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187. Jahrgang

Samstag, 9. Oktober 1957

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Chamberlain erwartet die italienische Antwort.

Der britische Ministerpräsident erhofft von ihr den Ausgang weiterer Besprechungen.

Das Kolonialproblem und die Konservativen.

Eine rein negative Entschließung.

London, 8. Oft (DNB.) Auf der konser­vativen Parteikonferenz in Scarborough brachte der Abgeordnete Sir Henry Page Croft, einer der schärfsten Gegner der deutschen Kolonial­forderung, eine Entschließung ein, in der eine Aufgabe der Souveränität in den britischen Kolonien" abgelehnt wird. Die Entschließung besagt, daß die von gewissen li­beralen und sozialistischen Kreisen ausgehenden Vorschläge für die Zerschlagung des britischen Weltreiches durch Uebergabe der Oberhoheit in den britischen Kolonien an eine internationale Körper­schaft große Besorgnis verursachten. Ein solcher Vorschlag würde eine gefühllose Mißachtung der Eigentumsrechte, einen verräterischen Betrug an den Einwohnern dieser Kolonien und eine Kata­strophe für das Wohlergehen derjenigen Engländer sein, die in den Fabriken oder in der überseeischen Produktion beschäftigt seien. Die Entschließung wurde von der Konferenz ohne Opposition angenommen. Sir Henry Page Croft er­klärte, daß Deutschland seine Kolonien in einem Angriffskriege verloren habe. Deutschland habe kein größeres moralisches Recht auf diese Gebiete, die es im Weltkriege ver­loren habe, als es England heute auf Helgo­land habe. Er wünsche, daß die englische Regie­rung einer deutschen Kolonialforderung einNein" entgegensetze.

Winston Churchill erklärte nach einem Hin­weis auf die Lage in Spanien und im Fernen Olten, daß man gegenwärtig eine Zeit ernster Besorgnis durchmache. Die konservative Politik müsse den Außenminister in der energischen und ehrenhaften Politik unterstützen, die er in seinem Streben nach Aufrechterhaltung des Weltfriedens verfolge. Churchill beglückwünschte die Regierung zu den großen Fortschritten in der Auffassung und lobte den Präsidenten Roosevelt wegen seiner Rede. Seine Ausführungen würden sicher auch von der britischen Regierung herzlich begrüßt werden.

Ministerpräsident Neville Chamberlain begann mit der Feststellung, daß die Hauptoerant­wortung für alle außenpolitischen Aktionen dem Außenminister Eden zukomme, den zur Zeit einige ernste Angelegenheiten" beschäftigten: ob­wohl in keinem Falle bis jetzt eine formelle Kriegs­erklärung erfolgt sei, seien tatsächlich zwei größere Kriege im Gange, in Spanien und in China. Chamberlain sprach sich in scharfen Wor­ten gegen die Verwendung von Bom­benflugzeugen aus und verurteilte dieGe­waltanwendung ohne den Versuch einer friedlichen Regelung". Der Ministerpräsident streifte dann die Rooseveltrede und sprach die Bereitwilligkeit Englands zur Mitarbeit an einer Neun­mächtekonferenz über die Ostasienfrage aus. Er fuhr fort:Die Ereignisse im Fernen Osten ha­ben im Augenblick die Aufmerksamkeit vom Mit­telmeer gelenkt, aber der Krieg in Spanien zieht sich weiter hinaus und die Lage in diesem Land verursacht uns noch immer wachsende Sorge.

Wir haben uns ausdrücklich darüber gefreut, daß es möglich war, ein Uebereinkom- men mit der italienischen Regie­rung über die lleberwachung des Rlittel- meeres durch französische- italienische und bri­tische Kriegsschiffe zu erzielen, und wir fühlten uns zu der Hoffnung ermutigt, daß diesem Abkommen weitere Erörterungen zwischen den drei Mächten folgen könnten, um die Politik der Nichteinmischung wirklich effektiv zu gestalten. Wir warten noch immer auf die italienische Antwort auf unsere Einladung, und ich ver­traue ernstlich darauf, daß sie eine größere Harmonie zwischen uns allen herbeiführen wird. Wenn wir einmal einen wirklichen Fort­schritt in der Regelung der spanischen Frage machen könnten, würde der Weg für jene Be­sprechungen geöffnet werden, die Gegenstand der kürzlichen Korrespondenz zwischen

Mussolini und mir waren."

Chamberlain behandelte sodann die englische Ausrüstung. Er erklärte, in dieser Frage gebe es praktisch in England nur noch eine An­sicht, nachdem auch der Vorsitzende der Labour- partei erklärt habe, daß dieses Land stark gerüstet sein müsse. Er begrüße diese verspätete Bekehrung zu einem richtigen Glauben. Der Fortschritt der Aufrüstung sei noch nicht so groß, wie er es wün­sche. Man müsse aber zugeben, daß vor dem Be­ginn der Massenproduktion eine ungeheure Dor- bereitungsarbeit hätte geleistet werden müssen. Die­ses vorbereitende Stadium sei aber nun beendet, und die Produktion habe e r n st l i ch be­gonnen. Er glaube, daß dem aufmerksamen Auge des neuen Kriegsministers kein militärisches Pro­blem entgehen werde, und daß sich die britische Armee, obwohl sie sich in ihrer Größe nicht mit den ungeheuren auf der Wehrpflicht beruhenden Armeen des Kontinents vergleichen lasse, doch, sobald sie ein­mal voll ausgerüstet sei, voll und ganz der Auf­

gabe gewachsen zeigen werde, die sie zu er­füllen habe. Für die Flotte sei eine halbe Mil­lion Tonnen Kriegsschiffe im Bau. Die Stärke der britischen Heimat l u f t f l o t t e habe sich innerhalb der letzten Jahre verdreifacht. Chamberlain schloß mit einem Appell zur körperlichen Ertüchtigung der Nation. Er werde weiter alle Energie aufwenden, um den Frieden zu er­halten, die Verteidigung zu vervollkommnen und die Politik fortzusetzen, die dem Lande Wohlstand gebracht habe.

Das Echo oerChamberlain-Rede.

London, 9. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die Times" unterstreicht, Chamberlain habe klarge­macht, daß England an jedem Plan Mitarbeiten werde, der der Aufrechterhaltung des Friedens diene. DerDaily Telegraph" meint, daß die Politik Chamberlains Vertrauen einflößen müsse.

Sein Hauptbestreben sei es gewesen, nichts zu sagen, was die heikle Aufgabe des Außenministers noch erschwere. Er habe keine neuen Entwicklungen angekündigt, aber habe auch nicht gezögert, der Welt die Auffassung der britischen Oeffentlichkeit und das britische Empfinden mitzuteilen. Die Daily Mail" sagt, das britische Volk wünsche freundschaftliche Beziehungen zu Ita­lien aufrechtzuerhalten. Die feste Führung in der Außenpolitik durch Chamberlain habe bereits eine Annäherung der beiden Mächte nach einem Zeit­raum der Spannung herbeigeführt. Eine vollstän­dige Zusammenarbeit zwischen Eng­land und USA. in außenpolitischen Angelegen­heiten würde die größtmögliche Friedens­sicherung für die Welt bedeuten. Entsprechend ihrer Einstellung, hält dieDaily Mail" eine starke Aufrüstung Englands für den wich­tigsten Friedensfaktor.

Die britische Ungeduld ist ungerechtfertigt.

Rom, 8. Okt. (DNB.) Die in vollkommener Uebereinstimmung mit der Auffassung der Reichs­regierung ausgearbeitete italienische Ant­wort auf den französisch-englischen Vorschlag für Dreierbesprechungen über die spa­nische Frage sowie über die Zurückziehung der Freiwilligen wird, wieGiornale d'Jtalia" aus­führt, vielleicht noch am Samstag überreicht werden und abermals Italiens Willen zur Zusammenarbeit und zur Klärung der Lage bestätigen. Die in London und Paris in Erscheinung tretende Ungeduld über das Ausbleiben einer umgehenden Antwort sei vollkommen ungerecht­fertigt. Wenn die französische und die englische Regierung zur Ausarbeitung ihrer Note mehrere Tage benötigten, so sei es selbstverständlich, daß die italienische Regierung ihrerseits in aller Ruhe die Ergebnisse von Abmachungen Dritter untersuche und mit der deutschen Regierung Füh­lung nehme. Die europäische Zusammenarbeit, die das Thema der Pariser und Londoner Reden bilde, könne bestimmt nicht in dem Sinne aus­gelegt werden, daß einige Mächte sich darauf be­schränken müßten, die von anderen Mächten for­mulierten Vorschläge anzunehmen. Eine solche Zu­sammenarbeit könne nur in der Weise vor sich gehen, daß jede Macht frei ihre Ansicht äußere und dieser auch in der schließlichen Ver­einbarung Rechnung getragen werde.

Noch ungerechtfertigter erscheine aber die in Lon­don und Paris zur Schau getragene Ungeduld, wenn man sie im Lichte der Entwicklung des Frei­willigenproblems betrachte.Jedermann kann fest­stellen, daß alle Spanien betreffenden Fragen für London und Paris nur dann ernsten und vordring­lichen Charakter annehmen, wenn ihr Lösung s ich zugunsten der Roten auswirkt." Als es sich um die sowjetrussischen Freiwilligen han­delte, habe Lord Plymouth im Nichteinmrschungs- ausschuß auf die Anzeige des Grafen Grandi hin geantwortet, daß die Entsendung von Freiwilligen nicht im Widerspruch mit der Nichtein­mischung stehe und daß die Moskauer Regie­rung deswegen keinen Tadel verdiene. Die Frei­willigenfrage habe für London und Paris wo

man den schon zu Beginn der Kämpfe im August 1936 einsetzenden Zustrom zweifelhafter ausländi­scher Elemente geflissentlich übersah erst im Januar 1 9 37 einen dramatischen Charakter angenommen. Ja, man habe nach und nach aus der Frage der ausländischen Freiwilligen eine aus­schließlich die. i t a l i e n i s ch e n Freiwilligen be­treffende Angelegenhet machen wollen. Italien sei seinerzeit auf seine wesentlich areifbareren Vor­schläge zur Freiwilligenfrage von London und Paris nicht tage-, sondern monatelang hingehal­ten worden, ohne deshalb die Geduld zu verlieren, wie es jetzt London und Paris wegen einer angeb­lichen Verzögerung um Stunden vortäuschen möch­ten. Italien habe auch von jenen unklugen Ein­schüchterungsoersuchen Abstand genommen, die heute von London und Paris unternommen würden, um die italienische Antwort zu beeinflussen. Alle diese Machenschaften müßten verschwinden, um zu einer im Geiste des Derantwortungsbewußtsseins und der gegenseitigen Achtung geführten Politik der Nichteinmischung zu gelangen.

Keine einseitige Belastung.

Mailand, 9. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die S t a m p a" erklärt, wenn die Rede Chamberlains auch die internationale Spannung nicht verschärft habe, so habe sie aber auch nicht dazu ge­dient, sie zu klären. Das Blatt stellt die Frage, ob man auf die Möglichkeit von Verhand­lungen zu dritt hinziele und die Verantwortung für das Ende des Nichteinmischungssystems etwa auf die Schultern Italiens laden möchte. Italien weife eine solche einseitige Betastung zurück. Die italienische Antwort werde aufbauend sein und mit der Haltung der Vergangenheit in Einklang stehen. Es werde immer wiederholt, daß Frankreich und England diesmal ernst machen würden. Wollen die französischen und englischen Streitkräfte offen zugunsten Valencias eingreifen? Man könne nicht glauben, daß London eine Politik angenommen habe, die bisher ausschließlich von Moskau betrieben wurde.

Japans Antwort an Roosevelt.

Keine Verletzung irgendwelcher Verträge.-Japan handelt in Selbstverteidigung und verfolgt keine territorialen Ziele in China

Tokio, 9. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die japa­nische Presse veröffentlicht eine Regierungserklä­rung, die die besondere Genehmigung des Kaisers erhalten haben soll. Die Erklärung befaßt sich mit der Beschuldigung der amerikanischen Regierung, nach der Japan den Neunmächtepakt ver­letzt habe. Die japanische Regierung stellt fest, daß Japan im Fernost-Konflikt China gegenüber i n Selb st Verteidigung handele, weswegen auch eine Verletzung des Neunmächtepaktes unmöglich sei. Es wird aufrichtig bedauert, daß Amerika und der Völkerbund das Wesen des chinesisch-japanischen Konfliktes nicht verstünden.

Die von Japan vertragsrechllich in China ge­haltenen Truppen seien von den Chinesen provoziert worden, und erst, nachdem eine Lokalisierung der Zwischenfälle mißlungen sei, habe Japan sich zur Selb st Verteidigung entschlossen. China habe den Krieg gegen Japan plan­mäßig vorbereitet. Demgegenüber be­schränkten sich die japanischen Forderungen an China lediglich auf den Verzicht jeglicher Stimmungsmache und der daraus fol­genden Handlungen der Chinesen gegenüber Japan. Japan wünsche durchaus eine ernste Zusammenarbeit mit China und er­strebe einen dauerhaften Frieden im Fernen Ostens. Es wird ausdrücklich betont, daß Japan keinerlei territoriale Ansprüche an China stelle, und daß darum von einer Verletzung bestehender Verträge durch Japan keine Rede sein kann.

Die japanische Regierung klagt aber China an, den Kommunismus z u fördern, um die japa­nischen Interessen auf dem Kontinent zu schädigen und zu vernichten. Diese Bestrebungen stellten eine Verletzung des bestehenden Nichtan­griffspaktes dar. Sie trügen des weiteren wesentlich dazu bei, den Weltfrieden zu bedrohen.

Schwere Bedenken gegen einen Boykott.

London, 8. Okt. (DNB.) Der britische Gewerk­schaftssekretär C i t r i n e hat sich an den Präsi­denten des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes Green mit dem Ersuchen gewannt, einen Boykott Japans zu unterstützen. Einen solchen Boykott durch­zuführen, habe Green zugesagt und darüber hin­aus auch von der Möglichkeit eines Boykotts deutscher Waren gesprochen. DerDaily Expreß" ist allerdings der Ansicht, daß weder ein wirtschaftlicher Boykott noch eine militärische Aktion von Amerika in Vorschlag gebracht werden würde. Denn beides würde Krieg bedeuten. England werde in den schwebenden Fragen mit Amerika Zusammenarbeiten, um einen diplomatischen Druck dahin auszuüben, daß der fernöstliche Krieg be­endet werde oder seine Leiden gemildert würden. Aber weder England noch Amerika wollten einen Krieg, um kriegerische Aus­einandersetzungen zu unterbinden. England habe Sorge genug: seine Flotte sei schon damit beschäf­tigt, Unterwasserpiraten aus dem Mittelmeer zu verjagen und weitere Bürden würden der britischen Regierung auferlegt, wenn etwa Frankreich die spanische Grenze öffnen sollte.

Wien uni* die Mächte.

Die Lage auf dem chinesischen Kriegsschauplatz scheint sich in den letzten Tagen, in denen das Interesse der Oeffentlichkeit von anderen, uns näher­liegenden Dingen vollauf in Anspruch genommen war, nicht wesentlich verändert zu haben. Es ist ungemein schwer, sich ein zutreffendes Bild von dem tatsächlichen Stand der militärischen Operatio­nen zu machen, und fast unmöglich, die Erfolgs­aussichten auch nur einigermaßen richtig zu beur­teilen, die die beiden Gegner Japan und China nach der jetzt anscheinend abgeschlossenen ersten Phase der Auseinandersetzung für sich geltend machen können. Warum und wieso, das zeigen ja deutlich die ebenso launigen wie für die Atmosphäre des ostasiatischen Kriegsschauplatzes aufschlußreichen Berichte unseres Ick. Tr.-Korrespondenten von seiner und anderer europäischer und amerikanischer Kriegs­berichtserstatter Reise an die japanische Front in Nordchina. Die japanischen Operationen, die von der mandschurisch-chinesischen Grenzprovinz Dschehol ausgingen mit dem Ziel der Besetzung der fünf nord­chinesischen Provinzen Schantung, Hopei, Schansi, Tschachar und Suijüan, letztere beiden schon außer­halb der Großen Mauer im Bereich der inneren Mongolei gelegen, haben in eine Linie geführt, die sich in einem weiten Bogen über mehr als 600 Kilometer vom Golf von Tschili im Süden bis nach Tschachar im Norden spannt, also eine Ausdehnung erreicht, die zumal bei dem sehr schwierigen Ge­lände und der verhältnismäßig geringen Truppen­zahl auf beiden Seiten nur Teilkämpfe zuläßt. In diesem haben die Japaner zur Deckung ihrer rech­ten Flanke vor möglichen Überraschungen aus der Mongolei her, wo Die emsige Tätigkeit sowjetrussi­scher Agenten mnd Militärs äußerste Vorsicht gebot, den wichtigen Bahnknotenpunkt Kalgan besetzt und den Nankau-Paß erobert, um dann das Schwergewicht auf den Vormarsch nach Süden längs der beiden Bahnstrecken PeipingHankau und TientsinNanking zu legen, wobei sie an der ersteren nach der Eroberung von P a u t i n g vor dem wichtigen Knotenpunkt Tschengting stehen, wo die Bahn in die Provinz Schansi abzweigt, und an der andern bei Tsinanfu sich dem Hoangho, dem Gelben Fluß, nähern, womit sie den Krieg nun auch in die außerordentlich wichtige Küstenprovinz Schantung getragen haben.

Zwei von den erstrebten fünf nordchinesischen Provinzen, Hopei und Tschachar, sind anscheinend im wesentlichen fest in japanischer Hand. Wie sehr die Japaner hier mit weiteren schnellen Erfolgen rechnen, deuten Berichte aus Tokio an, die schon von Plänen für die Gestaltung des künftigen poli­tischen Regimes in Nordchina sprechen. Aber Japan vertritt nach wie vor die Auffassung, daß sein Feld­zug in China ihm lediglich aufgezwungen worden sei durch die japanfeindliche Politik der chinesischen Zentralregierung, es sich daher auch nicht gegen das chinesische Volk richte und auch nicht die Zertrüm­merung des chinesischen Reiches bezwecke, sondern lediglich die chinesische Zentralregierung zwingen wolle, mit Japan zusammenzuarbeiten im Kampf gegen den Bolschewismus sowohl wie für eine wirtschaftliche und kulturelle Erschließung Chinas. Bei dieser Auffassung könnte Japan sich natürlich nicht damit begnügen, mit der Abtrennung der fünf nordchinesischen Provinzen und ihrer Um­bildung zu einem autonomen Pufferstaat in der Art Mandschukuos gegen den von Norden und Osten mit gewaltiger Umfassung drohenden Bolsche­wismus der japanischen Interessensphäre auf dem Festland gleichsam ein Glacis vorgeschoben zu haben. Es müßte die Macht der chinesischen Zentral­regierung brechen oder zumindest sie davon über­zeugen, daß für sie und das chinesische Volk ein Zusammengehen mit Japan vorteilhafter ist als das Paktieren mit dem Bolschewismus, das mit dem Abschluß des Nichtangriffspaktes zwischen Moskau und Nanking und der Unterstützung, die die kommunistischen Truppen Jnnerchinas dem Marschall Tschiangkaischek gewähren, offenkundig geworden ist.

Diesem Zweck dienen die japanische Offensive im Gebiet von Schanghai, der bedeutendsten See- handelsstadt Chinas, und die zahlreichen Luft­angriffe auf Nanking, den Sitz der chine­sischen Zentralregierung, fünf Stunden Bahnfahrt von Schanghai oberhalb des Jangtsekiang, Kan­ton, die große Handelsmetropole Südchinas und Ausgang der nationalchinesischen Bewegung der Kuomintang, und andere bedeutende Zentren der chinesischen Wirtschaft. Es ist klar, daß damit Japan gleichsam in ein Wespennest gestochen hat, denn hier in Mittel- und Südchina treffen die japanischen Operationen auf politische und wirtschaftliche Inter- essen der andern beiden großen Mächte des Pazifik, der Vereinigten Staaten von Nordamerika und des Britischen Reichs. Beide haben sich indessen in der ersten Phase des japanischen Vor­gehens in Schanghai mit Vorstellungen begnügt, die nicht geeignet waren, Japan in seinem Ent­schluß, mit China unter allen Umständen ins reine zu kommen, wankend zu machen. England hat sogar die Verletzung seines Botschafters in Nanking durch Bomben japanischer Flieger hingenommen, ohne von Tokio mehr als ein höfliches Bedauern zu er­reichen.

Diese Zurückhaltung erklärt sich einmal daraus, daß sich England selbst vor Beendigung seiner Auf­rüstung bei der noch immer herrschenden Spannung im Mittelmeer und dem noch nicht geklärten Ver­hältnis zu Italien nicht stark genug fühlt, gegen hie japanische Politik in China einen schärferen Kurs einzuschlagen, und daß zum andern es bislang Amerika nicht zu einem gemeinsamen Vorgehen zu bewegen vermocht hat, 'weil Präsident Roosevelt sowohl aus Rücksicht auf die schwierigen innerpoli­tischen Probleme der großen Staats- und Wirt«