Einzelbild herunterladen

Oie Unruhen

in Französisch-Tlordafrika.

23on Or. Paul Rohrbach

In Marrakesch hat der französische General­resident, General Nogues, eine beunruhigende Erfahrung gemacht. Die Pariser Presse sucht sie nach Möglichkeit zu verharmlosen. So spricht z. B. der Temps nur von einigen Hundert Demonstranten; die gewöhnlichen Polizeikräfte hätten ausgereicht, sie zur Ruhe zu bringen, und die einheimische mo­hammedanische Geistlichkeit habe dem Generalresi­denten aus freien Stücken die Genugtuung gegeben, ihn namentlich in das Moscheegebet einzuschließen. Nach dem Bericht der Times aus Marrakesch da­gegen haben sich 30 000 Menschen auf die Straße geworfen, durch die der Generalresident mit Be­gleitung seinen Weg nehmen wollte, und der Zug habe, anstatt mitten durch den Bazar, durch andere Straßen geleitet werden müssen.

Marrakesch oder Marokko ist, neben Fes, d i e Haupt st a d t des französischen Protek­torats, in dem der Sultan und die einheimische Regierung, der sogenannte Maghzen, nur noch eine Scheingewalt innehaben. Die Stadt liegt in einer Oase, die einen einzigen, großen, die Lehmmauern der alten Befestigung rings umgebenden Dattel­palmenwald von 200 000 Bäumen trägt. Die Fran­zosen haben von dem Hafenort Casablanca eine Eisenbahn dorthin gebaut und, außerhalb der Mauern, eine moderne Europäer st adt an­

bei Katarrh

OLBAS,

gelegt, wo auch der Generalresident wohnt. Die ein­geborene Bevölkerung wird auf 150000 Menschen geschätzt. Die Unruhen, nicht nur in Marrakesch, son­dern auch an vieley anderen Plätzen, begannen schon Anfang Septembeo. Es ka/n zu Verhaftungen, zum Eingreifen der Truppen, und es gab Tote und Ver­wundete. Der Vorfall in Marrakesch, der sich als Protest wegen der Strafmaßnahmen direkt gegen den betont feierlichen Umzug des Generalresidenten richtete, geschah am Freitag, dem 24. September, also a m muhammedanischen Wochen- Feiertag. Es blieb nicht nur bei dem passiven Widerstand der Menge, sondern es wurden auch Steine gegen französische Verwaltungsgebäude und gegen die Polizeistationen geschleudert. Daraufhin ist der Kongreß der nordafrikanischen Studenten in Rabat, dessen Eröffnung eben bevorstand, verbo­ten worden.

Der Unruhezustand, über den schon seit längerer Zeit Einzelnachrichten nach Eüropa gelangen, be­schränkt sich nicht auf Marokko. Er ist einesteils eine Folge der allmählich auch nach Französisch-Nord­afrika vordringenden national-arabischen Bewegung, hat aber auch bestimmte wirt­schaftliche Gründe. Namentlich die jüngere Ge­neration unter den Einheimischen daher der ge­plante Studentenkongreß fühlt sich geistig ver­bunden'mit den Vorgängen in Aegypten, Palästina und Syrien, wo das Arabertum eine wachsende geistige und politische Kraft entfaltet. Daß Aegypten von den Engländern als souveräner Staat aner­kannt worden ist, und daß die Syrier Frankreich dazu genötigt haben, auf die Mandatsherrschaft formell zu verzichten und die Eigenstaatlichkeit der beiden syrischen Republiken anzuerkennen, wirkt auch auf das Selbstgefühl der Araber und arabisier- ten Berbern in Marokko.

Die französische Dolksfrontregierung, in der die radikale Linke eine große Rolle spielt^ trat auch in freundschaftliche Beziehungen zu den arabischen Nationalisten in Nordafrika. Verschiedene Links­deputierte kamen nach Marokko, freundeten sich mit der nationalistischenUnion Marooaine" an, und sogar aktive Volksfrontminister gaben ihr durch liebenswürdige Unterhaltungen ein erhöhtes Prestige. Die französische Verwaltung des Protek­torats, die großenteils von Militärs geführt wird, sah das von Anfang an mit Mißbehagen; jetzt sind auch die Dolksfrontleute über die Ereignisse be­stürzt und haben den Staatsminister S a r r a u t mit besonderen Vollmachten nach, Nordafrika ent­sandt, um dort die Wogen zu glätten.

Deutlicher noch als in Marokko sind die Zusam­menhänge in T u n i s. Hier sind die Franzosen schon seit 1881 die Herren, seit 1884 hoben sind den Bey auf bloße Ehrenrechte und ein Jahrgeld beschränkt. Früher hatten die Einheimischen bei einer patriar­chalischen, aber auskömmlichen Wirtschaftsweise ihren Unterhalt von der eigenen Scholle. Die Fran­zosen führten eine neue, durchgreifende Steuer- Verfassung ein, um die modernisierte Verwal­tung mit vielen europäischen Kräften, dazu Stra­ßenbau, Hygiene usw. bezahlen zu können. Außer­dem wurden Schulen für die einheimische Jugend höheren Standes gegründet, mit dem in allen fran­zösischen Kolonien verfolgten Zweck, die Bevölke­

rung von oben herab zu französieren. Um die Steuern und Abgoben aufzubringen, wurde eine starke Exportproduktion, besonders in Wei­zen und Del, aufgebaut. Mit dem Hereinbrechen der Weltwirtschaftskrise erlebten diese Erzeugnisse aber einen so starken Preisfall, daß die Kulturen nicht mehr lohnten. Diele Bauern gaben sie überhaupt auf, suchten, meist vergeblich, Arbeit in der Stadt, und so entstand ein bis dahin in Tunesien kaum be­kanntes städtisches Proletari at. Die Ver­sorgung verknappte sich zusehens, die Lebensmittel­preise stiegen und gleichzeitig gingen die Erwerbs­möglichkeiten zurück.

Was die Engländer in Indien mit der Menge junger europäisch gebildeter Inder erlebt haben, die sich alle für berechtigt halten, eine auskömmlich be­zahlte Stellung angewiesen zu bekommen, aber nur zum kleinsten Teil untergebracht werden können, das erleben jetzt die Franzosen in Tunis. Die stel­lungslosen, gewandt französisch sprechenden, aber

scharf nationalistisch gesinnten jungen Einge­borenen füllen nicht nur die Reihen der Unzufrie­denen, sondern sind auch ihre geborenen Führer. Eine besondere Note hat die nationale sti-sche Bewegung in Algier noch durch die einge­borene Feindschaft gegen die dortigen Juden. Nach dem Sturz des französischen Kaiser­tums 1870 gewährte der damalige Justizminister Crömieux, ein Jude, allen seinen Stammesgenossen in Algier das französische Bürgerrecht, das den Arabern, mit wenigen Ausnahmen, bis heute versagt ist. Die algerischen Juden bemäch­tigten sich des ganzen Getreidehandels und sind daher besonders bet den Bauern verhaßt. Da­zu kommt jetzt die Einwirkung des jüdisch-arabischen Konfliktes i n P a l ä sti n a , der auch in Nordafrika die Geister erregt. Um sie zu beruhigen, wären vor allem wirtschaftliche Erleichterungen nötig, aber solche kosten nicht nur eine gründliche Einsicht in die Zusammenhänge, sondern auch viel Geld!

Reise an die japanische Front.

Tr.-Sonderberichterstaiier.

Von unserem H.

IV. Die Aacht auf dem Kang.

(Nachdruck verboten!)

Tientsin, Ende September 1937.

. (Durch Luftpost.)

Schon in ruhigen Friedenszeiten macht eine chine­sische Provinzstadt einen trostlosen Eindruck un­heimlich und gespenstisch aber wirken diese toten, von allen Menschen verlassenen Ortschaften zur Kriegszeit. Der Mond war bereits heraufgekom­men und tauchte die unendlich langen, engen, ge­wundenen Gaffen in grünliches Bühnenlicht wenn jetzt irgendein Geist oder Gespenst aus der chinesischen Sage plötzlich aufgetaucht wäre, hätten wir das ganz in Ordnung gefunden. Endlich kamen wir auf irgendeine Hauptstraße, in der an ein Vorwärtskommen kaum zu denken war. Feld- artiüerie hatte hier Ortsbiwak bezogen: die Ge­schütze füllten die eine Straßenhälfte aus, auf der anderen waren Bambusmatten am Boden aus­gebreitet, auf denen die Kanoniere schliefen, und was sonst noch frei war, war von auskeilenden Gäulenbesetzt", die sich des Milliardenheeres der Stechmücken und Moskitos zu erwehren versuchten. Gewitterwolken waren mittlerweile heraufgezogen, der Mond war hinter einer Wetterwand ver­schwunden und bald war es so dunkel, daß wir kaum die Hand vor den Augen sehen konnten.

In zwölf Sprachen ertönten Verzweiflungsrufe an jeder Straßenecke, aber unbeirrt marschierte der kleine stramme Trainrittmeister geradeaus und leuchtete mal hier und da mit seiner Taschenlampe die Wände ab. Ab und zu erschienen dann im Licht­kegel an den Wänden befestigte weiße Papierzettel mit einem Pfeil, schwarzen unleserlichen japanischen Schriftzeichen und darunter in lateinischen Zeichen 350 m"200 m" und so---aha! sagte

sich deralte Krieger", das sind die Wegweiser, die zum D i v i si o n s st a b s q u a r ti e r führen, und im Geist tat sich vor seinen Augen ein solches aus dem großen Kriege wohlbekanntesQuartier" auf: kleines Schlößchen mit einem liebenswürdigen Divisionär"---Nein, wie ich mich freue,

daß die Herren mich besuchen gekommen sind... Sie bleiben selbstverständlich zum Essen"...trie Betten sind bereits gebaut"...wenn die Herren baden wollen" ...ein paar Pullen habe ich bereits kaltstellen lassen" ... gemütliches Beisammensein ... ach! Dieser Traum von einem fernwestlichen Divi­sions-Stabsquartier war auf diesem fernöstlichen Boden nur allzurasch ausgeträumt. In einer Mauer tat sich ganz unmittelbar ein enges Tor auf, viele Telephonleitungen führten hinein und ein Posten bestätigte, daß hier der Kommandeur der X. In­fanterie-Division fein Hauptquartier aufgeschlagen hätte.

Na! Gott sei's getrommelt und gepfiffen sieht zwar nicht aus wie eine Generals-Bleibe, aber immerhin... anitzo hat alle Not ihr Ende! Ritt­meister Satoh stellte feinen Musterkoffer ab, wir desgleichen, mit dem Taschentuch staubte er seine Uniform ab, faßte sein Samurai-Schwert vor­schriftsmäßig an und marschierte zur Anmeldung der Presse würdevoll durchs dunkle Tor in die Höhle des Löwen hinein. Es vergingen 10 Mi­nuten 20 Minuten eine halbe Stunde... Rittmeister Satoh blieb verschwunden. Vom War­ten wurden uns die Beine allmählich so steif, daß ich mich kurzentschlofsen auf die Deichsel eines Feld­geschützes setzte. Eine Sekunde später stand ein japanischer Soldat mit großer Brille neben mir, behauptete in gebrochenem Englisch, das sei eine kaiserlich japanische Kanone", auf der einfor- eigner nichts zu suchen habe. Na schön... stehen wir also weiter einmal mußte Rittmeister Satoh ja doch wieder rauskommen. Und richtig, wenige Augenblicke später erschien er und stieß einen tiefen,

sehr tiefen Seufzer aus. Uns ahnte nichts Gutes, und nach einer längeren Kunstpause erklärte uns der kleine Rittmeister in aller Gemütsruhe, er wäre bei Exzellenz gewesen und hätte uns an ge­meldet. Exzellenz hätten aber gejagt, sie hätten heute schon so viele japanische Journalisten, Photo- und Kameramänner gesehen, daß er vulgär ausgedrücktbie Nase von dem Zeugs voll hätte und wir sollten nun man sehen, w o wirblieben!"

Uff!" Wir waren so platt, daß wir uns beinahe alle hingesetzt hätten, wenn eben auf der Erde überhaupt ein Plätzchen zum Sitzen frei gewesen wäre. Aber Gott! Schließlich, verstehen konnte man es! Ein General hat sicherlich Dringenderes zu tun, als zu beinahe nachtschlafener Stunde ein Schock fremder Journalisten zu empfangen und ihnen dieZwecke und Ziele der Kaiserlich Japa­nischen Armee in Nordchina" zu erklären. Die kannten wir übrigens genau so gut wie der Gene­ral... viel interessanter war jetzt die Frage:Wo sollen wir ,p e n n e n und wo sollen wir essen?" Diese Frage konnte leider Rittmeister Satoh auch nicht beantworten, dafür packte er fein Samu­raischwert fester, ergriff seinen Musterkoffer, sagte: Mir nach, Kameraden!" und stiefelte in die nacht­schwarze Finsternis hinein. Wir in einer langen Kette hinter ihm her, alle Augenblicke trat man auf einen fluchend auffahrenden Soldaten, rannte gegen einen Gaul an, stolperte über irgendeine Kiste, trat in etwas Weiches hinein, bis wir schließlich in eine leere, ganz enge Seitengasse einbogen, in der mir nun systematischQuartier" suchten.

Nun muß man chinesische Häuser kennen, jedes Haus ist ein ganzer Komplex von Einzelhäusern, die alle mit einer gemeinsamen Mauer umzogen sind. In dem einen haust meinetwegen Großvater und Großmutter, im andern Vater und Mutter, im dritten der vielleicht oder meist schon verheiratete Enkel, dazwischen Wirtschaftsgebäude, Stallungen und andere Gebäude, jedes Haus ist eine kleine Siedlung, alldieweilen ein chinesisches Sprichwort sagt:Gute Familien trennen sich nicht" und wenn jogar fünf Generationenunter einem Dache woh­nen", hatte in den kaiserlichen Zeiten eine solche Musterfamilie sogar Anspruch auf einen öffentlichen Ehrenbogen. Das klingt alles gewiß sehr jchön und romantisch für die Quartiersuche ist diese chine­sische Wohnsitte namentlich bei stockdunkler Nacht aber nicht sehr praktisch.

Wir stolperten also durch das erste offene Tor in einer Lehmmauer hindurch, tarnen in einen großen Hof, tasteten uns weiter und fanden auch tatsächlich ein offenstehendes Wohnhaus. Drei Räume zur flachen Erde. In der Mitte das übliche Ahnen­zimmer mit Altar, Räucherkerzen und anderen Kultdingen, rechts und links zwei Wvhnräume, jedes vielleicht drei mal drei Meter groß. Einrich­tung: an der Fensterfeite das Fenster war aus Oelpapier, eine Art durchscheinendes Pergament und in tausend Fetzen geriffen der unvermeid­licheK a n g" aliasBett", aus Lehm gebaut, fest gemauert in der Erden", der Rest des Raumes war mit allerlei Ackergeräten, Körben, Kisten und Säcken an gefüllt, die Wände waren mit alten amerikanischen Zeitungen beklebt, deren eine mit großen Schlagzeilen verkündete, daß dieProsperi­tät" in der Welt begonnen habe.

Nach beginnender Prosperität sah es in diesem Loch gerade nicht aus, Rittmeister Satoh leuchtete denKang" ab, auf dem gerade zwei Personen der Länge nach nebeneinander Platz hatten. Nun liegt aber der Chinese quer auf dem Kang, d. h. mit dem Kopf am Fenster und den Beinen im Raum, Ritt­meister Satoh stellte also eine kurze mathematische Berechnung an und erklärte mit einer jeden Wider­spruch ausschließenden Bestimmtheit:Hier schlafen sechse!" Diesesechs" zählte er auch gleich ab,

Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte

Von Ernst von Niebelschüh.

Wir haben in diesen Glossen schon einmal auf die zunehmende seelische Ausleerung des modernen Menschen hingewiesen und als ihre wahre Ursache den durch den überspitzten Intellektualismus und Individualismus hervorgerufenen Mangel an echter religiöser Ausrichtung bezeichnet. In der Zeitschrift Die christliche Welt" finden wir jetzt unsere Mei­nung voll bestätigt, und was dort zu der Frage gesagt wird, ist um so wertvoller, als der Verfasser des AufsatzesHeutige Mediziner über den Heil- wert der Religion" ein ausgesprochener Fachgelehr­ter, nämlich der Leiter der Heidelberger Nervenklinik ist, also doch wohl gegen den Verdacht geschützt ist, seine Beobachtungen an Neurotikern anders als objektiv zu erklären. Unser Gewährsmann sieht in solchen Patienten, die er sehr zutreffend alss ch i ck s a l s k r a n k" bezeich­net, innerlich zerrissene Menschen, deren wahres Leiden das Resultat der Lostrennung von den gott­gewollten Bindungen ist und die darum auch nicht durch äußere Mittel zu heilen sind. Es handele sich um ein verpfuschtes Seelenleben, und darum müsse es die Aufgabe des ärztlichenSeelenführers" sein, den Kranken wieder mit dem Urgrund alles Seins in Verbindung zu bringen, mit der ewigen Weis­heit und Liebe, die hoch hinter allem waltet. Auf die Psychoanalyse müsse als notwendig die Psycho­synthese folgen. Das sind Worte, die noch vor zehn Jahren im Munde eines Arztes kaum zu hören waren, jedenfalls nicht beachtet worden wären. Heute werden sie gewiß nicht ohne Wirkung ver­hallen, einfach weil die Folgen der Emanzipation

von den übersinnlichen Quellen unseres Daseins gar zu deutlich sind, als daß sie übersehen oder ignoriert werden könnten. Mit dieser Erkenntnis ändert sich aber auch die Stellung des Arztes zum Kranken ganz grundlegend. Das Spezialistentum in Ehren, aber es muß, besonders wo es sich um psychische Erkrankungen handelt, erweitert werden durch etwas anderes, was nicht theoretisch erlernt werden kann, sondern was Gnade ist und nicht fehlen darf, wenn derMediziner" zu einem Helfer und Heiler werden soll. Der Artikelschreiber nennt esdas Genie der Liebe jedes wahren Menschenfreundes, der sich selbst eine klare Stellung zu den tiefsten religiösen Fragen errungen hat".

*

Paris meldet den Tod eines gewissen Pierre Lutec, der als der berühmtesteGedächtnis­künstler" seiner Zeit galt. Er soll über ein wah­res Wundergehirn verfügt haben, in dem außer unzähligen anderen Dingen 10 000 Geschichtsdaten aufgestapelt waren, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Allerdings ist nicht recht ein­zusehen, worin der praktische Wert eines solchen Monstregedächtnisses bestehen soll, denn schließlich kommt es ja weniger daraus an, was alles in den Kopf hineingeht, als was aus ihm heraustritt. Anders ausgedrückt: allein entscheidend ist die Qualität der Gedanken, nicht die Quantität der (Erinnerungen, besonders wenn es sich, wie hier, offensichtlich um eine Anhäufung von Material handelt, von der man sogar annehmen sollte, daß sie dem Besitzer, der nicht zugleich ein vorzüglicher Dirigent ist, einmal gefährlich werden müßte. So geschah es denn auch wirklich, denn nach Pierre Lutecs Tode stellte es sich heraus, daß der berühmte Gedächtniskünstler an einer bedenklichen Gedächtnisschwäche gelitten haben muß. Er hatte nämlich wie es heißtaus reiner Vergeßlichkeit" sein Gehirn an 75 anatomische Institute verkauft, die nun alle mit demselben Recht Anspruch auf die

10 000 Geschichtsdaten erheben. Paris darf sich also auf einen interessanten Prozeß gefaßt machen.

*

Welche Gefühle ein Kuß auslöst, ist von beji lyrischen Dichtern aller Zeiten und Völker oft ge­schildert worden, wenn auch nie so, daß man sich ohne eigene praktische Erfahrung eine zutreffende Vorstellung davon machen könnte. Manche behaup­ten ja, das Küssen sei unmoralisch. Ein deutsches Amtsgericht, das die Frage kürzlich zu entscheiden hatte, war anderer Ansicht. Eine alte Dame hatte unter Zuhilfenahme eines Fernglases mehrmals ein Liebespaar bei heftigstem Kußaustausch ertappt und Anzeige wegen Erregung öffentlichen Aerger- niffes erstattet. Das Gericht kam zu einem Frei­spruch. Nicht der Kuß, sondern das Fernglas jei unmoralisch. O weiser und gerechter Richter! Hier sind also von zuständiger Stelle die psycho­logischen Wirkungen des Kusses sehr positiv gewer­tet worden. Was dagegen bis jetzt noch nicht unter­sucht worden ist, ist der chemische Vorgang des Kußprozesses. Einem amerikanischen Professor an der Hochschule von Cincinnati war es vorbehal­ten, das so lange sträflicherweise Versäumte nach­zuholen. Man muß in der Tat wohl Amerikaner fein, um das Wagnis zu unternehmen, das holde Petschaft der Liebe seines Geheimnisses zu entklei­den und seine irdischen Substanzen unter das Mikroskop zu legen. Unser Professor hat also 100 Gramm derAbfallprodukte" eines normalen Kus­ses auf ihre chemische Zusammensetzung hin unter» jucht und dabei feststellen können, daß sie sich fol­gendermaßen zusammensetzen: 61 Gramm Wasser, 0.7 Gramm Eiweiß und Globulin, 150 Gramm Elastin, 3,2 Gramm Kollagen, 0,032 Gramm Phos­phate, 0,7 Gramm Fette. 0,45 Gramm Kochsalze, 0,64 Gramm Chlorkalium, 0.01 Gramm Kalk und noch geringe Menaen von Magnesiumoxyd, Alu­miniumoxyd und Schwefel. Unsere Liebespaare wer­den also gut daran tun, in Zukunft die physischen

und quartierte ebensoviel im anderen Zimmer auf den genau so großenKang" ein, mit dem Rest der Pressemänner zog er ab, nicht ohne uns noch eine ernste Warnung erteilt zu haben:Keiner darf jetzt mehr auf die Straße gehen! Denn Sie können nicht japanisch, wissen also nicht, was ,Halt! Wer ba? bedeutet und müssen riskieren, daß Sie von jedem Posten kurzerhand über den Haufen ge­schossen werden. Denn die Feldinstruktionen der Kaijerlich Japanischen Armee sind sehr streng..."

Nun... auf die Straße zu laufen, danach hatten wir durchaus kein Verlangen, wir waren froh, endlich nach vielen, vielen Stunden eine Sitzge­legenheit gefunden zu haben, auch wenn diese Sitz­gelegenheit mehr als eng war. Backe an Backe saßen wir wie die Schwalben auf dem Telephon­draht oder wie die alten Landser auf der Latrine, auf dem hartey Kang und überdachten schweigend unser Los. Lange dauerte das aber nicht, denn auf dem Kang wurde es lebendig: der Staub lag viel­leicht einen Finger dick und aus diesem Staub hüpften die Flöhe heraus und uns in die Klei-' der. Sie bissen wie Wanzen, so daß die Stiche der Moskitos, die in Hellen Haufen durch das zer­löcherte Papierfenster hereinaeschwärmt kamen, bei­nahe wie eine Wohltat empfunden wurden.

Was hatte Rittmeister Satoh doch gleich gesagt: Keiner darf das Zimmer verlassen, weil er sonst Gefahr läuft, draußen aus Versehen erschossen zu werden"... Also diese Nacht auf dem Kang in Maschang gönne ich meinem ärgsten Gegner nicht. An Schlaf war nicht zu denken. Wasser und Essen wurden durch stramme Haltung ersetzt... zum Glück hatte einer Spielkarten und Wachskerzen mit­gebracht, bei Poker und Whisky-pure verging die Zeit einigermaßen erträglich, und erst als der Morgen zu grauen begann, legten wir uns alle sechs Löffel rechtsrum zum Pennen etwas nieder. Denn vonSchlafen" konnte in diesem Milieu keine Rede fein.

Irgendeiner am andern Morgen packte mich am Bein. Rittmeister Satoh stand vor mir und sagte auf japanisch irgend etwas Unverständliches, was sich am besten wohl mitAufstehen! Kaffeeholen!" übersetzen läßt. Aber Kaffeeholen fiel natürlich aus, ebenjo Tee, denn kein Teufel kümmerte sich um uns. Außerdem und das war die nächste lieber« raschung: draußen goß es in Strömen, ein Wolkenbruch ging nieder, von dessen Wucht man sich daheim keine Vorstellung machen kann.Nun, Käpten, wie ist die Kriegslage? Wo gehts jetzt hin? Wo werden wir frühstücken?"Not früh­stücken ... wie möst go!"Was? Schon wieder laufen? ... Wohin denn?"Nach Hause... nach Tientsin!"Großer Gott! Doch nicht estva den ganzen Weg? Wo bleibt denn nun bie Front? Wir wollten uns doch die Front an­sehen! Den Krieg sehen! Deswegen haben wir doch die ganze lange Reise gemacht... und nun wieder nach Hause???" Rittmeister Satoh zog nach japanischer <5itte schlürfend die Luft ein, jagte: I am very sorry, was sämtliche Grade der japa­nischen Traurigkeit, angefangen vom leisen Be­dauern bis zur wildesten Verzweiflung ausdrückt und wiederholte traurig feinen Standardsatz:Wi möst go!... Wir müssen gehen!" Na schön, gehen wir!

Oer Betriebsarzt.

NSG. Nach den Richtlinien des Amtes für Volks­gesundheit der DAF. soll in allen Großbetrie­ben im Laufe der nächsten Jahre ein B e - triebsarzt hauptamtlich tätig fein. Für die kleineren Betriebe wird die betriebsärztliche Ver­sorgung vom Amt für Volksgesundheit geregelt. Der Betriebsarzt soll in allen Fragen der Arbeit und der Lebensführung ein Berater fein. In feiner fach­lichen Tätigkeit ist der Bettiebsarzt an die Wei­sungen des Amtes für Volksgesundheit gebunden. Praxisausübung ist den Hauptamtlicken Be­triebsärzten nicht erlaubt, ebenso ist selbstän­dige ärztliche Krankenhausbehandlung der Gefolg­schaftmitglieder übtfr den Rahmen der ersten Hilfe hinaus verboten.

Die Aufgaben des Betriebsarztes sind sehr um­fangreich. Er soll den Betriebsführer und die Ge- folgschaftsmitglieder beraten, die Lehrlinge ärztlich überwachen, besondere Untersuchungen der Jung­arbeiter durch führen, Neueingestellte begutachten und die gesamte Belegschaft ständig gesundheitlich über­wachen. Alle Untersuchungen erfolgen an Hand der Gesundheitspässe in enger Verbindung mitdemHausarzt. Der Betriebsarzt hat wei­ter die Aufgabe der gesundheitlichen Ueberwachung der Werkscharen, der ärztlichen Beaufsichttgung des Betriebssports, der Beratung beim Einsatz von Hilfsmitteln der NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" und der NSV., der ständigen lieber» wachung der Ernährung, besonders in den Kantinen, ferner der Pausengestaltung, die gesundheitliche Ueberwachung der Werksiedlungen und der Wohn- verhältnisje, der Klärung der Unfallverhütung usw. Auch die Vorbereitung und Durchführung vom Hausarzt verordneter Behandlungsmahnahmen im Betrieb ist seine Aufgabe.

Restbestände ihres Vergnügens der zuständigen SammelstelleKampf dem Verderb" abzuliefern.

*

In einer Zeitung von Perpignan findet sich upter denoffenen Stellen" folgendes, nicht eben alltäg­liches Inserat:Tüchtiger Eremit gesucht. Gefordert: Bewirtschaftung des Pilgerunterkunft­hauses Galamus, regelmäßiges Glockenläuten, recht­schaffener, frommer Lebenswandel. Geboten wird: Vegetarische, aber gute Verpflegung, Anteil am Fischwasjer im Fluß Agly (ausgezeichnete Forellen), Kleidung und Wohnung, ferner Lieferung von Brennholz im Winter. Das Recht, Gaben von Pil­gern entgegenzunehmen, jedoch nicht Bedingung. Angebote mit Lebenslauf und Lichtbild an das Büro de bienfaifance, Saint - Paul - de - Fenoillet, Pyrenses-Orientales, Frankreich." Dieses Stel­lenangebot, das ein merkwürdiges Schlaglicht auf ein zwar immer vorhanden gewesenes, aber wohl nie so ungescheut an den Tag getretenes G e - schäftschristentum wirst, hat eine inter­essante Vorgeschichte. Die Eremitage von Galamus ist nämlich im Besitz einer Glocke, die sich als be­währtes Heiratsorakel großer Beliebtheit erfreute: die Zahl der Klöppelschwingungen nach Beendi­gung des Geläuts zeigt die Zahl der Jahre an, die vergehen, bis sich für das fragende Mädchen ein Freier findet. Man kann sich eine Vorstellung von dem Umfang des Fremden- und Pilgerverkehrs von Galamus machen, solange ein Eremit da war, der die Glocke läutete, denn von selber läutet sogar eineWunderglocke" nicht. Zwei Jahre war nun der Glöcknerposten unbesetzt, was natürlich für das benachbarte Saint-Paul-de-Fenoillet eine schwere wirtschaftliche Schädigung zur Folge hatte. Hoffen wir also, daß sich in Bälde wieder jemand findet, d-er ein frommes und rechtschaffenes Leben mit der verzeihlichen Leidenschaft für die in Aussicht ge­stellten Forellen harmonisch zu verbinden weiß!