ttr.57 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 9. März M7
Soldaten helfen dem Winterhilfswerk!
Großeinsatz der Wehrmacht am nächsten Samstag und Sonntag zum Besten der hilfsbedürftigen Volksgenossen.
Unsere Soldaten l-aaen es von jeher als eine ihrer schönsten und vornehmsten Pflichten angesehen, alle ihre Kräfte einzufetzen für das Winterhilfswerk. Sie haben Kinder gespeist, sie haben durch reiche Geldspenden die vielfältigen Aufgaben des WHW. gefördert, sie haben sich mit Arbeitsleistungen bei Sammelfahrten für das WHW. tn die vorderste Front gestellt, sie haben Veranstaltungen durchgeführt, deren Ertrag den hilfsbedürftigen Volksgenossen zugute kam, kurzum: sie haben es zu allen Zeiten und auf allen Gebieten an einem vollen Einsatz ihrer Kräfte und Möglichkeiten für das Winterhilfswerk niemals fehlen lassen.
Auch jetzt wieder ist die Wehrmacht im Bereiche des IX. Armeekorps, zu dem unsere Garnisonen in Gießen und in Oberhessen gehören, zu vollem Einsatz für das WHW. bereit. Auf Anordnung des Generalkommandos wird im gesamten Wehrkreisbereich der Einsatz der Wehrmacht am nächsten Samstag und Sonntag erfolgen, um dadurch wiederum wertvolle Beihilfen zur Erfüllung der Aufgaben des Winterhilfswerks zu beschaffen, lieber die Pläne der Wehrmacht für diese Aufgabe haben wir vor einigen Tagen in großen Zügen berichtet. Nunmehr sind die näheren Bestimmungen für die einzelnen Aktionen ergangen. Danach kann folgendes mitgeteilt werden:
Großkonzert in der Volkshalle.
Am nächsten Samstag, 13. März, von 20 bis 23 Uhr, findet in der Volkshalle ein militärisches Großkonzert statt, das von den Musikkorps des Jnf.-Regts. 116, des Jnf.-Regts. 57, des Trompeterkorps des Art.-Regts. 45 und zwei Spielmannszügen des Jnf.-Regts. 116 ausgeführt wird. Eintrittspreise belaufen sich auf den vordersten zehn Platzreihen auf 1,— Mark je Platz, auf allen übrigen Reihen je 50 Pf. Der Kartenverkauf ist bereits im Gange.
Vormittags von 9 bis 12 Uhr findet die Generalprobe in der Volkshalle statt, zu der die gesamte HI., das Jungvolk und der BDM. vom Standortältesten eingeladen sind. Die Jugendlichen haben aber nur dann Einlaß in die Volkshalle, wenn sie in ihren Einheiten geschlossen unter ihrer Führung einrücken und in ihren vorgeschriebenen Kluften erscheinen. Kinder, die keine Kluft besitzen oder aus gesundheitlichen Gründen den Bünden nicht angehören, haben nur Zutritt, wenn sie in der geschlossenen Führung marschieren. Erwachsene und einzeln erscheinende Jugendliche werden nicht zugelassen.
Kasernenbesichtigungen.
Am Sonntag, 14. März, vormittags von 9 bis 12 Uhr, werden die Berg-, Wald- und Artilleriekaserne für den Zivilbefuch zur Kafernenbesichtigung freigegeben. Zum Besten des Winterhilfswerks wird ein Eintrittsaeld von 20 Pf. erhoben. Für die Besucher sind geschlossene Führungen durch die Kasernen vorgesehen. Im Rahmen bzw. im Anschluß an diese Kasernenbesichtigungen werden auch militärische Vorführungen verschiedenster Art stattfinden, u. a. Zugexerzieren, Vorführung eines motorisierten Tak- zuges, Abprotzen und Feuern, Kleinkaliberschießen, Exerzieren einer bespannten Batterie mit Abprotzen und Feuern, Hindernis- und Dressurreiten; außerdem werden noch andere Ueberraschungen kommen, über die zunächst nichts gesagt sei. Während der Vorführungen wird natürlich ebenfalls des Winterhilfswerks gedacht, damit sich die Besucher auch mit dem WHW.-Abzeichen schmücken können.
Platzkonzerte.
Am Sonntag, von 10.30 bis 11.30 Uhr, gibt das Musikkorps des Infanterie-Regiments 116 ein Platzkonzert auf dem Kreuzplatz. Von 12 bis 13 Uhr konzertieren das Musikkorps des Infanterie-Regiments 116 in der Bergkaserne, das Musikkorps des Artillerie-Regiments 45 in der Artilleriekaserne. Diese Konzerte finden im Zusammenhang mit der Verpflegungsausgabe (Eintopfessen) statt.
Eintopfeffen.
Damit unsere Hausfrauen am nächsten Sonntag auch einmal Sonntagsruhe halten können, übernehmen die Feldküchen unserer Gießener Garnison die Versorgung der Volksgenossen in Gießen mit Mittagessen. Es darf wohl als selbstverständlich angesehen werden, daß von dieser Möglichkeit des Essenbezugs von zahlreichen Familien Gebrauch gemacht wird. Insgesamt werden für diese Aufgabe elf Feldküchen eingesetzt. Es gibt aus allen Feldküchen ein gutes Eintopfgericht, bestehend aus Rindfleisch mit gemischtem Frischgemüse, Kartoffeln und den erforderlichen Zutaten. Die Mahlzeit kostet je Portion 55 Pfennig.
Damit der Bezug des Mittagessens möglichst bequem gemacht wird, ist auf alle Wunschmöglichkeiten Rücksicht genommen. Drei Feldküchen werden als Standküchen vor dem Klub, dem Studentenheim und dem Cafe Leib aufgestellt sein und dort das Essen ausgeben. Die Volksgenossen, die aus diesen Feldküchen speisen wollen, können ihr Mittagsmahl im Klub, im Studentenheim und im Cafe Leib verzehren, die sämtlich ihre Räume für die Einnahme des Essens zur Verfügung gestellt haben. Löffel sind mitzubringen. Jede Feldküche wird mit 300 Tellern ausgerüstet sein, die den Volksgenossen ausgehändigt werden.
Acht Feldküchen werden als bewegliche Feldküchen durch alle Straßenzüge fahren und dort an zahlreichen Stellen das Essen ausgeben. Es ist dabei
Bedacht genommen auf das Erfordernis, daß die Hausfrauen, das Essen nicht allzu weit zu tragen haben. Deshalb sind in den Straßenzügen bzw. an den Straßenkreuzungen zahlreiche Essensausgaben bestimmt worden, damit jedermann es so bequem wie möglich hat. Näheres über diese Straßeneinteilung und die Essenausgabe werden wir in unserer Freitagsausgabe veröffentlichen, damit es dann allen Hausfrauen noch in frischer Erinnerung ist, und keine Hausmutter es versäumt, rechtzeitig an der bequemsten Essenausgabe zu erscheinen. Die Feldküchen werden langsam durch die Straßen fahren und die Ausgabe des Essens durch Hornsignale von Hornisten ankündigen. Die beweglichen Feldküchen werden aber keine Teller und Löffel mitführen, die Esfenentnehmer müssen also die erforderlichen Gefäße selbst mitbringen. Die für die Essenausgabe festgesetzten Uhrzeiten werden von den Feldküchen eingehalten werden, so daß jedermann mit pünktlicher Versorgung rechnen kann. Auch diese Uhrzeiten werden wir in unserer Freitag-Ausgabe noch Mitteilen.
Sportliche Veranstaltungen.
Am Sonntagnachmittag von 14.30 bis 15.30 Uhr wird ein Handballspiel durchgeführt werden, dem von 15.45 Uhr bis 17.15 Uhr ein Fußballspiel folgen wird. An jedem Spiel werden zwei Mannschaften aus den Standorttruppenteilen und zwei Stadtmannschaften teilnehmen. Die Spiele finden auf dem VfB.-Sportplatz statt. Das Musikkorps des Jn- fanterie-Regts. 116 wird zu Beginn der Spiele konzertieren, ferner in den Pausen und am Schluß der sportlichen Veranstaltungen mit musikalischen Darbietungen erfreuen. Der Eintritt zu den Sitzplätzen auf der Terrasse wird 1 RM. kosten, für Jugendliche unter 18 Jahren, sowie nicht chargierte Soldaten, 30 Rpf., für alle übrigen Besucher einheitlich 50 Rpf. Auch über diese Veranstaltungen wird noch Näheres zu berichten sein.
Aus her Provinzialhauptstadt.
Definitionen.
Es geht nichts über die klare Erkenntnis. Was nützt es mir, wenn ich durch einen herrlichen Wald wandere und die dicken Bäume sehe, das dichte Gewirr der Aeste und den mehr oder weniger einladenden Moosteppich und weiß nicht einmal, daß „laut fachmännischer Entscheidung" ein „Wald" ein „Holzbestan d" ist,
„der auf einer umfangreichen, in sich zusammenhängenden Bodenstäche von Natur wächst oder durch menschliche Tätigkeit angelegt ist, samt dem Waldboden mit sonstigen Erzeugnissen — wie Gras, Moos, Laub, Strauchwerk und dergleichen."
Es kann eine Ohrfeige mitunter eine recht wenig angenehme Sache fein, wenn man der portofreie Empfänger ist; aber welche Freude wird man dabei haben, wenn man sich klarmacht, welche noch viel unangenehmeren Folgen ohne die Ohrfeige hätten entstehen können. Wie folgende Klarlegung beweist:
„Die Ohrfeige ist feit Jahrhunderten eine volkstümliche Vergeltungsmaßnahme, die, gegeben zur rechten Zeit, am rechten Fleck, mit rechtem Maß, zum rechten Zweck in ihrer e r -
zieherischen Wirkung unerreicht ist und weder durch mildere Mahnungen noch durch drakonisch strenge Ehrenstrafen im Einzelfalle ersetzbar ist."
Aber Wald und Ohrfeige sind nichts gegen dies:- Was habe ich davon, wenn ich vom schönsten Mädchen den schönsten Kuß kriege, und ich Esel habe keine Ahnung davon, was ein Kuß ist! Deshalb:
„Ein Kuß ist die aus besonderer gegenseitiger Zuneigung erfolgende spontane Vereinigung der Lippen zweier Menschen zu dem Zwecke, sich auf diesem Wege die miteinander sympathisierenden Gefühle kundzutun."
Na also. Gehst du, strammer Jüngling, nun mit „ihr" durch einen „Holzbestand" (siehe oben) und möchtest gern zu dem Zwecke der Kundtuung etwaiger miteinander sympathisierender Gefühle eine „spontane Vereinigung der Lippen" herbeiführen, erhältst aber dafür eine „volkstümliche Vergeltungsmaßnahme" (siehe zweite Definition!), dann kannst du dich doch wenigstens damit trösten, daß du auf jeden Fall weißt:
1. wo du warft;
2. was du wolltest, und
3. was du bekamst.
Und diese Klarheit ist doch auch etwas wert. D.
An alle Volksgenossen von Gießen.
Wie bereits bekanntgegeben, wird Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger im Rahmen einer Großkundgebung zur Hitlerjugend und zum Jungvolk sprechen. Wir möchten bereits heute nicht versäumen, alte Volksgenossen zu der am Dienstag, 16. März, in der Volkshalle stattfindenden Veranstaltung einzuladen.
Bann- und Z u n g b a n n f ü h r u n g 116«
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
NSLB., Abt. Höhere Schule, Fachschule „Neuerö Sprachen": 16 Uhr Sitzung in der Oberrealschule. — Stadtcheater: 20 bis 22.30 Uhr „Die verkauft Braut". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Millionen-, Erbschaft". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Henker, Frauen und Soldaten". — Wirtschaftsgrupps Einzelhandel, Kreisgruppe Gießen: 20 Uhr Einzelhandels-Großversammlung im Cafe Leib.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben^ Heute abend findet eine Wiederholung der komischen Oper „Die verkaufte Braut" von Friedrich Smetana statt. Musikalische Leitung Kapellmeister Hans H. Hampel. Spielleitung Paul W r e d e. Einstudierung der Tänze und choreographische Lei-, tung: Tanzmeisterin Irmgard Zenner. Leitung und Einstudierung der Chöre: Ernst Bräuer. Die Vorstellung findet als 22. Vorstellung des Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Evangelische Frauenhttfe.
Die Evangelische Frauenhilfe für Oberhessen Der« anstaltet am Donnerstag, 11. März, 15 Uhr, im Cafs Leib ihre Hauptversammlung. Auf die heutige Anzeige fei hingewiesen.
Fahnenübergabe bei den Fünfzigern 1887/1937.
Im Anzeigenteil unseres heutigen Blattes werden die Fünfziger 1887/1937, sowie die Mitglieder der Altersvereinigungen von 1929 bis 1936 einschließlich zur Feier der Uebergabe der Fünfziger-Fahns am nächsten Samstagabend im Cafä Leib eingeladen. Die Angehörigen der beteiligten Fünfziger- Jahrgänge seien auf die Anzeige besonders hingewiesen.
Sportamt „Krass durch Freude".
Boxen, Schillerschule, Schillerstraße, 20.30 bis 21.45 Uhr, Schulsaal.
Allgemeine Körperschule, Schillerschule, Schillerstraße, nur für Angehörige der SS., 20.15 bis 21.45 Uhr.
Fröhliche Gymnastik und Spiele, Lyzeum, Dammstraße 26, 20 bis 21 und 21 bis 22 Uhr.
Schwimmen, Volksbad, Seltersweg — für Männer und Frauen gemeinsam — 20 bis 21 Uhr, nur für Frauen — 21 bis 22 Uhr.
ph deutsche Brbätsfront
1l.9,=6cmeinfchaft -Graft tzurch freute . '• ~ . -----
Amt Reisen, Wandern und Urlaub. Gesperrte Urlaubszüge. Nachstehende Urlaubsfahrten sind wegen lieber- füllung gesperrt. Es können keine Anmeldungen
Reinigen, ober nicht schmirgeln.
Nicht Reinigung um jeden Preis, sondern Säuberung unter Schonung des Zahnschmelzes - das ist richtig? DeraußerordentlichfeinePutzkörper der Nivea-Zahnpasta reinigt u. erhall den natürlichen Glanz Ihrer Zähne-
WernerKrauß als Richard III. Neuinszenierung im Berliner Staatstheater.
Shakespeares „König Richard III.", das letzte in der Reihe der Königsdramen, entrollt das düstere Gemälde vom Verfall einer entarteten Epoche, die den blutigen Thronstreit zwischen der Roten und der Weißen Rose beendet. Ein Drama des Mordes, der Klagen, der Tränen und Flüche, in dessen Mitte der Herzog von Gloster, der spätere König Richard III., steht.
Das Drama zeichnet sich durch eine ideale Behandlung der Zeit aus. Es gibt, wie Otto Lud- rv i g in den „Shakespeare-Studien" sagt, kein Gestern und Morgen, keine Uhr und keinen Kalender, es gibt keine Jahreszeiten und keine Natur, wie sonst bei Shakespeare; die Handlung ereignet sich auf einer noturlofen Ebene, auf der nur die Menschen und ihre Leidenschaften herrschen. Einen solchen idealen Schauplatz läßt der Spielleiter Jürgen Fehling durch Traugott Müller Herrichten. Der Bühnenraum, bis weit in die Tiefe hineingezogen, wird von glatten, weißen Wänden eingefaßt. Einzelne Meilensteine deuten eine Straße an, bunte GrenzbäuMe das Londoner Weichbild, einige im Dunkeln leuchtende Laternen den Tower, ein Sessel mit aufgestellten Fahnen einen Thronsaal; dieser Raum kann als Schloßhof oder Schlachtfeld dienen. Wie die Spielfläche von allem Geschichtlichen und Realistischen abweicht, so auch die Trachten der Darsteller, die das Mittelalterliche des Kostüms von ungefähr anbeuten und sich nur durch die Farbe voneinander unterscheiden. Es gibt großartige Bilder, wenn etwa der schwarze Trauerzug auf dieser weißen Fläche erscheint oder ein Zug dunkler Soldaten durch den Hellen Raum marschiert.
Hat der Spielleiter alles zufällige Beiwerk aus der Aufführung entfernt, so kann er um so stärker das Wort des Dichters herausarbeiten. Das Drama, das in einer breiten Ausführlichkeit bargeboten wird, schreitet in tragisch-schleppendem Zeitmaß dahin. Die Verdeutlichung des Wortes ist das erste Gebot, ihr dienen der epische Vortrag, die Pausen, das Ausspielen der Gespräche und Szenen.
In der Mitte des Spiels, die Handlung bestimmend, steht Werner Krauß als Richard, ein bleicher Bösewicht mit fahlem Gesicht, bucklig, mit hinkendem, schleichendem Gang. Seine Bosheit ist sanft und leise, aber um so gefährlicher, feine Freundlichkeit ist teuflisch, und wenn er sich einmal als den guten Onkel aufspielt, wenn er seinen Feinden schmeichelt und sie neckend streichelt, wächst er zur dämonischen Urgestalt des Bösen empor.
Was an Höflingen um ihn herum ist, sind feile Kreaturen, der Hastings Albert F l o r a t h s, der
Buckingham Bernhard M i n e 11 i s ; eine eigene Stellung nimmt Eduard ein, den Walter Franck als dahinsterbenden und von Krämpfen geschüttelten König gibt. Als Mörder, die nur mit Gewissensbissen morden können, seien Walter Werner, Aribert Wäscher, Franz Weber genannt. Düster und großartig ist der Chor der klagenden und verwünschenden Frauen, die in einer berühmten Szene ihre Tränen' über Richards Untaten vereinen: Maria Koppenhofer, Elsa Wagner und Hermine Körner, die die alte Königin Margaretha zu einer halbwahnsinnigen Unheilsprophe- tin steigert.
Großartig neben manchen unvergeßlichen Bildern, wenn dem schlafenden Richard die Gespenster seiner Opfer im Traum erscheinen; sie kommen bei Hellem Licht, mit allen Wunden und Blut des Mordes befleckt, ein Totentanz verzerrter Gestalten.
Eine monumentale Aufführung. Die Verkörperung des großen tragischen Stils, den diese über das Menschenmaß hinauswachsende Tragödie erfordert. Gerhard Bohlmann.
Traum und Wirklichkeit des Knaben.
Von Gunnar Gunnarffon.
Am schlimmsten ist, daß das Haus, das mein Vater baut, bedeutend teurer ist, als erwartet war. Auch für mich wird es ein teures Haus — es kostet mich Raudur. Der roirb im Herbst „auf Öeny Markt" verkauft, nach England verkauft. Ich werde nicht einmal gefragt — denn Kinder können die Dinge nicht „besitzen", sie können sie höchstens „ihrs" nennen. Mit einer Bemerkung, daß Raudur sich nie zum Reitpferd geeignet hat und daß ich gelegentlich ein Füllen bekommen kann, wird die Sache entschieden. Ich protestiere nicht — ich sage nichts. Und nur im geheimen vergieße ich eine Träne um Raudur, meinen guten Freund und mein Pferd, meinen Farbenbruder, meinen Liebling, meinen Trost in mancher Not, meinen Träger über Elfe und Heiden — es bleibt mir nur das Haar, das ich ihm im Laufe der Zeit abgekämmt und ab- geschnitten fyabe: das habe ich aufbewahrt, um mir nach Jahren einen Strick daraus zu flechten. Dieses Haar begrabe ich jetzt heimlich, bedecke es mit schönem Rasen und setze einen Stein darauf. Auf den Stein schreibe ich mit Kreide: Hier ruht Raudurs Haar, er war ein gutes Pferd und wohnt jetzt in Engelland. Es tröstet mich ein bißchen, dieses Haar- grab zu hegen und bei Zeit und Gelegenheit die Inschrift ein wenig zu verbessern
Im übrigen habe ich jetzt eine Stelle, wo mein
Haus stehen soll, gefunden urtb abgemessen, drei Schritt lang und zwei Schritt breit, mehr ist nicht nötig — hier will ich Einsiedler sein. In den Fenstern soll grünes und braunes Flaschenglas sein, und in diesem Haus will ich mich einschließen und gar keinen oder möglichst wenig Verkehr mit den Menschen pflegen. Bis dahin bin ich in England gewesen und habe Raudur gefunden — er hat feinen kleinen Stall so dicht beim Haufe, daß ich ihn schnaufen, ja sogar knaupeln hören kann. Wenn ich mich eines Morgens verschlafe, dann wiehert Raudur — und auf fahre ich aus dem Schlafe und gebe ihm Heu, und er wiehert leise und reibt zum Dank den Kopf an mir. Sitze ich in Lesen vertieft da und vergesse sein Abendwasser, dann wiehert er —- und ich beeile mich, ihm den Eimer zu bringen. Nähert sich Gefahr, dann wiehert er, ist Unwetter zu erwarten, wiehert er — denn wir, ich rechne ihn fast als Kameraden, haben ja auch einige Schafe nebst einer Kuh und einem Kalb, die zu unserm Haushalt gehören — nicht zu vergessen Galt, unfern Hund, der ab gerichtet ist, auf unsere Schafe draußen zu achten, der sich aber nicht fo gut wie Raudur auf das Wetter versteht.
Um unfern ganzen Besitz ist ein fo hoher Wall gebaut, daß niemand herüberklettern und niemand zu uns hereingucken kann. In unfern Pferch gelangt nur, was an Regen, Schnee und Sternschnuppen aus der Luft fällt — nebst Vögeln. Auf jedem Erdhaufen wohnen Vögel. Ein Ei täglich darf ich aus chren Nestern nehmen, aber ich muß es selbst finden, und ich muß mich hüten, mich nicht zu irren — es hat fein besonderes Zeichen. Irre ich mich, so ist unser Abkommen damit aufgehoben, und ich bin in Zukunft eierlos. Nun, ich irre mich nicht, ich habe meine besonderen Freunde unter den Vögeln — sie blinzeln mir zu, wispern mir etwas ins Ohr... Selbstverständlich verstehe und spreche ich die Vogelsprache, pflege viel Geselligkeit und führe weife Gespräche. Wenn wir dann den Tod sich nähern fühlen, grabe ich ein Grab, in das Raudur, die Kuh und das Kalb, die Schafe, Galt und ich uns legen, worauf ein Wirbelwind das Grab zuweht — über unserer Mulde flöten die Vögel einen Trauergesang, und jeder Halm und jede Blume unseres Besitzes vergießen eine leuchtende Morgenträne. Wir aber — die Verstorbenen — wir wandern gemeinsam ins Himmelreich, wo wir die Menschen und Tiere treffen, die wir am liebsten treffen wollen, und leben dann mit ihnen zusammen, schmerzfrei und unsterblich in der Ewigkeit der Ewigkeiten ...
Dies ist der Traum, ein idyllischer Traum — nutzlose Phantasterei! Die Wirklichkeit ist eine andere: in einem Lastraum, dessen Luft durch Ausdünstungen und toten Tieren verpestet ist, schaukelt
Raudur, wankend und stürzend, über das Meer nach England, wo er in einen finstern Schacht hinabgesenkt werden soll, um dann feine Arbeit unter der Erde zu verrichten, vielleicht nie mehr das Licht des Tages zu sehen, vielleicht nie mehr wachsendes, saftiges Gras zu schmecken. Aber was hat Raudur denn verbrochen, daß er so aus der Gnade von Gott und Menschen ausgelöscht werden soll? Was hat das unschuldige Tier betrieben? Weder Himmel noch Hölle warten ja dessen — der keine Seele hat! Warum muß er dann leiden?
Armer Raudur — du bist nur einer von Unzähligen, die die teuflische Herrschsucht des Menschen auf einem blutbefubelten Weltkörper im kalten Raum zu spüren bekommen haben. Für dich, den frommen Diener, gab es keine Schonung — nicht hier, und vielleicht'auch nicht im Jenseits. Nur ein unvermögender Knabe entbehrte dich, teilweise selbstsüchtig, eine Weile, befaßte dich in feine müßigen Träume ein — und vergaß dich schließlich. Dir ein „Lebewohl" zu bieten, wäre hiernach wohl fast eine Gotteslästerung.
Zeiischriffen.
— „D a s Innere Rei ch." Zeitschrift für Dichtung, Kunst und deutsches Leben. Herausgeber: Paul Alverdes und K. B. v. Mechow. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München. — Im März- heft liest man u. a. einen Gedenkaufsatz, den Wilhelm Schäfer dem Leben und Werk seines früh verstorbenen Sohnes widmet. An dichterischen Beiträgen sind neben der Uebertragung einer sapphischen Ode von Josef Weinheber und weiteren Gedichten von Otto Bangert, Adolf Beiß, Oda Schaefer, vornehmlich zwei Erzählungen zu nennen: von Bruno Brehm „Der gerechte Hauvtmann", eine Geschichte unter Soldaten, und die kräftigen Landschaftserzählung „Der Bruder" von Fritz Knöller, zu deren Stimmung die Landschaftsbilder und Porträts von Hans Gott ein angenehmes Gegengewicht bilden. Grundsätzliche Ausführungen „über das Hören des Worts" gibt der junge ostpreußische Erzähler Willy Kxamp. Eine Reihe geschichtlicher und biographischer Neuerscheinungen würdigt klug und umsichtig Otto v. Taube. Zu beachten sind zwei kleinere Beiträge von Hans Grimm, ein Hinweis auf eine neue englische Zeitschrift, die dem deutsch-englischen Kennenlemen dient und ein Vorwort zu einer englischen Schulausgabe von einigen seiner Erzählungen. Erfreut begrüßt man den neu eingerichteten Umschau-Teil am Schluß des Heftes, in dem diesmal Kurt Matthies von dem 70jährigen Rudolf Huch berichtet. Es folgen noch weitere Buchbesprechungen und eine besinnlich-aufschlußreiche Plauderei von Paul Alverdes „Beim Blättern in einem Lexikon".


