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Ur.256 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzetger für Oberheffen)

Samstag, 6. Oktober 1937

Wehr und Waffen.

Warum Goldaienbund?

Wenn im Herbst nach den Manövern der Soldat, der zwei Jahre unter den Waffen feine vaterlän­dische Dienstpflicht erfüllt hat, ehrenvoll z u r E n t - lassung ausdemHeeresdienst kommt und das Gewehr wieder mit dem Handwerkszeug seiner bürgerlichen Arbeit vertauscht, ist er nur zur Reserve beurlaubt. Er bleibt Soldat. Und wenn er seine Dienstzeit im richtigen Geiste verbracht hat, so bleibt er Soldat im Denken und Fühlen bis an sein Lebensende. Das ist ein schöner Beruf! Das deutsche Vaterland, das, soweit seine Geschichte reicht, stets von Neidern und Feinden umgeben war, die ihm den mit dem Blut seiner Söhne erkauften und kultivierten Boden, der doch so schmal bemessen ist, nicht gönnten, kann nur dann ruhig der Zukunft vertrauen, wenn ein solda-. tisches Geschlecht, das hart, mutig, stolz und treu die Heimat bis zum letzten Hauche zu verteidigen gewillt ist, auf seinen Fluren lebt. Soldat sein und Soldat zu bleiben ist Schicksal des Deutschen. Hätte ihn nicht von jeher Neigung und Anlage dazu be­fähigt, wo wäre Deutschland?

Die Entlassung aus dem Heeresverbande im Herbst, die für Hunderttausende die Rückkehr ins bürgerliche Leben bedeutet, darf daher für den ein­zelnen nicht zu einer völligen Loslösung vom inner­lichen Soldatenberufe werden. Schon aus eigenem Antriebe wird er meist selbst sehen, daß die Fäden, die ihn mit Kameraden, mit seiner Truppe, mit dem Soldatentum überhaupt verbinden, und die sicher­lich viel stärker sind, als er vorerst vermutet, nicht abreihen. Als Deutscher ist man eben Soldat in Tat und Gesinnung, unwiderruflich und un­vergänglich, und ganz gewiß ist, daß schon kurze Zeit nach der Rückkehr ins Zivilleben die soldatische Seite des Jchs sich meldet und mehr oder weniger stürmisch Berücksichtigung verlangt. Wer Soldat ge­wesen ist, hängt auch an der kameradschaftlichen Brüderlichkeit dieser Zeit. Er hat den menschlichen Wert dieser in Glück und Unglück treu zueinander haltenden Verbundenheit an sich selbst erfahren, die in Kriegszetten sich zum größten und alle Schrecken und alle Freuden einer wilden Zeit überragenden Erlebnis zu steigern pflegt. Nichts liegt also näher, als daß der frisch gebackene Reservemann nach Kameraden, nach kameradschaftlichem Verkehr Um­schau hält, denn nach getaner Arbeit will man gern über (Erinnerungen aus der gemeinsamen Dienstzeit plaudern und sich in voller Lust über das einem so ans Herz gewachsene unerschöpfliche militärische Thema auslassen.

Dieser Sammelpunkt der gedienten Soldaten der neuen deutschen Wehrmacht ist der Soldatenbund. Seine Gliederungen, die Ka­meradschaften welch schönes und treffendes Wort, das den Geist des Bundes klar widerspiegelt, der Offizier, Unteroffizier und Mann ohne hem­mende Schranken kameradschaftlich vereinigt, be­stehen Überall, fast an jedem Ort, und stehen allen in Ehren entlassenen ehemaligen Heeresangehörigen offen. Der Beitrag ist gering, die Möglichkeit aber, sich auch weiterhin als Soldat zu betätigen in Ernst und Scherz, sein militärisches Wissen und Können zu verbreitern und zu vertiefen und in echter Kame­radschaft Freunde fürs Leben zu finden, ist sehr groß.

Der Soldatenbund ist im Einvernehmen mit dem Führer und Reichskanzler als Obersten Befehls­haber der Wehrmacht auf Befehl des Reichskriegs­ministers von Plomberg Ende 1935 ins Leben ge­rufen worden. Die ihm gestellte Aufgabe ist die Vereinigung der aus dem Heer ausscheidenden Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften im Geiste soldatischer Kameradschaft". Mit der Pflege dieser Kameradschaft verbindet der Soldatenbund weiter die militärische Fortbildung der Ka­meraden, er feiert aber auch mit ihnen die großen Fest- und Erinnerungstage der Nation und des Heeres. Eine kurzer Blick auf das reguläre Arbeitsprogramm einer Kameradschaft mag zeigen, was der Soldatenbund dem ehemaligen Soldaten an Anregung und Unterhaltung zu bieten pflegt. Der Dienstplan sieht im allgemeinen vor: Minde­stens einmal im Monat Appell, verbunden mit Unterricht', einmal im Monat Schießen, Klein­kaliberschießen genau nach den Richtlinien des Heeres, aber in freiem, oft mit hübschen Erinne­rungspreisen ausgelobtem Wettbewerb; ferner Kar­tenlesen, Geländebesprechungen, Stellung kleiner taktischer Uebungsaufgaben, Sandkasten u. dgl. Ein­mal im Jahr dann Teilnahme an einer größeren Hebung der Standorttruppe oder Fahrt ins Manö­vergelände unter der Führung aktiver Wehrmacht­offiziere.

Das ist ein vielseitiges, an Anregungen reiches Arbeitsprogramm. Selbstverständlich kommt da­neben der der kameradschaftlichen Erho­lung und Verständigung gewidmete Teil an gemütlichen Zusammenkünften und festlichen Veranstaltungen nicht zu kurz. Aber der alte Sol­dat, der auch im ZivilanLug Soldat aus innerstem Bedürfnis bleiben will und das ist bei weitem die Mehrzahl von uns Deutschen, wendet seine ganze Liebe und sein vollstes Augenmerk vor allem dem dienstlichen Teil des Kameradschaftslebens zu. Hier finden seine besonderen soldatischen Interessen, die während seiner Dienstzeit sich natürlich den gro­ßen dienstlichen Aufgaben unterzuordnen hatten, be­reitwilligst jede Förderung. Mit Unteroffizier und Offizier steht er in kameradschaftlicher Verbindung; sie helfen ihm gern und leiten sein Wissensbedurf- nis auf die richtigen Wege. Selbstverständlich stehen ihm auch die Kameraden und der Bund in allen andern Fragen, die ihn beschweren sollten, dienst­willig gern zur Seite.

Die Organisation des Soldatenbundes ist nun so aufgebaut, daß zufammenble i b t, was zusammengehört. Nicht riesenhafte Verbände sind das Ziel, wo keiner den andern kennt, sondern kleinere Kameradschaften, die mög­lichst nur die Angehörigen de s gleichen Truppenteils umfassen. Das sind die Trup­penkameradschaften, die das Ideal einer wirklich kameraschaftlichen Vereinigung darstellen und die im Bunde bald überwiegen dürsten. Nur an kleineren Orten, wo nicht genügend An­gehörige des gleichen Truppenteils vorhanden find, werden Soldatenkameradschaften aufge­stellt, die aus Angehörigen aller Waffengattun­gen bestehen. Von ihnen können, sobald eine be­

stimmte Waffe so viel Mitglieder aufzuweisen hat, daß sich die Gründung einer besonderen Kamerad­schaft lohnt, Waffenkameradschaften ab­gezweigt werden.

Der wahrhaft kameradschaftliche Geist kann in diesen Truppenkameradschaften, die von den frühe­ren Angehörigen etwa eines Regiments und später, wenn auch deren Zahl zu groß wird, eines Batail­lons oder gar einer Kompanie dieses Regiments gebildet werden, leichter und nachhaltiger gepflegt werden als in bunt zusammengesetzten großen Ver­bänden. Auch das Mittun des einzelnen Kameraden bei der Arbeit feiner Kameradschaft ist gründlicher, interessierter und vor allen Dingen stetiger, wenn er weiß, daß es auch auf ihn ankommt und er nicht in einer unübersehbaren Gefolgschaft ver­schwindet. In den kleineren Kameradschaften hat jeder Mann seinen Wert und feinen Platz; das wird jeder rasch feststellen. Dadurch wird aber auch die Freude an der gemeinsamen kameradschaftlichen Arbeit gewaltig erhöht, deren ideelle Zielsetzung sehr greifbar und leicht verständ­lich ist: die deutsche Wehrhaftmachung zu vollenden, jeden einzelnen in Wissen und Können auch nach dem Ausscheiden aus dem Heere bei seiner Lei­stungsfähigkeit zu erhalten, das Soldatentum in seiner Gesinnung und Haltung zu pflegen und end­lich den kameradschaftlichen Geist, ohne den das hohe politische Ziel der echten Volksgemeinschaft nicht zu erreichen ist, in engstem Zusammenschluß von Offizier, Unteroffizier und Mann möglichst von

derselben Truppe zu lebendiger Wirksamkeit zu bringen.

Der Soldatenbund ist eine rein militärische Organisation. Mit Politik befaßt er sich nicht. Mitglied des Soldatenbundes zu sein, hindert niemand an politischer Betätigung in der NSDAP, oder irgendeiner ihrer Gliede­rungen. Wir alten Soldaten haben alle dem Füh­rer und Reichskanzler als Obersten Befehlshaber der Wehrmacht den Eid der Treue geschworen. Die­ser Eid ist unlösbar. Soldatenbund und Partei unterstehen einem Führer, gehorchen einem Befehl und folgen einem Ziel. Zweifel, ob die Mitgliedschaft bei der einen Organisation die bei der anderen ausschließt, sind also nicht vorhanden.

Nichts kann demnach den ehemaligen Soldaten der neuen deutschen Wehrmacht hindern, dem Sol­datenbund beizutreten. Der Bund ruftihn. Er braucht den jungen Reservisten, weil er nur mit dem geschlossenen Einsatz der Heeresreserve sein hohes ihm gestecktes Ziel, das Soldatentum im ganzen Volke frisch und leistungsfähig zu erhalten, oerwirklichen kann. Aber auch der Kamerad braucht den Soldatenbund, wenn er Soldat von echtem Schrot und Korn ist. Denn in diesem Bunde ver­körpert sich das ewige deutsche Soldatentum und der Geist unverbrüchlicher Kameradschaft, die beide ein gut Stück des deutschen Menschen ausmachen, das niemand mehr entbehren will. Drum, Kame­rad, melde dich bei der nächsten Kameradschaft zur Stelle!

Der Mrschallttab im Tornister.

Zum achtzigsten Todestage Generals von Weyhers.

Von Jürgen Hahn-Butry

Den wenigsten dürfte bekannt fein, daß der Vor­gänger Moltkes als Chef des Großen General- stabes der preußischen Armee ein ehemaliger aktiver Berufsunteroffizier war. Als am 7. Oktober 1857 der General der Kavallerie Carl Friedrich Wilhelm von Reyher die Augen schloß, war ein preußisches Soldatenleben beendet, das in seinem Aufstieg ohne Beispiel in der Ge­schichte steht: Freund dreier Könige, interimistischer Kriegsminister im Revolutionsjahr 1848, mit den Generälen von Doyen und von Krauseneck Neu­schöpfer des preußischen Heeres.

Der junge Reyher trat schon mit sechzehn Jahren als Rekrut bei dem damaligen Infanterie-Regiment von Winning ein, um die Laufbahn des aktiven Berufsunteroffiziers zu ergreifen. In der unglück­seligen Schlacht bei Jena und Auerstädt zeichnete er sich aus und entfloh nach der Kapitu­lation des Korps Hohenlohe der französischen Ge­fangenschaft. Sein Weg führte dann zu Major von Schill, der den Infanterie - Unteroffizier am 9. April 1807 zum etatsmäßigen Kavallerie-Wacht­meister beförderte. Reyher hielt feinem Komman­deur die Treue bis zum Tode. Als Schill in Stral­sund fiel, wurde auch er selbst schwer verwundet. Trotzdem gelang es ihm, verkleidet aus der von den Franzosen eroberten Stadt zu entkommen und den Anschluß an die Reste des Detachements zu finden, die nach Pommern abrückten. Als General von P o r ck in Königsdorf die Ueberrefte des Schillschen Korps in die aktive preußische Armee übernahm, war Reyher der einzige, der dem Ge­neral ein klares Bild über den Verlauf des Schill­schen Feldzuges geben konnte. Der etatsmäßige Wachtmeister Reyher fand auch in seiner neuen Garnison bei dem westpreußischen Ulanenregiment des Majors von Katzler sehr schnell das Ver­trauen seiner Vorgesetzten. Sein Kommandeur reichte ihn später mit warmer Befürwortung durch Porck zur Beförderung bei König Friedrich Wil­helm III. ein. Durch Kabinettsordre vom 24. Juli 1810 wurde der Wachtmeister Reyher zum aktiven Sekonde-Leutnant ernannt.

In den folgenden drei Friedensjahren hatte er Gelegenheit, als Adjutant des Majors von Katzler feinen Gesichtskreis zu erweitern und die Lücken feiner Bildung auszufüllen. Der Feldzug 1813/15 sieht Reyher ständig an der Spitze der Blücherfchen Armee, deren Avantgarde Katzler führt. Er hat wiederholt Gelegenheit, sich hervorragend auszu- zeichnen. Ass Katzler verwundet wird, ernennt Porck ihn zu seinem Adjutanten und stellt ihn dem König vor. In kurzem Abstand erhält er das Eiserne Kreuz 2. und 1. Klasse, wird Oberleutnant, Stabsrittmeister und am 8. Oktober 1815 in Aner­kennung seiner Tapferkeit im Alter von neunund­

zwanzig Jahren Major. Im September 1828 er­hält er den erblichen Adel.

Reyhers historische Mission beginnt jedoch erst, als er zum Chef des General st abes des 3. Armeekorps und damit zum militärischen Berater des Prinzen von Preußen ernannt wird. Zehn Jahre steht er dem nachmaligen Kaiser Wilhelm I. als Stabschef zur Seite. Wie groß fein Einfluß auf den Prinzen war, geht am besten dar­aus hervor, daß dieser ihm später schrieb, daß er alles, was er bereits für die Armee geleistet habe und noch zu leisten hoffe, Reyher verdanke". 1839 wurde Reyher zum Generalmajor befördert und im folgenden Jahre zum Direktor des Allge­meinen Kriegsdepartements im Kriegs­ministerium ernannt. Als am 29. März 1848 der Kriegsminister von Rohr um seine Entlassung bat, wurde Reyher zum interimistischen Kriegsmi- n i ft e r ernannt. Er besetzte Berlin mit Linien­truppen und stellte die Ordnung wieder her. Als ihm Graf Kanitz als Kriegsminister folgte, ernannte ihn der König zum Chef des Großen Ge­neral ft abes.

In dieser Stellung, die er bis zu seinem Lebens­ende behalten sollte, erwarb sich Reyher unsterb­liche Verdienste um den Ausbau des Generalstabes. Eine seiner wichtigsten Aufgaben sah er in der Förderung und Betreuung des Offiziersnachwuchses. Fast alle großen Heerführer der Einigungsfeldzüge, einschließlich Moltkes, sind durch Reyhers General­stabsschule gegangen. Der siegreiche Feldherr von 1866 und 1870/71, Prinz Friedrich Karl von Preu­ßen, bekennt später:Alles, was ich gelernt habe, verdanke ich dem General von Reyher."

Niemals in seinem glänzenden Leben hat Gene­ral von Reyher verleugnet, daß er der Sohn eines Dorfschulkantors war, und vielleicht ist es gerade die Bescheidenheit Reyhers gewesen, die feinen Namen so schnell vergessen ließ. Doch verdient ge­rade er, als eines der größten Vorbilder der preußisch-deutschen Soldatengeschichte gefeiert zu werden. Er ist der einzige preußische Soldat der letzten 150 Jahre, an dem das Wort vom Mar­schallstab im Tornister des einfachen Sol­daten Wahrheit wurde; er ist Vorbild und Beispiel für die neue Wehrmacht Adolf Hitlers, in der zum ersten Male seit den Freiheitskriegen dem Unter­offizier der Aufstieg in die Offizierskarriere grund­sätzlich ermöglicht ist. Weit über tausend ehemalige aktive Unteroffiziere der Reichswehr bewähren sich heute als Offiziere in der Führung der neuen Wehrmacht. So steht mitten in unserer Zeit der Geist eines Mannes, der in seinem Charakter und seiner Laufbahn uns Lebenden zutiefst verbun­den ist.

3um 50. Jahrestag unserer Torpedobootswaffe.

Von Korvetten-Kapltan a. O G G. $rbr. v. Forstner.

Anfang Oktober d. I. versammeln sich die ehe­maligen Angehörigen der Torpedobootswaffe in Wilhelmshaven zur Feier eines Jubiläums, an das die wenigsten in unferm Volk gedacht haben wer­den. Erst fünfzig Jahre sind nämlich verstri­chen feit der Gründung unserer Torpedobootswaffe unter Korvetten-Kapitän Tirpitz, dem späteren Großadmiral und Staatssekretär unseres Reichs- marine-Amtes. Wir alten Torpedobootsfahrer den­ken in diesen Erinnerungstagen mit Freude und Stolz an die vielen harten, aber auch frohen Stun­den zurück, die wir bei derschwarzen Kunst" in oft schwerem Wetter und harter Angriftsarbeit ober auch bei lachendem Sonnenschein verleben durften. Freudig verließ jeder von uns, dem ein Torpedo­bootskommando beschieden war, fein großes Schift. Klein Schiff fein Schiff!" Stolz fangen mir unser Torpedobootslied:

Schön ist's auf dem Torpedoboot und manches findet statt,

Wovon man auf dem Linienschiffe keine Ahnung hat!"

Nach der Erfindung und Bewährung des Unter­wassertorpedos lag der Gedanke nahe, dieses neu­artige Geschoß, das selbst den größten Kriegsschif­fen die tödliche Wunde beibringen konnte, von klei­nen und möglichst schnellen Fahrzeugen aus zu ver­wenden, die der feindlichen Artillerie nur ein schlechtes Ziel boten. Nachdem im Jahre 1885 auf englischen und deutschen Werften einige derartige Versuchsboote bestellt worden waren, wurden nach

deren Ablieferung die ersten Versuche ausgenom­men. Hierbei bewährten sich bei weitem am besten die von der Schichau-Werft Elbing gebauten Boote, die alsS1",S2" usw. in unserer Torpedo­bootswaffe lange führend waren. Erst kurz nach der Jahrhundertwende wurden auch andere deutsche Werften zum Torpedobootsbau .herangezogen.

1887 erfolgte nach Erledigung der Versuche die Gründung der Torpedo-Inspektion unter Korvetten-Kapitän Tirpitz und die Indienststel­lung der ersten beidenTorpedoboots-Divisionen". Jede Division bestand aus zehn kleinen Torpedo­booten von 50 bis 100 Tonnen Größe und 14 Mann Besatzung unter Führung von einem grö­ßerenDivisionsboot"D1",D 2" usw., die bis zu 300 Tonnen groß waren. Die damaligen Tor­pedos hatten nur eine Laufstrecke von 300 Meter, so daß die Boote zum normalen sicheren Torpedo­schuß bis auf etwa 200 Meter an den Gegner herandampfen mußten. Erst später wurde die Tor­pedolaufstrecke auf 500 Meter vergrößert. Die ersten Torpedoboote waren Einschraubenboote, die aber die zu damaliger Zeit sehr beachtliche Ge­schwindigkeit von 18 Seemeilen in der Stunde ent­wickeln konnten (1 Seemeile 1852 Meter). Ihre Armierung bestand nur aus einem Torpedorohr und einem Geschütz kleinsten Kalibers. Die ge­ringen Laufstrecken des Torpedos ermöglichten es noch bis zum Jahre 1894, die Torpedoschießübun­gen der Torpedoboots-Divisionen im Kieler Hafen, innerhalb von Friedrichsort, abzuhalten.

Bald nach Gründung der Torpedowaffe erkannte man ihre guten Aussichten bei Nachtangriffen. In unserer Marine wurde der Nachtausbildung der Torpedoboote daher höchster Wert beigelegt. In fte« tiger Fortentwicklung wuchsen die Größen der Boote und die Laufstrecken der Torpedos. Bei Kriegsaus­bruch waren unsere großen Torpedoboote auf 600 bis 900 Tonnen gekommen bei einer Armierung von vier Torpedoausstoßrohren und zwei 8,8 Zen­timeter-Geschützen. Die neuartigen Turbinen und. Oelkessel verliehen den modernsten Booten Gv-- schwindigkeiten bis zu rund 30 Seemeilen. Die Tor­pedolaufstrecken der neuesten Torpedos betrugen bereits einige tausend Meter.

In den Krieg in der Nordsee traten wir mit der I. bis VIII. Torpedobootsflottille ein, die in die 1. bis 16. Halbflottille zu je fünf Booten unterteilt mar. Zu jeder Flottille gehörte außerdem noch ein Führerboot, so daß unsere erste Torpedobootsfront insgesamt aus 88 Hochsee-Torpedobooten gebildet wurde. 43 kleinere und ältere Torpedoboote waren

Urquell

in die 1. bis 3. Minensuch-Division zusammen- tzezogen. 20 der ältesten Boote bildeten dieHafen- slottille der Nordsee", während vier ältere größere Torpedoboote als Führerboote der 1. bis 4. U-Boots-Halbflottille dienten. Alles in allem waren in der Nordsee somit 155 Torpedoboote in Dienst. In der Ostsee standen lediglich zehn Torpedoboote in der Front, von denen nur vier zu modernen Serien gehörten. Vier alte kleine Torpedoboote bil­deten dieHafen-Flottille Kiel", ein altes Divi- sionsboot war U-Boot-Führerboot und zwei alte kleine Boote Tender bei derU-Boots-Schule". Dem Befehlshaber der Oftfeestreitträfte standen ins- gesamt also nur 17 Torpedoboote zur Verfügung.

Das Schicksal wollte es, daß unserm einzigen, seit den Chinawirren im Jahre 1900 von drei nach dort gesandten Booten in Ostasien verbliebenen alten BootS 90",' dem man schon vor Jahren wegen des Standes seiner Maschinenanlage den Rückmarsch zur Heimat nicht mehr zugetraut hatte, ! der erste Torpedobootserfolg vergönnt fein sollte. In der Nacht vom 17. zum 18. Oktober 1914 ver­senkteS 90" unter dem Kommando von Kapttän- leutnant Brunner beim Ausfall aus Tsingtau den japanischen KreuzerTakatchio" (3700 Tonnen).

Die Engländer waren bei der Entwicklung ihrer Torpedoboote weniger von deren Verwendung in Massenangriffen bei Nacht ausgegangen. Wie schon der Namedestroyer" (Zerstörer") ihrer letz­ten Dorkriegsserien bezeugt, waren diese in der Hauptsache zur Abwehr und Vernichtung feindlicher Torpedvbootstreitkräfte vorgesehen. Sie hatten des­halb durchweg eine etwa 20 v. H. größere Wasserverdrängung als die gleichaltrigen deutschen Torpedoboote, und eine bedeutend stär - fere 2IrtiIIeriearmieru'ng von einigen 10,5-Zentimeter-Geschützen. Auf unfern Torpedo­booten war die Artillerie lange Zeit als Stiefkind behandelt worden. Der Wert einer stärkeren Ar­tilleriearmierung wurde in unserer Torpedoboots­front eigentlich erst bei Teilgefechten in der Schlacht vor Helgoland am 28 . August 1914 richtig erkannt. Hier waren z. T. Boote von uns in Kämpfe mit den modernen englischen Zerstörern verwickelt, in denen sie nur ihre beiden 5-Zentimeter- gegen eng­lische 10,5-ZentimeterGeschütze einsetzen konnten. Auf dringendes Ersuchen der Front erfolgte daher nun auch bald die Umarmierung wenigstens unserer neuesten Boote mit 10,5 - Zentimeter - Geschützen.

Das Versailler Diktat beschränkte uns bei Neu­bauten wieder auf 800 Tonnen. Erst der deutsch- englische Flottenvertrag vom Jahre 1935 ermöglichte uns wieder den Bau von Zerstörern, deren neueste Vertreter 1625 bis 1811 Tonnen auf­weisen. Diese sind armiert mit acht 53,3-Zentimeter- Torpedorohren und fünf 12,7-Zentimeter-Geschützen bei 252 Mann Besatzung. Die heutige Größenent­wicklung der Zerstörer aller Marinen weist diese weniger auf Massenangriffe als auf Eigenun­ternehmungen hin. Mit Torpedos armierte Motor-Schnellboote mit sehr hoher Geschwindigkeit kommen daher immer mehr für die Uebernahme von Massenangriffen, wie man sie schon vor fünf­zig Jahren plante, in Frage. Ein französisches Schnellboot soll bereits eine Geschwindigkeit von 55 Seemeilen gleich rund 102 Kilometer in der Stunde erreichen.

Es kann nicht Aufgabe dieses Erinnerungsarti­kels sein, die einzelnen Kriegstaten unserer Tor­pedoboote aufzuführen. Nur der gefallenen Kame­raden fei gedacht, die auf den 111 Torpedobooten, die während des Weltkrieges mit wehender Flagge vor dem Feind sanken, ihr Leben für das Vater­land ließen! Ob kleines Schnellboot, Torpedo­boot oder Zerstörer, gleich bleiben wird auf allen diesen Fahrzeugen der alte schneidige und vorwärts stürmende Torpedobootsgeist. Vor etwa dreißig Jahren gab der englische Zerstörer-Kommandant Mark Kerr diesem in einem prächtigen Gedicht Der Zerstörer" Ausdruck. Sein Anfang lautet in Übersetzung von Kapitänleutnant v. Einem gen. v. Rothmaler:

Aufgehorcht, ihr Pflastertreter, Helden des Par­ketts bleibt stehn. Habt ihr je, am Strande schlendernd, ein Torpedo­boot gesehn? Seefahrt ist euch ein Geheimnis, Seekost gab euch niemals Kraft,

Und doch ist für's Reich die Flotte, wie für einen Baum der Saft.

Hört, ihr superklugen Leute, horcht vom grünen Tische her,

Wagt zur See euch in Zerstörern, aber kritisiert nicht mehr!

Fühlt euch erst einmal im Sturme oder sternen­loser Nacht,

Wenn ein Boot im Nebelschleier fünfundzwanzig Meilen macht!

Frohe Hatz auf Pferdesrücken, tollste Motorwagen- fuhrt,

Milde Milch ist das, verglichen mit Zerstörer- Wesensart!