Suppenhühner 80 bis 90 Pf., Gänse 90 Pf. bis 1 Mark, erstklassige Mastgänse 1 bis 1,10 Mark, Tauben, das Stück 50 bis 60 Pf., Blumenkohl 10 bis 50 Pf., Endivien 8 bis 12, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 10, Radieschen 8 bis 10 Pf. Weihnachtsmarkt auf Oswaldsqarten.
In der Zeit vom 11. bis 22. Dezember findet auf Oswaldsgarten Weihnachtsmarkt statt. Verkaufsstände für Weihnachtsgeschenkartikel, eine Waffelbäckerei, Kinder-Ponybahn, Marionettentheater, eins Schießhalle, Stände mit Christbaumschmuck und Weihnachtsbäumen erwarten die Besucher.
Loht die Anwartschaft nicht verfallen!
Lpd. Gegen Ende des Jahres ist darauf zu achten, daß der Anspruch auf spätere Leistungen der Angestelltenversicherung nicht gefährdet, oder verloren wird. Aufgabe der Angestelltenoersicherung ist es, den Angestellten eine ähnliche Versicherung zu bieten, wie die Invalidenversicherung den Arbeitern. Die Stellung allein ist aber nicht mehr maßgebend, sondern auch die Tätigkeit, so daß z. B. Lohnempfänger, die nicht nur vorübergehend mit Schreibarbeiten beschäftigt werden, ebenfalls angestelltenversiche- rungspflichti'g sind. Allgemein versicherungs p f l l ch - t i g sind die Angestellten in höherer oder leitender Stellung, Handlungsgehilfen, Büroangestellte mit Ausnahme der Boten und der Reinmachefrauen. Allgemein versicherungs f r e i sind Personen, die Anspruch auf Ruhegehalt für sich und auf Hinterbliebenenfürsorge für ihre Hinterbliebenen haben.
Als allgemeine Voraussetzungen für den Anspruch auf die Leistungen sind die Erfüllung der Wartezeit und die Aufrechterhaltung der Anwartschaft erforderlich. Als Beitragsmonate für die Erhaltung der dasAnwartschaft gelten auch sog. Ersatzzeiten. Die er»
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BDK-Weihnachisarbeii für das MW.
Die Gießener Gruppen im BDM. haben es übernommen, dem Winterhilfswerk einen ansehnlichen Beitrag für das Weihnachtsfest zu geben. In vielen Arbeitsstunden, in den Heim- und Arbeitsabenden, werden nützliche Dinge geschaffen (Kleidungsstücke und auch Spielzeug), mit denen vielen Kindern, die nicht mit Glücksgütern gesegnet sind, eine Freude bereitet werden soll.
(Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Nächtliches Ständchen.
Don Georg Grabenhorst.
In seinem neuen Buche „Unbegreifliches Herz" erzählt Georg Graben- h o r st die von Zartheit und Leidenschaft erfüllte Geschichte einer Liebe. Wir veröffentlichen daraus mit Erlaubnis des Albert Langen-Georg Müller Verlages in München den folgenden Auszug.
Dies war ein Abend, mit den Mädchen zu einer Burgruine hinauszusteigen, im Mondschein unter Dem alten Gemäuer zu hocken und auf der Ziehharmonika zu spielen, was einem so durch das Ge- mitt und die Handgelenke schwärmt, die alten, schwermütigen Lieder zumal, die, tröstlich bereite klingende Gefäße, einmal die ersten überströmenden «Sehnsüchte des Jünglings aufgefangen hatten.
Sie hockten alle drei nebeneinander, auch Andreas chatte sich niedergelassen, mit angezogenen Knien. Das Fräulein hielt die Augen geschlossen und den Kopf leicht vorgeneigt, als wollte sie erlauschen, was die anderen schauend erlebten, Johanna und Andreas, deren Blick wie der Flug eines Nachtvogels in weithinschwingenden Kreisen und Schleifen über dem friedlich ruhenden Tal dahinschwebte. Das warme Zinnoberrot der Ziegeldächer von Brambeck, die sich um die alte Backsteinkirche und den aus Holz errichteten, auf nicht mehr ganz geraden Beinen danebenstehenden Glockenturm zu- sammenscharten, hatte, je länger man hinsah, kaum etwas von seiner Leuchtkraft verloren.
Andreas hat sich fortgeschlichen, und nach einer Weile erhebt sich über den Mädchen, aus einem Bogenfenster der Ruine aufschwebend, der in seiner Einfalt so unvergleichlich rührende Ton der Ziehharmonika, erst leise und weither und versponnen noch und mählich dann sich entpuppend und lo end * unb auf einmal befreit die samtenen Flügel breitend zur Melodie: In einem kühlen Gründe...
Andreas hat sie nicht gesucht, diese Melodie, sie st von selber gekommen als erste von allen. Die nun herzudrängen, und er hat sie nur schon von weitem gegrüßt in seinem leisen schwebenden Spiel. Dann ist es ein russisches Lied, das langsam Gewalt gewinnt, er kennt Namen nicht und Worte »icht dazu, hörte es einmal unterwegs im Quartier, hia sie auf Riga zuritten, es war eine verteufelt - hielle und wache Nacht, und er trug einen gewissen Zrief in der Brusttasche, in dem ein gewisses Mädchen ihn beschwor, es habe ihn lieb, nur ihn, ber... Aber? Zum Teufel, es war Krieg, und man war jung und begehrend des Begehrens wert, i nb ber Knabe Anbreas ritt weit in Rußland her
um, nicht wirklicher als ein Feldpostbrief, als eine Photographie, die man in einem kleinen Lederrahmen in der Handtasche trug, und es gab viele blauäugige Jungen im feldgrauen Rock leibhaftig in der Heimat, solange Urlaub oder Lehrgang dauerte, unb voller Verlangen alle, eine schöne Erinnerung mit hinauszunehmen ins Felb unb ben süßen Wein ber Heimat noch einmal in vollen Zügen zu trinken, ehe, wer weiß wie balb, man sich zum letztenmal über ben Trichterranb schwang... In jener Nacht vor Riga hat er bas Lieb gehört, ein Mäbchen fang es mit schwarzem Haar unb hellen Augen unb sah ihn an babei, unter allen, bie um ben Kamin saßen, nur ihn, aber nachher, als er wartenb unter ber Tür ftanb, hat er ihr über das schwarze Haar gestrichen unb ben Kopf geschüttelt unb ist an ihr vorübergegangen, ohne sich umzusehen, hat bie Stute gesattelt unb ist fortgeritten in bie Nacht.
$at bich ber Strom erst recht gefaßt, ber große Strom beines Herzens, auf bem bie Lieder unb Melobien nur hohe bunkle ober blitzenb weiße Segel sind unb flatternbe Wimpel, bann läßt er bich lange nicht mehr, bann zieht er bich fort, unb immer ferner verliert fick bas Ufer, auf bem bu einmal lächelnb und kühl gestanden hast.
Andreas hat bie lauschenben Mäbchen beinahe vergessen, er spielt unb spielt unb hört sich selber zu wie einem anderen, ber sich nur seiner Hänbe bedient, seiner sich selbst überlassenen Hände. Da ist das Lied von der Annemarie: „Unb schießt mich eine Kugel tot, kann ich nicht heimwärts wanbern" — ber lange Degenharbt fang es noch am Abenb oor bem Gegenstoß bei Miraumont, sang bie letzte Strophe noch einmal unb spülte ben letzten Schluck verfluchten Kirschwassers hinterbrein unb schmetterte bas Glas, bas golbgeränberte, bas heilige Stück Felbgepäck, bas eingeritzt seines Geschlechtes Wappen trug unb ihn tröstlich begleitet hatte bis auf biefen Tag, gegen bie Handgranatenkiste. Anbreas sah ihn fallen, ehe bie Sonne aufgegangen war, ba er hochausgerichtet, Schrapnellfeuer werfenb mit ben Hanbgranaten, die man ihm zureichte, auf dem zurückgewonnenen Trichterrande stand, den man damals Stellung nannte. Unb mit ben anberen Liebern, bie nun wach werben, tauchen anbere Gesichter auf, lange entschwunbene und vergessene, und blicken ihn an, der hier oben über dem Tal über dem Dach der geliebten Frau Constanze, im Bogenfenster ber Ruine sitzt, bie Mhharmonika auf ben Knien, unb bem zwei junge Mävrhen zuhören, Mäbchen mit schmalgliebrigen Hänben unb braun« blonben Haarflechten, wie sie in Felbnachten nur je erträumt unb ersehnt worden sind. Man muß ihnen standhalten, diesen stillen Gesichtern, ruhig Auge in Auge ihnen begegnen unb sie grüßen in
ber Ehrfurcht vor bem Schicksal, bas über uns allen war unb ist, vor bem Opfer, bas uns vorenthalten unb ihnen auferlegt würbe. Der Lebenbe bleibt feinen Toten immer schulbig, wie bu es auch betrachten willst, ihren Tob ober fein Leben. Fühle es ganz, ber bu noch wandelst aufrecht unter ben Sternen: lebe inbrünstiger unb liebe mehr als bich selbst! Dann aber reiße bich los, Kamerab, vom Vergangenen, bezwing ben Strom bes Gefühls? Es warten unb wollen anbere, hellere unb heitere Töne Melobie werben unter beinen Hänben, leite unb erfülle auch sie, die nicht weniger wert sind als bie bunflen anberen unb nun ein größeres Recht haben. So fanb Anbreas schließlich ben Weg zu ein paar länblichen Weisen, wie er sie in Brambeck einmal hatte zum Tanz aufspielen hören, unb von ba gar zu allerlei Scherz unb Neckerei, bis er plötzlich mit bem braven, alten Zupfgeigenlieb „Abe nun zur guten Nacht" spürbar mit einem Ruck unb Schreck über sich selbst unb fein ihm auf einmal zum Bewußtsein kommenbes sonberbares Konzert Schluß machte unb von seinem hohen Sitz wieder herab- stteg.
Von Nofretete bis Goethe.
Ein Berliner Museumsbericht.
Berlin verdankt seinen Ruf als Kunststadt ersten Ranges nicht zuletzt seinen Museumsschätzen. Von weit her kommen Kunstbegeisterte, sich an ihnen zu erfreuen, verweilen in andächtigem Schauen in den Sälen voll erlesener Kostbarkeiten. Nur wenige finden den Weg zur Verkaufsstelle der Gipsformerei ber Staatlichen Museen, bie unbeachtet von ben vielen Besuchern bes Alten Museums im Sockelgeschoß bes prachtvollen Schinkeldaues ein wahres Äschenbröbeldasein führt.
Durch einen Irrgarten halbdunkler Gänge muß man wandern, ehe man die Tür zu Verkaufsstelle öffnet. Was es da alles gibt: In Regalen und Vitrinen liegen und stehen die Nachbildungen unserer bekanntesten Kunstwerke aus dem Reich der Plastik. Mehr als 5000 Abgüsse stehen zur Auswahl. Was noch nicht vorhanden ist, wird auf Wunsch in ber eigenen Fabrik von besonbers geschulten Kräften angefertigt. Unb hat jemanb ein Lieblingsstück in einem auswärtigen Museum, so werben auch barauf Bestellungen angenommen.
Der Verkaufsraum ist ein kleines Museum für sich, bas in ausgewählten Stücken von ber Zeit Altägyptens bis zum Beginn bes 19. Jahrhunderts reicht. Neben den herrlich getönten Reliefs della Robbias hängt die Totenmaske bes großen Preußenkönigs, bie Büste Cäsars steht neben ber Goethes,
unb ber Freiherr von Stein hat Friebrichs des Großen Freund und Widersacher Voltaire zum Nachbarn. In den Vitrinen sieht man Abgüsse nach ben Elfenbeinschnitzereien bes Kaiser-Friedrich-Mu- feums, zierliche Statuetten, Ringe unb Plaketten. Teile bes Pergamonfrieses lehnen an ben Wänden. Die alten Aegypter haben eine Ecke für sich. Da stehen Nofretete, ber Liebling aller Museumsbe- sucher, unb ihr königlicher Gemahl Amenophis IV. Um sie herum alle Gottheiten Aegyptens, groteske Tiergestalten unb dergleichen.
Die Abgüsse sind in Originalgröße hergestellt unb wie bas Original getönt. Nur in wenigen Fällen sinb sie kleiner als bas Urbilb. In ihnen ist nichts von bem kalten toten Weiß zweitrangiger Kopien. Die Uebereinftimmung mit bem Original ist kaum zu überbieten. Die Preise sinb so gehalten, baß auch schwächere Börsen sie erschwingen können. Schon für 1,50 Mark kann man einen ber glücfbringenben Skarabäen erhalten. Für Amenophis muß man 11 Mark anlegen, unb Nofretete kann man in ver- schiebenen Preislagen erwerben, je nach Größe unb Ausführung. Der Kopf bes Bamberger Reiters ist für 26 Mark zu haben. Rauchs Goetbe-Statuette kostet 13 Mark. In ber verwirrenben Anzahl von Abgüssen nach Elfenbeinschnitzereien bes beutschen Mittelalters gibt es schon solche für wenig mehr als eine Mark, bie künstlerisch nicht weniger wertvoll sinb als bie größeren Formats zu entsprechend höheren Preisen.
Auswärtige Museen, Schulen, Behörben, Kunstfreunde — sie alle bestellen hier die verschiedensten Kunstgegenstänbe. Es gibt eine Anzahl von Kunstwerken, die sich besonderer Beliebtheit erfreuen. Cäsar, Friedrich der Große und ber Freiherr von Stein haben ihren ausgebehnten Kreis von Verehrern unb werben immer roieber verlangt. Begehrt sinb zeitweise auch Abgüsse nach Werken ber Antike unb des Mittelalters, und zu Festtagen, zur Einsegnung und ähnlichen Anlässen schenkt man gern die Elfenbeinplaketten.
Hochkonjunktur ist immer noch in altägyptischen Kunstwerken, besonders aus der El-Amarna-Zeit. Allein Nofretete kann sich rühmen, bisher mehr als 1800 Liebhaber gefunden zu haben, unb ihr Gemahl steht ihr kaum nach. Die kleinen Skarabäen mit ihren Wünschen für Glück, Liebe unb Wohlergehen sind beliebte Talismane. Die Engländer, die seit jeher zu ben eifrigsten Museumsbesuchern gehören, zeigen eine befonbere Vorliebe für bie von ben alten Aegyptern als heilig verehrten Katzen, bie in allen nur erbenklichen Darstellungen vor- hanben sinb. In letzter Zeit wirb eine Nachdilbung bes Kopses bes Bamberger Reiters unb eines Engels mit ber Laute, ber um 1520 in Husum entstaub, häufig verlangt.


